When the stars begin to fall

GeschichteAllgemein / P16
Thorin Eichenschild
12.05.2018
11.07.2019
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Der Kampf zwischen dem Zwergenheer und dem Elbenheer dauerte unerwarteter Weise nicht lang an, denn eine weitere Partei betrat das Spielfeld: Orks angeführt von Bolg und Azog. Geschockt und überrascht von der plötzlichen Wendung zog Thorin sich Stück für Stück in seine heiligen Hallen zurück, wo er sich sicher Gedanken um die Rettung seiner Reichtümer machen würde.
Noch immer wutentbrannt lief ich meinem Liebsten, mehr oder weniger beabsichtigt, direkt in die Arme. Unsere Blicke trafen sich und es gab so viel, was ich ihm entgegenwerfen wollte, ging mir doch so vieles durch den Kopf. Zorn und Enttäuschung erfüllten mich, doch wollte ich ihn um jeden Preis auf den rechten Pfad zurückführen. Würde ich den Moment verpassen, so fürchtete ich, würde Thorin dem Abgrund zum Opfer fallen und dem Ebenbild Smaugs, welchem er sich mit der Zeit angenähert hatte, gleichermaßen identisch werden, wenn er dies nicht schon war.

„Thorin.“ Mein Ton war harsch und energisch, ich sah deutlich, wie mein Gegenüber kurz zusammenzuckte, hatte er doch nicht mit solch einem Laut aus meinem Mund gerechnet.
"Du bist von einem ehrenvollen Zwerg zu einem Narren geworden, wie kann dir dieses Gold wichtiger sein als das Wohl der Menschen?“ Der Zwerg, für den ich trotz allem so viel empfand, war völlig perplex. Vermutlich war es nicht der beste Zeitpunkt ihn genau jetzt zur Rede zu stellen, wo er vor Unmut nur so strotzte, doch wenn man ehrlich war, so gab es keinen guten Moment. Es galt jetzt oder nie, denn so, wie es war, konnte es unmöglich voranschreiten. Ich konnte ihn nicht noch tiefer fallen sehen.
„Was haben sie denn je für uns getan Válan? Die Elben haben uns einst verraten, hintergangen und zum Sterben zurückgelassen. Als wir heimatlos waren und hungernd haben die Menschen dabei zugesehen. Warum also sollte ich ihnen in der Not zur Seite stehen?“

Er vergaß, dass auch die Menschen ihre Heimat, ihre Leben und Liebsten an das Feuer verloren hatten. Er vergaß, dass auch sie Smaug zum Opfer gefallen waren. Er vergaß seine Worte.

„Weil Freunde in diesen Zeiten so unfassbar wertvoll sind, doch du schaffst dir nur immer mehr Feinde. Du weißt, dass Azog nicht ruhen wird, ehe deine Linie vollständig ausgelöscht ist, wie also wollt ihr gegen ein Orkheer bestehen? Wie willst du Handel betreiben, wenn die Völker des Umlands dir gegenüber feindlich gesinnt sind?“
„Oh sie werden mit mir handeln, wenn ich sie zurechtgewiesen habe. Ich bin Thorin Eichenschild, der König unter dem Berge. Die Elben und Menschen werden zu spüren bekommen, was es bedeutet, wenn man sich meinem Wort wiedersetzt, wenn man sich mir in den Weg stellt… und dem Gold.“
Da war es wieder, dieses Funkeln völliger Besessenheit in seinen Augen. Diese ganze Situation war nur aus seiner Gier heraus entstanden, seiner Gier und dem fanatischen, gegenwärtigen Willen seine Macht zu demonstrieren.
„Was bringt es dir deine Macht aufzuzeigen, wenn du dann alles verlierst? Von welchem Wert ist dein Stand, wenn du dabei vergisst was Gerechtigkeit ist und was Liebe?“
„Was sollte ich verlieren? Ich werde gewinnen, ich werde ein anerkannter Herrscher sein und der Schatz noch immer in meinem Besitz.“ Sah er wirklich nicht, dass ich nicht von dem Gold sprach?
„Du billigst das Aufkommen eines Krieges wegen deiner Arroganz und deiner Gier?“
„Versteh doch, es ist der einzige Weg mein Erbe zu schützen, es von dem undankbaren, hinterlistigen Pack fern zu halten. Nur durch einen Krieg kann ich verteidigen was mein ist und hast du nicht auch gesehen, wohin es führt, wenn ich Vertrauen habe?“
„Was ist nur aus dir geworden? Sieh dich doch nur mal an Thorin, du bist ein selbstsüchtiger und ignoranter Mann geworden. Dich schert nicht mehr, welche Versprechen du gegeben hast und ob du dazu stehst oder wie du von der Außenwelt wahrgenommen wirst. Du zweifelst an der Loyalität deiner engsten Vertrauten, denkst nur noch an dein Gold. Der Mann, den ich einst kennengelernt, den ich lieben gelernt habe, hätte nie sein Wort gebrochen, hätte nie seine Familie infrage gestellt und ihr aller Leben aufs Spiel gesetzt, eher hätte er sich selbst geopfert. Dieser Mann bist du nicht mehr.“
Plötzlich sah ich etwas in seinem Gesicht, was ich längst verloren geglaubt hatte. Unsere Verbindung schien wieder aufzutauen. Das erste Mal seit langem hörte er mich wirklich. Das erste Mal seit langem konnte ich durch seine Augen in sein Innerstes sehen, IHN sehen. Er war schockiert von den Worten, die ich sprach. Ein Teil von ihm erkannte die Wahrheit darin, während ein anderer Teil dagegen anzukämpfen versuchte. Für den Moment dominierte der Schatten.

