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Insane

von Ghuleh
Kurzbeschreibung
OneshotAngst, Horror / P16 / MaleSlash
Joseph Oda Juli "Kid" Kidman Lilly Castellanos Ruben "Ruvik" Victoriano Sebastian "Seb" Castellanos
31.05.2018
31.05.2018
1
3.724
6
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31.05.2018 3.724
 
A/N: Dieser Oneshot ist an die Ereignisse angelehnt, welche sich um das zweite Dia in The Evil Within 2 drehen. Somit könnte ein wenig Spoilergefahr bestehen, aber auch nur für diejenigen, welche das Dia noch nicht gefunden haben. Hauptstoryspoiler befinden sich in dieser FF nicht. Außerdem hatte ich euch doch versprochen, noch einmal mit einem Oneshot zum zweiten Spiel um die Ecke zu kommen und mir scheint, als wäre das nicht der letzte. Dieses Fandom möchte mich anscheinend nicht mehr loslassen.
Allerdings wünsche ich euch jetzt viel Spaß, nachdem ich extra um das hier zu schreiben viel, viel früher (schon kurz vor 6 :‘D) aus den Federn gekrochen bin – einfach, weil die Idee so sehr in meinem Kopf gebrannt hat, dass ich ohnehin nicht hätte schlafen können.
Hoffentlich gefällt es euch,

eure Shiv :3



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Insane



Herzstillstand.
Dieses Wort hallte noch so unglaublich lang in Castellanos‘ Kopf nach, dass er inzwischen bereits zu glauben begann, dieses Echo würde niemals verklingen. Es zeigte ihm noch einmal auf, wie fragil das Leben wirklich war und vor allem, wie schnell es doch beendet sein konnte. Auch wenn er diesen Gedanken dennoch nicht an sich heranlassen wollte. In diesen wenigen Augenblicken, in welchen er so viele Erinnerungen gesehen hatte, dass er glaubte sein Schädel würde explodieren, hätte seine Aufgabe – die einzige Möglichkeit, Lily noch einmal wiederzusehen – einfach vor seinen Augen erlöschen können.
Vielleicht hätte er selbst es nicht einmal bemerkt?
Immerhin hatte er neben dem Stechen in seinem Kopf nicht einmal etwas vom Nahtod gespürt.
Doch was hätte sich dann für ihn verändert?
Sein Kontakt mit Kid wäre abgerissen, der STEM wäre untergegangen – zusammen mit seinen endlosen Gedanken, welche in manchen Situationen sowohl vorne als auch hinten keinen Sinn machten und er selbst wäre wahrscheinlich für immer in dieser abscheulichen Erfindung gefangen. Selbst wenn ihn auch in jenem Moment der Gedanke beschlich, dass er seinen Weg nach draußen niemals wirklich gefunden hatte. All das könnte eine Illusion sein – so wie die ganze Umgebung um ihn herum. Er selbst hatte immerhin erst vor wenigen Augenblicken beobachtet, wie sich ein ganz normaler Raum, ein ganz normales Haus in diesem neuen Horrorschauplatz, in Beacon verwandeln konnte.

