Die Krone von Dargaros

GeschichteFantasy / P12
19.05.2018
02.07.2019
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Das Konzept für die folgende Fantasy-Geschichte liegt schon sehr lange in meiner Schublade, doch während der letzten Tage hat es mich so beschäftigt, daß ich beschlossen habe, mit der Niederschrift zu beginnen (obwohl noch genug andere Texte in Arbeit sind). Allerdings muß ich alle interessierten Leser um Geduld bitten; da ich auch meine anderen begonnenen Werke nicht vernachlässigen will, kann es durchaus mal länger dauern, bis es ein neues Kapitel gibt. Trotzdem wünsche ich viel Vergnügen damit!



DIE KRONE VON DARGAROS



Erster Teil


BALDORS LETZTES SCHULJAHR



Der erste Schultag


Baldor Bolgoras saß am frühen Morgen an dem kleinen Tisch, der in seinem Zimmer stand und tauchte eifrig die Feder in sein Tintenfaß. Vor ihm auf dem Tisch lag der schmale Gedichtband, den seine Mutter ihm am Vortag zum Geburtstag geschenkt hatte, doch im Augenblick galt seine Aufmerksamkeit nicht der darin enthaltenen Auswahl von Gedichten der berühmtesten gartonischen Dichter, sondern dem Baum vor dem Haus, den Baldor sehen konnte, wenn er aus dem Fenster blickte. Die Krone des Baums erinnerte Baldor immer an den Kopf eines Pferdes - besonders in der Dunkelheit. Sein Vater und seine drei Brüder sahen dagegen einfach nur einen Baum und pflegten Baldor daher als Träumer oder sogar als Traumtänzer zu bezeichnen, und vor allem sein Vater tadelte ihn oft dafür, daß er solchen Spinnereien nachhing. Baldor war jedoch nicht gewillt, sich seinen Tagtraum nehmen zu lassen, und daher schrieb er nun selbst an einem Gedicht über den Pferdekopf, den offenbar außer ihm niemand sehen konnte.
Es war bei weitem nicht das erste Mal, daß Baldor ein Gedicht schrieb; tatsächlich hatte er im Verfassen von Versen bereits einige Erfahrung, und daher kam er gut voran. Schließlich legte er die Feder aus der Hand und las sich das Ergebnis durch:

Vor meinem Fenster steht ein alter Baum,
In dessen Krone ich ein Pferd erblicke;
Ich sehe es gestriegelt und im Zaum,
Und manchmal dünkt es mir, als ob es nicke.
Wenn dann der Wind noch durch die Blätter fährt,
Scheint es mir oft, als hörte ich es schnauben;
Und da mein Geist von solchem Trug sich nährt,
Laß ich das schöne Bild mir auch nicht rauben.
Gewiß, die meisten sehen Blattwerk nur,
Wo ich ein stolzes Roß zu schauen wähne;
Und dennoch ist das Pferd nicht Täuschung nur,
Wenn es zurückblickt mit der schönen Mähne!
  In jedem Dichter steckt ein kleines Kind,
  Das Dinge sieht, die sonst verborgen sind.

Baldor lehnte sich in seinem geflochtenen Stuhl zurück; er war recht zufrieden mit seinem Werk. Ihm war natürlich bewußt, daß sein Gedicht mit den Werken in dem Band, der vor ihm lag, bei weitem nicht konkurrieren konnte, doch schließlich war er gerade einmal 16 Jahre und einen Tag alt und hatte noch viel Zeit, um ein wirklich grandioser Dichter zu werden.
Die Stimme seiner Mutter riß ihn aus seinen Gedanken heraus: „Baldor! Wo bleibst du denn nur?“
Baldor erhob sich vom Stuhl, ging zur Zimmertür, öffnete diese und trat dann in den nicht besonders großen Raum ein, der von der Familie Bolgoras als Küche, Eß- und Wohnzimmer gleichermaßen benutzt wurde. Weder von seinem Vater noch von seinen Brüdern war etwas zu sehen; offenbar waren sie bereits mit den Schafen auf dem Weg zu den Weiden. Nun verstand Baldor den ermahnenden Ton seiner Mutter; er war tatsächlich spät dran und mußte sich beeilen, wenn er nicht zu spät zur Schule kommen wollte - und er legte wahrlich keinen Wert darauf, sich gleich am ersten Schultag nach den Ferien eine Tracht Prügel einzuhandeln.
