365 Briefe

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
27.05.2018
01.07.2018
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Vier Dinge die ich zu diesem Kapitel sagen sollte.

1. Ich weiß, dass Atsushi nicht direkt grauhaarig ist, aber wenn ich grau-blond irgendwas geschrieben hätte, würde das auch blöd klingen. Grau kam schon am besten.
2. Habe ich keine wirkliche Ahnung, wie Atsushis Wohnung aussieht und habe es mir ein wenig zusammengesponnen zusammen mit den wenigen Bildern, die man mal im Manga gesehen hat.
3. Dachte ich immer mal irgendwo gelesen zu haben, Akutagawas Rashomon wäre an seinen Mantel gebunden, habe jetzt aber wo anders gelesen, das dem wieder nicht so ist. Nun, für das Kapitel war das aber sehr passend und auch wenn es falsch ist, hoffe ich, dass man mir verzeihen kann.
4. Hoffe ich, Aku ist nicht zu OOC geworden. Es ist verdammt schwer, einen seelisch zerstörten Aku hinzubekommen, immerhin hatte man ihn im Manga/Anime nie wirklich so extrem verletzt gesehen.

Sorry für das lange Vorwort. Und nun viel Spaß mit dem neuen Kapitel :)



2. Wunden


Aus meiner Ohnmacht erwachte ich nur sehr schwerfällig. Mein Kopf dröhnte so, dass ich dachte, er würde jeden Moment einfach platzen und meine Augen wollten kaum aufgehen.

Ich spürte die Decke über meinem Körper, der diesen in eine widerliche Wärme hüllte. Wütend strampelte ich das nutzlose Ding von mir und zischte gequält, als sich daraufhin sofort meine Wunde am Bauch bemerkbar machte.
Ich vernahm den fremdem und doch vertrauten Geruch, der von dem Bett auf dem ich lag ausging und eigentlich wusste ich schon, wo ich mich befinden musste, noch ehe sich meine Augen gänzlich geöffnet hatten. Zudem waren die Erinnerungen an meinen Retter wider Willen auch noch mehr als präsent und da das hier nun definitiv nicht meine eigene Wohnung war, war es nun wirklich nicht sehr schwer zu erschließen, wo ich war.

"Ich hasse dich, du Mistkerl!", fluchte ich leise, öffnete die Augen und starrte auf die weiß gestrichene Decke.
Ein paar Sekunden verharrte ich so, dann drehte ich mich jedoch auf die Seite und sah mich flüchtig im Zimmer um. Sehr viel zu sehen gab es hier auch nicht, es war eben mit dem nötigsten eingerichtet und nur die ganzen herumliegenden Klamotten verrieten, dass hier überhaupt jemand wohnte. Aber sehr viel persönlicher war es bei mir auch nicht eingerichtet. Zudem schien das hier Wohn- und Schlafzimmer in einem zu sein, man konnte jedoch einen Blick auf die angrenzende Küche erhaschen.

Seufzend richtete ich mich auf, ignorierte den stechenden Schmerz meiner Wunde und war drauf und dran, aus dem Bett zu klettern, um aus dieser verhassten Wohnung zu verschwinden. Ich kam jedoch nicht weit, da hielt mich die mir noch viel mehr verhasste Stimme auch schon auf.

"Du solltest noch nicht aufstehen. Deine Wunde könnte wieder aufgehen."
Was kümmerte ihn das? Konnte ja nicht jeder solche Selbstheilungskräfte wie er besitzen.
"Hier bleibe ich bestimmt nicht.", zischte ich gereizt und erntete nur ein genervtes Seufzen.
"Sturer Esel. Ich will dir doch nur helfen."
"Du bist der Letzte, dessen Hilfe ich brauche!"

Kurz verstummte Atsushi, kam dann jedoch auf mich zugelaufen und ließ den Verbandskasten auf's Bett fallen.
"Gut, dann versorg deine Wunde eben allein. Ich habe nie verstanden, warum du mich so hasst. Dein Hass mir gegenüber ist so tief, wie zu keinem normalen Feind. Als hätte ich dir irgendwas ganz schlimmes angetan. Keine Ahnung was es ist, aber vielleicht klärst du mich ja auf. Das liegt ja sicher nicht nur daran, dass du mich eigentlich mal fangen solltest."
Doch anstatt dem Anderen zu antworten, funkelte ich ihn nur vernichtend an. Am liebsten hätte ich ihm augenblicklich mit Rashomon die Kehle aufgeschlitzt, aber leider trug ich meinen Mantel nicht und wie sehr ich es auch hasste mir das eingestehen zu müssen, ohne diesen konnte ich meine Fähigkeit leider nicht einsetzen. Mein Mantel war Rashomon. Dieser Bastard musste ihn mir mit Absicht abgenommen haben, aber notfalls würde ich mich auch mit meinen Fäusten zu verteidigen wissen.