Beacon konnte seinen Geist nicht loslassen, fraß sich immer tiefer in seinen Verstand hinein, auch wenn er mit allen Mitteln versucht hatte, sich nicht davon bestimmen zu lassen. In Wirklichkeit waren allein diese Gedanken in manchen Situationen mehr er selbst als er es sein konnte. Für Sebastian fühlte es sich nicht nur so an als hätten die Erfahrungen mit Ruben Victoriano nicht nur ihn verändert, sondern seine ganze Wahrnehmung, alles, was sich in seiner unmittelbaren Nähe befand. Ganz zu schweigen davon, dass er glaubte all diese Erfahrungen hätten sein eigenes Sein auf eine gewisse Weise ausgetauscht. In seinen Gedanken glaubte der Detective nicht nur dieses eine Mal, sich in manchen Situationen wie Ruvik selbst anzuhören, doch er schüttelte darüber immer nur wieder den Kopf. Es war ein verzweifelter Versuch, vor dem die Augen zu verschließen, was wirklich geschehen war. Seine komplette Psyche, all das, was er jemals als diese wahrgenommen hatte, war in so viele Bruchstücke zerborsten, dass er nach manchen Nächten voller kalter Erinnerungen manchmal nicht einmal mehr wusste, wer er eigentlich war. Jedes Erwachen bedeutete für ihn ein neues Erwachen im STEM, selbst wenn er wusste, dass er aus diesem Raum mit den STEM-Wannen entflohen war.
Wer sollte ihm schon sagen, dass er wirklich draußen war und sich all das nicht nur einbildete?
Er war allein, nur Kidman war noch da und nicht einmal bei ihr konnte er sich sicher sein, dass er sich nicht nur einbildete, ihre Stimme zu hören und sie zu sehen. Vielleicht steckten sie auch beide noch in diesem verfluchten STEM fest, genauso wie…

Ein erneuter, stechender Schmerz durchzuckte seine Schädelinnenwände. Für einen Augenblick hatte Sebastian tatsächlich das Gefühl als würde sich erneut eine dünne und spitze Lobotomienadel durch seinen frontalen Hirnlappen bohren. Der Schmerz war so intensiv, dass ihn für einen Moment das Gefühl überkam, sich übergeben zu müssen. Es zwang ihn regelrecht dazu, noch einmal innezuhalten, sich den Unterarm vor den Mund zu pressen und die Augen nur gezwungen offenzuhalten. Bis zum Unterschlupf war es nicht mehr weit, er musste es schaffen. Die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren, konnte er sich auf der offenen Straße nicht erlauben. Vor allem nicht, wenn er sie überall hörte, diese neuen, noch viel grausameren Wesen. Das einzige, was ihn in jenem Moment noch einmal von seinen Gedanken ablenken konnte, war das Geräusch des Empfängers, über welchen Kid anscheinend wieder versuchte ihn zu erreichen. In den ersten Sekunden realisierte der Detective zwar, woher dieses Geräusch stammte, doch konnte er es nicht augenblicklich zuordnen. Es klang so nah und doch so fern. Selbst seine Hand wollte sich schließlich anscheinend nur in Zeitlupe bewegen als er langsam nach dem schwarzen Gerät griff, welches er an seinem Gürtel befestigt hatte und den Empfang endlich bestätigte.
„Sebastian, deine Werte spielen schon wieder verrückt. Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist?“, ertönte nur wenige Sekunden später auch schon wieder die Stimme von Juli.
In jenem Moment hörte sie sich sogar noch ein wenig aufgebrachter an als bei ihrem letzten Versuch, ihn zu erreichen.

Noch einmal rieb sich Castellanos über die Schläfen. Der Schmerz schwächte in langsamen Wellen ab, wenn er sich nicht einfach nur daran zu gewöhnen begann. In diesem Moment jedoch, spielte dies auch keine Rolle.
„Es ist alles in Ordnung.“
Die Worte schienen seinen Mund in diesem Augenblick nur mehr als zähflüssig zu verlassen, auch wenn Kid davon nicht einmal etwas zu bemerken schien. Wahrscheinlich war auch dies etwas, das nur er selbst bemerken konnte.
„Wir machen uns Sorgen, Sebastian. Was zum Teufel siehst du da drin?“, entgegnete die Frau schnell.
Das sich Sorge in ihrer Stimme befand, konnte er sich nicht einbilden. Sie klang tatsächlich aufgebracht und dennoch fiel ihm das Antworten mehr als schwer.
„Ich weiß es nicht. Es scheint als würden sich die Erinnerungen von Beacon mit diesem STEM vermischen.“
Für einen Augenblick haderte er mit sich, ob er tatsächlich vor Mobius erwähnen sollte, dass er Dinge sah. Er allein konnte den STEM sicher nicht auf diese Weise verändern und Ruvik… Wieder folgte dieses Stechen, zog sich durch seinen ganzen Kopf und endete in seinen Halswirbeln. Kidman stellte genau die richtigen Fragen. Er war sich doch selbst nicht einmal sicher, was er dort eigentlich sah. Das einzige, was er mit Gewissheit sagen konnte, war, dass diese Stadt alles andere als ein Paradies war, doch das konnte inzwischen selbst der unaufmerksamste Mensch in diesem System erkennen – wenn es denn überhaupt noch welche gab.

