Morbid Appetite

von Makaber
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
13.05.2018
09.11.2019
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Hallo :)
Morbid Appetite ist momentan unter Aufarbeitung, deswegen haben wir mal ganz frech alle alten Kapitel gelöscht und werden die neuen wieder hochladen. Hier im Prolog hat sich zur vorherigen Geschichte nichts geändert, die Änderungen folgen am dem nächsten Kapitel.

Wie auch vorher wird hier im späteren Verlauf eventuell noch die Alterseinstufung erhöht.

Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten und wünschen viel Spaß beim Lesen!





Prolog.


„Steh gerade.“
Der Kragen meines Hemdes kratzte unangenehm im Nacken, als meine Mutter ruppig an ihm zupfte, bis er wohl irgendwann eine zufriedenstellende Form angenommen hatte.
„Du sollst gerade stehen.“
Ihre Hand presste sich gegen meinen unteren Rücken, drückte ihn unangenehm durch, ihr Blick auf mich seltsam missbilligend.
Mit einem genervten Seufzer ließ sie schließlich von mir ab und gab mir mit einer unwirschen Bewegung zu verstehen, dass ich ins Auto steigen sollte.
Also schnappte ich mir meinen Rucksack, kletterte auf den Beifahrersitz und starrte eine stille halbe Stunde aus dem Fenster, ehe wir vor einem großen, offenen Tor hielten. Schwarze Stäbe, die irgendwo hoch über unseren Köpfen in den Himmel ragten. Ein Hochsicherheitstrakt von einer Schule, gut abgeschottet von den Menschen, die nicht knapp tausend Euro monatlich zur Verfügung hatten, um ihr Kind in ein privates Erziehungslager zu schicken.
„Benimm' dich.“ Die Tür wurde hinter mir zugezogen, das leise Surren des Motors verlief sich in der Ferne, meine Beine waren bleischwer.
Ich wäre lieber auf einem öffentlichen Gymnasium, würde lieber nicht in einer überteuerten Uniform stecken, die mich wie einen zwölfjährigen Bänker wirken ließ.
Okay.
Tief einatmend setzte ich einen Fuß vor den anderen und schritt am stählernen Zaun vorbei, einer unter vielen gleich aussehenden Sechstklässlern.

Der Lehrer hatte seine Hand viel zu fest auf meiner rechten Schulter platziert, als ich notgedrungen und ordentlich stotternd meinen Namen nannte. Vor mir desinteressiert oder neugierige Blicke, dann wurde ich der ersten Reihe zugewiesen, ein Platz ganz links am Fenster.
„Pascal.“ Mein einziger Sitznachbar einen Tisch weiter lächelte mich an, ich wandte mich ihm eilig zu.
„Jonah.“
„Ich weiß. Du hast dich gerade vor allen vorgestellt.“ Er lachte auf. „Willst in der großen Pause bei uns sitzen? Wir haben noch einen freien Stuhl.“
„Ger-“
Ein Lineal aus grobem Holz krachte hart neben meine Hände, ich zuckte nach hinten weg.
„Kennenlernen können Sie sich später!“
Meine ganze Körperhaltung fiel in sich zusammen. Perfekter erster Eindruck bei meinem neuen Klassenlehrer.
Vorsichtig linste ich zu Pascal, doch der lächelte bloß entschuldigend und zuckte mit den Schultern, bevor er die Augen verdrehte. Trotzdem sprach er mich für den Rest der Doppelstunde nicht mehr an.