„Du hintergehst mich, stehst nicht zu mir, wie du es solltest.“
„Du weißt, dass das nicht wahr ist Thorin. Ich werde bis zum Schluss hinter dir stehen, ganz gleich, was für ein Mann du geworden bist, weil egal was geschieht, ich nichts daran ändern kann, dass ich dich liebe. Aber ich kann meine Enttäuschung und meinen Zorn über dein Verhalten einfach nicht länger zurückhalten, ich bin so wütend auf dich Thorin Eichenschild. Wie kannst du den Reichtum nur über deinesgleichen stellen? Deine Familie?“
Ich brauchte einen Moment um mich zu fangen, bevor ich noch etwas hinzufügen konnte.
„Wie kannst du ihn über mich stellen? Du nennst mich deine Königin Liebster, doch sag mir, welcher Mann riskiert das Leben seiner Königin? Welcher König riskiert das seiner Familie? Ist es wirklich das funkelnde Gold, dass dich im Leben erfüllen, dass dich glücklich machen wird?“

Ich hatte Tränen in den Augen, war zutiefst verletzt. Die Persönlichkeit, welcher ich in diesem einzigen Leben am stärksten zugetan war, gab sich einer narzisstischen und gierigen Version seiner selbst hin – und erkannte dies nicht einmal. Meine Enttäuschung saß so unglaublich tief, sie hatte längst meiner Verzweiflung die Hand gereicht und zu sich hinab gezogen. Ich konnte nichts mehr weiter tun als ihm die Wahrheiten offen darzulegen, doch wenn auch das nichts brachte, so wäre ich dennoch gezwungen zu tun, was ich für richtig hielt. Vielleicht würde ja dies meinen Liebsten wieder zur Besinnung bringen?
Thorin jedenfalls war sprachlos, äußerte nichts weiter und drehte sich nur störrisch von mir weg, um seinen Weg fortzusetzen. Er wusste ganz genau, dass ich recht hatte. Er wusste, dass er zu einem furchtbaren König geworden war. Er wusste, dass er die anderen, dass er mich beleidigt, vernachlässigt und im Innern verwundet hatte, doch er war zu stolz und noch immer zu eingenommen von dem Fluch des Schatzes, um dies einzusehen.
„Dann geh doch zurück zu deinem Gold und deinen Edelsteinen! Lass die Elben und deinen Vetter ruhig deinen Kampf ausfechten, es interessiert dich ja doch nicht, was mit ihnen geschieht, solang deine Reichtümer geschützt sind!“
Trotzig wie ein Kind verschränkte ich die Arme vor meiner Brust, starrte jähzornig an die dunkle, graue Säule vor mir und konnte meine aufbrausenden Emotionen nicht mehr zurückhalten, sodass diese sich in Form von Tränen davon zu stehlen versuchten. Würde ich ihn jetzt wirklich einfach gehen lassen, wo er mir nicht einmal mehr richtig zugehört hatte? Er zog sich einfach aus der Affäre heraus, weil er nicht wahrhaben wollte, was seinetwegen alles geschehen war. Er wollte weiter die Augen davor verschließen und sich den Dämonen hingeben. Das würde ich auf keinen Fall zulassen. Ich musste alles auf eine Karte setzen, es gab nichts mehr zu verlieren, nur noch zu retten und ich musste alles geben, um dies zu erreichen. Erzürnt und völlig außer mir setze ich meinem Verlobten nach, der jedoch hatte ein sehr zügiges Schritttempo zugelegt, sodass ich ein ganzes Stück hinterherhing, was mich jedoch keinesfalls daran hinderte meinem Unmut Luft zu machen. Mein rasendes Herz trieb mich unbeirrt voran.

