Ewig wandern

von PNTKRTR
OneshotDrama / P16
26.05.2018
26.05.2018
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Mahoutsukai no yome | Die Braut des Magiers


*


Go on quicker, Jesus! Go on quicker! Why dost Thou loiter?


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I shall stand and rest, but thou shalt go on till the last day.


.

.

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Cartaphilus blinzelte. Dann lachte er höhnisch. Hatte der Sohn Gottes ihn soeben zum ewigen Leben verflucht, hatte er das? Cartaphilus hatte Steine nach ihm geworfen, sich über Jesus – der sich der Gottessohn nannte, dieser elende Hochstapler, – lustig gemacht. Und alles, was Jesus ihm als Antwort gab, war es, ihn mit strenger Miene und strengem Ton mit ewigem Leben zu verfluchen? Ja, war dieser Mann denn noch bei Sinnen?

Jesus nahm wieder das riesige Kreuz, an das man ihn in auf Golgota nageln würde. Cartaphilus beobachtete ihn dabei stumm und dachte sich: Ewiges Leben ist kein Fluch! Ewiges Leben war ein Segen. Ein jeder fürchtete den Tod, ein jeder suchte ihn zu umgehen oder ihn zumindest hinauszuzögern – und er, der nicht darum gebeten hatte, wurde vom Gottessohn mit Unsterblichkeit gesegnet. Was bedeutete Unsterblichkeit? Viel sehen, viel erleben. Es bedeutete Überlegenheit.

Gottessohn, ging es Cartaphilus voll Verachtung durch den Sinn und er rümpfte angewidert die Nase, als rieche er ein Kadaver in der Nähe. Dieser Mann war doch nicht der Gottessohn. Also kein ewiges Leben für ihn, Cartaphilus, und bald auch keine Ruhepausen für Jesus mehr, der am Kreuze sterben würde. Wie überaus schade, konnte man meinen.

Cartaphilus sollte lange, lange leben.

*


Er schleppte seinen Körper durch den heißen Wüstensand. Cartaphilus trug einen langen, schwarzen Umhang, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Weit und breit verliefen Dünen in alle Richtung und der klare blaue Himmel trug einen blendenden Heiligenschein.

Cartaphilus kam zum Stehen. Er hatte sich verirrt. Hatte kein Wasser mehr und auch nichts zu essen. Gut. Der Aufenthalt in dieser Wüste würde ihn hoffentlich töten.

Zweihundert Jahre musste er nun alt sein. Bei dem Mann, nach dem er einen Stein geworfen hatte, über den er sich auf köstlichste Art und Weise lustig gemacht hatte, hatte es sich tatsächlich um den Gottessohn gehandelt. Damals hatte Cartaphilus es nicht glauben wollen. Damals hatte er nicht verstanden, wie ewiges Leben ein Fluch sein könnte, welcher Tor einen mit unendlichem Leben bestrafen könnte. Jetzt verstand er es.

Cartaphilus verweste bei lebendigem Leibe. Sein Geist war intakt und sein Bewusstsein und seine Wahrnehmung existierten weiter. Aber sein Körper, sein Körper wollte das ewige Leben nicht mitmachen und zeigte es ihm nur zu deutlich.

Entkräftet brach Cartaphilus auf dem Wüstensand zusammen. Schwer atmend sah er zum Horizont und erblickte dort plötzlich Umrisse einer Stadt. Ihm kam nicht der Gedanke in den Sinn, er sei gerettet, wahrscheinlich war das ohnehin nichts weiter als ein Trugbild. Er starrte einfach nur hin, der Kopf wie leergefegt, bis seine Lider so schwer wie Blei wurden und er sie nicht mehr länger offen halten konnte.

Werde ich jetzt sterben? Werde ich sterben? Werde ich endlich sterben? Mein Gott, lass mich bitte endlich sterben.

Cartaphilus schlief ein. Er träumte unangenehm, sehr unangenehm. Er hatte Familie gehabt – Eltern, Mutter und Geschwister. Sie alle waren schon längst tot, während er dazu verdammt war, auf alle Ewigkeit auf Erden zu wandeln. Selbst in seinen Träumen betete Cartaphilus über den leblosen Körpern derer, die er geliebt hatte, zum Gottessohn und bat um Vergebung, wie auch jetzt. Allein saß er im Dunkeln, hielt die Hände gefaltet, betete und weinte.

