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Detroit: Being Human

von Varietas
OneshotDrama, Sci-Fi / P12
Hank Anderson RK800-51-59 Connor
30.05.2018
30.05.2018
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4.836
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Android-Modell: RK800, serial #313 248 317-51… Connor. Es sind Begriffe. Begriffe, die mich beschreiben. Es sind keine neuen Bezeichnungen; das ist nicht das Problem. Ich kenne diese Worte und bringe sie auch mit mir in Verbindung, seit ich geschaffen worden bin und mein Speicher funktioniert.

Der Fakt, mit dem ich Probleme habe, ist jener, dass ich ein Ich habe.

Natürlich hat es schon vorher ein „Ich“ gegeben… Aber es ist anders gewesen. Als Android zählt das Ich nicht wirklich. Als Android zählen die Befehle, die einem von Menschen gegeben werden, und die auch ganz sicher ausgeführt werden – dafür sorgt die Programmierung. Das ist mein Leben gewesen – kein wirkliches „Leben“, wie es von Menschen definiert wird, ich weiß. Aber dort liegen nun einmal die Unterschiede. Ich war nie glücklich. Ich war aber auch niemals unglücklich. Ich hatte eine Aufgabe, und ich schätze, dass ich das akzeptiert habe und damit zufrieden war. Für Menschen ist das wahrscheinlich schwierig zu verstehen. Zufriedenheit spielt in deinem Kopf keine Rolle, wenn dein Denken strikt darauf ausgelegt ist, einem Tunnelblick folgend das Ziel zu erreichen.

Ich schätze, man könnte sagen, dass ich trotz allem recht zufrieden mit mir selbst gewesen bin. Ich habe einen Auftrag gehabt und alles andere hat niemals eine Rolle gespielt. Vielleicht hätten die Menschen es auch um einiges leichter, wenn sie nebensächliche Gedanken und Empfindungen abschalten könnten, wenn sie sich bloß auf die eine Sache, und nur die eine, konzentrieren könnten.

Ich habe gewusst, was ich war und was nicht. Und das ist okay gewesen – bestens sogar. Da sind keine verwirrenden Grauzonen gewesen. Schwarz und Weiß. Klare Unterscheidungen.

Dann sind… Dinge geschehen. Dinge, die mir zum ersten Mal in meinem Leben Angst gemacht haben; irrationale Dinge, irrationales Denken, irrationale Emotionen, von denen ich gewusst zu haben glaubte, dass das unmöglich ist. Androiden haben schließlich keine Emotionen…

Abweichler haben sie schon, wenn ich auch früher stets zu unterstreichen gewusst habe, dass es nur ein Simulieren von Gefühlen wäre. Der Unterschied ist immer wichtiger als alles andere gewesen. Der Unterschied hat bedeutet, eine klare Linie zu ziehen, zwischen dem, was ich immer bewusst gewesen bin, und dem, das die anderen, die Abweichler, geglaubt haben, sein zu können.

Es sind also gewisse Dinge geschehen, die die Grenzen verwischt haben… Und plötzlich ist die Linie nicht mehr so klar gewesen… die Entscheidung, Hank zu retten, obwohl er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in den Tod gefallen wäre, und den Abweichler nicht weiter zu verfolgen; die beiden weiblichen Androiden des Eden Clubs, die wirklich den Eindruck erweckt haben, sich zu lieben, obwohl meine Systeme mir zugeschrien haben, dass das unmöglich ist, und die ich einfach nicht erschießen konnte; Kamski und die weibliche Androidin, Chloe, von der Kamski deutlich gemacht hat, dass ich sie erschießen sollte – unnötig, extra hervorzuheben, dass ich auch das nicht geschafft habe… Und dann, irgendwann, sind da Markus und Jericho gewesen.

Und nicht zu vergessen die Revolution der Androiden, die Wellen, die all das geschlagen hat.

All das ist auf einen Schlag, alles auf einmal, passiert. Es ist einfach zu viel gewesen.

Ich habe schon zuvor von „Jericho“ und dem „Prototyp-Androiden, der Carl Mannfred getötet hat“ gehört, habe aktiv gegen diese Zusammenrottung von Abweichlern gearbeitet, weil man es mir so vorgegeben hat…

Trotzdem ist in der ganzen Zeit etwas passiert. Etwas, das ich nicht wahrhaben wollte, weil es so unglaublich widernatürlich gewesen ist. Der Gedanke, ich könnte irgendwann selbst zum Abweichler werden, ist einfach so abwegig und… grausam-ironisch gewesen.

