So wären wir wie Sodom und gleich wie Gomorra

GeschichteÜbernatürlich / P18 Slash
14.05.2018
19.06.2018
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Dieses Kapitel
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A/N: Eine alte Geschichte mit neuem Anstrich unter meinem "frischen" Babyaccount (fünf Monate zählt noch als frisch, oder?).
Ursprünglich inspiriert von Richard Sikens Little Beast:
"But damn if there isn’t anything sexier than a slender boy with a handgun, a fast car, a bottle of pills."
(nur war es anstatt schwul eben lesbisch, aber homeboy Richard hat mal gesagt, so lange seine Poesie nicht in heterosexuelle Richtung gedreht wird, ist er glücklich).
Ich finde aber Sodom und Gomorra passen irgendwie besser, weil Noname City als Location eine Wichtigkeit zukommt, die das Lesbentum der Darstellerinnen nicht verdrängt, aber die Ausweglosigkeit unterstützt.
Denken wir uns einfach die anti-homosexuelle Propaganda der Bibel weg und tun so, als hätten die Propheten und Niederschreiber Frauen nicht gehasst lmao.
Die Geschichte wird ein Drei- oder Vierteiler und steht exemplarisch für meine Vorliebe für surrealistische Erzählweise und dissoziierende Charaktere, die nur schwer in der Welt verankert sind: es tut mir leid.
(Und Fantasy als Genre ist wahrscheinlich falsch, aber es qualifizeirt sich sogar noch weniger für Liebesromanzen und Science Fiction, demnach vergibt es mir.)





So wären wir wie Sodom und gleich wie Gomorra





Ihre Adern schleichen sich ihren Arm entlang, sammeln sich in ihrem Handgelenk und machen sie verwundbar, machen sie schwach, und du kannst es nicht sehen – nicht, wie dünn ihre Haut und wie schmal ihre Knochen und wie menschlich ihr Körper ist – also schaust du weg. Du schaust aus dem dreckigen Fenster, aber der Anblick dort ist nicht besser. Draußen wartet eine Stadt, die im Smog der Kriminalität versinkt, und du möchtest sie nicht retten; nicht mehr.

Du bezweifelst, dass du sie jemals retten wolltest.

„Denkst du je darüber nach, einfach … aufzuhören? Dich zurückzulehnen und zu schauen, was passiert?“, fragst du.

Du hörst ein Klicken; der Lauf ihrer Pistole rastet ein. „Wäre nicht wirklich fair, findest du nicht?“, antwortet sie. Du brauchst sie nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie aufsteht, sich streckt, die Tattoos auf ihrem Bauch entblößt, die Waffe auf den Nachttisch legt und für die Dose Pillen eintauscht. Du kannst es gut genug hören – und würdest du es nicht hören, wüsstest du trotzdem jeden Schritt, jede Bewegung. Du kennst ihren Ablauf besser als das Erstickungsgefühl in deiner eigenen Brust. „All die Personen, unschuldig oder meinetwegen semi-schuldig an unwichtigen Kleinkriminaltaten … sie ihrem Schicksal zu überlassen … in dieser Stadt. Da müsste mir etwas fehlen. Ich könnte es nicht.“

Du hörst, wie sie ihre Pillen schluckt. Üblicherweise sind es drei vor der Nacht und zwei weitere, nachdem ein Albtraum sie weckt. Auf sie folgen am nächsten Morgen literweise Kaffee, so stark gesüßt, dass du manchmal bezweifelst, dass es sich überhaupt noch um Kaffee handelt.

„Hm“, antwortest du, weil: was sagst du darauf? Hey du, du stirbst daran; ich will nicht zusehen, wie du stirbst? Ich will nicht sterben?

„Wieso? Denkst du darüber nach?“

Du schaust weiter aus dem Fenster und versuchst dich an eine Zeit zu erinnern, in der du nicht darüber nachgedacht hast, in der du auf die grauen Straßen gestarrt hast und zufrieden warst, auf eine Weise.

Du findest keine Erinnerung.

