Der erste Tanz

KurzgeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
Eliot Nightray Leo Baskerville
13.05.2018
13.06.2019
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Eine Einladung zu einem Maskenball im Hause Baskervilles war, auch nach Einzug des Friedens, keine alltägliche Geschichte. Dementsprechend aufgewühlt hatten sich Maids Stunden über Stunden um den Herzog Nightrays getummelt, damit er für den heutigen Anlass entsprechend hergerichtet war. Als die Haare saßen, fiel jemandem auf, dass seine azurblauen Ohrstecker fehlten. Nachdem Elliot sie angebracht hatte, war eine Maid der Meinung, dass die Farbe des Hemdes nicht zum Rest passen würde. Als er sich nochmals komplett aus seinem Outfit geschält hatte, um sein Hemd gegen ein Weißes auszutauschen, verabschiedete sich ein Manschettenknopf von seinem Ärmel. Eine halbe Stunde kollektiver Unruhe und ein Nähkasten später war der Knopf zwar wieder angebracht, doch sollte es trotz dessen noch eine Weile dauern, bis er schließlich offiziell von seinen Dienern aus seinem Zimmer gelassen wurde.

Dementsprechend tief stand bereits die Sonne, als Elliot, zusammen mit seiner Schwester, die Kutsche betrat. Er selbst hatte den Tumult um einen Smoking mit blauer Fliege nicht verstanden, doch mit der Zeit hatte ihn die Aufregung seiner Untergebenen angesteckt und dazu gebracht, auch bei Aufbruch zur Feier noch an seinen Klamotten herum zu werkeln. Angespannt zupfte er also an seinem Kragen und versuchte etwas zu richten, was längst gerichtet war. "Der Smoking steht dir gut, Elliot", ermutigte ihn seine Schwester und schüttelte schmunzelnd den Kopf, während sie ihn beobachtete: "Die Frauen werden sich heute Nacht nur so um dich scheren." Schweigend setzte er sich auf seine Seite der Kutsche. "Als Bräutigam würde der Smoking sicherlich auch gut an dir aussehen", fügte Vanessa nach einer Weile nachdenklich hinzu und seufzte schwer: "Es wird mir schwer fallen deine Hand irgendwann einer anderen Frau zu überlassen." Lediglich ein abwertendes Zischen kam als Antwort über Elliots Lippen, doch es war genug, um die Konversation für den Rest des Weges zu beenden.

Elliot war, gelinde gesagt, nicht begeistert von der Idee, dass er langsam eine Frau finden müsste, doch als Kopf der Familie Nightray, erinnerte ihn seine Schwester täglich an seine Pflicht für Nachkommen zu sorgen. Natürlich war ihr nicht klar, dass seine Gedanken, selbst nach all den Jahren, nur um seinen ehemaligen Diener schwirrten. Seit Leo seine Rolle als Glen Baskerville angenommen hatte, herrschte jedoch beinahe komplette Funkstille.

Zugegeben - es war ein kluger Schachzug von Leo gewesen, den vier Herzogsfamilien, nach all dem Tumult, die Schlüssel zum Abyss nicht zu entreißen und sie stattdessen in die Aufgabe der Baskervilles mit einzubeziehen. Der Gesellschaft fiel es somit leichter, die Wahrheit über die Tragödie Sabliers zu akzeptieren und sich an die urtümliche Rolle der Baskervilles zu gewöhnen. Um der Angst eines weiteren Verrats vorzubeugen, hatten sich die Herzogsfamilien darauf geeinigt, eine formelle Distanz zueinander zu halten. Lediglich geschäftlich oder auf öffentlichen Feierlichkeiten war es ihnen noch gestattet, miteinander zu agieren. Dadurch kontrollierte sich das entstandene Pentagon gegenseitig und verhinderte illegale Bündnisse untereinander, sodass die Macht des Abyss nicht ein weiteres Mal schamlos ausgenutzt werden konnte. Aus vier Herzogsfamilien wurden somit fünf, und aus besten Freunden wurden distanzierte Geschäftspartner. Der Frieden kehrte ein, wenn auch mit einem entsprechendem Preis.

Als die Kutsche vor dem Anwesen der Baskervilles zum Halten kam, hielt Vanessa ihm seine Maske hin. Passend zum Smoking war sie schwarz, verziert mit feinen Linien und ein paar blauen Federn auf der rechten Seite, die der Farbe seiner Fliege glichen. Gedankenverloren blickte Elliot auf die Maske und fragte sich, ob er Leo in der Menge überhaupt erkennen würde. Ein kleiner Teil in seinem Herzen hatte gehofft, dass sie sich heute sehen und miteinander reden könnten. Das Ende von Holy Knight stand beispielsweise immer noch im Raum und wartete darauf, dass sie endlich ausführlich darüber diskutierten. Auch wollte er wissen, ob er mit seiner neuen Familie zurecht kam. Leo war immerhin keine einfache Persönlichkeit - sicherlich war schon der ein oder andere Tisch bei einer Diskussion geflogen.

