Treffen im Jenseits

von Bihi
OneshotFamilie, Freundschaft / P12
Fitzwilliam Darcy Lady Anne Darcy Lady Catherine de Bourgh Mr. Darcy (der Ältere) OC (Own Character)
29.05.2018
29.05.2018
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Lady Catherine öffnete die Augen. Sie fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr. So ein Nickerchen am Nachmittag konnte Wunder bewirken. Sie sah sich erstaunt um, das war doch nicht Rosings! Jemand kam auf sie zu, mit dem so lange nicht gesehenen, aber unvergessenen Blick, der nicht rauschende Verliebtheit zeigte, aber innige Liebe. Ja, Liebe spielte damals keine Rolle, aber sie wurde doch verspürt, und Sir Lewis De Bourgh war sich nie zu erhaben gewesen, sie seine Liebe entgegen jede Konvention sehen zu lassen. Als sie ihn so auf sich zukommen sah, wie sie ihn in Erinnerung hatte, hoffte sie nur, dass sie nicht so alt und gebrechlich aussah wie noch vor kurzer Zeit auf Rosings.

Sie wusste nicht, wie lange sie beide im Wiedersehen schwelgten. Zeit schien einfach nicht zu existieren. Dann kam ihr eine Idee: „Sir Lewis, ist es von hier aus möglich, zu sehen, was den Hinterbliebenen geschieht?“
„Nicht direkt wie in einem Schauspiel. Wenn wir uns auf eine Person konzentrieren, können wir spüren, welche Gefühle sie haben. Ich weiß also, dass Ihr erst ein recht einsames, dann aber ein sehr erfülltes Leben gelebt habt. Ich war glücklich, dass Ihr auch nach meinem Fortgang noch Glück und Liebe verspüren konntet. Ich weiß auch, dass unsere Tochter glücklich ist.“
„Sie hat unseren Neffen Oberst George Fitzwilliam geheiratet und hat vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Jungen. Immer schön abwechselnd. … Ich möchte hier mit einigen Personen aus unserer Verwandtschaft sprechen. Geht das?“
„Nur, wenn diese damit einverstanden sind. Zwang gibt es hier nicht.“
„Gut, ich möchte eine Zusammenkunft von Thomas Walter Fitzwilliam Darcy, seinen Eltern, seinem Bruder, meiner Schwester, meinem Bruder und James Darcy. Die Zusammenkunft sollte so schnell wie möglich stattfinden, auch wenn ich das Gefühl habe, dass Zeit hier keine Rolle spielt.“
„Das habt Ihr ganz richtig erkannt, Lady De Bourgh. Es gibt hier keine Zeitzwänge und auch keine Ungeduld. Ersteres ist in diesem Ort begründet. Die Ungeduld kennzeichnet die Neuankömmlinge, bis sie sich eingelebt haben.“
Wie konnte sie Ungeduld zeigen? Sie hatte doch ihren geliebten Gemahl zur Gesellschaft. Da konnte keine Ungeduld aufkommen.

Irgendwann waren alle gewünschten Personen an einem runden Tisch versammelt. Am längsten hatte es gedauert, Lady Anne zur Teilnahme zu bewegen. Sie hatte sich all die Jahre geweigert, mit ihrem Gatten zusammenzutreffen – und nun sollte sie mit ihm in einer großen Familienrunde sitzen?  Sogar Thomas Walter Fitzwilliam Darcy war schneller bereit, sich mit seinen Eltern zusammenzusetzen. Schließlich hatte er viele Jahrzehnte auf eine Gelegenheit zur Bereinigung des Streites gewartet.

Die Countess und Lady De Bourgh saßen sich gegenüber. Beiden war, als hielte man ihnen einen Spiegel vor. Beide waren darüber empört, weil das Verhalten der jeweils anderen indiskutabel war. Lady De Bourgh empfand schon im Leben so, und die Countess? Die sagte zur Einleitung: „Es ist schon eine unaussprechliche Unverfrorenheit einer Nachfahrin, mich, die ehrenwerte Vorfahrin, zu einem Treffen zu zitieren.“ Sie sprach sogar mit derselben Herablassung wie es Lady Catherine zu ihren Lebzeiten getan hatte.

