Geschwisterbande

von LostSalia
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18
Inquisitor (weiblich) OC (Own Character)
21.05.2018
25.08.2019
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Namen

Die Schlafstätten waren hart und ungemütlich. Sowie die letzten drei Wochen schon. Manchmal schliefen sie direkt auf dem Waldboden oder sie kletterten in Häuser oder Scheunen und schliefen auf Dielen, oder in Ställen direkt neben dem Tier. Mittlerweile hatte er jeglichen Anspruch verloren, es nervte ihn nicht einmal mehr.

Der einzige Lichtblick? Dylan und Loran hatten Kontakt zur Inquisition aufgenommen und irgendwo in der Nähe von Tantervale würden sie sich mit Krem und Valora treffen. Bis dahin würden noch einige Tage vergehen. Ein Zurück gab es ohnehin nicht mehr.
„Vince, wenn du dir nicht bald einen Namen ausdenkst, werde ich dir einen verpassen”, scherzte Dylan, brach ein Stück Brot vom Laib und reichte es ihm, „Wenn es nach mir geht, würde dir Karl oder Horst recht gut stehen.” Vincent ignorierte die Spitze in seine Richtung. Er wollte sich doch zusammenreißen. Wutausbrüche konnten sie nun wirklich nicht mehr gebrauchen. „Wozu soll ich meinen Namen ändern? Die Menschen erkennen mich doch ohnehin. Außerdem heiße ich gerne Vincent”, schnaubte er und blickte ins Feuer.
Er verstand schon, weshalb ein Deckname wichtig war. Auch wenn er nicht mehr so aussah wie früher. Dylan und Loran hatten ihm ans Herz gelegt, für die erste Zeit einen Bart zu tragen und die Haare wachsen zu lassen. Im Scherz - er hoffte zumindest, dass es einer war - hatten sie auch Narben im Gesicht erwähnt. Doch fürs Erste hatte er genug davon, sich freiwillig von Freunden verstümmeln zu lassen.
„Wie wär’s mit Farlan?”, warf Loran ein und stocherte nebenher weiterhin in der Glut, „Das klingt nach einer elfischen Hure, wenn du mich fragst”, protestierte Vincent. In Ermangelung eines besseren Vorschlags, blieb er dann aber stumm.
„Du brauchst einen Decknamen. Denk an vorgestern zurück, als du dich bei einem Wirt mit vollem Namen vorstellen wolltest”, tadelte Dylan ihn von der anderen Seite, „Wäre mir nicht ganz plötzlich schwindelig geworden, hättest du uns in Schwierigkeiten gebracht! Wir können nicht sicher sagen, ob und wann dein kranker Bruder aufhört, die Marschen nach dir abzusuchen.”

Vincent schnaubte. Das wusste er doch. Aber er war nunmal kein Farlan oder William oder John oder was-auch-immer-ihm-einfiel. Er war Vincent.

„Und lass dir eine bessere Geschichte als den ehemaligen Lord mit den vielen Weibergeschichten einfallen”, schlachtete Loran das Thema noch weiter aus.
„Schon gut, ich lass mir was einfallen”, kämpfte er zähneknirschend hervor.
„Werd’ dabei nicht zu dramatisch, sonst bleibst du denen noch im Gedächtnis”, beschwor ihn dann auch noch Dylan und da beschloss Vince, dass er darauf so gar keine Lust hatte. Er kam auf die Beine. „Oh, Lordchen ist sauer”, kicherte er weiter, und schürte damit Vincent Unbehagen.
„Fick dich doch, Dylan.”


Er musste nachdenken. „Geh nicht zu weit weg! Ich hab’s satt dein Leben zu retten, Farlan!”, rief ihm Loran noch hinterher und betonte den Namen mit Nachdruck.

Egal, wie beschissen alles am Ende gelaufen war; egal wie leichtfertig er vor einigen Tagen noch gelacht hatte und auf seinen Namen geschissen hatte. Es war unheimlich schwer ihn endgültig aufzugeben. Denn sein altes Leben war nicht nur Rob und Vater. In seinem alten Leben, Vincent Trevelyans Leben, waren auch Laurin, Elaina, Rosalie und Mutter gewesen.
Es klang von außen betrachtet vielleicht total bescheuert, aber irgendwie fühlte sich dieser Deckname und die erfundene Hintergrundgeschichte wie ein Verrat an. Als würde er die Menschen, die er liebte - und das tat er dann doch irgendwie - einfach verleugnen.
Beim Gedanken an Rosalie schnürte sich ihm die Kehle zu. Er würde ihrer Hochzeit nicht beiwohnen können; er würde ihren Geburtstag verpassen. Den ersten Geburtstag, den er nicht miterleben würde. An dem sie keine Torten essen, Bücher lesen oder Schach spielen würden. Keine Blumen. Kein Spaziergang. Kein gemeinsames Lachen. Zumindest nicht als ihr Bruder Vincent.