"Na komm, zieh sie schon auf! Oder wirst du etwa nervös bei dem Gedanken an all die Frauen, die heute auch da sein werden?", ziehte seine Schwester ihn auf. Aus seinen Gedanken gezogen knurrte Elliot: "Halt doch deine Klappe!", zog sich die Maske an und stieg aus der Kutsche. Er hatte keine Lust mehr auf das repetitive Gerede seiner Schwester, nicht heute abend. Dementsprechend schnell mischte er sich unter die Massen, als sie den Ballsaal betreten hatten.

Wie zu erwarten, war der Saal gefüllt mit einer zahllosen Reihe an Menschen aus verschiedensten Adelsfamilien. Die Kleider und Anzüge waren in allen Farben und Formen vertreten; eines teurer als das andere. Normalerweise waren Feiern wie diese eine Möglichkeit, sich den Söhnen und Töchtern der Herzogsfamilien anzubieten, in der Hoffnung der eigenen Familie dadurch einen höheren Status innerhalb der Gesellschaft zu schaffen. Nicht umsonst war er selbst, gemeinsam mit seinen ehemaligen Brüdern Vincent und Gilbert, nie ein großer Fan von solchen Veranstaltungen gewesen. Aufgrund des Schlüssels der Familie Nightray, blieb Elliot jedoch, auch trotz Maske, heute Abend nicht lange unerkannt. Sein schwarzes Schwert, welches er immer mit sich herum trug, war diesen Abend mehr Fluch als Segen, dem war er sich nach der zehnten Frau bewusst geworden. Damit seine Schwester ihm auf dem Heimweg nicht vorwerfen konnte, dass er es nicht versucht hätte, ging er der einen oder anderen Aufforderung zu einem Tanz nach.

Während er zum etlichsten Mal mit einer Frau in seinen Händen über das Tanzparkett fegte, erinnerte er sich an den Abend, an dem er Leo das Tanzen beigebracht hatte. Damals veranstaltete ihr Internat einen gemeinsamen Ball. Ein Schmunzeln zog sich über Elliots Lippen bei dem Gedanken daran, wie sie durch ihr Zimmer gestolpert waren und sich gegenseitig in den Abyss und zurück verdammten. Egal, wie elegant Leo seine Finger sonst über die Klaviertasten zu bewegen gewusst hatte, von Koordination fehlte beim Tanzen jede Spur. Ob Leo mittlerweile tanzen konnte, wusste er nicht, doch er erwischte sich dabei, in den folgenden Stunden, innerhalb der tanzenden Menge, Ausschau nach seinem besten Freund zu halten - ohne Erfolg.

Es war bereits recht spät, als eine weitere Frau Elliot auf die Schulter tippte. Mittlerweile ein wenig hoffnungslos, wandte er sich ihr zu und verlor bei ihrem Anblick den Atem. Sein Gegenüber hatte langes schwarzes Haar, welches zu einem Zopf mit blauen Rosen zusammengebunden war. Ein schwarzes Kleid mit goldenen Rüschen und einem ebenso goldenem Halsband mit einer blauen Rose unterstrich die Schönheit, welche die violetten Augen hinter der schwarzen Maske ausstrahlten. Der wichtigste Aspekt jedoch, den vielleicht kein anderer in diesem Raum bemerkt hatte, war, dass es sich bei dieser atemberaubenden Frau um niemand anderen als Glen Baskerville handelte. Die Sängerin des engagierten Orchestas brach ihren nächsten Song an - Eisblumen. Es war eine ruhige Melodie und die Pärchen sammelten sich in der Mitte des Saals für einen gemeinsamen Tanz. Der Kopf der Baskervilles, verkleidet als schönste Frau im gesamten Anwesen, hielt ihm seine Hand hin und fragte unschuldig: "Dürfte ich um diesen Tanz bitten?"

oOo


Ich gehe davon aus, dass diese kurze Fanfiktion vielleicht 2-3 Kapitel haben wird. Dementsprechend lasse ich sie als Kurzgeschichte gekennzeichnet. Vielen Dank an @ApeironStella, dass sie mich, wie immer, tatkräftig dabei unterstützt, die Charaktere so realistisch wie möglich darzustellen.

Die Geschichte spielt in einem alternativem Universum, indem Elliot keinen Vertrag mit Humpty Dumpty eingegangen ist. Dementsprechend war er an Leos Seite, als dieser seine wahre Identität nach und nach herausfinden durfte.