Als seine Mutter ihn nun bemerkte, sah sie ihn mit ihren grünen Augen sehr durchdringend an und meinte mißbilligend: „Was hast du denn nur in deinem Zimmer wieder getrieben?“
„Ich habe ein Gedicht geschrieben.“
„Daran ist ja nichts zu tadeln, aber dafür gibt es doch bessere Zeitpunkte.“
„Ja, Mutter“, räumte Baldor ein. Während er seiner Mutter ins Gesicht schaute, bedauerte er wieder, daß er lediglich ihre grünen Augen geerbt hatte, nicht aber ihr braunes Haar; im Gegensatz zu Tisbolt, Goldamur und Melon, die alle braunhaarig wie ihre Mutter waren, hatte Baldor als einziger der vier Brüder das rote Haar seines Vaters geerbt, dem er ohnehin erstaunlich ähnlich sah. Diese Ähnlichkeit war indessen rein äußerlich, denn innerlich war Baldor eindeutig der Sohn seiner Mutter, die neben ihm die einzige in der Familie war, die Poesie etwas abgewinnen konnte, während sein Vater und seine Brüder dafür nichts übrig hatten. Wenigstens hatte Baldors Vater sich in diesem Sommer endlich damit abgefunden, daß sein jüngster Sohn nicht zum Schäfer taugte und war nun damit einverstanden, daß Baldor nach der Schule in die Stadt Mardborg ziehen würde, um dort zu studieren; allerdings hatte er auch klargestellt, daß Baldor als Student seine finanziellen Angelegenheiten allein regeln müßte.
Seine Mutter deutete auf seinen Stuhl am Eßtisch und sagte dann: „Dann iß noch ein wenig, und dann sieh zu, daß du aus dem Haus kommst. Und zieh dir lieber noch deine Weste an, es ist ein wenig kühl draußen.“
Baldor nahm seinen Platz ein, schnitt sich eine Scheibe vom Brot ab, die er mit Butter bestrich und aß sie; anschließend verzehrte er auch noch das kleine Stück Käse, das seine Mutter für ihn hingestellt hatte. Danach erhob er sich und streifte noch die hellgrüne Weste über, bevor er seine Schulbücher in einen Beutel stopfte und sich dann auf den Weg machte.

Sobald Baldor im Freien war, bedauerte er es, daß er auf seine Mutter gehört hatte, denn er fand keineswegs, daß es sonderlich kühl war; das kurzärmlige braune Hemd hätte vermutlich völlig ausgereicht, während seine Weste ihm schnell lästig wurde. An sich war es aber ein wunderbarer Spätsommermorgen; das im Licht der Morgensonne smaragdgrün schimmernde Gras fühlte sich ausgesprochen angenehm unter Baldors nackten Füßen an. Wie nahezu alle Jungen und Mädchen im Dorf war auch Baldor stets barfuß unterwegs - da sein Dorf in einer Provinz lag, in der die Winter dank einer warmen Meeresströmung außerordentlich mild ausfielen, waren Schuhe sogar während der Wintermonate entbehrlich, und tatsächlich hatte Baldor noch nicht erlebt, daß einer seiner Mitschüler in Schuhen zum Unterricht erschienen wäre; selbst Aldron, der immerhin der Sohn des Bürgermeisters war, lief das ganze Jahr hindurch barfuß. Ohnehin waren die Gartonen (zumindest die Gartonen, die auf der südwestlicheren der beiden Hauptinseln lebten) kein Volk von Schuhträgern: der Sage nach hatte sogar Keldron, der legendäre erste gartonische König, niemals Schuhe getragen.
