Lyle und Jarod

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16
Jarod Mr. Lyle
01.06.2018
04.06.2018
2
10207
4
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
14. Dezember, 16:10 Uhr
Pennsylvania
Landstraße

Jarod blinzelte und öffnete seine Augen. Es blieb dunkel. Er fühlte sich matt und desorientiert, außerdem hatte er starke Kopfschmerzen. Alles was er noch wusste war, dass er an seinem Laptop gesessen hatte. Danach war alles verschwommen.
Er rollte zur Seite und stieß dabei mit seinem schmerzenden Kopf an etwas Hartes. Er lag also in einem Kofferraum. Aber wie war er da rein gekommen? Der Wagen bog um eine Kurve und Jarod versuchte sanft abzurollen. Dann stoppte das Fahrzeug und der Motor wurde abgeschaltet. Es war sehr kalt und Jarod hätte sich gerne die klammen Hände warm gerieben, aber sie waren mit Handschellen auf den Rücken gebunden. Das sah alles andere als gut aus.
Er versuchte zu rekapitulieren, wer ihn in diese Mißliche Lage hatte bringen können. Er war noch nicht lange in Pittsburgh gewesen und konnte sich dort also keine Feinde gemacht haben. Vielleicht jemand aus seiner Vergangenheit? Das Centre selbst hätte ihn bestimmt nicht in einen Kofferraum gesteckt. Es sei denn...

Der Kofferraum wurde geöffnet und Jarod blinzelte in die Helligkeit. Leider bewahrheitete sich seine letzte Vermutung – es war Lyle, der ihn überlegen angrinste.

„Hallo Jarod, nett, daß wir uns wieder begegnet sind.“

Er packte ihn an den Schultern und zerrte ihn unsanft aus dem Auto. Jarod sah, daß der Himmel nicht so hell war, wie es im ersten Moment für ihn den Anschein gehabt hatte. Im Gegenteil. Dunkle Wolken überzogen den ganzen Horizont und ein eiskalter Wind wehte ihm dicke Schneeflocken ins Gesicht.

Lyle trieb ihn vorwärts zu einer Lodge. Jarod konnte erkennen, daß die nächste Lodge gerade noch in Sichtweite war und demnach einige Kilometer entfernt lag. Lyle schloß auf und stieß Jarod in die Hütte. Der verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Obwohl ein stechender Schmerz durch sein Knie jagte, gab er keinen Ton von sich. Diese Genugtuung wollte er Lyle nicht gönnen.

„Dann machen wir es uns doch mal gemütlich“, sagte Lyle und schleifte Jarod an den Handschellen über den Boden zur Wand. Unter seiner Jacke zog er eine Pistole heraus und mit einer schnellen Bewegung landete der Kolben des Revolvers an Jarods Schläfe, der daraufhin sofort in sich zusammen sackte.

14. Dezember, 18:12 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

Lyle saß am Tisch und hatte den DSA Koffer aufgeklappt, den er aus Jarods Versteck mitgenommen hatte. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte er sich das Abspielgerät, zusammen mit Jarods Reisetasche, aus dem Auto geholt, nachdem er in dem kleinen Kramerladen Vorräte besorgt hatte.

Er war in Pittsburgh gewesen, um ein Geschäft abzuwickeln. Das Centre sollte davon nichts erfahren und deshalb war er mit dem Auto gefahren und hatte auf den Jet verzichtet. An Jarod hatte er dabei gar nicht gedacht. Amerika war so groß, aber Jarod hatte sich ausgerechnet Pittsburgh für seinen nächsten Pretender Job ausgesucht. Lyle lächelte zufrieden. Glück war ein seltenes Gut und er war froh, dass er mal wieder etwas davon abbekommen hatte. Er war gerade bei einem Geschäftsessen in einem noblen Restaurant gewesen, als ihm plötzlich ein Mann aufgefallen war, der ein paar Tische weiter mit dem Rücken zu ihm gesessen hatte. Er hatte seinen Augen kaum geglaubt, als er in ihm Jarod erkannt hatte. Es hatte ihn in den Fingern gekribbelt sofort aufzuspringen, den Wunderknaben auf der Stelle gefangen zu nehmen. Aber zum Glück hatte er sich zurück gehalten und Jarod erst zwei Tage in Ruhe beobachtet. Als er wußte, wo er wohnte, hatte er sich in der Wohnung versteckt, als Jarod unterwegs war und ihn in einem günstigen Augenblick von hinten überwältigt.

