Wille ist Macht - Verlangen ist alles

von MrsDraug
GeschichteAngst, Horror / P18
Eddie Kaspbrak ES / Pennywise OC Oscar "Butch" Bowers Richard "Richie" Tozier William "Stotter Bill" Denbrough
16.05.2018
17.03.2019
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Der rüstige Apotheker steuerte nun geradewegs auf die Siebzig zu und leitete den Drugstore an der Center Street nun schon länger, als die Hälfte der Einwohner dieser Stadt denken konnte.
Seine Lebenserfahrung hatte ihn so einiges über die Menschheit gelehrt, und Norbert Keene musste gestehen, dass er von vorneherein recht skeptisch gewesen war, was die junge Frau anbelangte, die nun schuldbewusst ihm gegenüber an seinem Bürotisch kauerte und den Blick gesenkt hielt.
Heute war er ihr zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht begegnet, und eigentlich hatte er sie direkt wieder fortschicken wollen, als sie an diesem frühen Samstagmorgen mit der Bewerbungsmappe unter dem Arm vor der Apotheke stand, und ihm offenbarte, wer sie war.
Andererseits aber war  er schon seit mehreren Monaten händeringend auf der Suche nach fachkundiger Unterstützung in seinem Drugstore, und leider gab es in näherem Umkreis kaum bezahlbare Arbeitskräfte, die sich darum rissen, ausgerechnet eine mittelklassig bezahlte Stelle in Derry anzutreten.

Als er die aktive Fahndung nach neuem Personal gerade aufgegeben hatte, hatte sie sich gemeldet.
Carolyn Carson, vorexaminierte Studentin der Pharmazie, eine günstige, aber effiziente Arbeitskraft, die - von unergründlichen Motiven getrieben - in Erwägung zog, von Boston nach Derry zu ziehen.
Sie hatte ihm ein aussagekräftiges Anschreiben zukommen lassen, und ihre Referenzen hatten ihn überzeugt, obwohl er alles andere als angetan davon war, 'jemanden von Außerhalb' in seiner Apotheke zu beschäftigen.
Die Leute waren voreingenommen gegenüber Fremden; sie wollten vertraute Gesichter sehen, wenn sie ihre Hämorrhoidenzäpfchen und Fußpilzcremes hier kauften.
Schließlich hatte er sie allen Bedenken und Vorurteilen zum Trotze dennoch zu einem persönlichen Gespräch in seine Apotheke eingeladen, für Freitag, den achtzehnten Oktober, um siebzehn Uhr, eine Stunde vor Ladenschluss.
Er hatte Ruby wegen des Unwetters früher nach Hause geschickt, und war allein im Drugstore gewesen, der an diesem Nachmittag wie ausgestorben war.
Er hatte gewartet, hatte zehn Minuten gewartet, hatte weitere zehn Minuten gewartet, hatte den Tagesabschluss gemacht, den Lieferanten bestellt, und schließlich die Lichter gelöscht.
Um viertel nach sechs hatte er kopfschüttelnd die Türen des Drugstores abgeschlossen, sich in seinen rostroten Plymouth gesetzt und auf den Heimweg gemacht.

