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Geschwisterbande

von LostSalia
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Inquisitor (weiblich) OC (Own Character)
21.05.2018
20.12.2020
71
266.801
22
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Dieses Kapitel
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21.05.2018 3.685
 
Prolog

„Vince...“, schnurrte das blonde Elfenmädchen an seiner Schulter. Angesprochener blinzelte einige Male, ehe sich seine Sicht schärfte.
In ihren eisblauen Augen blitzte die Gier nach mehr, ihre Finger strichen sanft über seinen Brustkorb, ehe sich ihre Nägel in seine nackte Haut krallten. Augenscheinlich war sie noch nicht fertig. Er schmunzelte.
Grundsätzlich wäre er nicht gegen eine vierte Runde gewesen, allerdings gab es bei ihm diese eine richtig wichtige Regel: Eine Nacht, nicht mehr - und auf keinen Fall weniger!
Denn eine Nacht erfüllte den Zweck, den er anstrebte.
„Für dich heißt es noch immer Lord Trevelyan. Und lass das, Klingenohr“, zischte er in ihre Richtung, während er ihre Hand grob von seiner Brust manövrierte, „Das hier war nur eine einmalige Sache. So war die Abmachung. Hast du das schon vergessen?“
Sie plusterte ihre hübschen Bäckchen auf, murmelte etwas von „Arschgesicht“ und setzte sich kerzengerade auf. Sie schnaubte noch einmal in seine Richtung, was er mit einem Grinsen erwiderte, weshalb sie wohl noch schneller auf ihre Beine sprang.
Er musterte die Elfe von oben nach unten, verblieb mit seinem Blick dann allerdings an ihrem wohlgeformten Po.
Sie war fast so groß wie er und trotzdem kurviger als manch andere kleinere Elfenfrau. Ihre blonden Haare fielen ihr ohne jede Ordnung über ihren Rücken. Kurz regte sich der Wunsch, sie noch einmal an ihren breiten Hüften zurück ins Bett zu zerren, doch er wäre nicht Vincent Trevelyan, wenn er nicht an diesem Prinzip festhalten würde. Da fiel ihm etwas Wichtiges ein. Er öffnete die Nachtischschublade und nahm einer der Phiolen heraus: Saft von Dörrstängeln. Nicht lange haltbar, doch die hauseigene Alchemistin versorgte ihn nur zu gerne damit. Außerdem gab es da noch immer seine Beziehungen zur Karta, die er im Notfall auch schröpfen konnte. Immerhin hatte er ihnen nicht bloß einmal die Wachen vom Leib gehalten.

