Kill me

von Dissa
SongficRomanze, Schmerz/Trost / P12
18.05.2018
18.05.2018
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Song: Kill me - XXXTentacion

How’s it feel? How’s it feel with your broken heart?

„Wie fühlt es sich an?“ will der großgewachsene Junge vor mir wissen, mit seinen dunklen zurückgegelten Haaren und seinem schiefen Grinsen, „wie fühlt es sich an mit deinem gebrochenen Herzen?“
Ich schaue ihn an, aber ich bin mir sicher, kein Blick der Welt hätte ausdrücken können, wie kaputt ich war, just in dem Moment, in dem er mich zurückwies. In dem ich ihm mein Herz gab und statt es zu nehmen, drauf spuckte. Er steht noch immer vor mir, einen Schritt hinter seinem Freund, die Verantwortung auf alle außer auf sich übertragend.
Wieder einmal pocht der Schmerz in meinen Venen. Stärker, pulsierender als mein Herz, das still zu stehen scheint. Das einfach aufgehört hat, zu schlagen. Doch meine Wunden und Narben und all diese verdammten Schnitte auf meiner Haut brennen, sie lassen mich den Schmerz fühlen, den mein Herz nicht mehr spüren kann. Wenn man abstirbt, fühlt man nichts mehr.
Manchmal übertüncht der körperliche Schmerz den seelischen, so sehr, dass ich nur noch meine Fingerkuppeln spüre, die sich in meine Haut graben, statt den Schmerz der Verlorenen zu spüren, wenn ich ihn sehe. Ihn seine goldbraunen Augen sehen, die mich spiegeln.
Ich hätte ihnen gerne den Schmerz gezeigt, hätte gerne meine Brust aufgerissen und ihnen mein gebrochenes Herz gezeigt. Gelacht und gefragt, ob es das sei, was er wissen wolle. Aber ich kann ihnen nichts zeigen. Kann sie nicht offenbaren, kann all diese beschissenen Narben nicht offenbaren, die um mein Herz wuchern und versuchen es irgendwie zusammen zu halten. Wie sie es all die Jahre über versucht haben.
Bis ich vor ihm stand.
„Verletz mich jetzt“ sage ich ihm, ohne auf seinen Kumpel zu achten oder auf die Wolken, die sich zuziehen, ohne auf die stetige schwindende Zeit zu achten. Ich fordere ihn auf. „Bring den Schmerz um, das bist du mir schuldig“.
Er schaut mich an, aber er sieht mich nicht. Was er sieht, ist ein Mädchen, das verzweifelt versucht, den Schmerz in ihrem Inneren loszuwerden. Das verzweifelt versucht, nicht an ihm zugrunde zu gehen. Dem Schmerz. Oder vielmehr dem Jungen, der den Schmerz hervorgerufen hat. Dabei weiß ich, dass das erst der Anfang ist.
Der Anfang von dem Schmerz, der sich wie eine Zecke von da an, an mich haftet und mich leer saugt, Stück für Stück.
„Bring mich jetzt um“ flehe ich ihn an und spüre endlich Tränen meine Wangen hinuntergleiten, die sich bislang so tapfer versteckt haben, „betäube den Schmerz, ich will nur, dass es aufhört“. Ich fange an zu weinen, gebe es endlich auf, die Starke zu spielen, die gerade eine Abfuhr überlebt hat. Liebeskummer ist niemals einfach. Niemals erträglich. Niemals einfach nur irgendein Schmerz. Er zerdrückt einen. Und egal, wie klischeehaft es klingt, auch ich bin daran zugrunde gegangen.
Ich habe mich auf den Boden der Tatsachen fallen lassen, meine Tränen passieren lassen und den Jungen, dem mein Herz gehörte, um Erlösung gebeten. Aber er erhört meine Gebete nicht. Er kommt zu mir und reicht mir seine Hand. Er gibt mir ein Taschentuch, nachdem ich seine Hand ausschlug. Er flüstert mir eine Entschuldigung entgegen, als ich das Taschentuch ablehnte. Und wendet sich von mir ab.
Sein Kumpel schaut mich an, wie ich auf dem Boden kauer und nicht weiß, wohin mit meinen Gefühlen, wohin mit mir. „Willst du es wissen?“ frage ich ihn, wie er mich so anschaut und nicht weiß, wohin mit sich, „willst du wissen, wie es sich anfühlt mit einem gebrochenen Herzen?“ er schluckt schwer, dann offenbare ich ihm den Schmerz. Ich nehme mir eine Handvoll Steine vom Boden, stehe auf und zeige ihm mein tränenüberströmtes Gesicht.
„Es fühlt sich an, als würde man ins Wasser geschubst werden. Und deine Kleidung, sie saugt sich voll mit dem Wasser, sodass du schwerer und schwerer wirst. Es ist egal, wie gut du schwimmen kannst und wie lange du die Luft anhalten kannst, denn in dir drin liegen eine Handvoll Steine, die dich nach unten ziehen“ ich öffne meine Hand und lasse die Steine vor ihm fallen, „bis du ertrunken bist“.
Er schaut auf den Boden, auf den kleinen grauen Haufen und wieder auf mich.
Dann renne ich. Renne weg. Renn weg von meinem gebrochenen Herzen.
Ich schaffe es bis an den Fluss, lehne mich an das Geländer der Brücke und werfe Steine ins Wasser. Ich war noch nie gut darin, Steine springen zu lassen. Also fallen sie, tief, tief in die Strömung des Flusses. Wie mein Herz. Das so schwer wiegt, wie tausende dieser Steine.
„Bring mich jetzt um“, denke ich in die Abendsonne hinein, „betäube den Schmerz“. Diesen unerträglichen Schmerz, der sich tief in meine Brust bohrt. Obwohl ich weiß, das ist erst der Anfang. Der Schmerz wird nicht besser. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Narben bleiben für immer. Und sie werden mich bei jedem Blick an das erinnern, was war. An seine Worte und seinen Blick, als er vor mir stand und mich abblitzen ließ.
Ich will weg rennen. Renne weg, renne weg von meinem gebrochenen Herzen. Denn ich will den Schmerz nicht ertragen. Bring mich jetzt um, betäube den Schmerz, das ist erst der Anfang. Aber es ändert nichts. Ich bleibe am Geländer gebeugt und fülle den Fluss mit Salzwasser.
Gebrochene Herzen sind überall.
Ich spüre sie. Ich spüre seins, als er sich neben mich stellt und einen Stein übers Wasser springen lässt, zweimal, dann sinkt er tief, tief, tief in die Strömung hinein.
„Keiner kann mich spüren“ flüstert er, „keiner kann meinen Schmerz spüren“. Ich schaue zu ihm hoch und sehe, wie seine Augen auf die Abendsonne gerichtet sind. „Mein Herz steht offen, mit einer Kerbe, die so tief ist, dass sie nicht mehr zugenäht werden kann“
Meine Brust schmerzt. Als ich ihn reden höre mit seiner monotonen dunklen Stimme.
„Du hast es gebrochen“ gibt er zu, schluckend, „zu viele Gesichter rannten, zu viele Menschen gingen, du bist zu früh gegangen“.
Zum ersten Mal sehe ich ihn schwächeln. Den starken Jungen, der seinen Freund beschützt. Sehe ich mit seinen eigenen Gefühlen straucheln, wie er durch seine zurückgegelten Haare fährt und es zugibt.
„Ich bin nichts. Ich bin nichts anderes“.
Und ich verstehe, dass er genau weiß, wie sich ein gebrochenes Herz anfühlt.

I’m nothing. I’m nothing different.
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