Der erste Tanz

KurzgeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
Eliot Nightray Leo Baskerville
13.05.2018
13.06.2019
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Sichtlich verwirrt blickte Elliot ihn an. Nach all den Jahren seinen besten Freund wiederzusehen hatte er sich anders vorgestellt. "Lassen Sie eine Frau immer so lange auf Ihre Antwort warten?", säuselte Leo und lächelte verspielt. "Le-", setzte Elliot an, doch durchfuhr ihn in der nächsten Sekunde ein stechender Schmerz. Der Schuhabsatz seines Gegenübers grub sich unnachgiebig in seinen Fuß und er zischte schmerzhaft auf. Sollten Elliot vorher noch Zweifel geplagt haben, ob es sich hier wirklich um Leo handeln sollte, waren sie jetzt verflogen. Während er sich noch von dem Schmerz erholte, nahm der Kleinere seine Hand und zog ihn auf das Tanzparkett.  

Es dauerte nicht lange, bis sie zwischen den Menschen verschwunden waren. Zum Erstaunen Elliots, fiel es Leo alles andere als schwer mit seinen Schritten mitzuhalten. Gemeinsam glitten sie durch die Menge, als hätten sie jahrelang für diesen Moment geprobt. "Wo hast du tanzen gelernt?", fragte Elliot leise und runzelte verwirrt die Stirn. Ein Lächeln spielte sich über die Lippen des Kleineren, während er den Abstand zwischen ihnen verringerte. "Hat der Tanzlehrer seinen liebsten Schüler wirklich bereits vergessen?", murmelte er leise an seine Lippen und blickte zu ihm hinauf. "Ich--", setzte Elliot an, bevor Leo wieder von ihm zurückwich und ihn höflich lächelnd unterbrach: "Ich muss schon sagen Herzog Nightray, Sie scheinen nicht der Hellste zu sein - und unverschämt noch dazu."

Elliot spürte, wie sich sein Geduldsfaden langsam anspannte. Leo hatte auch nach den paar Jahren keinen Deut seiner frechen Art verloren. Normalerweise würde Elliot etwas erwidern, eine Diskussion beginnen, doch zum Einen waren sie in der Öffentlichkeit und zum Anderen war ihm mittlerweilse bewusst, dass Leo nicht erkannt werden wollte. Ein Streit würde dementsprechend eine unnötige Aufmerksamkeit auf sie ziehen, die keiner von ihnen brauchte. Ganz davon abgesehen musste Elliot zugeben, dass er erleichtert war. Leo hatte sich nicht verändert; ihre Beziehung zueinander hatte sich nicht verändert. Die neuen Titel vor ihren Namen, die Elliot die letzten Jahre wie eine gewaltige Mauer erschienen, waren jetzt nur noch einfache Wörter. Die Musik, welche den ganzen Raum erfüllte, drang nur leise an seine Ohren. Leo war zurück - in seinen Armen. Ein seichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen, während er mit seinem besten Freund der Musik quer durch den Saal folgte.

"Was ist so amüsant?", fragte Leo, als sie ihre Geschwindigkeit an das nächste Lied anpassten. Mit einem leichten Grinsen erwiderte Elliot: "Sie erinnern mich an einen alten Freund, den ich einmal hatte", während sein Blick fest den Augen des Gegenübers stand hielten. "Ah? Das ist durchaus überraschend. Was an mir weckt plötzlich Ihre Erinnerungen?", antwortete Leo gespielt unwissend auf Elliots Äußerung. "Er war genauso frech, wie Sie und vergaß oft seinen Platz", erklärte er und verschränkte die Finger mit seinen, bevor er fortfuhr: "Doch gleichzeitig wusste er immer genau, wo er hingehörte."

