Ich lass für dich das Licht an

OneshotRomanze / P12 Slash
Charlie Schneider Christian Mann Oliver Sabel
25.05.2018
25.05.2018
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Hallo!

Hier mal eine Entschädigung für alle Chrolli-Fans, die ihr Happy End nicht bekommen haben. ;)

Wenn ihr noch einen (etwas kürzeren) Epilog haben wollt, lasst es mich im Review wissen. :)

Disclaimer: Die bekannten Charaktere gehören nicht mir, sondern den Produzenten von "Verbotene Liebe". Revolverheld gehören sich selbst und alles, was zu ihnen gesagt wird, ist erfunden.

LG,
Mozambique


Ich lass für dich das Licht an


Schloss Königsbrunn, Gäste-Suite/Düsseldorf – 6. September 2020

„Ich bin noch nervöser als beim ersten Mal“, stellte Olli Sabel fest, als er – trotzdem grinsend – vorm Spiegel stand und sich begutachtete. Hinter ihm wurde laut gekichert, was auch kein Wunder war, da er zur Zeit nur von Frauen umgeben war (und ihm mal wieder bewusst wurde, weshalb ihm Frauen in einer Beziehung viel zu anstrengend waren), die sich in den letzten zwei Stunden um seine Garderobe gekümmert hatten.
Okay, wenn er ehrlich war, hätte er sich für diesen Moment keine bessere Gesellschaft wünschen können.
Neben seiner Halbschwester Bella Jacob, die ihm in den letzten Jahren, seit sie sich kannten, sehr ans Herz gewachsen war, durften natürlich auch seine Lieblings-Gräfin, wie er Rebecca von Lahnstein liebevoll nannte, seine (viele glaubten es immer noch nicht) beste Freundin Jessica Mendes und Luise Fürstin von Waldensteyck nicht fehlen. Letztere hatte jedoch mittlerweile aufgehört zu kichern, da sie sich um ihren Nachwuchs kümmern musste.
„Hey meine Kleine, bleib mal hier“, sagte sie jetzt lachend, als sie Victoria, ihre dreijährige Tochter, einfing, die gerade auf großer Schloss-Erkundungstour gewesen war, und auf den Arm nahm.
„Luise, wie macht ihr das eigentlich mit vier Kindern?“, wollte Jessica wissen. „Ricardo ist ja schon mit zweien überfordert, auch wenn Max ein toller großer Bruder ist.“
„Ähm Mädels, ich will euch ja nicht stören“, mischte Olli sich ein und drehte sich um, „aber ich bin doch jetzt wohl wichtiger als eure Familiengeschichten, oder?“
„Natürlich, Brüderchen, du hast ja recht.“ Bella lachte und tauschte einen Blick mit Rebecca. Diese kapierte sofort.
„Wir gucken dann mal, ob dein Bräutigam schon da ist“, sagte sie und schob Luise und Jessica aus dem Raum.
„Danke.“ Olli lächelte seine Schwester gequält an. „Wie sehe ich aus?“
Bella strich sich die roten Haare aus dem Gesicht, schaute von oben bis unten an ihrem Bruder herunter und meinte: „Wie jemand, der gleich zum dritten Mal seine große Liebe heiraten wird.“
Wie auf Kommando fingen beide an zu lachen und Ollis Nervosität verschwand ein bisschen. Es war auch wirklich etwas absurd; zumindest kannte er sonst kein anderes Paar, das auch nach der zweiten Scheidung nochmal den Gang zum Traualtar gewagt hatte. Doch er spürte, dass es das Richtige war, und vor allem, dass es dieses Mal klappen würde.
Vielleicht lag es daran, dass der dritte Heiratsantrag von Christian gekommen war. Vielleicht hatte Christian einfach die Zeit gebraucht, um sich über ihre Beziehung klar zu werden.
Im Nachhinein fand Olli, dass die Zeit nach ihrer zweiten Scheidung nur deutlich gemacht hatte, dass sie ohne einander nicht glücklich werden konnten. Er hatte sich selbst nicht wieder erkannt, als er damals einen Typen nach dem anderen abgeschleppt und obendrein auch noch Sascha den Kopf verdreht hatte. Die Beziehung zu Jo war irgendwie auch von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Erst hatte sich auch Bella in den Arzt verguckt, weshalb er sich ständig mit seiner Schwester gezofft hatte, und letztendlich war Olli klar geworden, dass er bei Jo immer nur die zweite Geige spielen würde, denn Jos große Liebe Sam hätte immer zwischen ihnen gestanden.
Und genau das konnte Olli sehr gut nachvollziehen. Auch wenn er selbst mal geglaubt hatte, die große Liebe in Tom Seifert gefunden zu haben, wusste er schon seit Jahren, dass sein Herz immer nur Christian gehören würde.
Egal, wie oft sie gestritten hatten oder noch streiten würden.
Und obwohl Christian ihn betrogen hatte. Zweimal. Mit Frauen.
Das hatte für Olli keine Bedeutung mehr, weil diese One-Night-Stands für Christian keine Bedeutung gehabt hatten.
Jetzt war Christian bereit für die Ehe, davon war Olli überzeugt.
Christians Heiratsantrag war Beweis genug gewesen.