Natürlich hatte er O’Neal kennengelernt, doch was änderte dies schon?
Sebastian selbst konnte für nichts und niemanden garantieren und wollte sich im besten Fall auch gar nicht an eine neue Person in seiner Umgebung gewöhnen. Möglicherweise klang es kaltherzig, doch der Detective wusste zweifellos, dass dies die bessere Option war.
„Du musst dich fokussieren, die Mission darf nicht scheitern.“
Es waren die falschen Worte, welche Juli gewählt hatte, um zu versuchen, ihn zu beruhigen, doch tief in seinem Inneren wusste Castellanos das sie Recht hatte. Es ging nicht um ihn oder dass, was er vielleicht in dieser neuen, verzerrten Welt sehen konnte – es ging um Lily. Genau aus diesem Grund durfte er nicht aufgeben, es war vielleicht der Einzige.
„Das weiß ich, Kidman.“, entgegnete der Detective gleich und schüttelte noch einmal den Kopf, setzte sich wieder in Bewegung.
Nach seinen letzten Worten war das Gespräch wieder einmal einfach abgebrochen, doch auch sie konnte sich nicht rund um die Uhr damit beschäftigen, ihn für das anzutreiben, was er endlich nicht mehr als verloren sah. Möglicherweise jedoch sollte er wenigstens versuchen, sich zuvor einmal auszuruhen. Je weniger er bei Sinnen war, umso weniger konnte er gleichzeitig auch seiner Tochter helfen.

*


Der starke Geruch von zu viel Kaffeepulver mit zu wenig Wasser erfüllte den kleinen Raum, welchen Sebastian wenigstens für einen Moment als Unterschlupf bezeichnen konnte. Auch in dieser Hinsicht konnte er sich keinesfalls sicher sein ob es wirklich sicher war, doch…
Was bedeutete Sicherheit schon in dieser verdrehten Welt, in welcher Mörder und Monster ihr Unwesen trieben?
Mit zwei Fingern massierte sich der Detective den Nasenrücken und trank einen Schluck aus der Tasse, welche er vorerst nur vor sich auf den Tisch gestellt hatte. Allein der Geruch hätte wohl einen schlafenden Mann wecken können, doch bei ihm verfehlte es seine Wirkung bis zu dem Moment, in welchem er tatsächlich davon trank.
Viel zu bitter, viel zu stark.
Der Geschmack allein ließ Castellanos für einen Augenblick beinahe würgen, doch eventuell befand sich auch dies einfach nur in seinen Gedanken. Wahrscheinlich ging er einfach nur davon aus, dass es so schmeckte. Es gab niemanden, der ihn in diesem Gedanken hätte bestätigen oder korrigieren können.
Nicht eine Person.

Doch trotz des miserablen Geschmacks, konnte er schließlich nicht verhindern, dass sich seine Lider für einen Augenblick schlossen und er bemerkte, wie sehr seine Augen brannten. Nur wenige Sekunden lang ließ Sebastian es tatsächlich zu, noch einmal über das nachzudenken, was an jenem Tag eigentlich geschehen war, wie irreal das für ihn selbst klang. Er fragte sich noch immer, wieso er Akten von sich im STEM finden konnte, ohne dass seine Kooperation tatsächlich geplant war. All das gab in seinen Augen einfach keinen Sinn und dennoch tat es dies zur gleichen Zeit wohl mehr als er es wahrhaben wollte. Ein Seufzen seitens des Detectives durchschnitt die Luft, wenn er an diese Akten zurückdachte.
Die Diagnose für ihn lautete also, dass er unter Realitätsverlust litt und die paranoiden Wahnvorstellungen wohl auch ein wichtiges Thema waren.
Vielleicht hatten sie Recht. Beacon war nicht dort, es existierte nicht, wahrscheinlich bildete er sich auch in diesem STEM all das nur ein. Nein, das klang selbst für ihn zu absurd. Er selbst hätte sich das, was er sehen konnte ganz sicher nicht ausdenken können. Selbst nach all den Erfahrungen mit Ruvik war sein Geist doch sicher nicht derart zerstört, dass er beinahe ähnlich dachte.
Konnte er das überhaupt oder hatte Ruben ihn einfach nur zu sehr geprägt?

