A Dealer in Dreams

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
"Howlin' Mad" Murdock Templeton "Face" Peck
27.05.2018
27.05.2018
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3.736
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Dieses Kapitel
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27.05.2018 3.736
 
Titel: A Dealer in Dreams
Autor: Lady Charena (Februar 2008)

Fandom: The A-Team (Serie)
Charaktere: HM „Howling Mad“ Murdock, Templeton „Face“ Peck
Pairing: Murdock/Face, Face/f
100-ff-Challenge-Thema: #069. Donner
Worte: 3717
Rating: ab16, slash
Anmerkung des Autoren: Vielen Dank an T’Len fürs Beta lesen.

Summe: Murdock überrascht Face mit einem Besuch.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


Lyrics: Sarah McLachlan



Face war mit der Welt – und mit sich selbst im Besonderen – äußerst zufrieden. Das Team hatte einen Job (eine hässliche, kleine Erpressungsgeschichte, aber nichts kompliziertes) abgeschlossen, bei dem zwar nicht viel Geld für sie herausgesprungen war, der aber das sehr angenehme Gefühl hinterließ, etwas Gutes getan zu haben. Ab und zu konnte das ganz sicher auch nicht schaden.

Er warf einen Blick auf die Uhr, als er aus dem Lift trat und den Schlüssel zu seinem Apartment aus der Tasche zog. Bereits nach Mitternacht. Er hatte kaum bemerkt, wie die Zeit verflog.

Zuerst ein intimes Abendessen im „Chez Henry“, dann Drinks, Unterhaltung und Tanz in einer verträumten kleinen Bar. Und dann hatte ihn Annett mit in ihre Wohnung genommen... Zu schade, dass sie wegen ihrer Arbeit so früh raus musste – oder zumindest war es das, was sie sagte - er hatte so ein Gefühl, als hätten ihre grünen Augen ihn die ganze Nacht wach halten können... Andererseits kam es ihm ganz gelegen, dass Annett das ganze so locker sah.

Ihre Augen hatten ihn mit kritikloser Bewunderung angestrahlt, als er ihr alles erklärte – ohne dabei zu sehr über das Team ins Detail zu gehen – und überhaupt, hatte er ihr nun mal ein Abendessen versprochen, dafür dass sie ihn eine halbe Stunde mit ihrem Computer alleine ließ. Vermutlich war ihr Job bei der Stadtverwaltung nicht besonders aufregend, denn er ließ seinen Charme ein wenig spielen, machte ihr ein paar Komplimente und innerhalb von zehn Minuten war sie bereit, ihm das Passwort für den geschützten Datenbereich zu verraten, dass sie eigentlich nicht einmal selbst wissen durfte. Doch ihr Vorgesetzter hatte so ein schlechtes Gedächtnis, dass er sich das Passwort notieren musste und es wenig originell unter der Schreibtischauflage aufbewahrte, wo sie die Notiz durch einen Zufall entdeckt hatte.

Als sie das Büro verließ, um mit einer Kollegin die Mittagspause zu verbringen, hatte er keine zwanzig Minuten benötigt, um dem Computer die Informationen abzutrotzen, die Hannibal haben wollte. Und war es nicht ein Segen, dass er sich nicht mehr durch Berge an Karteikarten und Aktenmappen wühlen musste, um an die Informationen zu kommen? Dann verschwand Face so ungesehen, wie er gekommen war, den Computerausdruck sicher in der Innentasche seines Jacketts. Ja, Computer waren wirklich die Zukunft.

Er ignorierte die Kommentare seiner Freunde, als er in den Van kletterte, der in einer Seitenstraße wartete.

Hannibal überflog den Ausdruck und seine Augen leuchteten für einen Moment auf, als er ein Plan zu formen begann. Er klopfte Face auf die Schulter und beglückwünschte ihn zu seinen Ergebnissen – um dann zu fragen, welche Haarfarbe „Sie“ hatte.