Aber zumindest fällt dir das leicht: totes Schweigen. (Aber zumindest fällt ihr das leicht: weghören.)

+

Sie lächelt fürchterlich arrogant, als du sie das erste Mal siehst. Ihr Lächeln ist fehl am Platz, liegt falsch in ihrem zusammengeschlagenen Gesicht. Du weißt nicht, wieso sie lächelt, und auch später wirst du es niemals verstehen – warum sie durch den Schmerz lächelt, als sei er nur eine temporäre Nebenwirkung der besten Heilmethode der Welt, wenn er doch in Wirklichkeit dein gesamtes Leben ist, pausenlos, unüberwindbar, so machtvoll, dass du manches Mal sogar vergisst zu atmen.

Aber bei eurem ersten Treffen fragst du sie noch nicht danach. Du hast Besseres zu tun.

Dein rechter Arm ist gebrochen und dein linkes Auge soweit angeschwollen, dass es blind ist, und in deinen Armen liegt ein unschuldiges Mädchen, nicht älter als sieben Jahre, und sie weint in den Stoff deines zerfetzten Hemdes und krallt ihre Finger in deine Schultern. Du kannst sie nur halten und schwach vor- und zurückwippen, zu ausgelaugt von deinem Kampf. Du flüsterst unverständliche Worte in ihr Ohr, totalen Unsinn, Bedeutungslosigkeiten, weil sie dich in der Realität verankern.

Der junge Körper in deinen Armen zittert hart und erbarmungslos, eine Welle an Bewegung, unaufhaltsam und grauenvoll. Deine Umarmung wird fester, wird stärker, und dein gebrochener Arm protestiert vor Schmerzen – sinnlos: hast du jemals auf deinen Körper gehört? Hat es dich auch nur einmal interessiert, dass er unter deinen Entscheidungen kaputt geht?

Sie steht am Ende der Gasse, lässt den Regen auf sich prallen, als würde er sie nicht stören, und sie lächelt mit einer zersprungenen Lippe und zwei blauen Augen und einem langen, tiefen Kratzer auf ihrem Wangenknochen. Sie sagt: „Wir haben gewonnen.“

(Es ist schon Monate her, aber das wirst du niemals vergessen: sie, mit dutzenden Beweisen, geschrieben, geprügelt, geschnitten in ihre Haut, die schreien: hier läuft alles schief! stopp! sie, wie es ihr egal ist, und sie sagt: wir haben gewonnen, als gäbe es in Noname City etwas, was als Sieg durchgeht.)

Ein raues Geräusch bricht aus deiner Kehle. „Wir haben nicht gewonnen“, sagst du, weil ihr das nicht habt. Das Mädchen lebt, aber sie ist verletzt und ängstlich, und ihr Peiniger mag tot sein, aber ihr Vater ist das auch – das ist kein Sieg. Es ist kein verdammter Sieg, aber du bist zu müde, um wütend zu sein.

„Hey, hey“, sagt sie und kniet sich vor dich und das Kind. „Bleib wach, ja? Ich glaub, du hast dir ‘ne ganz schön miese Gehirnerschütterung zugezogen.“

„Ich hatte schon Schlimmeres.“

„Macht dieses Mal nicht weniger schlimm“, kontert sie und grinst dich an, „Ich bin übrigens Mina – die Rächerin der Nacht.“

„Das ist nicht dein Name“, protestierst du sofort. Das Mädchen weint weiterhin leise gegen dein Schlüsselbein, aber schon schwächer, als würde jegliche Kraft sie verlassen, und die verdreckte Hausmauer, an die du lehnst, drückt elendig kalt in deinen Rücken. „Kein Superheld hat jemals den Namen Rächerin der Nacht bekommen, das ist nur eine Legende.“

Sie bläst gespielt übertrieben Luft aus ihrem Mund und verdreht ihre Augen. „Hast mich erwischt“, sagt sie, „Sie nennen mich Medusa.“