„Die braunhaarige ist Leah, neben ihr sitzt Anne und der lange Lulatsch hier ist Pascal-Zwei-Punkt-Null.“
„Und sein bester Freund seit dem Sandkasten.“ Nummer Zwei zeigte mir seine Zähne, ich zwang meine Mundwinkel etwas unbeholfen hoch.
Das lief alles wesentlich besser, als ich es sonst gewohnt war.
„Das Chaos-Duo.“ Leah schüttelte den Kopf und rückte ein Stück zur Seite. „Reicht dir das oder soll ich noch weiter rutschen?“
„Was? Nein, ich-“ Mein Mund wurde trocken, meine Hände feucht. Unbeendeten Satzes hockte ich mich neben sie und hielt meinen Rucksack beinahe verkrampft mit beiden Armen umschlungen.
„Bist du neu hergezogen?“ Anne, ein Mädchen mit hüftlangem, aschblondem Haar beugte sich zu mir rüber und musterte mich offen. „Hab dich noch nie irgendwo gesehen.“
„Uh, ja, wir sind vor zwei Wochen erst hierher. Davor haben wir in-“
Gekreische schnitt mir durch die Stimme, alle Augen flogen zum Eingang der Cafeteria, wo ein etwas älteres Mädchen total aufgelöst im Türrahmen stand und wütend die Hände zu Fäusten ballte. „Das kann nicht dein Ernst sein!“ Sie weinte.
„Schon wieder.“ Leah runzelte die Stirn, Pascal hob die Achseln.
„Ich blick's nicht. Der verarscht die alle am laufenden Band und trotzdem kriegt er eine nach der anderen ab.“
„Und einen nach dem anderen.“ Zwei stieß ihm in die Rippen, Anne schnaubte für ihn.
„Ich würde für kein Geld der Welt mit dem zusammenkommen. Ich meine, wieso sollte jemand einen zum Freund haben wollen, der schon so viele durch hat?“
„Wortwörtlich.“ Die beiden Jungen wieherten. „Vielleicht sollten wir ihn nach seinem Geheimnis fragen?“
„Hey, ich glaube, wir verwirren Jonah.“ Leah wandte sich mir zu und mit einem Mal lag alle Aufmerksamkeit auf mir.
Unbewusst machte ich mich klein. „Nein, schon gut, das-“
„Also, Aufklärungsstunde.“ Pascal klatschte in die Hände. „Siehst du den Typen, der da versucht, das heulende Mädchen loszuwerden? Das ist Alex, aka Schulschlampe, aka Schulpsycho.“
„Genau.“ Sein Freund lehnte sich so weit zu mir vor, dass er schon halb über dem Tisch hing, während mein Blick sich suchend durch den Raum bewegte, bis er auf die Kehrseite eines schlanken Blondschopfes fiel. „Kannst du dir vorstellen, dass er schon die Hälfte der Tussen aus seinem Jahrgang genagelt hat? Und er ist erst fünfzehn!“
„Eifersüchtig, weil du noch Jungfrau bist?“ Leah sah ihn spitzbübisch an, er wurde feuerrot im Gesicht.
„Das ist mit Dreizehn ja wohl vollkommen-“
Ich blendete die vier aus.
Das Mädchen war mittlerweile nicht mehr zu sehen, zwei andere hatten sie halb nach draußen schleifen müssen. Nur der Junge stand noch einen Moment da, bevor er sich langsam umdrehte und entspannt durch die Cafeteria zu einem Sitzplatz lief, quer zur gegenüberliegenden Seite des Raumes.
Seine Hände waren zu Fäusten geballt.
„Ey, wenn wir uns nicht bald was zu Essen holen, ist die Pause um!“
Sofort sprangen alle auf, ich etwas verspätet hinterher.
Der Neue zu sein, war so anstrengend.

