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» Quod Sumus, Sumus Una

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Alexander "Alec" Lightwood Clarissa "Clary" Fray Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Magnus Bane
13.05.2018
17.02.2019
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Dieses Kapitel
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13.05.2018 2.146
 
Der erste Eindruck


Fünf Minuten nachdem wir das Flughafenterminal verlassen hatten begann es zu regnen. Auf unserem Weg zum New Yorker Institut passierten Mark und ich gerade einen chinesischen Imbiss, als über uns ein dumpfer Donner grollte und keine Sekunde später Regentropfen auf die Markise über uns zu trommeln begannen.

Ich stöhnte und warf Mark einen genervten Blick zu, den er allerdings nicht sah, weil er mit zusammengekniffenen Augen zum Himmel starrte. „Hm.“, sagte er und wandte sich dann schmunzelnd zu mir. „Und alle sagen, Regen sei typisch für Schottland.“

Ich erwiderte sein Lachen nicht, war aber seinem Blick zum New Yorker Nachthimmel gefolgt. Man sah keine Sterne, so dicht waren die Wolken und der Regen. „Ich habe dir gesagt, wir sollen ein Taxi nehmen.“, seufzte ich bedachte ihn mit einem weiteren vorwurfsvollen Blick.

Mark erwiderte ihn mit einem ungerührten Grinsen. „Und wo bleibt da der Spaß?“, fragte er und zog sich die Kapuze seiner Sweatjacke über den Kopf. Dann sprintete er über die Straße zum nächsten regensicheren Platz, einem überdachten Hauseingang. „Komm schon!“, rief er und winkte.

Innerlich fluchend folgte ich ihm. Wir verfielen in eine Art Steh-Geh, sprinteten von Haltestellenhäuschen unter Vordächer und unter Sonnenschirme, die vor Cafés zum Verweilen einluden. In Gedanken warf ich Mark noch immer Schimpfwörter an den Kopf, aber meine Muskeln dankten mir für die sportliche Einlage nach dem langen Flug.

Irgendwann zog mich Mark in den Eingang eines Fastfood-Restaurants. „Wir sollten nicht mehr weit entfernt sein.“, meinte er und zog sein Handy aus der Hosentasche. Während er die Wegbeschreibung, die uns zugeschickt worden war, aufrief, warf ich einen Blick auf die Uhrzeit. Es war kurz vor halb zehn.

„Verdammt, Mark.“, sagte ich. „Sie erwarten uns um neun, ich habe doch gesagt wir sollen ein Taxi nehmen!“
Mark hob den Blick von seinem Handy und verdrehte die Augen. „Und ich habe gesagt, wir sollten schon mal die Umgebung kennenlernen. Noch drei Blocks.“ Damit steckte er das Handy wieder ein und verließ das Restaurant.

Die Tropfen waren inzwischen deutlich weniger geworden, und am Himmel zeigten sich auch wieder erste Sterne. Ich schloss zu meinem Partner auf, der in der Straßenmitte in ein lockeres Joggen verfallen war. „Hätten wir ein Taxi genommen, wären wir pünktlich und trocken!“, rief ich.

„Der erste Eindruck macht alles aus, Scar.“, erwiderte Mark. „So denken die New Yorker wenigstens nicht wir wären aus Zucker.“

„Vielleicht.“, gab ich zurück. „Nächstes Mal tun wir, was ich sage.“

Ich sah Mark aus dem Augenwinkel grinsen. „Auf dem Rückweg zum Flughafen kannst du gern ein Taxi rufen.“

Den Rest des Weges legten wir zügig zurück, sodass wir kaum zehn Minuten später tatsächlich vor dem New Yorker Institut standen. „Wow.“, machte Mark, und es war vermutlich das erste Mal an diesem Tag, dass ich ihm in etwas zustimmte. Das Gebäude war atemberaubend. Für Mundanes sah es aus wie eine verfallene alte Kirche, das wussten wir von Fotos, aber in Wirklichkeit war es eine gotische Kathedrale von atemberaubender Größe, verwinkelt und verschnörkelt, mit hoch aufragenden Türmen und beeindruckenden Glasfenstern. Von drinnen kam ein sanfter Lichtschein.

