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Geschwisterbande

von LostSalia
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Inquisitor (weiblich) OC (Own Character)
21.05.2018
20.12.2020
71
266.801
22
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Dieses Kapitel
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03.11.2019 4.378
 
Narben

Rob war fertig mit dieser ganzen Heuchelei. Er war fertig mit dieser Feier.
Er hatte Rosalie gratuliert; hatte sich sogar ein Lächeln abgerungen, damit sie ihm nicht vorhalten konnte, zu grummelig zu sein. Er tanzte und hatte Elaina dabei noch nebenbei seine Meinung gegeigt.
Rob zischte durch die aufeinandergepressten Zähne, als ihm seine andere Schwester gereicht wurde. Er konnte das Verdrehen seiner Augen nicht unterdrücken. Auch wenn er sollte.
Rosalie versteckte ihr Wut auch nicht. Sie hatte die Wangen schmollend aufgeblasen, ihr Griff um seine Schulter und in seiner Hand war fast schmerzhaft fest.
„Reiß dich am Riemen, du Idiot”, zischte sie und er unterdrückte einen Aufschrei, als sie ihm wohl absichtlich mit ihren Absätzen auf die Zehen trat.
„Weshalb? Ich schulde keinem etwas. Dir vielleicht, aber darum bin ich ja hier.”
„Du siehst es wirklich nicht”, fauchte sie, während Rob sie in ihre Drehung dirigierte.
„Was soll ich sehen? Sie sind lächerlich. Ein in Ungnade gefallener Templer, eine verschlagene Antivanerin, ein verstoßener Tevintermagister und Elaina. Ganz zu schweigen vom Rest der Bande. Ein lächerlicher Haufen Vollidioten.” Er zuckte unbeteiligt die Schultern.
Er verfolgte Rosalies Blick auf seine Brust und beobachtete, sie sich ihre Augen weiteten, als sie das Schmuckstück erkannte. „Du bist verloren, Rob. Zerfressen von Hass. Hass, dessen Ursprung du nicht einmal mehr kennst.”
Der Vorwurf in ihren Augen, in ihren Worten.
Es tat weh.
Doch anmerken würde er sich das nicht lassen. Er hatte damit gerechnet, dass auch sie die Kette sehen würde. Er wusste von ihrer Affäre mit diesem Möchtegern-Krieger. Er wusste, wie das alles geendet hatte und wie sehr sie gelitten hatte. Er war das Risiko eingegangen, denn sie sollte sich gefälligst auf ihre aktuelle Situation konzentrieren. Auf ihren Ehemann. Und nicht auf die Vergangenheit.
„Konzentrier du dich darauf ein braves Frauchen für diesen Bann zu sein und lass mich machen, was ich für richtig halte.”
„Nicht, wenn du damit unsere Familie zerstörst”, funkelte sie ihn an, „Lass dir eines gesagt sein: Ich lasse das nicht zu.”
Er schmunzelte schadenfroh, um seine Unruhe zu verschleiern. Robert hatte sie nur selten so kampflustig erlebt, doch ernst zu nehmen war sie allemal. Das hatte er vielleicht doch nicht bedacht.
Vielleicht sprach auch bloß die Kränkung aus ihr.
Rosalie bemerkte es, trat ihm erneut auf die Zehen: „Dir ist bewusst, was du hier verlierst, nicht wahr?”
Rob schwieg und verzog keine weitere Miene mehr. Natürlich wusste er, dass sie ihm das nicht verzeihen würde. Oder zumindest nur schwer. Doch er wollte Elaina wehtun. Sie büßen lassen. Büßen lassen dafür, dass sie ihn einfach zurückgelassen hatte. Dass sie ihn von einen Tag auf den anderen zum Alleinerben gemacht hatte. Dass sie ihn im Stich gelassen hatte! Sie war schuld daran, dass er sich in diese Rolle zwängen musste. Diese Rolle, die ihm um ein vielfaches zu groß war und ihm doch manchmal jegliche Luft zum Atmen nahm.
Sie hatte es nicht durchleben müssen. Vaters Blicke. Vaters enttäuschte Blicke, weil Robert einfach nicht normal war. Vaters enttäuschte Blicke, weil er Robert nicht verbiegen wollte und doch um die Erbfolge bangen musste. Rob hatte sich selbst gehasst. Er hatte es wirklich versucht. Versucht sich zu verbiegen. Die Nähe zu Frauen gesucht um Vater etwas zu beweisen - um ihm die Angst zu nehmen.
Aber Vater wäre nicht Vater gewesen, wenn er es nicht durchschaut hätte.