Dazu nickte Face nur und ignorierte den Rest, genau wie BAs grimmige Miene. Es war leicht, sich moralisch zu entrüsten, wenn man nicht derjenige war, der seinen Kopf für die Informationen hinhalten musste. Murdock sagte überraschenderweise gar nichts, er war sonst stets bereit, ihn gutmütig mit seinen Eroberungen aufzuziehen, manchmal mit einem Unterton, den Face gerne als Neid interpretierte.

Face bog um die Ecke des Korridors, der vom Lift zu seinem Apartment führte, das Letzte in der Reihe, aber auch das Größte und Eleganteste. Außerdem lag es am nächsten zum Abstieg der Feuertreppe und schließlich wusste er nie, wann er verschwinden musste, ohne dass er in der Lage war, die Vordertür zu benutzen.

Er hatte kein Licht angeknipst, als er aus dem Lift trat, vertraut genug mit der Umgebung, dass es ihm unnötig schien... doch plötzlich zögerte er. Es war... vielleicht Instinkt, sicherlich zum Teil Instinkt, aber auch Erfahrung und Training... was auch immer es war, es sagte ihm, dass er sich nicht alleine in dem Korridor befand.

Seine gute Laune verflog und er griff nach der Waffe, die er zwar natürlich zum Abendessen nicht mitgenommen, aber in der Corvette versteckt gehalten hatte und die er einsteckte, als er den Wagen in der Tiefgarage des Apartmentgebäudes parkte.

Seine Fingerspitzen streiften die Wand entlang, während er vorsichtig weiterging, seine weichen, italienischen Schuhe verursachten fast kein Geräusch auf dem Teppichboden, doch es war spät und still und selbst die leisesten Geräusche hallten in dieser Stille wieder. Endlich fand er, was er gesucht hatte, einen Lichtschalter. Face schloss für eine Sekunde die Augen und drückte auf den Lichtschalter. Wer immer in der Dunkelheit auf ihn wartete, würde nicht darauf vorbereitet sein, und die plötzliche Helligkeit musste ihn für einen Moment blenden. Genug Zeit für ihn...

Face zog den Revolver und öffnete die Augen – um mit einem Gefühl, sich lächerlich gemacht zu haben, die Waffe wieder sinken zu lassen. „Was zum Teufel machst du hier?“, fragte er irritiert und schärfer als beabsichtigt, als er Murdock gegen seine Tür gelehnt auf dem Boden sitzen sah.

Er steckte die Waffe weg und trat zu dem Piloten, um ihm die Hand hinzustrecken und ihn auf die Füße zu ziehen.

Murdock sah ihn mit einem Gesichtsausdruck irgendwo zwischen Verlegenheit und unterdrücktem Gelächter an. „Hattest du wirklich vor, mich zu erschießen, Facey?“, fragte er mit einem Grinsen.

„Natürlich nicht.“ Ärgerlich schob Face ihn zur Seite und schloss die Tür auf. „Was machst du hier?“, wiederholte er, als er das Licht anknipste. „Hannibal und BA sagten, sie würden dich auf dem Rückweg in der Nähe des Veteranenkrankenhauses absetzen.“

Der Pilot zuckte mit den Schultern und folgte ihm in die Wohnung. „Vielleicht hatte ich keine Lust... irgendwo abgesetzt... zu werden.“

„Murdock!“ Face näherte sich langsam dem Ende seiner Geduld. „Klartext.“ Er drehte sich zu dem Piloten um, als er sein Jackett ordentlich über einen Bügel hängte. „Bitte?“, setzte er hinzu, als er die Enttäuschung auf dem Gesicht seines Freundes sah. „Es ist spät und ich bin müde und will ins Bett.“

„Du siehst aus, als kämst du eben aus dem Bett. Aus ihrem Bett.“ Murdock stopfte die Hände in die Taschen seiner Jacke und deutete mit dem Kinn auf Face’ uncharakteristisch nachlässig zugeknöpftes Hemd und die lockere Krawatte. „Die Frau aus dem Büro der Stadtverwaltung?“, fragte er und musterte nun angelegentlich seine Schuhspitzen.

