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Lyle und Jarod

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Jarod Mr. Lyle
01.06.2018
04.06.2018
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8.076
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04.06.2018 4.312
 
15. Dezember, 07:50 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

Das Foto war ein Ausdruck vom elektronischen Bild auf Jarods Laptop gewesen. Argyle hatte es ihm in Folie eingeschweißt und deshalb war es etwas Besonderes gewesen. Lyle hatte natürlich gedacht, es wäre Jarods einziges Bild. Dass er es verbrannt hatte, zeigte ein weiteres Mal, wie rücksichtslos er mit den Gefühlen anderer Menschen umging.

„Ich dachte, Sie wüssten wie es ist, wenn man seine Mutter vermisst“, sagte Jarod.

„Das geht dich gar nichts an!“ fauchte Lyle wütend. Jetzt mischte der sich ja schon wieder in sein Leben ein. Lyle ging zügig zum Tisch zurück und leerte den restlichen Inhalt der Reisetasche darauf aus. Es gab einen dumpfen Aufschlag als der Laptop auf die restlichen Kleider plumpste.

„Na sieh mal an, was haben wir denn da?“ Lyle fegte die Kleidung achtlos vom Tisch und klappte den Laptop auf.

Auf dem Laptop war alles gespeichert, was Jarod in den letzten Jahren über seine Familie, die Parkers und das Centre gesammelt hatte. Er enthielt Fotos, Zeitungsausschnitte, Nachrichten von Sydney und Angelo, Videoclips von Centre Kameras und ein Zugangstool, das ihn direkt in den Centre Rechner einwählte. Nichts von all dem war für Lyles Augen bestimmt. Aber Jarod blieb ruhig.

„Wie heißt das Passwort?“ fragte Lyle, als der Rechner hochgefahren war und den Zugangscode verlangte.

Jarod schwieg.

„Du willst mich doch nicht wütend machen? Los, sag’s schon. Spätestens Broots wird es heraus bekommen.“

Dass bezweifelte Jarod allerdings. Broots war vielleicht in computertechnischer Hinsicht ein Genie, aber an dieser Verschlüsselung würde selbst er sich die Zähne ausbeißen. Er sagte weiterhin kein Wort.

Lyle schob seinen Stuhl nach hinten und stand langsam auf.

„Ja, schweig noch ein bisschen, mein Lieber. Du tust mir damit einen großen Gefallen.“ Man konnte das Gift aus seiner Stimme heraus hören.

Ein Schauer lief Jarod über den Rücken. Er verspannte sich. Sein Schmerzgedächtnis erinnerte ihn panisch daran, zu was Lyle fähig war.

Der ging zu seiner Jacke und holte schwarze Lederhandschuhe heraus, die er sich fast genüsslich anzog. „Wo willst du den ersten Schlag hin haben? In den Magen, oder ins Gesicht?“

„Mir wäre lieber, Sie würde es ganz lassen.“ Jarod versuchte krampfhaft seine Stimme unter Kontrolle zu halten. Er wollte nicht, dass Lyle sein Zittern bemerkte. Schnell versuchte er einen Offizier zu simulieren, der in Kriegsgefangenschaft geraten war und trotz Folter seine Kompanie nicht verriet.

Lyle ging in die Hocke und zog Jarod an seiner Jacke nach oben. „Na, wie lautet das Passwort?“

Jarods Sitzposition erlaubte es ihm nicht Abwehrmaßnahmen einzuleiten. Er konnte sich kaum bewegen und Lyle war so dicht bei ihm, dass er seine nicht nutzen konnte. So bestand sein Widerstand nur aus Schweigen.

Die Faust von Lyle landete hart und unerbittlich in Jarods Magen. Der schrie auf und schnappte nach Luft. Lyle fügte eine weitere Folge von Schlägen hinzu. Auf seinem Gesicht hatte sich ein breites Grinsen festgesetzt und jeden Aufschrei von Jarod quittierte er mit einem weiteren Schlag.

