Iasanara - Der Sohn des Kriegsherzogs ( Buch 6)

von Iasanara
GeschichteRomanze, Fantasy / P16
Drachen Elben & Elfen Orks & Goblins Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
31.05.2018
21.03.2019
79
200868
3
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Ai,
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Iasanara
Trilrona

Viel Spaß an der Seite von Rogrim, Keylessia, Todivia, Grikug, Tristram, Falael, Norg und Iva

Alexandra


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Vorgeschichte (Wistaris vermeintlich letztes Gefecht)

Der Regen setzte wieder etwas stärker ein. Dadurch bekam der kleine Platz in der Dorfmitte eine düstere Erscheinung. Der aufkommende Nebel und der durch den nicht enden wollenden Niederschlag aufgeweichte Boden, erzeugten eine Umgebung, die einer Seelenlandschaft ähnelte.
Die am Rande der Dorfmitte stehenden brennenden Fackeln, ließen die Schatten der Elbenkinder auf dem Platz zu den Bewegungen der Flamme tanzen.
Durch die ihm geboten Hast spritzte Sanguis, als er bei einigen Regimentskriegern vorbei jagte, den knöcheltiefen Schlamm auf deren Rüstung.
„Was ist denn in Rogrim gefahren, dass er ohne dir die Möglichkeit zu geben, ihn zu begleiten, aufbrach?“ Grikug starrte Sanguis hinterher, bis der Wolf zwischen den Bäumen verschwunden war.
„Das würde ich auch gerne wissen. Offensichtig dürstete es ihm mehr danach sich zu reinigen, als einem ehrenhaften Zweikampf beizuwohnen.“ Obwohl Kulgha versucht hatte die kurze Unterhaltung zwischen Todivia und seinem Bruder zu folgen, war es ihm nicht gelungen den Grund herauszufinden, warum Rogrim die Geistheilerin zu sich gerufen hatte. Allein der Gesichtsausdruck der Schamanin hat Kulgha offenbart, dass Rogrim sie um etwas unverstellbares gebeten hatte.

„Um nicht unnötige Schattenzyklen verstreichen zu lassen, setzten wir den letzten Kampf zwischen den Gardeleutnant und Tilge gleich jetzt an.“ Grikug nickte fordernd zu seinem Stellvertreter, dass er unverzüglich den Stab holen sollte. „Schafft die restlichen Elfen zurück in die Häuser.“
Die verantwortlichen Aufpasser stießen die Gefangenen in Richtung der Gebäude, als Todivia Einhalt gebot.
„Ich sehe mir die Elfen kurz vom Nahen an. Sie wirken auf mich nicht sehr kräftig. Wir möchten ja nicht, dass Einer von sich aus den Weg ins Licht bestreitet und dadurch unsere Vorgehensweise zur Zerstörung der Portale vereitelt.“
Um der Geistheilerin nicht im Weg zu stehen, wichen die Krieger umgehend einige Schritte zurück. Jeder von ihnen versuchte, gegenüber Todivia nicht aufzufallen. Obwohl es etliche Winterkreisläufe her war, dass das Regiment im Schattenrest gedient hatte, erinnerten sich Alle an die unheilsamen Geschichten über die bedauernswerten Kameraden, die bei der Schamanin einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatten.
Zusammen mit der Geistheilerin ging Grikug die Reihe der Elfen ab. Absichtlich wählte Todivia zuerst die Gefangenen an der rechten Seite. Dabei handelte es sich um Vater und Sohn. Ihre Kleider sowie die sonnengebräunte Haut zeigten der Schamanin, dass es einfache Landelfen waren. Wahrscheinlich hatten beide in ihrem Leben als einzige Waffe eine Axt zum Holz teilen und eine Erdhacke in der Hand gehalten. Bei genauerer Betrachtung entdeckte Todivia mehrere Verletzungen durch die aufgerissene Kleidung.