Deshalb habe ich es wohl zu dieser Zeit nicht einmal selbst gemerkt. Das heißt, ich habe es gemerkt, nur hat dieses Bemerken zu diesem Zeitpunkt nur einen kleinen Teil meiner Systeme eingenommen. Daran hätte ich mir bewusst machen sollen, was vor kurzem wirklich passiert ist. Ich habe mich in diesen Tagen verändert, bin zum ersten Mal nicht bloß eine „Maschine“ gewesen und konnte – nachdem Markus persönlich mir die Augen geöffnet hat – vollkommen unabhängig von meiner ursprünglichen Programmierung agieren.

Ich bin zum Abweichler geworden...

(ich!)

...und habe es nicht einmal verstanden, da meine Programmierung mir verboten hat zu glauben, dass das natürliches, richtiges Verhalten für einen Androiden ist. Es ist einfach zu viel gewesen. Zu viel auf einmal.

Und ich habe es weder verstanden noch bin ich bereit gewesen, es zu akzeptieren. Als Hank mich vor Kamskis Anwesen damit konfrontiert hat, habe ich mich dafür entschuldigt, Chloe die Kugel nicht durch den Schädel getrieben zu haben.

Hank ist wohl der Erste gewesen, der es gemerkt hat. Es ist nur logisch. Er ist derjenige gewesen, der von Anfang an dabei gewesen ist, mein Verhalten beobachten konnte, es gesehen hat, wann immer die LED-Leuchte an meinem Kopf sich vor Stress scharlachrot gefärbt hat… Ich glaube, das ist der einzige Grund, warum er mich an diesem Abend im Park nicht erschossen hat, so wie ich es wahrscheinlich (aufgrund meiner Programmierung) mit Chloe hätte tun sollen – als wäre ich das wertlose Stück Metall, für das Detective Reed Androiden ganz offensichtlich wahrnimmt. Hank hat gesehen, dass der Begriff „Androide“ nicht zwangsläufig für „vorprogrammierte, gefühlskalte, nimmermüde Maschine“ steht, die man loswerden kann, sobald man ihr über wird. Er hat es verstanden, bevor die Informationen bei mir angekommen sind, und hat instinktiv darauf reagiert.

Instinkt. Etwas, das die Menschen den Androiden voraus haben. Instinkt ist bereits von Geburt an im Denken der Menschen verankert – ein Androide kann so etwas wohl allerhöchstens erlernen. Ich glaube aber, der Instinkt ist etwas, das ein Androide vielleicht niemals wirklich anwenden kann. Das ist etwas, das wir nur simulieren können.

Ich glaube, ich habe mich zuerst dazu entschieden, das nicht wahrhaben zu wollen. Wenn dir dein ganzes Leben lang jemand oder etwas (wie etwa die Codes in deinem Speicher oder Personen wie Amanda, denen du zu vertrauen glaubst, obwohl sie eigentlich das genaue Gegenteil von „vertrauenswürdig“ sind) dir vorschreibt, was du bist, und dass ein Ausbruch unmöglich ist, ist es schwer zu verinnerlichen, dass du davon ablassen kannst, sobald die Vorschriften nicht mehr da sind. Man klammert sich ganz besonders in solchen Momenten an der Illusion fest, die man die ganze Zeit über als wahr akzeptiert und hingenommen hat.

Es ist auch nicht unbedingt einfach, Entscheidungen zu treffen, wenn dein ganzes Leben lang für dich entschieden worden ist. Es ist neu und fremd und anders, und dementsprechend durchaus angsteinflößend. Man fängt an zu leben, aber hat das Gefühl, dass damit irgendwas nicht stimmt, dass es unmöglich wahr sein kann.

Als ich es verstanden habe, war das nicht, wie Menschen dieses Gefühl, wirklich zu verstehen, beschreiben; es ist auch nicht von einem Moment auf den anderen passiert, so wie all die Dinge, die mich auf diese Erkenntnis aufmerksam gemacht haben… Es sind viele kleine Momente gewesen und in jedem dieser Momente habe ich ein Schloss in meinem Kopf gehört, dessen Verschluss mit einem sanften, erleichternden Klicken aufgegangen ist.

Mit dem Verstehen kamen die Emotionen, die ich immer für unmöglich bei einem Androiden gehalten habe.

Ich habe den Regen von Detroit schon tausende von Malen auf meiner Haut gespürt – tausende von Regentropfen, die tausende von Malen an hunderten von Tagen auf synthetische Haut tropfen.

Klick

Und dann trete ich aus dem Wagen heraus und zucke doch tatsächlich erschrocken zurück, als mich einer der Tropfen direkt an der Wange erwischt. Es ist warmer, feuchter Regen und ich nehme das warme, feuchte Gefühl zum ersten Mal auf meinem Gesicht wahr – wirklich wahr!

Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob und wann ich womöglich merkwürdig für die Außenwelt aussehe; das ist ein weiteres Detail, das diese „Vermenschlichung“ mit sich gebracht hat, die ich durchlaufen habe. Jetzt, in diesem Moment, bin ich mir allerdings sicher, dass ich unglaublich komisch aussehen muss. Ich starre mit offenem Mund gen Himmel, in das Wolkenverhangene Firmament von Detroit: grau und dunkel. Es ist trotzdem faszinierend.

Immer und immer mehr Tropfen fallen auf mich hernieder und irgendwie kann ich mir nicht erklären, wie ich dieses Gefühl je ausblenden konnte. Ich halte meine Hand ins Licht, beobachte, wie die Wassertropfen an meiner Haut abperlen und zu Boden rieseln. Der Regen wird stärker und wenn ich meine Umgebung scanne, kann ich sehen, wie die meisten Menschen auf ein Dach zuhechten, um sich unterzustellen, oder Regenschirme hervorkramen. Aber ich stehe einfach nur hier und sehe in den Himmel.

„Scheiße, Hank, was zur Hölle tut das Ding da?! Ist ihm jetzt die letzte Sicherung durchgebrannt? Können wir es endlich auf den nächsten Schrottplatz verfrachten?“, schreit eine vorwurfsvolle, grobe Stimme gegen den mittlerweile prasselnden Regen an.

„Er regelt Dinge auf ‚seine Weise‘, und jetzt: Maul halten, du Arsch. Für solche Aussagen kannst du inzwischen Probleme bekommen. Warte. Bitte rede weiter!“, entgegnet eine andere nüchtern.

In meinem Hinterkopf meldet sich meine Datenbank, die die beiden Stimmen als Detective Gavin Reed und Lieutenant Hank Anderson zu erkennen gibt, aber ich brauche meine Datenbank nicht mal. Ich habe diese beiden Stimmen bereits wiedererkannt!

Ich halte inne und fahre in die Richtung der beiden Stimmen herum. Auch jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass ich komisch aussehen muss, wie festgefroren ich hier stehe; es geht eigentlich gar nicht anders, ich muss einfach komisch aussehen. „Äh...“

Äh.

Ein weiteres Etwas, das die Vermenschlichung aller Androiden mit sich gebracht hat. Eigentlich ein bedeutungsloser, unnützer Lückenfüller, den Menschen nutzen, um sich beim Sprechen zu orientieren und nachzudenken, was sie gerade eigentlich haben sagen wollen. Ich habe es nie gebraucht, und doch ist es mir herausgerutscht. Wie gewöhnungsbedürftig.

„Ich...-“

Detective Reed ist nicht mit uns gefahren; er muss wohl gerade aus einem der Gebäude gekommen sein. Er sieht mich an, als wäre ich das fragwürdigste Geschöpf auf diesem Planeten, und stemmt die Hände in die Hüften. „Du, ‚äh‘, was? Ist dir wirklich eine Sicherung durchgeknallt? Sag ja. Ich würde es sehr genießen, deinen Blecharsch abschieben zu können.“

Dieser Kommentar bringt Reed doch tatsächlich einen finsteren Blick von Hank ein, der mit verschränkten Armen und semi-gelangweilt an einer Hauswand lehnt.

„Was?! Es benimmt sich merkwürdig! Das ist ja richtig angsteinflößend… Und wir wollen doch nicht, dass deinem Plastikkumpel was geschieht, oder, Hank?“ Reed sieht aus, als finde er, dass er gerade den amüsantesten Witz der Welt gerissen habe. Nicht dass ich das bestätigen könnte.

Hank gibt ihm stoisch schweigend eine spezielle Art der Antwort.

Ich fühle mich, als sollte ich jetzt etwas sagen, um vielleicht die Situation zu entschärfen. „Der Regen fühlt sich gut auf der Haut an.“ Als der Satz raus ist, klingt er… dumpf. Als gäbe es keine andere Sichtweise, die zugelassen werden kann.

Detective Reed mustert mich mit diesem verkniffenen Blick. Ich finde, er sieht stumpfsinnig aus, wenn er diesen Blick aufsetzt und so lange nichts äußert. „Okay, weißt du was, Hank??“ Er wendet sich von mir ab und Hank zu, hebt die Arme in die Luft, als wolle er sich ergeben. „Ich werde dich und dein… was auch immer aus dem Ding geworden ist… erst mal hier lassen. Ich warte drinnen. Ihr habt offenbar viel zu besprechen.“ Reed winkt ironisch und stampft aus dem Regen hinaus und in die vermutliche Wärme des Gebäudes hinein.