Christians und Ollis Wohnung/London – 4. April 2018

Das Shooting hatte etwas länger gedauert, deshalb war Olli erst spätabends nach Hause gekommen. Mittlerweile genoss er seinen zweiten Job sehr, auch wenn er ein bisschen Sehnsucht nach seinem NoLimits hatte. Aber sein NoLimits war bei seiner alten Freundin Jule (die vor zwei Jahren beschlossen hatte, mit ihrem Sohn nach Düsseldorf zurück zu kehren) schließlich in den besten Händen.
Kaum hatte er seine und Christians Wohnung betreten, roch Olli es auch schon.
„Das ist doch ...“
„... Lasagne à la Henriette Sabel“, vollendete Christian seinen Satz, als er aus der Küche kam. Er trat auf Olli zu, nahm ihm seine Tasche ab und führte ihn an der Hand zum Esstisch.
Dort küsste er Olli kurz auf die Lippen und zog ihm den Stuhl zurück.
Olli war sprachlos, denn so etwas hätte er nicht erwartet. Der Tisch war liebevoll gedeckt; in der Mitte stand eine Vase mit einer roten Rose und die zwei Kerzen versprühten einen angenehmen Vanilleduft. Es war romantisch, aber nicht zu kitschig – eben ganz Christian-like.
Die Auflaufform mit der Lasagne stand ebenfalls bereits auf dem Tisch.
Christian setzte sich Olli gegenüber.
„Chris... habe ich etwas vergessen? Haben wir Jahrestag oder so?“ Inzwischen hatte Olli wirklich fieberhaft überlegt, welches Datum sie hatten, denn normalerweise war er es, der die romantischen Gesten für sich beansprucht hatte. Doch er war vorgestern erst von einer zweiwöchigen Promotion-Tour in Südafrika zurückgekehrt, und da sie gestern – natürlich – erst einmal Wiedersehen gefeiert hatten, war das Reden ein wenig zu kurz gekommen.
Christian lachte. Olli sah einfach zu süß aus, wenn er ertappt wurde.
„Ja, wir haben Jahrestag. Zehn Jahre, um genau zu sein... Unsere – Pausen – mal nicht mitgerechnet“, sagte er und lächelte seinen Freund liebevoll an. „Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich deiner Mutter das Rezept abgeschwatzt habe.“
Doch mehr sagte Christian nicht, sondern nahm Ollis Teller und gab etwas von der Lasagne darauf, dasselbe machte er mit seinem eigenen Teller. Olli hingegen war perplex, denn dass er ausgerechnet ihr Jubiläum nicht auf dem Schirm gehabt hatte, war ihm irgendwie peinlich. Aber Christian schien ihm deswegen nicht böse zu sein, da dieser gerade seelenruhig mit dem Essen anfing und ihm zwischendurch verliebte Blicke zuwarf.
Verliebt. Waren sie das eigentlich noch? Wissenschaftlich gesehen verschwanden die Endorphine, die wir als Verliebtsein bezeichnen, nach zwei bis drei Jahren Beziehung. Wenn man sich dann nicht mehr intensiv um einander kümmert, lebt man sich auseinander und trennt sich irgendwann. Doch wenn das Gegenteil der Fall ist, entwickelt sich das Verliebtsein in uneingeschränktes Vertrauen und kompromisslose Zuneigung – das, was wir Liebe nennen.
Für Olli war schon lange klar, dass er und Christian das seltene Glück hatten, einander wirklich zu lieben. Und deshalb schob er sein schlechtes Gewissen beiseite und fing jetzt auch endlich an zu essen.
„Mhm...“, ließ er bereits nach dem ersten Bissen verlauten. „Genau wie bei meiner Mutter. Wie lange hast du geübt, das so hinzubekommen?“
Christian grinste. „Na, du hast ja großes Vertrauen in mich! Es war mein erster Versuch und offenbar ist er geglückt. Möchtest du Rotwein?“
„Gerne!“ Olli fragte sich zwar, was Christians Bemerkung gerade zu bedeuten hatte, aber er genoss seinen Feierabend inzwischen sehr.
Christian nahm die beiden Weingläser, um sie in der Küche zu befüllen. Er lächelte in sich hinein, weil Olli offenbar keine Ahnung hatte, was ihn erwartete.