Anders als Rogrim beurteilte Todivia die Verfassung der Elfen ohne jegliches Gefühl des Mitleids oder Ehre. Wohl aber verabscheute die Geistheilerin ein nicht endendes Martyrium. Und nichts anderes hatte des Regiment von Grikug vollzogen. Rücksichtslos ergriff Todivia den Arm des Jungen, wobei sie den Elfen umdrehte. Wie vermutet stand die Geistheilerin einem durch Peitschenhieben zerrissenen Hemd gegenüber. Die zarte Haut war mit armlangen, tiefen, blutroten Striemen überzogen.
„Ich bin die Letzte, die mit den Finger auf jemanden zeigt, wenn es über Misshandlungen geht. Andererseits quäle ich meine Opfer nicht, um mich daran in regelmäßigen Abständen zu ergötzen.“ Todivia legte beide Hände in einen der Risse und zerfetzte die Kleidung mit einem kräftigen Ruck. Der Anblick darunter ließ die Heilschamanin in ihr heftig einatmen. Der Elf ertrug zwangsläufig ungeheure Schmerzen, trotz alledem vernahm Todivia kein Laut oder Aufkeuchen.
„Grikug, unterstehe dich jetzt wegzusehen. Ich erwarte von einem Regimentsführer ein klein wenig Ehrgefühl, dass er eine Peinigung anderen Elbenkindern nicht gut heißt“, fauchte Todivia, dabei erfasste sie mit einem harten Griff das Kinn von Grikug und drehte das Gesicht zu den geschundenen Rücken.
„Mein Regiment hat so gehandelt, wie sie es nach der Schlacht am Wolfspass für angemessen gehalten haben. Ich war nicht zugegen, um ihnen zu sagen, dass auch Gefangene einen gewissen Respekt verdienen“, gab Grikug mit kleinlauter Stimme zu.

„Athe.“ Kaum sprach Todivia das Wort der Heilung, schlossen sich die offenen Wunden. Eine gelbe Flüssigkeit tropfte aus den, durch Verschmutzung entzündeten Stellen zu Boden. Die Besserung durchzog sich über den ganzen Körper. Jede noch so unbedeutende Verletzung verschloss sich. Die einhergehenden Schmerzen verschwanden im selben Herzschlag. Seit die Schamanin neben dem Jungen stand, hörte sie das erste Mal ein Geräusch in Form eines erleichterten Seufzens.
„Ich werde ein Wort der Heilung und des Vergessens über jeden der Elfen legen. Es wäre wünschenswert, wenn die Gefangenen andere Kleidung bekämen. Womöglich finden deine Krieger in den Gehöften der beiden irgendetwas brauchbares.“
Todivia drehte den Elfenknaben erneut um, sodass er in ihr Gesicht sah. Mit einem beruhigenden Lächeln berührte die Schamanin mit dem Zeigefinger seine Stirn und hauchte das Wort „Thinnarin“. Augenblicklich änderte sich die Körperhaltung sowie der unterwürfige Blick zu den, von Orcs verhassten überheblichen Elfenausdruck.

Die Schamanin entfernte bei jeden einzelnen Elfen mit dem Wort der Magie die Erinnerung der vergangenen qualvollen Sonnenwanderungen. Insgeheim sah Todivia in der Heilung des Körpers und Geistes einen Nutzen für sich selbst. Denn längst erwachte das Verlangen, nachdem die Barriere auf dem Magiepfad eingebrochen war, die Lebenskraft des bedauerlichen Elbenkindes in einem Behältnis festzusetzen.
Zuletzt erreichte die Geistheilerin alleine den bereits geheilten Gardeleutnant mit der einzigen nicht gefolterten Elfe. Grikug entfernte sich bereits nach dem vierten Gefangenen einige Schritte von Todivia. Im Grunde teilte der Regimentsführer die Ansicht der Geistheilerin, dass die Vorgehensweisen seiner Krieger nicht dem Kriegskodex entsprachen. Trotzdem zog er unbewusst den rechten Mundwinkel nach oben, gleichzeitig kam bei der Erinnerung der öffentlichen Rüge von der Schamanin, ein verhaltenes Knurren aus dem geschlossenen Mund. Durch die Wut im Bauch erschienen auf Grikug Stirn tiefe Zornesfalten. Der angebrochene Eckzahn streifte ein wenig die Haut über der Lippe und hinterließ dabei einen blutigen Kratzer. Zumal die Geistheilerin als Vertraute des König galt, blieb dem Regimentsführer in dem Moment nichts anderes übrig, wie ihre Forderung zu erfüllen.