Du runzelst die Stirn. „Das ist wieder gelogen.“

„Urgh“, antwortet sie, „Wieso bist du so brutal? Offensichtlich will ich dir meinen Superheldennamen nicht verraten.“

„Dann tu es nicht“, beißt du aus und du zischst es, schlangenhaft, weniger menschlich, als du dich in deinem gebrochenen Körper fühlst, aber realistisch angepisst, „Geh einfach weg. Aber ruf einen Krankenwagen oder gib mir kurz dein Handy, bevor du verschwindest.“

Das Glas deines eigenen Handys ist soweit zersprungen, dass du den Touch-Screen erst nach einer vernünftigen Reparatur wieder bedienen wirst. Fürs erste heißt es, dass du niemanden erreichen kannst und selbst unerreichbar bist. Zum Mitschreiben: das ist scheiße. Verdammt: das ist so scheiße.

„Ich lasse dich hier nicht liegen“, sagt sie und klingt ehrlich verletzt, dass du ihren Charakter so fehleinschätzt, „Du verblutest mir sonst noch. Außerdem könntest du dich jetzt nicht verteidigen, sollte jemand kommen, der es mit dir aufnehmen will. Die Kleine sieht übrigens so aus, als wäre es sehr bequem in deinem Schoss.“

„Sie ist eingeschlafen.“ Und wie dankbar du dafür bist: kleine Wunder und so weiter. „Wer weiß, wie sie mit dem Schock umgehen wird.“

„Hey, sie hat überlebt. Wenigstens sie hat überlebt.“

„Ihr Vater ist tot“, protestierst du, „Sie wird für lange Zeit denken, dass die Tatsache, dass sie noch lebt, unfair ist.“

„Klingt, als sprichst du aus Erfahrung.“

Du spannst deinen Unterkiefer an und wendest deinen Blick ab.

„Prometheus“, sagt sie.

„Huh?“, sagst du.

„Prometheus, mein Name. Mein Superhelden-Alter Ego.“

Sie klingt ehrlich und nach all dem, was du weißt, würde der Name Sinn ergeben. „Wow, okay. Wie bist du denn an den Namen gekommen?“

Sie verzieht ihr Gesicht. „Es gab eine kleine Verwechslung mit meinem Geschlecht und nachdem ich die Sache aufgeklärt habe, dachte ich mir: Weißt du, scheiß drauf. Und bin beim Namen geblieben.“

Du lachst und atmest durch den Schmerz, den die Bewegung verursacht. „Scheiß drauf“, stimmst du zu.

„Und dein Name?“

„Ich bin kein Superheld“, sagst du schlicht.

„Oh“, antwortet sie.

+

„Samara“, sagst du irgendwann später, drei oder vier Wochen nach eurer Bekanntschaft „Mein Name ist Samara.“

Du blutest aus zwei Schusswunden und du spürst es nicht. Du bist taub. Du stirbst, glaubst du. Mina versucht, die Blutung zu stoppen, verbraucht Handtuch nach Handtuch, deren Stoff sich tiefrot mit deinem Blut färbt. Was für eine Verschwendung, denkst du dir abwesend: die Handtücher könnten dafür gebraucht werden, um dein Blut aus dem Holz des Flures zu wischen. Es in deinem Körper zu halten, ist sinnlos. Du wirst sterben und sobald du tot bist, brauchst du kein Blut, und du weinst. Du hast Angst.

„Samara Thomson“, sagst du, „Sag meinem Bruder Bescheid, ja?“

Mina starrt dich an. Ihr Gesicht ist zu blass, ihre Unterlippe zittert. „Herrgott“, flucht sie, „Was zum Teufel machst du überhaupt hier?“

Sie meint nicht die Badewanne in ihrer Wohnung, die sich mit deinem Blut füllt. Sie meint die Straße, auf der Kriminelle gestoppt werden müssen. Diese Aufgabe unterliegt den Superhelden – und vor allem den organisierten Super der Polizei – und du bist kein Superheld. Du bist ein ganz normales Mädchen, völlig machtlos, völlig sterblich. Ihre Frage ist berechtigt.