* * *

Nach zwei Tellern Lasagne und fast einem Glas Rotwein war Olli papp-satt.
Genüsslich trank er den letzten Schluck Wein – doch als er das rote Getränk im Mund hatte, stutzte er. Da war irgendetwas Seltsames in dem Wein.
Olli schluckte den Wein hinunter und spuckte den Gegenstand in seine Serviette. Er starrte ungläubig auf den Ring.
Ja, es war ein Ring. Silber, mit einer feinen, kobaltblauen Schmucklinie verziert. Als Olli ihn drehte, kam auf der Innenseite eine Gravur zum Vorschein. In Liebe, Chris.
„Chris...“, begann er und sah zu Christian.
Der schob jetzt die Auflaufform beiseite, sodass er Ollis Hand nehmen konnte.
„Shhht, sag jetzt nichts“, unterbrach er seinen Freund. „Ich habe so etwas noch nie gemacht und vor dir auf die Knie gehen ist nicht mein Ding, also mache ich es eben so.“
Christian holte tief Luft, schaute in Ollis wunderschöne blaue Augen, aus denen gerade eine Träne auf Ollis Wange lief, und lächelte sanft. Sein wunderbarer, emotionaler Olli.
„Hey, du musst nicht heulen... auch wenn ich das total süß finde. Seit du mir vor fast zwei Jahren noch eine letzte Chance gegeben hast, habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich dir dafür danken kann. Ich habe dich so oft enttäuscht, belogen und betrogen – und trotzdem liebst du mich immer noch und hast mir das alles verziehen. Auch wenn ich das nicht verdient habe, machst du mich damit zum glücklichsten Mann der Welt. Also... willst du ein letztes Mal den Schritt wagen und mich heiraten?“
Olli brauchte keine Worte, um Christian eine Antwort zu geben.
Er stand auf, ging um den Tisch herum und setzte sich auf den Schoß seines Freundes, um ihn zu umarmen und hinterher zärtlich auf die Lippen zu küssen.
„Wenn du mir jetzt endlich den Ring an den Finger steckst, können wir ins Schlafzimmer gehen, damit ich dir zeigen kann, wie sehr ich dich heiraten will.“
Christian grinste und ließ sich nicht zweimal bitten.


Bistro „Schneiders“/Düsseldorf – 6. September 2020

„Charlie, Schatz, das sieht doch super aus, so, wie es ist. Wir müssen los!“
Frank Helmke klang nicht im Mindesten ungeduldig, und eigentlich war er es auch nicht, denn er kannte seine Frau ja schließlich. Für sie musste eben alles perfekt sein, wenn ihr Lieblingsneffe und dessen Mann nachher ihren Hochzeitsempfang gaben. Immerhin sollte es für Olli und Christian heute das letzte Mal sein, dass sie einander das Jawort geben würden.
„Aber Frank, wir warten doch noch auf Hennie!“ Mit tadelndem Blick schaute Charlie zu ihrem Mann, der plötzlich anfing zu lachen.
„Charlie, wo bist du denn mit deinen Gedanken? Christian holt doch deine Schwester vom Bahnhof ab und fährt mit ihr direkt nach Königsbrunn.“
Entsetzt sah Charlie Frank an. „Ja... Stimmt... Oh Frank, ich glaube, ich werde zu alt für diesen Stress. Wehe, Olli lässt sich nochmal von Christian scheiden, nur um ihn dann ein paar Jahre später wieder zu heiraten! Dann setzt es was!“
Frank hörte auf zu lachen und nahm seine Frau stattdessen liebevoll in den Arm. Beruhigend strich er ihr über den Rücken, während sie sich merklich entspannte.
„Komm, Schatz. Dieses Mal bist du die Trauzeugin. Wenn das mal kein gutes Omen ist!“, sagte Frank und küsste Charlie auf die Wange.
Jetzt konnte auch Charlie wieder lächeln. Sie hakte sich bei Frank ein.
„Also gut, dann wollen wir mal.“