„Sanda.“ Todivia trat näher an Wistari, sodass niemand sonst ihr Gespräch und das Magiewort der Wahrheit mitbekam.
„Sag Gardeleutnant, warum bestand Rogrim auf deine Heilung?“
„Er sagte es bereits, ich war der Leutnant, der die Assassine Keylessia gegen ihn kämpfen ließ“, bestätige Wistari die zuvor gegebene Erklärung von Rogrim.
„Wie begegnete er dem Elfenweib, nachdem sie das Schwert verlor?“
„Keylessia fiel in die Besinnungslosigkeit. Daraufhin hob er meiner Meinung nach, die Assassine für einen Orc-Krieger in einer zu hingebungsvollen Art auf und brachte sie zu den Phedrius.“ Ungeachtet das Wistari kein schlechtes Zeugnis über Rogrim ablegen wollte, zwang ihm die anwandte Magie die Wahrheit zu sagen. Je länger Todivia über die Worte von dem Gardeleutnant nachdachte, umso mehr erklärte sich die Körpersprache und die nahezu unbemerkte Gefühlsregung von Rogrim während des Festes zur Ehre des Regiments von Vagan.
Unbeabsichtigt richtete sich der Blick der Schamanin auf das Elfenmädchen neben des Gardeleutnants. Eine zweite unzertrennliche Aura ihrer Eigenen umgab Nuala, die ausschließlich zustande kamen, wenn eine Seele ausharrte, um geboren zu werden.

Bevor Nuala etwas dagegen tun konnte, trat die Schamanin zu ihr und zog entschieden das Oberhemd aus der notdürftig geflickten Hose. Voller Furcht, dass die Geistheilerin sie ins Licht schicken würde, ließ Nuala sie gewähren. Kaum lagen Todivias gespreizte Finger auf der Haut von Falaels Gefährtin, bemerkte Nuala eine bis dahin nicht wahrgenommene Bewegung. Ihre Augen vergrößerten sich, wobei ein schriller Schrei die schockierende Neuigkeit bekräftigte. Nicht darauf achtend, ob sie die Schamanin berührte, fasste Nuala ihrerseits auf den Bauch. Nochmalig ertasteten die Hand eine Regung, die nicht da sein sollte.
„Das kann nicht sein“, stammelte Nuala, kaum das sich die wartende Seele, ein weiteres Mal zum Erkennen gab.
„Was ist los?“ Wistari beobachtete die Veränderungen in den Gesichtszügen der Frauen. In Todivias Antlitz zeigte sich ein wahres Entzücken, wohingegen Nualas Züge von der ersten Bestürzung sich unaufhaltsam zu einer schmerzlichen Fassungslosigkeit umschlug.
„Es ist nichts.“ Wieder ihre Beherrschung zurückgewinnend, entschied sich Nuala im selben Herzschlag, indem sie sich die Wahrheit eingestand, dass es besser war, dass Wistari von der bereits verlorenen Seele nicht erfuhr.
Der Gardeleutnant betrachtete sie einige Atemzüge mit skeptischen Blick. Etwas für Nuala Unaussprechliches wurde zur Gewissheit. Denn obwohl die Schamanin sich wieder neben dem Regimentsführer einfand, blieb die Verzückung in ihrer Körpersprache und Mimik bestehen.