Aber auch nicht als Farlan, dachte er trotzig.

Das war doch zum Mäuse melken; unnötig und sinnlos. Wie sollte er denn jemals lernen, jemand anderes zu sein?
Der Vincent von vor drei Wochen war ein dämlicher Idiot. Richtig dumm und kurzsichtig.
Hinter ihm knirschten Steine unter Ledersohlen, dann fühlte er die Präsenz seines Freundes Dylan neben sich: „Ich weiß, dass es schwer ist, das alte Leben zurückzulassen. Als Kind beschwert man sich darüber, wie doof sein eigener Name klingt und dass man doch so gern einen anderen hätte. Oder dass man so gerne jemand Anderes sein möchte. Man sagt das so leichtfertig, nicht?” Er atmete laut aus. Vincent murrte eine Zustimmung, dann sprach Dylan weiter: „Glaub nicht, dass Loran und ich dich nicht verstehen, genau das Gegenteil ist der Fall. Wir haben unsere Familien hinter uns gelassen, uns umbenannt. Es war schwer, aber andernfalls würden wir wohl nicht mehr leben. Und ähnlich verhält es sich mit dir.”
„Aber warum denkt ihr euch denn nicht noch einmal andere Namen aus? Rob sucht doch auch nach euch beiden?”, warf Vincent ein.
„Loran und ich haben das schon einmal durch und mittlerweile sind Dylan und Loran die Namen, mit denen wir uns identifizieren. Wir wollen nicht noch einmal durch diese Krise gehen. Außerdem sind wir vorsichtiger und erfahrener als du.” Der Scherz ging in Vincents Gemurmel unter. Warum war Dylan nur so verständnisvoll? Konnte er ihn nicht einfach zurechtweisen, wie es Loran immer tat? Gegen Zurechtweisung konnte er trotzig aufstampfen; bei verständnisvoll vorgebrachten Argumenten gab es kein wütendes Geschrei. Dylan hatte recht.
Vincent seufzte: „Ich hasse es, dass ihr beide mir so voraus seid.”
„Wir haben auch schon ein paar mehr Jahre Lebenserfahrung, Vince.”
„Werde ich jemals wieder Vincent sein? Wenn auch nicht Trevelyan, aber kann ich irgendwann wieder Vincent sein?” Vincent spürte den Kloß im Hals dicker werden; er raubte ihm den Atem. Hinter seinen Augen baute sich ein merkwürdiger Druck auf. Er konnte hier jetzt nicht einfach heulen. Nie im Leben. Er ballte die Hände zu Fäusten.
„Ich kann es dir nicht versprechen. Solange dein Bruder diese Söldner auf dich angesetzt hat, wird das nichts. Und Elaina bringt uns um, wenn du stirbst.”
„Ich werde sie doch ohnehin nie wieder sehen, ohne sie oder die Inquisition zu gefährden”, zuckte er dann die Schultern, „Was hat es dann noch für einen Sinn, mein Leben zu schützen?”
„Du hast dieser Truellin doch ein Versprechen gegeben, oder nicht? Und Elaina wird Krem und Valora nicht umsonst geschickt haben, um uns zu treffen. In den Händen der Inquisition wärst du vermutlich am sichersten. Zuvor muss bloß etwas Zeit vergehen, bis dein Bruder die Lust an der Jagd verliert.”
„Du hast keine Ahnung, wie ausdauernd Rob ist”, schnaubte Vincent.
„Ich glaube, du überschätzt ihn. Es gibt wichtigere Dinge für ihn zu regeln. Das Volk zu beruhigen zum Beispiel. Er hat den Liebling der kleinen Bürger des Titels enthoben. Das ist eine harte Nuss.”
„Ich hoffe, du hast recht.”
Eine Pause trat zwischen sie. Nur ein paar beruhigende Atemzüge, die Vincent nutzte, um sich noch einmal zu sammeln. Um diesen Druck hinter den Augen wegzudenken und zurückzuhalten. Um dieses unbekannte Gefühl von Traurigkeit wieder zu verbannen.
„Weißt du was Farlan bedeutet, Vince?”, murmelte Dylan dann beinahe lautlos.
„Nein. Was denn?” Woher sollte er das denn wissen? Er wusste doch nicht mal, woher der Name kam!
„Es ist eine Abänderung des Wortes Falon, das auf dDalish das Wort für Freund ist. Das ist für Loran ein sehr emotionaler Vorschlag.”
„Freund also”, schmunzelte Vincent nur um kurz darauf von Schuldgefühlen erschlagen zu werden, „Scheiße.”
„Ja. Er hat es gut gemeint.” Dylans Hand legte sich auf Vincents Schulter, dann drückte er zu.
„Ich weiß das. Aber es ist schwierig, mich zu verabschieden”, seufzte dieser zur Antwort.
„Du musst, damit du weiterleben kannst.”


