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Geschwisterbande

von LostSalia
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Inquisitor (weiblich) OC (Own Character)
21.05.2018
20.12.2020
71
266.801
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31.05.2018 4.150
 
Akt 1 : Vier Geschwister


Reise und Ankunft in Haven

Die Reise nach Haven hatte insgesamt drei Wochen gedauert.
Zuerst waren sie nach Kirkwall, dem wohl bedeutendsten Handelsknotenpunkt zwischen Ferelden und den Freien Marschen, geritten, weil sein Vater kein Schiff direkt von Ostwick organisiert hatte. Nicht einmal eine Kutsche hatte sein Vater ihnen zur Verfügung gestellt, dieser gierige Bastard von einem Adeligen. Sogar den fünften Mann hatte er ihm aberkannt! Und das Gold für die Überfahrt von Kirkwall? Richtig, Vince bezahlte alles aus eigener Tasche. Sein Erspartes war somit dahin – und der Hintern tat ihm vom Reiten weh!

Nach einer Woche waren sie in der Stadt angekommen, in welcher die Rebellion der Magier vor einem Jahr ihren Anfang gefunden hatte. Das Attentat des abtrünnigen Magiers Anders hatte zahlreichen Menschen, darunter auch der Obersten Klerikerin Elthina, das Leben gekostet. Auch er hatte die Oberste Klerikerin gekannt und ihren Tod stark betrauert. Diese Frau war eine der wenigen Frauen der Kirche, mit denen er seine Ansichten bereden konnte; eine Frau, die ihn nicht sofort belächelt hatte und die ihm das Gefühl gegeben hatte, dass er in dieser Welt nicht vollkommen verloren war.

Er hatte zuerst den Gehängten Mann angesteuert, eine Taverne in der Unterstadt Kirkwalls, wo man vom Söldner bis zum Adligen jeden antreffen konnte, der nach irgendetwas suchte. Sei es Arbeit, Menschen oder Informationen. Vince brauchte Letzteres um sich zumindest grundlegend auf das Bevorstehende vorbereiten zu können. Viel Zeit hatte ihm sein alter Herr dafür nicht zugesprochen.
Doch vorher wollte er noch einen alten Freund treffen. Er war sofort in die hinteren Zimmer der Taverne gestürzt. Varrics Geschichten retteten stets auch die grausamsten und langweiligsten Abende und er brauchte jetzt eine seiner aufheiternden Geschichten. Darum war er auch zutiefst enttäuscht, als er das Zimmer leer vorfand. Der Zwerg und Autor des Buches 'Knallhart in der Oberstadt' schien genauso wie der Champion ausgeflogen.

Es hatte ihn deprimiert, trotzdem versuchte er, die beiden Tage der Pause angenehm zu gestalten. Seine Kameraden hatten sich in alle Winde der Stadt verstreut, lediglich Laurin war die gesamte Zeit über bei ihm. Den Rest sah er zumeist bloß zufällig, erst abends versammelten sie sich wieder im Gehängten Mann, um Erkenntnisse auszutauschen. Niemand von ihnen konnte auch nur die kleinste Information über ein Konklave in Ferelden erbringen; Kirkwall schien sich vollends aus dieser Sache zurückgezogen zu haben. Vince konnte es ihnen nicht verdenken.

Nach diesen zwei mehr oder minder erholsamen Tagen verließ sein Schiff den Hafen in Richtung Jader, eine Stadt am nordwestlichen Zipfel von Ferelden. Von dort aus mussten sie nur noch das etwas südlich davon gelegene Frostgipfelgebirge besteigen und sie wären angekommen.
Allerdings litten Vince und sein bester Freund und Leibwächter Laurin an Seekrankheit, sodass die fünf Tage auf dem wachen Meer mehr einer Tortur als einer angenehmen Schiffsreise glichen. Die meiste Zeit verbrachten Vince und Laurin unter Deck in ihrer Kajüten, mit den viel zu kratzigen Stoffdecken bis zu ihren Nasen gezogen.
Den Eimer, welchen ihre anderen Begleiter besorgt hatten, schoben sie die Tage ständig zwischen den Kojen hin und her. Dem Erbauer sei Dank, erbarmte sich immer ein anderer ihrer Männer, den Eimer über die Reling zu entleeren.
Er war den beiden Halbelfen und Martin dankbar, dass sie nicht über ihn lachten. Noch schienen sie einen gewissen Respekt gegenüber dem Titel ihres Lords zu haben. Laurin hingegen wurde dafür umso schonungsloser drangsaliert. Was sehr zu Vincents Unterhaltung beitrug; auch wenn sein Lachen zumeist in einem Würgen unterging.