„Das hier gehörte auch zu unserer Übereinkunft...“ Er schmunzelte noch immer, als er ihr das kleine Fläschchen zuwarf. Sie entkorkte es und schnupperte daran, verzog den Mund angewidert vom Geruch und setzte einen flehenden Blick auf. „Muss ich-“, begann sie, doch Vince unterbrach sie harsch, „Deal ist Deal. Ich brauche keine Bastarde, die mir noch zusätzlich das Leben schwer machen...“
Wieder ein Schnauben, ehe sie die dunkle Flüssigkeit hinunter stürzte. Dann murmelte sie etwas von: „Das war es nicht wert...“ und wendete sich ihren Kleidern zu.
Er biss sich auf die Unterlippe, um bei ihrem schmollenden Gesichtsausdruck nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Sie war aber auch zu süß! Eine kleine Kratzfurie - sein Rücken konnte ein Lied davon singen - aber vor allem süß. Bei ihren sonst sehr strengen Gesichtszügen, die eher kalt und berechnend wirkten, verbuchte er das als Erfolg seinerseits. Das hatte wohl auch den Reiz ausgemacht. Er wollte die Leidenschaft dieser ruppigen und kaltschnäuzigen Frau entfachen. Jetzt, wo er das geschafft hatte, blieb ihm nichts mehr, außer der Gedanke daran, dass er nicht wusste, wie sie denn überhaupt hieß – wobei ihn das schon lange nicht mehr beschäftigte. Solange er während des Aktes den richtigen Namen stöhnte, schien es zu reichen. Ihm und seinen Bettbekanntschaften.
Er schüttelte seinen Kopf mit den kurzen, rotblonden Haaren und erhob sich selbst von der Matratze, als ein herrisches Klopfen an der Tür ertönte. Der Spaß an der ganzen Aktion schien nun schneller zu ihm zu kommen, als erwartet.
Zeitgleich hatte die Elfe gerade an die Klinke gefasst, schreckte nun aber zurück, als hätte sie sich daran verbrannt. Ihre Augen weiteten sich geschockt und sie zupfte sich in Windeseile sowohl den Stoff ihres einfachen Leinenkleides, als auch ihre Haare zurecht.
„Schon gut“, beschwichtigte er sie und winkte mit seiner rechten Hand ab.
„Ja, bitte?“, fragte er nun etwas lauter in Richtung der Tür, ein wissenden Schmunzeln bereits auf den Lippen.
Anstatt einer Antwort in Form von Worten, wurde die Tür aufgerissen, und herein kam sein alter Herr, der bei dem - leider längst bekannten - Anblick missbilligend schnaubte.
Vincent streckte ihm sein Kinn herausfordernd entgegen und wartete auf eine weitere Reaktion. Noch immer saß er aufrecht in seinem Bett, und spielte derweilen mit dem Gedanken einfach aufzustehen um seinem Vater den nackten Hintern zu präsentieren. Ihm entkam ein Schmunzeln, als er daran dachte, hielt sich aber trotzdem zurück.
„Beim Erbauer! Schon wieder, Vincent?“, begann das Oberhaupt der Familie Trevelyan seine Moralpredigt, „Kannst du ihn nicht einmal in der Hose behalten?“
Gregor Trevelyan, Teyrn des Stadtstaates Ostwick, rieb sich mit der linken Hand schnaubend den Nasenrücken, während er die Elfe angewidert musterte, die neben ihm immer mehr in sich zusammensank, hatte sie es hier doch mit ihrem Lord zu tun. Einem Lord, der noch um einiges weniger für das unterdrückte Volk der Elfen übrig hatte, als manch anderer seiner adligen Kumpanen. Kerzengerade stand er im Türrahmen, sein roter Samtumhang verdeckte die rechte Seite des noch teureren, schwarzen Hemdes, das er trug. Immer wieder bewunderte Vince diese Erscheinung, denn wenn sein Vater einen Raum betrat, hielt jeder den Atem an. Diese Authorität, die er mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlte, ließen jedem die Knie weich werden. Jedem außer Vince. Er hatte über die Jahre gelernt, ihm standzuhalten. Zumindest solange es nur um ihn selbst ging.

