Was wäre, wenn

von classic
OneshotRomanze / P12
DI / DCI Carol Jordan Dr Anthony "Tony" Valentine Hill
18.05.2018
18.05.2018
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Hallo :)

Nun krame ich noch mehr alte Geschichten hervor und lade sie etwas bearbeitet wieder hoch. Diese kleine Episode fand ich selbst nach mehreren Jahren noch recht niedlich. In der Umsetzung bin ich mir nicht mehr ganz so sicher.

Ich hoffe, der kleine OS gefällt euch.

Liebe Grüße,
:)


Was wäre, wenn



Leise brummten die Motoren im Hintergrund, die Beleuchtung summte und leise Stimmen verschmolzen zu einer grauen Masse. Innen war es warm, beinahe stickig, obwohl die kleine Maschine nicht voll besetzt war.

Die meisten Passagiere wirkten wie Geschäftsmänner auf Reisen, die Krawatte glatt gebügelt, die Hemden faltenfrei, die Haare ordentlich frisiert und störrische Strähnen zurückgegeelt. Sie alle gingen ihrer Routine nach. Womöglich ein Immobilienverkauf, die Übernahme einer Firma, ein Treffen mit der heimlichen Geliebten in einem anderen Land.

Einzig zwei Personen hatten das Ziel, mit diesem Flug etwas Grundlegendes zu verändern. Beide verspürten davor genauso viel Furcht, wie sie sich nach all den Jahren danach sehnten.

Sie sprachen kaum miteinander. Jeder hing den eigenen, verworrenen Gedanken nach.

„Was hat dich dazu gebracht, deine Meinung zu ändern?“, fragte Carol zögerlich, das ewige Schweigen unterbrechend.

Tony wusste, was sie meinte. Lang genug war er ihr ausgewichen, hatte versucht sich selbst zu belügen, bis ein Tumor ihn dazu zwang, die Augen zu öffnen und sich der Realität zu stellen. Dennoch wog er seine Worte vorsichtig ab.

„Ich wusste, dass ich bald sterben könnte. Es war möglich, falls die Operation misslingen oder der kleine Zellhaufen da oben zu hartnäckig sein würde. Die Aussicht auf wenige Wochen Lebenszeit hat einige Prioritäten verlagert, sie neu geordnet. Der Tumor hat mir allen Grund gegeben darüber nachzudenken, trotzdem habe ich versucht es zu verdrängen. Nicht daran zu denken, dass ich verletzlich bin“, erklärte er langsam und leise genug, damit sie die einzige blieb, die seinen Worten folgen könnte.

„Dass du auch verletzlich bist. Dieses Bild, mein Bild“, konkretisierte er, „des unberührbaren Außenstehenden geriet ins Wanken, und ich merkte, dass ich viel tiefer verwickelt war als ich je wollte. Du hast mir  kaum eine andere Wahl gelassen.“ Tony lächelte. Es war ein Versuch vom Thema abzulenken, ihr gegenüber vielleicht doch nicht alles preisgeben zu müssen.

Carol nickte und formte ein tonloses tut mir leid mit ihren Lippen. Ihr Blick blieb auf ihn gerichtet, klar und auffordernd.

Er seufzte. Sie hatte nicht vor, ihn entkommen zu lassen.

„Als ich mir die Pistole an den Kopf hielt und bereit war abzudrücken, da drang jeder Gedanke, jede Nichtigkeit, jede wichtige Augenblick der vergangenen Tage zu mir durch. Wenn ich in der nächsten Sekunde sterben würde, was ich in dem Moment für wahrscheinlich hielt, denn es ist immer der dritte Schuss, hätte ich bereut der Frau des Arztes zu sagen, dass ihr Mann sie betrügt? Nein. Sie sind ohne einander viel glücklicher. Hätte ich bereut, abzudrücken? Nein. Es lohnte sich nicht nicht mehr mit diesem Ding im Gehirn.“ Tony ließ noch ein Seufzen verlauten. Er wusste nicht mehr, was danach geschehen war. Ein schwarzes Loch klaffte dort, wo die Erinnerung sein sollte.

„Dieses Klischee trifft übrigens nicht zu. Da war kein Licht. Da warst nur…“ Er unterbrach sich im letzten Augenblick. Obwohl ihm klar war, dass sie daraus die richtige Schlussfolgerung ziehen würde.„Während ich unterm Messer lag und mehr Morphin als Blut durch meine Adern floss, das nehme ich zumindest an, kam mir der Gedanke, dass ich den Eingriff vielleicht nicht überleben würde. Macht es mir etwas aus zu sterben? Nein. Ich war schon oft genug nah dran. Hätte es mir etwas ausgemacht, dich damit zu verletzen? Ja. Das war mein Antrieb, um die Operation zu überstehen. Wenn ich morgen sterben würde, würde ich dich jetzt bei mir haben wollen? Ja. Alles andere ist unwichtig.“

Etwas beschämt über sein Geständnis schaute Tony zur Seite und richtete seinen Blick auf die düstere Außenwelt. Über der Wolkendecke sah es keinen Deut fröhlicher aus als in der Welt darunter, stellte er fest.

In weniger als einer Stunde würden sie in Paris landen und das Flugzeug verlassen. Und dann? Was würde ihm dann wichtig sein? Er wusste, dass es ihm schwer fiel, sich anderen gegenüber zu öffnen. Offenheit brachte Verletzlichkeit mit sich. Verletzlichkeit und Angriffsfläche.

Aber er wusste auch, dass Carol ihn in seiner Eigenart akzeptieren würde. Sie akzeptierte ihn schon länger als er sich selbst. Das machte ihm Hoffnung.

Carol nahm seine Hand in ihre. Kurz versteifte er sich bei dieser noch ungewohnten Berührung, entspannte sich dann wieder als sie ihren Daumen über seinen Handrücken gleiten ließ.

„Tony.“ Sie wartete, bis er sich durchrang und sie ansah. Sie spürte, wie sehr er mit seiner Gewohnheit, sich zu verschließen, haderte. „Wenn wir jetzt abstürzen würden, was würdest du tun?“ Carol drehte sich in dem schmalen, unbequemen Sitz so, dass sie einander fast gegenüber saßen.

Er blinzelte. „Ich-“

Tony wusste genau, was er tun würde. Was er tun wollte. Immer wieder hatte er ausreden gefunden, um sich davor zu bewahren: Sie hat einen Freund. Sie kann jemanden wie mich nicht gebrauchen. Ich würde ihr nur schaden.

Vielleicht hatte er mit dem letzten Recht. Doch sich hatten sich beide genug geschadet um festzustellen, dass der einzige Weg hinaus nicht die Flucht voreinander war.

„Ich würde-“ Er stockte. Statt noch mehr Worte zu verlieren, überwand er die wenigen Zentimeter zwischen ihnen und drückte Carols einen kleinen, beinahe schüchternen Kuss auf die Lippen. „Aber nur, wenn wir abstürzen.“