Two sides of the world

GeschichteAllgemein / P16
OC (Own Character) Uta
18.05.2018
01.01.2020
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Kapitel 1

Gemächlich beschritt ich meinen Weg durch den 4. Bezirk. Die Sonne war schon vor etwas mehr als einer Stunde untergegangen und wahrscheinlich hätte sich kein normal denkender Mensch zu dieser Tages- bzw. Nachtzeit getraut, durch die dunklen Gassen Tokyos zu schlendern.
Das traf auf mich dann wohl eher nicht zu. Mir war schon bewusst, dass meine nächtlichen Spaziergänge sehr riskant waren und mich auch irgendwann einmal das Leben kosten könnten. Dennoch konnte mich nichts davon abbringen, diese durchzuziehen. Ich liebte Tokyo bei Nacht.
Es war für mich wie in einem Märchen, dass zwei Seiten einer Welt zeigte. Die wunderbare und atemberaubende Welt mit den vielen Lichtern und Menschenmassen, die niemals still standen und der Stadt ihre Lebendigkeit gaben und die Seite fernab der befahren Straßen, grünen Parks und gut gefüllten Geschäften. Die Gassen, in denen sich die Monster, das Gesindel dieser Stadt herumtrieb und darauf wartete, dass junge Frauen wie ich, sich in eben diese Gassen verirrten, um sie dann, gelinde gesagt, wortwörtlich zu verschlingen.
Zumindest waren das die Ansichten meiner Kollegen. Sie hielten mich allesamt für einen Spinner, wenn nicht sogar schon geisteskrank.
Nicht nur wegen dieser komischen Angewohnheit mit den nächtlichen Spaziergängen, sondern auch weil ich Skrupel besaß, etwas dass in meinem Berufszweig nicht gerade gern gesehen wurde.
Wie konnte ich es mir nur erlauben, Mitgefühl gegenüber den 'Wesen der Nacht', wie ich sie gedanklich liebevoll nannte, zu empfinden. Ich hatte mir augenscheinlich den falschen Beruf ausgesucht.
Manchmal wusste ich selbst nicht einmal mehr, warum ich das alles tat. Warum ich diese beschissene, blutverschmierte Waffe jedes Mal auf‘s neue in die Hand nahm und der Hölle neue Gäste schickte.
Für mich war dort unten bestimmt schon ein Zimmer, reserviert, welches hoffentlich einen schönen Ausblick auf den Styx hatte. Ich wusste zwar nicht so genau, wie die Hölle nun wirklich aussah aber ich hoffte, dass es nicht all zu grausam sein würde.
Irgendwo war ich ja auch nur eine Frau und nach der Ansicht einiger meiner Kollegen, sehr zerbrechlich. Im Grunde glaube ich das alles ja eigentlich nicht, weder dass ich zerbrechlich sei, noch dass es einen Ort wie die Hölle oder generell irgendetwas nach dem Tod gab, aber manchen Menschen halfen solche Vorstellungen dabei, den Tod nicht als ganz so furchteinflößend zu betrachten.
Ich persönlich fand die Vorstellung einfach nur irgendwie amüsant und machte auch öfter Witze darüber. Mein WhatsApp-Profilbild, auf dem stand: 'Ich in die Hölle? Bitch please! Der Teufel holt sich doch keine Konkurrenz ins Haus!' konnte das wahrlich bezeugen.
Was die wirklich Gläubigen wohl davon hielten? Vielleicht würden sie an mir ja einen Exorzismus vornehmen wollen. Oder war das bloß eine Erfindung der Medien?

Über die Glaubensfragen der Menschheit nachgrübelnd und von meinen Gedanken sichtlich amüsiert, trat ich einen Stein aus dem Weg, der geräuschvoll gegen eine Mülltonne flog. Was brachte es auch schon, leise zu sein? Man sollte in einer Stadt, in der es nur so vor Ghoulen wimmelte und einem Bezirk, der für alles andere aber nicht für seine Sicherheit bekannt war, auch nicht darauf achten, leise zu sein und nicht auf sich aufmerksam zu machen.
Das war wieder so typisch. Ob das wieder das Verschulden meiner allgemeinen Unaufmerksamkeit war, oder eher an meiner Tollpatschigkeit, bzw Pech lag, dass der Stein ausgerechnet an eine metallene Mülltonne schlagen musste, konnte ich gerade nicht eindeutig zuordnen.
Vielleicht einfach eine Mischung aus beidem, welche mir konsequent in mein Leben pfuschte.
Ich konnte mich zwar verteidigen, aber Blut wollte ich heute Nacht auf gar keinen Fall vergießen.
Vorallem weil Blut mega schlecht aus der Kleidung raus ging, ich die Bluse, die ich heute trug ungern in den Mülleimer werfen wollte und weil ich keine Lust auf eine weitere Auseinandersetzung mit meinem Gewissen hatte.
Das war auf Dauer immer so anstrengend, obwohl ich auch sehr dankbar dafür war, so hielt es mich doch manchmal zurück und bewahrte mich vor blutigen Auseinandersetzungen, welche ich im Nachhinein, nach dem Adrenalinstoß bereuen würde.
Genau darauf würde es aber zwangsläufig hinauslaufen, sollte sich ein Ghoul dazu entschließen, dass ich ein gutes Tartar auf Beinen abgab. Die ließen so schnell nicht locker.