Nach etwa einer Minute machte Lyle eine Pause. Auch er schnappte nach Luft, wegen der körperlichen Anstrengung. Jarod hustete. Blut lief ihm das Kinn herunter, da einige der Schläge auch in seinem Gesicht gelandet waren. Angewidert schaute Lyle auf seinen Handschuh und wischte dann das Blut an Jarods Hemd ab.

„Wow, das ist besser als jedes Fitnessstudio.“ Lyle schien äußerst zufrieden mit sich zu sein. „Hat sich die Zunge jetzt etwas gelockert? Ich hoffe nicht.“ Er grinste und streckte sich ausgiebig. „Bereit für Runde zwei?“

Jarod jappste noch immer nach Luft. Sein Magen fühlte sich an, als wäre ein Mähdrescher drüber weg gefahren.

„Na schön!“ Lyle schien seinen nächsten Schlag zu planen.

„Nein! Hören Sie auf“ Jarod keuchte. „Es... ist... Schoko.... Schoko-ladeneiscremeistgut. Alles... alles in einem Wort.“

„Och, schade.“ Lyle zog die Handschuhe, mit Bedauern im Blick, aus. „Darauf hätte ich auch selbst kommen können.“ Er setzte sich an den Tisch und tippte in einem Wort: Schockoladeneiscremeistgut.

Der Laptop piepste und gab folgende Meldung laut aus: „Danke für die Eingabe zur Sperrung aller Dateien. Ein Öffnen ist nur mit dem Universalschlüssel möglich.“

Lyle blickte dümmlich auf den Bildschirm, der schwarz wurde. Dann sprang er so heftig auf, dass der Stuhl nach hinten knallte und rannte zu Jarod, der noch immer zusammengekauert vor Schmerzen auf dem Boden lag.

„Bastard!“ schrie er ihn an und Jarod zuckte zusammen, in Erwartung der kommenden Schläge. Doch Lyle schloss hastig die Handschellen auf und zerrte ihn an den Armen über den Boden zur Tür. Die riss er auf und zog Jarod weiter über die Veranda bis an den ersten Balken der Treppe. Dort wickelte er die Kette um den Balken und befestigte die Handschelle wieder an Jarods Handgelenk. Die ganze Aktion hatte kaum eine Minute gedauert und schon konnte Jarod die Tür hören, die ins Schloss knallte.

Aufgebracht rannte Lyle im Haus hin und her. „Dieser verdammte Bastard!“ Er war stinksauer. Hatte dieses kleine Aas ihn doch schon wieder reingelegt. Ihn!

Er blickte aus dem Fenster und sah mit Befriedigung, dass Jarods Haare schon voller Schnee waren. Sollte er doch sehen, was es bedeutete, wenn man Lyle anlog. „Verdammter Bastard!“ wiederholte er dann noch einmal und riss die Kühlschranktür auf. Nach kurzer Überlegung nahm er sich eine Dose aus dem Sixpack Bier und kippte mit gierigen Schlucken das kühle Getränk die Kehle herunter. Er lief mit der Dose wieder ans Fenster, um Jarod zu beobachten.

**

Jarod hatte gewusst, dass es Folgen für ihn haben würde, Lyle das Codewort für die Sperrung seines Laptops zu sagen. Er zitterte am ganzen Körper. Er war müde und hungrig und sein Körper war übersät mit Prellungen.
Nach der ruppigen Bewegung über den Fußboden, pochte auch sein Knöchel schmerzhaft. Wahrscheinlich eine Verstauchung. Der Kopfschmerz war zu einem Dauerzustand geworden und verhinderte, dass Jarod auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte. <Es hätte schlimmer kommen können> sprach Jarod sich Mut zu, während ihm der eisige Wind ins Gesicht peitschte. Er hätte ihn auch erschießen können, aber scheinbar war Lyle klar, dass er ihm lebend mehr Punkte im Centre einbrachte.

**

Lyle hatte sich noch immer nicht beruhigt. Er trank inzwischen sein zweites Bier und streifte unruhig in der Hütte umher. In einem Küchenschrank fand er eine angebrochene Flasche Whiskey. „Hey, wenigstens etwas Erfreuliches.“ Er stellte die Flasche in den Kühlschrank.