„THORIN EICHENSCHILD DU BLEIBST AUF DER STELLE STEHEN UND HÖRST MIR ZU!“
Tatsächlich hielt der König inne, wandte sich mit schockiertem Gesichtsausdruck mir zu. Da war er, der alte Thorin der ganz genau wusste, dass er in Schwierigkeiten war, wenn ich ihn anschrie und das noch mit vollem Namen.
„Du verkriechts dich jetzt nicht in deinem Berg und gibst dich wieder deinen glitzernden Stücken hin, das habe ich schon viel zu lang mit angesehen! Weißt du, wen ich in den letzten Tagen immer häufiger in dir gesehen habe? Meinen verfluchten Stiefvater. Jedes Mal das du laut geworden, das du einen der unseren angeschrien, ihm Vorwürfe gemacht hast, habe ich meinen Vater vor mir gesehen. Du bist derzeit kein Deut besser als diese Ayani-Verächter, ist dir das klar? Dein erniedrigendes Verhalten, dein Egozentrismus sind kein Teil von dir, das ist der Fluch, der sich in dir eingenistet hat und von dem du nun überzeugt bist, er wäre mit dir vereint. Doch das ist er nicht. Da draußen sterben Menschen, Elben und Zwerge um deinen Berg zu beschützen. Sie kämpfen für dich und du rührst keinen Finger, doch so ein Mann bist du nicht Liebster. Du hast andere niemals deine Kämpfe an deiner statt ausfechten lassen, niemals. Der wahre Thorin hätte keine Sekunde gezögert sich ins Getümmel zu werfen und an der Seite der Zwerge und der verhassten Elben zu kämpfen. Stattdessen sprichst du zu deinem Gold, als hätte es eine Seele, bist eine willenlose Marionette der Verblendung. Es ist, als wärst du völlig abgestumpft, ohne Gefühle, Empfindungen oder Leben. Das hier bist nicht du, versteh das doch!“
Ich trat näher. Der Mann mir gegenüber war völlig still, sein Blick glasig. Gefühlvoll legte ich meine Hand auf seine Brust, dahin, wo sein Herz saß und wo ich hoffte, dass ich den wahren Thorin Eichenschild wieder zum Leben erwecken könnte.
„Wo ist der Mann, der auf gegenseitige Unterstützung pocht? Wo ist der, der alles dafür tat seinem Volk das Leben nach Smaugs Angriff so angenehm wie möglich zu gestalten, der sein Leben dafür riskierte ihnen ihre Heimat zurück zu geben? Wo ist der König, der zu seinem Wort steht? Wo ist mein Verlobter, der sich um mich sorgt, der mir die Liebe und Zuneigung gibt, die mir im Leben sonst nie zuteil wurde? Wo Thorin?“
„Er… Er muss fort sein…“

„Daran glaube ich nicht. Ich spüre deutlich, dass er noch immer da ist, in dir, doch du hast ihn verloren. Du hast dich selbst verloren, deine Leidenschaft, die einst deinem Leben galt, gilt letztlich nur noch dem Schatz. Er ist zu deinem Leben geworden. Du hast mir beigestanden, als ich dich brauchte, mir beigebracht mir selbst treu zu sein, das Gleiche beabsichtige ich mit dir zu tun. Doch ebenso wie mich treibt deine Sturheit dich dazu, dich auf einen einsamen und falschen Weg zu begeben, nicht auf den anderen zu hören. Das war schon immer unser Untergang, wir vertrauen nur uns selbst. Manchmal sind wir so gefangen in unseren Gedanken, in unserem Teufelskreis, dass wir nicht sehen was ganz klar vor uns liegt, darum brauchen wir andere, die uns davor bewahren von unserem eigenen Abgrund verschluckt zu werden. Wir müssen lernen unser Vertrauen loszulassen, es in andere zu setzen, denn wir können uns nicht immer selbst retten, das müssen wir erkennen.“

