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Der wahre Geist von Sparta

Kurzbeschreibung
OneshotAngst, Familie / P16 / Gen
29.05.2018
29.05.2018
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„Kratos! Hilf mir, Kratos!“ Die Worte hallten über den brennenden Hof, während sich der schmächtige Junge panisch nach seinem Bruder umsah. Der Besitzer der riesigen gepanzerten Hand, die ihn umschloss, schien entschlossen, jegliches Leben aus seinem Körper zu quetschen.

„Lass ihn los!“ Mit einem wilden Kampfschrei stürzte sich ein zweiter Junge auf den Mann, der den schmächtigen Jungen entführen wollte. Doch der gepanzerte Riese mit dem flammenden Haar schien den Schlag die Attacke schon von weitem kommen gesehen zu haben. Mühelos ballte er seine freie Hand zu einer Faust und schlug sie dem Jungen mit voller Wucht ins Gesicht.

Stöhnend schlug dieser auf dem Boden auf, das Gesicht triefend vor Blut. Eine frische Narbe zeichnete sich quer durch sein Auge laufend ab. „Nein…“ murmelte er entschlossen, noch immer benommen vom Schlag der riesigen Kreatur. Seine Muskeln versagten ihm den Dienst und er konnte nichts tun, als die Kreatur ihr Schwert hob, noch immer seinen Bruder in ihrer Gewalt.

Es war klar, was sie zu tun gedachte. Aber als Spartaner fürchtete er den Tod nicht. Mit grimmiger Entschlossenheit starrte er in das Gesicht des Kolosses, von dem er nur dessen brennender Bart und sein Haupthaar auszumachen vermochte. Alles andere vermischte sich mit dem flammenden Inferno hinter ihm zu einem drohenden Schatten. In Erwartung des Todesstoßes hörte der Junge plötzlich eine Stimme, klar und rein. Doch die Wörter, welche sie sprach, waren ihm gänzlich unbekannt.

Ihre Wirkung jedoch war deutlich zu sehen. Der Koloss, welcher seinen Bruder entführen wollte, ließ nach einer genauso kurzen wie heftigen Diskussion von ihm ab und stieg wieder auf sein Pferd. Der Neuankömmling war ebenfalls beritten und, wie der Junge nun an der eindeutig weiblichen Silhouette erkannte, eine Frau. Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu und senkte kurz ihr Haupt. „Vergib mir…“ Diese griechischen Worte verstand er klar und deutlich.

Wenngleich sie nur seine Wut befeuerten. Geschwächt und mit Schmerzen konnte er nur zusehen, wie die beiden geisterhaften Erscheinungen ebenso plötzlich verschwanden, wie sie gekommen waren. Die halbe Stadt war in den Kampf gegen sie und ihre monsterhaften Untergebenen gezogen, aber niemand hatte sie aufzuhalten vermocht.

Und nun machten sie sich mit seinem Bruder davon. „Deimos!“ rief er seinem Bruder hinterher und streckte die Hand aus, als ob er ihn damit dem Griff seiner Entführer entreißen könnte. Aber als seine Hand kraftlos zurück in den Staub sank und die Stimme seiner Mutter voller Sorge an seine Ohren drang, wusste Kratos, das er versagt hatte.

Er hatte seinen Bruder nicht beschützen können. Nun war Deimos entweder tot oder kurz davor. Müde wischte er das getrocknete Blut aus seinem Gesicht. Es war alles vergebens.

Sein Bruder war verloren, die Götter hatten ihn verlassen…    

***      

Deimos wand sich in dem festen Griff der gepanzerten Kreatur hin und her, aber es gab kein Entkommen. Seufzend drehte er den Kopf nach hinten und spürte einen scharfen Stich in der Brust, als er die brennenden Tore Spartas erblickte. Seine Heimat, seine Familie...Sie alle waren fort. Womit hatte er das verdient?

Von dem Mann, der ihn entführt hatte, konnte er jedenfalls keine Antwort erwarten. Nicht nur, dass er den ganzen Ritt über schwieg, seine Begleiterin war auch nicht viel gesprächiger. Zudem hätte er die Antwort ohnehin nicht verstanden, denn die Sprache, in der sich diese Wesen unterhielten, war ihm gänzlich unvertraut.

So blieb Deimos nichts weiter übrig, als still darüber nachzudenken, welches Schicksal ihm die Furien wohl zugedacht hatten. Eine gute halbe Stunde später errichten sie ein Schiff, das sie hinaus auf die offene See brachte. In Sparta wuchs jeder Junge mit den Geschichten rund um Skylla auf, die diese Gewässer angeblich heimsuchte. Deimos bekam es mit der Angst zu tun. Sollte er vielleicht geopfert werden?

Mit bleichem Gesicht sah er über die Reling und auf das Meer. Dicke Regentropfen klatschten auf die Gischt und die starken Wellen ließen das Schiff gefährlich schlingern. Deimos schluckte trocken und drückte sich fester in das Stroh, das man ihm als Lagerstätte zugewiesen hatte. Der Mann mit dem flammenden Kopf ließ ihn nicht aus den Augen und selbst jetzt, im stärksten Regen, flackerten seine Haare lichterloh.

