Wille ist Macht - Verlangen ist alles

von MrsDraug
GeschichteAngst, Horror / P18
16.05.2018
17.03.2019
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15.6
Richie hatte schon immer das Talent besessen, in den wahrhaft ungünstigsten Momenten hereinzuplatzen.
Nicht umsonst hatte der Junge keine Geschwister, verstand er es doch blendend, immer genau in jenen Momenten die Szene zu stürmen, wenn es zwischen seinen alten Herrschaften endlich einmal wieder ein wenig intimer zu werden versprach...
Heute, am Freitag, dem fünfzehnten Tage des sechsten Monates des Jahres Neunzehnhundertachtundfünfzig hatte der halbwüchsige Sohn des charmantesten Zahnarztes in Maine und Umgebung es sich in den Kopf gesetzt, in der Praxis seines Vaters aufzukreuzen und um die Verhandlungen über den Vorschuss auf sein Taschengeld noch einmal aufzunehmen, just in dem Moment, in dem Went Carolyn Carson buchstäblich auf den Zahn hatte fühlen wollen.
Sie hatte ihm eben die Lieferung für den Praxisbedarf abgerechnet und war dabei gewesen, mit ihm die Bevorratung für das nächste Quartal abzustecken, als er bemerkt hatte, wie beschissen sie schon wieder aussah.
Carson hatte nur höflich lächelnd genickt, und dabei abwesend aus dem Fenster gestarrt.
Went hatte einen flüchtigen Blick auf ihr Dekolletee riskiert - nicht, dass es dort jemals viel zu sehen gegeben hätte - und ihre unansehnlich hervortretenden Schlüsselbeine waren ihm förmlich in die Augen gesprungen.
Auch ihre Kleidung befand sich in einem desolaten Zustand, der vermuten ließ, dass sie zurzeit Ärger mit ihrer Waschmaschine hatte.
Besonders schlimm stand es jedoch um ihre Schuhe - sie sahen aus, als wäre sie damit einmal quer durch die Wüste Gobi und wieder zurück gewandert.
Außerdem hätte ihr ein Besuch beim Friseur gut getan.
Carson war nicht der Typ Frau, der großen Aufwand  mit  Make-up, Lockenwicklern und Haarspray betrieb, das wusste Went, aber in einer derart ungepflegten Verfassung hatte der Zahnarzt die junge Pharmazeutin bisher noch nicht zu Gesicht bekommen.

Went hätte gern erfahren, mit was für Problemen sich dieses sarkastische kleine Mauerblümchen wohl herumschlug, und hätte ihr bei Bedarf wirklich jedwede Unterstützung angeboten, die sie nötig hatte, und er war drauf und dran gewesen, sich seines rhetorischen Talents zu bedienen, um Carolyn all ihre dunklen Geheimnisse zu entlocken... aber diesen Komfort gedachte  just in diesem Moment sein unbedarfter Sohnemann für sich zu beanspruchen.
Als hätte der Junge noch nie etwas von dem Begriff 'Diskretion' gehört, war er unaufgefordert in die Büroräume der väterlichen Praxis gestürzt, und hatte ihm Erpressung und Ungerechtigkeit gegen sein eigenes Fleisch und Blut vorgeworfen, und ihn davon zu überzeugen versucht, dass drei Dollar für das Mähen des tozier'schen Rasens schon eher mit seinen Vorstellungen von angemessenen Lohnzahlungen korrelieren würden.
Während Went dem Spross seiner Lenden die Leviten über Taktgefühl und Benehmen las, betrachtete Carolyn den amüsanten, etwas kurz geratenen Lausebengel mit belustigter Melancholie.
Was hatten Kinder dieser Generation es doch leicht...
Vor allem die, die das Glück hatten, mit Eltern gesegnet worden zu sein, die einem in allen Lebenslagen zur Seite standen...
Auch sie hätte eine spontan gesetzte Finanzspritze auf ihr Konto gut vertragen können.
Das Krankenhaus hatte ihr vor einigen Tagen die Rechnung für ihren Aufenthalt zugeschickt, und ihre Versicherung weigerte sich, die Kosten zu übernehmen.
  ...die Übernahme entstandener Kosten und Folgekosten aufgrund  versuchter Selbsttötung des Versicherungsnehmers sind von Ihrem Leistungsträger laut Vertragsbedingungen zu verweigern...