Baldor lief zunächst recht schnell, doch als er an dem Rathaus der Gemeinde, in der drei Dörfer zusammengeschlossen waren, vorbeikam, sah er an der Turmuhr, daß es noch gar nicht so spät war, wie er befürchtet hatte, und so verlangsamte er seine Schritte. Das Rathaus lag zwar im Dorf, doch Baldors Schule lag zwischen den drei Dörfern der Gemeinde und war von jedem der drei Dörfer ungefähr gleich weit entfernt, so daß alle Schüler einen nahezu gleich langen Schulweg zu bewältigen hatten. Baldor folgte daher dem Hauptweg, der ihn aus dem Dorf hinaus- und in einen kleinen Wald hineinführte. Diesen Abschnitt seines Schulwegs liebte Baldor besonders, und vor allem auf dem Heimweg trödelte er gern ein wenig im Wald herum. Leider konnte er sich dies im Moment nicht erlauben; doch als er einen Holzsteg erreichte, der über einen kleinen, aber vernehmlich rauschenden Bach führte, verharrte er einen Moment lang auf dem Steg, und während er die weißen Schaumkronen auf dem Wasser betrachtete, tauchte plötzlich sein Klassenkamerad Garnolf auf und wünschte Baldor einen guten Morgen.
Nachdem Baldor den Gruß seines Mitschülers erwidert hatte, fragte ihn Garnolf: „Erinnere ich mich richtig, daß du gestern Geburtstag hattest?“
„Da erinnerst du dich völlig richtig!“
„Dann gratuliere ich dir nachträglich! Hast du Geschenke bekommen?“
„Ja, zwei sogar: meine Mutter hat mir einen Gedichtband geschenkt, und meine Brüder ein sehr schönes und scharfes Messer - hauptsächlich zum Pilzsammeln.“
„Nicht übel“, erwiderte Garnolf und fügte dann mit Blick auf Baldors Haare hinzu: „Und ganz offenbar hast du auch dem Friseur einen Besuch abgestattet...“
In der Tat hatte Baldor sich am Vortag die Haare schneiden lassen; er war sich noch nicht ganz sicher, ob ihm seine neue Frisur mit der weitgehend unbedeckten Stirn wirklich gefiel. Dies erwähnte er jedoch nicht, sondern versetzte lediglich: „Ja, den Haarschnitt habe ich mir selbst zum Geburtstag geschenkt.“
„Hat sonst nicht immer dein Vater deine Haare geschnitten?“
„Leider ja, und ich sah dann immer wie ein geschorenes Schaf aus. Das habe ich ihm übrigens auch gesagt...“
„Na, du bist ja mutig! Und wie hat er das aufgenommen?“
„Er war erwartungsgemäß ein wenig beleidigt, aber da ich den Haarschnitt mit meinem selbst verdienten Geld bezahlt habe, konnte er nicht wirklich etwas dagegen sagen.“
„Na, dann sei froh! Ich habe mich gerade erst gestern mit meinem Alten gestritten, und natürlich endete der Streit damit, daß ich die Haselnußgerte holen mußte und eine kräftige Tracht Prügel bezogen habe... Das Sitzen in der Schule heute wird bestimmt kein Vergnügen für mich!“
„Tut mir aufrichtig leid für dich. Ich kann mir gut vorstellen, wie du dich fühlst; mein Vater hat mir auch vor gerade mal zwei Wochen das Sitzfleisch ordentlich durchgegerbt.“
„Was hattest du angestellt?“
„Ich hatte im Wald herumgetrödelt und bin erst nach Sonnenuntergang nach Hause gekommen.“
„Und wie lange konntest du anschließend nicht sitzen?“
„Ungefähr zwei Tage.“
„Wirklich interessant, eure Unterhaltung mitanzuhören“, mischte sich nun eine Stimme hinter ihnen in das Gespräch ein.