Die Angst in Deimos Herzen wurde immer stärker und er drückte den Kopf fest gegen seine Arme, die Augen geschlossen. Er war beileibe kein Held oder großer Krieger, derartige Eigenschaften hatte immer mehr sein Bruder Kratos an den Tag gelegt. Der Gedanke an ihn ließ Deimos schluchzen. Wie es ihm und ihrer Mutter jetzt wohl ging? Machten sie sich Sorgen um ihn? Bestimmt taten sie das.

„Jetzt hör schon auf zu greinen, Junge. Sonst hast du bald keine Tränen mehr übrig.“ Deimos wischte sich mit der Hand durch sein Gesicht. „Das…ist nur der Regen.“ erwiderte er kleinlaut. Vor ihm stand ein alter Mann, der zur Mannschaft des Schiffes zu gehören schien und ihn zahnlos angrinste. „Und du brauchst Tränen an dem Ort, wo du hinkommst.“ fuhr er fort und das Lächeln verschwand. „Was meint Ihr damit? Wohin bringt ihr mich?“ So froh er auch war, jemanden hier gefunden zu haben, der Griechisch sprach, die Worte des Alten klangen nicht gerade aufmunternd in seinen Ohren wieder.

Die Augen des Seemannes glitzerten im Licht des Donners, der ihr Schiff umgab. „Das endgültige Ziel deiner Reise kennen wohl nur die Götter. Ich für meinen Teil wurde dafür bezahlt, dich in Poseidons Reich zu bringen. Nach Atlantis.“

Deimos Augen wurden groß. „Atlantis…“ wiederholte er flüsternd. Er hatte einmal ein paar Krieger davon reden gehört, wie sie Handel mit den Atlantern getrieben hätten, aber damals war es ihm wie Angeberei vorgekommen. Mittlerweile sah er das anders. „Dann existiert es also wirklich.“ Der alte Mann nickte. „Oh ja. Es ist Poseidons ganzer Stolz. Allerdings wirst du von der Stadt selbst wohl nicht wirklich viel sehen.“

„Was? Warum nicht?“ Der Mann trat einen Schritt zurück, das Gesicht plötzlich voller Furcht. „Das erklärt dir wohl besser dein Gastgeber.“ antwortete er knapp und machte Platz für den gepanzerten Riesen mit dem Flammenbart. Furcht ergriff wieder Besitz von Deimos und so wehrte er sich nicht, als er erneut gepackt wurde. Fesseln aus Metall wurden ihm um die Beine geschlungen und ein stiller Marsch durch die Stadt begann.

Die Frau, die den Riesen in Sparta und auch auf das Schiff begleitet hatte, war nun verschwunden, zumindest entdeckte Deimos sie nirgendwo. Kurz fragte er sich, wer sie wohl gewesen sein mochte. Allerdings bezweifelte er, dass er jemals eine Antwort darauf erhalten würde. Er wusste ja noch nicht einmal, wer sein derzeitiger Aufpasser war oder warum man ihn überhaupt entführt hatte.

Mittlerweile hatte er es sogar aufgegeben, sich gegen den Griff seines Entführers zu wehren, es war ja ohnehin sinnlos. Stattdessen kam er nicht umhin, die Wunder der Stadt um ihn herum zu bestaunen. Deimos dachte immer, das Sparta der Gipfel aller Errungenschaften der griechischen Welt sei, aber nun, da er die Wunder von Atlantis erblickte, kamen ihm da Zweifel.

Die Wolken am Himmel hatten sich verzogen und überall um ihn herum sah er Gold und Silber glänzen, Waffen und Schriften ausliegen oder Leute, die ihre Waren feilboten. Offenbar wurde er über einen Marktplatz getrieben. Der Riese schien kein Interesse an erklärenden Worten zu haben, sondern gab ihm nur einen Stoß, der Deimos fast stolpern ließ.

Die Ketten an seinen Füßen klirrten und während er sich abmühte, nicht über die eigenen Füße zu stolpern, fragte er sich, weshalb ihm niemand der Anwesenden auf dem Markt half. Hielten sie ihn für einen Sklaven? Oder hatten sie schlicht Angst vor dem flammenden Mann? Der stieß ihn nun durch einen Durchgang, offenbar um ihn den Blicken der Leute zu entziehen.

Deimos konnte es ihnen nicht verübeln, dass sie ihm nicht helfen wollten. Er selbst spürte mit jeder Treppenstufe, die er nahm, wie die Reben der Furcht und Angst sich fester um sein Herz schlossen. Und der Anblick, der sich ihm beim Verlassen der Wendeltreppe bot, sorgte nur dafür, dass ihr Griff stärker wurde.

Vor ihm erblickte er eine tiefe Grube, die von einem kreisrunden Laufsteg umschlossen war. Jenseits der Grube entdeckte er ein rundes Tor, auf dem das Abbild eines gehörnten Schädels aus Bronze prangte. Sein stiller Begleiter stieß ihn voran, bis seine Füße beinahe ins Leere strauchelten.