Carolyn bezweifelte nicht, dass Mr Keene ihr ohne Umschweife einen Scheck mit dem entsprechenden Betrag ausgestellt hätte, wenn sie sich mit diesem unerwarteten Problem ratsuchend an ihn gewendet hätte, aber ihn anzunehmen, wäre für sie nicht in Frage gekommen.
Außerdem belasteten Carolyn ganz andere Dinge, als lächerliche Geldsorgen.
Dem Brief des Krankenhauses war der genaue Untersuchungsbericht mitsamt den Laborwerten ihrer Blutuntersuchung beigefügt worden, und an ihm haftete ein Post-it.
Mit orangefarbigen Textmarker hatte man die Nachricht, die handschriftlich auf ihm vermerkt worden war, optisch hervorgehoben.

     Auffällige Parameter, bitte zur weiteren Anamnese
     unbedingt Termin mit Dr. Park (Station B-4, 2. OG)vereinbaren,
     ggf. rad. Diagn. Abdomen erwägen
     M.f. G. Dr. A. G. Clement

Sie hatte die Werte ihres Blutbilds überflogen, und hatte die Papiere dann zu den alten Werbeprospekten gelegt, die bei der nächsten Gelegenheit zum Altpapier wandern würden.
Gut und schön, dass Dr. Clement sich um ihr physisches Wohl sorgte.
Aber was kümmerten sie zu niedrige Hämoglobinwerte und hohe Leukozytenspiegel, wenn es ihr vor allem an jenem fehlte, das für ihre Seele am Wichtigsten war?
Für ein kleines Lebenszeichen von Roger hätte sie ihren letzten Tropfen Blut hergegeben.
Es war diese Ungewissheit, die sie umbrachte, dieser endlose, zehrende Zustand aus Bangen und Hoffen.
Und die Vorstellung, dass ein bösartiges, selbstsüchtiges Wesen noch andere Menschen von der Bildfläche verschwinden lassen könnte, an denen ihr etwas lag, bloß, um die Tränen, die sie um sie vergoss, wie erlesenen Göttertrank aus Ambrosia zu schlürfen, brachte sie einer ohnmächtigen Hysterie nahe.

"In Ordnung", stöhnte Went gerade theatralisch.
"Zweifünfzig bar auf die Kralle, Richie, wenn du mir versprechen kannst, dass der ganze Rasen gemäht ist, wenn ich heute Nachmittag wieder nach Hause komme. Und das ist mein letztes Angebot zu dieser Angelegenheit."
"Wir kommen ins Geschäft, Señor", schnarrte der Bengel mit verstellter Stimme und streckte seinem Vater die aufgehaltene Hand entgegen, um zwei Scheine und eine Münze in Empfang zu nehmen, die er genauestens auf Echtheit zu prüfen schien, bevor er sie in geschäftsmännischer Manier in sein Mickey-Mouse-Portemonnaie wandern ließ.
"Alles Roger, Carson?", rief Wentworth Carolyn zu, die mit einem entrückten Gesichtsausdruck Richies laienhafte Imitation eines mexikanischen Drogendealers auf sich wirken lassen hatte.
Die junge Frau zuckte zusammen und starrte den Zahnarzt erschrocken aus glänzenden, eisblauen Seelenspiegeln an.
"Was, bitte?"
"Da diese Nervensäge hier am Samstag offenbar besseres vorhaben wird, als mich und meine Frau beim Brunch mit seiner Gesellschaft zu beehren, könntest du doch den freigewordenen Platz am tozier'schen Tische mit deinem letzten bisschen Sitzfleisches warm halten", sinnierte Went und lächelte gewinnend.
"Komm schon, Carson, sag 'ja'; Maggie würde sich sehr freuen, dich endlich einmal kennenzulernen... und außerdem wollte einer meiner ehemaligen Kommilitonen aus Bangor vorbei schauen... frisch geschieden, frei von Altlasten, ein attraktives Bürschchen..."
"Du meinst doch nicht etwa Onkel Danny?", platzte Richie dazwischen, und Went funkelte ihn scharf an.
"Doch, Richie, ich rede in der Tat von unserem Dan...", raunzte er ihm warnend entgegen und trommelte dabei mit den Fingerspitzen auf den Bürotisch.
Richie zog skeptisch die Brauen zusammen.
"Von DEM Dan mit dem Pfund Pomade in den Haaren und den abgeknabberten Fingernägeln?"