Keene hatte eigentlich nicht mehr damit gerechnet, diese dubiose Ms Carson überhaupt noch zu Gesicht zu bekommen.
Er war davon ausgegangen, dass sie es einfach vorgezogen hatte, in Boston zu bleiben, und es - ganz nach der Manier eines typischen Yuppies - nicht für nötig gehalten hatte, den vereinbarten Termin der Höflichkeit halber abzusagen.
Umso überraschter war er gewesen, als sie vor wenigen Minuten vor dem Drugstore aufgeschlagen war, um ihn aufrichtig um Verzeihung und eine zweite Chance zu bitten, und vielleicht hatten ihn ihre absurd blauen Augen auch ein wenig überrumpelt.
Mürrisch hatte er sie in den Drugstore geschoben und sie angewiesen, in seinem Büro zu warten, bis er die morgendlichen Routinearbeiten erledigt hatte.
Damit hatte er sich Zeit gelassen.
Als auch Ruby schließlich um neun Uhr ihre Schicht antrat, konnte er sich von der Offizin lossagen und sich der schüchternen jungen Dame widmen, die ganze Zeit geduldig seiner Wiederkehr geharrt hatte.
Er musterte ihre unaufdringliche, zurückhaltende Erscheinung, registrierte ihre unmanikürten, feingliedrigen Hände, ihre spröden, ungeschminkten Lippen, ihre fast anämische Blässe und die violetten Ränder um ihre Augen, die davon kündeten, dass sie sich in letzter Zeit zu wenig Schlaf oder zu wenig reichhaltiger Nahrungsmittel angedeihen lassen hatte.
Der Trenchcoat sah sauber und neu aus und kündete von modischem Geschmack, passte aber nicht recht zu dem wadenlangen Schottenrock, den sie trug.
Sie hielt die Knie unter dem karierten, groben Stoff sittsam zusammengeführt, doch zappelten ihre Füße (die zu seinem Missfallen in derben, flachen Stiefelwerk steckten, die ihre Besitzerin offenbar in jüngst vergangener Zeit durch Schlamm und Pfützen getragen hatten) dermaßen heftig über dem weißen Büroteppich herum, dass es an Provokation grenzte.
"Dann bin ich mal gespannt, welche hanebüchene Geschichte Sie sich jetzt aus den Fingern saugen wollen, um Ihre Dreistigkeit zu entschuldigen, mich in meiner eigenen Apotheke auf jemanden wie Sie warten zu lassen", schnarrte Keene zynisch, als er sich auf den ächzenden Chefsessel fallen ließ, und seine langen, hageren Beine übereinander schlug.
Carolyn schrumpfte förmlich unter den strengen, abschätzigen Blicken, mit denen er sie maß.
Sie spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss, ihr Mund trocken wurde, und sich ein Kloß in ihrer Kehle festzusetzen schien.

"Mr Keene", begann sie, und war sich nur zu gut bewusst, wie  rau und jämmerlich ihre Stimme klang,
"Es tut mir so leid, dass ich Sie nicht rechtzeitig informieren konnte, ich... ich musste gestern unerwarteter weise  mit auf das Polizeirevier kommen..."
Sie bemerkte den bohrenden Ausdruck in den Augen des Apothekers, und setzte schnell hinzu:
"Um eine Aussage zu machen! Ich... Ich bin gestern am späten Nachmittag auf der Witcham Street leider Zeugin eines... eines schrecklichen Vorfalls geworden, und..."

Ihre Stimme versagte nun vollends, aber Keene hatte genug gehört, und winkte ab.
Er hatte eine vage Ahnung davon, wie schlimm es auf den Straßen aussah, und in den letzten Tagen hatten sich Verkehrsunfälle gehäuft, Leitungsmasten waren umgestürzt, Häuser waren im aufgeweichten Boden eingesunken...
Und er wusste auch, wie unkoordiniert die Polizei in Derry arbeitete.
Erst am nächsten Tag würde Keene in der Sonntagszeitung der Derry News vom tragischen Tod des kleinen Georgie Denbrough erfahren - der Fall hatte es nicht rechtzeitig vor Redaktionsschluss in die Nachrichten geschafft - und selbst dann noch würde er die Schlagzeile nicht mit der Ursache für die Verspätung seiner neuen Mitarbeiterin assoziieren.
Momentan zählte für ihn nur, dass Carson eine plausibel klingelnde Erklärung für ihre gestrige Abwesenheit hatte, und für ihn kein wesentlicher Anlass dazu bestand, sie dorthin zu schicken, woher sie gekommen war.
Er rückte seine zierliche Brille auf seiner Adlernase zurecht und warf einen Blick aus dem Fenster.

