Umwege

KurzgeschichteDrama / P6
23.05.2018
19.08.2018
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Richard konnte sich eigentlich gar nicht beklagen. Er lebte recht feudal in seinem abgelegenen Gefängnis: die Verpflegung war gut, er konnte über mehrere Räume der Burg verfügen und der Adel brachte ihm sogar Anerkennung entgegen, hatte er doch Gelegenheit, an den Hoftagen in Hagenau am 19. April 1193 und Worms am 25. Juni teilzunehmen, wo er jeweils ehrenvoll empfangen und behandelt worden war. Auf Burg Trifels selber durfte er Edelleute empfangen und sogar in Verhandlungen treten.

Die Burg war eine der Lieblingsburgen seines Weggefährten Friedrich Barbarossa, dessen plötzlicher Tod seine, Richards Lage, im europäischen Adelsgeflecht so dramatisch beeinflusst hatte. Friedrichs Sohn und Nachfolger Heinrich der VI. paktierte mit Leopold von Österreich gegen ihn. Philipp von Frankreich konnte seine Auslieferung kaum erwarten. Und sein Bruder John intrigierte zu Hause in England mit einer Meute dahergelaufener Spießgesellen mindestens gegen seine Rückkehr, wenn nicht sogar sein Leben.

Hier in der Pfalz war er 1193 auf dem Reichstag zu Speyer dem deutschen Kaiser  übergeben  und schließlich auf dem Trifels gefangengesetzt worden. Es war nicht die erste Station seiner Odyssee seit seinem Aufbruch aus dem Heiligen Land nach all den unseligen Vorkommnissen, die seiner ersten Gefangenschaft in der Wachau vorausgegangen waren. Was hätten sie ohne ihn erreicht? Immerhin war er es, der Saladin zum Einlenken gebracht hatte. Die heilige Stadt war für’s erste verloren, aber so konnten wenigstens die übrig gebliebenen Männer mit ihrem Leben davon kommen.

Was in England vor sich ging, konnte er nur erahnen. Er hoffte auf die Loyalität seiner Mutter, Eleonore von Aquitanien, und ihre Standhaftigkeit gegenüber seinem jüngeren Bruder.

Hätte er auch nur geahnt, was sich in den Wäldern um sein Gefängnis zutrug, wäre sein Schlaf wahrscheinlich unruhiger gewesen.

Die Gegend um den jungen  Ort Annweiler war ein Siedlungsschwerpunkt der Region: auf den umliegenden Anhöhen wuchsen weitere Burgen aus dem  roten Sandstein. Das nahe gelegene Kloster Eußerthal hatte mit Barbarossa einen bedeutenden Aufschwung erlebt  und mit umfangreichen Ländereien zunehmende Macht in der Region. Die Eußerthaler Zisterzienser bewachten auf der Burg Trifels die dort aufbewahrten Reichskleinodien. Gemeinhin wurde schon von einem Machtzentrum des Kaiserreiches gesprochen.

Natürlich lebten in den Wäldern und den Dörfern der Umgebung brave Bauern oder Bürstenbinder, aber es trieb sich auch viel dubioses Volk in den Wäldern herum. Einige mochten auf persönliches Glück in der Nähe der Mächtigen hoffen, andere schlicht auf den schnellen Erfolg als Wegelagerer und Profiteure. So abgelegen diese Ecke im nördlichen Wasgau auch sein mochte, dank Friedrichs Einfluss herrschte auf den Wegen und Pfaden rund um den Trifels ein reges Treiben.

John hätte alles getan, um die Rückkehr seines verhassten Bruders zu verhindern. Das vom deutschen Kaiser geforderte Lösegeld hatte er gleich abgelehnt, um so die Haft zu verlängern. Dennoch war ihm die Stellung seines Bruders selbst in dessen Gefängnis ein Dorn im Auge und er misstraute dem deutschen Machthaber, der es geschickt schaffte, Freund und Feind gegeneinander auszuspielen, wenn es ihm zum Vorteil gereichte. John wollte  unter allen Umständen verhindern, dass Richard im Ränkespiel der Mächtigen plötzlich wieder obenauf sein könnte. Richards Tod würde seine, Johns Position ein für alle Mal sichern.

Sir Guy war froh, endlich den Ränkespielen des machtgierigen Sheriffs von Nottingham entkommen zu sein. Sein Auftrag war klar und das in ihn gesetzte Vertrauen spornte ihn an, seine Männer dem gemeinsamen Ziel entgegen zu peitschen wenn es denn nötig war. Die zermürbenden Kämpfe gegen Outlaws im heimischen Sherwood Forest hatten ihn frustriert. Dass sein Widersacher Robin of Loxley auch noch die Gunst der von ihm geliebten Frau errungen hatte, machte ihn fassungslos vor Wut. Er hatte sich im Kreis gedreht und war benutzt worden. King John hatte ihn nun nach seinem wenig erfolgreichen Ausflug ins Heilige Land erneut auf Richard angesetzt, diesmal in deutschen Landen. Als Gefangener sollte Richard ihm diesmal wenig Widerstand entgegenzusetzen haben. Er würde sich diese zweite Chance nicht entgehen lassen!

Es war Spätherbst und schon ungemütlich kalt. Sie hatten ein improvisiertes Lager in einiger Entfernung zur nächsten Siedlung aufgeschlagen. Der Trifels war noch eine knappe Tagesreise entfernt. Morgen sollte sich das Schicksal Englands und natürlich auch das Schicksals Sir Guy of Gisbornes grundlegend ändern. Er wollte das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigen, gab es doch hier weder lästige Outlaws noch weibliche Einflüsse, die ihn von seinem Erfolg hätten abhalten können. Doch Sir Guy war ruhelos. Während die Männer über einem kleinen Lagerfeuer ihre Jagdbeute brieten, lief er rastlos umher. Er konnte seine Genugtuung kaum erwarten und gönnte der kleinen Truppe kaum eine Verschnaufpause. Auch jetzt ließ er sie, kaum dass sie die letzten Knochen abgenagt hatten, sofort wieder aufsatteln. Der Trifels wartete.

Sie erreichten das am Fuße der Burg gelegene Dorf am frühen Nachmittag und versorgten zunächst ihre Pferde. Der Hufschmied war die nächste Station – möglichst wenig Aufsehen zu erregen war die Devise, möglichst als normale Durchreisende auftreten die klare Ansage. Sir Guy hatte in einer Schänke Quartier bezogen. Dort vergegenwärtigte er sich noch einmal seinen Auftrag und plante jetzt den  Ablauf der kommenden Stunden. Auf der Burg sollte des Abends eine Gauklertruppe ihre Darbietungen zum Besten geben. Es war eine Belustigung für die Burgbewohner und ihre Gäste geplant. Eine durchaus passende Gelegenheit für sein Anliegen also…
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