Einmal, da hatte er geträumt, wie er und Jesus Christus sich gegenüberstehen und er erst zu dessen Füßen fiel, um sie zu küssen, bevor er Jesus‘ Kreuz nahm, es für ihn zum Berge trug und sich dort mit ihm gemeinsam kreuzigen ließ.

Doch ganz egal, wie viel Cartaphilus auch betete und bat, ihm wurde nicht vergeben.

*


Als er aufwachte und nach Luft schnappe wie ein Fisch auf dem Trockenen, lag er auf einer Liegestatt gebettet. Er trug seinen Umhang nicht und stellte fest, dass Hände und Gesicht einbandagiert waren. Frustriert und enttäuscht darüber, nicht in der Wüste umgekommen zu sein, schloss Cartaphilus die Augen. Wo er war, war ihm egal. Ganz egal, wo er war, er wollte nur sterben.

Er hatte bereits versucht, sich zu ertränken und auch zu erhängen; hatte sich vom Feuer verschlingen lassen; hatte sich im schlimmsten Gewitter im Freien aufgehalten und gehofft, ihn werde ein Blitz zur Strecke bringen oder der Wind in Stücke reißen, und er hatte sich selbst ein gestohlenes Schwert durch den Bauch gejagt. Doch Cartaphilus hatte alles überlebt. Er war verflucht. In der Tat war er das und wusste nicht, wie er weitermachen sollte.

Seine Selbstmordversuche hatten sichtbare Spuren hinterlassen. Auch jetzt noch tat ihm sein Körper von der einen oder anderen Methode der Selbstentleibung weh. Aber die fortschreitende Verwesung war schlimmer.

Cartaphilus öffnete die Augen, als ein Rascheln ertönte und schielte zum Eingang in das Haus, in das er gebracht worden war.

Eine junge Frau stand dort vor dem Vorhang, der die Außenwelt vom Inneren des Haus abschottete. Es war Tag. „Hallo, Fremder“, sprach sie zu ihm und ihre silberne Stimme war das Erste seit einer langen, langen Zeit, das ihn seine Lage für einen Moment vergessen ließ. „Du bist aufgewacht. Mein Vater und ich fanden dich in der Wüste, du musst das Bewusstsein verloren haben.“

Cartaphilus antwortete nicht. Er lag da, sah die Frau an und dachte an das erste Mal, dass er sich in eine Frau verliebt hatte. Er hatte vergessen, wie sie ausgesehen hatte. Doch das war nicht relevant, denn sie war, im Gegensatz zu ihm, längst nur Knochen.

Sie trat an ihn heran und kniete sich neben dem Bett. „Wie fühlst du dich? Ich denke, du musst etwas trinken.“

Seine Augen wanderten von ihren strahlenden Augen, herunter zu ihrer Nase und zu ihrem Mund, der diese süßen Töne erzeugte. Und auch wenn ihr Erscheinen seine Schmerzen nicht linderte, war es unendlich angenehm, ihr zuzuhören. „Ich habe Schmerzen“, gestand er ihr. „Hilf mir, bitte.“ Er bat sie um Hilfe, obwohl er wusste, dass sie ihm wahrscheinlich nicht helfen konnte, genau wie jeder andere, den er auf seiner Wanderschaft kennengelernt und ausgefragt hatte.

Sie verschwand, um mit einer Karaffe wiederzukommen und ihm Wasser einzuschenken. „Wie heißt du, Fremder?“, wollte sie von ihm wissen. Ihr Blick ruhte auf seiner Hand, die sie einbandagiert hatte.

Nachdem ihr Vater Cartaphilus hier abgelegt hatte, hatte sie seinen Körper examiniert und war entsetzt über den Zustand gewesen, in dem sich dieser Mann befand. Sie bezweifelte, dass man ihn ganz gesund pflegen konnte. Für einen Moment hatte sie sich gefragt, ob es ansteckend sei, hatte diesen Gedanken jedoch beiseitegeschoben; sie war schließlich mitten in der Prozedur gewesen und ein Rückzieher im Falle einer ansteckenden Krankheit sinnlos. Sie und ihr Vater waren außerdem Ärzte, hatten es oft mit unbekannten Krankheiten zu tun und diesem Risiko folglich auch sonst ausgesetzt.