An dem Tag ihrer Ankunft in Jader konnte Vince nicht mehr an sich halten. Er stürzte über den Steg auf festen, von Steinen gepflasterten Boden, nur um sich dort hinzuknien und diesen zu küssen. In dem Moment war es ihm egal, wie dreckig er war. Er selbst war nicht minder schmutzig. Vince war viel zu froh darüber, lebend von dem Schiff heruntergekommen zu sein, als dass er es nicht zum Ausdruck bringen könnte.
„Oh danke Erbauer!“, erhob er lachend seine Stimme gen Himmel. Sein Freund aus Kindertagen tat es ihm gleich. Laurin hatte es schon lange aufgegeben, Vincents Verhalten außerhalb von Ostwick zu kritisieren.
Das Bild, welches er und seine Leibwache abgeben mussten, war ihm herzlich egal. Sollten die Leute doch denken, was sie wollten.
Manch einer würde ihn höchstwahrscheinlich für wahnsinnig halten. In dem Moment war selbst er sich nicht sicher, ob er es denn war.

Wer weiß denn schon, wie dieser gesamte Exkurs ausgeht?

Eine Nacht hatten sie in Jader verbracht, natürlich nicht ohne auch hier Informationen zu sammeln. Allerdings schienen die Fereldaner nicht gesprächiger als die Freimarscher zu sein. Eigentlich sprachen die Einheimischen nicht gerne von sich, schon gar nicht von der ‚Magiersache‘.
Da Informationen sammeln nicht wie gewollt funktionierte, vertrieben sich Vince und seine Männer die Zeit anderweitig.
Richtig, Saufen und Frauen.
Vince rieb sich die Hände beim Gedanken daran, heute den Vergleich zwischen Menschenfrau und Elfin zu ziehen, hatten sich seine Erfahrungen doch auf Elfen beschränkt. Sein Vater hatte es zu verhindern gewusst, dass er den weiblichen Besuch anderer Adelshäuser zu Gesicht bekam.
Wie schon einmal betont: Dieser schmierige, eiskalte Bastard von einem Vater!

Am nächsten Morgen offenbarte ihm Laurin, dass es Zeit wurde, weiterzuziehen, da sie nur noch eine Woche hätten, um Haven zu erreichen.
Das Frostgipfelgebirge, zumindest der Teil, den sie bis Haven besteigen mussten, stellte sich als nicht so beschwerlich wie die Schiffsfahrt heraus.
Mit jeder Stunde, die sie wanderten, wurde es zwar kälter, aber wenigstens hatte er festen Boden unter den Füßen und die meiste Zeit war der Weg sogar beinahe befestigt. Nur selten mussten sie über einen Trampelpfad gehen, meistens wenn Laurin wieder einmal dachte, eine ‚Abkürzung‘ gefunden zu haben.

Der junge Krieger war als eine Art Mündel bei ihnen aufgewachsen. Seine Mutter hatte den Jungen damals auf den Straßen Kirkwall gefunden und seine vorlaute Art hatte sie wohl oder übel an Vince erinnert. Sie hatte ihn kurzerhand mit ins Familienanwesen genommen. Zuerst fristete er das Leben mit den Dienern, doch ziemlich schnell wurde klar, dass der kleine Mann eine Begabung fürs Kämpfen hatte. Die Wachen nahmen ihn unter ihre Fittiche. Der Junge lernte schnell und als er eines Abends im Hof trainierte, stieß Vincent – neugierig wie er damals noch gewesen war – zu ihm. Da nahm ihre Freundschaft ihren Anfang. Mittlerweile konnte sich Vincent ein Leben ohne den Krieger an seiner Seite nicht mehr vorstellen. Wen würde er dann ärgern? Wer würde mit ihm trainieren? Wer würde sich die immer gleichen Geschichten anhören und an den richtigen Stellen lachen?