Er ignorierte Rosalies durchdringenden Blick.
Ja, er verlor hier gerade einiges. Wenn nicht sogar alles.
Aber sie war selbst Schuld, wenn sie sich nun auch noch von ihm abwandte.
Selbst Schuld.

Die Musik verstummte; und augenblicklich stoppte alles. Die Zeit hangelte sich langsamer von Sekunde zu Sekunde.
Rosalies Hand verließ seine.
Quälend langsam; unter ständigem Blickkontakt.
Es fühlte sich wie ein Abschied an. Das Leb wohl konnte er in ihren Augen lesen.
Nein, das hier war endgültiger als ein Abschied.
Roberts Herz wurde schwer.
Er verbeugte sich und wandte sich dann ab.
Er hatte seinen Standpunkt klargemacht.

Manchmal brauchte es einen sauberen Schnitt; ein Ende ohne eine Chance auf Rückkehr oder Wiedergutmachung um neu anzufangen.


~*~



Elaina fand sich spätabends in ihrem Gästezimmer wieder. Sie ertappte sich dabei ungeduldig auf und ab zu laufen, ständig auf ein Klopfen horchend. Dorian hatte sich angeboten, den König von seiner Frau wegzulocken und ihn ungesehen hierher zu bringen. Immerhin mussten sie irgendwie über die Grauen Wächter sprechen.
Ob er wohl Angst hatte? Ob er schon von Beginn an wusste, dass der Ruf eine Täuschung war? Und wenn ja, woher? Hatte er dem Orden abgeschworen? Konnte man denn einfach abschwören?

Erneut erkannte sie, wie wenig eigentlich bekannt war.
Sorgsam versiegelte Geheimnisse und dramatisch ausgeschmückte Legenden umrankten die Wächter.