„Siehst du doch!“, lachte er auf und deutete auf das Mädchen, „Was willst du, Vater?“
Dann stand er doch auf, drehte sich seelenruhig zu seinem Kleiderschrank und öffnete ihn. Er streifte sich eine Hose und ein Hemd über, vollkommen entspannt darauf wartend, was da denn noch kommen mag. Gegen das schiefe Grinsen, das seinen schmalen Lippen zierte, konnte er nichts machen. Er ärgerte den alten Mann nur zu gerne. Mit elfischen Bettgeschichten war das ein Leichtes. Es gab einen süßen, befriedigenden Beigeschmack zum Vergnügen in der Nacht.
Da konnte der Alte noch so oft die Belegschaft austauschen, es fiel ihm nicht schwer, die Frauen für sich zu gewinnen. Bei dem Gedanken wurde sein Grinsen noch breiter und wären da nicht seine Ohren, hätte er im Kreis gegrinst.
„Geh deines Weges, Klingenohr!“, polterte er in Richtung des Mädchens, welches verschüchtert an ihm vorbei aus dem Raum schlüpfte. Natürlich nicht, ohne Vincent noch mit einem eiskalten Blick zu bedenken.
Vincent ließ sich davon nicht irritieren und fragte noch einmal: „Was ist denn so wichtig, dass du in aller Frühe hier herumwetterst?“
Die Brauen des Teyrns zogen sich zusammen. Die dunkelbraunen Augen richteten sich auf seinen Letztgeborenen, durchbohrten ihn mit wütender Strenge. Das breite Kiefer, welches Vince von ihm geerbt hatte, mahlte die Worte, die er versuchte hinunterzuschlucken. Er schnaubte noch einige Male, ehe er sich scheinbar doch wieder sammeln konnte, um zum Punkt zu kommen.
„Erst einmal ist es bereits mittags. Und zweitens: Ich werde dich fortschicken -“
„Geht's wieder nach Kirkwall?“, unterbrach ihn sein Sohn kurzerhand.
Er hatte ihn immer wieder einmal nach Kirkwall geschickt, und war es bloß zur ‚Ausbildung seiner Fähigkeiten‘ gewesen. „Um ein guter Templer zu werden,“, waren die Worte des Familienoberhauptes gewesen. Natürlich! Als ob er ein Templer werden würde! Bis jetzt hatte ihn seine Mutter vor der Ausbildung bewahren können; Er wäre ein besserer Händler als Templer, hatte sie stets behauptet. Und Vince war ihr unendlich dankbar dafür.
Der Blick des mittlerweile Grauhaarigen - von den einst braunem Haar, zeugten nur noch wenige dunklere Strähnen - verfinsterte sich noch mehr, falls das denn noch möglich war, und er presste seine Zähne aufeinander: „Nein, es wird nicht Kirkwall sein. Näheres erfährst du beim Abendessen, zu dem du heute ausnahmsweise pünktlich erscheinst.“ Seine Stimme war ein Knurren. Er dachte allem Anschein nach, damit bei dem jungen Mann Eindruck schinden zu können. Wie oft würde der Alte noch versuchen, ihn einzuschüchtern, bevor er verstand, dass er sich nicht von ihm dirigieren ließ?

Vincent schmunzelte bloß: „Ausnahmsweise werde ich da sein, Vater.“
Würde er nicht erscheinen, würde der alte Herr seine angestauten Aggressionen an seiner Mutter auslassen. Das konnte er nicht verantworten. Niemals wieder in diesem verdammten Leben.
Außerdem war er dann doch neugierig, was ihm sein Vater denn Wichtiges mitzuteilen hatte.

Der Nachmittag verging erstaunlich schnell, hatte er doch genug zu tun.
So schlenderte er durch die alten Gemäuer des Sitzes, besuchte das Badehaus - natürlich nicht ohne sich bei den männlichen Bediensteten unbeliebt zu machen, indem er die Mädchen laufend mit seinen anzüglichen Bemerkungen in Verlegenheit brachte - und traf sich mit seinen Kontaktmännern in den Kellern des Anwesens. Schon lange hatte er sich dank der Ausflüge nach Kirkwall ein Netzwerk im Untergrund aufgebaut, um verschiedenste Waren zu transportieren. Bloß aus dem Lyriumschmuggel hielten sie ihn raus. Er wusste, dass einige Schmuggler in den Kellergängen des Anwesens und den daran angrenzenden Abwasserkanälen Lyrium vom oder in den Zirkel von Ostwick transportierten, mehr Information drang aber nicht an seine Ohren. Das war auch schon der einzige Punkt, der ihn an dieser Geschäftsbeziehung störte. Immerhin versorgten sie ihn mit den edelsten Wein- und Schnapssorten aus ganz Thedas. Dafür musste er ihnen bloß die Wachdienstpläne zukommen lassen, damit sie ungestört in den Kellergewölben und Kanälen schmuggeln konnten. So gewannen beide Seiten.
Im Großen und Ganzen konnte Vincent also behaupten, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Er verschwendete auch nur selten einen Gedanken daran, wo er eines Tages landen würde. Das lag sowieso in anderer Leute Entscheidungskraft. Auch wenn er seinem Unmut so lange Luft machen würde, bis die werten Damen und Herren die richtige Entscheidung treffen würden.
Er traf sich auch mit seinem besten Freund und Leibwächter Laurin, der ihn mit seinen eigens gekauften Dolchen trainierte. Wofür? Vincent suchte einfach nach Beschäftigung in diesem langweiligen Loch der Politik. Er hatte es satt, sich ständig Belehrungen anzuhören, die Geschichte von Thedas zum tausendsten Mal zu lesen und irgendwann wurde das Bezirzen der Dienerinnen auch langweilig. Letzteres fiel ihm mit den Muskeln, die er sich durchs Training aneignete, noch leichter.