Laurins Haar war schwarz und etwas länger geschnitten als Vinces, er war genauso groß wie er und auch er hatte selten ein Problem in Sachen ‚Frauen‘. Er besaß ein sehr markantes Gesicht - breiter Kiefer, große Nase, verwegener Drei-Tage-Bart - aber seine großen, runden und beinahe treudoof wirkenden, stahlgrauen Augen, waren sein Ass im Ärmel. Wenn Vincent allerdings darüber nachdachte, war Laurin im letzten Jahr äußerst ruhig geworden, oder er war vom Wachdienst lediglich zu müde. Außerdem war er durch sein ständiges Kampftraining um einiges muskulöser als Vince, aber diesen Trumpf ließ er ihm. Der Trevelyan konnte sich dafür besser artikulieren.
Laurin bevorzugte im Kampf meist das Schwert und seinen Schild, was zwischen den beiden immer einmal zu Diskussionen über den praktischeren Kampfstil entfachte.
Vince genoss die Stänkereien, die er sich nur von Laurin gefallen ließ. Er war sozusagen der Bruder, den er gerne wirklich gehabt hätte. Nicht diesen Schnösel von Möchtegern-Mustersohn Robert.

„Na, Laurin?“, stichelte Vince, als sein Leibwächter zum Stillstand gebot, „Verlaufen?“
Angesprochener blickte hektisch über die Karte, sein Kopf zuckte von links nach rechts. Hin und her.
„Halt die Klappe, Vince.“, versuchte er sich zu erklären. „Wir werden hier erstmal lagern. Es wird bald ziemlich dunkel sein.-“
„Und da du jetzt schon keinen Plan hast, wo wir sind, dachtest du an Schadensbegrenzung? Oder wie?“, unterbrach ihn Vincent süffisant grinsend.
„Nein. Dieser Ort ist bloß gut dafür geeignet. Sieh dich mal um.“ Er machte eine ausholende Armbewegung, „Diese Lichtung ist einerseits durch den Wald rundherum geschützt und andererseits können wir mögliche Tiere schon von weitem sehen, weil sie etwas erhöht liegt.“
„Oh, der Herr Stratege höchstpersönlich!“, lachte Vince und schlug seinem Freund spielerisch gegen die Schulter.
Die beiden Bogenschützen, die sie mit sich führten, waren auf die Jagd gegangen und der Krieger übernahm die Wache, sodass Laurin und Vince das Zelt und Lager aufbauten.


Die Tage und Nächte verliefen die meiste Zeit gleich, bis auf einen Bären und mehrere Wölfe waren keine Zwischenfälle aufgetreten.
Und nun stand er hier, vor den Toren Havens und wusste nicht so recht, wie er sich fühlen sollte.
Das nervöse Herumwuseln der Templer in und außerhalb ihrer Zelte, welche in jedem Rascheln im Gebüsch einen abtrünnigen Magier vermuteten.
Das geschäftige Treiben der Händler, die den Andrang an Menschen für ihren Profit nutzen wollten und wild gestikulierend neben ihren Karren und Ständen standen.
Und dann noch die Zirkelmagier, die in jedem Zucken der Templer eine Herausforderung sahen.

