Das Blut des Bruders

von MelissaB
GeschichteAbenteuer, Familie / P16
Old Shatterhand Ribanna Winnetou
26.05.2018
10.10.2019
8
30925
9
Alle Kapitel
61 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Nordwind



Old Shatterhand


Einen Moment noch wartete ich ab, dann wirbelte ich herum, sprang in weiten Sätzen auf die Gestalt ein, die ich ganz in der Nähe einer Lücke zwischen Schuppen- und Hauswand ausmachen konnte, und warf mich auf sie, ehe sie Zeit fand, den eigenen Angriff auszuführen.

Ich packte kräftig zu, jederzeit gewärtig mit einer Waffe oder mit den bloßen Fäusten attackiert zu werden, doch statt Gegenwehr spürte ich, dass der Unbekannte, der sehr viel kleiner und auch schmaler war, als ich es erwartet hatte, sich zur Flucht wenden wollte.

Dies ließ ich nicht geschehen, sondern donnerte stattdessen: „Halt, hier geblieben, wer bist du?“

Noch waren meine Worte kaum verklungen, da entrang sich der Kehle des Fremden ein tiefer Schluchzer, der wie eine Mischung aus Erleichterung und Verzweiflung, aus Freude und Verzagen klang. Die ruckartigen Bewegungen, mit denen der Mensch sich hatte losreißen wollen, hörten auf und zu meiner großen Überraschung schmiegte sich die zierliche Gestalt stattdessen fest an mich.

Zunächst verwirrt tat ich nichts anderes, als still zu verharren, dann aber überfiel mich mit Macht eine Ahnung, die auszusprechen ich zwar nicht mehr Zeit fand, die sich aber bestätigte, als das Kind in meinen Armen zu sprechen begann: „Charly, du bist hier, so hat sich Abendstern doch nicht getäuscht. Du bist hier, nun wird alles gut.“

Noch einmal drückte mich Winnetous Tochter fest an sich, dann aber löste sie sich aus meiner Umklammerung, zerrte mich an der Hand auf den großen Vorplatz des Präriekrankenhauses und drängte: „Wir müssen fort, schnell schnell, Abendstern holt nur rasch ihr Pferd, du musst mit mir kommen. Schnell!“

Schon wollte sie davon eilen, da fasste ich sie erneut bei der Hand und hielt sie auf: „Abendstern, halt, warte, wo willst du denn hin? Bleibe hier, beruhige dich und komm mit mir ins Haus. Du brauchst sicher etwas zu essen und etwas zu trinken, du wirst fürchterlich erschöpft sein, du musst dich ausruhen und außerdem...“

Weiter kam ich nicht, weil das Mädchen, sonst ein Muster an indianischer Erziehung und Zurückhaltung, mir seine Finger entriss und mich vehement unterbrach: „Nichts von alledem ist wichtig! Komm nur schnell mit, zu Mutter und zu meinem ungeborenen Geschwisterchen. Wir müssen hin, sie zu holen, sie zu retten! Bitte Charly, bitte, schnell!“

Rasch griff ich erneut zu, um das völlig aufgelöste Kind zu hindern, davon zu springen. Dann erklärte ich zuerst das, was all ihre Aufregung sicher besänftigen würde: „Abendstern, deine Mutter ist hier, drinnen im Haus. Ich habe sie gefunden, die Männer, die euch gefangen hielten, überwunden und sie hierher gebracht. Lass uns nach drinnen gehen, denn sie ist ebenso voller Sorge um dich wie du um sie.“

„Mutter ist hier?“ Abendsterns Blick ruhte im schwachen Licht der Hoflaterne mit ungläubigem Staunen auf mir.

„Ja, sie ist hier. Komm Kleiner Stern, ich bringe dich zu ihr.“ Kaum hatte ich diese letzten Worte gesprochen und dabei den Kosenamen verwendet, den ich ihr zeitlebens immer dann gab, wenn ich englisch mit ihr sprach, da stürzten Tränen aus den nachtdunklen Augen und so stark und energisch das Mädchen noch eben gewesen war, so schwach sank es mir in dem Moment in die Arme, in dem es verstand, dass die Gefahr vorüber war.