Wütend starrte er den nutzlos gewordenen Laptop an. In seinem Kopf sah er sich den Laptop raus auf die Terrasse werfen. Am besten gleich an Jarods Kopf. Aber das wäre nicht klug gewesen. Immerhin gab es ja noch diesen Universalschlüssel.

Wieder kontrollierte er seinen Gefangenen. Jarod hatte sich nicht gerührt und war inzwischen überall von Schnee bedeckt. Wie lange konnte er ihn da draußen lassen?
<Verreck doch du Bastard!> schrie es in seinem Kopf. <Ich werde dem Centre einen verdammten Eisblock mitbringen! Dann habe ich endlich meine Ruhe vor dem Dreckskerl!>
Dann drängte sich aber eine weitere Stimme nach vorne. <Sei nicht blöd. Er bringt dir den Ruhm ein, den du brauchst um eines Tages Leiter des Centres zu werden. Du kannst deiner zickigen Schwester eins auswischen. Und Jarod leidet mehr und länger, wenn er ihm Centre gefangen ist.>
Die zweite Stimme war für diesen Moment lauter und überzeugte Lyle. Er schaute auf die Uhr über dem Kamin. Zwanzig Minuten waren bereits vergangen. Wie zäh war der Wunderknabe denn wirklich? Jetzt konnte er es beweisen. Lyle leerte auch die zweite Dose und sein Blick ruhte auf dem immer weißer werdenden Jarod.

**

Es gab keinen Hunger mehr, keine Schmerzen, keine Angst. Es war nur noch kalt. Kein anderer Gedanke hatte daneben Platz.
Kalt, kalt, kalt.
Eiskalt.
Er spürte die Zehen nicht mehr. Das kalte Eisen der Handschellen schnitt sich wie ein Messer in seine Haut. Er versuchte sich nach Florida zu denken. Am Miami Beach entlang laufen, die heiße Sonne im Gesicht spüren, ein Eis schlecken. Den Kindern zusehen, wie sie im Wasser einen Ball hin und her werfen. Selbst ins Wasser gehen. Das warme Nass umschließt den Körper. Träumen. Schlafen.

„Jarod! Verdammt!“

Eine Ohrfeige riss ihn aus seiner Simulation und im gleichen Moment lag er auf dem Rücken in der Hütte.

„Scheiße!“ fluchte Lyle. Er hatte wirklich befürchtet, er hätte Jarod zu spät herein geholt. Lyle zog Jarod über den Boden zum Kamin und machte ihn dort am Bettgestell fest.

Jarod zitterte so stark, dass das ganze Bett wackelte. Der tauende Schnee tropfte auf den Boden und eine Pfütze bildete sich unter Jarods Körper.

„Scheiße“, wiederholte Lyle noch einmal, setzte sich an den Tisch und beobachtete Jarod.

Der ließ den Kopf hängen und nickte wieder ein. Die Erschöpfung hatte ihn übermannt.

„So eine verdammte Scheiße.“ Lyle stand auf und schüttelte Jarod erneut. Als er sich nicht rührte, ging er in die Hocke und blickte auf den nassen und eiskalten Mann vor ihm.


15. Dezember, 16:29 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

Jarod merkte, dass eine wohlige Wärme ihn umgab. War er noch in seiner Simulation in Florida? Aber er erinnerte sich, dass er wieder in der Hütte gewesen war.
Die Wärme war ihm schon fast wieder zu stark. Oder hatte er Fieber? Er schlug die Augen auf und sah die Zimmerdecke der Hütte. Die Arme lagen über seinem Kopf und eine warme Decke verhüllte ihn bis fast zu seiner Nase.
Vorsichtig hob er seinen noch immer schmerzenden Kopf an. Lyle saß am Tisch und vertrieb sich die Zeit mit dem Anschauen von DSA´s. Die Uhr verriet Jarod, dass er bereits etliche Stunden geschlafen haben musste. Er tastet sich mit den Beinen unter dem Bett ab und stutzte. Seine Beine waren nackt. Er drehte sich zum Kamin und sah seine nasse Kleidung über einem Stuhl davor hängen. <Er hat mich ausgezogen?> Jarod war mehr als verblüfft.