Went schielte verstohlen zu Carolyn hinüber, die einen verschwörerischen Blick mit seinem unverschämten, ihm einfach in den Rücken fallenden Sprössling austauschte; ein lausbubenhaftes Grinsen hatte sich auf ihre Lippen gestohlen, und er fand sie einfach hinreißend. Sie hatte etwas Besseres verdient, als... all das hier. Als Derry...
"Richie, was hältst du davon, dich selbst aus dieser Praxis zu entfernen, bevor sich dein alter Herr dieser Aufgabe annehmen muss, und dir dafür zweieinhalb Mäuse als Arbeitslohn abnehmen wird?", eröffnete er seinem Sprössling, bevor dieser auf die Idee kam, weitere unvorteilhafte Details über Dan preiszugeben, und Carolyn damit der Chance beraubte, sie selbst herauszufinden.
Richie reichte Carolyn galant die Hand uns verbeugte sich so tief vor der Pharmazeutin, dass Went fürchtete, er würde vornüber kippen, und auf seinem ohnehin schon stark lädiertem Nasenfahrrad landen.
Doch der Teufelsbraten behielt die Balance, schmatzte Carolyn einen feuchten Kuss auf den Handrücken, und verabschiedete sich mit einem 'Habe die Ehre, Missus', das sich anhörte, als käme es aus der Kehle eines französischen Ochsenfrosches mit Polypen.

Fasziniert blickte Carolyn dem Bengel nach, der beschwingt aus den Arbeitsräumen seines Vaters stürmte, und schüttelte lächelnd den Kopf.
"Du hast einen zauberhaften Jungen, Tozier", murmelte sie nicht ohne jede Spur von Neid.
Wentworth zwinkerte ihr vertraulich zu.
"Oh, ich hege nicht den geringsten Zweifel daran, dass mein guter Freund Dan dir liebend gerne zu einem vergleichbaren Exemplar verhelfen würde, wenn du mir die Gelegenheit einräumen würdest, euch einander vorzustellen..."
Um genau zu sein, hätte sich Went, der es mit der Treue noch nie besonders genau genommen hatte, mit dem Gedanken anfreunden können, diese Aufgabe selbst in seine erfahrenen Hände zu nehmen.
"Ich fürchte, ich muss deine Einladung dankend ablehnen, Tozier...", wich Carrie entschuldigend aus.
Went warf theatralisch die Hände in die Luft.
"Ach, komm schon, Carson, das wäre eine Schande. Zumal die Geschichte mit dem Pfund Pomade überhaupt nicht der Wahrheit entspricht. Es handelt sich mindestens um ein ganzes Kilo."
"Ach, ja?"
"Vielleicht auch um ein wenig mehr, wenn du es genau wissen willst. Und mit dem Nägelkauen hat Dan erst angefangen, als seine Ex-Frau mit ihrem gemeinsamen Anwalt nach Florida durchgebrannt ist."
"Okay..."
"Du bist nicht leicht zu überzeugen, Carson, was?  Oder gibt es etwa... einen triftigen Grund, der dich davon abhält, diesen Junggesellen der Extraklasse näher kennen zu lernen?"
"Ja... ja, den gibt es tatsächlich...", stammelte Carolyn befangen, und Went horchte interessiert auf.
"Aha", schnarrte er gedehnt.
"Ohne politisch unkorrekt rüberzukommen, Carson... handelt es sich dabei ganz konkret um einen zweibeinigen Grund?"
Sie nickte stumm und schlug die Augen nieder.
Went lehnte sich langsam zu ihr vor, und funkelte sie dabei vertraulich über den Rand seiner dicken Brille an.
"Und dieser zweibeinige Grund sitzt dir gerade nicht zufällig direkt gegenüber, Carson?"
Carolyn schlug empört als auch fassungslos mit der flachen Hand auf die weiße Hochglanz-Tischplatte.
"NEIN! Also, Herrgott, Went..!"
Er hob abwehrend die Arme. "Nicht, doch - 'Went' allein genügt völlig, meine Liebe..."
Er zwinkerte ihr verschmitzt zu, und sie musste unweigerlich grinsen.
"Nun, dann hab ich wohl noch einmal Glück gehabt, was? Ich hatte schon Angst, du würdest gleich über mich herfallen, und mich auf meinem eigenen Behandlungsstuhl vergewaltigen..."
"Bitte, Went..."
"Dann rück' jetzt mal mit ein paar Details heraus, Schneewittchen! Wer ist es? Ich will einen Namen, schließlich muss ich wissen, auf wen ich meine Auftragskiller ansetzen muss. Also, wie heißt der Clown?"