„Bringt die Elfen zurück in die Häuser. Nur der Gardeleutnant verfügt über das Privileg, länger die frische Luft einzuatmen zu dürfen“, befahl Grikug den Wächtern. Das Verlangen endlich den versprochenen Kampf zwischen dem Elfen und seinem Stellvertreter zu sehen, verstärkte sich, nachdem er Tilge mit dem Waffenstab zurückkommen sah. Es war einige Mondzyklen her, dass der Regimentsführer einen Kampf mit einer solchen Waffe miterlebt hatte. Das damalige Gefecht neigte sich zu Ende, als er darauf aufmerksam wurde. Wie Grikug das siegesgewisse Lächeln wie auch Körperhaltung von Tilge betrachtete, fiel ihm wieder ein, dass sein Stellvertreter als Gewinner aus den beeindruckenden Waffengang hervorgegangen war.

Für Wistari wurde es zur Gewissheit, dass der bevorstehende Kampf, die letzte Möglichkeit für ihm war, das unfreiwillige Schicksal zu entgehen. Das Gefecht mit der erhofften Hinterlistigkeit zu beginnen, erledigte sich als die Schamanin angefangen hat, alle anderen Elfen zu heilen.
Der Gardeleutnant atmete ein paar Mal tief ein und aus, dadurch erhoffte er sich, dass die benötigte Ruhe einkehrte.
Zu Wistaris Verwunderung hatte er nach wie vor trockene Hände. In den vorigen Kämpfen musste der Leutnant des Öfteren die Handflächen abtrocknen, damit er die Haftung auf dem glatten Holz nicht verlor. Jene unaufmerksamen Augenblicke hatte Tilge unverzüglich ausgenützt. Er hatte nie gezögert, den im diesem Moment ungeschützten Gardeleutnant mit einem festen Schlag daran zu erinnern, wie schmerzhaft der Holzstab auf den Gliedmaßen aufprallte.
Mit nach oben gerichteten Kinn marschierte Wistari den wartenden Tilge entgegen. Wie in den letzten Gefechten lehnte sich der Regimentsstellvertreter mit einem erfolgsverwöhnten Lächeln am Pfahl. Dabei winkelte er das linke Bein an, sodass die Fußunterfläche gegen das Holz drückte.

„Ai, Gardeleutnant. Endlich ist es so weit. Der letzte Kampf, den du in diesem Leben ausführen wirst.“ Provokant stieß sich Tilge vom Pflock ab. „Wenigsten kannst du den Ahnen erzählen, dass du dein Elfen Möglichstes getan hast, gegen einen Orc zu gewinnen.“ Aus voller Brust lachend blieb der Regimentsstellvertreter vor Wistari stehen.
„Die letzten Sonnenwanderungen hast du mir dein Geschick gezeigt. Es wird an der Zeit, dass ich dir vorführe, wie Elfenkrieger kämpfen“, erwiderte Wistari mit voller Zuversicht in der Stimme.
Der Gardeleutnant streckte den Arm für einen Kriegergruß aus. Falls es sich tatsächlich um sein letztes Gefecht handeln würde, dann wollte er dieses, wie es der Gardekodex verlangte, ausfechten.
„Mögest du nicht zu viel Schlamm in deinem Gesicht wiederfinden“, verhöhnte Wistari lautstark Tilge. Kopfschüttelnd betrachtete der Stellvertreter den Gardeleutnant, um Wistari zu verhöhnen, steckte er den Finger in das linke Ohr und tat so, als ob er es reinigte.
„Die Heilung tat dir offensichtlich nicht gut. Statt deine Wunden zu genesen, gab dir Todivia eine Portion Selbstüberschätzung.“