Baldor und Garnolf drehten sich beide um und blickten in das Gesicht von Aldron, dem Sohn des Bürgermeisters, der im Augenblick recht boshaft grinste. Baldors Stimmung sank beträchtlich, denn von all seinen Mitschülern mochte er Aldron am wenigsten. Mit seinem strohblonden Haar, seinen kristallblauen Augen und den ebenmäßigen Gesichtszügen, die sein Antlitz prägten, war Aldron ein auffallend hübscher Junge, doch er war auch verwöhnt und faul, und zu Baldors Ärger entging er in der Schule nahezu allen Bestrafungen, da die Lehrer sich offenkundig bei ihm und damit auch bei seinem Vater beliebt machen wollten. Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, ließ er obendrein nie eine Gelegenheit verstreichen, Baldor mit spöttischen Bemerkungen zu ärgern.
Es war Aldron, der nun als erster wieder das Wort ergriff und zu Baldor sagte: „Konntest du dir tatsächlich mal einen richtigen Haarschnitt leisten?“
„Ja, das konnte ich, weil ich die halben Ferien hindurch gearbeitet habe“, erwiderte Baldor scharf, „das käme dir ja nie in den Sinn!“
Baldor stellte höchst zufrieden fest, daß Aldron keine passende Antwort einfiel; nachdem er eine Weile gar nichts gesagt hatte, sagte Aldron nur noch mürrisch: „Wir sehen uns ja nachher im Unterricht.“ Damit beschleunigte er seine Schritte dergestalt, daß er Baldor und Garnolf recht bald hinter sich zurückließ.
„Ich hoffe, ich erlebe noch den Tag, an dem Aldron mal so richtig Dresche bezieht“, stieß Baldor aufgebracht hervor.
Garnolf empfahl: „Kümmere dich am besten gar nicht um ihn, das ist doch nur ein Dummkopf mit einem angesehenen Vater.“
Daraufhin meinte Baldor nachdenklich: „Ehrlich gesagt glaube ich gar nicht mal, daß Aldron ein Dummkopf ist. Aber er glaubt immer, sich alles erlauben zu können, und unglücklicherweise kommt er damit auch noch durch. Wenn er nicht so gehässig wäre, könnte er mir fast leidtun...“
„Jetzt übertreibst du aber!“ versetzte Garnolf mit einem breiten Grinsen.

Baldor und Garnolf erreichten das Schulgebäude noch rechtzeitig; sie begaben sich in ihren Klassenraum und setzten sich auf der nördlichen Seite, die den Jungen vorbehalten war, nebeneinander. Der Raum war recht karg eingerichtet, und die Stühle, auf denen die Schüler saßen, bestanden aus einem dunklen und ziemlich harten Holz; aber immerhin waren die Fenster recht groß, so daß es bei gutem Wetter angenehm hell im Raum war. Das war auch nötig, denn die Pulte, vor denen die Schüler saßen, waren ziemlich dunkel, und gleiches galt für das erheblich größere Lehrerpult, auf dem stets deutlich sichtbar mehrere Rohrstöcke lagen.
Baldor streckte seine Beine ein wenig aus und dachte darüber nach, was er von seinem letzten Schuljahr zu erwarten hatte. Einerseits freute er sich schon auf die Universität (nicht zuletzt deshalb, weil Studenten keine Schläge von den Professoren zu befürchten hatten), andererseits wußte er noch gar nicht so genau, was für ein Fach er eigentlich studieren wollte, und außerdem hing er an seinem Heimatdorf und den schönen, schattigen Wäldern, die in dessen Nähe lagen.
Der Klassenlehrer trat ein, worauf alle Mädchen und Jungen von ihren Sitzen aufsprangen und „Guten Morgen!“ brüllten.
„Guten Morgen“, erwiderte Herr Turbrac, der Klassenlehrer und fügte hinzu: „Setzt euch.“
Dies taten die Schüler sofort, und Herr Turbrac schrieb erst einmal den Stundenplan an die Tafel, wobei er auch die Lehrerinnen und Lehrer nannte, die den Unterricht in den einzelnen Fächern erteilen würden. Die meisten Namen wurden von den Schülern schweigend zur Kenntnis genommen; zwei Namen lösten allerdings ein interessiertes Raunen aus, da sie den Schülern noch nicht bekannt waren: Herr Pendrogart würde die Klasse fortan in der dargaräischen Sprache unterrichten, während ein gewisser Undolf von Nurbog den Geschichtsunterricht übernahm. Der Stundenplan sah vor, daß beide Lehrer noch an diesem Tag ihren ersten Unterricht in der Klasse geben würden, was die Neugier der Mädchen und Jungen noch steigerte.