„Cartaphilus“, antwortete er schleppend, und sie nannte ihm seinen Namen, den er im Laufe der Zeit vergessen sollte, wie vieles andere auch. „Ich habe Schmerzen.“

Mitleidvoll runzelte die junge Frau die Stirn. „Ich werde dir etwas zu essen machen. Und dann schauen wir, dass wir deine Schmerzen lindern können.“

Sie schaffte es natürlich nicht, seine Schmerzen zu lindern. Die Schmerzen wurden, im Gegenteil, größer, denn Cartaphilus war ihr zugeneigt, wusste aber, dass sie diese Zuneigung niemals erwidern könnte. Was war er? Eine wandernde Leiche. Nicht mehr. Nicht weniger. Irgendwann einmal mochte er ein schöner junger Mann gewesen sein. Jetzt war er die personifizierte Verwesung.

Er betrachtete sie wie eine gelungene Skulptur, als sie an einem Tag neben ihm saß. Sie fütterte ihn wie ihr eigenes Kind. Mittlerweile war sie sich sicher, dass seine Krankheit nicht ansteckend war. Selbstverständlich war sie nicht ansteckend. Die wenigen, die er nach Jesus‘ Worten berührt hatte, hatten alle ein ganz normales Leben geführt.

Sie lebten wie jeder andere.

Und starben wie jeder andere. Diese Glücklichen, sie starben.

Als er seine verbundenen Hände nach ihr ausstreckte, um ihr Gesicht zu nehmen, zuckte sie zurück und sein Herz krampfte sich zusammen.

„Ich muss dich jetzt leider alleine lassen, Cartaphilus.“

Sie ging.

Sterben. Oh, wie sehr er sich den Tod herbeiwünschte. Den Tod, die Erlösung von diesem irdischen Leben. Cartaphilus verfluchte Jesus nicht, nein, er betete mit jedem Tag inständiger um Vergebung. Es war ihm egal, ob er in die Hölle oder in den Himmel käme, Hauptsache, er konnte diesen Körper verlassen. Wie lange sollte er noch siechend leben? Bis zum letzten Tag, hatte Jesus gesagt. Wann, wann würde dieser letzte Tag nur kommen?

Cartaphilus begann zu weinen. Die Verbände saugten die Tränen auf.

Cartaphilus Körper verrotete weiter. Der Raum, in dem er lag, das gesamte Haus und bald auch die Straße wurden von einem strengen Geruch eingenommen. Freunde und Nachbarn der Familie beschwerten sich über den grässlichen Mief, und als Cartaphilus Körper immer mehr Insekten anlockte, die ihre Eier in ihn legen wollten, setzte man ihn vor die Tür. Dort stand er eine Weile und dachte nach. Man hatte ihm einen Stock mitgegeben, Wasser und etwas zu essen.

Cartaphilus zog die Kapuze tief ins Gesicht und bedauerte es, sich nicht anständig von der jungen Frau, die ihn gepflegt hatte, verabschiedet haben zu können.

*


Weitere zweihundert Jahre waren vergangen. Selbst bei einem Unsterblichen verblassten irgendwann auch wichtige Erinnerungen und so wusste Cartaphilus irgendwann nicht, was er genau getan hatte, dass man ihn verfluchte. Sogar der Name des Mannes, der ihn verflucht hatte, entfiel ihm.

Cartaphilus hatte aufgehört, zu Gott zu beten. Er reiste um die Welt, aber er machte es nicht mit Begeisterung, sondern Schwermut und großen Schmerzen. Sein Körper hatte aufgehört zu verwesen, aber es besserte sich nichts. Es war, als hätte die Verwesung selbst das Handtuch geworfen, als hätte sie die höchste Stelle auf dem Berg erreicht, ohne die Absicht, die andere Seite herunterzukugeln.

Cartaphilus Augen waren groß und glanzlos. Er blinzelte selten. Er trug kein Leben mehr in sich. Er existierte nur noch.

Cartaphilus hörte an einem Punkt auf, die Jahre zu zählen, weil er selbst nicht mehr sicher war, wie lange er schon lebte.

Am gleichen Tag durchstreifte er einen Wald und sah bereits aus der Ferne einen Mann, der mit einer Schaufel hantierte. Cartaphilus trat an den Mann heran, für den es nichts zu geben schien außer der Schaufel und dem verbliebenen Haufen Erde, die er in die Grube zu seinen Füßen beförderte.

„Was machst du da?“, fragte Cartaphilus mit desinteressierter Stimme. Er schaute in das Innere der Grube.

Der Mann hielt in seinem Tun inne und schielte zu dem Neuankömmling herüber, von dem ein widerlicher Gestank ausging. „Ich beerdige einen Freund, es war sein Wunsch, hier begraben zu werden, er hatte eine sonderbare Verbindung zu diesem Ort und wollte nicht auf dem Friedhof bestattet werden“, lautete die Antwort.