Rasch packte ich zu, hob Winnetous Tochter hoch und trug sie ins Haus. Schluchzend barg sie ihr Gesicht an meiner Brust und noch während ich die wenigen Schritte zurück und in den Korridor überwand, sandte ich ein Dankgebet zum Himmel, dass der Herrgott das Kind nicht nur beschützt, sondern auch noch an den rechten Ort geführt hatte. Wie dies möglich war, was Abendstern vielleicht sonst noch zu berichten hatte, was sie womöglich über den vermeintlichen Tod ihres Vaters wusste, wo sie ihr Pferd verborgen hatte, das war zwar wichtig, konnte aber dennoch warten. Zuerst mussten Mutter und Tochter wieder vereint werden.

Da mir jedoch nicht bekannt war, welche Untersuchungen gerade in Ribannas Krankenzimmer vorgenommen wurden, wollte ich nicht einfach mit meiner kostbaren Last hineinplatzen, sondern trug das Mädchen zunächst ins Wohnzimmer, wo ich es aufs Sofa setzte und im Licht der zahlreichen Lampen, die dort entzündet worden waren, auch erstmals genauer betrachtete.

Noch während ich dies tat, stieg eine unbändige Wut, wie ich sie selten je gefühlt hatte, in mir auf. Offensichtlich hatte man Winnetous Tochter ebenso wie ihre Mutter misshandelt. Das zeigten die aufgeplatzte Lippe, ihr dunkel verfärbter Wangenknochen und auch das Blut auf dem Oberteil ihres Kleides. Ihre Hände waren schmutzig und die Handgelenke wund gescheuert, wohl in dem Bemühen, sich während ihrer Gefangenschaft oder jetzt bei ihrer Flucht von den Fesseln zu befreien. Ihre sonst stets sorgfältig geflochtenen Zöpfe waren zerzaust und einer grässlichen Eingebung folgend ließ ich meinen Blick an ihrer Kleidung nach unten wandern, um einen Hinweis zu erhalten, ob man ihr nicht noch Schlimmeres angetan hatte.

Abendstern war meinem forschenden Auge gefolgt und da sie mit ihren acht Jahren nach indianischen Begriffen längst kein kleines Kind mehr war, schien sie zu erahnen, was ich befürchtete, denn unaufgefordert erklärte sie mit leiser aber fester Stimme: „Charly möge sich nicht um mich sorgen, es geht mir gut. Die Bleichgesichter haben uns streng gebunden, uns geschlagen, uns hungern und dursten lassen, doch sonst ist nichts geschehen. Abendstern ist tapfer und hätte dies alles viel leichter ertragen, wenn sie Mutter wenigstens besser behandelt hätten. Sie trägt doch ein Kind... Ich wollte sie beschützen, aber ich konnte nicht...“

Bei den letzten Worten hatte sie den Blick gesenkt und ich sah an den dunklen Flecken, die sich nach und nach auf ihrem Rock abzeichneten, dass sie wieder weinte. Mein Gott, was hatte das Mädchen in den letzten Tagen nicht alles durchstehen müssen? Und trotz aller Menschenfreundlichkeit und Nächstenliebe, die ich stets zu leben suchte, spürte ich in diesem Moment einen solchen Zorn, dass ich hätte für nichts garantieren können, wenn ich einen dieser Kerle zwischen den Fäusten gehabt hätte.

Vorsichtig fasste ich Abendstern bei den Schultern, beugte mich zu ihr herab, um ihr ins Gesicht zu schauen, und erklärte: „Kleiner Stern, ich bin gleich zurück. Ich will nur kurz nachfragen, ob ich dich zu deiner Mutter bringen kann. Bitte warte hier.“

Sofort hob Winnetous Tochter den Kopf, wischte sich mit ihren Händen die Tränen aus dem Gesicht, wodurch sie dort schmutzige Streifen hinterließ, und nickte tapfer.

Gerade wollte ich mich zur Tür umwenden, da kam Jasper herein, der mich wohl sprechen gehört hatte. „Charly was....?“ Er kam nicht dazu, seine Frage vollständig auszusprechen, denn er bemerkte das Kind auf seinem Sofa und schien sich in Windeseile selbst zusammenzureimen, dass sie das Mädchen sein musste, das ich hatte suchen wollen. Sicherlich brannten ihm genau so viele Fragen auf den Lippen wie mir, in seiner einfühlsamen Art war ihm jedoch ebenso schnell klar, dass jetzt weder der Ort und noch die Zeit waren, diese zu stellen.

„Kann ich sie zu Ribanna bringen?“, zog ich daher nur rasch und ohne weitere Vorrede die Erkundigung ein, die jetzt die dringlichste war.