Schloss Königsbrunn, Park/Düsseldorf – 6. September 2020

Christian Mann schaute sich um. Er war gerade angekommen und hatte seine – ehemalige sowie zukünftige – Schwiegermutter bei Jessica abgeliefert, damit diese Henriette zu Olli bringen konnte.
Nun stand er im Park und sollte vermutlich so nervös sein wie noch nie. Aber er spürte keine Nervosität, nur pure Vorfreude darauf, dass er Olli in weniger als einer Stunde endlich wieder seinen Mann nennen durfte.
Dieses Mal hatten sie keine Kosten und Mühen gescheut – obwohl Elisabeth von Lahnstein fast schon beleidigt gewesen war, als sie dafür zahlen wollten, dass sie im Park von Königsbrunn heirateten. Christian hatte den leisen Verdacht, dass sie den Park deshalb so schön hatte herrichten lassen, um es ihnen heimzuzahlen.
Inzwischen waren die meisten Gäste schon angekommen und unterhielten sich anregend bei einem Glas Champagner.
Die kompletten Lahnsteins waren da (sogar Ansgar, der wohl von seiner Tochter Kim dazu genötigt worden war, ein freundliches Gesicht zu machen, und Leonard ließ Sarah nicht aus den Augen, die im siebten Monat schwanger war); die Wolfs machten sich gerade mit den Brandners bekannt, die aus Neuseeland angereist waren; Christians Bruder Gregor und dessen Frau, Fürstin Luise von Waldensteyck, hatten ihre vier Kinder im Schlepptau; Helena hatte Daniel aus Sierra Leone mitgebracht (und die zwei warfen sich sehr verliebte Blicke zu); Judith hatte ihre Jugendliebe in London getroffen und stellte ihren Traumtypen gerade allen vor; Lars hatte Tina, die frischgebackene Frau Lars Schneider, dabei; und Stella turtelte mit Carla, während Carlas und Lars' dreizehnjährige Tochter Sophia genervt darüber die Augen verdrehte.
Christian, froh darüber, dass ihn gerade keine ansprach, wollte sich gerade ein Glas Champagner nehmen, als ihm jemand auf die Schulter tippte.
Er drehte sich um – und machte große Augen.
„Coco? Was machst du denn hier?“
Coco, die ihre blonden Locken mittlerweile nur schulterlang trug, lachte.
„Ich freue mich auch, dich zu sehen. Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung – zur dritten, wie ich mir habe sagen lassen.“
Noch immer brachte Christian kein Wort heraus. Er hatte Coco seit Jahren nicht gesehen, ja... seit sie alleine nach Goa gegangen war und ihn für Olli frei gegeben hatte. Das war inzwischen zwölf Jahre her.
„Olli hat mich eingeladen“, beantwortete Coco seine vorherige Frage. „Ich hoffe, du hast nichts dagegen.“
„Nein, Quatsch, wieso denn?“ Christian hatte zwar seine Sprache wieder gefunden, aber er wusste nicht wirklich, wie er mit seiner Ex-Freundin umgehen sollte. Immerhin hatte er sie damals sehr verletzt, weil er ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte.
„Christian, denk nicht so viel nach.“ Coco schien seine Gedanken lesen zu können. „Es ist Jahre her. Wir waren beide jung und wussten nicht, was wir wollten. Aber jetzt ist doch alles klar, oder? Ich war so stolz auf dich, als ich im Internet den Artikel über dein Outing gelesen habe. Ihr zwei seid füreinander bestimmt. Und ich habe mein Schicksal auch wieder gefunden.“
„Damit bin wohl ich gemeint“, ertönte eine fröhliche Stimme hinter Coco.
Christian entdeckte einen braunhaarigen jungen Mann, der Nico im Schlepptau hatte.
„Mann, Robin, jetzt zieh mich doch nicht so“, beschwerte Nico sich. „Was ist denn los?“
„Ich bin los!“, sagte Coco lachend.
Überrascht sah Nico ihre frühere beste Freundin an, bevor sich die beiden Frauen kichernd umarmten.
„Jetzt sind wir wohl abgemeldet“, meinte der Typ, den Nico Robin genannt hatte, zu Christian, als Nico und Coco schwatzend von dannen zogen.
Robin hielt Christian die Hand hin. „Ich bin Robin Brandner, Nicos Halbbruder, und Cocos –“
„– offenbar nicht mehr Ex-Freund“, grinste Christian und schüttelte Robins Hand. „Wer ich bin, weißt du ja wohl.“
Robin lachte. „Ja, ich weiß alles über dich und deinen Verlobten. Sitze ja bei Nico direkt an der Quelle.“
„Und wie lange bist du schon wieder mit Coco zusammen?“, wollte Christian neugierig wissen. Er war erleichtert, dass Coco ihre gemeinsame Vergangenheit offenbar so leicht abgehakt hatte. Und Robin schien ein netter Typ zu sein. Wenn es die große Liebe war, konnte man sie einfach nie komplett vergessen, ganz egal, was passiert war. Christian wusste das schließlich aus eigener Erfahrung.
Robin wollte Christian gerade antworten, als ihn eine schrille Stimme unterbrach.
„CHRISTIAN MANN! Du heiratest in drei Minuten! Wirst du wohl nach vorne kommen?!“
Jessica Mendes, seit knapp drei Jahren Ehefrau von Dr. Ricardo Mendes und Ollis beste Freundin – weshalb, das würde Christian nie verstehen –, kam empört auf Christian zu, packte ihn am Arm und zog ihn hinter sich her.
„Ich fasse es nicht! Du quatschst hier seelenruhig mit den Leuten, während Olli in der Suite die Düse geht. Wehe, du vermasselst das!“
„Jess, jetzt halt mal die Luft an!“ Christian machte sich von Jessica los.
Inzwischen waren sie am Ende des roten Teppichs, über den Olli gleich laufen würde, angekommen. Gregor und Charlie, ihre Trauzeugen, standen bereits an den Seiten des Pavillons, der mit roten und weißen Rosen geschmückt war, und grinsten sich an.
Christian warf Jessica einen bösen Blick zu, doch die hatte sich bereits auf den Stuhl zwischen Ricardo und ihrer kleinen Tochter Leandra gesetzt und lächelte Christian nur an.
„Brüderchen, lass dich doch nicht aus der Ruhe bringen“, sagte Gregor.
„Ja Christian, du kennst doch Jessica“, stimmte Charlie ihm zu. „Sie ist eben sehr beschützerisch Olli gegenüber.“
„Das ist aber nicht ihre Aufgabe“, murmelte Christian.
Doch er hatte keine Zeit mehr, sich über Jessica zu ärgern, denn schon erklang das Playback von Revolverhelds Ich lass für dich das Licht an.