Da klopfte es. Elaina räusperte sich erschrocken, ehe sie zur Tür sah: „Herein!”
Gesagt getan betraten Dorian und Alistair den Raum, schlossen schnell und leise die Tür hinter sich. Augenblicklich ließ der König die Schultern fallen und ein tiefes Seufzen hören. Auch die steinharte, immer lächelnde Miene fiel ab und er fuhr sich durch die kurzen Haare. „Besser.” Dorian durchsuchte das Badezimmer, den Schrank und selbst hinter den Vorhängen. „Was ist los?”, fragte Elaina verwirrt, während sie dem König den Stuhl am Schminktisch anbot.
„Es war zu einfach, der Königin ihren Gemahl zu entreißen”, antwortete der Magister gehetzt.
„Was hast du getan?”, hakte sie noch weiter nach.
„Cullen und Josephine vorgeschickt. Sie schwärmt nun lautstark von ihrem Vater. Möglicherweise ist sie auch einfach zu stolz und eingebildet oder auch einfach zu betrunken. Sollte das der Fall sein, haben wir nicht allzu viel Zeit, ehe sie sein Fehlen bemerkt. Sprecht, worüber ihr müsst.” Er nickte energisch in Richtung des Königs und bezog am Eingang Stellung.
„Eure Majestät, ich-”, wollte Elaina beginnen, doch der König unterbrach sie höflich: „Keine Formalitäten. Hier bin ich Alistair der Graue Wächter. Was wollt Ihr mit mir besprechen, Elaina?”
„Hört Ihr den Ruf ebenfalls?”, nickte sie und blieb recht unschlüssig vor ihm stehen. Mit einem Mal wirkte der König real. Sie konnte es nicht anders beschreiben. Er hatte seine Maske fallen lassen; vielleicht hatte er aber auch zuviel getrunken, sodass es ihm schwerer fiel, darauf zu achten. Sie bezweifelte, dass er einer Fremden derart vertrauen würde. Elaina würde vorsichtig bleiben.
„Die ganze verdammte Zeit singt irgendjemand in meinem Kopf”, brachte er knurrend hervor, „Seit Monaten schlafe ich kaum noch. Wisst Ihr, woher das kommt?”
„Wir haben den Verdacht, dass das Monster, welches auch Haven zerstört hat, dahinter steckt. Genaueres kann ich allerdings erst sagen, wenn wir die Berichte aus den Westgraten erhalten haben. Meine Leute sollten bereits dort angekommen sein. Ich erwarte die Berichte, wenn ich zurück auf der Himmelsfeste bin.” Sie hatte sich gerade noch zurückgehalten ‚mein Bruder’ zu sagen. Auch wenn der König nun vertrauenswürdig schien, sie durfte ihn nicht in Gefahr bringen. Wenn nun doch jemand lauschte?
„Ich dachte mir schon, dass es zu früh ist. Viel zu früh”, hob er den Blick und erwiderte zum ersten Mal in diesen wenigen Minuten Elainas. Er wirkte erschöpft, verletzlich und mitgenommen.
„Wie macht Ihr das?”, entkam es ihr ungehalten. Elaina unterdrückte den Drang nach seiner Hand zu greifen und ihm so Trost zu spenden.
„Was genau?”, lächelte er müde.
„Euren Schmerz zu verdrängen?” Sie wollte sich für ihre Offenheit ohrfeigen, trotzdem musste sie es wissen.
„Ich bin seit zehn Jahren der König dieses Landes und wollte diesen Titel nie. Man lernt gewisse Dinge zu spielen, wenn man in eine Rolle gedrängt wird.” Ein schiefes, bitteres Lächeln huschte über das hübsche Gesicht. „Kann ich Euch irgendwie unterstützen?”
„Ihr habt keine Versorgungsgüter, die Ihr uns bereitstellen könntet, nicht wahr? Nahrung, Stoffe, Waffen?”
„Anora wird ein offizielles Bündnis nicht zulassen und wir beide haben eine Abmachung, was die Regierung des Landes angeht.” Er seufzte schwer, dann sprach er weiter: „Wir entscheiden gemeinsam. Wenn wir das nicht täten, dann wäre Ferelden bereits in Grund und Boden gestampft worden.” Eine kurze Pause entstand und Elaina wagte es auch nicht diese Entscheidung infrage zu stellen. Sie sah, dass er ihr glaubte; dass auch er sich sorgte; dass auch er litt. Und sie beneidete ihn nicht darum.
„Vielleicht hatte sie recht. Alleine hätte ich die Zeit nach der Verderbnis nicht überlebt”, murmelte er. Sein Blick glitt nach draußen durch das einzige Fenster im Raum. Dann schüttelte er den Kopf: „Oswyn soll Euch weiterhin versorgen. Er darf die Inquisition offen unterstützen. So sichere ich Euch einen ersten Teil von Unterstützung durch den Adel Fereldens. Wenn einer anfängt, ziehen die meisten hinterher. Ich selbst werde mit der Königin sprechen, kann Euch aber nichts zusagen.”
„Das ist mehr, als ich erwartet habe, Alistair.”

Er fuhr sich grob durchs Gesicht, blinzelte einige Male und plötzlich war da wieder das Lächeln eines Königs. Verschwunden war der Schmerz, den sie gerade noch gesehen und gespürt hatte. Zuversichtlich blickte er ihr entgegen und zwinkerte ihr sogar zu: „Ich hoffe, Ihr müsst das niemals lernen, Elaina.”
Er deutete eine Verbeugung an, Elaina tat es ihm gleich und dann glitt der König lautlos durch die Tür. Elaina ließ sich auf das Bett fallen.
Sie war wirklich erleichtert, aber das Verhalten des Königs machte ihr Angst. Warum ließ er seine Maske fallen, wenn es für ihn so einfach war, sie wieder aufzusetzen? Hatte er einen tieferen Zweck verfolgt, indem er sich so verletzlich darstellte? Oder war er wirklich einfach erschöpft gewesen und hatte diese kurze Pause vom Schauspiel gebraucht? Er musste ihr großes Vertrauen entgegen bringen. Aber weshalb?
Elaina rieb sich das Kinn und bereute es, ihre Laute auf der Feste gelassen zu haben. Es dachte sich leichter, wenn sie nebenher die Saiten zupfte. Dann war ihr Kopf nicht so unerträglich laut.
„Das war mal was”, ließ sie sich am Bett zurückfallen und erwartete eine Antwort eines gewissen Magisters, der eigentlich noch in diesem Raums sein sollte. Als keine Antwort kam schnellte ihr Oberkörper noch einmal nach oben und sie schaute sich um. „Dorian?”