Carolyns Lächeln gefror ihr auf den blassen Lippen.
"Nenn' ihn nicht so", murmelte sie leise, und Wentworth ließ sich in die Lehne seines Bürostuhls zurücksinken, die Hände vor sich gefaltet, wie ein artiger Schuljunge, den neckischen Ausdruck aus seinem Gesicht verbannt.
Er wirkte nicht beleidigt, oder vor den Kopf gestoßen, als vielmehr fasziniert.
"Okay... Sorry, Carson. Wow. Dich hat es anscheinend richtig erwischt, was?"
Sie wollte ihm etwas darauf erwidern, brachte aber nur jenes leise, gequälte Geräusch von sich, das Went manches Mal von seinen Patienten vernahm, wenn während einer langwierigen Behandlung die Betäubung nachzulassen begann.
"Au weia...", schnaufte er beeindruckt.
"Jetzt hast du mich wirklich neugierig gemacht. Und? Kennt man ihn also, deinen Auserwählten, der dein Herz in Beschlag genommen hat?"
Carolyn lächelte hilflos. Sollte sie nun 'Roger Byrat' beim Namen nennen, insofern er tatsächlich so heißen mochte, jener Mann, für den sie gestorben wäre, wenn er denn überhaupt noch lebte?
Oder war es nicht angebrachter, Pennywise, den tanzenden Clown dafür verantwortlich zu machen, dass es für sie nicht möglich sein würde, eine Beziehung zu irgendeiner anderen Kreatur aufzubauen und zu vertiefen, weil das Wesen, das sich hinter diesem ulkig klingenden Titel verbarg, sich die Grausamkeit herausgenommen hatte, sie ganz für sich allein beanspruchen zu wollen?
"Keine Ahnung, Went", seufzte sie also ratlos.
"Um ehrlich zu sein, kann ich selbst nicht wirklich behaupten, dass ich ihn KENNE... Wahrscheinlich sieht er in mir auch nicht das, was ich in ihm sehe. Das wäre nicht weiter tragisch, aber... ich vermisse ihn so sehr, Went. Ich mache mir solch schreckliche Sorgen um ihn. Er hat nun schon seit Wochen nichts mehr von sich hören lassen, und ich weiß nicht, wann ich ihn wieder sehen werde. Es könnte sogar sein, dass er längst von hier verschwunden ist, ohne mir Lebewohl zu sagen..."
Tapfer schluckte sie die aufsteigenden Tränen herunter.