Die Musik gelangte an ihren Höhepunkt und zwang Elliot eine kurze Pause einzulegen. Wie auch vor ein paar Jahren fiel es ihm schwer zu erkennen, was gerade in Leo vorging. Trotzdessen entschied er sich dafür das Spiel, welches sein bester Freund begonnen hatte, weiter fortzuführen. "Er war ein Hitzkopf, wie ich. Oft haben wir miteinander diskutiert. Zugegeben - während unserer Freundschaft sind viele Gegenstände zu Brüche gegangen", schmunzelte Elliot und seufzte ein wenig: "Dennoch vermisse ich die Tage, an denen wir gemeinsam auf dem Klavier spielten. Ich vermisse den kleinen Sturkopf, der viel zu viele Nächte auf dem Boden geschlafen hat, weil in seinem Bett Stapel über Stapel von Büchern ihren Platz gefunden hatten. Ich vermisse meinen besten Freund. Ich vermisse... Leo."

"Ich-", setzte Leo an, doch Elliot unterbrach ihn: "Ihr seht euch wirklich ähnlich, wissen Sie?" Nachdenklich legte er seine Hand auf die Wange des Kleineren. Er war sich nicht sicher, ob der Abstand zwischen ihnen schon immer so klein gewesen war, doch er hatte auch keine Zeit lange darüber nachzudenken. "Lediglich eine Brille unterscheidet Sie beide. Dabei frage ich mich, ob sich hinter den Gläsern auch damals bereits der Nachthimmel versteckt hatte", wisperte er an Leos Lippen. Schon lange hatte er sich in den schwarzen Augen verloren. Goldene Flecken, die wie Sterne in den Iriden seines besten Freundes tanzten, hielten ihn gefangen. Er konnte seinen Atem an den Lippen spüren und für einen Moment spielte er mit den Gedanken, sich nach all den Jahren dem ersehnten Kuss endlich hinzugeben.

Als das Gesicht seines Gegenübers jedoch rot anlief, fasste sich Elliot langsam wieder. Räuspernd nahm er den angebrachten Abstand wieder ein und blickte zur Seite. Er spürte, wie das Blut in seinen Wangen pulsierte. Schweigend tanzten sie weiter und suchten nach Wörtern, um die unangenehme Stille, die sich zwischen ihnen breit machte, wieder zu brechen, doch ihnen fiel nichts ein. Es war selten, dass es Elliot gelang Leo die Sprache zu verschlagen.

Das letzte Mal, als dies der Fall gewesen war, hatte er etwas ähnlich Kitschiges von sich gegeben. Sie beide wussten bereits seit ihren Tagen in der Lutwidge Akademie von ihren Gefühlen füreinander.  Damals, als ihre Herzen bei jeder Berührung zu Klopfen begannen, als die Nähe zueinander zu etwas Unabdingbarem für beide Parteien wurde, war ihnen klar, dass ihre Gefühle nicht mehr platonisch waren. Doch während Leo bereit für das Unbekannte war, überkam Elliot die Angst. Zu sehr fürchtete er sich, seine Familie zu enttäuschen. Zu sehr fürchtete er sich, etwas Verbotenes auszuprobieren. Und als der Moment gekommen war, in dem Leo letztlich von seiner Seite wich, wusste er, dass er diese Angst bereuen würde.

Die Band ließ ihr Lied langsam ausklingen und damit auch die Tänze. Elliot strich sich verlegen über seinen Nacken und wollte gerade eine Entschuldigung ansetzen, als Leo seine Hand nahm und ihn aus der Menge zog. "Hey! Jetzt-- jetzt warte doch mal!", rief er seinem besten Freund zu, während er ihm mehr oder weniger hinterherstolperte: "Wo willst du überhaupt hin?!" Gemeinsam liefen sie einen dunklen Gang entlang. Riesige Fenster zierten die rechte Wand, doch lediglich das schwache Mondlicht brach durch dessen Scheiben. Eine kurze Weile später blieben sie stehen. "Das wirst du schon sehen", antwortete Leo knapp und öffnete die Tür vor ihnen.

oOo


Das Kapitel wurde noch nicht komplett auf Fehler überprüft, so bitte verzeiht, sollten sich welche finden lassen. Vielen Dank an ApeironStella für ihre Hilfe.