Nur der starke Griff des brennenden Mannes bewahrte ihn davor, am Grund der Grube zu zerschmettern. Der Mann sah ihn streng an, dann ließ er ihn los. Aus den Tiefen eines Beutels zog er einen alten Schädel hervor, der der Prägung auf dem Tor sehr ähnlich sah. Fremde Worte murmelnd steckte er ihn in eine Vertiefung am Boden, woraufhin starke Wurzeln und Reben aus dem blanken Stein sprossen und eine Brücke zwischen Steg und Tor bildeten. Gleichzeitig begann das Tor zu leuchten und das Metall glitt zur Seite. Was auch immer dahinter lag, es strahlte in der Dunkelheit so hell, das Deimos nichts als einen goldenen Lichtschein ausmachen konnte

Deimos klappte vor Staunen der Mund auf. Was für ein Zauber war dies? Wohin führte dieses Tor? Als er seinem Entführer einen vorsichtigen Blick zuwarf, war dieser gerade dabei, den Schädel wieder zu verstauen. Dann gab er ihm einen harten Stoß in die Rippen und drängte ihn über die Brücke und durch das Tor.

Zu gleichen Teilen von Angst und Wut erfüllt, durchschritt Deimos die glühende Pforte mit geschlossenen Augen. Warum passierte ihm dies alles nur? Er kam sich so hilflos, so verletzlich vor. Plötzlich traten seine Füße ins Leere und er riss erschrocken die Augen auf, nur um zu sehen, wie er ein paar Stufen hinunter in den Staub stolperte.

Wimmernd raffte er sich wieder auf und sah sich um. War er eben noch im verregneten Atlantis gewesen, so stellte die karge und trostlose Sandlandschaft um ihn herum wohl den größten Gegensatz dazu dar. Einzelne blattlose Bäume ragten aus dem steinigen Grund empor und es schien, als wäre alles hier leblos und kahl.

Der flammende Mann packte ihn am Nacken und zwang ihn, aufrecht hinzu stehen. Schwer atmend stand er nun da. Der Mann schien auf etwas zu warten, aber auf was genau, wusste Deimos nicht zu sagen. Um ehrlich zu sein kümmerte es ihn auch nicht sonderlich. Alles was er wollte, war, aus diesem Alptraum zu erwachen und wieder bei seiner Mutter zu sein – und bei seinem Bruder. Sie fehlten ihm so sehr. Wie viel Zeit war seit seiner Entführung wohl vergangen? Seufzend stellte er fest, dass er jegliches Zeitgefühl verloren hatte.

Als er blinzelnd in die hohe Sonne starrte, kam er kurz auf den Gedanken, mit ihrer Hilfe die aktuelle Stunde zu bestimmen. Aber sicher war der Stand der Sonne in diesem fremdartigen Reich ein anderer als bei ihm zuhause in Sparta. Wäre die Situation nicht so ernst, er hätte beinahe gelacht. Denn all diese Gedankengänge dienten nur dazu, seine Furcht im Zaum zu halten.

Aber als er erneut die harte, kalte Hand seines Bewachers auf seiner Schulter spürte, wusste Deimos, das er die Furcht in seinem Herzen nie bezwingen würde. Wie ein geschlagener Hund starrte er auf den Boden und erwartete stumm sein Schicksal.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erschien eine zerlumpte, hochgewachsene Gestalt hinter einem Baum, die Deimos zu seinem Leidwesen erkannte. Denn obwohl in Sparta die Lehre von Ares an erster Stelle stand, wusste er, dass es sich hierbei um einen weitaus grausameren Gott handelte. Thanatos – der Totengott.        

„Wie ich sehe, hast du mir gebracht, was mein sein sollte, Olympier. Die Weissagung des Orakels ist damit wohl zerschlagen.“ begrüßte der Gott Deimos‘ Bewacher. Seine Stimme war so kalt wie Eis und sengend wie Feuer. Deimos spürte, wie sich ihm sämtliche Haare sträubten. „Ich hoffe es sehr, Thanatos. Nun nimm ihn und gedenke der Worte des Göttervaters. Er darf nicht getötet werden, nur gedemütigt.“  

Mit einer geringschätzigen Handbewegung nahm die dunkle Gestalt die Worte zur Kenntnis. „Sei unbesorgt, Olympier. Ich kenne meine Rolle in diesem Spiel. Ich hoffe, du kannst dasselbe auch von dir behaupten.“ Der gepanzerte Riese erwiderte nichts auf diese unterschwellige Beleidigung, sondern stieß seinen Gefangenen von sich und wandte sich zum gehen. „Ich werde den Schädel sicher verwahren, dessen kannst du versichert sein.“

Mit weit aufgerissenen Augen schlug Deimos auf dem harten Boden auf und verzog das Gesicht vor Schmerz. Er hörte, wie der Riese durch das Tor schritt und sich das Tor hinter ihm schloss. Auf Händen und Füßen gebrochen im Staub liegend erkannte Deimos, das es nun keinen Weg zurück mehr gab. Er war ganz allein in diesem Reich der Toten, diesem Fegefeuer.

Eine eiskalte Hand legte sich um seinen Arm und zog ihn nach oben. Deimos stolperte blind nach vorne. „Die brauchst du jetzt nicht mehr…“ flüsterte Thanatos und machte eine leichte Handbewegung. Wie von Zauberhand fielen die Fesseln von Deimos‘ Füßen und landeten im Sand.