"Dieses Wetter...", murmelte er düster und nickte nachdenklich.
"Daran müssen Sie sich gewöhnen, wenn Sie hier bleiben wollen, Ms Carson. Alle drei bis vier Jahre steigt der Pegel des Penobscots an, und dann schießt auch der Wasserspiegel des Kenduskeag in die Höhe und droht, das tiefer liegende Land zu überfluten. Es liegt an den Eigenarten unseres Abwassersystems. Sie werden bald verstehen, was ich meine."
Er schien kurz zu überlegen, dann rückte er seine Brille zurecht und überflog mit gelindem Interesse das vor ihm liegende Bewerbungsschreiben.
Plötzlich hielt er überrascht inne.
"Wie ich sehe, Sind Sie bereits umgezogen, Ms Carson. Wie lange wohnen Sie schon in der Jackson Street?"
"Seit letzter Woche."
"So? Gefällt es Ihnen hier?"
Sie nickte schnell.
Keene kniff die Augen zu schmalen, funkelnden Schlitzen zusammen.
"Verstehe ich richtig, Ms Carson - Sie, als alleinstehende Frau, ziehen auf gut Glück in eine irgendeine fremde Stadt, noch dazu in ein Viertel der oberen Mittelklasse - und dann erst kümmern Sie sich um einen Job? Das erscheint mir recht blauäugig, selbst für eine Frau jenseits des Teenager-alters, die vielleicht schon einige Rücklagen für ein kleines Startkapital beiseite legen konnte..."
Er grinste haifischartig.
Carolyn erwiderte das Lächeln verlegen, ohne die Kritik in diesem Kommentar persönlich zu nehmen.
"Nun, Derry ist für mich nicht irgendeine Stadt, Mr Keene. Wenn Sie sich mein Curriculum Vitae durchlesen, werden Sie sehen, dass ich hier geboren wurde."
Keene blickte interessiert auf - zum einen überrascht über ihre Zuversicht, dass er sich trotz allem noch die Mühe machen würde, ihren Lebenslauf durchzugehen, zum anderen, dass er es sozusagen mit einer ehemaligen Ortsansässigen zu tun hatte.
Carolyn spürte, dass sich das Blatt gerade zu ihren Gunsten drehte, und fuhr fort.
"Mein altes Elternhaus liegt ebenfalls auf der Jackson Street, es wurde natürlich von seinen Grundmauern auf restauriert, aber ich kann es von meinem Wohnzimmerfenster aus sehen... Und natürlich habe ich mir einige Optionen offen gehalten, falls es mit dem Drugstore nicht klappen sollte. Das Laboratorium des Derry Home Hospitals zum Beispiel wartet nur noch auf meine Zusage, aber..."

Carolyn verkniff sich die Aussage, dass sie lieber an der Kasse des hiesigen Supermarkts sitzen oder die Toiletten einer der lokalen Kneipen schrubben würde, als in einem Krankenhaus arbeiten zu müssen...
Sie verstummte, als Keene sie mit scharfen Blicken musterte.
Wenn man den einzigen Drugstore einer Kleinstadt führte, kannte man irgendwann nahezu alle Einwohner mit genauer Bezeichnung inklusive Dauermedikation.
Den in Derry aussterbenden Namen 'Carson' trugen seines Wissens nach nur zwei Familien innerhalb der Stadtgrenzen:
Die einen Carsons waren ein kinder- und geschwisterloses Lehrer-Ehepaar, kurz vor ihrer beider Pensionierung.
Und die anderen Carsons; nun, genauer gesagt 'DER andere Carson'...
Der besaß genau dieselben stechend hellen, ja fast frostig wirkenden Augen wie diese unscheinbare Person, die ihm nun angespannt gegenüber saß.
Mit dem Unterschied, dass ihre Seelenspiegel nichts von der typischen Souveränität und Besonnenheit seines alten Freundes kündeten, sondern ziellos und unstet in dem immer noch sehr jugendlich wirkenden Gesicht flackerten.
Ihr Elternhaus in der Jackson Street...

