Die verdammte Stadt steckt mein Herz in Brand

GeschichteDrama, Romanze / P18
OC (Own Character) Till Brummer / Kummer
25.05.2018
16.10.2018
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März 2014

Der Schlagstock schlägt den Takt der Musik
Der Asphalt bebt, eine Stadt im Krieg


"Till?", höre ich meinen Namen. Keine Ahnung von woher das kam. Erschrocken drehe ich mich um. Direkt neben mir höre ich einen unüberhörbaren Schlag von Kunststoff auf Metall. Alles ist laut. Und wir sind auf der Flucht. Vor dem Lärm. Vor der Polizei. Wir sind der Feind, das ist mehr als deutlich. Unbeirrbare Schritte folgen uns durch die Straßen, ziehen gelegentlich an uns vorbei. Ich höre, wie sie manchmal schneller und dann wieder langsamer werden. Ich kann nicht mehr ausmachen, wem sie gehören. Zu uns? Zu den anderen? Freund? Feind? Wer weiß das schon so genau? Der Asphalt bebt unter den Schritten der Menschen, die hier entlang marschieren mit einem klaren Ziel vor Augen.

Monotonie, Massenhysterie
Ein Funke genügt und der Brandsatz fliegt


"Scheiß links-versiffte Terroristen", höre ich es von irgendwo schreien. War das... war das die Polizei? Geht's noch? Ich balle meine Hände zu Fäusten. Plötzlich, aus dem Nichts ist ein ohrenbetäubender Knall zu hören. Panisch zucke ich zusammen. Schnell schaue ich zu der Person, die mich vorhin gerufen hat, aber sie scheint vollkommen unbeeindruckt zu sein. Was zur Hölle war das? Sofort geht mein Blick nach rechts, zu dem Feuer das gerade ausgebrochen ist. Woher kommt denn jetzt das Feuer? Hat da jemand ernsthaft einen Brandsatz geworfen? Wir sind doch nicht im Krieg! Aber ich sehe die Reste der zerbrochenen Flasche. FUCK, hier ist ernsthaft wenige Meter neben mir ein verschissener Brandsatz explodiert!

Polizisten stehen im Regen
Weiß nicht worum es geht, doch bin dagegen


Doch die Flammen haben gar keine Chance sich auszubreiten. Es schüttet wie aus Eimern. Den ganzen Tag sah es schon nach Regen aus und jetzt ist es eben so weit. Muss das wirklich sein? Denn nicht nur die Polizei steht im Regen, sondern natürlich auch wir. Ich bin nass bis auf die Knochen und mir ist verdammt kalt. So hab ich mir das hier alles nicht vorgestellt. Ich will in mein Bett, oder auf mein Sofa. Egal wohin. Nur nicht mehr hier sein. Ich gebe es nicht gern zu, aber das alles macht mir verdammt Angst. Nur... ich kann nicht so einfach nach Hause. Egal, wie sehr ich das auch möchte. Denn ich habe ein Versprechen gegeben.

Gegen das System, nehm' ich jetzt mal an
Ich bin eigentlich nur einem Mädchen hinterhergerannt


Valerie. Die kleine Schwester von meinem besten Kumpel. Der liegt nämlich schon seit einer Woche mit Grippe im Bett und kann deswegen heute nicht hier sein. Aber sie wollte trotzdem herkommen. Valerie ist ein Hitzkopf. Nicht von ihren Entscheidungen abzubringen. Und gerade mal neunzehn. Fast noch ein Kind. Und irgendwie hier mitten zwischen diesen gewaltbereiten Demonstranten. Sie hatte sich nicht abhalten lassen, herzukommen. Und da habe ich Markus versprochen, auf sie aufzupassen. Dass ihr nichts passiert. Ich hätte allerdings nicht erwartet, dass es hier so unfassbar heftig wird. Was tue ich hier eigentlich?

Hand in Hand
Der Einsatztrupp treibt uns zusammen


Plötzlich greift sie nach meiner Hand, zieht mich in die nächste kleine Seitenstraße. Weg von der Polizei. Weg von den ganzen anderen Menschen. Aber vor uns erscheinen schon wieder Polizisten. Wo kommen die denn alle her, verdammt? Sie zieht mich schnell wieder in die andere Richtung, dort, wo keiner steht. Woher weiß sie das? Wieso kennt sie sich hier so gut aus? Nur die anderen vom schwarzen Block sind hier. Der schwarze Block. Bis vor ein paar Stunden wusste ich nicht Mal, was genau das eigentlich ist. Nur, dass er gefährlich ist. Sachen kaputt macht, anzündet, gewaltbereit ist. Menschen, vor denen man Angst haben muss. Nur fühlt es sich jetzt ganz anders an. Sie sind nicht der Feind. Der Feind trägt Helm und Schlagstock.