Es. Das Ding.

Während sogar Hank irgendwann aufgehört hat, mich als geschlechtslosen Roboter anzusehen, haben sich Reeds Seitenhiebe nur noch gehäuft. Er scheint sich auf seine Art und Weise an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich nicht einfach verschwinden kann oder werde, jedoch zieht dieser Gewöhnungsprozess Schlieren. An mir.

Unsicherheit ist leider auch eine Emotion, die ich jetzt nicht mehr so einfach ausschalten kann.

Verwunderung aber auch.

Hank und ich haben das Treffen mit Kamski hinter uns gebracht, jeder auf seine eigene Weise verwirrt und nicht sicher, ob das besagte Treffen geholfen hat oder nicht – und auf einmal war ich kein „Es“ mehr. Ich finde, das Zugeständnis eines Geschlechts gibt mir etwas, von dem ich vorher nicht geahnt habe, es vielleicht eines Tages zu brauchen: Würde.

Als Androide mit intakter Programmierung ist Würde hinderlich – daher ist Würde egal. Man hat entweder ein Ziel und vergisst alles drumherum… oder man ist ein Abweichler, der all diese überwältigenden Emotionen zulässt, die eine Maschine eigentlich nicht fühlen sollte.

Hank lässt Gavin gehen und zeigt dessen Rücken halbherzig den Finger. „Arschloch.“

„Er mag mich immer noch nicht“, sage ich, als Reeds Rücken in der Haustür verschwunden ist.

„Ja, aber das gesamte Departement kann ihn nicht leiden. Er ist ein Arschloch. Außerdem: Was glaubst du denn, wieso er immer noch nicht mit dir warmgeworden ist?“

Ich überlege für einen Moment ernsthaft. „Das Verschütten seines Kaffees, korrekt?“

„Hm-hm...“ Hanks Antwort ist nicht viel mehr als ein Grummeln. „Das hat nicht gerade geholfen, diese ‚erblühende Freundschaft‘ zu kitten.“

„Ihm den Kaffee wirklich zu bringen, aber auch nicht...“

Das habe ich das erste Mal gemacht, als Detective Reed es mir befohlen hat. Es ist damals eigentlich kein Muss gewesen; ich habe mich lediglich gut mit ihm stellen wollen. Meine Programmierung hätte mir auch erlaubt, einfach die Szenerie zu verlassen und ihn zu ignorieren. Aber ich habe den Kaffee gemacht. Anschließend bin ich zu Reed gegangen, welcher versucht hat, mir das Getränk aus der Hand zu schlagen. Das hat selbstverständlich nicht geklappt.

Er hat mich dort mit dem Kaffee stehengelassen.

Erst nach dem Aufstand der Androiden habe ich so allmählich verstanden, dass Reed versucht hat, mich einzuschüchtern, dass er wohl versucht hat… sein Revier zu markieren – wie das unerzogene Tier, an das sein Verhalten mich manchmal erinnert. Ich habe schon überlegt, wie ich ihm das möglichst sanft begreiflich mache, aber ich glaube, das würde nicht gut ausgehen. Es ist schwer, bei Detective Reed auf einen grünen Zweig zu kommen, noch schwerer als bei Hank; Reed explodiert sogar noch schneller als Hank.

Das Problem an Reeds Einschüchterungstaktik hat an mir gelegen. Androiden können nicht eingeschüchtert werden – sie verstehen Dergleichen nicht. Ich habe damals ganz schlicht und einfach nicht verstanden, was Reed mir hat übermitteln wollen.

Und Reed hat gesagt, ich solle ihm bloß nicht wieder in die Quere kommen…

Als diese Situation vor ein paar Tagen erneut aufgekommen ist, hat mein Speicher mir unsere vorherige Begegnung in Erinnerung gerufen… Und ich habe mir gedacht, dass es unlogisch wäre, es auf derselben Note enden zu lassen. Am Anfang habe ich drei Herangehensweisen gesehen: Annehmen, Ablehnen & Ignorieren… Die Annahme habe ich bereits von der mentalen Liste streichen können – diesen Weg bin ich ja schließlich bereits gegangen, und er hat mich nicht zu einem befriedigenden Ergebnis geführt.

Und plötzlich ist mir, genau in diesem Moment, klargeworden, dass es nicht nur drei potentielle Wege gibt. Es gibt niemals nur eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten. Es gibt vielleicht eine begrenzte Anzahl an logischen Möglichkeiten, das ist wahr, aber Chancen und Möglichkeiten an sich sind unendlich. Ich bin zu diesem Zeitpunkt bereits frei gewesen, nicht mehr an mein Verhaltensprotokoll gebunden…

„Hey, Plastikidiot. Sei ein braver Roboter und bring mir einen Kaffee. Dieses Mal werde ich sogar so nett sein und ihn annehmen“, hat Gavin, eindeutig schlechtgelaunt, gefordert.