Das Centre hatte er noch nicht informiert. Er stellte sich die ganze Fahrt über das überraschte und stolze Gesicht seines Vaters vor, wenn er Jarod bei ihm abliefern würde. Einen Schneesturm hatte er dabei nicht eingeplant.
Jetzt saßen sie hier fest, abgeschnitten von der restlichen Zivilisation. Aber für Lyle war es nur eine kleine Verzögerung. Er würde sich auf nichts einlassen und Jarod nachts ruhig stellen, denn eine Übernachtung hatte er ohnehin eingeplant. Die Spritzen und das Schlafmittel hatte er sich noch in Pittsburgh besorgt. Mr. Schlaumeier würde sich nachts nicht mit einem seiner billigen Tricks die Handschellen öffnen und verschwinden. Diesmal nicht!

Auf dem Tisch lagen dutzende Disks wahllos verstreut herum. Lyle schob eine neue Scheibe ein.

(1)
Jarod 4/13/70
For Center Use Only

Man sah Jarod als Kind, den jungen Sydney und einen weiteren Mitarbeiter. Es gab Geräusche.
„Was ist das Syd?“ fragte Jarod.
„Ich weiß nicht.“ Sydney zeigte dem Mitarbeiter an, dass er nachsehen sollte. Der Mann rannte los.
Man hörte Schreie: „Nein! Nein!“

Lyle wusste anhand des Datums, um was es in der Aufzeichnung ging – dem Selbstmord seiner Mutter. Demnach mussten die Schreie von ihr sein. Er bekam eine Gänsehaut.

„Die versuchen ihr weh zu tun“, schrie Jarod und wollte weglaufen, aber Sydney hielt ihn fest.
„Bleib hier Jarod!“ forderten er ihn auf.
Doch das Kind wehrte sich mit aller Kraft. „Nein, nein, lass mich los“
Im Hintergrund konnte man weitere Stimmen hören. „Hol´ sie aus dem Fahrstuhl.“
Dann hörte man einen lauten Knall.

Lyle zuckte zusammen. Das war die Kugel, die seiner Mutter das Leben genommen hatte. Er drückte auf Pause und schluckte. Hatten die Kameras auch seine tote Mutter aufgezeichnet? Er ließ die Disk weiter laufen.

„Schafft das Kind hier raus.“ Hörte man wieder aus dem Hintergrund.
„Lass mich los.“ Jarod versuchte noch immer sich von Sydneys Griff zu befreien. „Du sollst mich loslassen!“
Dann sah man die junge Miss Parker. Zwei Sweaper zerrten sie weg. Sie schrie:“ Mama, Mama!“
Jemand, den man nicht sehen konnte forderte:“ Schafft das Kind hier raus.“

Ein leises Stöhnen ließ Lyle aus seiner Filmvorführung aufschrecken. Er stoppte die Disk und blickte zu Jarod, der vorsichtig den Kopf hin und her rollte.

„Kopfschmerzen?“ fragte Lyle gehässig.

Jarod schnaufte hörbar auf und versuchte sich etwas bequemer hinzusetzen. Lyle hatte während seiner Ohnmacht die Handschellen um die Wasserleitung geschlungen, die an der Wand nahe des Bodens an der Hütte entlang lief, und wieder an seinen Handgelenken fest gemacht. Ein Déjà-vu Erlebnis. Nur würde diesmal kein Kyle auftauchen, um ihn zu retten.
Kyle – dachte Jarod wehmütig. Sein Mörder saß da am Tisch und schaute sich gerade sein Leben im Centre an. Machte sich wahrscheinlich noch lustig darüber. Wie hatte ihm das nur passieren können? Er hatte dem Centre keine Hinweise geliefert und trotzdem waren sie ihm auf die Schliche gekommen.