„Na und? Ja, ich war mit ihr aus. Obwohl ich nicht weiß, was dich das angeht.“ Face ließ ihn stehen – manchmal war es selbst ihm zu viel, sich um Murdocks abschweifende Gedankenwelt zu kümmern – und trat ins Wohnzimmer.

Er machte auch hier das Licht an, goss sich einen kleinen Drink ein und nahm in einem Sessel Platz. Aber als er den Piloten an der Türschwelle stehen sah - die Schultern hochgezogen, als wäre ihm kalt, das Gesicht hinter dem Schatten versteckt, den seine immer präsente Mütze darüber warf, verflog sein Unmut.

„Jetzt steh da nicht so herum“, meinte er mit einem Seufzen. „Willst du heute Nacht hier schlafen?“, fragte er weiter. „Ich habe zwar kein Gästezimmer, aber die Couch ist ganz okay.“

Murdock hob den Kopf, rührte sich aber ansonsten nicht von der Stelle. „Warum bist du eigentlich mit ihr ausgegangen?“, fragte er plötzlich.

„Was?“ Für einen Moment hatte Face keine Antwort, zu unerwartet kam die Frage. „Ich hatte es ihr versprochen. Und ich schuldete ihr zumindest ein kleines Dankeschön. Wenn irgendjemand herausfindet, dass sie mich an ihrem Computer gelassen hat, wird sie gefeuert.“

„Sie riskiert ihren Job für ein Abendessen und ein Rendezvous mit dir? Wow, Face, wenn du den Trick vermarkten könntest, wärst du in kürzester Zeit ein Millionär.“ Mehr als nur ein Unterton von Sarkasmus lag in Murdocks Stimme. „Mehrfacher Millionär.“

„Du... verstehst das nicht, Murdock.“ Face stellte seinen Drink weg, wollte ihn plötzlich nicht mehr. „Ihr Job ist langweilig, ihr Leben voller Routine, es passiert nie etwas Aufregendes. Sie hätte aus Angst um ihren Job ‚Nein’ sagen können, aber sie hat es nicht getan, weil... weil es ein Abenteuer war. Ich hab ihr nicht nur ein Abendessen versprochen, ich habe ihr... einen... Traum versprochen. Okay, das klingt wie aus einer Seifenoper, aber so ist es.“

„Du hast ihr einen Traum versprochen“, wiederholte Murdock leise. „Du hast ihr einen Traum verkauft. Du verkaufst Träume, Face.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“ Die Irritation war zurück in Face’ Stimme und in seinem Gesicht. „Hör’ zu, es ist spät, ich bin müde und ich habe keinen Schimmer, warum du hier plötzlich das große Drama abziehst. Ich auf jeden Fall gehe jetzt schlafen.“ Er stand auf. „Bleib’ hier oder geh’, was immer du willst. Das Wohnzimmer gehört dir. Gute Nacht.“ Ohne darauf zu warten, ob der Pilot noch etwas zu sagen hatte, ging er ins Schlafzimmer und machte die Tür nachdrücklich hinter sich zu.


* * *


Face verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Entgegen seiner Behauptung war er keine Spur mehr müde, als er aus der Dusche kam und ins Bett ging. Stattdessen lag er nun hier und lauschte auf die Geräusche aus dem Wohnzimmer, die ihm sagten, dass Murdock nicht gegangen war. Während er sich im Badezimmer aufhielt, hatte er etwas aus dem angrenzenden Raum gehört, das klang, als würde der Pilot da drüben die Möbel umstellen. Hoffentlich nahm Murdock nicht wörtlich, was er zu ihm bezüglich des Wohnzimmers gesagt hatte. Er wollte das Apartment im gleichen Zustand verlassen, wie er es vorgefunden hatte. Es war schließlich nur... geborgt.