Noch immer ergriffen von der bloßen Erscheinung des Institutes stiegen Mark und ich die Eingangsstufen hinauf. Die Tür öffnete sich, und wir traten ein, nicht ahnend, wer und was uns während unserer Zeit darin begegnen würde.


Ich wurde auf der Insel Skye in Schottland geboren und habe sie in den 17 Jahren meines Lebens noch nicht oft verlassen. Mit acht war ich mit meinen Eltern am Loch Ness wandern, mit  zwölf in Edinburgh im Urlaub und mit 16 habe ich mit meiner Freundin Ellie in London eine Shoppingtour gemacht. Sonst bestand mein Leben aus lernen, trainieren, die Insel erkunden, und mehr lernen und trainieren. Als ich von meiner Auslagerung nach Amerika erfuhr, hätte ich, wie es meine Eltern erwartet hatten, in überschwängliche Freudentänze ausbrechen müssen. Dummerweise fand die Reise aber ohne Ellie statt, sondern mit Mark. Und ich war nicht etwa zum Sightseeing nach New York gekommen, sondern um zu helfen, eine mordende Gruppe Downworlders zu bändigen.

Kurz nach der Ankündigung stand stellte ich meine Eltern hinter dem Skye Institut zur Rede. Es war ein windiger Tag und der Fakt, dass mir meine dichten Haare ständig ins Gesicht wehten machte es mir nicht gerade leichter Mum und Dad klarzumachen, dass ich die Idee schrecklich fand.

„Wir dachten, du freust dich über die Abwechslung, daher haben wir dich angemeldet.“, sagte Dad. „Wir finden, du verdienst ein wenig Zeit ohne uns.“

„Der Plan ist mindestens zwei Monate!“, rief ich und wischte mir ungeduldig eine Strähne aus den Augen. „Wie soll ich zwei Monate ohne Ellie und mit Mark aushalten?“

Natürlich versicherte mir Mum sofort, wie es gute Mütter tun, dass ich unter den New Yorker Shadowhunters wunderbare Freunde fürs Leben finden würde, und dass ich mich mit Mark gut verstehen würde, sei die ganze Sache erst mal angelaufen. Letzteres bezweifelte ich allerdings stark. Ich hatte vier Jahre Zeit gehabt mit Mark Embercross warm zu werden. Wieso sollte ein Ortswechsel irgendetwas daran ändern, dass er unfassbar nervig war und meinen Parabatai gestohlen hatte?


So historisch das New Yorker Institut von außen auch aussehen mochte, von innen wirkte es keineswegs mehr veraltet – im Gegenteil. Es war hell, sauber und selbst zu dieser späten Uhrzeit noch belebt. Zu meiner Erleichterung war es außerdem trocken. Der Eingangsbereich war ein langgezogener Gang mit Sitzbänken an den fensterlosen Wänden.

Mark nahm die Kapuze ab, wischte sich die vom Regen schweren Haare aus der Stirn und sah sich um. „Wenigstens hier drinnen ist es ein bisschen wie zuhause.“, stellte er fest.

Ich antwortete nicht, schälte mich aus meiner klammen Jacke und wrang die nassgewordenen Ränder meines Nirvana-T-Shirts aus. Tatsächlich hatte ich in Gedanken unser Institut auf Skye auch mit diesem hier verglichen. Unseres war kleiner, natürlich, und es befand sich abgelegener, nicht mitten in der Stadt.  Aber von innen, musste ich Mark einräumen, waren sich die beiden Institute wirklich ähnlich. Einladende Wärme, weiche Teppiche – man konnte sich fast wie zuhause fühlen.

„Willkommen.“ Eine scharfe Stimme ließ mich aus meinen Gedanken hochfahren. Eine junge, blonde Frau in formaler olivgrüner Kleidung kam energischen Schrittes auf uns zu. „Wir hatten euch schon vor einiger Zeit erwartet.“, sagte sie. Sie streckte erst Mark, dann mir die Hand entgegen und ich spürte ihren Blick auf meinem (klatschnassen) Körper herunter- und wieder hochwandern während wir uns begrüßten. Soviel zum ersten Eindruck, dachte ich, und warf meinem Partner einen vielsagenden Seitenblick zu.