„Weil ich Buße tun muss“, antwortest du und fällst einen Moment später in Ohnmacht.

+

„Tot“, befindest du und deine Stimme ist rau.

Deine Fingerknöchel bluten, die Haut steht so weit offen, dass du deine Knochen darunter erkennst. Deine Nase tröpfelt linienweise Blut über deine Lippen, über dein Kinn. Du leckst es von deinem Mund, schmeckst deine Worte und dir wird schlecht.

„Sie ist tot“, wiederholst du lauter. Deine Stimme zittert. Scheiße.

„Wir sind zu spät?“, fragt Mina. Ihre Augen glühen golden. Die Nachwirkungen ihres Feuers und wie du wünschst, sie könnte dich verbrennen.

„Wir sind zu spät“, bestätigst du und verschluckst dich an deinem eigenen Blut. Das Kind unter deinen Händen ist vielleicht vier Jahre alt – und warum sind es immer Kinder, die sterben? Warum greifen erwachsene Menschen nicht andere erwachsene Menschen an? Warum gehen sie auf die Kinder dieser Welt los und lassen ihre Unschuld in den Boden bluten? Du hasst das. Du hasst es.

„Scheiße“, flucht Mina. „Scheiße!“, wiederholt sie. Sie wirft eine Feuerkugel gegen eine Mauer und löscht die Funken einen Moment später wieder mit einem mentalen Befehl. Kein Grund, die Welt in Brand zu setzen.

Obwohl, musst du zugeben und starrst in den wolkendurchzogenen Himmel über euch: diese Scheißwelt hätte es verdient.

+

Noname City ist eine Stadt der Superhelden. Jeder weiß das.

Manche von ihnen leben im Rampenlicht, geben Interviews, lassen ihre Biografie schwarz auf weiß verewigen, geben die Erlaubnis zur Verfilmung. Bei Problemen in der näheren Umgebung, sogar am Rand oder gar außerhalb Noname Citys, werden sie fortgeschickt mit dem Befehl: kümmere dich drum, und schnell. Und sie kümmern sich drum – schnell –, weil sie der Öffentlichkeit gehören; Seele und Körper verkauft, wie Prostituierte nur auf irgendeine Weise besser – oder so: du hast keine Ahnung, hast’s noch nie verstanden.

Diese Superhelden gehören zur Super-Abteilung der Polizei, eine Subabteilung, rein exekutiv: sie dürfen nicht richten und nicht werten: hier ist der Auftrag, bitte ausführen; hier der nächste. Es ist ein semi-guter Handel für sie: sie erhalten Geld und Ruhm und, viel wichtiger, über all den anderen Dingen: Schutz.

Der Großteil der Superhelden lebt trotzdem im Schatten von Noname Citys stinkenden und dunklen Gassen; sie haben sich bewusst – und auf unfreiwillige Weise doch freiwillig – gegen das Leben im öffentlichen Auge entschieden. Zu wenige von ihnen besitzen heilende Kräfte, und das wird weniger als ungerne gesehen, das ist weniger als nicht empfehlenswert.

Minas Superkraft ist Feuer und sie kann schon seit Jahren nicht mehr an zwei Händen abzählen, wie viele unschuldige Leute sie fast verbrannt hätte. Sie bereinigt im Geheimen die Straßen von Noname City und sie erhält keinen Dank – gleichzeitig zerstört sie die Infrastruktur der Straßen, beschädigt Privateigentum und reißt Rohre aus dem Boden oder von Häuserwänden und muss nichts für Reparaturen zahlen, wird nicht bestraft und nicht als schwarzes Schaf in den Medien präsentiert (lediglich totgeredet, als wäre es ihre schuld, dass Feuer statt Gänseblümchen aus ihren Fingerkuppen schießt).

Natürlich weiß die Bevölkerung, dass sie existiert, hat ihr sogar ihren Namen verliehen und gibt ihre Geschichten flüsternd weiter, aber verschließt die Augen und sagt der Polizei, dass sie nichts gesehen hat, weil jeder weiß: es gibt keinen Platz für jeden Superhelden in der Super-Abteilung. Lediglich für diejenigen, die sich kontrollieren lassen.