Sir Lewis De Bourgh war eigentlich nur stiller Beobachter, stellte jetzt aber fest: „Madam Countess, Ihr seid nun schon lange genug hier, um zu wissen, dass immer derjenige, der den Wunsch geäußert hat, andere zu sprechen, das Wort als erster ergreifen sollte. Ich muss nun leider meiner geliebten Gemahlin vorgreifen, weil sie in diesen Regeln noch nicht so bewandert ist. Sie hat übrigens niemanden zitiert, sondern nur alle hergebeten. Haltet Euch nun bitte an die Regeln.“

Da es der Countess die Stimme verschlug, konnte Lady De Bourgh dieses Treffen eröffnen. Sie begann in ebenso großer Herablassung wie ihre Vorrednerin mit einem: „Madam Countess, erstens möchte ich darauf hinweisen, dass ich nach den strikten Regeln der Fitzwilliams zu Derby erzogen wurde. Ich betrachte mich daher als ebenbürtig, ungeachtet Eurer Einstellung. Vorfahrin oder Nachfahrin lag schließlich in der Hand der Vorsehung.
Zweitens wünschte ich dieses Treffen, um eine wichtige Frage zu klären, die ich im Leben nicht beantwortet bekam: Lord Thomas George Fitzwilliam und besonders Lady Fitzwilliam, die letzten wahren Earl und Countess of Derby, was habt Ihr Euch damals eigentlich bei dem horrenden Betrug an Eurem Erstgeborenen und der Familie Southey gedacht?“
„Lady Catherine, da müsst Ihr mit der Vorsehung rechten. Es ist doch eines jeden Pflicht, sein Fortkommen in der Welt zu sichern. Wenn es moralisch falsch gewesen wäre, hätte die Vorsehung unseren so genialen Plan nie gelingen lassen“, erwiderte der alte Earl mit einer gewissen Schärfe.
„Ihr irrt Euch, Milord. Ich würde mich nie unterstehen, mit der Vorsehung zu rechten, die übrigens inzwischen dafür gesorgt hat, dass Euer Verbrechen ans Tageslicht gekommen ist. Nur durch gemeinsame Anstrengungen der betroffenen Familien konnte ein Skandal verhindert werden, wobei ich mit Bedauern vermelden muss, dass mein Herr Bruder leider nichts zu diesen Anstrengungen beigetragen hat.“
„Verbrechen??“
„Wagt es nicht, das anzuzweifeln. Ihr habt Euren eigenen Sohn betrogen, Urkundenfälschung betreiben lassen und die Familie Southey mit Falschaussagen in eine doppelte Verbindung gelockt.“
„Mäßigt Euren Ausdruck. Vergesst nicht, dass wir unseren Titel zu Recht trugen, Ihr aber einen angemaßten Titel habt!“
„Ach ja? Den Titel 'Lady Catherine' trug ich unschuldig zu Unrecht, wie Ihr nur zu gut wisst. Es ist unsinnig, mir eine Anmaßung zu unterstellen. Ja, genaugenommen muss das ebenfalls Euch angelastet werden, falls das beim Jüngsten Gericht zur Sprache kommen sollte. Mir scheint, dass Ihr uneinsichtig seid, und werde nun den bisher Unwissenden die Tatsachen darlegen.“
„Das werdet Ihr nicht wagen!“
„So?!? Dann werdet nun Zeuge meines nicht-Wagens!
Lord Thomas Walter Fitzwilliam Darcy, ich weiß, den Titel habt Ihr nie gehabt, aber er steht Euch zu, einer Eurer Nachkommen, Fitzwilliam Darcy genannt, hatte Euren Bericht aus dem Versteck geholt, das er nur mit Hilfe seiner entzückenden Gattin Elizabeth Bennet Darcy finden konnte. Ich habe eine Abschrift bekommen. Ich war entsetzt, auf welch ungeheure Weise und aus welch niederträchtigen Motiven Ihr um Euer angestammtes Recht gebracht wurde.
Die beiden Finder waren hernach bemüht, und zwar sehr erfolgreich bemüht, Euch einerseits Genugtuung zu verschaffen und andererseits Eurem auferlegten Schweigegebot zu folgen. Daher verbot es sich, nach der Wiedererlangung des Titels zu streben. Sie haben die Aufgabe mit Bravour gemeistert, unterstützt von dem Nachkommen jenes betrogenen Fürsten Southey. Er erfuhr durch die Bekanntschaft mit zwei meiner Neffen endlich, warum es trotz der sorgfältig betriebenen Familienpolitik immer wieder schwarzhaarige Fürsten in der Familienlinie gegeben hatte. Der Betrug an Euch als Erstgeborenen hat also nicht nur Euch und Euren Nachkommen immens geschadet, sondern auch den Nachkommen jenes Fürsten viel Verdruss gemacht.
Fitzwilliam Darcy ist in Anerkennung seiner Bemühungen, die Fehde beizulegen, in den Adelsstand erhoben worden. Er ist nun Baron. Das sollte meinem Schwager doch eine Genugtuung sein.“
„Das ist es in der Tat. Ich habe schon immer gewusst, dass mein Sohn zu großem geboren ist.“
Er und Lady Anne strahlten sich, in Elternstolz einig, an.
Sir Lewis verkniff sich die Bemerkung, dass dieser Baron ja eigentlich ein Earl war. Er wollte den Bemühungen seiner geliebten Gemahlin nicht zuwider handeln. Sie wollte Genugtuung für den Betrogenen und erhoffte sich eine Versöhnung ihrer Schwester mit ihrem Gemahl, der aber erst einmal durch die Kenntnis der Zusammenhänge von seiner Härte lassen musste. Das hatte sie ihm überzeugend erklärt.