„Ich denke schon, werde aber besser nachfragen gehen. Folgt mir langsam.“ Jasper war bereits hinaus geeilt, ehe seine Worte gänzlich verklungen waren. Abendstern schickte sich an aufzustehen, doch ich fürchtete, dass ihre Beine sie nicht tragen würden, daher hob ich sie erneut hoch und trug sie in Richtung des Krankenzimmers, in dem ihre Mutter lag.

Licht, das von dort nach außen drang, wies uns den Weg durch den spärlich erleuchteten Flur und noch ehe wir die Tür gänzlich erreicht hatten, stürmte uns die Hebamme entgegen, fasste mich beim Ellbogen, um mich richtiggehend fort zu zerren, und rief dabei: „Bleib liegen mein Kind, hier bringe ich dir deine Kleine, bleib bitte liegen!“

Im Raum angekommen erfasste ich mit einem Blick, dass man sich auf eine bevorstehende Geburt eingerichtet hatte. Schüsseln mit Wasser, reichlich saubere Tücher, zwei Kannen, aus denen es nach Tee und Kaffee duftete. Ribanna hatte sich zwischen den Decken und Kissen aufgerichtet und schien im Begriff, gänzlich aufzustehen, woran Harriet sie offensichtlich durch ihren Ruf zu hindern suchte. Kaum dass wir die Schwelle überschritten hatten und Abendstern ihre Mutter sah, wand sie sich aus meinen Armen, stürzte und taumelte die wenigen Schritte auf das Bett zu, in dem Ribanna saß, und hielt nun, da sie sich wieder sicher und geborgen fühlte, nichts mehr von all der Angst und Verzweiflung zurück, die sie unweigerlich in den letzten Stunden und Tagen gefühlt haben musste.

Sie weinte und weinte, klammerte sich an Ribanna fest, die ihr unablässig über die Haare und den Rücken strich, ihr wechselweise tröstende Worte in der Sprache der Apachen und der Assiniboine ins Ohr flüsterte und sie schließlich sanft hin und her zu wiegen begann, bis das Schluchzen verebbte, sich die verkrampften Finger des Mädchens lösten und sie offensichtlich im Schutz der Arme ihrer Mutter eingeschlafen war.

Gern hätten wir alle sie wohl ganz einfach dort belassen, aber Ribannas angestrengte Miene, ihr unterdrücktes Aufstöhnen, ihre zusammengekniffenen Lippen erinnerten uns daran, dass sie in den Wehen lag und sich nun – so sehr sie ihre Tochter auch liebte – zuerst auf das Kind konzentrieren musste, das soeben ins Leben drängte.

So behutsam wie möglich hob ich Abendstern also erneut hoch, um mit ihr das Zimmer zu verlassen. Winnetous Frau folgte uns mit den Blicken und ich ahnte, dass es ihr unendlich schwer fiel, sich nun darein zu schicken, sich nicht um ihre Älteste kümmern zu können. „Sei unbesorgt. Ich werde über sie wachen und sie beschützen“, versprach ich im Hinausgehen, während die Hebamme die Tür hinter mir schloss.



Winnetou


Dunkelheit im Raum... nur das Licht des Abendsterns blinkt vom schwarzen Firmament herab durch die Fensteröffnung... ein Kind... mein Kind... meine Tochter... Ribanna hat sie mir behutsam in die Arme gelegt, nachdem die Frauen gegangen waren... so zart... so klein... Unser Kind. Unser Licht. Unser Abendstern.

Liebe überflutet mein Herz, durchspült jede Faser meines Seins, macht es mir unmöglich zu schweigen.

„Du bist Abendstern, meine Tochter! Niemals, so lange ich lebe, werde ich dich verlassen. Sei unbesorgt. Ich werde über dich wachen und dich beschützen.“

Schmerz durchfuhr mich und zwang mich, die Augen zu öffnen. Ich musste durch eine unbewusste Bewegung eine meiner Wunden ungünstig belastet haben, sodass die Pein mich geweckt hatte. Morgengrauen schimmerte von draußen herein, brachte die Wirklichkeit zurück und ließ dabei das Gefühl unendlichen Glücks, das sich ob der Traumbilder einem zarten Schleier gleich über mein Inneres gelegt hatte, mehr und mehr verblassen.

Ich wollte nicht wach sein. Ich mühte mich, wieder in den Schlaf zu finden, doch je mehr ich meinen Geist zur Ruhe zu zwingen suchte, um womöglich noch einmal eintauchen zu können in jene Erinnerungen, die mir mit die schönsten meines Lebens waren, desto deutlicher trat mir die Erkenntnis meines Versagens, meines Wortbruchs ins Bewusstsein. Ich hatte mein Versprechen nicht gehalten. Ich hatte meine Familie abermals nicht beschützt.