Mitleidig musterte der Zahnarzt das Häufchen Elend.
"Ach, Carson... Tu dir das nicht an. Du solltest dir zu schade dafür sein, dich benutzen zu lassen, wie ein schnödes Spielzeug. Irgendwo dort draußen gibt es einen Burschen, der nur auf ein Mädchen wie dich gewartet hat, und der es ernst mit dir meint. Für den solltest du dir dein Herzblut aufsparen. Klar?"
Sie sah ihn kurz und unverwandt an; dann wanderte ihr abwesender Blick hinüber zum Fenster, und die auswärtige Landschaft spiegelte sich in diesen irreführend hellen, klaren, blauen Augen.
In diesem Moment sah sie so aus, als sei sie selbst schon längst nicht mehr vorhanden, sondern bereits... irgendwo anders, ganz weit fort von hier.
Wenn sie in dieser Sekunde einfach verblasst wäre, wie eine Geistergestalt, dann hätte es Went nicht weiter verwundert.
"Willst du was trinken?", fragte er sie, um die Stille zu zerreißen, die sich wie ein Vorhang zwischen sie geschoben hatte.
"Gern."
Sie nickte dankbar, und es erleichterte ihn, sie mit dieser Offerte wieder in seine Sphäre zurückgeholt zu haben.
"Wonach verlangt es der Dame? Wodka? Whiskey? Went's Wacholderlikör?"
"Ich hoffe, Ihnen beliebt es, zu scherzen, werter Herr Doktor", säuselte die Carson, und zwang sich zu einem Lächeln.
"Hast du nicht in einer Stunde den nächsten Patienten hier auf deiner Folterbank hocken?"
"Schon möglich", gab der Angeklagte freimütig zu.
"Hast du stilles Wasser hier?"
Went zuckte lässig mit den Achseln.
"Sicher. Frisch gezapftes, aus der Leitung."
Carolyn nickte. "Perfekt."
"Dann zweimal Derrys Finest", stellte der Zahnarzt fest.  "Kommt sofort, Milady."
Went stand auf, und klaubte zwei Papierbecher aus dem Spender, der für die Patienten bereitstand, welche das Bedürfnis hatten, ihren blutigen Mund nach der Behandlung auszuspülen.
"Dein Typ...", griff er das Thema nun doch noch einmal zögerlich auf.
"Kommt er denn von hier, aus dieser schönen Stadt?"
"Hmmm...", murmelte sie.
Zumindest ging sie davon aus...
Went stieß halb verächtlich, halb amüsiert die Luft zwischen den Zähnen aus.
"War ja nicht anders zu erwarten. Wenn das so ist, dann brauchst du diese Sache wirklich nicht persönlich zu nehmen, Carson. Hier in Derry sind sie doch alle ein bisschen eigenartig, so erzählt man es sich zumindest außerhalb der Stadtgrenzen. Wenn dir hier jemand blöd kommt, liegt es zu neunzig Prozent nicht an dir."
"Ach nein? Und woran dann?", frotzelte Carolyn.
"Was weiß ich... Vielleicht an irgendwelchen Magnetfeldern unter der Erde. Oder an dem Wasser, das wir hier alle trinken", Er hielt ihr den gefüllten Becher unter die Nase.
"Cheers, Hasenzähnchen. Auf das du mindestens genauso meschugge wirst, wie der Rest dieser verrückten Stadt.  ...Falls du das nicht ohnehin schon längst bist, natürlich..."
Carolyn grinste bissig, und stieß mit Wentworth an, bevor sie Derrys farbloses Blut dankbar ihre durstige Kehle hinunterlaufen ließ.

                                                           ***


Es war der letzte Tag vor den Sommerferien, die letzten vierundzwanzig umsatzstärkeren Stunden vor der von allen Einzelhändlern so gefürchteten Urlaubsflaute.
Carolyn war gerade damit beschäftigt, Sonnencremes und Insektenabwehrsprays verkaufsfördernd vor dem Tresen zu platzieren.
Ganz bei der Sache war sie nicht, und sie wusste, dass Ruby über ihre Arbeit den Kopf schütteln, und dann das ganze Sortiment noch einmal vernünftig arrangieren würde.
Sie hatte in dieser Nacht einen seltsamen Traum gehabt. Von Went.
Sie konnte sich nicht an Einzelheiten erinnern, meinte aber, es müsste etwas gewesen sein, was Scham und Schuldgefühle in ihr hervorgerufen hatte... etwas, was sie sich ungern ins Gedächtnis zurückrufen sollte... aller Wahrscheinlichkeit nach etwas mit sexuellem Hintergrund...
Die Glocke über der Eingangstür begann wild zu schellen, als Kundschaft den Drugstore betrat, und sie aus ihren Tagträumen riss
Es war ein Junge, und sie erkannte ihn sofort, obwohl sie die Male, die sie ihn bisher gesehen hatte, an einer Hand hätte abzählen können.
Er war offensichtlich völlig außer Atem, die Nervosität stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.
Er eilte zu ihr an den Verkaufstisch, und sie ertappte sich dabei wie sie unwillkürlich einen Schritt vor ihm zurück wich.
Fiebrig starrte er sie aus seinen hellblauen Augen an, und sie musste sich dazu zwingen, seinen Blick fest und standhaft zu erwidern.
"Was kann ich für dich tun, Bill Denbrough?"
Bill, der Bruder jenes kleinen, toten Jungen im gelben Regenmantel, öffnete den Mund, bekam jedoch kein Wort heraus.
Aus dem Backoffice vernahm Carolyn Rubys wenig respektvolles Schnauben.
Geistesgegenwärtig schob sie dem Jungen einen Werbeprospekt für Vitaminpillen und einen Kugelschreiber über den Tresen zu und nickte auffordernd.
Bill begriff trotz seiner Aufregung sofort, langte hastig nach dem Schreibwerkzeug, und kritzelte dankbar seine Botschaft auf den Flyer.
Carolyn hätte sicherlich über den drolligen Rechtschreibfehler in seinem kurzen, kindlich verfassten Text lächeln können, wenn sein Inhalt sie nicht so betroffen gemacht hätte:

   'Eddie Kaspbrak und ich haben in den Barrens gespielt.
    Er hat einen schlimmen Assmahanfall, er kann kaum atmen.
    Können Sie mir ein neues Assmah-spray für ihn geben?'

"Natürlich, Bill. Einen Augenblick."
Carolyn eilte zu den Schubladen und beförderte das Dosieraerosol heraus. Keine einzige Spinnenwebe klebte an dem kühlen Plastik, kein haariger Leib huschte auf acht langen, dürren Beinen über ihre Hand.
Zur Sicherheit kontrollierte sie die Beschriftung auf dem Metallzylinder.
                      P-Asthmex.
Das genügte ihr nicht.
Sie entnahm die Patrone, drehte sie, las, was darauf gedruckt worden war.
Ein weiteres, ebenso dämliches Fantasiewort deklarierte den Inhalt der Kartusche.
                      HYDROX... oder, um es treffender zu umschreiben,
                                                                                                         H²O.

Wasser, Wasser mit einem Hauch von Camphora, damit es so schmeckte, wonach ein solches Gift eben schmecken sollte, um der Illusion den letzten Schliff zu verpassen.
Sie setzte die Patrone wieder ein und reichte den Inhalator dem jungen Denbrough.
"Hier, mein Junge."
Aufatmend griff der Bursche nach dem nutzlosen Gerät.
"D-d-d-danke. I-i-ich hab k-kein G-g-g---"
"Kein Problem, das geht auf Mrs Kaspbraks Rechnung", wandte Carolyn ein. Als Bill sie zweifelnd musterte, blinzelte sie Bill aufmunternd zu.
"Schon in Ordnung; sie wird froh sein, dass du das für Eddie getan hast, Bill. Jetzt bring deinem Freund seine Medizin. Aber fahr vorsichtig, falls du wieder mit diesem riesigen Fahrrad unterwegs sein solltest. Und dann, um Himmels willen, macht, dass ihr aus den Barrens verschwindet, ihr solltet überhaupt nicht an solch abgelegenen Orten spielen, hörst du? Es ist schon wieder ein Kind verschwunden..."
Ohne etwas darauf zu erwidern, stürmte der Junge aus der Apotheke.
Carolyn leckte sich über die Lippen. Eddie Corchoran war der Name des Kindes, das seit Neuestem als vermisst galt.
Sie lauschte, und tatsächlich vernahm sie kurz darauf das maschinengewehrsalven-artige Rattern der Karten, die in den Speichen der Räder des silbernen Drahtesels befestigt worden waren, als sich Bill auf sein Gefährt geschwungen hatte, und davonzurasen begann.
Sie seufzte abgrundtief.
Mr Keene war leise an sie herangetreten.
"Er hat schon seit je her gestottert. Aber es ist viel schlimmer geworden, nachdem er seinen Bruder verloren hat", murmelte er nachdenklich.
Über die schmale Schulter seiner Angestellten studierte er das, was der Junge auf den Werbezettel für Swetts Vitaminkur gekritzelt hatte.
Er lächelte bitter. "Ah, so ist das also..."
"Ich habe ihm den Placebo ohne Verordnung ausgehändigt, und als Privatkauf auf Mrs Kaspbraks Rechnung gesetzt.", informierte Carolyn ihren Arbeitgeber leise.
Keene nickte besänftigend. "Aber natürlich, Carolyn. Das war vollkommen in Ordnung---"
"Nein", widersprach die junge Frau ihrem Chef ruhig, aber energisch. "Das war es nicht."
Überrascht betrachtete Keene Ms Carson.
Die schüttelte verzagt den Kopf und hob hilflos die Schultern.
"Er könnte daran sterben, Mr Keene. Eddie könnte wirklich an seinem eingebildeten Leiden sterben, denn es ist für ihn so real wie die Wirkung seines p-Asthmex! Man sollte diesen labilen doch Jungen unterstützen, in seinen freien Möglichkeiten, in seiner Selbstfindung, in seiner Entwicklung... aber stattdessen veranstalten die ihn umgebenden Erwachsenen in seiner Umgebung, denen er vertraut, dieses skurrile Theater, um ihn weiterhin in dem Glauben zu lassen, dass er seine Atemnot mit einem Knopfdruck auf das allmächtige Heilmittel in Schach halten muss. Ich habe genug davon, daran mitzuwirken, dieses Kind immer kränker zu machen, Mr Keene!"