~*~


Ich lade Dich, liebe Schwester, hiermit herzlich zu unserer Hochzeit ein.

Elaina war den Freudentränen nahe. Das Datum war endlich festgelegt, die Hochzeit würde im Ferventis stattfinden. Zum Beginn des Sommers in der Kathedrale von Denerim zu heiraten, passte zu Rosalie. Sie hatte niemals auch nur zu träumen gewagt, eine Hochzeit ihrer Geschwister erleben zu dürfen. Sie zitterte vor Freude; ihr Herz schlug so unfassbar schnell, dass sie sogar das Atmen und weiterlesen vergaß, während sie den Satz immer wieder las. Knapp über einen Monat hatten sie noch Zeit, um etwas vorzubereiten. Ein Geschenk, Kleider. Beim Erbauer! Rosalie heiratet und ich bin dabei!, schoss es ihr durch den Kopf.
Natürlich musste sie mit ihren Beratern darüber sprechen, aber sie bezweifelte, dass Josephine diese Möglichkeit einfach ausschlagen würde.
Außerdem würde Elaina nicht auch noch diesen Meilenstein im Leben ihrer Schwester verpassen.

Nimm gerne etwas Begleitung mit. Das wird bestimmt ein wunderschöner Tag werden.
Wir freuen uns, euch alle wieder zu sehen.
In Liebe,
Rosalie und Oswyn

Warum fiel ihr denn jetzt Garrett ein? Vielleicht weil sie sich zu schnell an den Champion gewöhnt hatte. Vielleicht weil sie seinen Witz vermisste. Seine unbeschwerte Art…
Elaina seufzte und entschied sich dazu diesen Gedanken nicht weiter nachzuhängen und stattdessen den Magier aufzusuchen, den sie auf jeden Fall mitbringen würde. Elaina war erst gestern von der Sturmküste zurückgekehrt, wo sie sich mit Hessarians Klingen - einem tevinischen Kult - verbündet hatte, die sich nun zum Teil an der Sicherung der Küstenlandschaft beteiligten. Elaina hatte es nicht übers Herz gebracht, sie alle zu töten, auch wenn sie die Denkweise dieser Menschen nur bedingt verstand. Offenbar hatte sie sich aber deren Respekt verdient, denn sie hatten sich nach dem Tod ihres Champions nur zu gerne der Inquisition angeschlossen.

Elaina spazierte durch den nun bereits ausgebauten Thronsaal, wo sie bereits Alexius verurteilt hatte. Er war für die Forschung über sowohl rotes Lyrium und den Schutz vor dessen Beeinträchtigung, womöglich sogar Heilung der Infizierten, als auch im Bereich der Somniari betraut worden. Alexius hatte zwar um eine Hinrichtung gebettelt - was an sich schon mitleiderregend gewesen war - aber Elaina konnte ihm diesen Wunsch nicht erfüllen. Nicht nur, dass ihr friedvolles Wesen es ihr verboten hatte; sie war sich sicher, dass Dorian ihr den Schritt nicht verziehen hätte. Und Felix! Dorian und er verbrachten viel Zeit miteinander seither. Das bisschen Zeit, das Felix noch blieb. Deshalb verwunderte es Elaina nicht, dass sie die beiden gemeinsam antraf, als sie die Bibliothek betrat. „Dorian!”, rief sie schon von Weitem. Der Magier wandte sich lächelnd um.
„Elaina!” Er küsste ihre Wange: „Du siehst gut aus. Hast du gut geschlafen?”
„Ohja. Ich habe einen tollen Schlafpartner”, zwinkerte sie ihm zu, dann streckte sie ihm den Brief entgegen, „Rosalie heiratet nächsten Monat und ich wollte dich fragen, ob du mit mir mitkommen willst. Sie bittet darum, dass ich Begleitung mitnehme und wer eignet sich da besser, als du?”
„Cullen? Hawke?” Ein Mundwinkel zog sich in die Höhe, doch Elaina ging nicht weiter darauf ein: „Rose liebt dich. Ich liebe dich. Du kommst mit.”
„Mylady Inquisitor, ich bin nicht bereit für derlei Liebesbekundungen!”, tat er überrascht, nahm dann aber Elainas Hand in seine, „Natürlich beehre ich Euch mit meiner Gesellschaft. Damit das Niveaus dieser Zusammenkunft gehoben wird.” Dorian zwinkerte ihr zu, Elaina umarmte ihn stürmisch: „Ich danke dir!”