~*~


Rosalie war nervös. Unfassbar nervös. Ihre Finger zitterten, als Oswyn die Tür hinter ihnen schloss.
Die Nervosität kam aber nicht aus ihrem Inneren. Vielmehr war es ihre Umgebung.
„Wir müssen das nicht tun, wenn du nicht willst, Rose”, flüsterte er, während er neben sie trat. Doch Rosalie blieb ihm eine Antwort schuldig. Zu abgelenkt war sie von der lieblosen Einrichtung ihres neuen Schlafgemachs. Es passte so gar nicht zu seinem Wesen außerhalb dieser vier Wände. Er verhielt sich nett und lieb und das hier machte mehr den Eindruck von einem Gefängnis denn eines Schlafzimmers, eines Rückzugsortes.
Als sie das Bett berührte, durchfuhr sie ein kalter Schauer.
„Was ist mit dir passiert, Oswyn?” Sie wandte sich um, erblickte seine stumpf wirkenden Augen. Der Ausdruck, den sie nicht sehen wollte. Der Ausdruck, der für gewöhnlich nicht da war. Sie ging langsam auf ihn zu, er wirkte so verschreckt und verunsichert wie ein Rehkitz im nebligen Wald.
„Wir müssen das nicht tun, wenn du nicht willst, Rose”, wiederholte er nur noch einmal.
Rosalie überbrückte die letzten Schritte und ergriff sein Gesicht, zwang ihn, sie anzusehen: „Ich will das hier. Alles. Dich und mich und uns. Allerdings nicht hier. Wir gehen in mein Zimmer, bis wir dieses hier verschönert haben. Gut?”
„Ich wollte das hier schön machen, wirklich. Aber ich hab’s nicht geschafft, Rose. Und du verdienst soviel mehr und -”
„Sch, Oswyn”, zischte sie beruhigend, „Komm, wir schleichen uns durch das Badezimmer.”
Egal, wo er gedanklich gerade war, sie hatte ihn so noch nie erlebt und es musste etwas mit diesem Raum zu tun haben. Das würde sie nicht zulassen. Sie würde sich diese Nacht nicht von ein paar Möbelstücken nehmen lassen. Sie würde ihn nicht einfach so leiden lassen, jetzt, wo sie sah, was dieses Zimmer mit ihm machte. Nein. Sie war nun seine Frau und sie würde ihm beistehen und ihn glücklich machen. Erstmal mussten sie aus diesem Raum verschwinden.
Rosalie ergriff seine zitternde Hand. „Du hast Angst”, murmelte sie und Oswyn nickte kaum merklich, „Ich bin da. Du musst keine Angst haben, Oswyn. Du wirst nie wieder alleine sein. Ich bin da.”
Sanft dirigierte sie den Bann durch die Räumlichkeiten und setzte sich mit Oswyn aufs Bett. Sie verschränkte ihrer beider Hände miteinander und atmete erleichtert aus. Auch Oswyn atmete schwer ein und aus. „Hast du jemals dort drüben geschlafen?”, fragte sie offen heraus, Oswyn schreckte hoch und schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht wirklich.”
„Wo dann?” Rosalie strich über seinen Handrücken. Sie war froh, dass er endlich ehrlich zu ihr war. „In Dianas Zimmer.”
„Aber wie-”, wollte Rosalie gerade ansetzen, doch Oswyn schien aufzuwachen und bemerkt zu haben, wie falsch seine Worte klangen: „Nicht mit Diana im selben Zimmer. Beim Erbauer! Lediglich in ihrem Zimmer. Sie hat in meinem geschlafen. Zumindest wenn es passte. Sie hat mich jeden Tag vor dir geweckt und darauf geachtet, dass niemand es bemerkte.”
„Ich habe nichts bemerkt”, flüsterte Rosalie. „Das war das wichtigste am Plan”, lächelte er ertappt, „Du solltest mich meinetwegen heiraten. Ich hatte Angst du würdest die Koffer packen und verschwinden, wenn du das siehst.”
„Darum haben wir keine Zeit in deinen Gemächern verbracht.”
Er nickte enttäuscht von sich selbst.
„Du bist ein Idiot, Oswyn.”
Sein Blick wechselte von tieftraurig zu verwirrt: „Was, warum?”
„Weil ich dich niemals verlassen hätte. Ängste kann man bekämpfen”, sie verstärkte den Griff um seine Hände, „Wir beide schaffen das. Ich bin auch nicht furchtlos, Oswyn.”
„Wovor fürchtest du dich, Rosalie?” Sie konnte sehen, dass er die Frage schneller gestellt hatte, als es ihm lieb war. Gerade als er seine Neugier beschwichtigen wollte, unterbrach sie ihn: „Ich habe Angst davor, noch ein Kind zu verlieren, Oswyn.”
Jetzt war es ausgesprochen. Augenblicklich schnellten ihre Hände an ihren Bauch, gedankenverloren strich sie einmal darüber. Sie würde es nun nicht mehr einfach zurücknehmen können. Es versetzte ihr einen Schlag mitten in die Magengrube, brachte ihr die Erinnerungen zurück, Tränen schossen ihr in die Augenwinkel, bahnten sich den Weg über ihre Wange zum Kinn. Doch es war in Ordnung. Sie hatte sich verabschiedet.
Von Laurin.
Von diesem Kind, dessen Mutter sie nie sein durfte.
„Dann willst du nicht -?”
„Ich will meine Angst bekämpfen, Oswyn. Und ich weiß, dass ich mit dir keine Angst haben muss.” Sie küsste ihn flüchtig auf die Wange, er blinzelte verwirrt. „Wenn ich nicht bereit dafür wäre, hätte ich dich nicht geheiratet, ganz unabhängig davon, wie sehr ich dich mag.”
Oswyn befreite seine Hände von ihren und begann seine Weste aufzuknöpfen. „Dann will ich dir auch meine Schwachstellen zeigen, wenn du sie sehen willst.” Er stockte in seinem Tun, suchte Rosalies Blick, die ihn mit einem Nicken zustimmte: „In guten und in schlechten Tagen, Gesundheit und Krankheit, Angst und Sicherheit.”
Er nickte, sprach sich selbst damit Mut zu, und löste die Schnüre und Knöpfe. Rosalie half ihm aus dem weißen Unterhemd. Und da sah sie es.
Das Mondlicht schien durch das Fenster herein und offenbarte alles: Narben. Überall auf seinem gesamten Oberkörper.