„Wie lautet dein Name, gezeichneter Krieger?“ fragte der Totengott beinahe freundlich und legte ihm einen Arm um die Schulter. Deimos zuckte bei der bloßen Berührung zusammen und schluckte ängstlich. „Ge-gezeichneter Krieger? Was redet Ihr da?“ platzte es aus ihm heraus, noch ehe er richtig nachgedacht hatte.    

Anstatt einer Antwort drang schallendes Gelächter an seine Ohren. „Ich verstehe. Es war sehr klug von diesem Olympier, dich hierherzubringen, ohne dir den Grund dafür zu erklären. Jetzt muss ich mich damit abmühen...“ Er lächelte finster, ganz so, als ob er etwas wüsste.

Deimos seufzte. Natürlich wusste er etwas. Nur er selbst, er wusste nichts. Er steckte in dieser Wüste fest und wusste noch nicht einmal wieso. Schluchzend stand er da und dachte an seinen Bruder und seine Mutter. Wie sollten sie ihn hier nur jemals finden?

Der Totengott verstärkte den Druck auf seine Schulter, um ihn vorwärtszutreiben. Widerwillig folgte er dem vor ihm liegenden Pfad. An der ersten Biegung hielt er jedoch inne, um einen letzten Blick auf das versiegelte Tor zu werfen. Ob es sich ohne diesen seltsamen Schädel überhaupt öffnen ließ? Deimos sah die Ketten, die ihn gefangen hielten, verlassen zwischen ein paar Grasbüscheln unweit des Tores liegen. In seiner Verzweiflung gab er sich der Hoffnung hin, dass Kratos eines hier durchkommen würde und sie fand. Als Zeichen, das ihm dann den Weg zu seiner Rettung weisen würde.

Welcher Weg jedoch vor Deimos selbst lag, das wussten wohl nur die Götter. Obwohl, sie waren es ja gewesen, die ihn zu dieser Tortur verdammt hatten. Hatte er ihnen nicht immer gehuldigt, schon von Kindesbeinen an? Was hatte er also getan, um dem Schoß seiner Familie entrissen zu werden?

Die dunklen Mauern, die ihn am Ende seiner Wanderung durch das Reich umschlossen, hielten wohl kaum irgendwelche Antworten bereit. Mehrmals hatte er auf dem Weg hierher ferne Schreie und düstere Geräusche gehört. Ob es hier noch mehr verirrte und gequälte Seelen gab? Traurig ließ er den Kopf hängen und bewegte ihn auch dann nicht, als Thanatos ihn losließ.

Der Totengott schüttelte ungläubig den Kopf. „Was ist mit dir, erwählter Krieger?“ fragte er spöttisch. „Gefällt dir dein Zimmer nicht? Ich habe es extra für dich hinrichten lassen. Es hat sogar eine Aussicht.“ Er deutete auf die riesige freie Säulenwand, die beinahe den gesamten Nordteil des kreisrunden Zimmers einnahm. „Aber das ist dir vermutlich egal. Dein Blick ist sicher mehr nach innen gerichtet als nach außen, nicht wahr?“

Er ergriff Deimos am Kinn und zwang ihn, nach oben zu blicken. Nachdem der Gott eine Weile prüfend in die Augen des Jungen geschaut hatte, ließ er ihn wieder los, woraufhin dessen Kopf wieder nach unten sackte. „Du vermisst deine Mutter und deinen Bruder. Törichter Junge. Sie können dir nicht helfen. Nichts kann das. Dein Leben gehört jetzt mir.“

Diese kalten Worte riefen eine heftige Reaktion in dem schmächtigen Jungen hervor: Er sprang seinen Peiniger an und hieb ihm die Fäuste gegen jede Stelle seines Körpers, die er erreichen konnte. „Sei still!“ Der Gott lachte nur und warf Deimos mit einer einzigen Handbewegung von sich. „Welch rohe Gewalt. Das Orakel scheint doch Recht gehabt zu haben.“

Deimos rieb sich benommen den Schmerz seines Aufpralls aus den Augen und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Doch noch ehe er einen weiteren Muskel rühren konnte, traten auf einmal zwei Männer aus den Schatten hervor. Sie trugen die tiefrote Rüstung der Hopliten und ähnelten mehr Skeletten als Menschen.

Jeder von ihnen hatte eine Kette in den Händen, mit denen sie Deimos fesselten. Seine Versuche, sich zu befreien, ignorierten sie dabei völlig. Sobald Deimos gefesselt und gebunden war, traten sie wieder in die Schatten zurück, in denen sie völlig aufzugehen schienen und schließlich verschwanden.

Jetzt, da Deimos endgültig wehrlos war, trat Thanatos erneut vor ihn. „Meine Geduld ist an ihrem Ende. Nenn mir deinen Namen, Spartaner!“ sagte er kalt. „D-Deimos.“ Der Gott nickte nur still. „Gut. Willkommen in deinem neuen Heim, Deimos. Beizeiten sollst du alles erfahren, was du wissen musst. Bis dahin genieße dein neues Domizil.“ Mit diesen Worten verschwand Thanatos und ließ Deimos allein. Allein mit seiner Furcht und seiner Angst.