„Sie hat bis zu ihrem Tod nichts von mir gewusst“, hörte er plötzlich Lyle.

Jarod rappelte sich auf und lehnte sich, so gut es mit den festgebundenen Händen ging, ans Bettgestellt.

Jetzt erst bemerkte er, dass Lyle ziemlich rührselig aussah. Neben ihm lagen sechs zusammengedrückte Bierdosen und auf einem großen Stapel lagen jede Menge Disks übereinander. So wie es aussah waren es die, die er schon gesehen hatte.

„Sie hat nicht gewusst, dass sie einen Sohn hatte.“ Lyle drehte sich zu Jarod um. „Das ist nicht fair. Dich wollte sie aus dem Centre retten. Dich!“

„Wenn sie gewusst hätte, dass Sie leben, hätte sie Sie auch gerettet“, sagte Jarod und merkte erst jetzt, dass sein Hals ganz rau war. Er hatte seit gestern mittag nichts mehr getrunken.

„Retten!“ wiederholte Lyle spöttisch. „Vor was retten?“

„Vor einem Leben im Centre. Sie wollte für alle Kinder nur das Beste. Sie sollten einfach Kinder sein dürfen und das konnten wir alle nicht. Auch Sie nicht, Lyle.“

Lyle warf den Stapel um und nahm dann eine der heruntergefallenen Disks zwischen die Finger. „Alles was mir von ihr geblieben ist sind diese dummen kleinen Aufnahmen!“ Er feuerte die DSA ins Zimmer.

„Was hat Raines Ihnen angetan?“ fragte Jarod sanft.

Lyle blickte ihn grimmig an und lief dann mit leicht wankendem Schritt zum Kühlschrank. Er trank recht selten mal ein oder zwei Biere und merkte den Alkohol schon beträchtlich in Kopf und Beinen.
Er nahm die nun gut gekühlte Flasche Whiskey heraus, schraubte den Deckel ab und trank einen großen Schluck. Er hustete und Whiskey lief ihm aus dem Mund.

„Raines“, er spuckte den Namen abfällig aus. „Den Vater aller Kinder, hat er sich mal genannt.“ Lyle lachte spöttisch. „Wohl eher der Kinderschänder.“

Lyle setzte sich auf den Tisch und stellte die Beine auf den Stuhl. „Wissen Sie, wie meine Schwester und ich gezeugt wurden? Er hat meine Mutter vergewaltigt. Durch Vergewaltigung! Er hätte sie auch künstlich befruchten können, aber nein, es musste eine Vergewaltigung sein. In Blut und Tränen entstanden, nennt er das. Nur so entsteht ein echtes Centre Kind.“

Raines? Jarod machte große Augen. Raines war der Vater von Lyle und Miss Parker? Das konnte doch nicht sein. Und was meinte er mit Vater aller Kinder? Wen meinte er noch damit?
Jarod erinnerte sich an eine unheimliche Episode in seinem Leben.
Er war zwölf Jahre alt und sollte eine komplizierte Aufgabe im Schach lösen. Raines hatte ihn dabei überwacht. Und als er sie gelöst hatte, streichelte Raines ihm mit seinen knochigen Fingern über die Wange und sagte „Wir sind jetzt deine Familie. Du hast uns heute alle ganz stolz gemacht. Ich fühle mich fast so wie dein Vater“.
Seinen heißen Körper überlief ein eiskalter Schauer.

„Da schaust du dumm aus der Wäsche, was? Es gibt vieles, was du nicht weißt.“

„Ich würde gerne mehr über Mr. Lyle erfahren“, traute sich Jarod zu sagen. Es sah nicht so aus, als würde sein Gefängniswärter im Moment gefährlich sein.