Das Gefühl der Übelkeit ließ noch immer nicht nach und diese abartige Mischung aus Kaffeepulver und Wasser machte sie auch nicht besser. Es hätte ihm klar sein müssen und dennoch wollte er auch nur, dass es seinen Zweck erfüllte. Bei dem widerlichen Nachgeschmack konnte man wohl kaum noch von der Aussicht auf Schlaf sprechen.
„Sebastian?“
Ein eiskalter Schauer zog sich über die Arme und den Rücken des Mannes, endete in seinem Gesicht, was das wohl ekligste Gefühl in ihm auslöste, welches er bis zu jenem Moment verspürt hatte. Er kannte diese Stimme und die Art und Weise, in welcher sie seinen Namen aussprach. Das er augenblicklich die Augen aufriss, war nicht mehr nur ein einfacher Reflex, sondern fühlte sich viel mehr lebensnotwendig an. Seine Augen scannten den kleinen Raum nahezu, versuchten die Quelle der Stimme auszumachen, doch dort war einfach nichts – nichts Ungewöhnliches, keine Anomalie, nicht einmal der Hauch einer Veränderung, seit er sich das letzte Mal dort umgesehen hatte.
Paranoide Wahnvorstellungen?
Ja, wahrscheinlich machte es Sinn. Er musste vollkommen hoffnungslos sein.
Wie konnte er auch – selbst wenn es doch nur für wenige Sekunden anhielt – glauben, dass diese Stimme echt war?

Joseph war verschwunden. Seit er Ruviks STEM verlassen hatte, konnte er nicht einmal mehr Spuren von ihm finden und er wusste wie es um ihn stand. Sebastian wusste, mit welchen Gedanken sich sein Partner quälte. Nur weil Kidman wieder aufgetaucht war, bedeutete dies noch lang nicht, das irgendwann die Möglichkeit bestand, das auch er zurückkehren würde. Wenn er den Gedanken aufgab, bevor er ihn selbst zu glauben beginnen konnte, gewöhnte er sich wenigstens nicht daran und dies machte es leichter, ihn wieder loszulassen.
Ein weiteres Mal, wahrscheinlich erneut wortlos.
„Sebastian? Ich bin real.“
„Nein, ich will das du real bist, das ist ein Unterschied.“, konnte sich Castellanos das Grummeln nicht verkneifen, selbst wenn er augenblicklich im Anschluss auch schon wieder die Lippen aufeinanderpresste und sich wünschte, nie etwas gesagt zu haben.
Warum versuchte er es überhaupt noch?
Es hatte keinen Sinn. Alles, was in jenem Moment passierte, war mit Sicherheit eine dieser paranoiden Wahnvorstellung. Doch wenn er einmal genau darüber nachdachte, wurde auch die ganze Zeit in Beacon als solche abgetan. Wahrscheinlich war sein ganzes Leben eine Wahnvorstellung. Die Option hatte er noch gar nicht durchdacht, doch es passte genauso gut in die Situation als hätte er sich Joseph eingebildet. Sicher hatte er das, auch wenn er eindeutige Beweise hatte, das dem nicht so war.