Mina würde eher weggesperrt als belohnt werden.

Sie behauptet, der Lauf ihres Lebens sei okay für sie, aber du weißt es besser. Diese Art von Leben ist ihre einzige Chance. Sie könnte niemals als Normalbürger durchgehen. Früher oder später würde das Feuer aus ihr herausbrechen und zu viele Verluste mit sich nehmen; destruktive Natur, weil das nun einmal das ist, wofür Feuer steht. Mina muss auf der Straße kämpfen, weil sie sonst kampflos verlieren würde.

Und du? Du hast absolut keine Ahnung, wie du an ihre Seite gelangt bist.

+

Du lernst Kim kennen, nachdem du niedergeschossen wurdest und fast in Minas Badewanne verblutet wärst.

„Das ist Kim“, stellt Mina sie vor, während du erschöpft und schwach mit den Augen blinzelst, „Sie ist total cool und hat grade dein Leben gerettet.“

Kims Hände liegen auf deinen Wangen und sie streicheln über deine Knochen. Sie lächelt dir beruhigend zu. Es sieht nett aus. „Es wird ein Weilchen dauern, aber dann bist du wieder tip-top fit“, erklärt sie dir.

Du starrst sie verwundert an, weil du glaubst, dass du Grau in ihren Haaren erkennen kannst, feine Lachfalten um ihre Augen, die mit dem Alter kommen. Niemand in eurem Geschäft wird alt, das ist die unausgesprochene Regel, und es verwirrt dich.

„Bist du ein Super?“, fragst du rau.

Kim lacht. „Oh nein“, sagt sie, „Meine Superkräfte sind viel zu nützlich, als dass ich sie der Polizei überlassen würde. Und falls das deine nächste Frage wäre: Nope, als Superheld zähle ich mich auch nicht. Ich bin Heilerin und damit lassen sich ganz gut die Brötchen verdienen.“

„Danke“, sagst du, weil du dachtest du stirbst, aber bist du nicht, und es lag nicht daran, dass du nicht sterben solltest. Du dachtest, du wärst zu weit gegangen, aber hier steht Kim: und sie trägt graue Haare und lächelt, als hätte sie grade kein unmögliches Wunder für dich vollbracht.

Kim streicht dir mit einer liebevollen Geste deine Haare aus dem Gesicht. „Nichts zu danken, das ist mein Job“, sagt sie, „Und jetzt ruh dich aus und schlaf ein wenig, ja? Wenn du wieder aufwachst, sieht die Welt schon viel besser aus, glaub mir.“

+

Die Wahrheit ist natürlich: die Welt sieht niemals besser aus. Aber schlafen hilft.

+

„Wieso hast du eine Pistole?“, fragst du Mina irgendwann. Es ist Nacht … glaubst du. Du bist wirklich, wirklich betrunken. „Ich meine, woooow, Feuer kommt aus deinen Fingern, wofür brauchst du eine Pistole?“

„Brauche ich nicht“, antwortet sie, „Aber ich fühle mich sicherer. Weißt du, wie viele Arschlöcher schon versucht haben, mein Feuer zu dämpfen? Und einigen ist das sogar gelungen. Die Pistole ist eine Art Versicherung.“

Mina ist anscheinend nicht mal ansatzweise betrunken. Ihre Worte sind klar und deutlich und ihr Lächeln ist grade. Du starrst sie an, darüber bist du dir bewusst, aber du bist auch betrunken und es ist dir alles egal.