"Sie sind die Tochter von Jonathan Carson?" murmelte er erstaunt, und es war eher eine Feststellung, als eine Frage.
"Alberts Nichte?"
Carolyn nickte, und Keenes Mundwinkel zuckten ungläubig in die Höhe.
"Wie interessant... was verschlägt Sie vom schönen Boston zurück in Ihre alte Heimatstadt? Sie konnten doch wahrscheinlich noch nicht einmal laufen, als Jon sein Grundstück verkauft hat; so jung müssten Sie damals gewesen sein... Wie geht es Ihrem Vater?"
"Er ist letztes Jahr verstorben", erwiderte Carolyn ruhig. "Krebs."
Sie schwiegen einen Augenblick.
"Und nun fühlen Sie sich berufen, zu Ihren Wurzeln zurückzukehren?", fragte Keene sie dann, und es klang überhaupt nicht mehr sarkastisch.
"Ja", bestätigte Carolyn. "Onkel Albert ist alles, was von meiner Familie übrig geblieben ist. Wir hatten durch die Entfernung leider zu selten Gelegenheit, uns regelmäßig zu sehen. Trotzdem zieht es mich zu ihm; seit dem Tod meines Vaters mehr denn je. Er ist nicht mehr der Jüngste, wie Sie wissen, und ich möchte die Zeit, die uns noch gemeinsam bleibt, gerne in seiner Nähe verbringen."

Jetzt verwandelte sich Keenes trockenes Grinsen endgültig in ein warmherziges Lächeln, welches ihn für Carolyn gleich um Welten sympathischer erscheinen ließ.
"Ich bin mir sicher, dass es unserem alten Bücherwurm sehr viel bedeutet, dass Sie sich nun öfter bei ihm blicken lassen werden, Ms Carson", vertraute er ihr an, worauf sie sich verlegen durch ihre schulterlangen, widerspenstigen Haare fuhr.
"Nun, ähm... um ehrlich zu sein, weiß er noch gar nichts von diesem zweifelhaften Vergnügen", murmelte sie dann amüsiert.
"Ich habe ihm zwar von meinen Plänen erzählt, Boston verlassen zu wollen, aber ich hatte bis jetzt vor, ihn einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen, wenn ich mir eine halbwegs solide Existenz in Derry aufgebaut habe. Eine Wohnung, einen Job, und dann die große Überraschung, verstehen Sie?"
"In der Tat. Mögen Sie Lakritz?"
Sie hob perplex die Brauen, als Keene ihr ein Glas mit dem Naschwerk aus Süßholz reichte.
Obwohl sie nicht gerade Appetit auf das zähe, schwarze Zeug hatte, nahm sie das Angebot dankend an und nahm sich eine der klebrigen Stangen.
Keene nickte zufrieden, beschloss, sich selbst auch ein Stück Lakritz zu gönnen, und lehnte sich in seinem Chefsessel zurück.
Dann, als hätte plötzlich eine brillante Idee von seinem Geist Besitz ergriffen, langte er unvermittelt nach dem Elfenbeingriff seiner Schreibtischschublade, beförderte den vorbereiteten Arbeitsvertrag zutage, der dort schon seit längerer Zeit auf seinen großen Moment gewartet hatte, unterzeichnete ihn schwungvoll und schob ihn ihr über den Tisch hinweg entgegen.
"Die Basis für die familiäre Wiedervereinigung hätten wir nun also hiermit gelegt. Grüßen Sie Albert von mir und richten Sie ihm mein aufrichtiges Beileid über Ihren Verlust aus. Ich habe Jonathan damals als anständigen jungen Mann kennengelernt. Er hat mit Sicherheit nichts von all dem Unglück verdient, das ihm in seinem Leben widerfahren ist... Ms Carson, wenn Sie die familieneigene Gewissenhaftigkeit und Empathie in die Wiege gelegt bekommen haben, die Ihr werter Onkel noch heute an den Tag legt, dann bin ich zuversichtlich, dass Sie noch sehr lange in diesem Drugstore tätig sein werden."