Schon seltsam, was nur wenige Wochen der Reise aus Fremden machten. Sie fragte sich oft, was genau es geschehen konnte, dass sie den Magister aus Tevinter - ausgerechnet Tevinter! - so schnell ins Herz geschlossen hatte.
Die Sache in Redcliffe hatte sie beide noch eine Weile verfolgt, er war einer der wenigen, der sie einfach akzeptierte. Der ihr nicht das Gefühl gab, sich für jede Kleinigkeit entschuldigen zu müssen; der sie sogar noch bestärkte immer weiterzumachen.
Als sie ihm von ihrem Einfall mit dem Ritual erzählt hatte, war der Pavus regelrecht an die Decke gegangen. Er hatte ihr an den Kopf geworfen, wie dumm diese Idee doch war und wie engstirnig und egoistisch sie gehandelt hätte. Beides waren Dinge, die sie niemals hören wollte. War doch die Motivation hinter dem Einfall alles andere als das gewesen. Und es hatte sie wachgerüttelt, auch wenn es dazu geführt hatte, dass sie nicht mehr alleine im Nichts war, wenn sie schlief. Da war nun immer Dorian in ihrer Nähe. Offenbar half es auch ihm, besser zu schlafen.

„Liegt dir noch etwas auf dem Herzen? Muss ich wieder irgendjemanden in die Schranken weisen?”, unterbrach Dorian Elainas Gedanken. „Alles in Ordnung. Cullen und ich verstehen uns besser, seitdem wir unsere Abmachung geschlossen haben.”
„Das ist gut, sonst hätte ich ihm noch den Kopf gewaschen und das will er nicht.” Dorian grinste dabei, doch Elaina wusste, wie ernst es ihm war. „Ich kann gut auf mich selbst aufpassen”, schlug sie ihm liebevoll gegen die nackte Schulter, doch er blieb unbeeindruckt und musterte sie mit schelmisch glitzernden Augen: „Du hast genug um die großen Ohren. Und die Bedenken des Kommandanten sind dumm. Irgendwo weiß er das vielleicht sogar.”
„Felix, wie geht es dir?”, wandte sie sich zum anderen Tevinteraner, der die Szene amüsiert verfolgt hatte. Elaina reichte ihm die Hand, wobei sie wieder spürte, wie schlecht es eigentlich um ihn stand. Seine Hand war schweißbedeckt und eiskalt. Die Ringe unter seinen Augen wurden immer dunkler, während seine Wangen mit jedem Tag weiter nach innen fielen. Sie rang das Mitleid allerdings hinunter; er wollte es nicht und war äußerst aufmerksam. Er bemerkte sofort, sobald sich Elainas Freundlichkeit in Mitleid verwandelte.
„Ich fühle mich besser, als ich aussehe”, lächelte er, was bei anderen erzwungen ausgesehen hätte, doch bei Felix lächelten die Augen ständig mit. Egal, wie krank er nach außen hin aussah, er war ein starker hoffnungsvoller Mann, der den Frieden mit seinem baldigen Ableben geschlossen hatte. Gegen die Schmerzen bekam er einiges an Heiltränken, doch Elaina stellte den Konsum nicht infrage. Dieser Mann war verantwortlich dafür, dass sie in Redcliffe eingeschritten waren und dafür sollte er wenigstens in Frieden sterben dürfen. Ohne Schmerzen und in der Nähe seiner Familie.
„Hast du genügend von dem Trank?”, erkundigte sich Elaina, woraufhin Felix nickte: „Ja, natürlich. Adan sieht es zwar nicht gern, wenn ich mir immer mehr hole, aber damit komme ich klar.”
„Er hat seine Befehle. Und du hast es dir mehr als verdient, Felix.”
Elaina tätschelte die knochige Schulter. „Ich trommle noch ein paar Leute zusammen, die mit mir zu der Hochzeit gehen. Ich wünsche euch beiden noch einen schönen Tag.” Sie beugte sich hinunter und flüsterte Felix noch etwas zu: „Kleiner Tipp: Im Garten ist es wunderschön. Mutter Giselle hat sich wirklich Mühe gegeben und ein wahres Wunder vollbracht!”
„Wir werden es in die Tagesplanung miteinbeziehen”, lächelte Felix noch einmal. Elaina kam wieder hoch und sah Dorians schiefes Grinsen. Sie wandte sich ab, ehe er das freche Mundwerk öffnen konnte. Sie wollte die Herausforderung nicht hören.
„Du solltest Hawke schreiben”, rief Dorian ihr noch hinterher, „Vielleicht hat er Lust uns zu begleiten?!”
Elaina verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Als ob ich es gewusst hätte.
Es war vollkommen unmöglich ihn einzuladen - und das stimmte Elaina trauriger, als sie wahrhaben wollte.
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