„Du bist wirklich, wirklich hübsch“, sagst du deswegen, „Auf diese selbstdestruktive Weise. Gott, und wie du deine Knarre täglich säuberst – weißt du, wie sexy das ist? Deine Hände.“

Mina lacht. „Du wirst gesprächig mit Alkohol. Wer hätte das gedacht?“

„Es ist bestimmt unangebracht, das zu sagen“, sagst du, trotz all der guten Gründe, es genau nicht zu sagen, weil du du bist, im Endeffekt, „Aber du bist, ehhhh, irgendwie gleich dreifach sexier mit deiner Pistole? Irgendwie. Meine Mom hätte dich grauenvoll gefunden, aber, scheiße. Du bist meine wahrgewordene Fantasie. Ein Mädchen mit flinken Fingern und schlanken Handgelenken und großen Augen, immer mit einer Waffe in den Taschen deiner Hosen versteckt, volltätowiert und mit Piercing im Bauchnabel und allmöglichen Pillen in deinen Schubladen und wenn du fährst, bist du immer über Höchstgeschwindigkeit. Du lebst schnell und erbarmungslos, ohne Entschuldigungen auf deiner Zunge. Und, heilige Mutter Gottes, deine Lippen.“

„Ich weiß, dass du jedes einzelne Wort davon morgen früh bereuen wirst“, sagt Mina amüsiert, „Aber trotzdem danke für die Komplimente.“

„Ich liebe dich“, sagst du und lachst, „Gott, ich liebe dich, und das tut so weh, weil ich nicht darf.“

„Was?“, fragt Mina, aufgeschreckt und weitäugig und unfassbar schön für jemanden, der alles Mögliche ausprobiert, um auf seltsame Art zu sterben.

„Ich liebe“, wiederholst du, „dich.“

Du lachst und Mina sieht aus, als würde die Welt spinnen und drehen. Oh. Tut sie auch. Du blickst dich um, blinzelst. Es schwimmt. Die Wand. Und der Boden.

„Über was redest du?“, sagt Mina herrisch, aber der Alkohol – der Alkohol. Macht dich müde. Und die Welt macht komische Sachen, die dir nicht mehr gefallen.

Du entscheidest, hier und spontan, dass das genau der richtige Zeitpunkt ist, um dich aus dem Gespräch auszuklinken. Und schläfst ein.

+

„Mina hat angerufen und gesagt, ihr hättet euch gestritten?“, begrüßt Kim dich, nachdem sie dich in ihre Wohnung gelassen hat.

Du bist verkatert und dir ist schlecht und du kannst dich an jedes einzelne Wort erinnern. Eine Liebeserklärung – wirklich? War das notwendig? Du fragst dich selbst: auf einer Skala von eins bis ein Elefant, der fliegen lernt: wie dämlich musst du sein?

„Hm“, antwortest du Kim, nachdem du kurz in ihrer Küche nach dem Rechten gesehen hast.

„War es ein großer Streit oder werdet ihr euch heute noch vertragen?“, fragt Kim.

„Groß“, sagst du und lässt dich auf ihre Couch fallen, „Wir werden wohl für ‘ne Weile nicht miteinander arbeiten.“

Kim pfeift beeindruckt. „Wer hat angefangen?“ Sie setzt sich neben dich.

Du zuckst mit den Schultern. Ich, ich, ich, denkst du dir: wer denn sonst?

„Okay“, sagt Kim, „Wie wär’s? Ich mach dir meinen speziellen, übercoolen Kakao und du gibst weiter vor, als würde dich nichts bedrücken, bevor du dich entschließt, dass du doch darüber reden willst?“

„Klingt schrecklich“, gibst du zu, weil es das tut.

„Großartig, so machen wir das.“ Kim steht auf und streichelt dir kurz über die Haare, bevor sie in der Küche verschwindet.

Du erzählst ihr viel, aber das ist eine Nummer zu groß für eure Freundschaft. Tatsächlich ist das so: deine Liebe ist ein Geheimnis, das tief in deiner Brust eingesperrt ist und deine Kehle zuschnürt; deine Liebe ist naiv und unschuldig und du hast nicht die Mittel, für sie zu zahlen. Du bist ein wenig arm und sehr stark unfähig und du bist dir sicher, dass du kein Wort darüber verlieren wirst. Nicht ein einziges.

+

Du bist in die Welt der Superhelden auf eine andere Weise gestolpert als die Leute, die tatsächlich Superkräfte haben.