"Liegt es vielleicht daran?"
Auf einmal hielt Atsushi einen Brief nach oben und meine Augen weiteten sich geschockt.
"Ich weiß, das gehört sich nicht und eigentlich mache ich so was auch nicht. Aber ich habe ihn gelesen."
"Du hast was?!"
"Er ist ja an Dazai adressiert und erst wollte ich ihm den Brief einfach geben, aber dann war ich mir unsicher, ob du das wirklich wolltest. Und nachdem ich den Inhalt gelesen habe, war ich froh, dass ich es nicht getan habe. Hasst du mich deswegen so sehr? Wegen Dazai?"
Mistkerl! Dreckssack! Wie konnte er nur?! Was fiel ihm ein, fremde Briefe zu lesen?! Ich bringe ihn um! Ich reiß ihm das gottverdammte Herz aus der Brust!

"Du liebst ihn, nicht wahr?"

Und das war zu viel. Es brachte das Fass zum überlaufen, ließ mich unüberlegt aus dem Bett aufspringen und mich wütend auf ihn werfen. Da er damit nicht gerechnet hatte, endete es damit, dass wir beide krachend auf dem Boden landeten, er unter mir. Den Schmerz und das widerlich reißende Gefühl meiner Wunde ignorierend, schlug ich ihm einmal mit der Faust ins Gesicht. Atsushi ächzte leise, machte jedoch keinerlei Anstalten sich zu wehren.

"Warum liest du fremde Briefe?!"
"Ich wollte dich besser verstehen. Wollte verstehen, warum du mich so sehr hasst. Und jetzt macht es Sinn. Du bist eifersüchtig, weil ich so nah bei Dazai sein kann und er dich damals einfach allein zurück gelassen hat, als er die Mafia verließ, habe ich nicht recht?"
"Das steht so gar nicht in dem Brief!"
"Es ist aber nicht schwer, sich das zusammenzureimen."
Ein weiterer Schlag ins Gesicht meinerseits. Und noch einer.
"Es ist doch nicht schlimm, dass du ihn liebst. Aber wenn du so drunter leidest, warum sagst du es ihm nicht?"
"Halt's Maul! Hast du eine Ahnung! Würdest du jemandem, der dich einfach zurückgelassen und dein Herz zerstört hat sagen, dass du ihn liebst?! Er würde meine Gefühle nie erwidern, er will mich nicht! Warum sollte ich ihm das also sagen?!"
"Aber du hast ihm doch diesen Brief geschrieben!"
Atsushi wirkte verwirrt.
"Ich habe ihm Haufen Briefe geschrieben!"
Der Andere verstummte und ich hatte damit zu tun, das Beben meines Körpers unter Kontrolle zu bringen. Erst jetzt wurde mir so richtig bewusst, dass ich die ganze Zeit auf Atsushis Hüfte saß, doch ich hatte weder den Nerv, noch die Kraft dazu, diesen Umstand zu ändern oder mir gar Sorgen darum zu machen.

"Und hast du ihm je einen davon gegeben?", fragte der Grauhaarige vorsichtig.
Ich schüttelte den Kopf.
"Was hätte es denn gebracht? Außerdem hat er doch jetzt dich. Und du bist doch so viel besser als ich. Das hat er selbst gesagt. Warum also..."
Ich brach ab, da meine Stimme zu sehr zitterte. Erbärmlich. Wie konnte ich nur so ein jämmerliches Bild vor meinem größten Feind abgegeben?

"Ich habe dich noch nie so verletzt gesehen."
Am liebsten hätte ich ihm für diesen dummen Kommentar gleich nochmal eine rein gehauen, doch was würde es bringen? Er hatte ja recht. Dabei sollte mich so nie jemand sehen. Nie! Ich war Akutagawa Ryunosuke, ein Killer der Mafia, erbarmungslos und von allen gefürchtet. Und nun bot ich hier so einen lächerlichen Anblick, nur weil ich mal unglücklich verliebt war?! Gott, ich ekelte mich ja vor mir selber. Das würde mir dieser Bastard doch ewig unter die Nase halten! Er hatte es ja auch gut, wurde von den ganzen Leuten aus der Agentur geliebt und beschützt. Und ich? Ich war allein. Ich hatte niemanden. Er hatte Dazai. Den Mann, den ich mir so sehr wünschte. Was hasste ich ihn dafür!