Hand in Hand
Die verdammte Stadt steckt mein Herz in Brand


Immer noch hält Valerie fest meine Hand. Zieht mich durch die Straßen, weg von der Polizei. Ich eile mit. Sie scheint ein Ziel vor Augen zu haben, weiß ganz genau, wo sie hin will. Ich sollte auf sie aufpassen, aber irgendwie ist es gerade anders herum. Und irgendwie ist das Ganze hier verdammt spannend. Ich finde langsam wirklich Gefallen daran, die Bullen in die Irre zu führen, vor ihnen zu flüchten. Mein Herz schlägt schnell. Nicht nur, weil wir so schnell laufen, sondern weil es so unglaublich aufregend ist. Ich fühle mich so lebendig, habe das Gefühl, jede Faser meines Körpers zu spüren, ganz und gar wach zu sein.

Rauch in meinen Augen
Gas in meiner Nase


Es wird wieder voller, wir sind mitten im schwarzen Block gelandet. Keine zwei Meter vor uns werden Bengalos gezündet und in die Luft gehalten. Das gespenstische Licht flackert im Regen. Kein Wasser der Welt kann dieses Feuer löschen, unser Feuer löschen. Der rote Rauch verbreitete sich innerhalb von Sekunden in der schmalen Gasse, treibt mir die Tränen in die Augen, nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich muss heftig husten, doch ich habe keine Zeit stehen zu bleiben. Valerie zieht mich schon wieder weiter. Ich kann wegen des verdammten Rauches fast nichts mehr sehen, muss mich ganz auf sie verlassen.

Die Jungs in blau jagen uns
wie Hasen auf der Straße


Doch auch hinter uns wird es auf einmal wieder laut. Sie sind wieder da. Die Handlanger des verfickten Staates in ihren Uniformen, mit ihren Schlagstöcken. Sie jagen uns. Wollen die Typen, die die Brandsätze geworfen haben. Wollen die Leute mit den Bangalos. Wollen uns. Egal wen. Hauptsache sie haben irgendwen festgesetzt. Auch wenn wir nichts gemacht haben. Doch sie werden uns nicht kriegen, wir sind schlauer, wir sind schneller, wir sind mehr. Und wir sehen alle gleich aus. Sie werden niemals einzelne von uns zur Strecke bringen. Wie sollten sie beweisen können, dass es einer von uns war und nicht ein anderer?

Die Tage sind schwarz, die Nächte sind hell
Eine schlechte Stadt, eine schlechte Welt


Denn wir sind alle komplett in schwarz gekleidet. Schwarze Jacken, schwarze Pullis, schwarze Hosen, schwarzer Block. Manche mit Sturmhaube, manche nur mit Mütze und Schal. Aber jeder hat irgendetwas im Gesicht, um nicht erkannt zu werden. Selbst ich habe mein Gesicht im Schal vergraben. Aber eher aus dem einfachen Grund, das es beschissen kalt ist und nicht, um mein Gesicht zu verstecken. Das sehen die Polizisten hier aber sicher anders. Und vielleicht ist das auch nicht die schlechteste Idee, nicht erkannt zu werden. Ich hab keinen Bock, morgen in der Zeitung zu landen. Felix und die anderen wären sicher begeistert.

Hand in Hand
Ein Leben lang gemeinsam gegen die Wand


Wieder greift Valerie meine Hand, zieht mich aus dem ganzen Getümmel raus. Weg von dem allen, weg von hier und trotzdem noch in unmittelbarer Nähe, um alles zu sehen. Wir laufen zu einer anderen Gruppe Demonstranten. Sie haben eine Straßensperre errichtet, wollen die Faschos mit ihrer Demo nicht durchlassen, ihnen den Zugang zur Innenstadt versperren. 'Wir sind das Volk' brüllt der wütende, rechte Mob. Doch die linke Gegendemo zeigt sich unbeeindruckt. 'Gebt den Nazis die Straße zurück, Stein für Stein' steht auf einem großen Plakat. Unsere Seite hat eindeutig die geistreicheren Sprüche.

Sie und ich für immer, ich steh' hinter ihr
Keinen blassen Schimmer gegen was wir demonstrieren.


Irgendwie sind wir zwischen den Demonstranten mit den Plakaten geladet. Sie steht vor mir, streckt ihre Faust in die Luft.
"Nazis raus!", schreit sie und es entlockt mir ein kurzes Grinsen. Wie entschlossen sie da steht mit ihren roten Haaren, die vom Regen tropfen. Sie nickt mir zu. Ich soll mitrufen Okay... Angesteckt von den anderen Stimmen, reiße auch ich meine Hand in die Luft.
"Alerta, Alerta, Antifascista!" rufen sie alle gemeinsam im Chor und ich brülle mit. Den Mittelfinger in der Luft. Wofür sind wir eigentlich hier? Gegen Rassismus? Gegen Nazis? Gegen was eigentlich?

Macht nichts, Fakt ist schon aus Prinzip
Sehe ich das alles praktisch genauso wie sie


Aber es macht nichts! Ich bin einfach mit dagegen. Das Brüllen, das Rennen, das Verbotene. Es macht einfach verdammt Spaß. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so aufgekratzt war. Es fühlt sich unglaublich an, ein Teil dieser riesigen Gemeinschaft zu sein. Dieser Gruppe zu allem entschlossener Menschen, die mit allen Mitteln versucht, diese Stadt zurück zu erobern, koste es, was es wolle. Alle diese Leute sind heute hier her gekommen, um für das Gute zu kämpfen. Wir sind doch für das Gute, oder?