Diese Gedanken wogen so schwer in seinem Kopf, dass die Kopfschmerzen beinahe augenblicklich zurückkehrten. Unweigerlich ließ er die Tasse wieder auf den Tisch sinken – mit so viel Schwung, dass sie noch auf der Tischplatte zerschellte und den Detective aufschrecken ließ, selbst wenn er den ganzen Vorgang mit seinen eigenen Augen beobachtet hatte. Dennoch hatte er nicht damit gerechnet, vor allem nicht damit, die heiße Flüssigkeit, welche sich bis vor wenigen Sekunden noch in der Tasse befunden hatte, auf seiner Hand brennen zu spüren, während er für einige Augenblicke einfach nur paralysiert auf die braune Plörre starren konnte. Die kleine Pfütze weitete sich auf die gleiche Weise wie seine Gedanken einen Platz suchten, an welchem sie endlich gehört wurden.
Scheiße!
Selbst wenn er die ganze Situation hatte mitverfolgen können, realisierte er erst in jenem Augenblick, was eigentlich geschehen war.

Die Scherben der Tasse ignorierend, sprang Sebastian nahezu auf und floh in das nahegelegene Badezimmer, wollte die Verbrennung so schnell wie möglich kühlen. Auch wenn für ihn selbst die Zeit bereits wieder in Zeitlupe abzulaufen schien, immerhin bediente er mit jener Hand den Abzug seiner Waffe. Er brauchte sie und war bei Weitem bereits verletzt genug.

Zu spüren, wie sich das eiskalte Wasser an die Verbrennung anschmiegte, ließ sein Herz für einen Augenblick rasen. Der plötzliche Temperaturumschwung ließ ihn im Anschluss aber auch schon wieder ein wenig entspannen. Tief versuchte er durchzuatmen, sollte vielleicht doch lieber versuchen zu schlafen als seine Entscheidung immer im letzten Moment zu ändern, nur um sich dann doch künstlich auf den Beinen zu halten. Der Kaffee selbst schien immerhin schon lang nichts mehr zu bewirken, auch wenn er bezweifelte, dass sein Körper sich so schnell an diese Mengen Koffein gewöhnt hatte. So viel hatte er in der letzten Zeit immerhin nicht einmal getrunken, auch wenn dies wenigstens schon einmal besser war als all der Whiskey der letzten Jahre, in welchen noch viel weniger Sinn zu ergeben schien als es dies in jenem Moment tat. Dennoch konnte Sebastian nicht verschweigen, dass er dankbar dafür war, dass er Josephs Stimme endlich nicht mehr hörte.

Langsam beugte er sich tiefer über das Waschbecken in dem kleinen, schmutzigen Badezimmer, riskierte noch einen Blick in den Spiegel, welcher direkt darüber angebracht war und musste feststellen, dass sich nichts verändert hatte. Seine Augen beinhalteten den gleichen Ausdruck wie an allen anderen Tagen auch und die Augenringe, welche er erkennen konnte, sprachen ebenfalls Bände. Ein wenig kaltes Wasser konnte in jenem Zustand schon lang keine Abhilfe mehr schaffen und dennoch wischte er sich im Anschluss auch schon welches mit seinen Händen in das Gesicht. Für einen Augenblick weckte es tatsächlich auf – bis die Müdigkeit einige Minuten später auch schon wieder zurückkehrte. Doch er kannte dieses Spiel bereits, wartete nur darauf, dass es auch in jenem Augenblick wieder genauso ablief wie er es bereits kannte, doch kaum hatte er seinen Kopf auch nur ein wenig gehoben, um noch einmal in den Spiegel zu sehen, schreckte er auch schon ein weiteres Mal zurück, drehte sich augenblicklich um.
„Joseph-“, brach er seine Worte noch im gleichen Atemzug ab.
Er sah genauso aus, wie er ihn in Erinnerung hatte.