Die Spannung, die in der Luft lag, konnte man beinahe körperlich spüren. Als würde man ein permanentes Knistern in den Ohren hören, wie die Glut an einer Lunte, die unaufhaltsam in Richtung des Sprengstoffes wanderte. Man hatte ständig das Gefühl beobachtet zu werden.
Vincents Nackenhaare stellten sich auf; eine Gänsehaut zeichnete sich auf seinen Armen ab. Und Laurin ging es allem Anschein nach nicht anders, denn der junge, sonst so stolz wirkende Mann machte sich zunehmend kleiner.
„Weichei.“, stichelte Vince noch in die Wunde und stupste ihn mit seinem Ellenbogen in die gepanzerte Seite.
Den anderen drei Begleitern ging es ähnlich. Mittlerweile hatte selbst Vincent es zustande gebracht, sich ihre Namen zu merken.
Loran und Dylan waren beide Halbblüter - halb Mensch, halb Elfe - und bildeten die Fernkämpfer ihrer bescheidenen Gruppe. Die Tatsache, dass sie Halbblüter waren, hatte er am Rande aufgeschnappt, optisch konnte man davon nichts erkennen.
Die beiden waren äußerst schweigsam; redeten die meiste Zeit nur untereinander. Jetzt, da er so darüber nachdachte, könnten die beiden auch Brüder sein...
Was er allerdings sicher wusste war, dass sie gute Jäger waren und ausschlaggebend dazu beigetragen hatten, die wilden Tiere fernzuhalten.
Der zweite Krieger, Martin, war ein Mensch aus mittelprächtigen Lebensumständen. Er erzählte viel und machte regelmäßig aus Mücken Elefanten, aber im Großen und Ganzen gab er einen feinen Kerl ab.

Da standen sie nun: Fünf Mann mit ehrfürchtigen - beinahe ängstlichen - Blicken auf das gewaltige Holztor in der Steinmauer, das den Eingang markierte. Es stand offen, er müsste also bloß hindurch spazieren.
Was hielt ihn also auf? Er war ein Trevelyan, er musste am allerwenigsten nervös sein. Und doch.
Er konnte das Unbehagen, das sich in seinem Körper wie Gift ausbreitete, nicht beschreiben.

„Komm, Mylord.“, sprach sein Leibwächter und ließ ein lautes Schlucken hören.
Auch Vincent schluckte schwer, ehe er einen Fuß vor den anderen durch den seichten Schnee setzte.
Seinen Blick nahm er allerdings nicht von Laurin. Er nannte ihn niemals Mylord. Nicht einmal neben seinem Vater. Die beiden hatten sich schon immer geduzt.
Eine Wache fixierte die Gruppe und griff, wahrscheinlich instinktiv, an seinen schön verzierten Schwertknauf an seiner linken Seite.
„Willkommen in Haven, Mylord. Mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragte der Mann mittleren Alters höflich und doch klang etwas Nachdruck in seiner Stimme mit.
„Lord Vincent Trevelyan, Ser. Und vier meiner Leibgarde.“, sprach er ruhig in gewohnter Adelsmanier. Er bemühte sich um einen sicheren Stand und aufrechte Haltung. Konnte doch nicht so schwer sein!
Der Mann nickte wissend: „Eure Verwandtschaft ist bereits eingetroffen, Mylord. Wir haben Euch allen ein paar Hütten weiter abseits in Richtung der Taverne eingerichtet, wenn Euch dies genehm ist, Lord Trevelyan?“ Bei den letzten Worten zog sich seine rechte Augenbraue kaum merklich nach oben, was für Vince bedeutete, diesmal keine schnippische Bemerkung zum Besten zu geben.
„Das klingt gut. Danke, Ser.“
Vince nickte dem Mann höflich zu, welcher ein bestätigendes Schnauben von sich gab, ehe er mit einer Armbewegung signalisierte, dass sie in das Dorf vordringen konnten.