Nun stand er vor der Tür in die große Halle, in der sie immer speisten, so herausgeputzt, wie es sich für einen Adligen gehörte. Vince trug über seinem schlicht weißen Leinenhemd ein burgunderfarbenes Stoffwams, welches silberfarbene Knöpfe zierten, und eine schwarze, enganliegende Hose, deren Enden in seinen Stiefeln verborgen waren. Sein Haar, welches am Oberkopf etwas länger als an den Seiten war, hatte er nicht sonderlich fein frisiert. Wie denn auch, wenn die längeren Strähnen nicht länger als zwei Fingerbreit waren? Aber seinen Drei-Tage-Bart hatte er rasiert, es war immerhin ein besonderer Anlass, wenn ihn der alte Herr einmal dabei haben wollte. Für gewöhnlich ging Vincent später zum Abendessen und traf dann allerhöchstens auf seine Mutter, die diese Angewohnheit bereits zu gut kannte und meistens auf ihn wartete.
Er atmete einmal tief durch, wappnete sich für das bevorstehende Schauspiel und öffnete in einem Schwung die Tür. Vince ließ den Blick durch den hohen Raum streifen, atmete den vertrauten, modrigen Duft ein. Die Dachbalken mussten dringend erneuert werden, schon zu viele Jahre hatten sie auf dem Buckel. Die weißen Wände wirkten kalt, und auch wenn das Feuer im Kamin zu seiner Rechten prasselte und Familiengemälde über den gesamten, länglichen Raum verteilt hingen, änderte es nichts an diesem Eindruck. Ein ‚Zuhause‘ sollte anders aussehen.

Seine Mutter und sein älterer Bruder, der das Vorzeigestück der Familie darstellte, saßen bereits an der mit Silberbesteck gedeckten Tafel und unterhielten sich angeregt über Politisches. Wie zum Beispiel den Aufstand der Magier. Die Rebellion.
Für ihn war das schon immer absehbar gewesen, er selbst würde sich auch nicht in einen Zirkel sperren lassen. So wie sein Vater es mit seiner Schwester getan hatte, um die es nun schon sechzehn Jahre still war. Der jüngste Trevelyan war sich nicht sicher, ob Elaina mittlerweile die Läuterung bestanden hatte, oder ob sie eine Besänftigte war oder ob sie überhaupt noch lebte. Die Karta hielt ihn aus den Zirkelgeschäften heraus, seine Mutter und sein Vater behielten Stillschweigen und den anderen beiden Geschwistern schien es egal zu sein, was mit ihrer Schwester vor sechzehn Jahren passiert war. Sie machten einfach weiter.
Um sich aus diesem Gedankenstrudel herauszuziehen, versuchte er ernsthaft sich am Gespräch zu beteiligen. Doch Politisches war ihm zu langweilig, es zählte bloß Etikette und der Schein. Was wirklich hinter geschlossenen Türen passierte, wollte doch sowieso keiner wissen! Davon konnten die Trevelyans ein Lied singen; ein Lied, so lang wie der Gesang selbst.
Vincent schüttelte seinen Kopf, während er über den kalten Steinboden ging und setzte sich an die rechte Seite seiner Mutter, welche ihm zum Gruß auf die Wange küsste.
„Guten Abend, Vince. Wie war dein Tag?“, schmunzelte Elaine Trevelyan.
Sie wusste ganz genau, dass er es heute wieder einmal auf die Spitze getrieben hatte. Dass sie trotz allem noch so ein strahlendes Lächeln zustande brachte, bewunderte Vincent. Hatte Elaine Trevelyan doch nicht die beste Karte mit ihrem Leben gezogen. Zumindest sah dies von seiner Warte so aus.
„Das weißt du doch ganz genau, Mutter!“, schnitt Robert ihm das Wort ab, als Vincent gerade den Mund öffnen wollte. Er schien wahnsinnig aufgebracht. Ein weiterer Aspekt, der Vince wohl oder übel unterhielt. Vincent hätte noch einen Faustschlag auf den Tisch erwartet, doch der blieb aus, was ihm wiederum ein Lächeln entlockte. Robert musste sich ihrem Vater gegenüber zurückhalten. Sonst war sein Bruder eine exakte Kopie des Familienoberhauptes, bloß fünfundzwanzig Jahre jünger.
Robert funkelte Vince mit diesem Anflug von Arroganz und schierer Überlegenheit an, den ein Alleinerbe nun einmal an den Tag legte. Seine Welt; sein Leben gehörte ihm. Jeder Quadratmeter der Villa und der Titel des Teyrn würde eines Tages; einfach alles.
Vincent und seine beiden Schwestern würden leer ausgehen. Nicht einmal den Sommerlandsitz oder die restlichen Ländereien würden verteilt werden. Alles gehörte Robert Trevelyan, Goldjunge und Arschkriecher der Meisterklasse.
Eigentlich hätte seine Schwester, die nach ihrer Mutter benannt war, den Landsitz geerbt, während Robert der Teyrn werden sollte. Leider war Elaina magiebegabt und somit hatte Vince sie seit er sieben Jahre alt war, nicht mehr gesehen. Sie lebte im Zirkel von Ostwick und Gregor hatte sämtlichen Kontakt untersagt.
Rosalie, die Drittgeborene der Trevelyans, hingegen war bereits mit dem Sohn eines Bann versprochen, bei dem sie sich auch zu der Zeit befand. „Um ihn besser kennenzulernen“
Wenigstens sie hatte ein gutes Los gezogen, denn ihr Versprochener schien ein feiner Kerl zu sein. Er war zwar etwas älter als Rosie und während der fünften Verderbnis hatte er einiges einstecken müssen, doch er schien eine gute Partie darzustellen. Zumindest sie könnte eine Chance haben, es zu etwas zu bringen. Vielleicht konnte sie sogar glücklich werden. Warum nur konnte er sich an keinen Namen erinnern? Vermutlich lag es an Ferelden, dessen Adelshäuser er sich wohl niemals merken würde.