Lady Catherine, Ihr solltet nicht so hochtrabend sein. Ihr seid nichts weiter als Gentry, wie Ihr selber eingestanden habt, und es steht Euch einfach nicht an, den Hochadel zu richten!“ erhob nun die Countess wieder ihre Stimme.
„Nur wegen der auch von Euch geforderten Geheimhaltung habe ich die Anrede 'Lady Catherine' beibehalten. Ich war dazu verpflichtet, da ich nicht wusste, wie ich nach all den Jahren eine Namensänderung in Lady De Bourgh begründen sollte, ohne den Ruf der Familie zu zerstören. Das hätte ich bei Kenntnis zu einem früheren Zeitpunkt, nämlich als ich Witwe wurde, ohne Aufsehen machen können, aber nicht später. Auch das ist Euer Verschulden. Die von Euch verbreiteten Lügen waren so glaubhaft, dass wir ohne den Bericht Lord Thomas Walters die Wahrheit nicht entdecken konnten. Außerdem, Countess of Derby, mögt Ihr bitte zur Kenntnis nehmen, dass ich hier Fakten berichte, nicht Euch richte. Ich war vor meiner Heirat Gentry, nach meiner Heirat ehrlicher Adel. Ihr wart vor der Heirat keine Gentry, sondern die Tochter eines Clansführers, ein Titel, der im englischen Adel nichts gilt, wie Ihr wisst, nicht wahr, Elayne Bridget Kympyn Fitzwilliam?“
Sowohl die Countess als auch ihr Sohn George atmeten hörbar ein.
„Wie kommt Ihr zu meinem Namen? Der war doch ein Geheimnis! Unglaublich, was sich eine Dame der Gentry mir gegenüber herausnimmt.“
„Eure Anwürfe fallen auf Euch zurück, wie ich bereits anzudeuten geruhte. Auch habe ich Euch doch gerade gesagt, dass ich, wie Ihr, durch Heirat adlig bin. Aber ich bin bereit, Eure so ohne jede Rücksicht gestellte Frage ohne jede Rücksicht zu beantworten.
Nachdem einer Eurer direkten Nachfahren gründliche Ahnenforschung betrieben hatte, und damit der Familie viele Ungelegenheiten machte, hatte ich mich selber einmal um diese Unterlagen bemüht. Ich gebe zu, dass die Fassade meines Standesbewusstseins, schließlich habe ich einen echten Titel, mir dabei zustatten kam. Jedenfalls fand ich einen sehr alten Eintrag, den Eurer Hochzeit – wie üblich mit vollem Mädchennamen. Die Heiratseintragungen hattet Ihr nämlich vergessen, fälschen zu lassen. Die gabt Ihr erst ein Jahr später in Auftrag, im Geburtsregister, um den Erstgeborenen zum Zweitgeborenen zu machen. Der Fälscher war äußerst geschickt, aber es gab verräterischen Schriftwechsel, der Mr. Fitzwilliam Darcy auf die richtige Spur brachte.“
George Thomas Fitzwilliam, Earl of Derby, hatte sich wieder gefasst: „Frau Mutter, bei allem Respekt, aber bei diesem Eurem Mädchennamen verwundert es mich doch sehr, dass Ihr immer so eine Abscheu vor allem, was keltisch war, zeigtet. War etwa der kleine, intelligente Kelte, so etwa in meinem Alter, der zum Verwalter für mich ausgebildet werden sollte, ein Verwandter?“
„Selbstverständlich, er war nicht einfach ein Verwandter, er war Euer älterer Zwillingsbruder, der hier in der Runde sitzt. Es war für Euch und den Glanz des Hauses Derby einfach unerlässlich, ihn zu verleugnen. Das war sozusagen die ihm auferlegte Strafe dafür, dass er mit seinen dunklen Haaren seinen Eltern Schwierigkeiten machen konnte, weil die mühsam aufgebaute Verbindung zu den Southeys an ihm gescheitert wäre. Bei meinem Aussehen war es mir ein Leichtes, den Schein wahren zu können. Wäre er blond gewesen, hätte er sein Erstgeburtsrecht nicht verloren. Ich sehe keinerlei Veranlassung, deswegen beschämt die Augen niederzuschlagen. Wenn die Kelten damals noch die gleichen Möglichkeiten zu Ruhm und Glanz gehabt hätten, wäre meine Einwilligung zu diesem Plan nicht erfolgt. Dann wäret Ihr allerdings nie Earl geworden, sondern nur Gentry. Ihr habt mir also dankbar zu sein. Aber die Kelten spielten schon damals seit Jahrhunderten keine staatstragende Rolle mehr, zumindest nicht südlich der schottischen Grenze. Da war mein Entschluss doch nur zu natürlich, nicht wahr?“
„Frau Mutter, lieber ehrliche Gentry als erlogener Earl. Bruder, verzeiht, das habe ich ehrlich nicht gewusst. Ich hätte Euch doch spätestens hier an diesem Ort um Verzeihung bitten müssen – und hätte es gewisslich getan, hätte ich davon gewusst. Dann wart Ihr also nicht der rivalisierende Familienzweig, der durch einen unfairen Gerichtsprozess uns das Gut Pemberley abgewonnen hat? So wurde es mir berichtet, als ich mich wunderte, dass Gut Pemberley nicht mehr in unseren Büchern auftauchte.“