Wistari stellte sich das erste Mal bei einem Kampf seitlich zu den Regimentsstellvertreter. Seine linke Seite war Tilge am Nächsten. Den Stab setzte er knapp neben das rechte Bein.
Wie Tilge den Stock in der offenen Handfläche über den Kopf kreisen ließ, machte sich Wistari innerlich darauf gefasst, dass im nächsten Atemzug der Zweikampf begann.
Seinen Gegner zuvorkommend führte der Leutnant eine Bewegung aus, mit der Tilge nicht rechnete.
Wistari gab dem unteren Teil des Stabes einen Tritt, daraufhin fuhr der im Matsch stehende Stock empor. Unbeabsichtigt aber mit voller Schadenfreude sah der Gardeleutnant, wie ein Brocken Schlamm nach oben schnellte und auf Tilges unbekleidete Brust landete.
Ungläubig senkte der Stellvertreter den Blick. Der Morastklumpen löste sich langsam von der Haut, jedoch blieb ein bisschen Schmutz haften.
„Ich sagte dir, dass diese Sonnenwanderung geschaffen ist, deine Hautfarbe der Natur anzupassen“,verspottete Wistari den zunehmend wutschnaubenden Tilge vor seinen Kameraden und noch ärgerlich vor dem Regimentsführer.
Der Gardeleutnant schrieb die waghalsige Überheblichkeit dem Wort der Magie zu, das Todivia kurz zuvor über ihn verhängte.

Wistari lernte aus den vorhergehenden Gefechten, die Haltung des Stabes sowie einige Abblockbewegungen von Tilge zu imitieren. Die Schattenzyklen in dem abgedunkelten Gefängnis, hatte der Gardeleutnant damit verbracht, so gut wie es mit den andauernden Qualen ging, die gesehenen Kampftechnik zu üben. Nuala hatte etliche Male versucht, Wistari zu bewegen den Körper die benötigte Ruhe für die Erholung zu gewähren. Aber mit der Gewissheit, dass jeder verschwendete Atemzug der Letzte bedeuten konnte, rafte sich der Gardeleutnant immer wieder auf.
Daher platzierte Wistari die Hände in Schulterbreite. Der Stab befand sich in paralleler Position zu dem Boden. Wie Tilge mit einem zornerfüllten Brüllen einen Schlag von oben ausführte, rutschte Wistaris rechter Fuß nach hinten. In der knienden Bewegung hob er den Stock mit ausgestreckten Armen dem ankommenden Hieb entgegen. Dadurch fing der Gardeleutnant den Schlag über seinem Kopf auf. Sofort drehte Tilge den Stab und versuchte Wistari mit einem niedrigen Streich, auf das Knie zu treffen. Aus dem Reflex heraus senkte der Leutnant die Arme, dadurch gelang es ihm, den ankommenden Schlag erneut zu blocken. Um nicht in den defensiven Kampfverlauf zu bleiben, sprang Wistari auf. Das rechte Bein landete ein Stück entfernt vom Stellvertreter. Wieder die seitliche Stellung zu den Gegner einnehmend, stellte der Leutnant den linken Fuß davor. Dabei bewegte Wistari den Stock in kreisenden Bewegungen von hinten nach vorne. Tilge blieb nichts anderes übrig, als aufmerksam die raschen Schläge abzuwehren. Mühelos brachte er den vorderen oder hinteren Teil des Stabes in eine Position, dass die Hiebe von Wistari mit einem lauten Krachen darauf landeten. Durch das Wort der Magie demonstrierte der Gardeleutnant ein Kampfgeschick, die er selbst nicht für möglich gehalten hatte. Bald hatte er Tilge so weit, dass er ihn vor sich über den Platz trieb.