Einmal mehr fühlte ich, wie Tränen sich ihren Weg bahnen wollten, und schloss beinahe krampfhaft die Lider, sie zurückzuhalten. Wahrhaftig gelang es mir, doch bei dem Versuch, mich von meinem derzeitigen Schmerz zu lösen, schoben sich andere, dunkle Schemen vor mein inneres Auge, die mich ebenso quälten.

Nscho-tschi sterbend im Kugelhagel am Nugget-tsil... Klekih-petra, tödlich getroffen, um mich zu beschützen... Old Firhands Festung... Ein brennender Talkessel, Kriegsgeschrei, Kampfeslärm. Das Dröhnen eines einzelnen Schusses, das in meiner Erinnerung stets unnatürlich laut als scharfer Knall durch eine Stille drang, die ganz sicher nicht geherrscht hatte.

„Winnetou, geht es dir gut?“ Rasch blickte ich mich um, als die leisen Worte an mein Ohr drangen. Agatha hatte die Tür einen Spalt breit geöffnet, war hindurchgeschlüpft und stand nun unschlüssig im Zimmer. Sie war barfuß und hielt ein unförmiges Etwas im Arm.

„Du hast so ganz laut geseufzt und da dachten ich und Wilma hier“, sie hielt mir das Bündel entgegen, „dass du vielleicht etwas brauchst.“

„Nein“, antwortete ich. Und in der Hoffnung, dass sie mich schnell wieder alleine lassen würde, bat ich sodann: „Es ist noch früh, geh wieder schlafen.“

Statt jedoch dieser Aufforderung zu gehorchen, schloss sie die Tür hinter sich, kam näher, kletterte auf einen alten Sessel, welcher in der Nische der Kammer stand, gähnte und erklärte: „Es ist wirklich noch zu früh zum Aufstehen. Aber hier ist ja genug Platz. Wilma und ich bleiben also einfach noch ein bisschen, damit du nicht so alleine bist und damit du gleich Bescheid sagen kannst, wenn du doch etwas benötigst.“

Schon hatte ich den Mund geöffnet, um aufzubegehren, da aber bemerkte ich wie die Nähe des Mädchens sich tröstend über mein blutendes Herz legte, mich auf eine seltsam vertraute Weise an Abendstern erinnerte, mich daran hinderte, in die Verzweiflung zurückzukehren, die der Böse Geist der Vergangenheit mir sandte, um die wenigen Reste meiner Kraft aufzuzehren, sobald ich mich ihr ergab. Ich ließ das Kind also gewähren und betrachtete es im fahlen Licht der Frühe, bis es eingeschlafen war. Dann wandte ich den Blick durch die Fensteröffnung zum Himmel.

Schon die ganze Nacht über hatte draußen eine sanfte Brise geweht, die sich nun, in den Morgenstunden, mehr und mehr zu einem wirklichen Wind verstärkte. Er kam aus Norden, trug die ersten bunten Blätter des Herbstes durch die Luft und schob die Wolken vor sich her. Er würde wehen bis hinab ins Land der Apachen, bis in meine Heimat – eine Heimat, die nie wieder dieselbe sein würde, wenn ich Ribanna und Abendstern wahrhaftig verloren hatte. Ich folgte dem Spiel kleiner Staubkörner, die sich im Licht eines einzelnen Sonnenstrahls drehten, bis die Müdigkeit, die das Fieber wieder bleischwer in meine Glieder gelegt hatte, mich in den Schlaf zurückzog.



Old Shatterhand

Ein lauter, durchdringender Knall hallte durch das Präriekrankenhaus und schreckte mich aus dem Dämmerschlaf auf, in den ich hinüber geglitten sein musste. Kurz war ich versucht aufzuspringen, glaubte ich doch gar an einen Schuss. Dann aber verstand ich, dass lediglich die Eingangstüre, welche wohl nicht fest im Schloss gesteckt hatte, durch eine Böe aufgestoßen und an die Wand gedonnert worden war. Eilige Schritte im Korridor bewiesen mir, dass einer der Hausbewohner schon im Begriff stand, sich des Problems anzunehmen.