Und es wurde genau dann richtig scheiße, als die Glocke zum Ende meines ersten Tages bimmelte und alle tuschelnd ihre Sachen packten, lachend, grinsend, und schließlich mit ihren Freunden das Klassenzimmer verließen.
Ich krallte meine Finger in den Gurt meines Rucksacks und folgte ihnen. Alleine.
Ich hasste es. Ich hasste das ständige Umziehen von Ort zu Ort, ich hasste es, mitten im Jahr die Schule wechseln und mich immer wieder irgendwo eingliedern zu müssen. Wäre vielleicht kein Problem, wäre ich lustig und gesprächig und auf eine Weise spannend, doch das war ich nicht. Ich war das genaue Gegenteil davon und brauchte gefühlte Ewigkeiten, bis irgendwo halbwegs dazugehörte. Und jedes Mal, wenn das bis jetzt der Fall gewesen war, hatte meine Mutter entschieden, dass es doch mal wieder an der Zeit war, die Stadt für eine Neue zu verlassen. Sieben Mal in den letzten zweieinhalb Jahren.
Deprimiert zog ich die Schultern an – gerade, als ein Bücherturm mich um keine zehn Zentimeter verfehlte. Nur meine Tasche landete mit einem dumpfen Plopp auf dem Boden.
„Pass doch auf, verdammt!“
„Ent-“
„Spar's dir!“ Braunes Haar flog um die Ecke und weg war das Mädchen.
Kopfschüttelnd wandte ich mich ab und meinem Rucksack zu, doch der befand sich nicht mehr vor meinen Füßen, sondern direkt vor meiner Nase.
Überrascht blickte ich auf.
„Tut mir leid, es ist meine Schuld, dass sie so schlechte Laune hat.“
„Ach, nein, das … das macht nichts. Ähm“, unsicher nahm ich dem Jungen den Stofffetzen ab und drückte ihn an meine Brust, „danke.“
„Keine Ursache.“
Wir sahen uns kurz gegenseitig an.
Er war älter als ich, mindestens fünf Jahre, geschätzt. Ich musste hoch gucken, um ihn betrachten zu können, es war vielleicht ein Fuß Unterschied, knapp dreißig Zentimeter. Wobei das nicht viel sagte – ich war schon immer der Kleinste gewesen, überall. Sozusagen der Hobbit unter meinen Mitschülern.
„Na ja, dann …“ Ich wollte an ihm vorbei, er legte den Kopf schief.
„Bist du neu?“
„Was?“ Verwirrt blieb ich stehen, blinzelte ihn dümmlich an, aber er lächelte nur freundlich und nickte leicht.
„Ich denke, ich würde mich an dich erinnern. Wie heißt du?“
„Jo-“ Meine Stimme brach weg, ich bekam keinen Ton heraus, dabei war ich gar nicht nervös. Oder wollte es nicht sein, aber der Typ war älter. Und echt schön.
„Joe?“ Das kleine Lächeln wurde unscheinbar größer, ich trat unruhig auf der Stelle herum. „Joey? Schöner Name, gefällt mir.“
„Aber-“
„Jekyll, Kommst du endlich?“ Das Mädchen tauchte wieder auf, das Gesicht ungeduldig verzogen.
Er blickte an mir vorbei und atmete im selben Moment schnaubend aus, bevor er mir ein letztes Mal seine Aufmerksamkeit schenkte.
„Ich muss gehen. Wir sehen uns, Joey.“ Er rauschte an mir vorbei, seltsam geschmeidig, und in dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen – in dem Moment, in dem ich seine Rückseite sah, seine sehnige Gestalt mit dem blonden Haupt.
Alex.
Meine Augen klebten an ihm fest. Ich sah ihm dabei zu, wie er ihr den Stapel gebundener Blätter abnahm, wie er mit ihr um die Ecke bog und aus meinem Blickfeld verschwand.
Dann erst atmete ich tief aus und schwang ich mir meine Schultasche wieder über den Rücken.
Unsere einzige Begegnung für die nächsten Eintausendeinundachtzig Tage.

Eintausendzweiundachtzig Tage später war es ein Dienstag im Frühling, als er entschied, mit voller Gewalt erneut in mein Leben zu treten. Einfach so in der dritten Unterrichtsstunde in Deutsch, siebeneinhalb Monate vor meinem sechzehnten Geburtstag.
Ich saß an meinem üblichen Fensterplatz neben Pascal, als die Tür zum Klassenzimmer sich öffnete und jemand den Raum betrat – jemand mit trübgrünen Augen und hellem Haar und einer Arroganz, die das gesamte Zimmer flutete.
Verwundert drehte ich mich herum und unsere Blicke trafen sich.
„Würdest du mit mir ausgehen?“
Er bekam keine Antwort, ich starrte nur. Aber das schien ihm gar nichts auszumachen – er lächelte mich einfach an, mit demselben Lächeln wie damals, als er langsam auf mich zukam. Nach fast drei Jahren, in denen er mich keine Sekunde lang beachtet hatte.
„Das interpretiere ich als ein Ja.“ Das Lächeln wurde zu einem Grinsen, seine Finger streiften meinen Unterarm. Er war bei mir angekommen. „Natürlich nur, wenn du es erlaubst.“
Was ich tat – also, zumindest wehrte ich mich nicht. Eigentlich machte ich gar nichts, bis er wieder verschwand, genauso plötzlich, wie er gekommen war. Und alles, was er dabei hinterließ, war ein immer lauter werdendes Getuschel um mich herum, Sätze, die auf Schwuchtel endeten.
Ich hörte nicht hin.
Alles, was er bei mir hinterlassen hatte, war sein eiskalter Handabdruck.
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