Als sie das Tor hinter ihnen gelassen hatten, wies ein Schild nach rechts auf den Weg zur Taverne hin.
Vince deutete mit einem Finger darauf und schlug sofort die Richtung ein. Seine Begleitung tat es ihm gleich. Kurze Zeit später erreichten sie eine unscheinbare Hütte aus Holz, deren Dach ebenfalls aus Holzbalken und Stroh bestand und an deren Tür ein Schild hing, auf dem in schön geschwungenen Lettern ‚Trevelyan V.‘ zu lesen war.
Das Gebäude lag etwas abseits, aber nicht zu sehr außerhalb. Die Taverne war nicht einmal fünf Minuten Fußmarsch entfernt. Im Notfall konnten sie sich also gegenseitig hierhin tragen.
Hinter der Hütte hörte er Wasser plätschern. Eine hauseigene Quelle hatte er also auch.
Vince atmete einmal tief durch, ehe er mit einem Ruck die knarzende Türe öffnete und den kleinen Raum betrat.
Er hatte schon besser gewohnt, aber diese staubige kleine Hütte hatte mehr von einem Zuhause als die Villa, aus der er stammte. Unwillkürlich musste er an den Abschied von seiner Mutter denken.

Sie war kurz nach ihm selbst in sein Zimmer gestürmt und hatte ihm ein Lederhalsband mit einem Steinanhänger gebracht. Ihr tränenüberströmtes Gesicht würde ihm wohl ewig im Gedächtnis bleiben. Sie sagte, der Anhänger sei aus Dämmerstein und hätte ihr lange als Glücksbringer gedient. Vince hatte eine nicht ganz ernst gemeinte, abfällige Bemerkung über den rosaroten Schimmer des Steins gemacht, was seine Mutter durch die Tränen lachen ließ.
Instinktiv griff er nach der Kette um seinen Hals und betete stumm zum Erbauer, dass dies nicht die letzte Erinnerung an seine Mutter sein würde. Er hatte sie nach dem Abend nicht mehr gesehen und das war auch gut so. Er selbst hätte wohl niemals den Mut gefunden, wirklich zu gehen, wenn ihm seine Mutter mit einem Taschentuch und Tränen in den Augen nachgewunken hätte.
Unwillkürlich wanderte sein Blick zu seinem besten Freund. Auch er trug ständig eine Kette, leider wusste Vincent nicht, woher er diese hatte. Sie war immer schon um Laurins Hals. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Vince schüttelte das rotblonde Haupt und inspizierte den Raum. Darüber konnte er sich später auch Gedanken machen.
Es schien, als hauste hier eigentlich eine Familie, aber aufgrund des Konklaves wurden sie wohl umquartiert, was sicherlich so etwas Ähnliches wie Felllager in der Kirche bedeutete. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn immerhin war er der Gast in Haven und sollte auf dem Boden schlafen.
Vince war nicht undankbar, das sollte man nicht falsch verstehen, aber es passte ihm überhaupt nicht, dass er besser behandelt wurde als andere.
Bloß, weil er wohl oder übel Glück hatte, der Sohn seines Vaters zu sein. Wenn er sich denn einmal so benahm, dann hatte das stets andere Beweggründe. Meist wollte er damit seine Bettbekanntschaften loswerden – nachdem er sie damit überhaupt erst dazu gemacht hatte. Außerhalb von Ostwick benahm er sich möglichst nicht nach adliger Manier, wobei er es in manchen Situationen trotzdem nicht verstecken konnte.

Es war nicht penibel ordentlich, hier und da lag eine Puppe oder ein Buch auf einem der Tischchen, aber genau das machte für Vince den Charme des Häuschens aus. Durch die Fenster schien die Sonne und man konnte einzelne Staubkörner in der Luft tanzen sehen.
Rechts neben der Tür erstreckte sich eine Küche mit Holzofen und einer Arbeitsfläche, gleich daneben befand sich ein hölzerner Esstisch mit vier Sesseln.
Hatte für ihn eine Familie ausquartiert werden müssen?
Wut sammelte sich in seinem Bauch. Wie klein die Kinder wohl waren? Und sie sollten jetzt in der kalten Kirche schlafen? Gab es noch eine andere Möglichkeit, um möglichst viele Bürger unter zu bekommen?
Vince schüttelte erneut sein Haupt. Er durfte diese Gedanken nicht zulassen, immerhin war er jetzt zwanzig Jahre alt. Er war nun einmal adelig; es sollte ihn nicht kümmern... Und trotzdem fühlte es sich unendlich falsch an.