Hatte er Murdock zu hart angefasst? Ganz offensichtlich beschäftigte ihn irgendetwas und er hatte ihn einfach abgewimmelt.

Face seufzte und drehte sich auf die Seite. Er würde morgen... oder genauer gesagt, heute irgendwann später... Hannibal anrufen. Vielleicht wusste der Colonel mehr, er hätte immerhin den Piloten im Krankenhaus abliefern sollen.

Nach einer Weile schlief er ein, des Grübelns überdrüssig. Der leise gestellte Fernseher lieferte ein vertrautes Hintergrundrauschen dazu.

Ein Schuss hallte durch das Appartement.

„Was zum...“ Face war aus dem Bett und auf dem Weg zur Tür, noch bevor er völlig wach war.

Bevor er das Wohnzimmer stürmen konnte, krachte es erneut und verspätet, mit einiger Verlegenheit, registrierte Face, dass das, was er im ersten Moment und schlafend für einen Schuss gehalten hatte, Donner war.

Er fuhr sich durch die Haare und sah zum Fenster hinüber, wo ein Blitz die Nacht erhellte. Der nächste Donnerschlag grollte los. Das klang verdammt nahe. Face konnte sich nicht mehr erinnern, wann er zum letzten Mal ein solches Gewitter erlebt hatte. Und das war definitiv nicht in einer Stadt wie L.A. oder in Kalifornien gewesen. Er wollte zurück ins Bett, überlegte es sich dann anders und streifte seinen Morgenmantel über, um nach Murdock zu sehen.

Im Wohnzimmer brannten alle Lichter und der Fernseher flackerte vor sich hin, der Ton abgestellt. Auf der Couch lag eine zerknüllte Decke und die Kissen waren alle in einer Ecke arrangiert worden. Allerdings sah es nicht so aus, als hätte der Pilot tatsächlich geschlafen.

„Hey“, sagte er leise, als er neben Murdock trat, der vor den breiten Glastüren stand, die auf einen kleinen Balkon führten. „Alles okay?“

„Ich habe keine Angst vor ein bisschen Blitz und Donner, Face. Wir sind schon durch schlimmere Gewitter hindurch geflogen und du bist sehr viel dichter dran in so einem Flugzeug.“ Der Pilot presste die Handflächen gegen die Glasscheibe, spürte sie leicht vibrieren, als es erneut donnerte. „Du musst mich nicht Babysitten. Geh’ wieder in dein Bett. Du musst doch erschöpft sein.“

„Ich hatte nicht vor, dich zu Babysitten.“ Face unterdrückte den Ärger, brüsk abgewiesen zu werden – und ignorierte die Stichelei. „Außerdem, wer soll bei dem Krach schon schlafen.“ Er lehnte sich mit der Schulter gegen die Glastür, Murdock zugewandt und verschränkte die Arme vor der Brust.



Doesn't mean much, doesn't mean anything at all
The life I've left behind me is a cold room
Crossed the last line, from where I can't return
Where every step I took in faith betrayed me




Eine Weile schwiegen sie beide, während draußen das Unwetter tobte. Schließlich wurden die Abstände zwischen den Blitzen länger und der Donner klang leiser, weiter entfernt.

Face streckte die Hand aus und berührte seinen Arm. „Hey. Was ist los? Warum interessiert dich plötzlich mein Liebesleben?“ Er zögerte. Könnte es sein, dass Murdock einfach... Nun, das Krankenhaus war nicht gerade ein Ort für Romanzen und immerhin war er ja auch ein Mann. „Ähem, wie wäre es, wenn wir mal zu Viert ausgehen? Ich kenne da ein paar nette Mädchen...“

Murdock bewegte sich plötzlich und zog seinen Arm weg. Seine Handflächen hatten geisterhafte Abdrücke auf der kalten Fensterscheibe hinterlassen, die jedoch rasch verschwanden. „Facey, manchmal bist du ein richtiger Idiot“, sagte er und wandte sich von ihm ab.