Warum mir gerade ein Cartoon-Ebenbild, das panisch im Kreis lief, im Kopf herum spukte, in dessen Hintern sich ein Ghoul verbissen hatte, der über den Boden geschliffen wurde und dabei einige Beulen einstecken musste, wusste ich auch nicht so genau. Aber das musste ich mir unbedingt für meine Kritzeleien merken, die ich während der langweiligen Meetings auf einem, eigentlich für Notizen bezüglich wichtiger Informationen, vorgesehenen Block anfertigte.
Mir ein Lachen verkneifend und stattdessen grinsend den Kopf schüttelnd, setzte ich meinen Weg fort. Ich wusste nicht einmal, wo ich überhaupt lang lief.
Schon seit ich den vierten Bezirk erreicht hatte und in die erste Seitengasse eingebogen war, hatte ich die Orientierung verloren.
Das war ebenfalls typisch für mich. Würde jetzt eine dunkle Gestalt um die Ecke kommen und mich allen Ernstes fragen, ob ich mich verlaufen hatte, würde ich mich vor Lachen wahrscheinlich nicht mehr halten können.
Über dieses Klischee immer noch grinsend, sah ich mich um.
Es schien als würde ich mich immer noch parallel zur Hauptstraße bewegen. Gut, dann müsste ich mich später nur zu dieser begeben und mich dann von dort aus orientieren. Ich besaß zwar den Orientierungssinn einer Kartoffel, aber Straßenschilder konnte sogar ich lesen.

Nach ein paar Metern, die ich weiter gegangen war, ließ mich ein Geräusch innehalten. Bis jetzt war es, bis auf den Verkehr und das Treiben auf der Hauptstraße, so still gewesen, dass ich schon fast dachte, die Gassen wären ausgestorben.

Jetzt ein Geräusch zu vernehmen war zur gleichen Zeit erleichternd, wie auch bei genauerem Hinhören beunruhigend. Denn es handelte sich dabei unbestreitbar um ein Schluchzen. Ob das ein Opfer war, welches seinen Peiniger gerade anflehte, nicht das zu tun, was er eigentlich vor hatte?