Sein Blick wanderte in die Ecke, wo das große Bett stand, gegenüber befanden sich zwei etwas kleinere Einzelbetten.
Jetzt war er sich sicher: Er hatte eine Familie ausquartiert!
Er ballte die Fäuste und er spürte Laurins abwartenden Blick in seinem Nacken.
„Wir werden auf dem Boden schlafen, Männer.“, knurrte er durch zusammengepresste Zähne.
Er empfing das zustimmende Grummeln und Nicken seiner Kumpanen und Laurin klopfte ihm anerkennend auf die Schulter: „Es ist besser so, Vince.“

Während sich die Männer daran machten ihre Matten und Decken auszubreiten und den Kamin zu entfachen, entschloss Vince, sich in Haven umzusehen. Vielleicht konnte er sogar in Erfahrung bringen, wem die Hütte gehörte?
Zumindest die Kinder wollte er aus dieser kalten Kirche holen. Oder wo er auch immer seine vermutlich unfreiwillige Gastgeberin finden würde. Immerhin lag hier oben bereits Schnee und der Wind würde bestimmt unerbittlich durch das Gemäuer hindurch und unter die Decken kriechen.
Vincent Trevelyan war vieles gleichgültig, frierende Kinder zählten allerdings nicht dazu.

Er stapfte auf dem mittlerweile platt getrampelten Schnee, der dadurch an manchen Stellen aalglatt war, zuerst zu der Taverne, um sich nach den Besitzern der Hütte zu erkundigen. Es hieß, dort würde bloß eine Frau mit ihren zwei kleinen Kindern leben. Ihr Mann wäre irgendwann einberufen worden. Manche meinten er sei in Denerim, andere wiederum mutmaßten, er wäre sowieso schon längst gestorben, immerhin war er schon länger als ein ganzes Jahr fort.
Dies bestärkte den jungen Trevelyan noch mehr in seinem Vorhaben.
Er verließ die Taverne, nicht ohne ein Bier getrunken zu haben, und schlenderte zu der Kirche, wo er das Schlaflager der ‚Normalsterblichen‘ vermutete.
Er erklomm die eisigen Stufen und ließ den Vorhof der Kirche hinter sich, als er die schwere mit Goldringen und dem Symbol Andrastes verzierte Tür aufstieß.
Was er vorfand, ließ ihn erst einmal schwer schlucken.

Während er und seinesgleichen in den beheizten Hütten dieser Leute lachten, tranken und tanzten, mussten sie selbst hier drinnen frieren. In der linken hinteren Ecke des länglichen Raumes, in dem nicht einmal mehr eine einzige der Sitzbänke Platz fand, brannte ein kleines Kaminfeuer.
Stellenweise blitzte inmitten der Felle der burgunderrote Teppich hindurch, der wohl für gewöhnlich zwischen den Sitzreihen lag.
Auf den Decken saßen wild verstreut einzelne Familiengruppen, wobei die mit Kindern näher am Kamin saßen als andere. Die ältere Generation platzierte sich direkt dahinter, während die jüngeren sich im gesamten Raum verteilt hielten.
Vince schlenderte durch den Raum und fühlte sich in seiner warmen Gewandung und dem Umhang plötzlich seltsam schäbig. Es war so grundlegend falsch, die Familien zittern zu lassen.
Der Rotblonde erntete vielsagende Blicke aus blassen Gesichtern, welche einerseits von Neid und andererseits von Missbilligung sprachen. Vince allerdings ließ sich davon zumindest nach außen hin nichts anmerken, hatte er sein Ziel doch schon ins Auge gefasst: Den Kamin.