„Mark Embercross, von der Insel Skye.“, stellte sich dieser vor. „Das ist Scarlet Riversong.“

„Eigentlich ist es Scar“, unterbrach ich ihn. „Wir entschuldigen uns vielmals für die Verspätung.“ Jetzt bekam ich einen augenverdrehenden Seitenblick von Mark.

„Wunderbar.“, meinte die junge Frau. „Ich bin Lydia Brandwell, Gesandte des Rates aus Idris und zeitweilige Leiterin dieses Institutes. Ich kann euch denen vorstellen, die noch wach sind, und dann zeige ich euch eure Zimmer, einverstanden?“
„Einverstanden.“

Zufrieden lächelnd drehte Lydia sich um und ging voraus. Mark und ich hatten ein klein wenig Mühe, mit ihrem Tempo mitzuhalten. Nach einigen Schritten merkte ich, dass Mark nicht gerade unauffällig auf Lydias engen Rock starrte. Ich stieß ihn mit dem Ellbogen in die Rippen und warf ihm einen empörten Blick zu. (Ja, wir beide hatten die wortlose Kommunikation in den letzten vier Jahren wirklich perfektioniert.) Während wir noch immer hinter der Leiterin des New Yorker Institutes herliefen zog Mark fragend die Augenbrauen hoch. Ich schüttelte den Kopf und deutete warnend auf meine Augen und dann auf Lydias Hinterkopf, doch bevor mein Partner eine nonverbale Antwort geben konnte, blieb Lydia in Eingang eines großen Saales plötzlich stehen. Wir prallten beide beinahe in sie hinein.

„Diesen Raum nennen wir das Operationszentrum.“, sagte sie und tat so, als hätte sie unsere stumme Konversation nicht bemerkt. „Braucht ihr Hilfe, findet ihr sie hier.“  Wir betraten die von Säulen gestützte Halle, die durch im Boden eingelassene Leuchtfliesen in hellblaues Licht getaucht schien. Plasmabildschirme und Arbeitstische ergänzten die beinahe futuristisch wirkende Einrichtung. Allerdings kannten wir auch diese Technik schon von zuhause.

Lydia führte uns zu einem der Tische, auf den sich eine junge Frau gestützt hatte. Ihre dunklen Locken verdeckten komplett ihr Gesicht, und sie wirkte völlig in Gedanken versunken, bis Lydia sie mit einem behutsamen „Isabelle?“ ansprach, woraufhin die Angesprochene sich aufrichtete. Sie trug ein bauchfreies Oberteil und dunkle Jeans sowie ein Armband in der Form einer silbernen Schlange, die sich um ihr Handgelenk schlängelte. Ihre Arme waren bedeckt von Runentattoos.

„Ihr beiden, das ist Isabelle Lightwood. Sie ist Mitglied eures Teams.“, stellte Lydia die dunkelhaarige junge Frau vor.
Isabelles dunkelrot geschminkte Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln und sie eilte um den Tisch herum, um uns die Hände zu schütteln. „Von Skye? Schön, euch kennenzulernen!“, sagte sie. „Herzlich Willkommen in New York.“

„Scar.“, antwortete ich und drückte ihre Hand. Erst Lydias und nun ihr Lächeln waren ansteckend. Mark, der auch anfing zu grinsen, stellte sich ebenfalls vor. Ich wandte mich an Lydia. „Es war ein langer Flug, ich würde gern mein Zimmer aufsuchen.“, bat ich.

„Natürlich“, meinte sie. „Ich zeige es dir sofort. Wo ist der Rest?“ Die letzte Frage war an Isabelle gerichtet. Diese zuckte die Schultern. „Jace und Clary sind schon zu Bett gegangen, Alec ist bei Magnus.“, sagte sie. „Aber … sehen wir euch beide beim Frühstück?“

Mark und ich nickten, ohne wirklich eine Wahl zu haben.

Lydia führte uns zu unseren Zimmern, die im Keller auf einem Flur nebeneinander lagen, eine Tatsache, von der ich nicht begeistert war, aber vielleicht hatten die New Yorker ja erwartet wir wären ein Paar. Schließlich verabschiedete sich die Leiterin und wünschte uns eine Gute Nacht, bevor sie uns allein ließ.