Verkohltes Papier, rauchende Tonnen
Parolen verschmieren auf grauem Beton


Es hat aufgehört zu regnen. Zusammen laufen wir wieder mit dem schwarzen Block die Straßen entlang, wollen den Faschos den Weg abschneiden. Papiermülltonnen stehen brennend am Straßenrand, die Feuerwehr versucht sie zu löschen, aber da stehen schon die nächsten in Flammen. Irgendeiner zückt 'ne Spraydose und schreibt groß AFA an die Häuserfront. Hat die Polizei das nicht gesehen? Schnell mischt er sich wieder unter uns, geht wenige Meter vor mir. Gesetze scheinen hier heute nicht mehr zu gelten. Die Polizei ist vollkommen überfordert. Der Staat ist überfordert. Und ich irgendwie auch.

Die ganzen Demonstranten verwüsten den Kiez,
Geht mich nichts an, denn ich bin verliebt


Die verwüsten hier mein komplettes Heim! Hier wo ich zu Hause bin... Ob morgen überhaupt noch ein Stein auf dem anderen steht? Aber irgendwie finde ich das alles gut. Ein Zeichen zu setzen, gegen den Scheiß, gegen den Dreck auf der anderen Seite. Gegen die Nazis, gegen diesen rechten Staat! Manchmal muss man eben alles einreißen, um es danach aufzubauen, manchmal muss die Stadt zerstört sein, um aus der Asche neu zu entstehen. Diese Idee lässt es in mir kribbeln. Das hier, das ist meine Heimat! Ich lasse mir das hier nicht von den Faschos wegnehmen! Verdammt, ich liebe diese Stadt!

Hand in Hand
Der Einsatztrupp treibt uns zusammen


Sie greift meine Hand, zieht mich mit. Ich weiß nicht, wie oft sie das heute schon getan hat. Ich hab aufgehört mitzuzählen. Nun stehen wir vor einem abgetrennten Bereich. Die Polizei hat Barrikaden aufgestellt. Auf der anderen Seite die Nazis. Die anderen Demonstranten sind uns gefolgt, stehen hinter uns. Wie viele mögen es sein? Vierhundert? Fünfhundert? Vielleicht sogar noch mehr? Und alle sehen sie das so wie wir. Valerie streckt den Mittelfinger in die Luft.
„NAZIS RAUS! NAZIS RAUS!“ schreit sie laut und direkt rufen alle um uns herum mit. Genau wie ich. Es ist ein alles umfassender Chor des Hasses auf diesen Abschaum und der Liebe zu unserer Stadt.

Hand in Hand
Die verdammte Stadt steckt mein Herz in Brand


Dieser ganze Scheiß hier gefällt mir viel zu sehr! Hier zu stehen, die Faschos anzuschreien aus voller Kehle. Hier, mit den anderen. Mit denen ich irgendwie der gleichen Meinung bin. Und plötzlich weiß ich, dass ich hier nicht das letzte Mal sein werde. Ich muss wieder kommen. Es reicht einfach nicht, zuhause zu sitzen und sich über den ganzen verfickten Dreck der hier passiert aufzuregen. Ich muss etwas tun, damit sich was ändert. Ich muss auf die Straße gehen.
"Siamo tutti antifascisti", brüllen alle. Ich brülle mit. Ich habe keine Ahnung, was das heißt, aber es fühlt sich so gut an, so richtig.

Hand in Hand
Farbbomben platzen an der Häuserwand


Wieder höre ich einen Knall. Ich schaue hoch. An der Wand hinter den Nazis sind mehrere Farbbomben in etlichen Farben geplatzt. Sofort rennen die Polizisten los, stürmen auf uns zu. Diesmal bin ich der, der Valeries Hand packt, sie weg von allem zerrt. Wir laufen von dem Ganzen weg, weit weg.
"Woah! Was war das denn?" frage ich laut und halte an der nächsten Ecke an.
"Farbbomben!" lacht sie mich an. Sie ist etwas aus der Puste und dreht sich um, um zu gucken ob uns irgendwer gefolgt ist. Aber wir sind allein. Wir können kurz verschnaufen, etwas durchatmen.

Hand in Hand
im Six-Pack Richtung Sonnenuntergang


"Das ist mir schon klar", sage ich grinsend "ich meine den Tag! Ich kann voll und ganz verstehen, warum du das hier so gerne machst. Gegen das alles, gegen die Idioten. Wirklich! Sag mir beim nächsten Mal bescheid, ich komm mit!"
"Wirklich?" ungläubig schaut sie mich an und grinst breit. Eifrig nicke ich und freue mich jetzt schon irgendwie darauf.
"Kommst du... noch mit zu uns? Mama hat bestimmt schon Essen gemacht und du kannst sicher mit essen.“
"Klar, gerne!" Ich lege meinen Arm um ihre Schultern, um sie nun wieder sicher nach Hause zu bringen. So wie ich es versprochen habe.
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