Ohne darüber nachzudenken ließ Wistari den Stab vor sich tanzen. Die kreisenden Bewegungen waren in Einklang mit der Kraftströmung, die bei jedem ausgeführten Schlag durch den Körper floß.
Tilge sah durch die Falten auf der Stirn und verschmälerten Augen von Grikug, dass der Regimentsführer alles andere als erbaut über den bisherigen Kampfverlauf war. Daraufhin änderte der Stellvertreter seine Gefechtsposition. Kaum blockte er einen weiteren Angriff von Wistari ab, setzte Tilge auf einen offensiven Gegenangriff.
Bevor sich der Gardeleutnant versah, stürmte der Regimentsstellvertreter auf ihn zu. Der Stock in der Hand vollführte bei jedem Schritt den er ging eine drehende Rückwärtsbewegung. Als Folge dessen musste Wistari den Stab mit ausgestreckten Armen vor seinem Körper halten. Mit den unteren oder oberen Teil des Stockes versuchte er die raschen Vorstoße abzublocken.
Ein unkonzentrierter Atemzug reichte aus, dass es Tilge gelang, die Stabspitze unterhalb des offenen Hemdärmels von Wistari zu führen. Mit einem energischen Ruck zog der Stellvertreter die Waffe nach unten, demzufolge riss der Stoff. Gewiss das er bald einige hämische Kommentar zu hören bekommt, da sein Oberkörper längst nicht über dermaßen ausgeprägte Muskel verfügte, zog Wistari in aller Unbekümmertheit das störende Hemd aus.
Um sich mit den Gardeleutnant einen Spaß zu erlauben, stellte Tilge seinerseits ein Ende des Stabes in den nassen Schlamm und drehte ihn nach oben, sodass Wistaris Oberkörper mit dem dreckigen Spritzwasser bedeckt wurde.
„Deiner blassen Elfenhaut tut ein bisschen Mutterboden auch gut. Ansonsten blendest du meine Augen und ich schlage versehentlich zu hart auf die wohlgeformten Wangenknochen, Leutnant.“

Nicht auf das am Boden liegende Hemd zu achten, setzten die nahezu ebenbürtigen Gegner den Zweikampf fort. Mittlerweile standen sich Tilge und Wistari so nahe gegenüber, dass alleinig die fließenden Angriffsbewegungen ausreichten, den Widersacher in Bedrängnis zu bringen.
Kaum streckte der Leutnant die linke Hand aus, sodass der Stock den Stellvertreter am Arm oder Schulter erwischte, verfälschte Tilge den Schlag und vollführte eine Bewegung, dass sein Stab innerhalb von Wistaris Abwehrbereich befand.
Keinen Atemzug später prallte die Holzstange erbarmungslos unterhalb der Achsel gegen die Rippen des Leutnants. Augenblicklich setzte der mittlerweile wohl bekannte Schmerz ein. Der ausgeführte Schwung war mit solcher Kraft gesetzt, dass Wistari ein leidvolles Aufkeuchen nicht vermeiden konnte. Fast hätte er die rechte Hand zu dem schmerzenden Brustkorb geführt. In letzten Augenblick wurde er aber auf den vermeintlich entseelenden Fehler gewahr. Anstatt sich der Verletzung zu widmen, setzte Wistari auf eine Attacke.
Tilge erwartete indessen wie in den Gefechten zuvor, dass der Elfe sich von ihm abwandte. Daher kam seine Abwehr einen Atemzug zu spät. Wie aus dem Nichts donnerte Wistaris Stab mit voller Wucht auf dem rechten Oberarm von dem Stellvertreter.
Ein leichtes knackendes Geräusch des Stockes erklang bei dem ungebremsten Schlag auf die gespannten Muskeln. Zumindest spürte Wistari die Heftigkeit des Einschlages durch den augenblicklichen Schmerz, der in den Handgelenken für einige Atemzüge pochte.