Der Jüngste hielt dem Blick des Ältesten stand, bis ihre Mutter ihre Hände zwischen die beiden warf und sie zur Ordnung berief: „Könntet ihr wenigstens beim Essen das Kriegsbeil begraben?“
„Ja, Mutter.“, wendete Vince den Blick in die grünen Augen seiner Mutter und lehnte sich wieder zurück.
„Das Muttersöhnchen durch und durch. Du verdammter Welpe!“
Robert nannte Vince immer ‚Welpe‘, obwohl zwischen ihnen beiden nur sechs Jahre des Altersunterschieds lagen. Und er wusste genau, dass Vincent diesen Spitznamen hasste.
„Robby, spiel‘ nicht mit meiner Geduld...“ In ihm brodelte es, sein Unterkiefer mahlte die unausgesprochene Drohung. So sehr ihm die Sticheleien seines Vaters egal war, so sehr reizten ihn die seines älteren Bruders. Er wusste, dass er sich diese Eigenschaft mit den anderen männlichen Trevelyans teilte. Zugeben würde er dies allerdings niemals... Niemals...
„Schluss! Aus! Alle beide!“, versuchte Elaine erneut zu schlichten, „Beim Erbauer! Ihr seid Brüder!“
Wenn die Blicke der beiden Männer am Tisch töten könnten, beide wären in just dieser Sekunde von ihren Stühlen gefallen.
Doch bevor einer noch etwas erwidern konnte, streifte ein kalter Windzug Vincents Nase, als sich die große Tür öffnete und der Teyrn den Raum betrat. Gemächlichen Schrittes und mit einem siegessicheren Blick in Roberts Richtung, der diesen mit einem freudigen Nicken erwiderte, stolzierte er durch den Raum. Sein Blick zuckte keinen Moment zu seinem jüngsten Kind oder seiner Frau. Er fixierte bloß seinen einzigen Erben. Seinen ganzen Stolz!