Als Herr Turbrac dagegen verkündete, daß Frau Hastobil die Klasse weiterhin in Geographie unterrichten würde, stöhnte die ganze Klasse gemeinsam auf, denn Frau Hastobil, die von nahezu allen Schülern der Schule „alter Basiliskenzahn“ genannt wurde, war ein außerordentlich gemeines Biest, die es sichtlich genoß, daß sie vom Rohrstock Gebrauch machen durfte.
Nachdem alle Jungen und Mädchen ihren Stundenplan abgeschrieben hatten, begann Herr Tulbrac mit dem Gartonischunterricht; leider behandelte er darin vor allem die gartonische Orthographie, Interpunktion und Grammatik, und daher fand selbst Baldor trotz seiner Liebe zur gartonischen Sprache und gartonischen Literatur die Stunde ausgesprochen langweilig, und als er Aldron am Ende der Stunde gähnen sah, konnte er es ihm noch nicht einmal übelnehmen.
Es folgte eine staubtrockene Telgurisch-Stunde; Baldor fiel es normalerweise leicht, Fremdsprachen zu erlernen, doch der Telgurisch-Lehrer verstand es, den Klassiker der telgurischen Literatur jegliches Leben auszutreiben, und Baldor ertappte sich dabei, daß er innerlich die telgurischen Dichter verfluchte, obwohl sie eigentlich nichts dafür konnten, daß sie im Unterricht so lieblos durchgekaut wurden.

Dann aber stand endlich der Dargaräisch-Unterricht an. Dargaräisch gehörte zu Baldors Lieblingsfächern: zum einen liebte er den Klang der dargaräischen Sprache, zum anderen aber auch all die Sagen und Legenden, die sich um die schon vor Jahrtausenden zerstörte Stadt Dargaros rankten.
Herr Pendrogart stellte sich als ein ungefähr fünfzigjähriger, hagerer und grauhaariger Mann heraus, der sich kurz vorstellte und dann in schwärmerischem Ton von den dargaräischen Klassikern zu sprechen begann, insbesondere von dem berühmten Dargaräum, einem großen Hexameter-Epos, das von dem Krieg handelte, der mit der Zerstörung der Stadt ein Ende gefunden hatte. Baldor liebte dieses Werk und träumte davon, es eines Tages adäquat ins Gartonische zu übersetzen, da ihn keine der bereits vorhandenen Übersetzungen vollauf überzeugte.
Schließlich fragte Herr Pendrogart: „Habt ihr im vorigen Schuljahr schon begonnen, das Dargaräum zu lesen und zu übersetzen?“
„Ja“, antwortete ein Mädchen namens Rulka, „aber wir sind nur bis zum achten Gesang gekommen.“
„Dann werden wir mit dem achten Gesang beginnen, damit ihr nach den Ferien wieder hineinfindet. Aber leider müssen wir ein wenig Grammatikübungen machen - ich weiß, daß das langweilig ist, aber es muß von Zeit zu Zeit sein. Ich schlage vor, wir bringen das gleich heute hinter uns, dann können wir uns in der weiteren Woche in aller Ruhe mit dem herrlichen Dargaräum beschäftigen. Wer von euch kann kurz erklären, was es mit dem beherrschenden Geschlecht in der dargaräischen Sprache auf sich hat?“
Baldor hatte seinen Arm schon gehoben, noch bevor Herr Pendrogart seine Frage beendet hatte.