Nein, dann wären wahrscheinlich auch andere Stimmen zu hören. Vielleicht hatte die Paranoia der Menschen um mich herum auch einfach nur abgefärbt und es war nur das herzzerreißende Leidklagen eines kleinen Kindes, das seinen Lolli verloren hat oder ähnliches, aber Vorsicht war ja bekannter Maßen die Mutter der Porzellankiste und allemal besser als Nachsicht.
Langsam griff ich nach dem Messer, welches an den hinteren Schlaufen meiner Jeans angebracht war und näherte mich langsam den wehklagenden Lauten. Als ich um eine Ecke bog, sah ich, hinter einem Müllcontainer versteckt, eine kleine Person hocken. Die Beine hatte sie nah an ihren Körper gezogen und die Arme darum geschlungen.
Den Kopf auf den Knien gebettet, gab der keine Junge diese Mitleid erregenden Laute von sich, bei denen sich mein Herz schmerzlich zusammen zog.
Zumindest nahm ich an, dass er ein Junge war. Das Aussehen, soweit ich das unter dem Dreck erkennen konnte, sprach jedenfalls dafür. Ich vergewisserte mich schnell, dass wir alleine waren, steckte das Messer zurück in die Scheide und ging vor dem Kleinen in die Hocke. Er war anscheinend so sehr in seinen Kummer vertieft, dass er mich nicht einmal bemerkte, wobei er so klang, als hätte er bald keine Kraft mehr, seinem Leid Ausdruck zu verschaffen.
Mit fester aber doch sanfter Stimme sprach ich ihn an, konnte aber nicht verhindern, dass er sich dennoch erschrak. Mit großen Augen sah er zu mir auf und versuchte scheu von mir wegzurücken.
Die Wand hinderte ihn daran.
„Hey, keine Angst, ich tu‘ dir schon nichts.“ Ich konnte den Gedanken nicht verdrängen,  der mir sagte, dass diese Situation einem 0-8-15 Dramatik-Roman entsprungen sein könnte und wie lächerlich meine Aussage im eigentlichen Sinn war. Welches halbwegs normale Kind würde einer fremden Frau vertrauen, die sich nachts in dunklen Gassen herumtrieb und scheinbar wie aus dem Nichts mit einem Messer in der Hand vor ihm auftauchte. Innerlich verdrehte ich genervt die Augen.
Andererseits saßen normale Kinder normalerweise nicht mutterseelenallein in einer dunklen Gasse und weinten sich die Augen aus dem Kopf.
Normalerweise müssten normale Kinder in seinem Alter um diese Uhrzeit frisch gebadet im Bett liegen und den Schlaf der Gerechten schlafen.
Und normalerweise hätte mir viel früher auffallen müssen, wie dumm ich dastehen dürfte, wenn ich den Kleinen nur gedankenverloren anstarre, während ihm weiter Wasserfälle aus den Augen quollen. Wenn das so weiter ging, würde er noch vertrocknen.
Nach dieser kurzen Pause, in der er mich nur ansah und wahrscheinlich überlegte, ob er mir vertrauen könne, fügte ich noch sanft hinzu: „Vielleicht kann ich dir ja helfen." Und ich meinte es auch wirklich so. Etwas in seinen Augen brachte mich dazu, ihn auf Anhieb zu mögen und ihn beschützen zu wollen.
Kitschig, ich weiß. Aber so war es nun mal.
Diese Worte schienen das Eis zu brechen, denn er stürzte vorwärts in meine Arme, krallte sich in dem Stoff meiner Jacke fest und weinte, diesmal richtig und aus vollem Hals.
Dass er dafür noch die nötige Kraft besaß, überraschte mich. Ich spürte wie seine Tränen meine Bluse durchnässten und konnte nichts weiter tun als ihm beruhigend über den Rücken zu streichen und darauf zu warten, dass seine Tränen versiegten.
Mittlerweile konnte ich mir schon vorstellen, warum er hier so alleine saß und bitterlich weinte. In dieser Gegend und zu dieser Zeit war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er erst vor kurzem, wenn nicht sogar gerade erst, durch einen brutalen Zwischenfall zum Vollwaisen gemacht wurde. Das würde auch die Blutflecken auf seiner Kleidung erklären, die bei näherer Betrachtung nicht von ihm stammen konnten, da sie schon eingetrocknet waren und er zum Glück keine äußeren Verletzungen aufwies.
Für seine Psyche konnte ich allerdings nicht sprechen, wer weiß was er alles erlebt hatte. Ich hoffte inständig, er hatte das, was auch immer das Blut auf seiner Kleidung verursacht hatte, nicht mit ansehen müssen, denn es würde sicherlich tiefe Spuren auf seiner Seele hinterlassen.
Der Blick und die Wortfetzen, die er herausbrachte, als er seinen Kopf hob und in meine Augen sah, bestätigten meinen Verdacht.
„M-Mei...ne M-Ma...ma u-und~“ Weiter würde er wohl nicht mehr kommen, da das Schluchzen wieder von Neuem begann und Tränen wie Wasserfälle seine Wangen hinunterliefen. Ich drückte seinen Kopf sanft aber bestimmt zurück an meine Brust und murmelte ihm beruhigende Worte zu. Dabei erfuhr ich durch weitere Wortfetzen, die wohl seine Situation erklären sollten, dass er keinen Ort mehr kannte, an den er noch gehen konnte und beschloss prompt, ihn mit zu mir nach Hause zu nehmen.
Für meine spontanen Einfälle und diesbezügliche Umsetzungsaktionen war ich im Übrigen auch bekannt. Vorsichtig hob ich den Kleinen auf meine Arme und war froh darüber, dass ich meinen Koffer zu Hause gelassen hatte. Der würde jetzt auch bloß stören.
Leise summend machte ich mich somit auf den Heimweg und hoffte, dass ich jetzt nachträglich keinen Ghoulen begegnen würde. Das würde nur wieder einen inneren Konflikt auslösen, auf den ich gut und gerne verzichten konnte. Einerseits war ich stinksauer und würde die Verantwortlichen für diesen Schlamassel oder ersatzweise einen Angreifer gerne in Stücke reißen. Natürlich nur symbolisch gesehen, denn ich hatte momentan weder die nötige Kraft noch die Lust, dies einem lebendigen Wesen anzutun.
Andererseits wollte ich den Kleinen natürlich auch nicht aufwecken, da er gerade vor Erschöpfung eingeschlafen war und den Schlaf sehr gut gebrauchen konnte. Zumindest schloss ich das daraus, dass sein Schluchzen aufgehört und sich sein Atem normalisiert hatte. Dies bedeutete dann aber wiederum, dass ich bei einem Angriff rennen musste, schnell rennen. Und darauf hatte ich, ehrlich gesagt, noch weniger Lust.
Deshalb beeilte ich mich, schnell den belebteren Teil des Bezirks zu erreichen und von da aus ohne Umwege nach Hause zu gelangen. Vielleicht sollte ich auch einfach mit der Bahn fahren, das wäre vermutlich der schnellste und unkomplizierteste Weg.
Dieser Spaziergang war dann doch länger gewesen als die Anderen aber wenigstens würde ich danach gut schlafen können, so müde wie ich mittlerweile war. Zumindest hoffte ich, dass ich einschlafen könnte. Es konnte auch genauso gut sein, dass mich die Sorgen um das Kind in meinen Armen die ganze Nacht wachhalten würden.
Was hatte ich mir da nur wieder eingebrockt?
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