Auffordernd hielt er ihr den goldgefassten Füllfederhalter entgegen.
Er wog schwer und bedeutsam in Carolyns Hand, als sie ihn wie ferngesteuert entgegennahm.
Sie schien plötzlich viel zu wenig Spucke im Mund zu haben, um das letzte Stück Lakritz hinunterzuschlucken.
Ihr  Herz klopfte hart in ihrer Brust.
Sie konnte ihr Glück kaum fassen.
Beinahe argwöhnisch schaute sie auf den Vertrag, blätterte um, las.
Er beinhaltete keine einzuhaltende Probezeit oder Befristung.
Wie erwartet fiel das Gehalt, welches Keene ihr für dreißig Stunden die Woche zahlen würde, geringer aus, als es in Boston der Fall gewesen wäre, aber nicht so niedrig, wie sie befürchtet hatte.
Sie würde gut über die Runden kommen, und noch genug Zeit für Besuche bei Albert aufwenden können.
Ungläubig lächelnd setzte sie ihren Namen neben den des Apothekers und händigte ihm das unterzeichnete Schriftstück mit zittrigen Händen wieder aus.
Damit war es also besiegelt.
Keene nickte zufrieden.

"Wann darf ich anfangen?", stammelte sie, und der Apotheker musste unweigerlich über ihren kindlich anmutenden Eifer schmunzeln.
"Es genügt, wenn Sie am Montag pünktlich um sieben Uhr morgens vor dem Drugstore stehen. Dann bleibt uns eine satte Stunde, um sie einzuarbeiten. Mit den Gepflogenheiten des Betriebes werden Sie sich nach und nach vertraut machen. Ihr Haar sollten Sie zusammenbinden. Ruby wird Ihnen Ihre Arbeitskleidung bereitlegen, insofern Sie keine eigene besitzen sollten."
Sie schüttelte entschuldigend den Kopf und betrachtete mit gemischten Gefühlen den weißen Apothekerkittel, den Keene sorgsam an die Garderobe hinter der Tür gehängt hatte.

Sie wusste, dass es sich nicht um die Robe eines Arztes handelte, aber dennoch übte das Kleidungsstück einen subtilen Horror auf sie aus.
Damit hatte es 1931 angefangen, im Jahr der großen Überschwemmung.
Sie war knapp zwei Jahre alt gewesen, und die Erinnerung an die gesichtslosen Weißkittelmenschen war ihr als eine der ersten überhaupt im Gedächtnis geblieben.
Der Ironie des Schicksals war es zuzuschreiben, dass sie im Erwachsenenalter selbst irgendwie zu einem dieser Weißkittelwesen geworden war, und dieser Umstand hatte es mitnichten vermocht, etwas an ihrer Abneigung gegen Mediziner zu ändern.
Als sie sich vor etwa acht Jahren an ihrem ersten Arbeitstag in voller Montur im Spiegel betrachtet hatte, hatten sich ihr bei ihrem eigenen Anblick vor Entsetzen die Nackenhaare aufgerichtet.
Es kam ihr so vor, als würde sie allein durch das bloße Tragen dieses weißen Mantels zu einem dieser neutralen, geschlechtslosen Kreaturen mutieren, die glaubten, ihre medizinische Bildung mache sie zu einem Halbgott, der über Leben und Tod entscheiden durfte, wobei sie jedoch nicht den blassesten Schimmer hatten, wie ein menschliches Wesen tatsächlich funktionierte. Sie verabreichten Arzneien, ohne genau zu wissen, was sie alles in einem mangelhaft funktionierenden Organismus anrichteten. All ihr Wissen fundamentierte auf Theorien, auf den fragwürdigen Erkenntnissen anderer, aber genau genommen hatte keiner von ihnen eine Ahnung von dem, was wirklich in und zwischen den Zellen ihrer Opfer, den sogenannten Patienten, vonstattenging. Sie waren blind für das Wesentliche, tappten eigentlich immer nur im Dunkeln, in der Hoffnung, ihren Schützling nicht in eine bestimmte Richtung hinein zu therapieren, nämlich in die Einbahnstraße, an deren Ende das weiße Licht wartete...