„Was soll das heißen?“ Face folgte ihm und packte ihn am Oberarm. „Los, spuck’ es aus.“

Der Pilot blickte auf seine Hand, dann hob er den Kopf, um ihn anzusehen. „Vergiss’ es, okay?“

„Nichts ist okay. Ich will wissen, warum du dich so benimmst.“

„Und ich würde gerne wissen, warum du dich so benimmst“, entgegnete Murdock leise. „Du tust so, als wäre völlig bedeutungslos, was du machst.“

„Was ich mache? Murdock, ich... ich verstehe dich nicht. Ich habe gar nichts gemacht. Wovon reden wir eigentlich?“ Face lockerte seinen Griff und ließ seine Hand am Arm des Piloten entlang nach unten gleiten, bis er lose sein Handgelenk umfasste.

Er verstand nicht, was plötzlich zwischen ihnen passierte. So lief das nicht. Sie mussten sich nicht gegenseitig rechtfertigen, nichts erklären oder begründen. Und sich nie entschuldigen. Auf diese Weise mussten sie über gewisse Dinge nicht nachdenken. Es machte das Leugnen einfacher.

Enttäuschung breitete sich in ihm aus, als Murdock die Hand aus seinem Griff löste, doch dann schlossen sich die Finger des Piloten um seine, verflocht sie miteinander, so dass nun ihre Handflächen aneinander pressten.

Irgendwie... stieg eine Erinnerung in ihm hoch, auf die er nicht vorbereitet gewesen war. Nicht nach all den Jahren. Er räusperte sich. Doch als hätte das den Bann gebrochen, ließen die braunen Augen seinen Blick los und Murdocks Hand glitt von seiner weg, zurück an die Seite des Piloten. Er starrte einen Moment auf seine Handfläche, bevor er ebenfalls langsam die Hand sinken ließ.

Murdock sah zum Fenster. „Wie es aussieht, ist das Gewitter endgültig vorbei“, sagte er. „Ich gehe dann jetzt besser.“

„Nein. Ich meine... Es ist mitten in der Nacht. Bleib’ hier, ich fahre dich morgen früh ins Krankenhaus zurück.“ Face fuhr sich durch die Haare. Ihm fiel nichts Besseres ein. So wie ihm damals nichts Besseres eingefallen war. Er sollte den Mund halten und Murdock gehen lassen, wenn der gehen wollte.

Er hob den Kopf und sah ihn an und die braunen Augen sagten ihm, dass er nicht der einzige war, der sich erinnerte.

„Du bist derjenige, der weggelaufen ist, Face“, sagte Murdock – sehr leise, sehr ruhig, fast zärtlich. „Nicht ich.“

Face stand da wie erstarrt. Irgendwo zog sich etwas schmerzhaft in ihm zusammen. Es hatte damals nicht so weh getan. Das hatte es nicht. Oder? Zu gehen... hatte sich richtig angefühlt. Es war das richtige gewesen. Das einzige...

Es war nur ein einziges Mal gewesen. Nur eine einzige Nacht. Sie lag so lange zurück, dass die Zeit die Einzelheiten verschwimmen ließ, die nicht bereits der Alkohol getrübt hatte.

Er erinnerte sich nicht mehr an Murdocks Geschmack. Nein, nicht daran, wie der erste Kuss ihn wieder zu dem ungeschickten, unerfahrenen, nervösen Dreizehnjährigen werden ließ. Wie er nicht wusste wohin mit seinen Händen oder wie Murdocks Berührung ihn fast in seinen Hosen hätte kommen lassen.