„Überrascht mich zu sehen?“ Lyle klappte den Koffer zu und wandte sich zu seinem Gefangenen.

„Sitzen wir hier fest?“ stellte Jarod eine Gegenfrage.

Lyle hatte nicht vor, ihm irgendwelche Informationen zu geben. Er stand auf, schlenderte zu Jarod und ging vor ihm in die Hocke.

„Ich habe ganz alleine herausgefunden, wo Sie sind. Ich bin es gewesen, der Sie geschnappt hat und ich werde Sie ins Centre zurück bringen.“ Er tätschelte Jarod leicht die linke Wange. „Und Sie können gar nichts dagegen machen.“ Lyle holte aus und verpasste Jarod eine schallende Ohrfeige. „Das war der Vorgeschmack auf das, was Ihnen blühen wird, wenn Sie einen Fluchtversuch wagen sollten.“

Jarod biß die Zähne zusammen. „Das scheint Ihnen großen Spaß zu machen“, sagte er erbittert. Lyles Handabdruck stach deutlich auf der geröteten Wange hervor.

„Fordern Sie es nicht heraus“, drohte der ihm.  

Jarod blickte zum Fenster. Draußen tobte ein starker Schneesturm. Es war kalt auf dem Fußboden. Unbewußt fing Jarod an mit den Zähnen zu klappern. Sein Kopf pochte dazu eine grausame kleine Melodie. Lyle hatte ziemlich fest zugeschlagen und eine Gehirnerschütterung war nicht auszuschließen. Zumal er heute schon zwei Mal am Kopf getroffen worden war.

Auf der anderen Seite des Zimmers war ein offener Kamin. Jarod stellte sich vor wie angenehm es wäre, wenn er sich vor dem gemütlich vor sich hinprasselnden Feuer hinzulegen. Seine Arme waren kalt und steif und da sie hinter seinem Rücken festgemacht waren, konnte er sich nicht mal die Arme um den Leib legen, um etwas Wärme zu bekommen. Es gab ein Doppelbett im Zimmer, auf dem etlichen Decken lagen. Wäre Lyle etwas menschlicher gewesen, hätte er Jarod zumindest den Luxus einer Decke gestattet. Aber so konnte er sich die Wärme leider nur vorstellen.

Lyle stöberte in den Disks herum. Sie alle enthielten nur Nummern und daher konnte man nicht erkennen, was der Inhalt war.

„Es gibt eine Liste“, erklärte Jarod, der sich versuchte, von der Kälte abzulenken.

„Hm?“ Lyle blickte ihn gelangweilt an.

„Eine Liste mit allen Nummern und dem Inhalt der Disks.“

„Habe ich danach gefragt?“ Lyle war inzwischen äußerst gereizt. Er wollte weiter fahren und hatte keine Lust hier ein- oder zwei Nächte mit dem Wunderknaben zu verbringen. Er nervte ihn schon, wenn der Name im Centre erwähnt wurde und das war sehr häufig der Fall. Jarod ist die Zukunft des Centres, sagte sein Vater immer. Lyle fand eher, er war die Pest für das Centre. Er schob wahllos eine weitere Disk in den Schacht. Er hoffte, Aufnahmen von seiner Mutter zu finden. Aber es war eine weitere Szene aus Jarods Kindheit. Er war etwa 5 Jahre alt und rannte einen Gang entlang. Hinter ihm ein paar Sweaper.

„Ich weiß gar nicht, warum du dich immer beschwerst“, grinste Lyle. „Hast doch eine lustige Kindheit gehabt.“

Auf der Disk hatten die Sweaper den kleinen Jarod eingefangen und der junge Sydney kam ins Bild.

„Und wie war Ihre Kindheit als Bobby Bowmann?“

Lyle zuckte zusammen, als wenn er von einer Peitsche getroffen worden wäre. Mit versteinertem Gesicht stand er auf und ging zum Bett auf dem ein Aktenkoffer lag. Jarod befürchtete das schlimmste. Vielleicht hätte er diesen Namen nicht erwähnen sollen. Lyle öffnete den Koffer und nahm ein Etui heraus, das eine Spritze enthielt.