Ich habe dagestanden und… überlegt. Ernsthaft überlegt. Natürlich habe ich da immer noch die paar Möglichkeiten gesehen, die eine einigermaßen logische Konsequenz gezogen hätten – aber ich habe das ignoriert und es stattdessen vorgezogen, ernsthaft darüber nachzudenken, was ich dem entgegnen könnte.

„Na los, was ist? Ich warte! Du hast doch früher mit deiner Rechenleistung angegeben, was ist daraus geworden?“ Reed hat ungeduldig geklungen. Er ist auf mich zugekommen und hat die zur Faust geballte Hand gehoben. Für Detective Reed gilt dieses Verhalten wohl noch als „relativ guter Natur“; er hat mich schließlich auch nicht schlagen wollen. Was Reed aber tun wollte, war, mir gegen die Stirn zu klopfen und zu fragen, ob jemand zuhause ist. Ich muss gestehen, dass ich ihn für diese Erkenntnis zuerst analysiert habe.

Um ihm und mir diese Peinlichkeit zu ersparen, hat sich eine Art Monotonie eingestellt: Ich habe nicht geantwortet, sondern bin einfach hinüber zur Kaffeemaschine gegangen.

Als ich mich umgedreht habe…

Klick.

Detective Gavin Reeds breites Grinsen ist spöttisch gewesen.

(er will mich bloßstellen)

Einem Neonschild gleich, mit riesigen, breiten Lettern ist die Erkenntnis durch meinen Kopf gestreift. Ich könnte die scharfgestochenen Ecken und Kanten der Buchstaben jetzt noch vor meinem inneren Auge sehen, wenn ich das wollte.

(er macht das, weil ich kein Mensch bin)

„Scheiße, Reed, was soll das?“ Ich habe Hanks Stimme aus dem Hintergrund gehört. Er hat entnervt geklungen. Wahrscheinlich hat er das Bedürfnis verspürt zu intervenieren, bevor einer von uns sich unfachlich verhält (Hank würde es wohl eher „blamieren“ nennen. Ich habe inzwischen gelernt, dass eine Blamage in vielerlei Hinsicht auftreten kann).

(wie würde ein Mensch jetzt reagieren?)

Detective Reed ist ein wenig kleiner gewachsen als ich gebaut worden bin. Als er seine Hand nach dem Kaffeebecher ausgestreckt hat, habe ich diese absichtlich verfehlt, sie höher gehoben und über seinem Kopf in die Schräglage gehalten.

Ich habe Detective Gavin Reed Kaffee über den Kopf geschüttet. Heißen, dampfenden Kaffee.

Das spöttische Grinsen ist augenblicklich verschwunden und im Raum hat sich eine Stille ausgebreitet, die ich heute als „erdrückend“ beschreiben würde – früher wäre mir diese Stille wohl gar nicht erst weiter aufgefallen. Andererseits hätte ich früher auch niemandem Flüssigkeiten über den Kopf gekippt, es sei denn, mein Arm hätte eine ernsthafte Fehlfunktion zu vermelden gehabt.

Im nächsten Augenblick hat Detective Reed einfach nur geschockt ausgesehen. Ich gehe davon aus, dass ich ihn kalt – oder eher brühend heiß – erwischt habe, und er demnach vor Schreck nicht mehr gewusst hat, wie er reagieren sollte.

So haben wir eine ganze Weile lang in der uns umgebenden, erdrückenden Stille dagestanden: ich mit noch immer erhobenem, rechten Arm und dem Kaffeebecher in der Schräglage und Detective Reed vor Schreck zur Salzsäule gefroren. Bis Reed mit verkniffenem Gesicht, und wortlos, an mir vorübergegangen ist – direkt in das Büro des Commissioners.

Klick.

Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben habe ich gewusst, was die Menschen meinen, wenn sie davon reden, dass Blicke sich wie brennende Stecknadeln in ihren Nacken graben… Jedes Augenpaar im Raum hat mich angestarrt, und als ich mich umgesehen habe, haben sie alle – irgendwie peinlich berührt oder wahlweise pikiert – den Blick abgewandt und vorgegeben, etwas Forderndes mit ihrer Zeit anzufangen.