* * *

Ollis Nervosität war verflogen, als er am Arm seiner Mutter den roten Teppich entlang schritt. Gleich war es soweit – gleich würde er endlich wieder Christians Ehemann sein.
„Ich bin so glücklich, Oliver“, flüsterte Henriette Sabel ihrem Sohn ins Ohr. „Danke, dass du mich gefragt hast, ob ich dich zum Altar begleiten möchte.“
„Das ist doch keine Kirche, Mama“, sagte Olli leise lächelnd. „Sagen wir, du führst mich zu Christian und gibst uns deinen Segen für den Rest unseres Lebens.“
„Ganz wie du willst“, antwortete Henriette. „Aber inzwischen weiß ich, dass Gott nichts dagegen hätte, wenn ihr nochmal in einer Kirche heiraten würdet.“
Innerlich wuchs Ollis Zuneigung für seine Mutter noch mehr. Was konnte es Schöneres geben, von seiner Mutter, die einmal so verbohrt gewesen ist, den Segen für seine Hochzeit mit einem Mann zu bekommen?
Als sie am Pavillon ankamen, hatte Olli bereits alle anderen Menschen um sich herum ausgeblendet.
Er sah nur noch Christian, der ihn strahlend anschaute.
Henriette nahm Ollis Hand und legte diese in die von Christian. Dann drückte sie beide zusammen, lächelte und setzte sich in die erste Reihe neben Bella, die sie freundlich begrüßte.
Die Musik verstummte und Niklas Maier, der Standesbeamte, ergriff das Wort.
„Meine lieben Hochzeitsgäste, ich heiße Sie herzlich Willkommen zur Vermählung von Christian Mann und Oliver Sabel. Diese beiden jungen Männer vor mir haben eine lange gemeinsame Geschichte. Vor über zehn Jahren haben sie sich kennen und lieben gelernt, haben in der Zeit bereits zweimal geheiratet und sich zweimal wieder scheiden lassen. Wollen wir hoffen, dass alle guten Dinge drei sind und Christian und Oliver die schlechten bei zweimal belassen.“
Großes Gelächter der Hochzeitsgesellschaft ertönte.
„Christian und Oliver, Sie haben Ihre eigenen Ehegelübde verfasst“, sagte Herr Maier. Er schaute Christian an.
Dieser räusperte sich und nahm dann Ollis Hände in seine.
„Olli, als wir vor zwei Jahren wieder zusammengekommen sind, war das für mich einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben, dass du mir noch eine Chance gibst. Doch du hast mich mal wieder überrascht und mir gesagt, dass du mich liebst und ich ich dir gezeigt hätte, dass ich dein Vertrauen verdiene. Olli, ich liebe dich mehr als mein Leben, und deshalb schwöre ich dir, dein Vertrauen in mich nie wieder zu enttäuschen. Ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen. Ich möchte wieder dein Ehemann sein.“
Er schaute Olli in die Augen. Sie hatten so ein tiefes Blau, dass die Glückstränen, die sich jetzt in ihnen sammelten, in der Sonne glitzerten.
„Oliver?“ Herr Maier übergab das Wort an Olli.