„Ich hätte das nicht sagen sollen“, versuchte Jarod die Situation zu retten, denn er erinnerte sich mit Schrecken daran, was Lyle beim letzten Mal vorgehabt hatte, als er ihm eine Spritze gegeben hatte. „Es tut mir leid.“

Lyle hatte das Serum inzwischen aufgezogen und ging mit raschen Schritten auf Jarod zu.

„Was haben Sie vor?“

Lyle fand es spannender Jarod im Ungewissen zu lassen. Ungerührt hielt er den sich windenden Mann fest und jagte ihm absichtlich schmerzhaft die Spritze in den Oberarm. Jarod konnte einen Aufschrei nicht verhindern.

„Und jetzt will ich kein einziges Wort mehr von dir hören!“ fuhr er den langsam weg dämmernden Jarod wütend an.

14. Dezember, 20:33 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

<Dieser Mistkerl!> dachte Lyle wütend und starrte mit eisigem Blick auf den schlafenden Jarod. Wenn er ihm lebend nicht so viele Gewinnpunkte bringen würde, hätte er ihn schon längst draußen im Schnee an einen Baum gekettet und genüsslich zugesehen, wie er langsam erfroren wäre.
Jarod war es gewesen, der Miss Parker auf die „Bowmann-Spur“ gebracht hatte. Er war sogar selbst bei seinen Adoptiveltern gewesen. An seine Kindheit erinnert zu werden, war das letzte, was Lyle gebrauchen konnte. Er hatte diesen Teil seines Lebens ganz tief vergraben und hatte nicht das geringste Bedürfnis, ihn wieder auszugraben. Schon gar nicht unter der Anleitung vom Wunderknaben.
Vielleicht war es nicht die Beste Idee gewesen, ihm das Serum jetzt schon zu spritzen, denn eigentlich war es ja als Betthupferl für Jarod gedacht gewesen, damit Lyle in Ruhe schlafen konnte ohne die Sorge, dass Jarod versuchen könnte abzuhauen. Aber wenn Jarod nicht gleich den Mund gehalten hätte, hätte Lyle andere Mittel anwenden müssen.
Warum hielten sie auch nie den Mund? Er konnte es nicht dulden, wenn sie unaufhörlich auf ihn einredeten. Um ihr Leben bettelten, weinten. Er musste sie zum Schweigen bringen, denn das Stillsein war Pflicht. Lyle hielt es für vernünftig jetzt auch etwas zu schlafen. Später würde er vielleicht noch lange genug wach bleiben müssen.

15. Dezember, 04:48 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

Als Jarod die Augen aufschlug, spürte er die Kälte in allen Gliedern. Das Feuer war schon länger aus und es war nur noch ein kleiner Rest Glut zu erkennen. Lyle war nur schemenhaft auf dem Bett zu erahnen. Er schien nichts von der Kälte zu spüren, da er dick in die Decken eingehüllt war. Jarod konnte das nicht von sich behaupten. War wohl keine gute Idee gewesen Lyle auf seine Kindheit anzusprechen. Obwohl Jarod liebend gerne mehr darüber gewusst hätte.
Schon als er bei Mrs. Bowmann gewesen war, hatte er versucht, Lyles Kindheit zu simulieren. Dass war ihm auch mit Leichtigkeit gelungen. Bobby Bowmann hatte liebevolle Adoptiveltern gehabt. Und was wohl niemand im Centre erwarten würde, Bobby war auch ein liebevoller Sohn gewesen. Er hatte seiner Mutter in der Küche geholfen und seinen Vater bei der Farmarbeit unterstützt. Aber dann war etwas passiert. Mrs. Bowmann hatte es so ausgedrückt: Mit 15 ist er durchgedreht. Die Farm der Bowmanns wurde regelmäßig von einem Mann besucht. Jarod hatte herausbekommen, dass es Raines gewesen war. Und dann, kurz vor seinem fünfzehnten Geburtstag, hatte Raines ihn für sechs Wochen mitgenommen.
Was war in diesen sechs Wochen passiert? Was hatte Raines ihm angetan, dass aus einem liebevollen Sohn, eine brutale Bestie werden konnte? Jarod hatte versucht auch diese sechs Wochen zu simulieren, aber alles was er sehen konnte, war eine schwarze Wand. Dieser Zeitraum war einfach nicht aufzufinden.
An Schlaf war nicht mehr zu denken, obwohl er sich noch ziemlich groggy fühlte. Neben der Kälte gab es noch etwas, was ihn wach hielt und dieses Bedürfnis wurde immer fordernder.