Augenblicklich drehte sich der Detective um, erwartete bereits, dass die Erscheinung dann einfach verschwinden würde, doch tat er das nicht. Oda blieb einfach stehen, hatte seinen Blick direkt auf Sebastian gerichtet und bewegte sich keinen Millimeter, doch Castellanos war sich mehr als nur sicher, dass er ihn atmen sehen konnte. Sofort streckte er seine Hand nach ihm aus.
„Du bist nicht echt, du bist nicht…“
Mehr als leises Stammeln brachte er nicht zwischen seinen Lippen hervor, bevor er seine Hand auf die Schulter seines Partners legte. Der Stoff seines Jacketts fühlte sich genauso echt an wie beim letzten Mal als er dies gemacht hatte. Viel zu genau erinnerte er sich an dieses Gefühl – es war eindeutig das Gleiche. Er konnte nicht anders als seine Hand ein wenig zu verkrampfen, hatte das Gefühl, das er mit seinen Fingern jeden Augenblick durch ihn hindurchgleiten könnte, wenn er nur für einen Moment die Augen schloss. Dieser Stoff allein fühlte sich realer an als alles was er in diesem neuen STEM bisher erlebt hatte. Er musste einfach echt sein – er musste.
„Du solltest dich für einen Moment setzen, Sebastian.“
„Wieso bist du hier? Wie bist du hierhergekommen?“
„Es ist nicht der richtige Augenblick, um Fragen zu stellen.“, entgegnete Joseph einfach nur in seiner üblichen, ruhigen Art und setzte sich selbst langsam auf den Rand der Badewanne, bevor er neben sich deutete.

Hätte Joseph das wirklich getan?
Er war es doch, oder?
Die Kopfschmerzen wurden stärker, brachten ein durchgängiges Pfeifen mit sich, an welches er sich auch nur allzu gut erinnerte.
Ruvik.
Nein, das konnte auch nicht sein. Es war einfach nicht möglich. Ruben Victoriano war genau wie Leslie Withers verschwunden. Nicht einmal Leslie wurde jemals von irgendjemandem gesehen, doch Ruvik… Wahrscheinlich war es der falsche Zeitpunkt, um darüber nachzudenken.

Ohne auch nur einen Augenblick länger darüber nachzudenken setzte auch Sebastian sich. Er konnte schon wieder deutlich sehen, dass die Welt um ihn herum zu flackern begann. Bilder aus Beacon wurden für den Bruchteil weniger Sekunden auf die Umgebung projiziert. Das menschliche Auge konnte diese Reizüberflutung so schnell kaum verarbeiten, doch Sebastian wusste was passierte. Das Gleiche war auch schon geschehen, bevor er dieses Dia aus der Klinik gefunden hatte.
„Dann bist du doch nur in meinem Kopf?“
„Ich habe doch gesagt, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist, um Fragen zu stellen.“, entgegnete der Brillenträger gleich wieder und ließ Sebastian mit seiner Aussage den Kopf schütteln.
In jenem Augenblick wagte er es nicht einmal, den Schwarzhaarigen anzusehen, nur weil er nicht wollte, dass er einfach wieder verschwand, wenn er es sich doch erlaubte den Blick zu heben. Lieber starrte er auf seine Hände, die Brandwunde an seinen Fingern. Wenn all das nur eine Illusion seines kaputten Verstands war, müsste diese Wunde doch auch einfach verschwinden können. Stattdessen jedoch wurde das Pfeifen in seinem Kopf einfach nur lauter.
Kontinuierlich, langsam, schmerzhaft.

Sebastian bemerkte es kaum, bis er wahrnahm, dass er Joseph über dieses Geräusch kaum noch vernehmen konnte.
„Wenn ich keine Fragen stellen soll, warum bist du dann hier?“
Die Worte des Detective klangen beinahe schon erdrückt, das Flackern wurde stärker. Die Bilder hielten länger an, kristallisierten sich endlich eindeutig als Beacon heraus, bis von einer Sekunde auf die andere einfach jede Richtung, in welche er blicken konnte seine Farbe verlor und sich in tiefes, tonloses Schwarz hüllte. Nicht einmal sein eigenes Atmen konnte er noch vernehmen. Eine Antwort auf seine Frage konnte er somit nicht mehr erhoffen – zumal er sie wohl gar nicht hätte stellen sollen.