Die Weißkittelwesen hatten damals in die Blut hustende, fiebernde Mutter eines kleinen Mädchens allerlei wirksame Zaubermittel hineingespritzt, und versprochen, dass Mommy bald wieder nach Hause kommen durfte.
Davon abgesehen, dass es zu diesem Zeitpunkt gar kein Zuhause mehr gegeben hatte, da das große Wasser es mit sich fortgespült hatte, hatten die Weißkittel die Mutter des kleinen Mädchens sterben lassen.
Jedoch war es nicht die Lungenentzündung gewesen, die sie letzten Endes dahingerafft hatte, sondern ein Monster mit dem Namen "Anaphylaktischerschock".
Ein Weißkittelwesen hatte dem Mädchen zu erklären versucht, was das Monster mit Mommy gemacht hatte, während sein Vater nebenan, in den Kühlräumen des Krankenhauses, getobt, geschrien und geweint hatte.
Ein Weißkittelwesen hatte ihr elf Jahre später einen entzündeten Backenzahn gezogen, der ihr, einer Laune der Natur wegen, doppelt im Kiefer gewachsen war.
Die Betäubungsspritze hatte nicht gewirkt, der Zahn hatte seine Wurzeln als gebogene Widerhaken offenbart, und sie war vor Schmerz und Angst ohnmächtig geworden, obwohl der Weißkittel ihr vorher glaubhaft versichert hatte, dass es ganz schnell gehen würde, und überhaupt kein bisschen weh tun würde...
Und weitere dreizehn Jahre danach war es ein Weißkittel gewesen, der die tödliche Diagnose bei ihrem Dad gestellt hatte, in einem Tonfall, als redete er über ein unbefriedigendes Ergebnis beim letzten Spiel seiner favorisierten Baseballmannschaft.
Danach war ihr Dad bei vielen verschiedenen Weißkitteln vorstellig geworden; jeder von ihnen wollte das Schicksal des zum Tode verurteilten mit einer neuen Methode herausfordern.
Sie alle scheiterten kläglich, konnten ihm den Krebs nicht nehmen, bekamen es aber vortrefflich hin, dem Patienten in seiner letzten Zeit auf Erden jedweden Lebenswillen abspenstig zu machen.

Die Nebenwirkungen der Therapieversuche hatten ihm ärger zugesetzt, als das entartete Gewebe in seiner Bauchspeicheldrüse, das munter gestreut hatte, und schon bald unweigerlich seine Organe zum Versagen bringen würde, woraufhin sich sein eigener Körper selbst vergiften, und sein Bewusstsein in einen komatösen Zustand versetzen würde, aus welchem er nicht mehr erwachen sollte.
Carolyn war bei ihm gewesen, als die Maschinen abgeschaltet worden waren.
Kurz darauf war es vorbei gewesen.
Sie hatte die Stirn ihres toten Vaters geküsst und war einfach gegangen.
Weißkittelwesen waren nicht in der Lage, Trost zu spenden, wenn sie ihre Münder öffneten, und ihre monotone Stimme Worte formte, aus denen kein empfindendes Wesen einen Sinn entnehmen konnte.
Es kamen nur Lügen und leere Versprechungen heraus.
Weißkittel waren für Carolyn nichts anderes, als anonyme Schergen des Todes und des Schmerzes.
Sie besaßen kein Mitgefühl, und es kam ihr so vor, als besäße keiner von ihnen auch bloß ein Gesicht, in dem man hätte lesen können.
Es waren furchtbare Kreaturen, wie von weit außerhalb, Welten entfernt vom Menschsein.
Sie wollte solch einem Wesen nicht in der schlimmsten Stunde ihres Daseins gegenüberstehen.

"Ich danke Ihnen vielmals für Ihr Vertrauen, Mr Keene", flüsterte Carolyn, und in ihren eisblauen Augen schimmerte es verdächtig. "Ich weiß diese Chance sehr zu schätzen, und ich habe nicht vor, Ihre Erwartungen zu enttäuschen."
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