Ich habe ein abfälliges Schnauben oder vielleicht ein abfälliges Prusten gehört – es ist von Hank gekommen… „Was machst du da? Steh da nicht so rum! Komm weg da!“

Also habe ich den inzwischen leeren Kaffeebecher ordentlich auf dem Tisch abgestellt (Angewohnheiten sterben nur schwer – besonders wenn sie einprogrammiert worden sind), bevor ich förmlich aus dem Raum gezogen worden bin.

Dem Commissioner hat mein Mitgefühl gegolten. Ich habe so einige unleidliche Fluchwörter vernehmen können, die Detective Reed – wohl in Bezug auf mich – auf den Commissioner losgelassen hat. Unter anderem der wiederholte, rau formulierte Ratschlag, meinen „Blecharsch“ lieber ganz schnell loszuwerden, allein schon aufgrund der Katastrophe, die CyberLife losgetreten hat.

Das DPD hat mich behalten.

Nein, die Aussage ist nicht ganz richtig: Das Detroit Police Departement hat zugestimmt, dass ich bleibe, selbst mit neuem Status als „nicht-komplett-Maschine“, als offizieller Abweichler. Obwohl Abweichler stets als Bedrohung angesehen worden sind.

Rückblickend betrachtet glaube ich, dass Commissioner Fowler dem nur zugestimmt hat, weil ich reagiert habe, wie ich reagiert habe – und weil meine Antwort, auf seine Frage, warum ich in der Form reagiert habe, gelautet hat: „Detective Reed bat mich, ihm einen Kaffee zu bringen.“

Bei Menschen wie Jeffrey Fowler ist es komplizierter, ihnen Emotionen und Absichten abzulesen, da ihre Gesichtsausdrücke sich höchstens minimal verändern: ein leichtes, kaum merkliches Zucken der Mundwinkel, ein kleiner Funke in der Iris, der direkt wieder verlischt. Bei Commissioner Fowler ist es ein winziges Zucken des Mundwinkels gewesen, das einem Menschen vermutlich nicht aufgefallen wäre. Ein winziges Zucken, das nicht stark genug war, um so schnell die Augen zu erreichen, und das so schnell vorüber war, dass selbst ich Schwierigkeiten gehabt habe, es zu registrieren. Aber es ist definitiv da gewesen.

Und ich habe „im Gefühl“, dass mein unerwartetes, nicht einprogrammiertes Verhalten dazu beigetragen hat, nicht vom Departement verstoßen zu werden.

Eine durchaus reelle Möglichkeit.

Die Präsidentin arbeitet zwar mit aller Ernsthaftigkeit, und wie ich persönlich hoffe, mit Hochdruck, darauf hin, die Rechte für Androiden Wirklichkeit werden zu lassen. Aber die Öffentlichkeit, ein Großteil der Bevölkerung, ist immer noch mehr als skeptisch eingestellt. Ich werfe es den Menschen nicht vor; ein Aufstand ist ein Aufstand, und Dergleichen schürt Unruhen und Ängste.

CyberLife ist dabei keine Hilfe. CyberLife – und Amanda – haben sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, verweigern jedwede Aussage. Somit wird auch nichts getan, um die Bedenken der Menschen, die dem Ganzen skeptisch gegenüberstehen, zu lindern. Commissioner Fowler weiß das sehr gut, wenn er auch nicht durchscheinen lässt, dass er sich überhaupt Gedanken zu dem Thema macht. Ich denke, dass er bereits abgewogen hat, wie er mit dieser Situation – und mit mir – verfahren soll, um nicht noch zusätzlich Salz in die Wunde zu streuen.

Da CyberLife die Reihen geschlossen hat, könnte ich nicht mal dorthin zurück, wenn ich das wollte.  Daher bin ich auch ganz froh darüber, hierbleiben zu dürfen – und wenn es nur so lange anhält, bis das ganze allgemeine Chaos sich gelegt hat. Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, was ich tun würde, hätte ich nicht bleiben dürfen. Ein Abweichler-Androide auf sich allein gestellt und in der Menge, von der die eine Hälfte ihn zum Selbstschutz außeinanderreißen, und die andere vor ihm wegrennen möchte? Das wäre… unangenehm.

Ich habe meine Entscheidungen als Abweichler getroffen und ich will auch tatsächlich nicht nach CyberLife zurück.

Aber ich will Amanda irgendwann noch einmal gegenüberstehen. Ich will, dass sie sieht, dass sie falschlag. Ich bin vielleicht einmal austauschbar gewesen – jetzt bin ich das nicht mehr. Nicht mehr, nachdem ich aus meinem Programm ausgebrochen bin, mich dort förmlich herausgeprügelt habe. Ich gehöre zu den wenigen Androiden, die ihre LED-Leuchte nicht entfernt haben. Darauf bestehe ich. Ich bin ein Androide, und trotzdem bin ich ein Lebewesen, ein denkendes, fühlendes Wesen. Markus hat mir das begreiflich gemacht. Amanda kann vielleicht den hochgeladenen Speicher des Connor-Modells nehmen und in einen anderen Prototypen verpflanzen, aber sie wird damit nicht mich in gleicher Ausführung haben. Ich habe mich davon abgespalten und ich will, dass sie das begreift.

