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Homines sumus, non dei - Wir sind Menschen, keine Götter

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Anne Boleyn Charles Barndon Henry VIII. Margaret Tudor
24.05.2018
24.05.2018
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Missmutig blickte sie auf die attraktiven Gesichtszüge ihres Gegenübers, während sie sich langsam aus dem Sattel gleiten ließ.
Warum bloß hatte sie sich zu diesem verdammten Ausritt bereitschlagen lassen?
Ihr musste klar gewesen sein, worauf dieser hinauslaufen würde und es bestanden kaum Zweifel.

Ihr Begleiter hatte sich bereits elegant aus seinem Sattel geschwungen und lehnte nun mit gerunzelter Stirn gedankenverloren an dem einsamen Baumstumpf, welcher scheinbar endlich das Ziel ihres schier endlosen Ausrittes markierte, die Zügel seines Pferdes locker um das Handgelenk geschwungen.

Es hatte sie Nerven und Kraft gekostet, eine ganze Menge davon - von solch einem massiven Ausritt war nie die Rede gewesen.
Noch viel empörender die Tatsache, dass ihr werter Freund in solch rasantem Tempo vorgeprescht war, dass es ihr bis zum Ende nicht gelang aufzuholen und sich ihr nun erstmals seit Stunden überhaupt die Möglichkeit eines Gespräches mit ihm bot.

Doch ihr Gegenüber schien sie bisher nicht wahrnehmen zu wollen und wandte seinen Blick gänzlich unbeeindruckt der untergehenden Sonne zu - seine beeindruckenden grauen Augen wirkten dabei kalt wie Stein und bildeten einen faszinierenden Kontrast zu dem goldenen Licht, dass sich in ihnen spiegelte.

Sie strich sich ein paar Mal über ihr Reitgewand in dem erfolglosen Versuch, seine ursprüngliche Form wiederherzustellen, doch vergebens - jeder Rest an Eleganz verflogen.

Nun stand sie dort mit ihm, eben noch begierig darauf, endlich das Gespräch zu aufzunehmen und plötzlich so ratlos und ein wenig fehl am Platz.
Sie räusperte sich vorsichtig und begann einen Satz zu formen, da traf sie auch schon sein spöttischer, fast abfälliger Blick, begleitet von dem dünnen Grinsen, welches sie so verabscheute.
Abrupt schloss sie ihren Mund wieder.
Der stundenlange Ausritt hatte sie scheinbar auch ihrer Sinne und Würde beraubt – Gott, war sie müde.

„Avery, meine Liebe“, ergriff er plötzlich dennoch das Wort „die Dämmerung wird bald einsetzen. Ich schlage also vor, ihr macht euch schleunigst auf den Weg zurück zum Palast“.
Avery verschlug es zunächst die Sprache, ob es nun daran lag, dass sie seine Stimme erstmals seit Stunden erneut vernahm oder einfach an der Unverständlichkeit dieses simplen Satzes war ihr  zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.

„Wie, ihr meint doch…“

Barsch unterbrach er sie und wischte ihren angefangenen Satz mit einer wegwerfenden Geste fort.
„Ich meine es, wie ich es sagte. Reitet schleunigst zurück, euch ist wohl bewusst, dass es sich für eine Dame eures Standes nicht ziemt, zu solcher Stunde außerhalb des Palastes ohne Begleitung zu verkehren.“

Das war die Höhe – zuvor hatte sie noch an das Gute in Charles Brandon geglaubt, doch dieser Glaube nahm hiermit ein abruptes Ende.
Eine Lady ihres Standes hätte sich gar nicht erst auf diesen Ritt eingelassen, zu alledem noch ohne  die Begleitung der königlichen Garde!
Ihre Empörung ließ sie sprachlos werden, doch innerlich stieg der Zorn wie heiße Glut brodelnd in ihr auf - noch einmal würde sie sich von dem Herzog nicht derart maßregeln lassen.

Dieser hatte sich bereits umgedreht, dem Tier zugewandt und fuhr mit seinen beringten Fingern durch das glatte, schimmernde Fell seines Hengstes.