Er hockte sich neben eine Frau mit leuchtend roten Haaren, welche ihr Kleinkind von höchstens zwei Jahren auf dem Schoß festhielt.
„Guten Tag. Ich bin auf der Suche nach der Frau, der meine Unterkunft für gewöhnlich gehört.“, sprach er sanft, den Blick auf das Feuer im Kamin gerichtet, „Ich möchte zumindest ihren Kindern einen warmen Schlafplatz bieten.“
Die zierliche Frau neben ihm riss ihre grünen Augen auf, musterte ihn ungeniert vom Scheitel zu den Zehen. Er ließ es geduldig über sich ergehen, konnte sich sogar ein Lächeln abringen!
„Dürfte ich nach Eurem Namen fragen, Lord-?“
„Trevelyan. Vincent.“
„Dann sollte Euer Gnaden mit Sofia sprechen. Ihr gehört das Haus, in dem Ihr untergebracht seid.“, seufzte sie, wohl enttäuscht darüber, dass er nicht ihr ‚Gast‘ war, „Sie sitzt da drüben...“ Ihre Stimme klang bitter, als sie ihren Zeigefinger in die Richtung wendete.
Vince drehte seinen Kopf herum, tätschelte das Kind sanft auf den Kopf und erhob sich.
„Danke für die Auskunft, werte Dame.“, zwinkerte er ihr noch einmal zu; hoffte damit diese Spannung irgendwie zu lösen. Dann steuerte auf die Frau in dem grünen, formlosen Kleid zu.
„Verzeihung, seid Ihr diejenige, die man Sofia nennt?“, fragte er zögernd, während er seine Handfläche auf ihre Schulter legte.
Sofia fuhr herum, ihr Blick fand sofort seinen.
„Wer möchte das wissen?“, beantwortete sie seine Frage mit hochgezogener Augenbraue, während sie ihn flüchtig vom Scheitel bis zu den Zehen musterte. Ihr Mund formte dabei ein angewidertes Lächeln.
„Ich will Euch nichts Böses, werte Dame. Ich bin Vincent Trevelyan,“, begann er, sich vorzustellen, „Und ich lebe in Eurem Haus, was, wenn ich mir die Umstände ansehe, wohl mehr schlecht als recht ist.“ Er machte eine ausholende Armbewegung und zuckte dabei bedeutungsschwer mit den Schultern. Das waren doch keine Zustände hier!
Die Frau unterbrach ihn forsch und zog ihr Baby auf ihrem Arm näher an sich: „Dann seid Ihr ein Lord? Was wollt Ihr dann hier? Hier bei uns normalen Fußvolk?“ Ihre braunen Augen funkelten ihn böse an. Sie dachte wohl, er würde sie an der Nase herumführen; sie gar verspotten.
„Lady Sofia,-“
„Nur Sofia!“
„Nur Sofia,“, begann er erneut, nur dieses Mal schmunzelnd, „Ich bin kein böser Mensch und wollte Euch bitten, mit mir zu Eurem Haus zu kommen. Ich könnte es nicht verkraften, wenn die Kinder frieren müssten, nur weil ein hochnäsiger Arsch, wie ich wohl einer bin, Eure Heimstätte für sich beansprucht.“ Vince holte kurz Luft und musterte den mittlerweile etwas geschockten, beinahe entgeisterten Gesichtsausdruck der Frau vor ihm.
Die Blicke der anderen Mütter um sie herum durchbohrten ihn von allen Seiten.
Als wäre es unerhört, dass er, ein Adliger, mit einer Bürgerin sprach. Neid, Unmut und Missgunst standen ihnen ins Gesicht geschrieben, war es in Form einer nach vorne geschobenen Unterlippe oder zusammengezogenen Brauen. Vincent bemühte sich weiterhin um ein zuversichtliches Lächeln, am liebsten hätte er allerdings ein abfälliges Schnauben losgelassen.

„Wenn Ihr selbst mein Angebot nicht annehmen könnt, dann lasst mich zumindest die Kinder mitnehmen. Lasst Eure Kinder im Warmen schlafen! Ich werde Acht geben, dass Ihnen nichts passiert. Ihr habt mein Wort, nur Sofia.“ Das Lächeln aufrecht zu erhalten wurde mit jeder Sekunde schwieriger, da ihn die Blicke dieser egoistischen Waschweiber von hinter ihm regelrecht erdolchten. Er verstand diese Missgunst einfach nicht. Warum konnte man sich nicht einfach für das Glück eines Mitmenschen freuen? Er konnte doch nichts dafür, dass die anderen Gäste nicht so zuvorkommend und bodenständig wie er waren. Und Sofia und ihre beiden kleinen Kinder hatten es sich auch nicht ausgesucht...
„Lord Trevelyan,“, begann die Frau mit zittriger Stimme nach einer kurzen Pause, „Ich kann Euer Angebot nicht annehmen.“
Ihr Blick wanderte kaum merklich im Kreis herum, als wollte sie ihm bedeuten, den Gedanken weiterzudenken. Er spann ihn ernsthaft weiter, verstehen würde er diese Menschen trotzdem nicht. Eigentlich sollte es Sofia egal sein, was die anderen von ihr dachten.