„Ich wurde erst zum unversöhnlichen Rivalen, als ich kurz vor meiner Hochzeit durch unsere keltische Tante von meiner wahren Herkunft erfuhr. Die Unversöhnlichkeit gebe ich offen zu. Je nach Ausgang dieses Gesprächs werde ich die Unversöhnlichkeit entweder stark einschränken oder ganz ablegen - oder auch beibehalten. Versprechen kann ich jetzt noch nichts. Aber eins will ich doch betonen: Wenn diese Sache damals wirklich vor Gericht gekommen wäre, wäre der Titel in meinem Zweig, das kann ich beschwören, sofern unsere Eltern nicht die Richter bestochen hätten. Und Ihr könnt Euch denken, dass Ihr als Zweitgeborener bestimmt nicht Gut Pemberley erhalten hättet. Pemberley war mein Schweigegeld.“
„Lady De Bourgh, ich danke Euch für die erfolgte Aufklärung. Jetzt verstehe ich endlich, warum ich immer noch hier bin. Bruder Thomas, ich bitte Euch herzlich um Verzeihung. Andererseits weiß ich nicht, ob ich es meinen Eltern, unseren Eltern, verzeihen kann, wie sie uns beide betrogen haben, Euch um den Titel und mich um einen Bruder.
Verehrte Gesprächsrunde, es ist mir nicht möglich, länger bei meinen Eltern zu verweilen.“ Er stand auf und entfernte sich.
Lady De Bourgh sah ihm mit Mitgefühl nach. Dann fuhr sie in ihrer Erklärung fort: „Anne, geliebte Schwester, wir sind, wie Ihr nun gehört habt, Töchter der Gentry. Ich stieg in den Adel auf, weil ich Sir Lewis De Bourgh heiratete. Ihr stiegt in den Adel auf, weil Ihr den wahren Earl of Derby heiratetet. Wir sind also nicht nur im Fitzwilliam-Starrsinn erzogen, sondern auch zu falschen Anreden verführt worden. Die Generationen zwischen diesen unseren offenbar immer noch uneinsichtigen Vorfahren und uns sind nur an unserer Erziehung schuldig zu sehen, nicht an den daraus entstandenen falschen Anreden, weil sie nichts von diesem eklatanten Betrug wissen konnten. Unser Bruder aber erfuhr davon und weigerte sich, die Realitäten anzuerkennen. Sein Erstgeborener ist von gleicher Disposition. Um des Titels Willen, den er nicht aufgeben mag, weigerte er sich, die Wahrheit zuzugeben. Beide haben zwar die Haarfarbe jenes Earls, der unsere Runde eben verlassen hat, aber leider nicht auch seine Gesinnung. Mit Euch, Schwester, habe ich in gewisser Weise Mitleid. Ihr habt Euch Dank unserer Erziehung à la Fitzwilliam Euer Leben und das Eures Gemahls verbittert. Ihr konntet nicht verwinden, einen Herrn der Gentry geheiratet zu haben, obwohl er doch der wahre Earl war, Ihr also seit der Hochzeit die wahre Countess of Derby wart. Aber Ihr habt Euer Schicksal zum großen Teil selber zu verantworten. Ihr hättet einfach die Liebe zulassen sollen. Eurem Sohn ist es gelungen, und ich kann mir, außer meiner Tochter und ihrem Gatten, kein glücklicheres Paar vorstellen als Lord Fitzwilliam Darcy und seine entzückende Elizabeth.“
Die so angesprochene sah voller Bestürzung von ihrer Schwester zu ihrem Gemahl: „Ich kann nicht verhehlen, dass ein Teil meines Unglücks auf unserer Erziehung beruhte. Aber es gibt noch Ereignisse im Laufe meiner Ehe, die den anderen Teil ausmachten. Für meinen Anteil bitte ich nun reumütig um Verzeihung.“
„Geliebte Anne, wir werden über den anderen Teil sprechen – getrennt von dieser Versammlung, weil der offenbar nicht mit dem Verhalten der Fitzwilliams zusammenhängt. So ich Veranlassung habe, werde ich Euch um Verzeihung bitten, so wie ich Euch jetzt Verzeihung gewähre. Es ist nur so schade, dass wir erst jetzt diese Hintergründe erfahren. Vielleicht wäre es uns vergönnt gewesen, ähnlich glücklich wie unser Sohn zu werden.“
Lady De Bourgh dachte an die Charakterzüge, die ihren Neffen dazu bewogen hatte, seine Gemahlin einmal ganz aus Versehen 'Elfchen' zu nennen, schwieg aber wohlweislich. Ein James Darcy hätte dafür wahrscheinlich wenig Verständnis. Es war wichtiger, die Seligkeit ihrer Schwester zu retten. Hoffentlich wurde dieses Schweigen nicht als Sünde angesehen.
Deren Bruder sagte nun angewidert: „Schwester Catherine, Ihr übertreibt mein Verhalten wider besseres Wissen. Ihr wisst genau, dass ich mich mit dem Transfer des Titels abgefunden hätte, wenn Fitzwilliam Darcy bereit gewesen wäre, seine Ehe annullieren zu lassen, um meine Tochter Caroline zu heiraten. Nur seinem Starrsinn ist es zu verdanken, dass der Familienstreit in heutiger Zeit so unerfreulich wurde. Unsere Vorfahren haben doch gezeigt, dass man für die Familienpolitik auch einmal persönliche Opfer bringen muss.“