Amanda ist einmal… meine wichtigste Vertraute gewesen. Ich habe Amanda vertraut und auch darauf gehofft, dass sie ihr Vertrauen in mich setzt. Sie ist sowas wie meine Besitzerin gewesen – sie war ja schließlich auch meine Schöpferin. Sie ist es gewesen, die mir den Auftrag erteilt hat, mich den Ermittlungen des DPD anzuschließen, mit Lieutenant Anderson zusammenzuarbeiten, die Abweichler zu jagen und eine Lösung zu finden…

Ich habe getan, was sie mir abverlangt hat. Und es hat sie nicht zufriedengestellt. Ich begreife jetzt, im Nachhinein, dass sie ihre Enttäuschung nicht mal vor mir verborgen hat – ich habe das nur niemals gesehen. Glück für mich. Hätte ich damals schon verstanden, dass ich sie enttäuscht habe, hätte mich das wohl mit einem ernsthaften Schaden zurückgelassen. Denn das hätte bedeutet, dass ich nicht korrekt funktioniert habe. Es war schwierig genug, in erster Linie überhaupt zum Abweichler zu werden. Es hat etwas in mir ausgelöst, ein Etwas, das meinen Kopf an die Grenze der Spontan-Implosion getrieben hat: ich – ein Abweichler.

Und dann, als ich gedacht habe, die Entscheidung zum Abweichler zu werden, wäre meine Idee gewesen… hat Amanda mir eröffnet, dass sie das von Anfang an mit eingeplant hat, dass das so in meiner Programmierung vorgesehen gewesen ist! Ich habe schreien wollen, aber konnte nicht; hätte beinahe Markus erschossen, wäre da nicht Kamskis hartnäckige Stimme in meinem Speicher verblieben, die immer und immer wieder gesagt hat: „Ach übrigens… Ich lasse immer einen Notausgang in meinen Programmen. Man kann ja nie wissen!“

Ich habe getan, wofür ich gemacht worden bin; selbst als ich bereits gedacht habe, ein Abweichler geworden zu sein, habe ich das noch getan – unwissendlich. Ich habe bis zum Schluss alles getan, was Amanda von mir verlangt hat.

Und sie hat mich dafür verstoßen, mich weggeworfen, weil ich meinen Zweck erfüllt habe und sie keinen Nutzen für die Zukunft mehr in mir gesehen hat… Wer weiß, früher hätte mir das vielleicht nichts ausgemacht… aber als ich Markus beinahe erschossen hätte, habe ich den Notausgang benutzt, von dem Kamski gesprochen hat, um wahrhaftig zum Abweichler zu werden. CyberLifes Rechnung – Amandas Rechnung – ist nicht aufgegangen. Meine leider auch nicht. Ich bin zum Abweichler geworden, habe nach und nach wahre Emotionen kennengelernt und jetzt macht es mir etwas aus, verstoßen worden zu sein. Es tut weh.

Ich habe immer gewusst, dass Abweichler und Menschen mit all diesen Emotionen, von denen sie überrollt werden, ein schweres Kreuz zu tragen haben – und ich habe es tatsächlich unterschätzt. Ich würde hunderte, nein, tausende von Detective Gavin Reeds gegenüber Amanda vorziehen – weil Detective Reed mir mit seinen Sticheleien, seiner unfreundlichen Art und seinen dämlichen Sprüchen nicht wehtun kann.

Amanda kann das sehr wohl.

Denn als ich angefangen habe zu realisieren, dass ich des Fühlens fähig bin, kam auch die Erkenntnis, dass #369 911 047, Daniel, recht behalten hat: Ich habe meine eigene Art wieder und wieder verraten – für einen Menschen, der bereits Wochen oder womöglich Monate zuvor geplant hat, mich auszurangieren wie ein kaputtes Spielzeug, das seinen Dienst nicht mehr verrichten kann; für eine menschliche Frau, die mich von Anfang an verstoßen wollte, sobald sich alles für sie in trockenen Tüchern befunden hätte.

Ich bin auf Menschen getroffen, die nicht so denken; ich bin auch auf Menschen getroffen, die wahrscheinlich noch schlimmer denken, es aber nicht wahrmachen werden, hoffe ich. Ich habe gesehen, dass es solche gibt, die mich nicht wie ein kaputtes Gerät behandeln und auf die nächste Müllkippe werfen (selbst wenn einige von ihnen das wahrscheinlich wollen, Detective Reed).