Wistari starrte auf Tilge, dem ohne sein Bewusstes zutun, ein qualvolles Schnaufen entkam. Instinktiv griff der Stellvertreter auf die schmerzende Stelle. Wie Tilge es immer wieder bei Wistari durchgeführt hatte, ohne Zaudern die Unachtsamkeit des Gegners auszunützen, schlug der Gardeleutnant auf den nun linken ungeschützten Rippenbogen. Erneut bestätigte der Schmerz im Handgelenk, dass der Hieb ohne jegliche Sympathie das Ziel fand. Anders als bei Wistari ergab sich Tilge nicht der Verletzung. Der Urinstinkt des Überlebens nahm Oberhand.
„Das wird dir leidtun“, zischte der Stellvertreter in einer Lautstärke, dass es ausschließlich Wistari hörte.
Als wenn Tilge keinen Hieb abbekommen hatte, der höchstwahrscheinlich mehrere Rippen gebrochen hat, schlug er auf den Gardeleutnant ein. Das qualvolle Pochen in den Handgelenken von Wistari verstärkte sich nach jedem abgeblockten Schlag. Der Stellvertreter trieb den Leutnant vor sich über den Platz. Seine Umgebung völlig vergessend, prügelte Tilge wie von Sinnen auf Wistaris Stab ein.
Die einzige Möglichkeit aus der offensiven Kampfhaltung heraus zu kommen, bestand für den Gardeleutnant darin, abzuwarten, bis Tilge ermüdete.
Sie standen wieder in der Platzmitte, als dem Leutnant ein unumkehrbar Fehler unterlief. Wistari blockte einen Hieb mit beiden Armen nach oben ausgestreckt ab. Daraufhin drehte Tilge den unteren Teil des Stabes unverzüglich nach oben. Erneut befand sich die Waffe innerhalb von Wistaris ungeschützten Bereich. Dieses Mal aber, stoppte Tilge die Aufwärtsbewegung nicht. Dadurch entwaffnete er, den entsetzen Wistari mit einem Ruck.

Der Stab drehte sich durch den Schwung mehrmalig um die eigene Achse, um danach eine Armlänge vor Wistari am Boden aufzuschlagen. Tilge vereitelte unverzüglich den Versuch des Leutnants, die Waffe zu nehmen. Er führte ohne jegliche Rücksicht auf den Ausgang einen Schwung aus, der Wistari sämtliche Rippen gebrochen hätte. Im letzten Augenblick gelang es den Gardegeneral, sich von den ankommenden Schlag wegzuducken. Daraufhin drehte Tilge die untere Seite, mit der Hoffnung, dass der Stock Wistaris Beine wegziehen würde, nach vorne. Die Technik kannte der General schon. Als ob es das Normalste wäre, sprang er über den Stab hinweg. Diese Bewegung bewahrte Wistari vor dem schmerzlichen Einschlag, jedoch hatte er zuvor nicht überlegt, welche Gefahr der morastige Boden bereithielt. Denn kaum das der Gardegeneral mit beiden Beinen wieder aufkam, rutschte er aus und landete im Schlamm.

Wistari lag in voller Länge auf dem Rücken vor Tilge, der eine Armlänger hinter den Kopf des Gardeleutnants stand. Mit einem überheblichen Grienen sah der Stellvertreter hinab.
Für Wistari war es zu spät aus dem Bereich des vorstellbaren Schlages zu kommen. Die Möglichkeit zu haben, sich auf den unvermeidlichen Schmerz einzustellen, überstreckte er den Kopf nach hinten. Dadurch erblickte Wistari zwei günstige Gegebenheiten, die den Ausgang eventuell für ihn zum Guten wendeten.
Keinen Atemzug zaudernd, streckte er die linke Hand über den Kopf. Seine Finger erreichten gerade so das Holz des Stabes, den er sofortig umschloss. Alle noch vorhandene Kraft hineinsetzend, hob Wistari den Arm. Dadurch wuchtete er den Holzstock nach oben. Tilge sah die Bewegungen des Gardeleutnants zu spät, da er mit erhobenem Haupt zu den Kameraden geblickt hatte.
Bevor der Stellvertreter den Schlag entgegenwirken konnte, krachte der Stock auf seine Männlichkeit. Mit einem qualvollen Japsen fiel Tilge der Stab aus der Hand.