Bisher war Sir Lewis De Bourgh nur der Zuhörer gewesen. Jetzt aber polterte er mit einem deftigen schottischen Fluch dazwischen und fuhr dann auf Englisch fort: „Verdammter Idiot. Ich habe inzwischen erfahren, dass Lord Darcy zu diesem Zeitpunkt bereits drei oder gar fünf Kinder hatte. Sollten die etwa zu Bankerts werden, nur um Euren Familienstolz zu kitzeln? Aber eine Familie, die ihren eigenen Sohn betrügt, ist auch solcher Taten einem Neffen gegenüber fähig. Ihr seid ein wahrer Nachfahre dieser Vorfahren hier, einer wie der andere einfach nur ein ungehobelter, erbärmlicher Wicht. Schon allein für diese Haltung hätte man Euch aus Adelskreisen verstoßen müssen. Habt Ihr ein Glück, dass Lord Darcy sich an die alten Abmachungen zur Geheimhaltung hielt. Ihr hättet sonst auswandern müssen.“

Der jüngste Earl in der Runde sah von einem zum anderen. Es war doch nicht zu fassen, dass alle, bis auf das älteste Paar, das ihm freundlich zunickte, ihn mit unverhohlener Abneigung ansahen. Fitzwilliam Darcys Eltern waren sich auch jetzt wieder einig: Wie konnte man nur versuchen, die Kinder ihres so aufrechten, wohlerzogenen Sohnes, ihre Enkelkinder, als illegitim erklären zu lassen!
Nun nahm Thomas Walter Fitzwilliam Darcy das Wort: „Ich danke für die Nachricht. Vermutlich war der Verständigungswille zwischen fast allen Mitgliedern der Grund für die Totenmessen, die mich vor einigen Jahren so erfreuten?“
„Indirekt, Milord. Auf die Idee kam Elizabeth Bennet Darcy nach der Erhebung in den Adelsstand. Ich wollte zwei Messen lesen lassen, sie aber, bzw. ihr Gatte, mobilisierte alle Kirchen, die sie ohne Aufsehen beeinflussen konnte. Diese sehr patente Dame ist Gentry, nicht auf Aufstieg erzogen, aber die perfekte Baronin, wie sie sicher auch eine perfekte Countess sein würde. Die Messen waren sozusagen der krönende Abschluss. Inzwischen ist übrigens die Heiratsklausel Eures Vertrages in eine reguläre Erbschaftsklausel übergeleitet worden. Auch diese Idee ging von Elizabeth Bennet Darcy aus und wurde von ihrem Gemahl und dem Fürsten Southey umgesetzt. Eine weitergehende Rehabilitierung ist nicht möglich, da Ihr ja absolutes Schweigen angemahnt habt.“
„Mit diesem Ergebnis bin ich zur Versöhnung bereit. Meine Damen und Herren, es hat mich gefreut, in dieser interessanten Runde zugelassen zu sein. Ich werde jetzt gehen und versuchen, mit meinem Bruder Frieden zu machen. Mit meinen Eltern wird es mir erst möglich sein, wenn sie ihr himmelschreiendes Unrecht einsehen.“