Feine Linien und wulstige, dicke Striemen. Auf seiner Brust und seinem Rücken.
Rosalie unterdrückte ein lautes Aufatmen und den Drang mit den Fingern darüber zu streichen.
Stille breitete sich aus. Eine unsichere, unangenehme Stille.

„Das ist dein Geheimnis?”, brachte sie zitternd hervor.
„Niemand hat sie bisher gesehen, außer Diana, die sie damals versorgt hat.” Er klang unglaubilch verletzlich. Rosalies Tränen flossen einfach weiter und sie machte sich nicht die Mühe, sie zu verstecken. Er hatte das nicht verdient. „Wer hat dir das angetan?”, kämpfte sie hervor.
Nun streckte sie doch ihre Hand danach aus. Strich sanft über die Schultern hinunter zur Brust.
„Arl Howe”, kämpfte er hervor, „Er hat mich als Druckmittel gegen meinen Vater benutzt. Damals beim Landthing. Die Heldin hat mich gerettet.”
„Dieser Bastard”, schnaubte sie unüberlegt.
„Genau das habe ich auch gerade gedacht.” Ein flüchtiges Lächeln zierte sein Gesicht, was Rosalie zum Weitersprechen animierte: „Es ist in Ordnung, Oswyn. Ich liebe dich deshalb nicht weniger.”
Rosalie kam auf die Beine und drehte ihrem Gemahl den Rücken zu, deutete ungelenk auf ihren Rücken: „Befreist du mich aus diesem Kleid?”
Sie hörte sein lautes Schlucken, ehe er mit brechender Stimme „Natürlich, Mylady” hervorbrachte.
Es dauerte eine zeitlang bis sie die richtigen Schnallen und Knöpfe gelöst hatten und Rosalie sich endlich wieder frei atmend bewegen konnte. „Viel besser”, lächelte sie, wischte sich grob die Wangen trocken und musterte ihren Mann.
Ihren Mann.
Es war so unglaublich. So unwirklich und egal wie ungewöhnlich diese Situation hier gerade war - es war schrecklich schön. Jetzt hier in diesem Moment.

