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Geschwisterbande

von LostSalia
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Inquisitor (weiblich) OC (Own Character)
21.05.2018
20.12.2020
71
266.801
22
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31.05.2020 3.656
 
Geborgenheit

Vincent starrte stur nach vorne ins weite Nichts der Wüste. Seine Gedanken waren mittlerweile bei Valora angekommen. Wie sie wohl reagiert hatte, als sie von Laurin erfahren hatte? Würde sie an Hoffnung glauben?Er wollte später unbedingt mit ihr sprechen, sie schien immerhin die einzige hier zu sein, die Laurin ebenso kannte. Zumindest den Laurin von früher.
Er hatte den Anhänger umfasst und hoffte auf irgendein Zeichen von dem Ding; irgendeinen Impuls, der ihm sagen würde, was nun zu tun war. Doch da war nichts. Absolut überhaupt rein gar nichts.
Vincent rang zwar die aufkeimende Hoffnung nieder, trotzdem traf ihn ausgerechnet jetzt eine Erinnerung, die er wohl verdrängt hatte.

„Sie haben sie weggebracht”, stellte Laurin kühl fest, als er Vincent im Innenhof traf. „Ist mir egal”, murrte der zurück; würdigte seinen Freund nicht eines Blickes.„Ach, darum prügelst du bereits seit Stunden auf den Brunnen ein? Ich finde es spannend, wie du deine Gleichgültigkeit zum Ausdruck bringst, Vince.”
„Es ist mir wirklich scheißegal.”
„Was denn genau?” Laurin war gut darin, Vincent aus der Reserve zu locken. Für gewöhnlich, doch heute stand ihm nicht der Sinn nach Reden. Er wollte einfach vergessen und wenn er das nur konnte, wenn er vor Erschöpfung zusammenbrach sollte ihm das recht sein. Deshalb gab er bloß ein Schnauben von sich und schlug weiter auf den harten Stein ein. Sein Schwert hatte ihm Vater wieder weggenommen, ihm blieb also nur dieser etwas dickere Stab, den er aus der Scheune geklaut hatte. Vermutlich war es ein Griff für eine Schaufel oder dergleichen gewesen. Er hatte keine Ahnung von Werkzeug. Er zuckte mit den Schultern, als wollte er seine Gedanken so noch unterstreichen. Dann sah er aus den Augenwinkeln, dass Laurin direkt neben ihm stand und ihn einfach nur anstarrte.Das Spiel konnte Vincent ebenfalls spielen.



Er riss sich los; wollte nicht noch weiter in Erinnerungen schwelgen, die ihn jetzt gerade ohnehin nur schmerzten. Valora und er sollten unbedingt sprechen, er brauchte Rat. Und er sollte sich wohl wieder einmal bei elaina entschuldigen. Es war ungerecht gewesen, ihr zu unterstellen, dass sie nicht alles getan hätte, was in ihrer Macht stand.
Bis dahin allerdings gab es keinen Grund zur Hoffnung; keinen Grund auch nur einer weiteren schmerzlichen Erinnerung nachzuhängen.
War wohl auch besser für seinen geistigen Zustand.
Vincent schlängelte sich im Sonnenuntergang zum Krankenzelt, schlüpfte hinein und fand sein Bett belegt vor, doch das sollte ihn nicht stören. Er sah Adan am anderen Ende und winkte ihm zu. Der verdrehte die Augen genervt, ehe er auf den Tisch deutete, der in der Mitte stand: „Grünes Fläschchen.”
Vincent nahm die Phiole, entkorkte sie und schluckte die bittere Essenz. Er nickte zum Dank, schnappte sich eine Matte und begab sich neben Leonas Bett. Sie schlief seelenruhig, seufzte hin und wieder beinahe lautlos, doch trotzdem stand ihr der Schweiß auf der Stirn. Vincent breitete die Matte am Boden aus, ging dann nochmal zurück zum Tisch und nahm ein Tuch, das mit kalter Flüssigkeit getränkt war, hob es kurz in Richtung des Heilers, dann zu Leona und Adan nickte bloß: „Sanft und vorsichtig über die Stirn, die Wangen und den Hals.”
Das war einer von Adans Charakterzügen, die er mochte. Man musste nicht mit ihm reden oder groß nach Arbeit fragen. Er nahm, was er bekam. Er würde von sich aus nicht danach fragen, doch wenn da einer kam und ihm Arbeit abnahm, instruierte er kurz und machte dann sein Geschäft weiter.
Vincent setzte sich auf die Bettkante und begann, wie erklärt über Leonas Stirn zu tupfen. Er konzentrierte sich darauf ohne viel Druck vorzugehen, weil er ihren Schlaf nicht stören wollte. Sie brauchte die Erholung und er würde nicht derjenige sein, der sie davon abhielt. Es hatte etwas Beruhigendes, ihr Schlafen zu beobachten. Sie wirkte so friedlich; so ganz anders als sonst. Keine skeptischen Stirnfalten; kein überhebliches Lächeln. Ihre Lippen wirkten so entspannt auch voller. Kurz kam der Gedanke auf, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn er - doch er wurde langsam schläfrig. Seine Gedanken wurden träge, zähflüssig wie lange ignorierter Honig.
Viel zu spät bemerkte er, dass er beobachtet wurde; dass das regelmäßige Atmen und das Seufzen aufgehört hatte. Auch dass das Tuch nun mehr trocken als feucht war, bemerkte er erst jetzt.
Vincent erschrak, als ihn der Blick aus den eisblauen Augen bewusst wurde und gewann ruckartig Abstand, sodass er beinahe von der Kante gefallen wäre. Leona unterdrückte ein Lachen, indem sie eine Hand vor den Mund hob, doch das amüsierte Funkeln in ihren Augen konnte sie nicht verstecken. Und Vincent vergaß den Unmut, der da aufgekommen war, und räusperte sich: „Hallo, Miststück.”
„Das ist aber nicht nett, Farlan!” Sie protestierte bloß halbherzig, dann lächelte sie selig. „Wolltest du nicht eigentlich einen auf wichtig machen?”
„Ich-”, begann er, wusste aber nicht, wie er in Worte fassen sollte, was geschehen war, „Ich kann nicht darüber reden.”
„Musst du nicht.” Kein Vorwurf, keine versteckte Forderung. Eine einfache Feststellung.
„Gut”, seufzte er. Dann setzte er sich auf die Matte neben dem Feldbett und musterte das rötliche Dach des Zeltes.
„Was macht der Fuß?”, fragte er nach ein paar Atemzügen und bevor die Stille unangenehm werden konnte.
Leonas Antwort blieb einfach wie zuvor: „Ich hab schon Schlimmeres erlebt.”
„Kannst du ihn denn bewegen?”
„Ja. Tut allerdings höllisch weh.”
„War der Heiler schon hier?”
„Ja, aber ich wollte mich nicht einfach flicken lassen.” Sie zuckte die Schultern, Vincent war beunruhigt.
„Was hat er dann gemacht?”
„Schadensbegrenzung”, murmelte sie abweisend. Vince entschloss sich dazu, es besser dabei zu belassen und legte sich nun rücklings auf die Matte. Er hatte ohnehin Kopfschmerzen und war müde geworden.
„Mach dir keine Sorgen, ja?” Er öffnete die Augen wieder und sah Leonas Gesicht über seinem.
„Als ob ich mir Sorgen mache. Pffff”, tat er das Gefühl ab und grinste schief, „Du bist ein großes Mädchen.”
„Wenn du magst, kannst du gerne mit mir darüber sprechen.”
Ein Grinsen - das gute Grinsen, das ihn immer vergessen ließ, in welcher Situation sie hier feststeckten - unterstrich das Angebot, doch noch ehe Vincent nicken konnte, kam Adan zu ihnen: „Nicht in meinem Zelt!”
„Is ja gut”, murrte Leona und drehte sich nun vollends auf den Bauch. Ein kurzes Zischen offenbarte ihre Schmerzen, sodass Vincents Oberkörper im ersten Moment nach oben schoss, um sich zu vergewissern, dass sie in Ordnung war. Adan verschwand indes kopfschüttelnd.
„Alles in Ordnung, Leona?”
„Jaja-” - „Hast schon Schlimmeres überlebt?”
Sie lachten einvernehmlich, ehe sie sich gegenseitig zur Ruhe ermahnten.
Vincent bettete eine Hand unter seinem Hinterkopf, da er kein Kissen hatte, und die andere auf seinem Bauch, während Leona weiterhin über die Bettkante zu ihm hinunter lugte und der eine ihrer Arme neben dem Bett baumelte. Törichterweise dachte er beim Mustern ihres Gesichtes daran, dass er wohl immer wieder irgendetwas Neues entdecken würde. Und dummerweise war ihm der Gedanke noch nicht einmal peinlich. Er hatte ihre seltsame Verbindung akzeptiert. Er konnte es nicht leugnen und doch würde er es auch nicht einfach laut aussprechen.
Wenigstens vor sich selbst gestand er sich aber ein, dass da etwas zwischen ihnen war, das er nicht in Worte fassen wollte.
Just in dem Moment schlossen ihre Finger sich um seine auf dem Bauch ruhende Hand.
Vincent lächelte in einem Reflex und schloss seine Augen.

~*~



Als Elaina die Augen aufschlug, spürte sie zweierlei Dinge:
Hitze und Schmerzen.
Ihr Nacken war steif; sie spürte jede einzelne Sehne, jeden Muskel unter ihrer Haut. Doch gleichzeitig waren da Arme - auf einem lag ihr Kopf und der zweite um ihren Bauch - die es ihr verboten sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Stattdessen schmiegte sie ihre Wange und ihren Rücken an den anderen Körper. Sie dachte nicht nach. Der Kopf freier; der Schlaf war tiefer und erholsamer als sonst gewesen. Jetzt war da noch keine Angst, kein Zweifel. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich geborgen. Gut aufgehoben. Wohl.
Elaina seufzte, doch dann kamen die Erinnerungen zurück. Augenblicklich stieg ihr die Hitze in den Kopf. Wie sollte sie sich denn verhalten? Sie lagen hier noch in ihren Uniformen; nebeneinander - nein, vielmehr aneinander gekuschelt. Champion und Inquisitor in einem Bett.
Ganz toll, Elaina.
Garrett ließ ein leises Schnarchen hören und Elaina entkam ein unwillkürliches Lächeln.
Sie konnte nicht fassen, was vorhin passiert war. Es schien so endlos weit weg und sie hätte es als flüchtigen Traum abgetan, wenn er nicht hier wäre. Sie fragte sich, wie es sein konnte, dass ein einzelner Tag so turbulent in seinem Ablauf sein konnte. Die Schlacht; das Nichts - beides hatte ihr all ihre Energie abverlangt, sie ermüdet und sie verängstigt. Dann war Stroud zurückgeblieben und sie hatte bittere Tränen vergossen. Sie hatte Laurins Schicksal gesehen, hatte Vincent davon erzählt und seinen Frust in sich aufgesaugt, nur um dann in Garretts Armen zu schmelzen. Sie war wohl zu aufgewühlt gewesen; zu unvorsichtig. Hatte sie sich vielleicht einfach nach Nähe gesehnt? Nach diesem Gefühl von Wärme? Oder war es die Neugier gewesen? Oder vielmehr der Trotz, weil er sie schon wieder provoziert hatte?
Nein, sie hatte doch schon vorher so empfunden. Sie kannte dieses Gefühl von Sehnsucht, das sie überkommen hatte.
Es war nicht dasselbe, aber definitiv ähnlich.
Doch bei Cullen war von Anfang an dieser immense Hass und diese unüberwindbare Unsicherheit beider Seiten dazwischen gestanden. Da war es einfacher gewesen, die Gefühle zurückzudrängen. Cullen hätte sie niemals so akzeptiert, wie sie nun einmal war. Selbst damals im Turm nicht, als sie ihm vom Ritual erzählt hatte. Selbst in dieser Situation hatten sie es nicht geschafft ihre Konflikte beizulegen, obwohl er nachgegeben und eingewilligt hatte
Garrett hingegen war nie so zu ihr gewesen. Er hatte sie nie verändern wollen; hatte sie einfach verstanden und hin und wieder gerade soweit provoziert, dass sie ihre Deckung aufgab. Und ehe sie es verhindern konnte, hatte sie ihn nicht mehr verlieren wollen.

Es war viel zu schnell passiert.

Unwillkürlich umschloss sie seine behandschuhten Finger mit ihren und seufzte. Sie wollte sich nicht bewegen oder Garrett wecken. Gleichzeitig hatte sie das dringende Bedürfnis, seine Stimme zu hören. Er sollte aufwachen. Er musste gehen; sonst würde Tratsch laut werden, wenn der Champion mitten in der Nacht aus ihrem Zelt trat.
Ob sie das wollte, stand hierbei wohl kaum zur Debatte. Außerdem sollte sie wohl auch an Vincent denken. Sie wollte gar nicht daran denken, was er zu der Sache zu sagen hatte.
Garretts Finger zuckten kurz; im Reflex strich sie darüber.
„Guten Morgen”, hörte sie Garrett flüstern und augenblicklich versteifte sich ihr gesamter Körper. Erwartete er irgendetwas?
Elaina murmelte: „Morgen.” Dann versteckte sie ihr Gesicht in ihren Händen.
Garretts Arme entfernten sich von ihr, während er sich aufsetzte. Elaina wagte es nicht, sich zu bewegen. Mit einem Mal fühlte sie sich wieder wie ein kleines Mädchen. Sie spähte über ihre Schulter zurück, konnte seine Mimik in der Dunkelheit allerdings nicht deuten: „Wir sind eingeschlafen?” Es klang mehr nach einer Frage, als einer Feststellung. In Elainas Hals verknotete sich etwas, sodass sie lediglich eifrig nickte; das Gesicht wieder in den Händen vergraben.

„Tut mir leid”, murmelte er daraufhin und machte Anstalten aufzustehen, „Das war nicht meine Absicht.”
Elaina wollte nicht, dass er ging. Aber vielleicht war es das Beste, wenn er es tat? Dann würde sie wieder denken können, ohne diese Ablenkung - so argumentierte zumindest die Vernunft. Elaina vermied es, den Mund zu öffnen, bis Hawke sich aus dem Bett geschält hatte. Er tapste unsicher durch den Raum und fragte: „Hast du hier irgendwo Licht?”
„Draußen, schätze ich”, brachte sie krächzend hervor.
Er duckte sich vorsichtig durch den Zelteingang, dann vergingen lange Momente, in denen sie fürchtete, erwischt zu werden. Wie damals, zuhause in Ostwick, als sie ihre Fähigkeiten bemerkt hatte. Da hatte sie sich auch im Dunkeln versteckt und darum gebangt, dass niemand sie hörte oder sah.
Zum Glück kam Garrett gerade rechtzeitig zurück, um sie davon abzuhalten, diesen Gedanken weiter zu folgen. Er hatte eine Fackel mitgebracht und entzündete mithilfe eines kleineren Stäbchens die Kerzen im Raum. Die große am Schreibtisch und die kleine direkt neben dem Bett.
Sie lugte durch die Finger in das Zelt und beobachtete ihn dabei, bis er sich zu ihr umwandte und neben ihr in die Hocke ging. Sie vergrub das Gesicht wieder in ihren Händen und spürte die Tränen.
Peinlich. Einfach nur noch peinlich. Das bist du.
„Ich für meinen Teil habe so gut geschlafen, wie lange nicht mehr. Danke dafür.” Ihre Wangen wurden heiß. War das ein Kompliment?
„Ich auch”, kämpfte sie hervor und verfluchte sich für den erstickten Klang ihrer Stimme.
„Das freut mich, Elaina. Auch wenn du nicht so klingst.”
„Was erwartest du von mir?”, murmelte sie durch ihre Handflächen.
„Dass du deine Hände vom Gesicht nimmst und wir reden? Es gibt nichts, wofür du dich schämen müsstest.” Sie spürte seine Finger an ihrer Stirn; an ihrem Haaransatz, ehe er weitersprach und dabei gleichsam liebevoll wie amüsiert klang, was Elainas Tränen nur noch mehr fließen ließ: „Oder fühlst du dich schlecht? Spürst du irgendwas Magisches? Etwas Böses?”
„Nein”, murrte sie wahrheitsgemäß.
„Warum weinst du dann?”, stichelte er weiter und Elaina fühlte sich in die Enge gedrängt.
„Weil ich-”, stotterte sie, „nicht weiß, was ich machen soll.”
„Nimm jetzt endlich die Hände von deinem hübschen Gesicht. Ich will dir in die Augen sehen, wenn ich dir antworte.”
Elaina wusste, dass er ihr keine Antwort geben würde, wenn sie nicht nachgab. Und er würde auch erst gehen, wenn sie ihn darum bat, was sie nicht konnte, weil ihr Inneres sich so vehement dagegen sträubte. Sie atmete rasselnd aus, als sie die Hände von ihrem Gesicht nahm und in dieses beruhigende Stahlgrau blickte. Doch sofort wanderte ihr Blick auf seine Lippen und sie wünschte sich genau jetzt, dass er sie noch einmal küsste. Dass sie das von gestern noch einmal fühlen würde. Nur noch einmal, bevor ich aufwache.
Seine Finger strichen von ihrer Stirn zu ihren Wangen, wischten die Tränen weg und er lächelte - was nicht zu Elainas Beruhigung beitrug. Ganz im Gegenteil! Ihr Herz schlug schneller; sie schnappte nach Luft und wandte den Blick ab.
„Kannst du einfach du selbst sein? Ich mag dich genauso, wie du bist.”
„Aber-”, protestierte sie halblaut und wusste im gleichen Moment nicht mehr, was sie eigentlich sagen wollte.
„Dann sind wir uns ja einig. Ich verschwinde, bevor mich irgendjemand sieht und Tratsch entsteht.” Er küsste ihre Stirn; hauchzart. Eigentlich nicht der Rede wert; wenn es nicht von ihm gekommen wäre.
„Ich will nicht, dass du gehst”, brachte Elaina dann doch noch hervor. Geistreich. Wirklich geistreich, Lady Inquisitor.
„Ich auch nicht.”
Dann strich er ihr noch einmal über die Wange, ehe er den Kopf schüttelte und ging. Natürlich nicht, ohne noch einmal frech über die Schulter zu grinsen.
Und Elaina konnte nicht anders, als es zu erwidern.

~*~


Leona war irgendwann eingeschlafen und hatte sich von ihm abgewandt. Rund um ihn herum schnarchte und seufzte es. Alle im Zelt schliefen, bloß Vincent konnte einfach nicht einschlafen egal, wie oft er sich noch herumdrehte. Er konnte das einfach nicht so stehen lassen. Er musste die Sache mit Elaina klären. Am besten jetzt noch, bevor er die gesamte Nacht wach lag. Vincent versuchte, sich möglichst lautlos zwischen den Schlafenden hindurch zu bewegen. Zweimal schreckte er vor einem lauten Schnarcher zurück, doch sonst fand er ohne Zwischenfall zum Ausgang. Jetzt galt es nur noch das Zelt seiner Schwester zu finden, was er sich nicht allzu schwer vorstellte, wenn man bedachte, dass sie die Lady Inquisitor war und schon allein deshalb vermutlich eines der größeren Zelte bewohnte.
Das Lager wirkte nun so vollkommen anders als nachmittags. Jetzt im Licht der zahlreichen Fackeln, die den breiten Hauptweg beleuchteten, wirkte alles gleich einsamer, wobei auch einladender. Rund um sie herum hatte Schwarz die Wüste verschlungen, doch der warme Feuerschein hatte etwas heimeliges. Er fühlte sich seltsam wohl, wenn da nicht die Sache von vorhin wäre.
Er begab sich auf den Hauptweg zum Kommandozelt und drehte sich dann mehrfach herum.
Verdammt. Er hatte gehofft, dass Elainas Zelt nicht allzu weit weg liegen und hervorstechen würde.
Dachtest du.
Er entschied sich einfach dem Weg nach links zu folgen und hoffte auf sein Glück.
Der sandige Boden erlaubte es ihm, sich beinahe lautlos zu bewegen, darum nahm er sich auch die Zeit seine Umgebung ganz genau zu beobachten. Er machte sich gern einen Spaß daraus, zu sehen, ob er jemanden überraschen konnte. Leider kam ihm keine Wache unter, dafür nahm er aber Stimmen aus der Nähe wahr. Etwa drei Zelte weiter vor ihm.
Er sprang zur Seite, in den Schatten eines höheren Zeltes und spitzte die Ohren.
„Es gibt nichts, wofür du dich schämen müsstest…” War das Hawke?
„Ich nicht weiß, was ich machen soll.” Elaina? Weinte sie?
Er unterdrückte den Drang aus seiner Deckung zu kommen und seiner Schwester zur Hilfe zu eilen. Hawke war ein anständiger Mann, auch wenn er nach Außen oft nicht den Anschein machte. Vincent vertraute ihm zumindest mehr als Cullen.
„Ich auch nicht”, hörte er Hawke sagen, ehe dieser aus dem Zelt trat. Er wandte sich noch einmal um, was Vincent Zeit gab, sich noch weiter in die Schatten zurückzuziehen, dann hielt er die Luft an.
Er hörte Hawkes knirschende Schritte durch den Sand. Der bemühte sich kein Stück darum leise zu sein. Als er Vincent passierte, setzte sein Herz einen Schlag aus, doch Hawke ging einfach weiter. Vincent konnte seinen Gesichtsausdruck nicht sehen, weil er dazu nun eindeutig zu weit entfernt hockte. Er wartete ab, bis Hawke nicht mehr in Sichtweite war, ehe er aus den Schatten trat und auf Elainas Zelt zuging. Vincent atmete noch einmal durch und verdrängte den Gedanken daran, was er da eben gehört hatte. Elaina war eine erwachsene Frau und sie würde ihm schon davon erzählen, wenn sie es wollte. Er durfte nicht mehr so voreilig sein; nicht mehr so vorpreschen und Elaina ein bisschen Vertrauen entgegen bringen. Sie hatte es verdient.

Vincent nahm den Stoff in die Hand und rüttelte kurz daran, um Elaina zu signalisieren, dass da jemand war.
Ein erwartungsvolles „Ja?” drang von innen zu ihm und er trat lautlos ein.
„Hallo”, grüßte er flüsternd und wusste im nächsten Moment nicht, warum er es tat. Elaina musterte ihn verwirrt. Dann lächelte sie. „Kannst du auch nicht schlafen?”
„Nein, ich wollte mit dir reden”, gab er zu und fühlte sich, als hätte er einen schweren Fehler begangen und würde nun um Vergebung bitten müssen.
„Du wirkst, als müsstest du dich vor Madame Truellin für einen Streich rechtfertigen, dabei bin doch ich diejenige, die sich bei dir entschuldigen muss, Vinny.”
Sie stand vom Bett auf, wischte sich mit ihren Ärmeln über die geröteten Wangen und kam direkt auf ihn zu. Vincent musterte seine Schwester.
Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte: Sie hatte sich verändert, alleine in der Zeit, in der sie nun zusammen waren. Ihre gesamte Haltung, ihre Ausstrahlung. Sie war nicht mehr so stark verunsichert wie noch vor wenigen Wochen; sie war wieder mehr zu der Schwester geworden, an die er sich erinnerte. Seine Beschützerin. Die tiefen Schatten unter ihren Augen taten ihrer Schönheit keinen Abbruch; im Gegenteil. Sie wirkte dadurch viel älter und gleichzeitig erwachsener. Bei all der Verantwortung, die auf ihren zarten Schultern lag, konnte man ihr das nicht verübeln. Schon der Umstand, dass sie offensichtlich aufgewühlt war und es einfach beiseite schob, um sich um ihn zu kümmern, machte ihm ein schlechtes Gewissen. Er war aber auch ein verdammter Bronto! Ausgerechnet heute kam er daher und belastete sie mit seinem Kram. Er war kurz davor wieder umzudrehen; doch Elaina griff nach seiner Hand.

„Ich hoffe, ich hab dich nicht geweckt?!”, fragte Vincent mit Unschuldsmine und richtete seinen Blick zum Boden.
Elaina zwinkerte ihm zu und brachte ein passables Lächeln zustande. Doch Vince kannte sie besser. Der Vincent früher hätte nun einfach plump nachgefragt, ohne Rücksicht. Doch er wollte heute keinen Streit mehr provozieren.
Vertrauen.
„Ich habe bis gerade eben geschlafen, aber ich war schon wach, als du ankamst.”
Als ob sie in voller Rüstung schlafen würde, natürlich.
„Das ist gut”, kommentierte er weiter und wusste nicht mehr, wie er weitermachen sollte.
„Ich habe nicht damit gerechnet, dich heute noch zu sehen”, sagte Elaina und musterte ihn besorgt, „Was nicht bedeutet, dass ich mich nicht freuen würde. Im Gegenteil!”
„Erzählst du mir davon, was du im Nichts gesehen hast, Elaina?”, fragte er, ohne weitere Umschweife. Er wollte nicht zu sehr darüber nachdenken. Er musste einfach wissen, wie es geschehen war.
„Setz dich doch, Vincent.” Elaina nahm seine Hand, von der eine angenehme Wärme ausging und führte ihn zum Bett, wo sie beide zeitgleich Platz nahmen. Sie umschloss seine Hand mit ihren beiden und zeichnete sanfte Kreise mit ihren Fingern auf seinen Handrücken. „Ich kann dir wirklich nicht mehr erzählen, als zuvor. Es ist frustrierend, ich weiß. Und wenn ich könnte - Bitte glaub mir, dass ich mein Möglichstes getan habe.”
„Da war nichts? Kein Hinweis, ob er nicht vielleicht doch aus dem Nichts gefallen ist? Hast du gesehen, dass Corypheus ihn an der Kette zu sich gezerrt hat? Irgendetwas?”
Elaina legte die Stirn in Falten, strich eine Strähne hinters Ohr und richtete den Blick auf seinen Hals. Die Kette. Er sah dabei zu, wie sie intensiv nachdachte.
Nach etlichen Momenten sah sie ihn dann wieder direkt an und antwortete: „Nein. Direkt nachdem ich die Kugel genommen habe, wurde ich in die Realität geschleudert. Es tut mir leid, Vinny.”
„Schon gut, du hast es versucht, nicht wahr?” Er seufzte. Was hatte er sich eigentlich erhofft? Warum hätte sie ihm etwas verheimlichen sollen?
„Was geht in dir vor? Ich weiß, dass du durcheinander bist. Möchtest du vielleicht trotzdem darüber reden?” Sie lächelte ihn erneut liebevoll an. Die grünen Augen funkelten; erinnerten ihn gerade so sehr an Mutter, das sich sein Herz zusammenzog und ihm der Atem stockte. Da war plötzlich soviel Sehnsucht, soviel Vermissen und so verdammt viel Trauer.
Vincents Lippen begannen zu beben. Ein Zittern ging durch seinen gesamten Körper und dann schlang er die Arme um Elaina.
Und er ließ die Tränen kommen.
Und ließ sich von ihr halten.
Einfach so.
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