Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Aus dem Licht ins Feuer - Vanejas Geschichte

von CreaTarik
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
15.05.2018
25.08.2019
197
112.044
1
Alle Kapitel
116 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
18.05.2018 1.090
 
Mit einem entschuldigenden Schulterzucken ließ er die Sehne los. Die arme Magd starb mit einem solch überraschten Gesichtsausdruck, dass er ihre Unschuld für sicher hielt. Dann vergaß er das junge Mädchen direkt wieder. Geschwind suchte er den Raum nach weiteren Versteck- oder Fluchtmöglichkeiten ab. Aber alle weiteren Wände waren massiv und kahl, abgesehen von einem kleinen gerahmten Bild, dass eine kunstvoll detaillierte Wiese zeigte. Der Künstler hatte sich besonders bei den vielen Blumen viel Mühe gegeben, auch wenn die Farben alt und wachsig aussahen. Wenn man auf dem Stuhl saß, blickte man direkt auf dieses Bild. Vielleicht hatte die Magd bereits von der Freiheit geträumt.
Er schob die Tür leise zu und legte wieder zwei Pfeile an die Sehne. Am Ende des Ganges warteten linker Hand seine letzten nebensächlichen Opfer. Er ging bis zur Ecke, schob den Bogen und dann sein Gesicht in den Gang und feuerte die beiden Pfeile in kurzer Folge hintereinander ab.
Die beiden Soldaten hatten wahrscheinlich gedöst oder sogar im Stehen geschlafen: keiner von Beiden hatte irgendeine Reaktion gezeigt. Jetzt waren sie zusammengebrochen, jeder auf seiner Seite der Tür, die sie hätten beschützen sollen, auch wenn sie bis eben gerade sicher dachten, dass dies völlig überflüssig sei.
Zur Sicherheit noch einen Blick über die Schulter werfend, aber dort nur in den erwartet leeren Gang blickend, trat er an die Tür heran und betrachtete die Schnitzereien mit denen die sechs Parzellen der hölzernen Tür verziert worden waren. Er blickte auf Feen und geflügelte Menschen und auf ein schreibendes Pferd. Künstler hatten eine überschwängliche Fantasie.
Er wechselte den Bogen gegen einen geschwungenen Kurzdolch, dessen einzige Verzierung eine gewundene Blutrinne war und legte die freie Hand auf die vergoldete Klinke.
Auch diese Tür war nicht verschlossen. Madame vertraute auf die Sicherheit ihres Hauses, das eine ehemalige, sehr wehrhafte Burg war, aus Zeiten, als die Stadt zu ihren Füßen noch Zentrum eines eigenen Landes war. Jetzt ist es nur Teil eines Reiches und ihr Mann vom Landesfürsten zum verwaltenden Herzog degradiert.
Er schlich leise in den dunklen Raum, schloss die Tür hinter sich und kam ohne jeden verräterischen Laut an das weiche Doppelbett mit seidenen, aber nicht zugezogenen Vorhängen. Es war alles grau in grau unter dem schwachen Mondlicht, das sich durch schwere Vorhänge vor dem einzigen Fenster stahl, aber hier herrschten sicher goldene und beige Töne vor; ebenso sicher ist das Bett aus edlem Weißholz und die Polster mit Federn gefüllt. Alleine Madame lag in diesem fürstlichen Himmelbett, ihr Mann schlief sicher noch erhabener im kaiserlichen Gästebett fernab von hier.
Vom Gürtel griff er ein dickes Stofftuch, kniete sich neben die Schlafende auf die weiche Matratze und presste es auf das Gesicht der älteren Dame. In dem Augenblick in dem sie panisch erwachte und sich aufrichtete, rutschte er hinter sie, stützte ihren Nacken auf seine Brust und legte ihr den Dolch um den Hals: "Versucht nicht euch zu wehren, gnädige Fürstin, es würde euch nicht bekommen." Sie atmete heftig in das Stofftuch, versuchte Luft zu bekommen und zu verstehen, was passierte. Er würde es ihr erklären: "Der Kaiser schickt mich. Nicht zu euch persönlich, aber euer Mann wird bei Hofe unangenehm. Er treibt Spiele, die zu gefährlich für ihn sind, viel zu gefährlich und er ist doch ein ehrenwerter, erwachsener Mann. Zudem verheiratet, mit Kind, bodenständig; er sollte das Spielen lassen. Und damit er das versteht, sollen ihm die Finger verbrannt werden.