***

In den folgenden Tagen und Wochen gab es einiges zu Fürchten für Deimos. Nicht nur quälten ihn Hunger und Durst seit seiner Ankunft, er wurde auch regelmäßig von seinen Ketten befreit und in eine tiefe Grube geworfen. Thanatos fand großes Gefallen daran, ihn den verschiedensten heimischen Kreaturen seines Reiches hinzuwerfen, am häufigsten aber fand sich Deimos Auge in Auge den Teufelskrabblern gegenüber. Großen, ekelerregenden gepanzerten Spinnen, die eine giftig-grüne Säure versprühten, die sich in Windeseile durch Haut und Gewebe fraß.

Das einzige, was er tun konnte, war, die Schmerzen der Folter so gut es ging zu ertragen. Seltsamerweise fügten ihm weder Stiche noch Säurespritzer dauerhaften Schaden zu. Es brannte und quälte ihn zwar, aber die Wunden waren bereits nach wenigen Tagen wieder komplett verheilt. Für den Totengott war das meistens der Zeitpunkt, an dem er ihn erneut in die Grube beförderte.

Dieser Kreislauf aus Schmerz, Einsamkeit und Leid veränderten Deimos. Zuerst schleichend, dann immer offensichtlicher. War er bei seiner Ankunft noch schwach und dürr gewesen, hatten die zahllosen Stunden der Marter und die einhergehenden Versuche, ihr auszuweichen, nun für erste Muskelstränge an seinen Armen gesorgt. Tief in seinem Inneren klammerte er sich verzweifelt an die Hoffnung, Kratos würde ihn finden und retten. Er wusste, dass er nach ihm suchte. Das musste er einfach.

Ein Spartaner lässt sich nie aufs Kreuz legen!        

Diese Worte, dieser Leitsatz von ihm und seinem Bruder hatte sich fest in Deimos Gehirn eingebrannt. An ihm hielt er fest, wann immer er erneut gefoltert wurde. Schloss er die Augen, so fand er sich in einer glücklicheren, früheren Zeit wieder. Die Tage seiner Kindheit lagen hinter ihm, aber gleichzeitig waren sie alles, was er noch hatte. Die Erinnerungen an seine Mutter und seinen Bruder, an die unzähligen Übungsstunden auf dem heimischen Hof und die stillen Stunden am Feuer in der Küche hielten ihn am Leben. Auch wenn er sich immer öfter fragte, wie lange er noch zu leben hatte.

Die Monate vergingen und mittlerweile hatte Deimos jedes Gefühl für Zeit verloren. Die Sonne weckte ihn am Morgen und als er erschöpft einschlief, strahlte sie noch immer orange am Himmel. In diesem ewig währenden Abendrot wuchs er zu einem Mann heran.

Als seine Fesseln ihn ein weiteres Mal freigaben, schlug er müde auf dem Boden auf. Sein Körper war verdreckt, voll mit verkrustetem Schlamm und Blut, seine schwarzen Haare und der Bart wucherten ihm ellenlang über das gesamte Gesicht. Die roten Linien, die ihn seit seiner Geburt zierten, waren komplett unter der dicken Schmutzschicht verschwunden. Nur ihnen hatte er es zu verdanken, dass er hier gefangen war.

Es hatte eine lange Zeit gedauert, aber schließlich hatte Thanatos ihm den Grund verraten, weshalb er hier in der Domäne des Todes gehalten wurde wie ein tollwütiges Tier: Die Götter lebten in Furcht vor ihm. Angeblich hatte das Orakel nach dem Sieg der Olympier über die Titanen geweissagt, das ein gezeichneter Krieger kommen und den Olymp vernichten würde. Also hatten die Götter ganz Griechenland nach dieser Person abgesucht.

Bis sie schließlich auf Deimos und sein Mal gestoßen waren. Im Glauben, den Krieger aus der Prophezeiung gefunden zu haben, entsandten die Götter ihre Schergen – und nun war er hier.

Wütend spuckte er auf den Boden. Die Götter konnten von ihm aus in den Tiefen des Tartarus verrotten. Thanatos hatte er nun schon länger nicht mehr gesehen, meistens überließ er die tägliche Folter nun den untoten Monsterfrauen, die als Geister von Keres bekannt waren. Nicht, dass das für Deimos irgendwie wichtig oder von Belang war. Folter war Folter, egal, wer Hand an ihn legte. Zudem konnte er nicht gerade behaupten, dass er den Totengott sonderlich vermisste.  

Als er den Kopf wieder anhob, dröhnten die gleichmäßigen Schritte weiblicher Füße an seine Ohren. Das war insoweit sonderbar, als dass die Geister für gewöhnlich über dem Boden schwebten und bisweilen sogar darin verschwanden. Wer also konnte das sein?

Geblendet von der grellen Sonne konnte er nur Umrisse erkennen, aber die schemenhafte Gestalt war zweifelsohne kein Geist. Langsam gewöhnten sich Deimos Augen an die hellen Umstände und als die Gestalt vor ihm stand und ihn aus ihren kalten, pupillenlosen Augen ansah, wusste er endlich, wenn er hier vor sich hatte: Erinnys, die Tochter des Totengottes höchst selbst. Schmerz in menschlicher Gestalt, das Böse als Lebensform.