„Chris...“, begann Olli lächelnd, „... wenn du nicht die Liebe meines Lebens wärst, würden wir jetzt nicht hier stehen. Aber genau das bist du. Ich liebe dich mit jeder Faser meines Körpers und deswegen weiß ich auch, dass du mich nie wieder verletzen wirst. Es ist leicht, jemandem zu sagen, dass er gehen soll, aber viel schwerer, zu jemandem zurückzukommen. Ich habe lange gebraucht, um diese Entscheidung zu treffen. Doch es war die richtige. Du machst mich so glücklich, wie es noch nie jemand geschafft hat. Ich will immer an deiner Seite sein. Und ja, ich möchte auch wieder dein Ehemann sein. Für immer.“
Charlie, die hinter Olli stand, schniefte. Sie liebte Hochzeiten – aber neben ihrer eigenen war dies einfach die schönste, die sie je erlebt hatte.
„Die Ringe bitte“, sagte Herr Maier.
Sophia von Lahnstein, Ollis Cousine, war diese Ehre zuteil geworden. In ihrem rosa Kleid und mit den langen, blonden Haaren sah sie aus wie eine jüngere Version ihrer Mutter Carla. Jetzt war sie nicht mehr der genervte Teenager, sondern sie erhob sich elegant, wie es sich für eine junge Gräfin gehörte, und stolzierte lächelnd auf den Pavillon zu. In ihren Händen trug sie das obligatorische rote Samtkissen, auf dem die Ringe lagen.
Sie blieb vor Christian und Olli stehen und hielt ihnen das Samtkissen hin.
Christian nahm Ollis Ring und steckte ihm diesen an den Finger.
„Mit diesem Ring nehme ich dich zu meinem Ehemann und schwöre dir, immer an deiner Seite zu stehen, in guten wie in schlechten Zeiten“, sagte er.
Auch Olli nahm nun den Ring für Christian und steckte ihn an Christians Finger.
„Mit diesem Ring nehme ich dich zu meinem Ehemann und schwöre dir, immer an deiner Seite zu stehen, in guten wie in schlechten Zeiten“, wiederholte Olli Christians Schwur.
Sophia setzte sich wieder zu ihren Eltern und Stiefeltern (ja, bisweilen genoss sie es, so viele Eltern zu haben), während Herr Maier sich wieder zu Wort meldete.
„Kraft des mir verliehenen Amtes erkläre ich Sie hiermit zu rechtmäßig verbundenen Eheleuten. Sie dürfen sich jetzt küssen.“
Natürlich ließen sich Christian und Olli dies nicht zweimal sagen. Von tosendem Jubel begleitet küssten sie sich zärtlich auf die Lippen.
„Wenn ich Sie und die Trauzeugen dann noch bitten dürfte, die Urkunde zu unterschreiben“, meinte Herr Maier kurz darauf noch lächelnd. „Haben Sie sich für einen gemeinsamen Namen entschieden?“
Christian und Olli sahen sich erschrocken an. Sie waren so vertieft in die Hochzeitsvorbereitungen gewesen, dass sie gar nicht daran gedacht hatten, darüber zu sprechen.
Doch dann grinste Olli. Er hielt Christian den Stift hin. „Herr Sabel-Mann, darf ich bitten?“
„Aber natürlich, Herr Sabel-Mann.“ Auch Christian musste grinsen, denn sie hatten offenbar spontan denselben Gedanken gehabt.
„Hey, ihr lasst euch ja Zeit!“, mischte sich Charlie ein. „Nun lasst uns auch mal, sonst müsst ihr nochmal heiraten.“
„Bloß nicht!“, entfuhr es Gregor. „Luise hat doch jetzt schon stundenlang ihre Schneiderin gequält, weil sie nicht wusste, wie sie ihr Kleid haben wollte.“
Alle vier lachten gelöst.