An was er sich erinnerte, war Murdocks völlige Hingabe, seine Leidenschaft, seine Sicherheit. Er hatte nicht eine Sekunde gezögert, nicht einen Augenblick gezweifelt. Aber vor allem an seine Zärtlichkeit. Vielleicht war es diese Zärtlichkeit in Murdock, die ihm so unverständlich blieb. Selbst nach allem, was ihnen angetan wurde, bewahrte er sich diese Zärtlichkeit gegen über allen, außer gegenüber sich selbst.

Eine aus der Zeit losgelöste, vergessene Nacht, über die er niemals nachdachte. Weil es besser war, nicht daran zu denken. Sie waren jung gewesen und betrunken und sie hatten herumgealbert wie zwei Kinder... Und Kinder waren sie gewesen. Für ein paar kurze Tage fern dem Horror des Krieges.

Und am nächsten Morgen... Er hatte es sich leicht gemacht, hatte das schäbige, kleine Hotelzimmer verlassen, bevor Murdock überhaupt aufwachte. Auf diese Weise blieb es ihnen beiden erspart, sich gegenseitig zu versichern, dass es ein Fehler gewesen war, allein die Schuld des Alkohols...

Wie in wortloser Vereinbarung gingen sie sich den ganzen Tag aus dem Weg, erst als es an der Zeit war, zur Camp zurück zu kehren, saßen sie sich in einem Helikopter wieder gegenüber. Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, hätten es selbst dann nicht wenn sie alleine und der Lärm der Rotoren nicht ohrenbetäubend gewesen wäre.

Sie sahen sich nur an und ein stummes Bündnis wurde geschlossen. Es war nichts passiert und es hatte sich nichts zwischen ihnen geändert. Selbst als sich alles um sie herum änderte.

Es schien die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Nein, es schien nicht nur so, es war die richtige, die einzige Entscheidung gewesen. Bis jetzt hatte es daran nie einen Zweifel gegeben.

Bis zu dieser Nacht heute, bis Murdock ihn berührte. Ohne nachzudenken hob er die Hand und legte sie an die Wange des Piloten.

„Warum?“, fragte Face. Es war das einzige, was ihm einfiel.

„Warum was? Warum du? Warum jetzt?” Murdock sah weg und da war etwas wie Enttäuschung in seiner Stimme.

„Warum wegen Annett?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht...“ Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht hat mich das ganze daran erinnert, dass ich... dass wir auch einmal geträumt haben. Ich weiß nicht, ob richtig war, was zwischen uns passiert ist, aber ich weiß, dass ich es nicht bereut habe. Und ich... ich weiß, ich würde gerne weiter nichts bereuen.“

Face konnte ihm nicht länger in die Augen sehen, aber er konnte den Blickkontakt auch nicht lösen. Vielleicht war er sich auch nicht mehr sicher, ob sie nicht einfach nur aus Feigheit geschwiegen hatten. Er holte tief Luft. „Du bist verrückt.“

„Das fällt dir erst jetzt auf?“ Murdock lächelte und schloss die Augen. Er lehnte sich ein wenig vor, überbrückte die Hälfte der Distanz und wartete. Er überließ es ihm, die Entscheidung zu treffen.

Face zögerte. Seine Hand lag noch immer an Murdocks Wange und als der Pilot sich in die Berührung schmiegte, beugte er sich unwillkürlich vor. Ihre Lippen berührten sich... Es war nicht gerade der beste Kuss aller Zeiten... sie waren beide vorsichtig und zögerlich und angespannt. Und es war wieder wie beim ersten Mal – er konnte nicht atmen, nicht denken, und wusste nicht, wohin mit seinen Händen. Er, der große Verführer.

Dann war plötzlich Murdocks Hand in seinen Nacken und seine Fingerspitzen glitten in sein Haar, im gleichen Augenblick als die Zungenspitze des Piloten über seine Unterlippe strich. Die nervöse Anspannung verschwand aus seinem Körper und wurde von einer anderen Art Spannung ersetzt. Er löste seine Hand von Murdocks Wange, und packte mit beiden Händen sein T-Shirt, um ihn enger an sich zu ziehen.