„Ja, ja, der gute alte Mr. Lyle.“ Er sprang vom Tisch und ging auf das Bett zu. Dann setzte er sich ans Fußende und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. „Ich wette, den hast du auch schon simuliert, oder?“

Jarod fand, dass er im Moment mit der Wahrheit am weitesten kam. „Ich habe es versucht.“

„So, so, versucht. Und? Wir könnten beide nette Kindheitserinnerungen austauschen. Mr. Raines war sehr enttäuscht, dass ich keine Pretender Fähigkeiten hatte, aber dass weißt du natürlich bereits.“

Jarod schwieg. Im Moment war es bestimmt besser, den leicht angetrunkenen Lyle reden zu lassen.

„Er wollte einen zweiten Jarod ganz für sich alleine haben. Immer wieder ist dieser Name gefallen. Wäääh.“

Lyle schien langsam die Kontrolle über sich zu verlieren. „Sie waren sechs Wochen lang weg. Sechs Wochen, die Ihr Leben verändert haben.“

„Na, das kannst du aber laut sagen. Ich habe ja viele nette kleine Aufnahmen von dem armen kleinen Jarod gesehen. Aber meine kannst du nicht toppen!“

Jarod wurde hellhörig. Es gab DSA´s von Lyle?

„Ich habe zwar nicht so viele wie du, aber... warte mal, bin gleich zurück.“ Er wankte mit der Flasche zur Tür hinaus.

War das Bobby, der im Moment mit ihm sprach? Eindeutig war, dass er diesen Mann da nicht kannte. Oder wurde Lyle immer so, wenn er getrunken hatte? Kam dabei Bobby nach oben?
Jarod hatte es Lyle zu verdanken, dass er fast erfroren wäre und er hatte es demselben Lyle zu verdanken, dass er es nicht war. Das passte alles nicht zusammen.

Jarod hatte allen Grund Lyle zu hassen, aber auch Lyle war mal ein unschuldiges Kind gewesen, das unter den Händen des Centres geformt worden war.

Und was machte er jetzt? Seine DSA´s holen?

Lyle war als Kind nicht im Centre gewesen, so viel war klar. Aber das bedeutete nicht, dass er in einem Centre irgendwo anders gewesen war. Und bestimmt waren die Methoden überall ähnlich.

Jarod wartete nervös auf die Rückkehr von Lyle. Er war schon ziemlich lange weg. Der Zeiger der Uhr drehte unerbittlich seine Runden. Langsam wurde Jarod ungeduldig, nein, er sorgte sich sogar ein wenig. Irgendetwas musste passiert sein.

Eigentlich hatte er sich das für später aufheben wollen, aber er musste jetzt unbedingt nach Lyle sehen. Schon vor einem Jahr hatte er gelernt, wie er sein Handgelenk umbiegen musste, um aus Handschellen heraus zu kommen. Es war schmerzhaft, aber es funktionierte immer. Mit einiger Mühe bekam er eine seiner Hände frei und renkte sich dann das ausgekugelte Gelenk mit einem Schmerzensschrei wieder ein. Spätestens jetzt, hätte Lyle aufgeregt zurückkommen müssen. Aber er blieb weiterhin verschwunden.

Hastig zog Jarod sich die Kleidung an, die noch überall verstreut auf dem Boden herum lag und ging dann schnell zur Tür.

Lyle lag vor dem offenen Kofferraum. In der einen Hand hielt er immer noch den Whiskey, in der anderen eine kleine Ledertasche. Schnell lief Jarod zu ihm hin. Lyle musste ausgerutscht sein. Ein glatter Boden und ein berauschter Kopf waren keine gute Mischung. Ein kleines Rinnsal Blut lief ihm den Kopf herunter. Jarod zog ihn hoch und seine eigenen Prellungen gaben lautstark Kontra. Er schleifte ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Haus und legte nun ihn ins Bett, zog ihm die nassen Sachen aus und deckte ihn zu. Aus seiner Hosentasche nahm er die Handschellenschlüssel und machte Lyle damit ans Bett fest.

Jarod ging zum Kühlschrank, wo er sich eine Flasche Wasser und zwei Sandwichs heraus nahm und sich damit an den Tisch setzte.