Vincent verspürte den Drang sich mitten über den gesamten Tisch zu erbrechen, auch wenn das die weiße Tischdecke, die silbernen Kerzenhalter und das edle Besteck eingesaut hätte. Selbst wenn er es selbst hätte waschen müssen. Die Verlockung, den Blick seines Vaters zu sehen, wenn er dies tat, war beinahe zu groß.
Doch weil seine Mutter mit im Raum war, riss er sich zusammen.
Um ihr Leid zu ersparen.
Elaines Hand legte sich auf seine linke, die auf seinem Schoß unter dem Tisch lag, so als hätte sie seine Gedanken gelesen und wollte sich jetzt dafür bedanken, dass er diesem Drang nicht nachgab. Ihr rotblondes, schulterlanges Haar fiel ihr in leichten Wellen in das schmale Gesicht, als sie ihren Kopf in seine Richtung drehte und ihn warm und verständnisvoll anlächelte.
Nach einer gefühlten Stunde, die sein Vater zu seinem Platz am Tischende brauchte, setzte sich dieser endlich und verlangte lautstark nach den Küchenhilfen, die das Essen auftischen sollten.
Die Elfenmädchen, von denen Vincent mindestens die Hälfte bereits nackt gesehen hatte, brachten die Mahlzeit.
Er selbst konnte sich das Grinsen nicht verhalten, als jede einzelne seiner Bettbekanntschaften dunkelrot anlief. Auch sie waren es nicht gewohnt, dass der junge Lord beim Auftischen der Speisen anwesend war. Seine Mutter tadelte das mit einem nicht ganz ernst gemeintem Zwicken in seinen Unterarm, sein Vater schnaubte bloß verächtlich, konnte er es doch nicht verhindern. Auch wenn er noch fünfzig neue Dienstmädchen einstellte. Vor Vincent wären sie nicht sicher, zumindest solange sie ihn ließen.

Quälend langsam ging das Essen vonstatten, bis das Oberhaupt zum Zeitpunkt des Nachtischs endlich das Wort erhob.
„Um gleich zum Punkt zu kommen -“
„Endlich erweicht sich seine Erhabenheit, uns sein Anliegen mitzuteilen...“, murmelte Vincent ohne nachzudenken, wofür er sofort böse Blicke der beiden anderen Männer am Tisch erntete.
„Wenn du vorlautes Balg nicht die Vorliebe hättest, mich ständig zu unterbrechen, wären wir schon viele Male früher fertig gewesen!", polterte Gregor über den Tisch hinweg und funkelte ihn einige Sekunden wütend an.
„Dachte, du wolltest zum Punkt kommen, alter Mann?“, provozierte er den Teyrn noch zusätzlich. Seine Augen zuckten kurz, während sich sein Mund für einen Protest öffnete, doch dieser ging in einem lautstarken Ausatmen unter.

Vincent genoss es, wenn er den Alten so aus der Fassung brachte. Ein siegessicheres Lächeln schlich sich auf seine Züge, während sein Bruder mit den Zähnen knirschte, was das Lächeln zu einem Grinsen werden ließ.
„Vincent, du wirst nach Ferelden aufbrechen. Morgen schon.“, begann er nun wieder seelenruhig ohne weitere Umschweife. Er legte eine dramatische Pause ein, lauerte auf Vincents Reaktion.
Dieser zuckte allerdings bloß mit den Schultern, ließ seine innere Unruhe nicht nach außen: „Was mache ich in Ferelden?“
„Dem Konklave beiwohnen.“
„Konklave?“
„Dabei wird nach einer Lösung im Magier-Templer-Konflikt gesucht. Du sollst zusammen mit einigen unserer Verwandten aus der Kirche unsere Interessen vertreten. Es wird im Tempel der heiligen Asche stattfinden, also nimm dir warme Gewänder mit! Außerdem werden auch ein paar der wichtigsten Magier vertreten sein. Genauso wie die Göttliche Justinia."
„Warum schickst du dann nicht deinen Goldjungen hin? Um Beziehungen aufzubauen oder ähnlichen Schwachsinn...“, zwinkerte der Jüngere seinem Bruder herausfordernd zu.
„Weil Robert hier gebraucht wird.“, war die bescheidene Antwort des Alten. Völlig gelassen kaute er seinen Käsekuchen, wartete auf die Reaktion seines Jüngsten, die er sich erhoffte.
„Sag‘, was du wirklich denkst, alter Mann...“, sprach Vincent lauernd. Er hoffte darauf, seinem Vater die Worte zu entlocken, die er für gewöhnlich so gut umschiffen konnte.
„Und was sollte das sein, Vince?“, grinste er süffisant. Er genoss den Moment in vollen Zügen und versteckte dies nicht, was den jüngsten am Tisch noch weiter provozierte.
„Du fürchtest, dass deinem Goldjungen etwas geschieht. Ich bin der entbehrliche Trevelyan!“
Gegen seinen Willen bebte Vincents Stimme, aber nicht voll Traurigkeit. Feurige Wut spiegelte sich in seinen Augen, seine Hände hatte er bereits zu Fäusten geballt.
Er hatte sich niemals Liebe von seinem Vater erhofft, oder gar so etwas Sentimentales wie Sorge um sein eigen Fleisch und Blut. Sofern es ihn betraf, durfte er nicht damit rechnen. Warum also verwunderte es ihn noch immer, wenn ihn sein Vater wie den letzten Dreck behandelte?
Am Ende war er auch bloß eine verdammte Schachfigur im Spiel seines Vaters.