Er hatte sich selbst belogen – er hatte nichts vergessen.


* * *


Murdock lehnte gegen die Glastür und betrachtete seinen Freund mit stummer Belustigung, als Face ihn anstarrte, die blauen Augen irgendwie verschleiert.

„Was?“, fragte Face irritiert.

Murdock streckte die Hand aus, ließ seine Fingerspitzen über die Haut gleiten, die der Ausschnitt von Face Bademantel sehen ließ. „Ich habe noch nie gesehen, dass ein einfacher Kuss dich so aus der Fassung bringt.“

„Vielleicht kommt es darauf an, wen ich küsse.“

„Seltsam, ich hatte eher den Eindruck, ich habe dich geküsst“, entgegnete Murdock lächelnd. Dann änderte sich sein Gesichtsausdruck, wurde wieder ernst. „Du bereust es schon, nicht wahr?“

Er war sich nicht sicher: Ja? Oder: Nein, niemals? Er legte seine Hand über Murdocks, hielt sie fest. Schuldete er ihm nicht eine Antwort? „Nein“, sagte er schließlich, und das Wort klang in seinen eigenen Ohren alles andere als überzeugt. Er wusste, er konnte seiner Stimme nicht trauen, also fiel er auf etwas weit einfacheres zurück. Er zog Murdock wieder enger an sich und küsste ihn. Dieses Mal ohne zu zögern, ohne sich zurückzuhalten. Er schob beide Hände unter das T-Shirt des Piloten, drückte ihn gegen die Glastür.

Er schloss die Augen, als Murdocks Hände an seinen Seiten entlang glitten und dann den Gürtel des Bademantels lösten. Die erste Berührung auf bloßer Haut und er löste seinen Mund für einen Moment von dem des Piloten, um tief einzuatmen. Er hörte ihn leise lachen und wusste, dass sich dieses Mal etwas ändern würde. Dieses Mal war er nicht in der Lage, einfach zu gehen und zu tun, als wäre nichts passiert.

Oh, er war überzeugt, dass all die vernünftigen Gründe, die sie sich damals ausgedacht hatten, noch immer vernünftig waren... aber er erinnerte sich jetzt. Er erinnerte sich an diesen ersten Kuss, und daran, dass er sich von einem Moment auf den anderen überhaupt nicht mehr betrunken gefühlt hatte, es aber einfacher gewesen war, weiterhin so zu tun. Und er erinnerte sich daran, wie es gewesen war, aufzuwachen und Murdocks Arme um sich zu spüren... Sie hatten sich später gegenseitig festgehalten, in den Camps, danach wenn die Träume kamen, um sich zu trösten, um nicht alleine zu sein... Aber das war nie das gleiche gewesen. Es war nie wieder so gewesen wie damals, bevor sie begannen, sich zu belügen.

Ein stechender Schmerz an seinem Ohr holte ihn in die Gegenwart zurück. „Aua. Du hast mich gebissen. Spinnst du? Warum hast du mich gebissen?“

Murdock grinste. „Du hast plötzlich so ernst ausgesehen.“

Face presste seine Stirn gegen die des Piloten. „Das nächste Mal sag’ einfach etwas.“

„Das nächste Mal?“, wiederholte Murdock leise. „Gibt es ein nächstes Mal oder läufst du wieder weg?“

Face konnte einen Schauer nicht unterdrücken. Er nahm den Kopf ein wenig zurück, um Murdock in die Augen zu sehen. „Es ist immer noch eine phänomenal schlechte Idee, das ist dir klar? Du kennst mich. Es wird nicht gut gehen. Ich werde dir wehtun.“

„Ich weiß.“ Murdock legte ihm einen Finger auf den Mund. „Ich weiß.“


Ende


Take me in, no questions asked
You strip away the ugliness that surrounds me
Are you an angel, am I already that gone?
I only hope that I won't disappoint you
When I'm down here, on my knees  

Sweet surrender  
Is all that I have to give
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