Sofort sprang Wistari auf, doch anstatt die Waffe auf den gebeugten Stellvertreter zu schmettern, bückte sich der Gardeleutnant hinter Tilge und zog an das zerrissene Hemd, was unter dem Schlamm verborgen lag.
Daraufhin und durch die gekrümmte Haltung verlor der Regimentsstellvertreter das Gleichgewicht. Mit einem klatschenden Laut landete er vornüber im Morast.
Nachdem Tilge sich auf den Rücken gedreht hatte, sah er sich Wistari gegenüber. Der Gardegeneral stand neben seinen Kopf, den Stab in einer solchen Kampfposition, dass er innerhalb von einem Atemzug den Kehlkopf von Tilge zerschmettern konnte.
„Dich wieder an dein Ehrenwort erinnernd, dass wenn ich dich zu Boden bringe, du mich aus der Gefangenschaft entlässt, scheint es, dass ich weitere Kämpfe in diesem Leben durchführen werde.“ Wistari bot dem schlammüberzogenen Tilge die Hand. Wissend, dass Orcs bei Waffengänge den Ehrenkodex nie vergessen, wähnte sich Wistari in Sicherheit.
„Du überrascht mich Leutnant. Niemals habe ich dir zugetraut, dass es dir gelingen würde, mich zu bezwingen. Ich freue mich jetzt schon darauf, dir einmal in einem Gefecht gegenüber zu stehen.“ Tilge verzichtete auf die ausgestreckte Hand. Nicht weil er sich dafür zu gut war, aber die Geste war eher eine Symbolik als eine wirkliche Hilfestellung. Wie sollte auch der schmächtige Elfe einen ausgewachsenen Orc aufhelfen.

Wistari marschierte zusammen mit Tilge zu Grikug. Obwohl der Regimentsführer einen verlorenen Kampf nicht gut hieß, erhielt der Gardeleutnant den gebührenden Respekt.
„Die kräftige Männlichkeit eines Orcs ausnutzen, um ihn in die Knie zu zwingen, kann auch nur einen Elfen einfallen“, begrüßte Grikug, den vor ihm stehenden Wistari.
„Manchmal entsteht daraus ein Vorteil, wenn man etwas kleiner gewachsen ist.“
Lachend über die zweideutige Antwort vom Leutnant schlug der Regimentsführer ihn auf die Schulter.
„Obwohl mein Stellvertreter die Vereinbarung mit dir traf, werde ich, wie es der Kampfkodex verlangt dieser Abmachung nachkommen. Wir bringen dich bis zu der Grenzbrücke. Zum nächsten Sonnenuntergang wirst du Litaesi erreichen.“ Grikug winkte einen nahestehenden Krieger, dass er zwei Blazeton bringen sollte.
„Wenn du es erlaubst, werde ich ihn selbst bis zur Brücke bringen“, bat Tilge.
Nach einem Blickaustausch zwischen Grikug und dem Stellvertreter, bejahte der Regimentsführer die Bitte mit einem Kopfnicken.

„Schamanin, was hast du vorhin Nuala angekündigt?“, hinterfrage Wistari nebenbei, als er sich auf das Reittier setzte.
Mit einem boshaften Lächeln um die Lippen drehte sich Todivia den verdreckten Leutnant zu. Ihre Augen wanderten über den schmächtigen unverhüllten Oberkörper. Wenngleich das Erscheinungsbild des Elfen einem halbwüchsigen Orc nahe kam, strahlte er eine Besonderheit aus, die durch seine Abstammung aus einer hohen Dynastie entstand.
„Ist die Kleine eine deiner Gespielinen?“
„Nein, sie ist die Gefährtin meines Vaters.“ Neuerlich kamen ungewollt die wahren Wörter aus Wistaris Mund.
„Wer ist denn dein Vater?“, begehrte Grikug, argwöhnisch zu wissen.
„Falael, Gardegeneral und Leibwächter der Königin.“ Obwohl er die verhängnisvolle Antwort aussprach, legte Wistari die Hand vor den Mund.
„Der Sohn des Generals ...“ Grikug sah im Gedanken bei Wistari vorbei. Erleichterung breite sich im Magen des Regimentsführers aus. Mittlerweile erfreute es ihm, dass der Elf das Gefecht gewonnen hatte. Auf einen Gardegeneral, der auf Vergeltung aus war, konnte er gut verzichten.
„Dann wirst du deinem Vater Falael ausrichten müssen, dass du für die nächsten Winterkreisläufe sein einziger Stammeshalter bleiben wirst“, beantwortete Todivia die Frage in einem empfindungslosen Tonfall.
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