Ich bin das Feuer."
Sie war bereits sehr schwach an seiner Brust, das Tuch regte sich kaum noch. Er überlegte, ob es ohne Blut nicht besser aussah, aber es würde nicht die richtige Wirkung haben. Er zog den Dolch quer über die Kehle der Fürstin und bettete sie sanft zurück in die liegende Position. Dunkle Flüssigkeit floss ihr aus dem Hals auf die teuren Stoffe.
Erst jetzt suchte er die weiteren Türen zum Raum und fand die einzige weitere. Diese war ebenso teuer verziert, aber im Dunkel waren keine Details auszumachen.
Die Klinke hatte einen geringen Widerstand, er dachte beinahe, sie wäre verschlossen, aber sie öffnete sich geräuschlos. Noch immer mit dem blutigen Dolch in der Hand betrat er den Raum. Auch hier verhinderten schwere Vorhänge, dass zumindest etwas nächtliches Licht hinein kam.  Die alte Magd konnte er dennoch gut ausmachen. Sie saß in einem dicken Polstersessel, den Kopf auf die Schulter gelegt. Sie würde sicherlich am ehesten für Panik im Haus sorgen. Das Tuch verschwand am Gürtel und er nahm wieder das Pulver hervor. Den Dolch bereit, strich er ihr eine Priese unter die Nase. Sie wachte nicht einmal auf.
Er wandte sich zur Mitte des Raumes und betrachtete das dort stehende Gitterbett. Er lauschte in die Dunkelheit, während er sich der geschwungenen Holzkonstruktion näherte, dass mit vielerlei goldenen Ornamenten geschmückt war: Blumen und Blätter schmückten das schauckelbare Bett, zusätzlich zu ein paar kleinen, einem Himmelbett nachgeahmten Seidenvorhängen. Sicherlich viel himmlischer als das Bett war aber wohl das friedlich schlafende Kind inmitten des weichen Tuchs. Er hatte wieder sein Tuch in der Hand und streckte die Hand damit in das zierliche Gehäuse, als er für einen Moment inne hielt.
Es schien ihm, das Kind hatte die Augen geöffnet und schaute ihn an. Das kümmerte ihn sonst nicht; wehleidige, flehende oder traurige Blicke gehörten zu seinem Beruf, auch wenn sie von unschuldigen Menschen stammen. Aber er konnte nicht feststellen, ob das Kind ihn ansah - ob es überhaupt sah. Der Augapfel wirkte im Schummerlicht vollständig weiß. Magisch war der Blick. Fasziniert starrte er in auf die kleinen weißen Fenster, die in der Dunkelheit strahlten.
In jedem anderen Moment konnte ein Zögern tödlich für ihn sein, aber das Kind des Herzogs faszinierte ihn. Es war ein Mädchen, das wusste er. Sie hätte den Herzog sicherlich stolz gemacht, wenn er ... "Wenn" konnte sogar noch tödlicher sein in seinem Gewerbe, aber er zog bereits die Hand mit dem Tuch zurück. Dieses Mädchen war ein unschuldiges, zartes Kind. Nicht einmal fürchten tat es sich vor dem dunklen Mann mit der Waffe.
Plötzlich griff es nach dem Tuch und hielt es fest - erstaunlich fest. Seine Hand wurde gar wieder in das kleine Reich gezogen. Das Kind klammerte sich an seine Hand, auch als er sie instinktiv wieder herauszog. Beinahe hätte er das Mädchen aus ihrem Bett gehoben, so sehr klammerte es, blickte ihn an - oder eben auch nicht - und gab keinen Ton von sich. Er hatte noch immer den Dolch in der anderen Hand, es war so einfach ihn in das bereits im Bett stehende Kind zu stechen. Aber wie hätte er das tun können?
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast