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Geschwisterbande

von LostSalia
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Inquisitor (weiblich) OC (Own Character)
21.05.2018
20.12.2020
71
266.801
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09.02.2020 3.050
 
Akt III: Geschwisterbande


Der Abend vor der Schlacht

Die Wochen waren zu schnell vergangen. Es kam ihm vor, als war es erst wenige Tage her, dass er mit Hawke gemeinsam an dem Ritualturm gewesen war. Sie hatten keine Zeit zum Verschnaufen gehabt, denn die Vorbereitung zehrte an ihren Kräften. Das Lager war vergrößert worden, immer wieder waren Spähtrupps entsandt worden, um den richtigen Zeitpunkt zum Angriff zu finden. Immer häufiger gerieten die Köpfe der Inquisition aneinander. Die Spannung war greifbar. Genauso wie jetzt, da sich Cullen und Hawke, beide Männer, die sich vom jeweils anderen nichts sagen lassen wollten, mit rotleuchtenden Köpfen gegenüberstanden und über Elainas Rolle bei der Schlacht diskutierten. Cullen war der Meinung, dass es zu gefährlich war, die Lady Inquisitor einzubeziehen, wenn wirklich Blutmagier am Werk waren - Cullen machte keinen Hehl daraus, dass er Hawkes Worten nur bedingt Glauben schenkte - was diesen wiederum augenblicklich in Rage versetzt hatte.

„Ihr könnt sie nicht einsperren. Das wird sie nicht zulassen”, stellte Hawke mit erhobener Stimme klar. Hawke hob das Kinn ein wenig an. Eine Trotzreaktion, die Cullen hoffentlich nicht falsch deutete. Vincent blieb wie angewurzelt um die Ecke stehen und beobachtete die beiden verstohlen. Selbst wenn er gewollt hätte, er musste wissen, wie dieser Konflikt gelöst wurde. „Sie lässt sich nicht länger von Euch kleiner reden, als sie ist. Elaina -”
„Ihr benennt die Lady Inquisitor also beim Vornamen, Champion?”, entgegnete Cullen, während er die Arme vor der Brust verschränkte und den Kopf senkte. Vincent sah nur ein kurzes Rümpfen seiner Nase, ehe er wieder seltsam entspannt dastand. Doch wenn man ihn genauer beobachtete sah man das Zittern seines Körpers.
„Oh, nehmt Ihr das persönlich? Im Gegensatz zu Euch habe ich mir ihr Vertrauen verdient und ich werde nichts tun, was ihr noch einmal das Gefühl gibt, wieder das kleine Mädchen im Zirkel zu sein. Sie ist mehr als eine Magierin. Sie ist mehr als eine Somniari. Sie ist Elaina Leandra Trevelyan, unsere Anführerin. Und auch Ihr habt sie dazu gemacht, Rutherford.”
Von Wut aufgeladenes Schweigen umfing die beiden. Cullens Kiefer schien die unausgesprochenen Worte zu mahlen, während Hawke seinem Blick einfach standhielt. Vincent bewunderte die beiden in diesem Moment und hoffte trotzdem, dass sie sich gewaltlos einigten.
„Ich versuche lediglich die Truppen zu beschützen”, zuckte Cullen dann mit den Schultern.
Vincents Nackenhaare standen ihm zu Berge, so aufgeregt beobachtete er das Spektakel vor seinen Augen.
„Ihr habt Angst. Das ist alles. Elaina ist am sichersten, wenn sie mit uns kämpft. Auch die Truppen würde es stärken, wenn sie ihre Anführerin mit sich wüssten. Und das solltet Ihr als Kommandant ebendieser auch sehen.”
„Ihr habt nicht gesehen, wozu Magier -”
„Ich war auch in Kirkwall, wenn ich Euch erinnern darf!? Und ich habe Euch beim Kampf gegen Orsino, den wohlgemerkt Ihr und Eure Kommandantin mit Eurem ständigen Misstrauen in den Wahnsinn getrieben habt, vermisst! Wo wart Ihr, als es damals in den Katakomben der Galgenburg eskalierte? Als Ihr die Magier wie reudiges Vieh eingekreist hattet? Wünscht Ihr Euch diese Zeit zurück? Habt Ihr Euch deswegen gegen Eure Kommandantin gestellt? Ich denke nicht, Cullen.”
Hawke hatte sich offensichtlich in Rage geredet und Vincent hielt die Luft an. Diesem Hawke wollte er nicht begegnen. Weder am Tag, noch in der Nacht.

„Ihr habt Angst, dass Elaina etwas zustößt. Und damit meine ich nicht, dass sie ihrer Begabung verfällt. Ihr wollt sie vor anderen beschützen, nicht vor ihrer Magie.”
Eine Pause trat zwischen die beiden Männer. Hawke verschnaufte, atmete tief durch, um seine Wut zu zügeln. Als Vince es wagte um die Ecke zu lugen, sah er, dass Cullen verunsichert von einer Seite zur anderen sah.
Dann geschah etwas, womit Vincent nicht gerechnet hatte. Hawke hob eine Hand, legte sie auf die befellte Schulter des Kommandanten und blickte ihn direkt an: „Wenn Ihr sie für Euch gewinnen wollt, dann akzeptiert sie, wie sie ist. Andernfalls tut Eure Aufgabe und lasst sie mit Eurer Sorge in Frieden. Elaina hat es nicht verdient, noch einmal von irgendjemandem eingesperrt zu werden.” Hawke tätschelte ihn noch einmal halbherzig, wandte sich kopfschüttelnd ab und kam schnurstracks in Vincents Richtung. Er sollte wohl verschwinden, wenn ihm sein Leben lieb war. Eben wollte er sich davonstehlen, da fand der Rutherford wohl erneut zu Worten: „Ihr seid dann wohl der bessere Mann, Champion.”
Er hörte Hawke verhaltenes Lachen, das schon viel zu nah bei ihm war. Er schlich sich an der Zeltwand entlang zum Eingang und ließ sich lautlos hineingleiten.
Zum Glück hatte er das mittlerweile gelernt.
Das erleichterte Aufatmen hielt er zurück, und wartete bis er die schweren Schritte des Kommandanten und die des Champions nicht mehr hören konnte. Dann erst breitete er sich rücklings im Zelt aus und sah sich um.
Und fand die eiskalten Augen Leonas über seinem Gesicht vor.

„Ich sehe, du warst auch neugierig”, schmunzelte sie. Vince schreckte hoch und beinahe wäre seine Stirn gegen ihre geknallt.
„Ich wollte mir bloß die Beine vertreten. Wusste ja nicht, dass die Besprechung so beschissen lief.”
Leona zuckte die Schultern. „Dass die beiden ein Auge auf deine Schwester geworfen haben, stört dich nicht?”, fragte sie skeptisch.
„Nein. Ich meine, ja. Irgendwie komisch. Damit musste ich mich nie auseinandersetzen.” Vince fasste sich ans Kinn, während er sich herumdrehte um gegenüber von Leona zu sitzen. Diese schmunzelte zurückhaltend.
„So muss es wohl vielen Brüdern diesbezüglich gehen”, murmelte sie vor sich hin, „Ich finde es übrigens bemerkenswert, wie schnell du die Kunst der Selbstbeherrschung gelernt hast.”
Vincent räusperte sich und sah zur Seite.
„Wie handhaben wir diese Informationen jetzt weiter? Sollte ich es Elaina sagen?”, fragte er um seine Unsicherheit zu überspielen.
„Elaina muss es nicht wissen. Es würde sie nur durcheinander bringen.” Sie rieb sich das Kinn in einer beiläufigen Bewegung, wendete ihren Blick aber nicht ab.
„Also lüge ich sie an?”, hob er eine Augenbraue und unterdrückte den Drang sich aufzuregen. Genau genommen war es keine Lüge, wenn man sie nicht aussprach. Trotzdem fühlte es sich falsch an, Elaina auch nur die kleinste Kleinigkeit zu verheimlichen.
„Nein, das nicht. Aber in diesen Dingen sollten wir sie nicht beeinflussen, weil ich denke, dass sie gerade genug anderes zu verarbeiten hat.”
Da musste er ihr zustimmen. Er war in diesen Dingen doch selbst nicht sonderlich gut, also warum sollte ausgerechnet er sich da einmischen? Immerhin hatte er doch auch keine Ahnung, was genau in ihm vorging, wenn er in der Nähe dieser unberechenbaren Frau war. Und warum bei allen Magistern, sie ihm immer über den Weg lief. Es war verhext.

„Bist du schon sehr nervös?”, fragte sie verhalten. Schwang da so etwas wie Sorge mit? Oder interpretierte er schon wieder zuviel?
„Ja klar. Ich meine, wir rücken heute Abend in Richtung Festung und morgen früh-” Seine Finger der einen Hand kneteten die Handflächen der anderen. Jetzt da sie ihn wieder darauf gebracht hatte, war da wirklich flatternde Nervosität in seinem Bauch. Er stoppte das Reden, weil er fürchtete zu stottern, wenn er den Mund nochmal öffnete. Er dachte an den Ritualturm, wollte nicht wieder in eine solche Situation geraten. Aber er musste stark sein. Er durfte sich nicht verstecken.
„Es ist deine erste richtige Schlacht, auf die du dich vorbereiten kannst, nicht wahr?” Sie rückte Zentimeter für Zentimeter näher. Vincent war wie versteinert, konnte nur in die Augen blicken, die ihn taxierten. Was hatte sie vor? Dann umfassten zwei zarte Hände seine, strichen sanft über die Handrücken. Verträumt hing ihr Blick genau dort und Vincent beobachtete sie. Ohne irgendeinen Gedanken zu fassen. Sein Herzschlag beruhigte sich augenblicklich etwas, während sie einfach dort weitermachte, wo seine Hand aufgehört hatte.
„Was wird das?”, kämpfte Vincent hervor. Ein Stottern konnte er zum Glück fürs Erste unterdrücken; sein trockener Hals machte ihm das allerdings recht schwer.
„Ich sorge mich um einen Freund und versuche ihm zu helfen”, zuckte sie die Schultern, „Ich möchte, dass wir uns wieder besser verstehen. Fernab von all der Scheiße, die wir durchlebt haben. Die Missverständnisse. Es tut mir leid, Farlan.” Leona räusperte sich und Vince schüttelte es ob der sanften Massage. „Freunde also?”
„Wenn du das willst, möchte ich gerne endgültig Frieden schließen.”
„Meinen Freunden kann ich vertrauen, für gewöhnlich.”
„Das kannst du. Ich bin bei Leliana in Ungnade gefallen, fürchte ich.” Sie lachte unsicher auf. „So wie ich das sehe, werde ich keine wichtigen oder heiklen Aufträge mehr bekommen, die dich oder Elaina miteinschließen. Ich kann froh sein, dass du zu meiner Gruppe gehörst.”
„Warum?”, hakte Vincent nach. Seine Hand zuckte und Leona stockte in ihrem Tun. Dann hob sie den Kopf und sah ihn direkt an. Sie lächelte traurig: „Ich hab mich ablenken lassen.”
„Wovon?” Er konnte es nicht zurückhalten. Sie sprach von Vertrauen und Freundschaft und Vertragen. Da sollte sie ja kein Problem haben, diese simplen Fragen zu beantworten.
„Deiner Familie”, nickte sie und wandte sich wieder Vincents Händen zu, „Ich hab mich dazu entschieden, Elaina zu begleiten. Ihr den Brief deiner Schwester zu geben, bevor Leliana ihn gelesen hat. Sie denkt, ich habe mich ablenken lassen.”
„Hat sie recht?”, entkam es ihm. Enthusiastischer als gewollt.
„Vermutlich. Ich habe mich hinreißen lassen”, seufzte sie, „Es ist schwer sich von euch Trevelyans fernzuhalten.” Leona sah ihn nicht an und Vincent war dankbar dafür. Er musste aussehen wie der letzte Vollidiot. War das nun eine Andeutung auf ihre Beziehung zueinander oder sehnte sie sich bloß nach Familie und Zusammenhalt? Aber davon war doch nichts übrig geblieben. Also, nicht viel.

„Unsere kaputte Familie hat dich fasziniert? Das ist krank, Leona.” Vincent versuchte zu scherzen, doch Leonas Kopf schnellte in die Höhe, ihr Blick war mit einem Mal voller Wut und Enttäuschung und einen ewig andauernden Moment lang vergaß Vincent zu atmen. „Elaina und du teilt eine Verbindung, die ich so noch nicht erlebt habe. Sei verdammt nocheinmal froh, dass du sie noch hast.”
Sie räusperte sich noch einmal und atmete durch, dann blieb ihr Blick an seinem Hals hängen. Sie schüttelte den Kopf und seufzte noch einmal, ehe ein trauriges Flüstern ihre Lippen verließ: „Du hast keine Ahnung, wie glücklich du bist, Vince. Keine Ahnung.”
Unwillkürlich hob er die Hand, strich über ihre Wange suchte ihren Blick; aber er ließ sich nicht auffangen. Vince schnaubte frustriert: „Du verheimlichst mir schon wieder etwas.”
„Ich muss dir nicht meine Lebensgeschichte erzählen”, räusperte sie sich, schüttelte seine Hand ab und wollte sich zum Ausgang vorbeidrängen, „Du gehörst zu meiner Truppe, Farlan. In einer Stunde reisen wir in Richtung Adamant ab.”
Damit schlüpfte sie durch die Zeltwand. Vincent fuhr sich frustriert durch die Haare.

Auch wenn er unbedingt wissen wollte, was da noch verborgen lag, hatte sie recht. Sie schuldete ihm im Grunde nichts und hatte heute schon bewiesen, dass sie bereit war, sich ihm zu öffnen.
Und vielleicht - ein ganz kleines Vielleicht - gab es nach der Schlacht noch einmal die Möglichkeit sie näher kennenzulernen.
Noch einmal neu zu beginnen.

~*~


Elaina sollte schlafen. Morgen würde sie in eine Schlacht ziehen. Doch sie war zu aufgewühlt; zu zappelig, als dass sie auch nur eine Sekunde an Entspannung denken konnte. Selbst wenn eine Sorge weggefallen war, als Leona den Brief von Leliana gebracht hatte, dass die Spannungen in Orlais zu einem Verzug des Balls geführt hatten und somit genug Zeit zum Verschnaufen und Vorbereiten blieb, nachdem das alles hier beendet war, wühlte sie eben dieses wieder auf. War es ein Fehler gewesen, erst in die Westgraten zu reisen? Hatte sie die falsche Entscheidung getroffen, als sie sich für das Wohl der Wächter anstatt die Politik entschieden hatte? Josephine war anfangs auch weniger beunruhigt gewesen, was den Herzog anbelangt hatte. Mittlerweile hatte sie ihre Meinung geändert. Das Gerücht ging um, dass ein Attentat auf die Kaiserin geplant war. Vielleicht war viel mehr das der Grund, weshalb der Ball um einige Wochen verschoben worden war.

Elaina seufzte. Das war alles so dermaßen kompliziert, sie bekam jetzt schon Kopfschmerzen davon.

Ihr Blick fing die Laute ein, die an der kleinen Kiste lehnte, in der sich ihr Vorrat an Lyriumfläschchen und sämtliche Rüstungsteile befand. Sie kam auf die Beine - denn an Schlaf war ohnehin nicht zu denken - um noch ein paar Akkorde zu spielen. Vielleicht würde es sie etwas ablenken. Nur soviel Entspannung bringen, dass sie die Augen schließen und noch ein paar Stunden schlafen konnte. Als Elaina ihre Finger um den Hals des Instrumentes legte und sich dann neben ihr Feldbett auf die Felle setzte; das vertraute Gefühl des runden Holzkörpers an ihrem Bauch, atmete sie beruhigt aus. Sie schloss ihre Augen und da war sie: Die erhoffte Ruhe.
Unwillkürlich fanden ihre Finger die richtigen Saiten, zupften eine willkürliche Melodie aus harmonierenden Akkorden. Ihre Augen hielt sie geschlossen; dachte einfach an nichts, summte die Töne. Sie hatte keine eigenen Lieder geschrieben - worüber hätte sie denn auch schreiben sollen? Nein, sie fand Ruhe im Klang der Saiten. In der Konzentration darauf.
Sie verlor sich in Erinnerungen an kalte Turmmauern und hitzige Diskussionen; an unbekannte Trauer und bedingungslose Zuneigung. Sie dachte an Vincent und wie oft, sie sich in den letzten Tagen unterhalten und im Arm gehalten hatten. Er hatte ihr einiges erzählt, sich ihr anvertraut. Alleine der Gedanke daran, wie stark sein Vertrauen in sie war, rührte sie jedes Mal. Sie fühlte sich nicht würdig und doch zog sie einiges an Stärke daraus. Wenigstens einer stand zu ihr.
Er hatte einige Strapazen auf sich genommen, nur um zurückzukehren. Die Prügeleien, das Schlafen in Scheunen oder im Schlamm. Er hatte Händler bestohlen und Wirtinnen bezirzt, um Essen oder ein Bett zu bekommen.
Vincent hatte eindeutig daraus gelernt und sich verändert. Er war bedeutend kontrollierter und umsichtiger geworden. Er beobachtete viel mehr als zuvor. Und seine Ausraster waren so gut wie verschwunden.

Elaina war unfassbar stolz.

Während sie über ihren Bruder nachdachte, vergaß sie die Schlacht des morgigen Tages beinahe. Sie summte weiter ihre Melodie, atmete bewusst ruhig - meditierte so, wie Solas es ihr gezeigt hatte. Sie dachte an Rosalie, an Oswyn und an Vincent; blendete alles andere aus. Dachte an Garrets freches Lächeln, wenn sich ihre Blicke trafen; an den Tag, als sie mit Josephine nach einem Kleid für die Hochzeit gesucht hatte. Positive Erinnerungen gepaart mit ruhigem Atmen halfen. Es hatte gedauert, bis sie sich das eingestanden hatte; bis sie sich darauf eingelassen hatte.

„Lady Inquisitor”, räusperte sich jemand in unmittelbarer Nähe. Sie riss die Augen auf; ihr Kopf schnellte in die Richtung, aus der die vertraute Stimme gekommen war.
„Garrett?”, stieß Elaina überrumpelt aus, während sie sich aufs Atmen konzentrierte. Wie lange hörte er schon zu? Sie hatte absolut nichts gehört!
Warum war sie so unvorsichtig? Sie hätte doch mindestens das Rascheln im Zelteingang bemerken müssen!
„Ich hab’ gehört, dass du spielst und wollte fragen, ob ich dir Gesellschaft leisten darf”, flüsterte er, als wollte er verhindern, das jemand von draußen ihn erkannte. Sein Lächeln ließ Elainas Herz schneller schlagen, doch da sie sich nicht sicher war, ob sie überhaupt klar und deutlich sprechen konnte, nickte sie nur. Hawke überbrückte den letzten Meter und setzte sich direkt neben Elaina auf den Boden. Er zog die Knie heran, legte beide Arme darauf ab und starrte einfach nur nach vorne. Elaina schluckte und sah sich unwillkürlich um. Sie wusste nicht einmal, wonach sie suchte, aber sie musste offenbar sichergehen, dass es nicht da war.
„Kannst du auch nicht schlafen?” Ihre Stimme brach immer wieder ab, während sie sich bemühte, leise zu sprechen. Ihre Finger hatten die gewohnten Bewegungsabläufe wieder aufgenommen; bloß das Summen blieb aus. Auch wenn er sie gerade eben gehört hatte, konnte sie sich nicht mehr dazu durchringen. Was, wenn ihm nicht gefiel, wie sie sang? Plötzlich war da wieder Angst, nicht gut genug zu sein.
„So in etwa.” Die Mundwinkel verzogen sich kaum merklich nach unten und Elaina biss sich auf Zunge. „Tut mir leid, ich wollte nicht-”, stotterte sie nach einer kurzen Pause, doch Hawke fiel ihr ins Wort. „Entschuldige dich nicht ständig. Du hast nichts falsch gemacht.” Eine Stille zwischen ihnen entstand lediglich durchbrochen von gezupften Saiten.
„Der Klang der Laute erinnert mich an Zuhause”, flüsterte Hawke irgendwann. Einen kurzen Moment stolperte Elaina aus dem Takt; fand aber recht schnell wieder zurück und antwortete, ebenfalls flüsternd: „Zuhause? Kirkwall?”
„Lothering”, seufzte er, „Ich war dort. Nach dem ganzen Scheiß in Kirkwall, aber-”
„Aber was?”
„Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Vielleicht dachte ich, dass es sich nach Zuhause anfühlen würde? Ich weiß, das klingt töricht und naiv.”
„Nein, das klingt absolut verständlich. Nach Kirkwall und dem Chaos und Anders-” Elaina schluckte, versuchte zu durchschauen, ob sie einen falschen Nerv getroffen hatte, dann sprach sie weiter: „Du wolltest einfach wohin, wo all diese Dinge noch nicht geschehen waren. Deine letzte unbeschwerte Erinnerung, ohne diesen Berg an Verantwortung. Die Ernüchterung muss schmerzhaft gewesen sein…”
Und da erschlug es sie. Sie blinzelte verwirrt, als sie eine Welle der Traurigkeit überrollte; die aufsteigenden Tränen, die eigentlich nicht ihre waren. Warum passierte ihr das gerade? Warum bei Garrett? „Scheiße”, zischte sie, unterbrach ihr Spiel und fuhr sich durchs Gesicht, „Tut mir leid. Ich habe kein Recht hier zu heulen.”
„Was ist los?”, fragte Hawke verwirrt, musterte sie mit in Falten gelegter Stirn; bewegte dabei allerdings nur den Kopf und Elaina war ihm dankbar, dass er sie nicht berührte. Das hätte es wohl noch viel schlimmer gemacht.
„Manchmal erschlagen mich Emotionen, die Menschen in meiner Nähe empfinden. Für gewöhnlich passiert mir das bloß bei Familienmitgliedern. Tut mir leid, dass du diese Scheiße durchleben musstest. Das sollte niemand müssen. Du am allerwenigsten.”
„Dann entschuldige ich mich. Ich habe mich wohl zu sehr im Selbstmitleid gewälzt”, lächelte er gequält, doch Elaina schüttelte vehement den Kopf: „Erzähl mir davon, wenn du kannst.” Die letzte Träne wischte sie sich vom Gesicht und dann sah sie ihn mit aller aufzubringenden Entschlossenheit an. „Damit hilfst du mir und dir wohl am besten. Ich will alles wissen, Garrett.”
„Nach der Schlacht stehe ich dir Rede und Antwort, das verspreche ich dir. Für heute will ich einfach nur dein Spiel hören, wenn ich noch bleiben darf?”
„Solange du willst”, flüsterte Elaina und begann wieder zu spielen. Sie beobachtete, wie Garrett seine Augen schloss, die Finger verschränkte und entspannt ausatmete.
Und Elaina summte ihre Melodie. Einfach so.
Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Garrett, wie er den Kopf in den Nacken legte, sodass er nun auf ihrem Bett ruhte. Seine Schulter berührte ihre, so nah saß er, doch entgegen ihrer anfänglichen Ängste, verspürte sie nichts Unwohles. Irgendwie sogar etwas Sicherheit.
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