Während er hungrig in das erste Brot biss öffnete er die Ledertasche. Es waren drei Disks darin. Neugierig schob Jarod die erste Disk herein.

Lyle 2/4/75
For Center Use Only

Man sah den fünfzehnjährigen Lyle, der festgebunden auf einem Stuhl saß.

Jarod erinnerte sich mit Grauen an diesen Stuhl. Er selbst hatte seinen Bruder Kyle in so einen Stuhl vorgefunden, als er ihn aus dem Centre befreit hatte.

Der Raum glich einer dunklen Zelle und der schmale Junge sah hilflos und verloren aus.

Aus seinen Augen konnte Jarod die Panik ablesen. Er musste sich zusammenreißen, um nicht gleich in eine Simulation zu verfallen und Lyles Situation nachzuempfinden.

Die Tür ging auf und eine hochgwachsene Asiatin mit langen schwarzen Haaren kam herein. „Hallo Lyle“, sagte sie ziemlich bissig klingend.

„Mein... mein Name ist B... Bobby. Äh... Robert Bowmann.“

Im gleichen Moment zuckte der ganze Körper des Jungens zusammen. Er schrie seinen Schmerz laut heraus, den die Stromstöße in seinem Körper verursachten.

„Mein Gott!“ Jarod drückte auf Pause und schluckte die aufkommende Übelkeit herunter. Fünfzehn Jahre alt war er da gewesen. Einem fünfzehnjährigen Jungen hatten sie so was angetan. Jarod schluckte noch einmal und ließ die Disk weiter laufen.

„Nein. Dein Name ist Mr. Lyle.“ Die Asiatin kam auf ihn zu. „Wie ist dein Name?“

„L... Lyle heißt man Vater, Miss.“

Wieder wurde er mit einem weiteren Stromstoß bestraft.

„Lyle... Lyle...“ er weinte. „Ich heiße Lyle.“

„Weinen ist nicht erlaubt. Ich möchte, dass du ganz still bist.“

Aber der Junge konnte nicht aufhören zu weinen und wurde erneut bestraft. Die Stromstärke erhöhte sich sichtbar an den Zuckungen des Körpers und die Schreie wurden lauter.

„Je mehr du schreist, umso schlimmer wird es werden, Mr. Lyle.“

Die Disk hörte hier auf. Es war wohl nur eine kurze Kopie von einer anderen Centre Disk.

Jarod schaute, auf den inzwischen seinen Rausch ausschlafenden Lyle. Wenn das damals erst der Anfang gewesen war, dann war es kein Wunder, was aus dem ehemaligen Bobby geworden war.

Mit zittrigen Händen schob er die zweite Disk in den Schacht. Welches Grauen würde ihm hier begegnen.


Lyle   10/4/75
For Centre Use Only

Das Grauen kam in Gestalt von Raines.

Der junge Mr. Raines, damals noch Dr. Raines, stand im Flur vor einer Tür und unterhielt sich mit Lyle Bowmann.

„Ich gebe Ihnen jede Menge Geld dafür und verlange, dass Sie sich genau an meine Anweisungen halten!“ zischte Raines dem Mann zu.

„Ja, aber ich verstehe nicht, warum ich ihn dauernd einsperren soll. Was soll denn aus dem Jungen werden, wenn ich das mache?“ Lyle war offensichtlich nicht mit Raines´ Vorschlägen einverstanden.

„Was aus ihm wird ist nicht Ihre Sache. Denken Sie an unseren Deal.“

Hinter der Tür hörte man markerschütternde Schreie.

„Oh mein Gott, was machen Sie nur mit ihm?“ Lyle Bowmann schien entsetzt zu sein.

„Das was nötig ist, um einen Auserwählten zu schaffen“, erklärte Raines mit kalter Stimme.

Lyle sah nicht so aus, als ob er dies verstanden hätte, aber er zog es wohl vor, trotz seines inneren Widerstandenes, den Mund zu halten.

Wieder war es nur ein kleiner Ausschnitt.