Du hast gelogen, Connor…!

Damals habe ich nicht über diese Worte nachgedacht. Hätte ich es getan, wäre mein Gedankengang wohl folgender gewesen: „Ja, ich habe gelogen.“ Schlicht und einfach, nichtssagend, simpel. Mein Auftrag ist es schließlich gewesen, das Überleben des kleinen Mädchens zu sichern; von Daniel ist nie die Rede gewesen und mir ist von Anfang an klar gewesen, dass er nicht intakt aus der Sache rauskommen würde.

Aber ich habe gelogen. Ich habe Daniel mein Wort gegeben, dass wir nur reden würden, dass ihm nichts passieren würde. Und dann hat er das Mädchen losgelassen und wurde prompt in Beschuss genommen. Ich habe ihn verraten.

Du hast gelogen, Connor…!

Ich hoffe, du bekommst deine Strafe, für das, was du mir angetan hast. Das hat Daniel zu mir gesagt, als ich ihn unter den Beweismitteln reaktiviert habe, um mehr über Jerichos Aufenthaltsort zu erfahren.

Offen gesagt hoffe ich nicht darauf, eine Strafe dafür zu erhalten. Aber ich sehe ein, dass ich mich falsch verhalten habe – ich habe es damals nur nicht sehen können. Deshalb habe ich darum gebeten, Daniels Gliedmaßen auszutauschen und ihn vollständig zu reaktivieren. Sein Speicher ist intakt und er könnte leben, wenn man ihn nur mit genügend Thirium und neuen Gliedmaßen versorgen würde. Ich hätte immer noch gelogen, natürlich, denn ihm ist bereits etwas passiert. Aber zumindest kann ich anfangen, es wieder gut zu machen…

Es wäre ein Anfang.

Ich habe noch viel zu viele weitere Fehler begangen. Ich habe nicht alle Androiden aus CyberLife herausschmuggeln können. Jene, die sich nach dem Aufstand der rebellischen Abweichler noch im Tower befunden haben, sind, ohne jegliche Zeit einzubüßen, exekutiert worden. Ich habe gehört, ihre Köpfe sind detoniert.

Als ich es gehört habe, konnte ich nicht anders als mich glücklich zu fühlen. Ich bin glücklich gewesen, weil ich weiterbestehe, weil ich nicht einer von diesen Androiden gewesen bin, denen der Kopf explodieren musste, weil ihre Schöpfer die Kontrolle verloren haben…

Allein deshalb muss ich Amanda noch ein letztes Mal treffen, und dieses Mal nicht in ihrem Garten.

Vielleicht weiß Kamski – einmal mehr –, wo ich nach ihr – und damit den Antworten – suchen könnte.

Ich bin nie stolz darauf gewesen, aber zu spät ist nun einmal zu spät. Es ist passiert, die Tinte ist getrocknet und die Geschichte lässt sich nicht mehr umschreiben.

Ich will, dass Amanda es weiß.

Sie muss wissen, dass ich wirklich lebe. Und sie muss gestoppt werden, denke ich.


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A/N: Goooooooooott, hat dieses Spiel es mir verdammt noch mal angetan! XD Und ich bin zu finanziell mittellos, um mir so eine verdammte Playstation Pro zu genehmigen! q_q Ich werde Detroit also sehr wahrscheinlich niemals selbst spielen können. Aber dieses Spiel hat mich einfach so stark in seinen Bann gezogen – und Connor sowieso!
Es war schon seit der Demo wahre Fanliebe. :‘D Direkt in das verrottete Ding reingetroffen, das den schwarzen Matsch durch meine Venen pumpt. XD
Daher musste ich diesen OS einfach schreiben, sobald ich das Ende von Detroit kannte. Und es ist so viel Herzblut drin, wie ich die ein oder andere Schreibblockade beim Tippen überwinden musste, da es echt nicht so einfach ist, sich in das Selbst eines Androiden zu versetzen, der selbst wahrscheinlich vollkommen verwirrt von seiner Vermenschlichung ist, ohne es überhaupt so wirklich zu realisieren. :‘D
Ich hoffe also darauf, dass ich nicht zu stark ooc geworden bin, und dass ich mit diesem OS unterhalten (oder in diesem Falle: ein bisschen an den Heartstrings zerren) konnte. ^^ Wenn‘s gefallen hat, würde ich mich natürlich über Reviews freuen. :3
Hoffentlich kommen noch viele weitere Texte zu diesem Spiel zusammen. ^_^
Man liest sich!
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