„Herzog...“, ihre eigene Stimme klang jämmerlich zittrig in ihren Ohren, konnte sie ihre Fassungslosigkeit doch kaum unterdrücken „ich hoffe euch missverstanden… ich weiß sehr wohl was sich für eine Lady meines Standes ziemt, aber… wie könnt ihr es überhaupt wagen? Ihr verlangt doch nicht allen Ernstes, dass ich den ganzen Weg alleine zurückreite, nur um… Und diesen Ausritt habe ich mir ohnehin anders vorgestellt. Ich verlange…“.

Die Möglichkeit sich weiter in Rage zu reden wurde ihr nicht geboten, da Brandon sie erneut nonchalant unterbrach und damit auch ihren kläglichen Redefluss.

„Ihr seid nicht in der Position Bedingungen zu stellen, Mylady. Ich bin mir sicher, ihr findet allein zurück - der Weg dürfte euch nicht allzu unbekannt sein. Ich habe noch ein paar Angelegenheiten… aus dem Wege zu schaffen.“, drang seine kühle Stimme durch die laue Sommerluft zu ihr heran, während er ihr erneut seinen breiten Rücken zuwandte.

Sie war entsetzt und sprachlos.
Diese Respektlosigkeit konnte sie bei all der Empathie, die sie für ihn empfand nicht tolerieren – Verdammt, sie hatte sich ihm zuliebe sogar auf diesen elenden Ausritt eingelassen und das war nun der Dank dafür!
Sie fühlte sich wie ein geschlagener Hund, wählte ihre nächsten Worte nicht mit Bedacht: „Aber der König...!“, zu spät begriff sie, sich damit keinen Gefallen getan zu haben.

Charles Brandon dreht sich langsam um und blickte hart in ihre funkelnden Augen. Seine Gesichtszüge kälter und emotionsloser, als sie an diesem Tag ohnehin schon waren.

„Genug.“, sprach er leise und sie hörte den bedrohlichen Unterton, der darin mitschwang,  „Es wird Zeit aufzubrechen, Mylady.“

Seine Worte hinterließen Eindruck und ohne ein weiteres Wort machte sie auf dem Absatz kehrt und schwang sich hastig auf ihr stolzes Ross, den Kopf dabei sturr gen Boden gerichtet.
Sie würdigte Brandon keines Blickes mehr, während sie die Zügel ihres Pferdes herumriss und es ungestüm vorantrieb – auf den gleichen Pfaden, die sie vor ein paar Minuten hergeführt hatten und die sie nun allein zurück zum Palast tragen würden.

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Der König war ganz und gar unerfreut, um es milde auszudrücken.
Nicht, dass das nicht zu erwarten gewesen wäre - immerhin handelte es sich um Henry Tudor.

Dass sich sein Zorn und Missmut nun allerdings geballt gegen sie richtete, obschon sie es tunlichst zu umgehen versucht hatte, fand sie ungeheuerlich und furchtbar - auch war es nicht sonderlich förderlich für ihre Beziehung zum Herzog und die Wut, die noch immer in ihr züngelte, wenn sie nur an die vorangegangenen Geschehnisse dachte.

Doch für derlei Gedanken war keine Zeit, während sie sich einem kalten Paar aus unnachgiebig königsblauen Augen gegenübersah.
Die Wut auf Charles Brandon erschien ihr mittlerweile nahezu nebensächlich, auch die Wut in Brandon selbst war mit dieser hier nicht zu vergleichen – obgleich sie wohl von ähnlicher Flamme genährt wurde.

Sie hätte es vorgezogen dem König heute nicht zu begegnen und bestenfalls auch in den nächsten Tagen und Wochen nicht, kam sie sich doch bei Gesprächen mit ihm stets seltsam devot und unfassbar lächerlich vor, unfähig einen klaren Gedanken zu formen, geschweige denn in Worte zu fassen.

Und bei all den heutigen, vorangegangenen Geschehnissen, fühlte sie sich auf die nun bevorstehende Konfrontation weniger vorbereitet als je zuvor.

Verdammt seid ihr, Charles Brandon!
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