15. Dezember, 05:33 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

„Nein! Nein!“ schrie Lyle,

Jarod hatte schon bemerkt, dass der Schlaf von seinem Wächter unruhiger geworden war. Lyle hatte also auch Alpträume. Das war etwas, was Jarod nur zu gut aus eigener Erfahrung kannte.

„Nein!“ mit einem letzten lauten Schrei fuhr Lyle aus dem Bett hoch.

Jarod konnte ihn schwer atmen hören. Schnell schloss er die Augen. Bestimmt war es besser, wenn Lyle nicht wusste, dass er die kleine Szene von eben mitbekommen hatte.

„Verdammt ist es hier kalt!“

Jarod konnte hören, dass Lyle aufstand und im Kamin herumstocherte.

„So ein verdammtes Wetter!“ fluchte Lyle weiter, der scheinbar einen Blick aus dem Fenster geworfen hatte.

Jarod gab vor zu Husten, damit er „offiziell“ erwachen konnte.

„Ich will hoffen, dass dein kleines Mundwerk sich nicht mehr im Ton vergreift. So viel Schlafmittel habe ich auch nicht dabei und nächstes Mal, muss mir dann etwas anderes ausdenken.“

Jarod nickte. Er wusste, dass Lyle im Moment ziemlich sauer war, aber seine Blase drückte inzwischen so stark, dass er es kaum noch aushielt. Die Sache war ihm ziemlich unangenehm. „Mr. Lyle. Ich... müsste mal zur Toilette.“

Trotz des auflodernden Feuers war es noch immer duster im Zimmer. Aber Jarod konnte das Grinsen in Lyles Gesicht förmlich spüren. Im Moment hatte Lyle ihn ganz genau da, wo er ihn schon immer haben wollte – in der Form des Unterworfenen, des Bittstellers. Er hatte die Macht, konnte entscheiden, ob er Jarod von seiner Qual befreite, oder eben nicht.
Einen Moment lang geschah gar nichts und Jarod stellte sich schon darauf ein, den Rest der Zeit mit nassen Hosen hier sitzen zu müssen. Aber schließlich schien Lyle ein Einsehen zu haben.

Lyle knipste das Licht an und schaute spöttisch auf das Häufchen Elend auf dem Boden. Das Genie, der Wunderknabe, die Zukunft des Centres musste ihn, Lyle, darum bitten, auf die Toilette gehen zu dürfen. Was nützten ihm all seine wunderbaren Gehirnzellen und sein außergewöhnliches Blut jetzt in diesem Moment – nichts.

„Na schön. Ich will ja nicht, dass die Bude hier nach Pisse stinkt.“ Lyle schien jeden einzelnen Moment auskosten zu wollen. „Ich denke, du erinnerst dich noch an den Schlag auf den Kopf?“

Jarods Kopfschmerzen ließen ihn diesen Teil des gestrigen Abends nicht so schnell vergessen.

„Wenn du irgendeine Dummheit planst, wirst du mit dem anderen Ende meiner Pistole Bekanntschaft machen.“ Lyle ging in die Hocke und schloss die Handschelle an der linken Hand auf. Jarod versuchte den Arm nach vorne zu ziehen und stöhnte vor Schmerz auf. Die unbequeme Haltung und die klirrende Kälte, hatten seine Muskeln steif werden lassen.

„Stell dich nicht so an“, sagte Lyle ruppig und zerrte den Arm nach vorne, während Jarod dies mit einem Aufschrei quittierte. Erst jetzt bemerkte Lyle, wie kalt sein Gefangener war. Dass er sich nicht über die Kälte beschwert hatte, war ein weiteres Indiz für ihn, dass Jarod sich ihm unterworfen hatte. Er musste ihm auch noch beim Aufstehen helfen und an Jarods unsicherem, leicht wankendem Schritt konnte er erkennen, dass das Serum noch immer nicht ganz seine Wirkung verloren hatte.