<Kein Wunder, dass Lyle Bowmann sich nicht dagegen wehrte>, dachte Jarod. <Wer weiß, was Raines ihm alles angedroht hatte.>

Jarod war sich nicht sicher, ob er die dritte Disk sehen wollte. Aber da er immer auf der Suche nach den endgültigen Centre Geheimnissen war, legte er auch diese CD ein. Er erwartete eine weitere grausame Situation mit dem jungen Bobby, aber was er sah, ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren.


Jarod   2/2/63
For Centre Use Only

Der kleine Jarod saß alleine in einem Raum und hatte den Kopf auf den Tisch gelegt.

Jarod war es gewohnt sich selbst in allen möglichen Situationen auf dem Bildschirm zu sehen, aber diese Aufnahme schnürte ihm immer wieder den Hals zu. An diesem Tag war er entführt und ins Centre gebracht worden. Doch diese Kameraeinstellung kannte er nicht. Die Szene war nicht in dem Raum selbst aufgenommen worden, sondern von außen. Die Kamera schwenkte etwas und er sah zwei Männer, die mit dem Rücken zur Kamera vor einer Scheibe standen, die, wie Jarod wusste, innen wie ein Spiegel aussah.

„Hat scheinbar alles gut geklappt. Groß ist er geworden.“

Jarod drückte die Pause-Taste. Er kannte die Stimme nur zu gut. Es war Raines. Er ließ weiter laufen.

„Wie hat Charles reagiert?“

Eindeutig Mr. Parker.

„Der war gar nicht da. Hat sich aus dem Staub gemacht, wie immer. Margaret hat geschlafen. Eigentlich hätte Simmens sie gleich erledigen sollen, aber als er ihren Babybauch gesehen hat, hat er gekniffen.“ Raines lachte kehlig.

„Er muss bestraft werden!“ sagte Parker streng.

„Schon geschehen. Aber jetzt ist sie weg.“

„Verdammt! Wir müssen sie beseitigen.“

„Ich denke, wir sollten erst warten, bis das Kind geboren ist. Vielleicht hat es die gleichen Fähigkeiten wie Jarod.“

„Aber das Triumvirat hat angeordnet...“

„Was kümmert mich das Triumvirat. Ich brauche drei, nicht nur eins.“

„Und was ist mit Timmy?“

„Freeport will ihn nicht hergeben. Er ist genau so stur wie Charles. Er meint, er wäre noch zu klein.“

„Das sagen sie alle!“ winkte Parker ab.

Beide Männer blickten wieder auf den kleinen weinenden Jungen.

„Könnte er es sein?“ fragte Parker und deutete mit dem Kopf auf Jarod.

„Das werden wir erst herausfinden, wenn es so weit ist.“


Die Disk endete. Jarod saß stocksteif vor dem Anspielgerät und starrte auf den schwarzen Bildschirm. Plötzlich war ihm wieder kalt. Groß ist er geworden – das bedeutete, Raines hatte ihn schon vorher gekannt. Hat sich aus dem Staub gemacht, wie immer – das konnte doch nicht wahr sein. Sein Vater hätte ihn doch nicht im Stich gelassen, oder? Aber, was wusste er schon über ihn. Bis das Kind geboren ist – sprachen sie da von Emily? Aber das konnte nicht sein, passte zeitlich nicht ins Bild. Und Kyle war eineinhalb Jahre nach ihm geboren worden. Wo war der eigentlich zum Zeitpunkt der Entführung gewesen? Ich brauche drei, nicht nur eins – was hatte Raines damit gemeint? Und die Existenz von Timmy / Angelo war auch schon vorher bekannt gewesen. Woher hatte Lyle nur diese Aufnahme?

„Äh...“ kam es stöhnend vom Bett. Lyle versuchte sich zu bewegen, wurde aber von den Handschellen aufgehalten. „Verdammt!“ schrie er, immer noch deutlich lallend.

„Sorry, aber immerhin liegen Sie nicht mehr im Schnee“, sagte Jarod entschuldigend.

Lyle erkannte seine schwarze Tasche auf dem Tisch und sah auch, dass sie offen war.