Mit ernstem Blick musterte der alte Apotheker seine junge Assistentin.
"Ich verstehe, was sie aufwühlt, Carolyn", räumte er schließlich ein.
"Ich verstehe sogar sehr gut. Und Sie dürfen sich darauf verlassen, dass ich mich meiner Verantwortung dem Jungen gegenüber stellen werde. Schon sehr bald. Ich habe mir diesen Zirkus lange genug tatenlos mit angesehen. Das wird nun ein Ende haben."
Carrie nickte langsam.
Sie versuchte sich vorzustellen, welche Konsequenzen es für Eddie haben würde, die Wahrheit zu erfahren.
Es schien ihr der einzig richtige Weg zu sein, aber dennoch blieb ein fahler Nachgeschmack bei dem Gedanken, ihn seiner Illusionen zu berauben, auch wenn sie ihn eingeschränkt und ihm zugesetzt hatten...
Sie schluckte beklommen und wandte ihr sehnsuchtsvolles Gesicht dem Schaufenster zu.
"Lakritz?", drang Norberts schnarrende Stimme an ihr Ohr, und riss sie aus ihren Tagträumen.
"Oh... nein, danke, Mr Keene...", murmelte sie abwesend und ließ den Zettel mit Bill Denbroughs Botschaft zerstreut im Papierkorb verschwinden.
Keene räusperte sich, und ging um den Verkaufstisch herum, so dass er wie einer ihrer Kunden vor ihr stand, der mit einem vertraulichen Anliegen zu ihr gekommen war.
"Sind Sie hier glücklich, Carolyn?", fragte er sie wie nebensächlich, während er die durcheinandergebrachten Werbeflyer für Swetts Vitamin-Produkte wieder ordentlich zusammenlegte.
Carolyn starrte ihn an, als hätte er ihr eine Ohrfeige verpasst, aber ihr Vorgesetzter hatte seinen Blick starr auf die Prospekte geheftet, als erforderte deren rechtwinklige Ausrichtung auf dem Verkaufstisch seine gesamte Aufmerksamkeit.
Unschlüssig, worauf genau seine Frage sich bezogen hatte - ob er mit 'hier' diese Apotheke meinte, die Stadt, oder gar ihre Lebenssituation in seiner Gesamtheit - gab sie ihm die Antwort, die auf alle Optionen zutraf.
"Ja. Ja, Mr Keene, das bin ich. Und wenn ich unglücklich wäre, wüsste ich nicht, wo ich es lieber wäre, als da, wo ich jetzt bin. ...Warum fragen Sie mich das überhaupt, Mr Keene?"
"Ach..."
Er schüttelte betrübt sein weises Haupt und lächelte.
"Ich weiß nicht, Ms Carson... Mir ist nur gerade eben in den Sinn gekommen, wie sehr Sie hier fehlen würden, wenn Sie uns wieder verließen..."
"Aber das werde ich nicht", versprach Carolyn überzeugt.
"Wenn es nach mir geht, dann werde ich in dieser Stadt sterben, Mr Keene."
Der Apotheker sah auf, seine scharfen Kanoniersaugen glitzerten.
Es war schwer abzuschätzen, ob ihre Antwort ihn zufrieden stellte.
"Wenn Sie mir nur den Gefallen täten, und mir dabei den Vortritt lassen würden, meine Liebe, dann wäre ich Ihnen wirklich sehr verbunden", sprach er wie im Scherz, und wandte sich dann rasch zur Seite, um das Moskito-Abwehr-Spray in eine andere Ecke zu stellen.
Der Anblick seines langen, hageren, gebeugten Rückens, seines silbrig melierten, dünner werdenden Haares und der pigmentfleckigen, faltigen Haut, die sich über seinen langen, schmalen Händen spannte, brach Carolyn das Herz.


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