„Gutes Zeug“, lobte er sich selbst und schob Jarod vor sich her, bis ins Badezimmer.

Während Jarod sich die Hose öffnete, dabei eine Waffe auf seinen Hinterkopf gerichtet war, dachte Lyle über die Disks nach, die er gesehen hatte.

„Du hast also den Selbstmord meiner Mutter mitbekommen.“ Es war weniger eine Frage, als eine Feststellung.

„Ich habe den Schuss gehört und Miss Parker gesehen.“ Jarod stöhnte erleichtert auf, als er endlich den Druck loswurde.

„Gibt es denn keine DSA über die Simulation dieser Sache?“

„Dieser Sache?“ Unter Lyles argwöhnischer Beobachtung wusch Jarod sich die Hände und befeuchtete auch sein Gesicht und die schmerzende Stirn.

„Das Centre hat dich doch bestimmt diesen Selbstmord simulieren lassen.“

Was bezweckte Lyle mit diesen Fragen? Jarod trocknete sich ab und blickte ihn fragend an.

„Ich meine, wollte Mr. Parker nicht wissen, warum sie sich umgebracht hat?“

„Vielleicht kannte er ja den Grund“, gab Jarod zurück.

Lyle geleitete ihn zurück in den Hauptraum. „Was soll das denn heißen?“ Seine Stimme klang scharf.

„Es wurde nie von mir verlangt, dass ich diesen Vorfall simuliere.“

Sie standen wieder an der Stelle, wo Lyle ihn festgemacht hatte.

„Könnten sie mich nicht an einem Stuhl festbinden?“ fragte Jarod vorsichtig.

Als Antwort drückte Lyle ihn unsanft zu Boden. „Wir wollen es mal nicht übertreiben.“ Schnell schlang er das eine Ende um das Rohr und drückte die Handschellen wieder fest um das Handgelenk. Dann ging er zum Bett wühlte in den Decken herum und warf Jarod eine davon zu.

„Will ja keinen Eisklotz im Centre abliefern“, erklärte er seine plötzliche Menschlichkeit.

Die Decke war neben Jarod gelandet. Mit dem Fuß zog er sie zu sich her und versuchte es so gut es eben ging unter seinen Körper zu bekommen.

Auf einer kleinen Kommode am Fenster, stand ein altes Radiogerät. Lyle schaltete es ein. Die Sender schienen hier alle keinen guten Empfang zu haben, vielleicht lag es auch am Wetter. Schließlich entschied sich der Mann bei dem Sender zu bleiben, der am wenigsten Störungen abgab und lauschte konzentriert. Nach einigen kurzen Werbeclips kamen endlich Nachrichten.

„Pennsylvania. Das Sturmtief William hat sich in der Tiefebene von Bloomsburg festgesetzt. Die Räumfahrzeuge werden einen weiteren Tag festsitzen und wir bitten die Bevölkerung in ihren Häusern zu bleiben.“

„Verdammt!“ Lyle stellte das Gerät ab. Noch ein Tag mit diesem Freak im Tal der Langeweile.

„Wir könnten Karten spielen,“ schlug Jarod vor und fing sich dafür einen bösen Blick ein.

Wortlos ging Lyle zur kleinen Küchenzeile und öffnete den Kühlschrank. Viel hatte er nicht gekauft, da er gehofft hatte, heute weiterfahren zu können. Für gestern Abend hatte er vorgehabt sich den Kopf mit einem Six-Pack zuzudröhnen, aber er war von seinem kurzen Nickerchen nicht mehr aufgewacht. Für Bier war es jetzt noch zu früh. In Gegenwart des wachen Jarods musste er unbedingt einen klaren Kopf behalten. Es gab noch einen Sechserpack Wasser, vier abgepackte Sandwichs und eine Tüte geröstete Erdnüsse. Lyle nahm eine Flasche Wasser und ein Sandwich heraus und setzte sich damit an den Tisch, mit dem Rücken zu Jarod. Während er das belegte Brot auspackte spürte er dessen bohrende Blicke. Mit wenigen Bissen hatte er das Essen verschlungen und spülte mit viel Wasser nach, das er direkt aus der Flasche trank.