Mark lehnte sich an seinen Türrahmen und verschränkte die Hände. „Überall Fremde … bist du aufgeregt?“, fragte er mit ernster Stimme.

„Es sind doch Shadowhunters, genau wie wir.“, entgegnete ich.

Mark drehte den Kopf und seufzte. „Ehrlich gesagt, vermisse ich die Insel.“, gestand er. „Hier wirkt alles so … unpersönlich.“

Ich war überrascht von Marks Gefühlsausbruch und, ehrlich gesagt, auch ein wenig überfordert. Normalerweise war er der, der Witze über jede Situation riss und nie sein Lächeln verlor. Und jetzt wäre es eigentlich meine Pflicht gewesen, ihn zu beruhigen.

Ich legte meine Hand auf seinen Arm, zwischen seine Enkeli-Rune und seine Parabatai-Rune. Zu mehr Körperkontakt konnte ich mich beim besten Willen nicht überwinden.

„Ich wünschte, Eliza wäre hier.“, sagte Mark leise.

Ich zog meine Hand zurück als hätte ich mich verbrannt. Wut brodelte in mir. Ich hasste es schon zu sehen, wie nah Ellie und er sich waren. Aber wenn er über sie sprach als seien die beiden in irgendeiner Beziehung – das war unerträglich.

„Bis morgen“, brachte ich heraus,  bevor ich, ohne ihn noch einmal anzusehen, zornig meine Zimmertür hinter mir zuzog.

„Schlaf gut, Scar.“, hörte ich Mark sagen.


Das Zimmer hatte keine Fenster, aber ein breites, weiches Bett auf das ich mich zuerst fallen ließ, um meinen Atem zu beruhigen. Zu meiner Freude waren meine Habseligkeiten, die in Kartons verpackt von Skye nach New York gesendet worden waren, bereits hergebracht worden. Nach einer entspannenden Dusche war meine Wut auf Mark wieder halbwegs verflogen, und ich packte ein paar der Kisten aus, räumte meine Lieblingsbücher ins Regal, stellte Fotos auf und hängte mein großes Gemälde der Küste von Skye über mein Bett. Ein Poster meiner Lieblingsband Nirvana bekam einen Platz neben dem Spiegel in der Nähe der Tür. Der Kleiderschrank war schon ordentlich mit dunklen Oberteilen und Hosen sowie groben Schuhen gefüllt – Kleidung für den Kampf. Ich hängte meine mitgebrachten Anziehsachen dazwischen. Als das Zimmer dann endlich ein ganz kleines bisschen wie meines auf Skye wirkte, legte ich mich zurück aufs Bett und schrieb meine beste Freundin an.


Ich kannte Eliza Silverash schon seit ich denken konnte. Wir entwickelten eine typische unsere-Eltern-sind-befreundet-daher-müssen-wir-es-auch-sein-Freundschaft, aber ich konnte mir mein Leben schon lange nicht mehr ohne sie vorstellen.
Bis vor vier Jahren waren wir beinahe unzertrennlich gewesen, Ellie war die Person, die mir nach meinen Eltern am nächsten war. Damals konnte sich nichts und niemand zwischen uns stellen. Aber diese Zeiten waren vorbei, als Mark Embercross einen regnerischen Apriltages ins Institut auf Skye  stolperte.

Als ich ihn das erste Mal sah, war Mark ein zerzauster, geschockter 14-jähriger Shadowhunter aus Glasgow, der seit nicht mal acht Stunden Vollwaise war. Mum, Dad und Ellies Eltern waren sich einig, dass sie es dem toten Embercross-Ehepaar schuldeten, ihren Sohn aufzunehmen, und so wurde das Skye Institut sein neues Zuhause.

Ellie, die zu diesem Zeitpunkt zwölf war, und er wurden schnell gute Freunde. Mark und ich … nicht wirklich. Ich war von Anfang an eifersüchtig auf ihn gewesen, und darauf, dass ein Teil von Ellies Aufmerksamkeit nun auch ihm gehörte. Ich mochte ihn vielleicht nicht, aber gehasst hatte ich ihn auch nicht. Bis zu dem Moment, in dem Ellie mir freudestrahlend verkündete, sie und ihre Eltern hätten endlich einen Parabatai für sie gewählt.
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