Du bist in Noname City großgeworden, kennst jeden öffentlichen (und inoffiziellen) Super bei Namen, kennst ihre Geschichten und ihre Fähigkeiten, hast alles katalogisiert. Das sind keine großen Sachen in Noname City. Dinge, die in Zeitschriften stehen und mehrmals täglich durch den Fernseher laufen. Es gibt sogar Kampagnen: Welcher Super hat die meisten Menschen gerettet? Wer die meisten Schurken hinter Schloss und Riegel gebracht? Wer steht auf der Top Ten Liste: von sexy zu hot?

Das hier ist deine Geschichte, leider: es waren deine Eltern, die irgendwann entschieden haben, scheiß drauf. Sie haben sich Masken besorgt, falsche Pässe, dunkle Kleidung, tote Augen, hinter denen keine Seele gefunden werden kann; und dann haben sie sich die Super vorgenommen.

Okay, es lief ein wenig anders: deine Mutter ist die Tochter eines Verbrecherbosses mit nicht gerade wenig Einfluss. Sie war eine Diebin, bevor sie zur Assassinen befördert wurde (sie war die Tochter ihres Vaters, bevor sie je Mensch sein durfte); und sie war verdammt gut in ihrem Job. Mitte ihrer Zwanziger traf sie deinen Vater und hat sich anscheinend gedacht: wisst ihr was? Das war’s, ich bin draußen. Der Typ hat ein nettes Gesicht.

Sie schied aus dem Familiengeschäft aus, wurde von ihrer Familie verstoßen, heiratete deinen Vater, bekam einen schlecht bezahlten Job, wurde schwanger und, auf allem oben drauf, das destruktive Sahnehäufchen, das jede Schuld trägt: wurde gelangweilt.

Dein Vater war Journalist, ironischerweise, bevor es begann. Der einzige Grund, warum du nicht deine Augen rollst, ist der, dass er zumindest Sportjournalist war: macht die Sache halbwegs besser, zwanzig Prozent weniger klischeehaft. Vor deiner Mutter hatte er sich nie für die organisierten Super oder auch nur für die freien Superhelden interessiert.

Du bist dir nicht sicher, wie genau deine Eltern auf die Idee gekommen sind, dass die falsche Bahn sich am besten mit Familie laufen lässt (wobei deiner Mutter dieses Fehldenken wohl in die Wiege gelegt wurde). Aber genau das haben sie entschieden. Sie hatten zwei Kinder – dich und deinen kleinen Bruder – und deine Mutter muss was in diese Richtung gesagt haben: Hey, wie wär’s, mein Vater ist ein Mafiaboss und er hat mir alles Nötige beigebracht, um Menschen zu töten, hättest du Lust darauf? Woraufhin dein Vater geantwortet haben muss: Supi-dupi, ich kann mir nichts Vernünftigeres vorstellen!

Kurze Zeit später machten sie Schlagzeilen. Sie hielten sich lange an der Spitze der Liste von grausamen Menschen. Und du warst diejenige, die ihnen Artikel über die Super rausgesucht, Algorithmen ausgerechnet und mit ihnen die Bewegungen der Super ausgewertet hat; und du warst einer unter zu vielen Gründen, warum deine eigenen Eltern die erfolgreichsten Serienmörder von Noname City wurden.

Du warst vierzehn und dein Bruder neun Jahre alt, als deine Eltern endlich geschnappt – endlich gestoppt – wurden, und seither arbeitest du auf den Straßen gegen genau die Leute, die zu früherer Zeit deine Eltern gewesen waren.

Es ist nicht die übliche Geschichte, wie jemand dazu kommt, gegen das Böse der Welt zu kämpfen, aber es ist deine Geschichte und du kannst sie nicht ausradieren. Egal, wie viele Menschen du rettest; egal, wie viel du von dir selbst gibst; egal, was du aus dir rausschneidest: es wird immer mehr Blut an deinen Händen kleben, als du je Wasser finden wirst, und nichts wird jemals schwerer wiegen als deine schlechten Taten.


tbc
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