Die Geheimnisse waren ausgesprochen. Nichts stand mehr zwischen ihnen. Endlich konnte Vertrauen wachsen.

Deshalb umarmte sie Oswyn einfach, wartete bis er seine Arme um sie schlang und sein Kinn auf ihrem Scheitel ablegte.
„Ab morgen richten wir unsere Gemächer neu ein. Wir richten unseren Rückzugsort so ein, wie wir es wollen. Damit du nie wieder woanders schlafen musst.”
„Das klingt schön”, hörte sie ihn flüstern.

Ihre Finger fuhren über seinen nackten Rücken, tasteten gezielt nach den Narben, strichen sanft darüber. Dann löste sie ihren Oberkörper soweit von seinem, dass sie ihn direkt ansehen konnte: „Und jetzt küss mich, mein Gemahl.”
„Zu Befehl, Mylady.”

~*~



Ferelden war nachts noch kälter. Er hasste das.
Er hasste diesen Ort. Er hasste die Menschen hier. Am liebsten wollte er Mutter und die wenigen Begleiter nehmen, in die Kutsche verfrachten und abreisen. Wenn es nicht so dermaßen falsch wäre Mutter hierzulassen, würde er auch ohne sie abreisen, dann konnte sie in aller Ruhe ‚die Zeit mit Elaina nachholen’, wie sie es genannt hatte. Dann könnte sie noch länger mit diesem chaotischen Haufen namens Inquisition paktieren. Er verstand nicht, was genau diese Ehrfurcht in den Gesichtern der Menschen hervorrief, die davon sprachen.
Alles, was Robert sah, waren ein gefallener Templerhauptmann, eine verstoßene, in Ungnade gefallene Antivanerin und einen Tevinter-Magister, der höchstwahrscheinlich auch nicht vor Blutmagie zurückschreckte. Insgeheim tat das doch kein Magier, wenn er oder sie verzweifelt genug war.
Im Grunde war die Inquisition also ein Haufen von Außenseitern und Scharlatanen; jeder für sich fehlbar und verletzlich. Schwach.
Aber es wäre für die Abreise zu früh und es würde die falschen Signale senden. Es würde nach einer Flucht aussehen; würde den Konflikt zwischen den Geschwistern an die Öffentlichkeit treiben und beides konnte er sich im Moment nicht leisten. Er würde die zwei Tage hier verbringen, sich dann angemessen vom neuen Familienmitglied und seiner Schwester verabschieden.
Und dann würde er Rosalie lange Zeit nicht mehr sehen.
Das hatte sie ihm eindeutig zu verstehen gegeben.

Rosalie würde Vivienne nicht kennenlernen. Nicht bevor er sie wirklich heiratete. Was würde es denn für ein Licht auf ihn werfen, wenn er seine Schwester nicht einladen würde? Auch wenn er sich das nicht offen zugestehen konnte, schmerzte ihn der Gedanke daran, Rosalies zwangloses, ehrliches Lächeln vermutlich nie wieder zu sehen. Sie würde ihn nie wieder Bruderherz nennen. Ihn nicht mehr umarmen und festhalten. Ihm nicht mehr über den Rücken streichen und immer wieder betonen, dass alles gut wird. Sie würde ihm wohl nicht mehr sagen, dass er ein guter Mensch war.
Und wieder war es dieser Laurin und Vincent, die die Schuld daran trugen.
Er fasste sich ans Kinn, als würde ihm das irgendwie helfen, alles beisammen zu halten, während er das Himmelszelt musterte.
Er verlor sich in den Sternbildern, die er in früheren Zeiten gekannt hatte. Jedes einzelne hatte er früher ohne Probleme erkannt und gedeutet.
Heute war sein Kopf zu voll mit anderen Dingen. Steuern, Goldbeständen, Handelsverträgen, Bürgersorgen, als dass er noch Zeit für irgendeine Tätigkeit, die ihm nichts außer etwas Spaß gebracht hatte.

Gegen seinen Willen wanderte die Hand vom Kinn zu der Kette an seinem Hals; Zeigefinger und Daumen umschlossen den filigranen Anhänger.
Wie hatte dieses kleine Kettchen eine Explosion überstanden? Das wollte ihm einfach nicht in den Kopf.

Ein Räuspern riss ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr herum, bereit sich gegen jeden Angreifer zu wehren, doch er wurde enttäuscht. Es war der Tevinteraner, der da aus den Schatten ins Mondlicht trat. Rob konnte ein Schlucken nicht unterdrücken, die Nähe des Magiers machte ihn wahnsinnig. Schlagartig fühlte er sich unwohl und er war sich ziemlich sicher, dass der Pavus diesen Anflug von Schwäche gesehen hatte.
Rob fing sich recht schnell, räusperte sich, straffte die Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust: „Lord Pavus.”
„Lord Trevelyan.”
„Lord Teyrn Trevelyan”, stellte Rob klar, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen.
„Den Titel verdient man sich. Ihr habt ihn einfach genommen, als er frei wurde.” Ein teilnahmsloses Zucken der breiten Schultern. Rob unterdrückte ein Knurren.
Er würde diesem süffisant grinsenden Tevinterarsch keine Genugtuung vergönnen. Nein.
Als ob er den Titel einfach genommen hatte. Als ob es so einfach gewesen wäre. Einfach, war es bestimmt nicht. Vielmehr notwendig.
„Weil der Vorgänger von Euch und Eurem Bündnis ermordet wurde und irgendjemand sich um Ostwick kümmern muss.”
„Oh, wie warmherzig von Euch. Es muss Euch recht schwer gefallen sein, diese Bürde auf Euch zu nehmen. Inmitten all der Trauer.” Er schüttelte den Kopf und lächelte dabei tadelnd, als würde er mit einem kleinen Kind reden.
Rob wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Pavus sich über ihn lustig machte. Er durfte darauf nicht eingehen. So gern er sich auch verteidigt hätte. Er musste diesem Theater standhalten.
„Väter sind seltsame Wesen, nicht wahr?”, sprach der unhöfliche Magier einfach weiter, „Sie sagen dir, dass sie dich lieben, egal was du auch immer tust. Sie sagen, dass sie immer hinter und zu dir stehen würden”, er hielt kurz inne, ließ eine dramatische Pause zwischen sie treten, ehe er mit einen Finger am Kinn tippend weitersprach, „Was sie nicht sagen ist, dass diese Liebe mit einer Bedingung kommt.”
Er klang nachdenklich; als würde er einen Monolog führen. Rob zischte bloß in die Kälte und ließ die Rede über sich ergehen. Er musste ihm ja nicht zuhören. Er würde ihn einfach ignorieren.
Nicht provozieren lassen. Er durfte seine Trümpfe nicht ausspielen. Niemals.
„Sie sagen dir nicht, dass sie dich mit Enttäuschung strafen, wenn du dann auch wirklich du bist.”
Rob stutzte, der Griff um seine Unterarme wurde stärker. Plötzlich wusste er genau, worauf dieser Magier mit seinem Monolog hinauswollte.
„Dann wollen sie dich plötzlich mit allen Mitteln in die Rolle drängen, für die du geboren wurdest. Sie unterziehen dich Ritualen, um dich zu verändern-”
„Mein Vater hat nichts dergleichen getan. Wagt es nicht, ihn durch den Dreck zu ziehen”, entkam es Rob schärfer als gewollt. Er trat an den Magister heran. Nur wenige Zentimeter trennten ihre Gesichter voneinander. „Ihr nehmt diese Anschuldigung sofort zurück.”
Vater hatte ihm unter größten Anstrengungen den Rücken freigehalten und ihm nie auch nur einen Vorwurf daraus gemacht. Er würde kein böses Wort über seinen Vater kommen lassen. Schon gar nicht von einem dreckigen, arroganten Magier aus Tevinter. Was wusste der schon von Vater und ihm?
Dann schluckte er.
Vielleicht hatte er zuviel verraten…
„Also doch”, ein wissendes Grinsen huschte über sein Gesicht, „Wenn Euer Vater Euch trotzdem geliebt und geachtet hat, dann solltet Ihr weniger Hass in Euch tragen, als Ihr tut.”
„Warum ich wieviel Hass in mir trage geht einen dreckigen Tevinteraner nichts an!”
„Oh, ich höre, ich habe einen Nerv getroffen?!” Sein süffisantes Grinsen brachte Robert zur Weißglut.

„Ist gar nicht so toll, nicht? Für etwas verurteilt zu werden, das man nicht kontrollieren kann.” Der Magister trat noch näher an Robert heran, seine Hand schnellte hoch an Robs Kinn.
Ein Knurren entkam Robs Kehle und er schüttelte die Hand des Mannes grob ab. Er würde sich hier nicht dominieren lassen.

„Genau das macht Ihr mit dem letzten Bisschen Familie, das Ihr noch habt. Ihr stoßt Eure Mutter ab, verbannt Euren Bruder, weil Ihr das Opfer Eures Vaters nicht akzeptieren könnt. Dem nicht genug beleidigt Ihr die eine Schwester, weil sie eine Magierin ist, und die andere - Ja warum eigentlich? Ist sie ein notwendiges Übel? Ein notwendiger Verlust für Euer Spiel? Dann tragt Ihr noch diese Kette um Euren Hals, die Ihr nicht verdient. Ein liebloser, hasserfüllter Idiot von einem Lord hat diese vor schützender Liebe strotzende Kette nicht verdient.” Er ließ ein verachtendes Zischen hören.
„Ich wusste, dass sie verzaubert ist”, murmelte Rob abgelenkt. Er hatte keine Zeit, sich mit dem Rest der Erklärung auseinanderzusetzen. Der Pavus hatte kein Recht sich in seine Belange einzumischen - warum sollte er ihm also zuhören?
„Ihr gebt mir diese Kette wieder. Es sei denn, Ihr wollt, dass Euer kleines Geheimnis an die Öffentlichkeit kommt. Bevor Ihr antwortet bedenkt bitte folgendes”, hob er den Zeigefinger, „Ihr gebt mir keinen Grund, Euch auch nur ansatzweise zu schonen.”
Rob knirschte mit den Zähnen. Die grauen Augen des Magisters durchbohrten ihn. Er spürte das Knistern zwischen ihnen. Wut, Abscheu, Unverständnis.
„Ich werde Sebastian Vael von Eurer Neigung erzählen. Wie wird er wohl reagieren, frage ich mich?” Hätte Robert es nicht besser gewusst, hätte er Dorian einen Tagtraum unterstellt. Er klang, als sinnierte er über die Schönheit von Rosalies Kleid. Verblümt. Absurd, wenn man die Tragweite dieser Drohung betrachtete.

Ein violetter Blitz tanzte über Dorians Handfläche, Rob spürte, wie sich die Kette um seinen Hals in die Luft erhob. Es kitzelte in seinem Nacken. Er hatte keine Wahl. Sebastian durfte nicht von seiner Vorliebe für Männer erfahren. Es konnte das Bündnis gefährden, denn Robert war nicht dumm. Sebastian hatte seine festen Ideale. Und wahrscheinlich würde er Rob unterstellen, ihm wichtige Informationen vorenthalten zu haben. Der Magister hatte ihn in die Ecke getrieben. „Aber warum tut Ihr das? Was haben Sie Euch gegeben, dass Ihr Euch so für sie einsetzt?”
„Eure Geschwister haben jede und jeder für sich ein gutes Herz. Wo Eures verloren gegangen ist, vermag ich nicht zu sagen. Und deshalb habe ich keine Skrupel, Euch der Politik und dem Spiel zum Fraß vorzuwerfen. Denn wenn wir ehrlich sind, verliert bloß Ihr.” Erneut pausierte er einige dramatische Momente lang, ehe er fortfuhr: „Ihr ganz alleine verliert, wenn das Bündnis mit Starkhaven scheitert. Rosalie hat heute geheiratet, sie ist jetzt Teil einer anderen Familie; Vincent habt Ihr all seine Privilegien genommen - nicht dass es ihn zuvor interessiert hätte, was mit Ostwick geschieht - und Elaina? Elaina ist die Inquisitorin. Eine Magierin, die die Welt zum Guten verbessern wird. Auch Ihr schadet es nicht, wenn Ostwick den Bach runtergeht. Also?”
Erneut tanzte ein Blitz über Dorians Handfläche, dann löste Rob den Griff um seine Arme. „Ist ja gut”, murrte er und löste den Verschluss in seinem Nacken.
Kurz berührten sich ihre Fingerkuppen und Handflächen, als Rob die Kette in Dorians Hand legte.

„Ich wünsche Euch, was Ihr verdient, Trevelyan.”
„Verpisst Euch, Pavus.”
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