Vince folgte ihrem Blick und sah die angewiderten, vor Eifersucht und Neid völlig zerfressenen Fratzen der Frauen um ihn herum. Er kniete sich vor die Frau, sah dem kleinen Jungen von vielleicht sechs Jahren, der die ganze Zeit neben ihr gestanden hatte, in die blauen Augen und strubbelte ihm durchs Haar. Einen kurzen Moment genoss er die Ehrfurcht darin, ehe er ihm zuflüsterte: „Pass auf deine Mutter auf, kleiner Mann.“
Er erhob sich wieder und sah in die braunen Augen der Frau vor ihm. Sie schaukelte ihr Baby und hatte angefangen eine Melodie zu summen. Der Lord musste sich eingestehen, dass er niemals genug Platz für jedes der Kinder aufbringen konnte. Selbst wenn er und seine Männer hier in der Kirche schlafen würden.
„Nur Sofia,“, begann er seinen Satz exakt wie zuvor, diesmal mit deutlich weniger Enthusiasmus in der Stimme, „Das Angebot steht. Ihr wisst, wo Ihr mich finden könnt, wenn Euch danach beliebt.“
Mit diesen Worten wandte er sich um und verließ schnurstracks die Kirche, um seiner aufkochenden Wut auf die Menschheit nicht doch noch Luft zu machen.

Nach einigen Stunden und noch viel mehr Maß Bier trugen sich Vince und Laurin gegenseitig von der Taverne zu ihrem temporären Schlafplatz.
Die Szene vom Nachmittag hatte ihn mehr mitgenommen, als er es für möglich gehalten hatte. Vor allem nachdem Laurin ihm alles noch einmal erklärt hatte. Er hatte ihm einen kurzen Exkurs in die 'Vor-Trevelyan'-Zeit seines Lebens geboten, in dem er ihm von der Straße erzählt hatte. Wie hart das Pflaster ganz unten in der Hierarchie war und wie grausam und tröstend eine Dorfgemeinschaft sein konnte. Der Zusammenhalt in der Bevölkerungsschicht richtete sich danach, ob man sich anpassen konnte.
„Fall bloß nicht zu sehr auf. Bunte Vögel bringen Ärger,“, hatte Laurin gesagt, bevor er das Thema abrupt beendet hatte. Vincent kannte es nur aus den adligen Kreisen, wo es sich meist bloß um kostspielige Angelegenheiten handelte. Nur selten kamen persönliche Fehden vor, es ging bloß um Macht und um seine eigene Rolle in diesem perfiden Spiel, das sich Politik nannte.
Es war ein berechnendes und logisches Spiel, bei dem man stets eine gewisse Distanz wahren konnte. Man hatte eine Entschuldigung; Einfluss der Familie, Ländereien, Macht. Oberflächliche Motive, vielleicht waren sie gerade deshalb leichter zu begreifen; leichter zu verstehen.
Irgendwann hatte Vincent es aufgegeben, Laurin über seine Vergangenheit auszufragen und beschlossen, diesem Tag ein ruhiges Ende zu gönnen.

Sie erreichten ihre Schlafstätte und gedanklich bereitete er sich auf den nächsten Tag vor. Er würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf seine Verwandten treffen. ‚Erfolgversprechende Aussichten!‘, dachte er gehässig, während er sich auf den kratzigen Fellen am Boden der Hütte zusammenrollte und beinahe sofort einschlief.
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