„Da scheint ja schon jemand Bescheid zu wissen. Wie ist dein Name?“
„Baldor.“
„Gut. Dann erkläre uns doch mal diesen Begriff, Baldor.“
„Zunächst einmal gibt es im Dargaräischen, so wie im Gartonischen auch, das natürliche Geschlecht. Wenn wir etwa sagen: die Sonne, der Hammer, das Schwert, dann hat jedes Substantiv ein bestimmtes Geschlecht, und das ist im Dargaräischen ebenso. Eine Besonderheit im Dargaräischen ist aber, daß sich in einem Satz das natürliche Geschlecht des Subjekts als beherrschendes Geschlecht auch auf das Objekt überträgt. Auf das Gartonische übertragen, klänge das ungefähr so: Der Mond beschien den Wiese, oder auch: Das Wasser durchnäßte das Teppich. Was im Gartonischen natürlich absolut scheußlich klingt und auch wirklich falsch ist.“
„Eine ausgezeichnete Erklärung“, lobte ihn Herr Pendrogart. „Am beherrschenden Geschlecht sieht man auch, daß man als Übersetzer gelegentlich gezwungen ist, sich vom Original ein wenig zu lösen, denn man sollte gutes Dargaräisch nicht mit schlechtem Gartonisch übersetzen.“
Anschließend sollten sie alle gartonische Sätze ins Dargaräische übersetzen, was Baldor ohne große Probleme gelang, während die meisten seiner Mitschüler sich schwer taten und froh waren, als die Stunde endete.
Zum Abschluß des Tages stand noch die erste Geschichtsstunde bei Herrn von Nurbog an. Der neue Geschichtslehrer war ein noch vergleichsweise junger, hochgewachsener Mann mit schwarzem Haar und einer sehr auffälligen Nase, die ein wenig an den Schnabel eines Adlers erinnerte. Noch auffälliger als seine Nase war jedoch der Umstand, daß er keinen rechten Arm besaß.
Herr von Nurbog brachte alle Schüler in kurzer Zeit zum Schweigen, ohne daß er ein Wort hätte sagen müssen; er gehörte zu jenen Lehrern, deren bloße Präsenz schon genügte, um eine Klasse zu beeindrucken. Als er schließlich das Wort ergriff, sagte: „Ich wünsche euch erst einmal einen guten Tag und will mich ein wenig vorstellen. Mein Name ist Undolf von Nurbog, ich bin 37 Jahre alt und wurde vor 20 Jahren zum Ritter der Republik geschlagen. Leider kostete mich sechs Jahre später der Kampf mit einem Mantikor meinen rechten Arm; zu meiner Genugtuung kann ich immerhin hinzufügen, daß es dem Mantikor in diesem Kampf noch deutlich schlechter erging. Seither kann ich natürlich nicht mehr als Ritter kämpfen, und so wandte mich dem Studium der Geschichte zu.“
Der verstümmelte Ritter legte daraufhin eine so lange Pause ein, daß die Schüler allmählich erkannten, daß sie nun Fragen stellen durften, und es war Aldron, der sich dies als erster traute: „Wenn Sie vor 20 Jahren den Ritterschlag erhalten haben, dann müßten Sie doch die Revolution und das Ende der Monarchie miterlebt haben?“
Baldor hatte Aldron zunächst im Verdacht, mit seiner Frage nur die Aufmerksamkeit des neuen Lehrers auf sich lenken zu wollen, aber dann fiel ihm ein, daß Aldron schon früher im Geschichtsunterricht echtes Interesse gezeigt hatte und ermahnte sich selbst, Aldron nicht schlechter zu machen als er wirklich war.
Herr von Nurbog antwortete unterdessen: „Das ist richtig. Ich war noch ein Knappe, als die Revolution begann, und bis dahin hatte ich erstrebt, ein Ritter des Königs zu werden. Statt dessen wurde ich dann jedoch ein Ritter der Republik. Wobei ich finde, daß das eigentlich eine höhere Auszeichnung bedeutet, denn unter den gartonischen Königen waren einige blutrünstige Tyrannen und mehr als ein Dutzend außergewöhnliche Dummköpfe; wer will schon gern als Ritter im Dienst solcher Herrscher stehen? Heutzutage dagegen schwört ein Ritter eben nicht, dem Konsul zu dienen, sondern der Republik selbst, und das ist ein gewaltiger Unterschied! Und trotzdem glaube ich, daß der Ritterstand allmählich verschwinden wird; die Zeit ist eigentlich schon über die Ritter hinweggegangen, und im Grunde genommen muß man als Ritter sogar dankbar sein, daß es Mantikore und ähnliche Scheusale gibt, denn ohne sie wären wir wohl jetzt schon überflüssig...“ Er verfiel in Schweigen und sah einen Augenblick lang um viele Jahre älter aus, als er wirklich war.