"Ich glaube, ich kann dich jetzt verstehen."
"Nichts verstehst du!", zischte ich ihm wütend zu.
Warum klang dieser Idiot so einfühlsam? Elende Heuchelei! Er würde meine Schwäche ausnutzen! Er wusste nun um meine Gefühle für Dazai und sicher würde er sie dazu nutzen, mich vollends zu zerstören. Viel fehlte dafür nicht mehr.

"Aber ich glaube, du hast da ein etwas falsches Bild. Ich bin nur Dazais Schüler. Ich respektiere ihn, auch wenn er eigentlich nur ein suizidbesessener Idiot ist. Aber ich liebe ihn nicht. Nicht auf diese Art und Weise. Wenn man es denn überhaupt Liebe nennen kann, dann eher die Art, wie man seinen großen Bruder liebt. Und bei Dazai ist es nicht anders. Du brauchst also nicht eifersüchtig sein. Geh zu ihm."
"Das werde ich ganz bestimmt nicht! Erstens glaube ich dir nicht und zweitens, selbst wenn du Recht hast, heißt doch nach lange nicht, dass sich dadurch etwas an seinem Verhältnis zu mir ändert. Deswegen wird er mich auch nicht lieben."
"Aber du hast es ihm wenigstens gesagt."
"Und was habe ich dann davon, außer noch mehr Scherben in der Seele?"

Plötzlich richtete sich Atsushi auf und schlang seine Arme um mich, drückte mich beschützend an sich. Sofort stemmte ich meine Arme gegen seinen Brustkorb, aber er ließ nicht locker. Ehrlich, so eine körperliche Kraft hätte ich ihm gar nicht zugetraut, schließlich war er auch nicht größer als ich. Ob das an seinem inneren Tiger lag?

"Ich glaube, wir hatten einen ganz miesen Start und nun wo ich dich besser verstehe, würde ich gern einen Neuanfang wagen. Ich will dir nicht weh tun, okay?"
"Als ob du das könntest!", knurrte ich und versuchte mich nach wie vor aus seinem Griff zu befreien.
Scheiße, wo hatte er nur meinen Mantel versteckt?
Doch die Wahrheit war leider, dass er das sehr wohl konnte. Vielleicht nicht körperlich, aber seelisch könnte er mich so sehr verletzen, wie sonst nur Dazai. Er müsste nur Salz in die Wunde streuen. Doch seine Augen verrieten mir, dass er das wirklich nicht vor hatte und dass er die Wahrheit sprach. Er war zu gut für diese Welt. Er müsste mich doch auch hassen für all das, was ich ihm angetan hatte. Jedoch, in diesem winzigen Moment, da hasste ich seine Augen nicht ganz so sehr, wie ich es sonst tat.



~*~



Mehr oder weniger hatte ich meine Feindseligkeit Atsushi gegenüber abgeleget, als ich wieder frisch verbunden im Bett lag. Zumindest vorübergehend.
Natürlich war die Wunde bei meiner Aktion wieder aufgegangen, doch es kümmerte mich nicht weiter.

Desinteressiert starrte ich auf das Display meines Handys und überflog Higuchis besorgte Nachrichten und der mehrmaligen Frage nach meinem Verbleib, antwortete ihr jedoch nicht. Unverrichteter Dinge ließ ich mein Handy also wieder sinken und sah zur angrenzenden Küche herüber, in der Atsushi am Herd stand und versuchte ein mehr oder weniger leckeres Essen zu zaubern.

"Ist das deine eigene Wohnung?", fragte ich irgendwann.
Auch wenn es mich eigentlich gar nicht so interessierte, war mir die Stille irgendwie zu erdrückend.
"Sozusagen. Das ist das Wohnheim der Detektivagentur."
Ich lachte spöttisch.
"Ist es dann wirklich so gut, dass ich hier bin?"
"Es weiß keiner. Eigentlich wohnt zwar Kyouka noch mit hier, aber sie ist eh mit Ranpo und Yosano für zwei Wochen auf irgendeinem Auftrag unterwegs. Und bis sie wieder kommt, lassen wir uns schon was einfallen."
"Zwei Wochen? Tse, bis dahin bin ich schon lange wieder fit und über alle Berge."
"Körperlich vielleicht, aber seelisch bestimmt nicht.", erwiderte er.
"Als würde dich das kümmern. Findest du das eigentlich gar nicht eklig?"
"Was soll ich eklig finden?"
"Das ein Kerl auf einen anderen steht. Und dann auch noch ein Mafioso. Siehe da, was für ein Schock. Ryunosuke Akutagawa ist schwul. Das wird ein schöner Skandal."
Atsushi drehte sich zu mir um und blinzelte mich verständnislos an.
"Das ist mir doch egal. Mag ja sein, dass es andere stört, aber mich sicher nicht. Wobei, ehrlich gesagt, scheint Dazai schon mehr Frauen zu mögen. Zumindest habe ich ihn noch nie einen Kerl anmachen sehen, aber jede hübsche Frau, fragt er nach einem Doppelsuizid. Seine Art der Anmache, nicht wahr?"
Stich.
"Aber keine besonders tolle. Wer würde sich schon gern umbringen. Wobei einige gibt es da sicher schon irgendwo."
Stich.
"Ich würde mich mit ihm umbringen.", erwiderte ich dann und drehte mich auf die Seite, den Rücken zu Atsushi gedreht.
"Du würdest dich für Dazai umbringen? Du liebst ihn wirklich, hm?"
Mein Herz zerriss. Er ahnte ja gar nicht, wie sehr.