Bistro „Schneiders“/Düsseldorf – 6. September 2020

„Achtung, alle mal her gehört!“ Andi Fritzsche klopfte mit einem Löffel gegen sein Glas.
„Jetzt, da wir alle satt sind und alle Reden hinter uns haben, können wir zum nächsten Programmpunkt übergehen. Chris und Olli, wir sind sehr froh, dass ihr endlich wieder geheiratet habt und euch ebenfalls dazu entschlossen habt, wieder nach Düsseldorf zu ziehen. Deshalb haben wir – unsere ehemaligen WGs inklusive aller, die mal dort gewohnt haben – noch ein besonderes Geschenk für euch. Ihr habt euch Ich lass für dich das Licht an von Revolverheld anstelle des Hochzeitswalzers für die Trauung ausgesucht, weil das Lied wie für euch geschrieben wurde. Genau das haben wir – oder besser gesagt, unsere allseits geliebte Charlie Schneider – Johannes Strate erklärt, dem Sänger von Revolverheld.
Deshalb möchte ich euch jetzt bitten, die Tanzfläche zu eröffnen, denn die Jungs haben noch eine ganze Songliste vor sich.“
Olli kapierte als Erster, was Andi da eben gesagt hatte, denn er zog Christian aufgeregt in den Loungebereich, den Charlie mit ihren Mitarbeitern in Bühne und Tanzfläche verwandelt hatte.
Und ja – dort standen sie. Johannes Strate, Kristoffer Hünecke, Niels Hansen und Jakob Sinn, auch bekannt als Revolverheld.
Nicht nur das frisch getraute Ehepaar, auch alle anderen Hochzeitsgäste waren perplex. Da holte Charlie Schneider mal eben eine so bekannte deutsche Band ins Schneiders!
„Lieber Christian, lieber Oliver, erstmal alles Gute zur Hochzeit“, sagte Johannes lächelnd ins Mikro. „Und bevor sich alle wundern, weshalb wir hier sind – Charlie ist mit meiner Mutter zur Schule gegangen, aber sie haben sich erst vor kurzem wieder getroffen. Sie hat uns eure Geschichte erzählt und gesagt, dass es euch sehr freuen würde, wenn wir auf eurer Hochzeit spielen. Ich hoffe, das ist euch recht.“
„Absolut!“, riefen Christian und Olli unisono.
Johannes grinste und gab seinen Jungs ein Zeichen, dass sie loslegen konnten.