Jarod blickte sehnsüchtig auf das Wasser. Sein Hals war rau und sein Mund völlig ausgetrocknet. Er konnte das kühle Nass förmlich auf seiner Zunge schmecken. Auch gegen etwas zum Essen hätte er keinen Einwand gehabt. Aber Lyle machte nicht den Eindruck als würde ihn das interessieren.

Der wühlte in Jarods Reisetasche herum und warf ein Kleidungsstück nach dem anderen auf den Boden. Dann hielt er inne und nahm ein Jarods rotes Notizbuch heraus.
„Aha“, sagte Lyle und klappte das Buch auf. Es enthielt Zeitungsausschnitte von einem Mann, der eine Frau ermordet haben sollte. <Was bringen ihm nur immer wieder diese Dinge?> dachte Lyle. Hatte er ein Helfersyndrom? Was ihm besonders an Jarods kleinen Hilfsdiensten gefiel, war die Kreativität, wie er danach die „Täter“ quälte.

„Wir sind gar nicht so verschieden“, sagte Lyle und wandte sich Jarod zu. „Wir sind beide Rächer. Na ja, vielleicht sind unsere Beweggründe nicht die gleichen, aber die Art wie du deine Opfer quälst, zeugt von einem großen Potential.“

„Der Unterschied ist, meine Opfer werden nicht wirklich verletzt“, konterte Jarod.

„Eins zu Null“, sagte Lyle. „Aber vergiss nicht, am Ende werde ich siegen.“     
„Es geht nicht immer ums gewinnen, oder verlieren.“

„Hm, lass mal sehen. Ich sitze hier am Tisch, habe Essen und Trinken und du kauerst da auf dem kalten Boden mit knurrendem Magen. Wer ist denn dabei wohl der Verlierer?“

„Ein Verlierer ist nur, wer sich als Verlierer fühlt.“

„Lass uns noch mal darüber sprechen, wenn du wieder zu Hause bist.“ Lyle legte sein teuflisches Grinsen auf und wühlte weiter in der Tasche. Er beförderte Jarods Mobiltelefon heraus. Interessiert sah er sich die einprogrammierten Nummern an.
„Sydney, Miss Parker, Broots“, las er vor. „Einmal Centre-Boy, immer Centre-Boy, wie? Ich bin beleidigt, meine Nummer ist nicht eingespeichert.“

Jarod hätte gerne gesagt, <doch, unter Monster>, doch er verkniff sich diese Bemerkung. Immerhin ging es ihm bisher noch ganz gut, und das sollte er nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen.

„Wie nett, ein Foto von Mummy.“

Lyle zog das eingeschweißte Bild heraus und Jarod wäre am liebsten aufgesprungen. Er wollte nicht, dass Lyle das Foto seiner Mutter in seinen schmierigen Fingern hielt. Er wollte nicht mal, dass er sich das Bild ansah.

Lyle merkte, wie unangenehm Jarod sich dabei fühlte und sah konzentriert in die Augen der Frau vor ihm und dann zu Jarod. „Kein bisschen Ähnlichkeit. Bist du dir überhaupt sicher, das es deine Mutter ist?“

„Kennen Sie ihre Eltern?“ gab Jarod trotzig zurück.

Lyle stand langsam auf und schlenderte zum Kamin. In der Hand hielt er immer noch das Bild.

Jarod biss sich auf die Lippen. Das würde er doch nicht machen.

Wie in Zeitlupe ging der Mann in die Hocke und legte ein neues Stück Holz auf das Feuer. „Ist das dein einziges Foto von ihr?“

„Machen Sie das bitte nicht“, flehte Jarod ihn an.

„Ist schon ziemlich alt, hm?“ Mit einer lässigen Bewegung warf Lyle das Foto ins Feuer.

„Nein!“ rief Jarod gequält.

„Ich schätze, jetzt steht es eins – eins.“
Review schreiben