Ich blickte durchs Fenster nach draußen. Die leichte Brise, die bereits die ganze Nacht über geweht hatte, war zu einem heftigen Wind aus Norden angewachsen, der allerlei Blattwerk mit sich führte und an den nahen Herbst gemahnte. Das erste schwache Tageslicht graute. Schon seit Stunden saß ich unbeweglich auf dem Sofa, um Abendstern, welche in meinen Armen ruhte, nicht zu wecken. Zwischenzeitlich schmerzten mir alle Glieder, dennoch wagte ich nicht, mich zu rühren.

Einmal aufgeschreckt lauschte ich nun jedoch angestrengt, ob ich etwas hören würde, das mir verriet, wie es mit Ribanna und der Geburt stand – doch vergebens. Nur das Geräusch hastig hin und her eilender Füße drang an mein Ohr, einmal wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen.

Ungeduld erfasste mich und gerade, als ich überlegte, ob ich es wagen durfte, mich unter Abendstern herauszuwinden, kam Jasper in den Raum geeilt. „Die Frauen sagen, es kann jeden Moment so weit sein.“

Noch befand ich mich im Zwiespalt, ob ich Winnetous Tochter wecken sollte, da drang ein lauter Schrei durch die stillen Zimmer und sofort hob Abendstern die Lider und blickte sich besorgt um. Der Schlaf hatte ihr offensichtlich gut getan, denn ihre Augen glänzten wieder dunkel und unergründlich und als ihr klar wurde, dass es ihre Mutter gewesen war, die sie gehört hatte, war sie nicht mehr in der Wohnstube zu halten. Sie sprang auf die Beine und eilte hinaus, sodass es Jasper schwer wurde ihr in dem Haus, in dem sie sich doch gar nicht auskannte, zumindest den Weg zu weisen. An ein Aufhalten war gar nicht zu denken.

Etwas zögerlich schritt ich hinterdrein und verharrte im Gegensatz zu Abendstern, die sofort durch die Tür des Krankenzimmers schlüpfte, zusammen mit dem Arzt im noch immer dunklen Flur. Nur eine kleine Öllampe brannte in einer Nische. Jetzt so nah am geschehen, konnte ich Ribannas unterdrücktes Stöhnen hören und die aufmunternden Anweisungen der beiden Frauen, die ihr Mut zusprachen und ihr versicherten, dass es bald überstanden sei.

Dennoch verging eine gefühlte Ewigkeit, in welcher Jasper und ich uns nur hin und wieder ratlos anblickten, bis endlich ein weiterer Schrei Ribannas erklang, auf den sogleich das durchaus kräftige Weinen eines Neugeborenen folgte. Sie hatten es also wahrhaftig geschafft. Winnetous Kind lebte!

Erleichterung wollte sich in mir ausbreiten, als ich mir Jaspers bedenklicher Miene bewusst wurde. „Warum blickst du so finster?“, fragte ich besorgt.

„Schon zu oft habe ich erlebt, dass verfrühte Freude sich in umso größeren Schmerz verwandelt hat. Noch wissen wir nicht, wie es der Mutter geht, und ob das Kind die Strapazen unbeschadet überstanden hat. Zudem sagte mir meine Schwester, dass es zu früh sei für die Geburt. Wir wollen mit dem Aufatmen also warten, bis die Frauen uns berichten oder hinein bitten.“

Selten waren mir zehn Minuten, denn um mehr konnte es sich nicht gehandelt haben, so unendlich vorgekommen wie an jenem Septembermorgen. Da endlich ging die Tür auf und Mathilda trat zu uns. „Es ist ein kleiner Junge. Er ist recht winzig, man sieht ihm an, dass er noch einen Monat hätte warten sollen, aber er und auch seine Mutter sind wohl auf und nun auch soweit wieder hergestellt, dass ich euch Männer vorlassen kann.“

Mathilda strahlte und gab die Tür frei, doch eine unbestimmte Angst hielt mich zurück. Ein kleiner Junge. Ein Sohn. Winnetous Sohn. Dunkle Erinnerungen drängten in mein Bewusstsein. Old Firhands Festung... Ein brennender Talkessel, Kriegsgeschrei, Kampfeslärm. Und dann jener eine, verhängnisvolle Schuss...

„Charly, komm schnell, ich habe wieder einen kleinen Bruder!“ Aufgeregt zerrte Abendstern, der das Ganze wohl zu lange gedauert hatte, an meinem Ärmel und verscheuchte mit ihrer kindlichen Begeisterung die Gespenster der Vergangenheit, die mich soeben hatten heimsuchen wollen.