Das plötzliche Licht, welches ohne jegliche Vorwarnung wieder zurückkehrte, zwang ihn nur Sekunden später auch schon dazu, die Augen für einen Moment zu schließen, in welchem sich anscheinend wieder alles normalisiert hatte. Es war das gleiche, schmutzige Badezimmer wie zuvor und Sebastian selbst fand sich vor der Badewanne hockend wieder.
„Du solltest einfach weitermachen, Sebastian. Du hast schon mal dagegen angekämpft, dann schaffst du es auch noch einmal.“
Das waren fast genau die Worte, welche er auch schon zu ihm gesagt hatte. Es fühlte sich an als würde er sich dafür revanchieren wollen, doch… Noch einmal sprang Sebastian ruckartig auf und sah sich um. Joseph war verschwunden – es gab nicht einmal Anzeichen dafür, das er sich jemals in seiner Nähe befunden hatte oder haben könnte.
„Was soll das, verdammt? Joseph, wo bist du? Du kannst nicht schon wieder verschwinden! Scheiße!“, fluchte Sebastian in die Leere, bekam jedoch – wie er es sich bereits denken konnte – keine Antwort.
Auch das klärte nicht auf, was in den letzten Augenblicken eigentlich geschehen war. Stattdessen herrschte einfach nur die absolute Stille, bis er wieder das Geräusch des Kommunikators hören konnte, aus welchem Kidman beinahe schon panische Stimme drang.

Immer wieder widerholte sie seinen Namen, fragte nach, ob er sie hören könne, bis er sich endlich dazu durchringen konnte, das Gerät in die Hand zu nehmen und zu antworten. Die Frau klang als hätte sie bereits seit einigen Minuten versucht ihn zu erreichen, doch er hatte sie einfach nicht gehört. Er hatte das Gerät doch die ganze Zeit bei sich, er hätte es hören müssen.
„Kidman?“
„Sebastian, wir hatten dich verloren! Was ist passiert? Wir mussten dich reanimieren!“
Diese Worte schlugen auf den Detective ein wie handgroße Hagelkörner.
Reanimieren?
Er war… So gut wie tot?
Sollte er wirklich antworten, wenn Mobius ohnehin alles mithören konnte?
Auf der anderen Seite jedoch, konnte Juli ihm auch nicht helfen, wenn er nicht sprach. Die Situation war mehr als undurchsichtig, ließ ihn für einen Augenblick einfach nur schweigen, bevor er sich dazu durchringen konnte, doch noch einmal etwas zu entgegnen.
„Ich habe etwas gesehen…“, mehr Worte konnte er in jenem Augenblick nicht aus seiner Kehle zwingen.
„Was hast du gesehen? Sebastian, ich kann dir helfen!“, folgte die beinahe schon viel zu schnelle Antwort der dunkelhaarigen Frau.

Sie hatte ihre Hände zu Fäusten geballt, drückte diese auf die Tischplatte vor sich und starrte beinahe schon fixierend auf den Bildschirm vor sich. Der Zustand von Castellanos schien sich gebessert zu haben, sein Herzschlag war stetig und befand sich durchaus in einem normalen Rhythmus.
„Joseph… Ich habe ihn gesehen, er war dort.“, folgten die langsamen und leisen Worte des Detective – beinahe als würde er nicht wollen, dass jemand außer ihnen beiden sie hörte, doch diese Überlegung konnte er augenblicklich wieder aus seinen Gedanken streichen.
Leicht seufzte Juli und strich sich durch das Haar, ließ für einige Momente den Kopf hängen. Dieser Schock, die Reanimation – all das war gewiss nicht spurlos an ihr vorbeigezogen. Sie musste erst einmal durchatmen.
„Ich kann dich beruhigen, er ist nicht hier. Joseph ist… Definitiv nicht im STEM.“, versuchte sie so ruhig wie möglich zu antworten und hielt sich die Stirn.
Schon beim letzten Mal hatte er so extrem auf seinen Partner reagiert. Sie hätte es wissen müssen.
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