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und doch durchzuckte es jede Faser von Deimos Körper, als sie zu sprechen anfing. „Sieh dich nur an. Einst warst du nur ein kümmerlicher Wurm…“ Sie griff nach Deimos Arm und ließ ihre klingenartigen Finger über sein Geburtsmal wandern. Blut quoll aus den hinterlassenen Furchen hervor und sie ergötzte sich an den roten Tropfen. „Aber jetzt bist du zu einem wahrlich großartigen Krieger herangewachsen, Deimos. Die Prophezeiung sprach weise.“

Er schüttelte nur still den Kopf. „Was willst du von mir, Erinnys?“ sprach er dann doch die Frage aus, die seinen Verstand beschäftigte. Sie sagte zwar die Wahrheit, aber mit den Jahren hatte Deimos gelernt, das bei den Göttern nie etwas so war, wie es auf den ersten Blick zu sein schien. Die Tochter des Thanatos antwortete ihm zunächst nicht, sondern betrachtete nur ihr blutiges Werk an seinem Arm und das Mal, welches sie auf ihre Art verschönert hatte. Es war einst rot gewesen war, hatte sich im Laufe der Jahre, die Deimos hier in Ketten lag, aber stark verändert. Es pulsierte mittlerweile orange und seltsame Wucherungen hatten sich entlang seiner Bahnen gebildet. Für Deimos waren diese Veränderungen nur ein weiteres Mal der Schande, das ihn zeitlebens an seine Pein hier erinnern würde.

Erinnys aber hielt das Mal für die Quelle seiner Kraft und auch für den Grund seiner Stärke. „Das Zeichen, dass an dir haftet, ist der Grund für deine Macht, erwählter Krieger. Nur dank ihm bist du so erstarkt.“ flüsterte sie ihm ins Ohr und lächelte dabei unentwegt. „Du bist nicht mehr der kleine Junge, der zu schwach war, um in Spartas Armee zu dienen. So etwas sollte belohnt werden.“

Aus den Schatten zog sie eine Rüstung hervor, auf dessen Schulterschutz und Gürtel das Zeichen eines Widders eingearbeitet worden war. Ein Tier, das sowohl für Stärke stand, aber auch ein Sinnbild dafür war, ein Opfer  der Götter zu sein. Deimos sah darin lediglich eine weitere Ironie des Totengottes, die dazu diente, ihn zu verhöhnen und zu verspotten. Trotzdem wehrte er sich nicht, als ihm befohlen wurde, die Rüstung anzuziehen. Seiner spartanischen Kleidung, die er bei seiner Ankunft getragen hatte, war er mittlerweile längst entwachsen und so war er froh, wenigstens nicht mehr nackt zu sein.

Überraschenderweise war ihm die Rüstung weder zu eng noch zu weit, sie passte wie eigens für ihn angefertigt. Das stimmte ihn nachdenklich, er hatte erwartet, irgendeine Art von Schmerz oder Qual zu fühlen, aber da war rein gar nichts. Auch in seinem Inneren fühlte er nichts.

Nichts bis auf einen langsam brodelnden Zorn. Er war hier, das Inbild eines Kriegers, würdig, der Armee Spartas zu dienen. Als er sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen ließ, dachte er an seinen Bruder. Kratos, der ihn so bitter enttäuscht hatte. Seit zwanzig Jahren wartete er darauf, das Kratos ihn fand, aber bislang hatte er noch nicht mal irgendetwas vorzuweisen. Irgendwann zerbrach auch die tiefste Hoffnung und hier, in diesem Augenblick, erkannte Deimos, das er all die Jahre auf ein Phantom vertraut hatte.

Kratos würde nicht kommen, um ihn zu retten.  

Er war ganz allein…

Der Zorn in ihm schwoll an und schließlich wandte er den Kopf in Richtung von Erinnys. Wenn es je einen geeigneten Zeitpunkt zur Flucht gegeben hatte, dann war er jetzt. Mit einem Faustschlag zielte er auf den Kopf seiner Gegnerin, doch Erinnys schien etwas derartiges bereits vorhergesehen zu haben und wich mühelos nach hinten aus. Noch während Deimos‘ Arm durch die Luft fuhr, schnellte ihr Arm hervor und schloss sich felsenfest um seinen Hals.

Keuchend griff er mit seiner anderen Hand danach und versuchte, sie abzuschütteln, aber es brachte nichts, ihr Griff wurde nur noch fester. Die Umrisse der Kammer flackerten und verschwommen in finsteren Flecken, während der Sauerstoff aus seinen Lungen herausgepresst wurde. „Ganz ruhig. Dein Tod wird weder langsam noch schmerzfrei sein, also verzögere nicht das Unvermeidliche.“

Die Stimme der Erinnys drang an seine Ohren, fühlte sich gleichzeitig nah und fern an. Er musste etwas unternehmen, aber was? Seine Kraft schwand zusehends und schließlich fand er es sogar zu anstrengend, seine Augen geöffnet zu halten. Verzweifelt tat er das einzige, das ihm in dieser Lage noch sinnvoll erschien: Er biss seine Peinigerin in den Arm, bis sie ihn schreiend losließ.