"Hey."
Ich erschrak, als seine Stimme plötzlich direkt neben meinem Ohr ertönte und warf mich reflexartig wieder zurück auf den Rücken. Dann funkelte ich ihn vernichtend an, doch er ließ sich davon kein bisschen irritieren.
"Wo sind die anderen Briefe?"
"Wieso willst du das wissen?"
"Ich will sie lesen."
"Hast du sie noch alle?!"
Da sagt er das so, als wäre es das normalste der Welt, einfach so in der Privatsphäre anderer Menschen herum zu schnüffeln. Arsch.
"Ich will das volle Ausmaß deiner Gefühle erfahren."
"Du bist doch bescheuert. Fick dich und lass mich in Ruhe."
Ich drehte mich wieder zur Seite und wollte das Thema damit für mich beenden, doch Atsushi ließ nicht locker. Nein, stattdessen war er auch noch so dreist, ebenfalls zu mir auf's Bett zu klettern und seinen Kopf über meinen zu beugen, so dass er mir trotzdem ins Gesicht sehen konnte.
"So wird es sicher leichter für dich, dich mir anzuvertrauen."
"Als ob ich das wollte."
"Natürlich willst du das. Mit wem solltest du denn sonst darüber reden?"
"Ich will gar nicht mit jemandem drüber reden. Kannst du nicht jemand anderem auf den Sack gehen?"
"Nun sag schon."
Er rüttelte an meiner Schulter. Die Wut kochte gefährlich in mir hoch.
"Ich will dir doch nur helfen."
Gereizt fuhr ich hoch und er wich reflexartig zurück.
"Ich habe gesagt, dass ich deine beschissene Hilfe nicht brauche!"
"Aber wenn du so weiter machst, gehst du kaputt. Ich bin für dich da. Vertrau mir. Ich habe weder vor, dich damit irgendwie zu verletzen, noch deine Schwäche gegen dich auszunutzen. Ich will dir nur helfen."
"Warum?", hinterfragte ich dann zweifelnd.
"Keine Ahnung. Ich denke einfach, du brauchst das. Du bist nur so verkorkst und verbittert, weil du dich allein fühlst. Ich weiß wie das ist."
Als ob er das wüsste.

Schließlich seufzte ich aber und gab nach.
"364."
"Was?"
"So viele Briefe sind noch übrig."
"Du hast Dazai insgesamt 365 Briefe geschrieben und ihm nie einen davon gegeben?", wiedeholte er ungläubig und verzog dann die Miene zu einem mitleidigen, gekränkten Blick.
"Ja. Jeden Tag einen. Ein ganzes Jahr lang."
"Autsch.", kommentierte er und ich wandte den Blick ab.
"Sie sind bei mir Zuhause. Der Schlüssel steckt in meiner Manteltasche. Du musst ja wissen, wo du den versteckt hast."
"Ja. Im Flur, am Haken. Ich habe ihn nicht versteckt, sondern dir nur ausgezogen, um dich zu verarzten."
So viel also dazu. Ich räusperte mich.
"Wie auch immer. Ich wohne in der Nähe der Port Mafia. Du findest es schon. Aber ich denke nicht, dass es eine gute Idee ist, wenn du dort einfach rum spazierst."
"Ich passe auf, versprochen."
Er lächelte und ich gab einen trotzigen Laut von mir.
"Mir doch egal."
Damit erhob sich Atsushi vom Bett und lief Richtung Tür. Kurz bevor er das Wohn- und Schlafzimmer verließ, hielt ich ihn jedoch nochmal auf.

"Irgendwann bringe ich dich um. Ganz bestimmt."
Der Kurzhaarige grinste und lachte leise.
"Ich weiß."
Dann war er verschwunden und Sekunden später, hörte ich die Haustür ins Schloss fallen.




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