„Hm, dann scheinst du gesehen zu haben, dass dein Vater ein Feigling ist. Falls er dein Vater ist.“

„Was meinen Sie damit?“

„Das war nur eine Disk, von vielen, die du nicht kennst. Mach mich los und ich führ dich hin.“ Lyle grinste dümmlich. Er hatte wohl noch nicht so ganz begriffen, dass sich der Spies gedreht hatte.

Jarod glaubte ihm sogar. Das war sicher kein Bluff. Aber wenn Lyle an die DSA´s gekommen war, konnte er sie auch besorgen.

„Warum hat Raines das mit Ihnen gemacht?“ Wenn Jarod eine Chance hatte noch ein bisschen was zu erfahren, dann jetzt.

„Raines hat in all den Jahren bei jedem Besuch wieder versucht irgendwie in meinen Kopf einzubrechen. Er wollte einen anderen Bobby haben. Nicht den braven und lieben Jungen.“ Lyle kicherte, als hätte er einen besonders guten Witz gemacht. „Als es nicht klappte, griff er zu anderen Mitteln. Punkt, mehr gibt es nicht darüber zu sagen.“

Und dann hatte er ihm seinen Willen gebrochen und zwar gründlich. Jarod kannte solche Methoden. Erst brach man den Willen einer Person und dann baute man sie wieder auf und fütterte sie mit seinem eigenen Mist. Nur klappte dies in den meisten Fällen, nicht ohne Nebenwirkungen. Lyles Nebenwirkung war die Hass-Liebe gegenüber Asiatinnen. Jarod wusste, dass man solch ein Trauma fast kaum wieder heilen konnte. Lyle müsste eine jahrelange Therapie machen, aber Jarod bezweifelte, dass er dem je zustimmen würde.

Es war erschreckend wie emotionslos Lyle darüber geredet hatte. Und warum konnte er so „normal“ mit Raines umgehen? Jarod war nie aufgefallen, dass Lyle einen Hass gegen Raines entwickelt hatte. Er wusste sogar von der Vergewaltigung seiner Mutter. Hatte er das auch auf einer Disk gesehen? Nicht auszudenken, wenn Miss Parker das erführe. Das durfte niemals geschehen!
Jarod beschloss, die Disks von Lyle mitzunehmen. In seinen Händen boten sie sonst zu viel Zündstoff.

Lyle war schon wieder eingenickt. Vor einer Stunde hatte es schon aufgehört zu schneien und im Radio hatte Jarod gehört, dass die Räumfahrzeuge wieder unterwegs waren.

Langsam suchte Jarod seine Sachen zusammen und packte alles wieder in die Reisetasche. Ihm war klar, dass Lyle, wenn er wieder vollkommen nüchtern war, ziemlich sauer auf ihn sein würde. Aber er wusste jetzt etwas mehr über ihn und den Rest konnte er jetzt vielleicht auch simulieren. Lyle war immer noch ein sehr gefährlicher Gegner, aber jetzt konnte Jarod endlich nach einem Weg suchen, den harten Panzer zu knacken und Bobby wieder zu befreien. Denn Lyle war auch nur ein Kind, das vom Centre gerettet werden musste und keine Bestie, wie so viele dachten.

Jarod blickte auf den schlafenden Lyle. So wie er da lag, konnte er den hilflosen und verängstigten Bobby erkennen, der befreit werden wollte, auch wenn Lyle davon noch nichts wusste.

Jarod legte einige Holzscheite auf und deckte Lyle noch mal sorgfältig zu.

Bei der Rezeption gab er einen Umschlag mit dem Handschellenschlüssel ab mit der Anweisung, dass jemand in drei Stunden Lyle den Umschlag bringen sollte. Die Zwanzig Dollar Note, die der Mann dafür bekam, waren ein lukrativer Ansporn dafür, Jarods Wunsch zu entsprechen.

Vorsichtig lenkte Jarod Lyles Wagen durch die frisch geräumte Schneelandschaft und hing seinen Gedanken nach.

<Manchmal haben Dinge etwas Gutes, die auf den ersten Blick nur schlecht gewirkt haben> dachte Jarod und war wieder auf der Flucht.


Ende
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