Erinnys presste ihre gesunde Hand auf die pochende Wunde, aus der schwarzer Rauch quoll. Deimos scherte sich nicht wirklich darum, sondern rannte schnurstracks Richtung Ausgang. Er wusste, dass ihm nur wenige Sekunden bleiben würden, ehe sie sich erholen würde.      

Kaum hatte er atemlos die ersten Schritte aus der Kammer heraus gemacht, hörte er sie schon hinter ihm her eilen. Müde wischte er sich das verfilzte Haar aus dem Gesicht und sah sich um. Durch seine Gefangenschaft an immer dem gleichen Ort hatte er keine Ahnung mehr, welcher der vielen Pfade vor ihm zurück zum Portal führte, das ihn vor so vielen Jahren in dieses Reich gebracht hatte.

Also beschloss er, sein Glück einfach beim engsten der Wege zu versuchen. Auf diese Weise konnten sie ihn wenigstens nicht so leicht einholen, zumindest hoffte er das. Aufgrund des steinigen Untergrundes kam er jedoch selbst nur langsam voran. Gepaart mit dem quälenden Durst sorgte dies dafür, dass Erinnys ihn schon bald wieder eingeholt hatte.

Die Wände des Pfades vor ihm wandelten sich mehr und mehr zu einer steinigen Schlucht und Deimos fürchtete, das sein Plan wie ein Pfeilschuss ins eigene Bein gewesen war. Mittlerweile kam er selbst nur noch seitwärts gehend voran, während die Wände sich gegen seine Beine und Brust schabten.

Als er einen kurzen Blick nach hinten warf, sah er mit Schrecken, das Erinnys einfach durch die Felswände hindurchging, ganz so, als existierten sie gar nicht. Zu allem Überfluss kam er nun auch selbst kaum noch voran, sodass er, kurz bevor die Schlucht wieder breiter wurde, nun selbst drohte, festzustecken.

Mit einem Ruck griff Erinnys seine Haare und zog daran seinen Kopf nach hinten. Deimos schrie auf und wand sich, aber es war schlicht zu eng, um dem Griff entkommen zu können. Panisch stieß er den Kopf nach hinten und traf Erinnys damit an der Brust. Das hatte zur Folge, dass ihr folgender Hieb schlecht gezielt war und anstelle seines Kopfes lediglich einen Großteil seiner langen Haare abtrennte.

Zornig trat sie sie ihm dafür in den Rücken, woraufhin Deimos durch die pure Wucht des Tritts aus dem Canyon herausgeschleudert wurde. Hustend schlug er im Staub auf und wusste zunächst gar nicht, was ihm passiert war. Während er noch darum kämpfte, seine Orientierung wiederzuerlangen, hatte Erinnys ihm bereits einen weiteren Tritt in die Magengrube verabreicht.

Stöhnend brach er wieder zusammen. „Du machst mehr Ärger als du wert bist, Spartaner!“ zischte die Frau über ihm drohend. Erneut spürte er ihren eiskalten Griff in seinem Gesicht. Ihre Finger glitten an seinem Hals entlang über seine Wangen und rasierten ihm dabei beinahe alle Haare weg, bis die klingenförmigen Extremitäten abrupt Halt machten.

Mit sadistischer Grausamkeit kratzte Erinnys über Deimos linkes Auge. Er spürte, wie sie betont langsam in seinen Augapfel eindrang und darin herum fingerte, bis ihn sein Augenlicht verließ. „Das ist erst der Anfang deiner Schmerzen. Du wirst um einen Tod betteln, der nie kommen wird!“ Die Tochter des Thanatos lachte finster und ließ Deimos‘ Kehle los, der daraufhin in sich zusammen sackte.

„Elendes Weib!“ brachte er schwer atmend hervor. „Sei verflucht.“ Dann kippte er nach vorne um und rührte sich nicht mehr. Seine Muskeln versagten ihm den Dienst, sein Körper ließ ihn erneut im Stich.

Während er darum kämpfte, nicht ohnmächtig zu werden, hörte er, wie sich eine zweite Stimme näherte. „Das hast du gut gemacht, meine Tochter.“ Deimos hielt den Atem an und rührte sich nicht. „Danke, Vater. Er hat seinen Kampfeswillen noch nicht zur Gänze verloren. Ich bin sicher, dass er bereit ist.“

Thanatos lachte leise, während er Deimos hochhob. „Wie du siehst, Spartaner, habe ich noch immer alle Macht über dich. Du musst ein Tor sein, wenn du ernsthaft glaubtest, von hier fliehen zu können. Niemand widersetzt sich mir.“ An seine Tochter gewandt fuhr er fort. „Erinnys, geliebtes Kind. Ich denke, es ist nun an der Zeit. Geh, suche nach dem Geist Spartas und bring mir seinen Schädel.“

Blinzelnd öffnete Deimos die Augen gerade lange genug, um zu sehen, wie die Tochter des Totengottes in einem Lichtblitz verschwand. Wer mochte dieser Geist nur sein? Eine weitere Seele, die es zu quälen galt?