Argwöhnisch wurde Cartaphilus von dem Mann von Kopf bis Fuß gemustert. Cartaphilus trug keine Bandagen, doch seine Kapuze bedeckte den Großteil seines Gesichts und die langen, weiten Ärmel verbargen seine Hände. „Du scheinst auch reif für die Grube zu sein, eh, mein Freund?“

Cartaphilus sagte nichts. Er starrte weiterhin mit weit aufgerissenen Augen in die Grube hinein wie ein Verstörter.

Der Mann wandte sich, mental die Schultern zuckend, von Cartaphilus ab und fuhr mit seinem Tun fort.

Cartaphilus spröde, fast schwarze Lippen teilten sich. „Hilf mir, bitte“, bat er den Mann mit brüchiger Stimme, „bitte.“

Der Mann steckte die Schaufel in die Erde, positionierte seinen Fuß lässig auf das Blatt, während er den Stiel mit beiden Händen umfasste. „Was willst du von mir, wie kann ich dir helfen?“, verlangte er von Cartaphilus ein wenig gereizt zu wissen.

Cartaphilus schwieg eine Weile. Mit abwesendem Blick sah er von dem Mann zur Grube hinüber und wieder zu dem Mann zurück. „Begrabe auch mich.“

Der Mann starrte ihn mit weit geöffnetem Mund an. „Bitte?!“, rief er schließlich aus. „Hast du den Verstand verloren? Ich soll dich lebendig begraben?“ Er zog die Schaufel aus der Erde wie ein Schwert und machte sich wieder an die Arbeit. „Ohne mich, mein Freund. Such dir jemanden, der Freude an solchen Dingen hat!“

Cartaphilus bewegte sich trotz dieser Abweisung nicht vom Fleck. „Bitte“, sagte er, „bitte. Es tut weh. Ich will es nicht mehr. Es tut weh. Ich gebe dir alles, was ich habe. Sieh mich an.“

Cartaphilus streifte die Kapuze von seinem kahlen Kopf.

Du scheinst auch reif für die Grube zu sein, eh, mein Freund? Ja, sein Gegenüber wirkte eindeutig mehr tot als lebendig, das stand nicht zur Debatte.

Großer Gott...

Er hielt kurz die Luft an und ließ die Lider flattern. „Was tut... dir weh?“, wollte der Mann wissen, bemüht, sein Ekelgefühl nicht nach außen zu tragen. Er musste auch den Impuls unterdrücken, einfach schreiend wegzulaufen. „Wieso bist du so sehr darauf aus, lebendig begraben zu werden?“

„Ich will sterben“, sagte Cartaphilus geradeheraus und verbarg sein Gesicht. „Ich will sterben. Ich will nicht mehr leben. Du wirst mich erlösen.“ Auch wenn er tief im Inneren wusste, dass er nicht vom ewigen Leben erlöst werden konnte, so war der Gedanke in diesem Augenblick so großartig und wunderbar, dass Cartaphilus den Fluch vergaß und beinahe schon euphorisch rief: „Ich will sterben! Es tut weh!“

Es tat auch weh, die Stimme zu heben und viel zu reden, weshalb Cartaphilus verstummte und den Mann ansah. Er wollte den anderen bittend ansehen, wusste aber nicht, wie er gerade aussah. In den letzten Dekaden hatte er nur selten in einen Spiegel oder ins Wasser geschaut. Es war nicht einmal so, dass sein eigener Anblick Unbehagen in ihm auslöste. Er machte es einfach nicht.

Der Mann seufzte. Auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen. „Du willst diese Welt verlassen, das kann ich noch verstehen. Aber auf diese grausame Art und Weise? Weshalb?“

„Feuer schaffte es nicht“, antwortete Cartaphilus nachdenklich und rief sich die heißen Flammen in Erinnerung, die sein Fleisch verbrannt hatten. „Wasser ebenfalls nicht.“ Er erinnerte sich noch, wie er einen Wasserfall herabgestürzt war und alles vor seinen Augen zu verschwimmen begonnen hatte. An seine zahlreichen anderen Selbstmordversuche entsann er sich nicht.

Der Mann schüttelte den Kopf, aber er dachte sich: Vielleicht ist es besser, wenn dieser Mann stirbt. Er scheint durch viele Qualen gegangen zu sein.