Nachdem auch die anderen gegangen waren, fragte Lady De Bourgh ihren Sir Lewis: „Wo genau sind wir hier eigentlich?“
„Wir sind an dem Ort, den die Katholische Kirche je nach Landessprache entweder Fegefeuer oder Ort der Läuterung nennt. Hier haben die Seelen zu verweilen, bis sie sich von allem Unrecht befreit haben, das sie von ihrem Leben mitgebracht haben. Die Urheber des Familienunglücks werden wohl noch eine Weile ausharren müssen, da sie immer noch uneinsichtig sind. Ihre beiden Söhne werden diesen Ort wohl bald verlassen können, falls sie ihren Eltern ehrlich vergeben können. Gleiches wird wohl auch auf Deine Schwester und ihren Gatten zutreffen.“
„Und warum seid Ihr noch hier?“
„Ich habe darum gebeten, hier auf Euch warten zu können. Das ist leider nicht so einfach möglich. Aber in regelmäßigen Abständen werde ich ermahnt, dass ich das Fluchen lassen soll. Ich gehe davon aus, dass dieser Trick durchschaut wird. Aber da ich ihn aus Liebe anwende, lässt man ihn mir durchgehen.
Den nächsten Schritt werde ich nur mit Euch machen. Wir werden Bescheid bekommen, was Ihr noch zu berichtigen habt. Wenn Ihr das getan habt, werde ich auch nicht mehr fluchen, versprochen.“
„Soll das heißen, die Ahnen wissen um die Vorwürfe gegen sie und sind trotzdem so stur?“
„Natürlich! Es ist eigentlich verwunderlich, dass sie sich immer so angelsächsisch fühlten. In Starrsinn nehmen sie es mit jedem Schotten auf, der allerdings um sein Recht und nicht um sein Unrecht kämpft.“


* * * rund 200 Jahre später * * *



Fast alle Teilnehmer dieser Runde sind inzwischen an einem anderen Ort. Sie mussten noch auf ihre Kinder warten, um für bestimmte Vergehen, wie Härte oder fehlerhafte Erziehung, Verzeihung zu erhalten. Lady Anne, wie sie immer in ihrem Leben genannt wurde, nahm sich ein Beispiel an ihrem Schwager und gewährte die volle Verzeihung erst, als auch ihr Gatte nach einem Treffen mit Georgiana Darcy Stanfolk diesen Ort verlassen durfte.
Nur die Urheber und deren zwei ältesten Söhnen verweilen immer noch dort. Die miteinander versöhnten Thomas und George können ohne Einlenken der Eltern nicht vergeben. Die Eltern wollen immer noch nicht einsehen, dass ihr Verhalten tadelnswert war, wie sie sich ausdrücken.
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