Aldrons Neugier war unterdessen noch nicht gestillt: „Sind Sie eigentlich auch mal dem letzten König begegnet?“
„Mehrere Male sogar. Geldras IV. war sehr von sich eingenommen, aber nicht besonders intelligent. Ihm wurde die Chance gegeben, ehrenvoll abzudanken, aber da er sich weigerte, wurde er statt dessen vom Senat abgesetzt und auf die Insel Doros verbannt, und wenn er noch lebt, dann hält er sich vermutlich heute noch dort auf und blickt zurück im Zorn.“
„Kannten Sie auch seinen Sohn?“
„Den jungen Kaidor? Dem bin ich immerhin auch mehrfach begegnet. Kaidor war seinem Vater überhaupt nicht ähnlich. Während Geldras versucht hat, einen Bürgerkrieg anzuzetteln, den er mit Unterstützung des Adels zu gewinnen trachtete, tat Kaidor seinerseits alles, um einen Bürgerkrieg zu verhindern, denn er war der Ansicht, daß der Herrscher dem Volk dienen muß und nicht umgekehrt. So unterzeichnete er die Abtretungsurkunde und stellte sich dann sogar in den Dienst der Republik, weil er begriffen hatte, daß die Aristokratie einen Kampf mit den Revolutionären nicht gewinnen konnte; daher bemühte er sich, sie statt dessen in die neue gartonische Republik einzubinden. Wer weiß, was noch aus ihm hätte werden können, wenn er nicht im Krieg mit der Schwarzen Königin getötet worden wäre...“
Baldor hörte aufmerksam zu, denn er wußte nicht viel über diese Ereignisse, die sich nur kurz vor seiner Geburt abgespielt hatten. Schlagartig wurde ihm nun bewußt, wie jung die gartonische Republik noch war und daß die während der Revolution gewonnenen Freiheiten keineswegs selbstverständlich waren.
Unterdessen hob Herr von Nurbog an: „Aber die Revolution werden wir, wenn überhaupt, erst am Ende des Schuljahres behandeln. Zunächst einmal müssen wir uns leider mit Tongor III. beschäftigen, auch wenn es keine besondere Freude bereitet, sich mit den zahlreichen Verbrechen dieses Schandflecks der gartonischen Geschichte zu befassen.“ Tongor III. galt in der Tat als der grausamste Tyrann, der jemals die gartonischen Inseln beherrscht hatte. „Schlagt nun bitte eure Geschichtsbücher auf der Seite 34 auf...“

Als Baldor und Garnolf sich nach der Schule auf dem Heimweg befanden, sprachen sie noch ein wenig über ihren neuen Geschichtslehrer. „Ich hoffe, er erzählt uns noch mehr davon, was er als Ritter so erlebt hat, bevor er seinen Arm verlor“, sagte Garnolf, während sie den Wald durchquerten.
„Das würde mich auch interessieren“, gab Baldor zurück. Baldor war zwar gar nicht unbedingt darauf aus, selbst Abenteuer zu erleben, doch er fand die Vorstellung verlockend, persönlich mit jemandem sprechen zu können, der offensichtlich so einige Abenteuer erlebt hatte. Vielleicht waren darunter ja welche, über die er später einmal schreiben konnte... Denn Baldor strebte nicht danach, große Heldentaten zu vollbringen; es genügte ihm, die Heldentaten anderer zu besingen. Er wollte noch viele Gedichte schreiben, vielleicht auch Prosawerke und auf jeden Fall ein großes Versepos - und mit diesem wollte er nicht mehr und nicht weniger als das Hauptwerk der gartonischen Literatur schaffen.
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