Cartaphilus ging auf Knie; es sah so aus, als würden seine Beine unter seinem Rumpf nachgeben. Er ergriff mit seinen Händen die Kleidung des Mannes, zupft daran. Schon lange durchflutete ihn keine richtige Emotion oder Empfindung mehr, aber jetzt, jetzt war da ein Gefühl der…

Verzweiflung.

Seine verweste Brust war voller Verzweiflung. Er wollte mit einem Mal weinen, aber die Tränen kamen nicht.

Der Mann entriss sich Cartaphilus‘ Fingern. „Du hast doch nicht mehr alle beisammen“, knurrte der Mann, aber der Schweiß glänzte nach wie vor auf seiner Stirn und die Verzweiflung dieses Mannes, der anscheinend mehr sterben wollte als alles andere, schnürte ihm die Kehle zu und zerstach sein Herz. „Willst du wirklich sterben?“, flüsterte der Mann.

Cartaphilus sah ihn an. Dann nickt er.

„Hör zu“, sagte der Mann nach einiger Bedenkzeit. „Ich will nichts von dir. Behalte alles, was du hast. Ich werde dich über meinem Freund beerdigen, aber ich werde dafür sorgen, dass, falls du es dir anders überlegst, du da jederzeit alleine raus kannst. Einverstanden?“

Cartaphilus ließ sich die Worte des anderen durch den Kopf gehen. Dann nickte er abermals als Antwort.

Der Mann biss sich auf die Unterlippe und sah sich um. Er vergewisserte sich, dass außer ihnen niemand sonst hier war, bevor er Cartaphilus die Hand reichte, um ihm auf die Füße zu helfen. Als sich ihre Hände berührten, als verwestes Fleisch lebendiges berührte, bekam der Mann eine Gänsehaut und jedes seiner Nackenhaare stellte sich auf.

„Leg dich in die Grube“, wurde Cartaphilus daraufhin aufgefordert, und als Cartaphilus dem Mann den Rücken zukehrte, wischte sich sein Erlöser die Hand angewidert an seinen Kleidern ab. „So ist es gut“, sagte er und betrachtete Cartaphilus, der sich unter Anstrengung langsam in die Grube gleiten ließ. „Bist du dir ganz sicher?“, vergewisserte sich der Mann ein letztes Mal.

Cartaphilus sagte nichts. Sein Schweigen und sein Blick, in dem ein Hauch Erwartung lag, sagte alles.

Die Erde prasselte auf ihn nieder wie Hagel. Zwischen jeder Ladung machte der Mann eine Pause, blickte Cartaphilus mit einem seltsamen Blick an, bevor er sich umsah und weitermachte. Ich begrabe keinen Lebenden, sagte sich der Mann immer wieder. Ich begrabe eine Leiche. Das ist eine Leiche. Niemand, der lebendig ist, sieht so aus.

Als er fertig war, bedeckte Cartaphilus‘ Körper nur eine dünne Schicht Erde, genau wie es der Mann gesagt hatte. Cartaphilus‘ Erlöser war zuversichtlich, dass er jederzeit nach einiger Mühe aufstehen konnte, wenn er es sich anders überlegte. Ansonsten würde er wahrscheinlich bald sterben – niemand könnte lange unter der Erde überleben.  

„Ich lasse dich jetzt allein“, wurde Cartaphilus in Kenntnis gesetzt. Der Mann wollte noch etwas hinzufügen, aber er ließ es sein, weil er es für unangebracht erachtete. Und so kehrte er auf dem Absatz um, ging ein gutes Stück, blieb stehen, schaute kurz über seine Schulter hinweg zurück, bevor er verschwand.

Sterben.

Sterben.

Kann ich endlich sterben?

Cartaphilus starb nicht. Er lag und lag und starb nicht. Es tat weh, alles tat weh, und er schaffte es an die Oberfläche. Dort blieb er lethargisch liegen wie an Land gespült und bekam nur am Rande mit, wie zwei Männer ihn entdeckten.

Weil Cartaphilus in dem Moment nicht in der Lage war zu reagieren, glaubten die beiden Männer, er sei tot. Cartaphilus wurden einige Sachen entwendet und er wurde ein zweites Mal lebendig begraben, während die Männer über seinen Gestank und seine Erscheinung klagten.

Er wusste nicht, wie viele Stunden er dort gelegen hatte, bis die Lethargie zurücktrat und es ihm gelang, einen Arm und seinen Mund freizumachen. „Helft mir. Helft mir…“

Und Joseph fand ihn.
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