„Wenn wir nachts nach Hause gehen
Die Lippen blau vom Rotwein
Und wir uns bis vorne an der Ecke
Meine große Jacke teilen
Der Himmel wird schon morgenrot
Doch du willst noch nicht schlafen
Ich hole uns die alten Räder und wir fahren zum Hafen.“

Christian hatte sich Olli geschnappt und tanzte mit ihm zu ihrem Lieblingslied. Na ja, sie umarmten sich eher und schaukelten hin und her. Aber es sei ihnen vergönnt, denn schließlich hatten sie endlich ihre Traumhochzeit bekommen.
Als Frank den Text hörte, stellte er fest, dass das Lied eine wirkliche Liebeshymne war.
„Charlie, erweist du mir die Ehre?“, fragte er seine Frau und bot ihr seine Hand an.
Charlie lächelte und ergriff sie. So gesellten sie sich zu Christian und Olli auf die Tanzfläche.

„Ich lass für dich das Licht an obwohl's mir zu hell ist
Ich hör mit dir Platten, die ich nicht mag
Ich bin für dich leise, wenn du zu laut bist
Renn' für dich zum Kiosk, ob Nacht oder Tag

Ich lass für dich das Licht an, obwohl's mir zu hell ist
Ich schaue mir Bands an, die ich nicht mag
Ich gehe mit dir in die, schlimmsten Schnulzen
Ist mir alles egal, Hauptsache du bist da.“

„Wow, das ist wirklich romantisch, das Lied!“ Coco strahlte Robin an.
„Heißt das, du möchtest auch tanzen?“, deutete Robin Cocos Aussage richtig.
Sie antwortete nicht, sondern zog ihn auf die Tanzfläche.
Kurz darauf waren alle Pärchen eng umschlungen am Tanzen.

„Ich würde meine Lieblingsplatten
Sofort für dich verbrennen
Und wenn es für dich wichtig ist
Bis nach Barcelona trampen
Die Morgenluft ist viel zu kalt
Und ich werde langsam heiser
Ich seh' nur dich im Tunnelblick
Und die Stadt wird langsam leiser.“

„Wollt ihr nicht auch tanzen?“, neckte Ansgar seinen Cousin.
„Ich glaube, Tanja steht nicht auf so 'nen Kitsch, oder?“, erwiderte Sebastian lachend.
„Nicht wirklich.“ Tanja beobachtete eher mit Argusaugen ihren Sohn Hannes, der ungeniert mit einer Kellnerin flirtete.
„Ansgar, du solltest unserem Sohn sagen, dass eine Kellnerin kein Umgang für ihn ist.“
„... sprach das ehemalige Stallmädchen!“, kam Kim von Lahnstein ihrem Vater zuvor. „Ansgar, tanzt du mit mir?“
Grinsend ließ sich Ansgar von seiner Tochter auf die Tanzfläche führen, während Tanja Kim empört hinterherschaute.

„Ich lass für dich das Licht an obwohl's mir zu hell ist
Ich hör mit dir Platten, die ich nicht mag
Ich bin für dich leise, wenn du zu laut bist
Renn' für dich zum Kiosk, ob Nacht oder Tag

Ich lass für dich das Licht an, obwohl's mir zu hell ist
Ich schaue mir Bands an, die ich nicht mag
Ich gehe mit dir in die, schlimmsten Schnulzen
Ist mir alles egal, Hauptsache du bist da.“

Während Olli seinen Kopf auf Christians Schulter gelegt hatte, lauschte Christian der markanten Stimme des Revolverheld-Sängers. Dabei schaute er sich um und lächelte in sich hinein, als er die ganzen Pärchen bemerkte, die mittlerweile um sie herum tanzten.
Charlie und Frank, Carla und Stella, Leonard und Sarah, Gregor und Luise, Nathalie und Matthias, Dana und Hagen, Jessica und Ricardo, Helena und Daniel, Andi und Bella, Coco und Robin – sie alle hatten ihre Geschichte, und doch hatten sie eines gemeinsam: Sie liebten sich so sehr, dass sie alles füreinander tun würden.

„Wenn wir nachts nach Hause gehen
Die Lippen blau vom Rotwein
Und wir uns bis vorne an der Ecke
Meine große Jacke teilen.“


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