Templer, Magier und wichtige Adlige auf einem Haufen?
Und wo beim verdammten Magister lag denn bitte Haven?
Dieses Konklave schrie nahezu nach einem Reinfall, nach einer erneuten Eskalation. Und ausgerechnet dort schickte der Teyrn Vincent hin. Den Trevelyan, der theoretisch nichts mit Politik und Etikette am Hut hatte. Den Trevelyan, mit dem wohl schlechtesten Ruf in ganz Thedas.
Den Trevelyan, der noch keine Position im Hofstaat übernommen hatte.
Vielleicht, dachte er bei sich, war dies die Möglichkeit für den Teyrn, Vincent endgültig loszuwerden.
Dann hätte Gregor Trevelyan eine Sorge weniger, ein Maul weniger zu stopfen und könnte seinen Jüngsten noch als so etwas wie einen Helden verkaufen. Oder er würde Vincent schlicht und ergreifend unter den Teppich kehren. Er würde vergessen werden. Nur noch ein Name in irgendeiner Aufzeichnung eines Familienstammbaumes.
Vincent wusste genau, wie sein Vater mit unerwünschten Annehmlichkeiten umging. Ob dies auch bei seinem eigen Fleisch und Blut der Fall war, konnte Vincent weder bestätigen noch widerlegen.

Ich werde es wohl oder übel erleben...

Doch was würde passieren, wenn gar nichts geschah?
Wenn entgegen seiner Erwartung eine Lösung gefunden wurde?

Die Hand seiner Mutter drückte seine und Vincent wusste, dass sie es ebenfalls wusste.
Er entriss eine Faust aus Elaines Griff, sprang auf und schlug hart gegen die Tischplatte. Kelche und Teller vibrierten, die Kerzen schwankten bedrohlich, doch davon ließ er sich nicht beirren. Vince funkelte seinen Vater an und mit jeder Sekunde schien seine Körpertemperatur ins Unermessliche zu steigen.
Er stemmte sich gegen die Enttäuschung, die sich gerade in ihm breit machen wollte, drängte sie mit aller Kraft zurück. Er würde es den alten Mann nicht bemerken lassen. Dieser kleine Wutausbruch eben sollte reichen.

„Morgen reitest du mit fünf Mann los.“, gab der Teyrn noch kühl zur Information, während Vincent sich zur Tür wandte. Es kostete ihm alles an Beherrschung, die er aufbringen konnte, seinem Vater nicht anzuschreien oder seinem Frust erneut Luft zu machen.

‚Dem Alten konnte es wohl nicht schnell genug gehen...‘, dachte er noch bitter, ehe er durch den Raum ging und die Tür hinter sich lautstark ins Schloss fallen ließ.

Zuerst würde er sein Nötigstes packen und dann würde er sich betrinken.

Definitiv.
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