Ich folgte ihrem Drängen in den mittlerweile von der Morgensonne erhellten Raum, in welchem die Assiniboine noch immer im Bett saß. Wie angewurzelt blieb ich in der Nähe der Türe stehen, gebannt von dem Bild, das sich mir offenbarte: Ribanna, die mir trotz ihrer Blessuren und der gerade überstandenen Anstrengungen niemals schöner vorgekommen war als in diesem Moment. Mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit und Liebe wiegte sie den Säugling hin und her – ein kleines in Decken eingewickeltes Bündel, aus dem ein glucksender Laut drang.

„Komm nur und sieh, wie niedlich er ist!“, ereiferte sich Abendstern, indem sie zu ihrer Mutter zwischen die Kissen kletterte. Dieser Ruf ihrer Tochter ließ Ribanna aufschauen. Für einen Moment schien mir pures, reines Glück aus ihren dunklen Augen entgegen zu strahlen. Dann aber trübte sich das helle Licht der Freude und ich war sicher, dass wir beide soeben das gleiche dachten: Ich war nicht derjenige, der hier zu stehen hatte. Mein Blutsbruder war es, der sich an dieser Stelle befinden sollte.

Schon war ich daher versucht, mich auf einige aus meiner entfernten Position formulierte Glückwünsche zu beschränken, da sprach Ribanna mich an: „Der Bruder meines Gefährten mag zu mir kommen, um das Kind des Häuptlings der Apachen zu sehen.“ Einige Sekunden lang zögerte ich noch, bis ich des verzweifelten, flehenden Ausdrucks gewahr wurde, der sich über Ribannas Antlitz gelegt hatte und der mir – so unwahrscheinlich mir dies noch vor kurzer Zeit erschienen wäre – ganz deutlich klarmachte, dass sie mich jetzt brauchte.

Ich überwand also den kleinen Abstand bis zu ihrer Schlafstatt und beugte mich herab, um das Kind zu betrachten. Ein kräftiger Flaum dunklen Haares überzog das Köpfchen. Eine zierliche Stupsnase und ein schmatzender Mund lugten zwischen den Decken hervor. Winzige Äuglein klappten auf und wieder zu. Das ganze kleine Menschengeschöpf wirkte so zerbrechlich, so zart, so hilflos. Und doch war es eines der größten Wunder, das der Herrgott hervorbrachte.

„Er ist wunderschön“, flüsterte ich. „Wie willst du ihn nennen?“

Ribanna schluckte schwer und schüttelte den Kopf, wobei stumme Tränen ihr über die Wangen zu rollen begannen. Kurz war ich ob dieses heftigen Gefühlsausbruchs angesichts meiner doch so selbstverständlichen Frage irritiert, dann aber fiel mir ein, dass es bei den Apachen die Sache des Vaters war, seinem Kind, wenn er es zum ersten Mal in den Armen hielt, einen Namen zu geben. Diesen aber, meinen Blutsbruder, hielt Ribanna ja für tot. Wie hatte ich das auch nur für einen Moment vergessen können? Ich hätte mich ohrfeigen mögen für mein fehlendes Feingefühl. Ratlos stand ich im Raum, unfähig meine Worte zurückzunehmen oder in irgendeiner Weise tröstend abzumildern, da kam Abendstern ihrer Mutter und mir zur Hilfe.

„Nordwind“, hauchte sie. Und als keiner von uns reagierte, fuhr sie erklärend fort: „Der Knabe, er soll Nordwind heißen, das wird Vater gefallen. Denn als er im Winter davon ritt, uns bei den Assiniboine zu verbergen, war ich unendlich traurig und wollte ihn nicht gehen lassen. Um mich zu trösten, sagte er mir, dass ich alles, was ich mit ihm teilen wolle, dem Nordwind anvertrauen solle. Er würde es zu ihm tragen. Und seht, wie er auch jetzt wieder draußen spielt, um die Kunde von der Geburt meines Bruders an den Rio Pecos zu bringen.“

Ihrer Aufforderung folgend blickten wir alle durch das Fenster ins Freie, wo noch immer bunte Blätter wehten.

„Nordwind?“, fragte Ribanna leise und sah dabei auf das Neugeborene herab, so als ob sie es selbst entscheiden lassen wolle, ob ihm der Name gefiele.

„Nordwind“, wiederholte Abendstern noch einmal lauter und einer Eingebung folgend, legte ich meine Hand auf das Köpfchen des Jungen, streichelte sanft darüber und erklärte: „Du bist Nordwind, der Sohn Winnetous, des Häuptlings der Apachen.“
Review schreiben