Thanatos lächelte ihn an. „Ich kann mir denken, was gerade in deinem Kopf vorgeht, erwählter Krieger. Sei unbesorgt. Dir wird bald alles klar werden.“ Darauf erwidern konnte Deimos nichts, denn erneut verließen ihn die Kräfte und er sank in eine gnadenvolle Ohnmacht.

***

Als er erwachte, war das erste, das er spürte, der Schmerz seines nun blinden Auges. Das zweite war die Tatsache, dass er nun hoch oben in der Luft baumelte. Nach oben blickend erkannte er, dass seine Arme mit einer Art Rinde umschlossen waren, die es unmöglich machte, zu entkommen oder sie zu sprengen. Die Rinde selbst war Teil eines großen, harzverklebten Baumes, der in der Ecke stand.

Sich weiter umschauend erkannte er auch den Raum wieder. Es war derselbe, in dem er so viele Jahre des Leids und der Pein erdulden musste. Nur warum hatte Thanatos ihn so hoch oben angekettet? Was hatte er nun mit ihm vor? Wie viele Stunden waren seit seiner missglückten Flucht vergangen?            

Während Deimos all diese Fragen durch den pochenden Schädel rasten, öffnete sich plötzlich krachend die Eingangstür. Mit trockenem Mund und ungläubigem Blick sah Deimos auf den Mann herab, der nun auf ihn zugelaufen kam.

Seine Haut war aschfahl und eine rote Tätowierung prangte auf dem muskulösen Oberkörper. Gekleidet war der Fremdling in Gewänder, die Deimos als jene erkannte, die auch in Sparta von Generälen getragen wurde. Konnte es wirklich sein?

Wortlos erhob der Fremde seine Klingen gegen den Baum. Sie fingen an zu brennen und schon bald war der gesamte Baum in Flammen aufgegangen. Deimos spürte, wie sich seine Fesseln lockerten und er rauschte zu Boden, nur um von dem Mann aufgefangen zu werden.

Dann hörte Deimos zum ersten Mal dessen Stimme. Sie war rau und stark, gleichzeitig aber voller Bitterkeit. „Du…bist jetzt sicher, Bruder.“ Da erkannte er seinen Bruder in diesem fremden Mann. Wie oft hatte Deimos von diesem Augenblick geträumt, sich vorgestellt, was er ihm sagen würde. Aber nun, nach zwanzig langen, enttäuschten Jahren empfand er nichts als Abscheu für den Bruder, der nie für ihn dagewesen war. Er lachte laut auf und packte Kratos grob an den Schultern.

„Sicher?“ wiederholte er mit weit aufgerissenen Augen und brachte seinen Mund ganz nah an seines Bruders Ohr heran. „Du hast dies geschehen lassen.“ Der Schmerz war für ihn beinahe greifbar. „Du hättest mich beschützen müssen!“ Er berührte kurz das Gesicht seines Bruders, nur um gleich darauf angeekelt wieder loszulassen „Hast du geglaubt, ich vergesse es? Hast du geglaubt, ich vergebe dir?“ Erneut lachte er auf. „Ich werde dir nie vergeben…Bruder!“ Deimos spie das letzte Wort voller Hass aus und starrte wuterfüllt in das ungläubige Gesicht seines Bruders.

Dann hob er die Faust und schlug mit aller Kraft zu. Wieder und wieder, denn nur so konnte er den Schmerz lindern.

***

Ein Nachwort

Als ich zum ersten Mal anfing, an dieser Geschichte zu schreiben, sollte sie wirklich nur ein kleiner One-Shot werden, maximal vier oder fünf Seiten lang. Tja, wie es aussieht, ist wohl die Kreativität mit mir durchgegangen, denn am Schluss sind es knapp doppelt so viele Seiten geworden.

Aber das ist eher nebensächlich. Ich wollte mit dieser Geschichte einen kleinen Einblick in Deimos Kopf während seiner Gefangenschaft werfen und aufzeigen, wie er von einem ängstlichen Jungen zu dem Mann wurde, dem man am Ende von  Ghost of Sparta  gegenübersteht.  

Ich hoffe, meine Interpretation der Ereignisse gefällt euch und ihr fandet Gefallen daran, Deimos durch seine Zeit in der Domäne des Todes zu begleiten. Für mich ist er einer der interessanteren Charaktere der Sage und ich hoffe, ich habe ihn nicht für euch ruiniert.

Ja, ich weiß, das Ende ist etwas abrupt und düster, aber erstens schien es mir ein guter Schlusspunkt zu sein und zweitens werden die meisten von euch ohnehin bereits wissen, wie das Wiedersehen der Brüder schlussendlich ausgeht.

Falls nicht, kann ich euch nur wärmstens empfehlen, die PSP oder die Playstation 3 anzuwerfen und es selbst herauszufinden. Es lohnt sich. ^^

Abschließend bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich mit dieser FF auch versucht habe, ein paar der Ungereimtheiten in Bezug auf Deimos aufzuklären. Beispielsweise warum er so muskulös ist, obwohl er eigentlich sein ganzes Leben lang gefoltert wurde oder woher seine Rüstung kam. Für die ganzen God of War Veteranen habe ich zudem noch ein paar Anspielungen auf die restlichen Spiele der Sage eingebaut.

Viel Spaß beim Suchen :D
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