Er erwiderte nichts. Viel zu lange erwiderte er nichts, zuckte sich nicht, starrte mich nur völlig sprachlos, gar verstört an.
„Willst du das wirklich? Willst du wirklich wegwerfen wer du warst? Willst du dich der Dunkelheit um dich herum einfach hingeben?“
Von seiner Seite kam nichts, es war, als hätte er seine Stimme verloren. Warum nur sagte er nichts? Das Schweigen schmerzte mehr als alle nur denkbaren Worte, welche er mit hätte entgegen werfen können.
„Dein Gold wird dich nicht retten Thorin, es wird dich mit Haut und Haaren verschlingen und dir wird viel zu spät klar werden, dass alles, was dir je wirklich etwas bedeutet hat nun unerreichbar für dich geworden ist. Warst nicht du es, der einst davon sprach, dass du nach nichts mehr als Treue, Ehre und einem Kämpferherz verlangen könntest? Wo ist dein Kämpferherz jetzt, Liebster?“

Wieder keine Regung. Ich konnte nicht länger dastehen, ich hatte gesagt, was ich sagen wollte. Es war nun an Thorin was er daraus machte, doch ich konnte nicht mehr nur ihm gegenüberstehen, darauf wartend, dass er etwas von sich geben sollte, während mein Herz Stück für Stück zerfiel. Er schaute mich doch nur fortwährend an. Schweigend, stumm als wäre es dir Ruhe vor dem Sturm, der einfach nicht kam. Ich hingegen wusste nun ganz genau, was zu tun war.  Eine einzige Sache, die dem ganzen noch die Krone aufsetzen, ihn hoffentlich endgültig aus seinem Bann hinauswerfen und wieder zum Leben bringen würde. Zudem brauchte ich mich als Ayani nicht so sehr davor zu fürchten auf dem Schlachtfeld zu verenden wie all die anderen Völker dank meiner Heilkräfte – vorausgesetzt mir wurde weder der Kopf abgeschlagen noch ein Speer durchs Herz gerammt.

„Lass dir das mal durch den Kopf gehen, ich für meinen Teil werde nicht länger tatenlos dasitzen und nichts tun.“
Der König liebte mich, mehr als alles andere, selbst in diesem Moment. Alles Reden half nichts, hatte es nicht und die Chancen waren nicht sonderlich hoch, dass sich dies ändern würde, dennoch hoffte ich, meine Worte könnten ihn zurückbringen. Vielleicht war der Glaube daran naiv, doch an irgendetwas musste ich mich klammern. Und wenn es meine Worte nicht zu vollbringen vermochten, so taten es vielleicht meine Handlungen. Wenn seine Liebste, seine Königin in den Kampf zog, weil es das einzig Richtige war, so hoffte ich, würde dies auch ihn zur Besinnung bringen mir zu folgen. Vielleicht würde ihn das retten, weil er sah, wie das Wesen am anderen Ende des Bandes, das uns miteinander verknüpfte, sich in den Kampf begab. Weil er sah, dass es sich in Gefahr begab und er sich an seinen Beschützerinstinkt erinnerte. Ich bat inständig, dass es ihn wirklich aus seinem toxischen Schlaf erwecken würde, Thorin endlich wieder zu der unwiderstehlichen, majestätischen Erscheinung werden würde, welche er noch vor der Eroberung des Erebors gewesen war. Es brauchte keine Krone, um einen Anwärter zu einem guten König zu machen. Einzig und allein benötigte es Mut, Entschlossenheit und Fürsorge. Ich sah keine andere Möglichkeit mehr als ihm vor Augen zu führen, was zu tun war, um ihn von seinem Leiden zu befreien. Ich stand hinter ihm, voll und ganz, nur nicht physischer Natur. Nicht dieses Mal. Dieses Mal war ich ihm voraus, denn vielleicht, ja vielleicht war er einfach nur von seinem Weg abgekommen und es brauchte jemanden, der ihm die richtige Richtung wies, die Fußstapfen vorgab. Wenn weder meine Worte noch meine Taten zu ihm durchdringen würden, so würde Thorins Traum der Zurückeroberung des Erebos in einer Tragödie enden.

Langsam entfernte ich mich mit dem Gesicht noch immer an ihm haftend von ihm, bis ich mich schließlich umwandte, um auf dem gleichen Weg aus dem Berg zu gelangen wie Bilbo vor mir, um der Schlacht beizutreten. Ich konnte nicht einschätzen, ob mein Handeln etwas in ihm bewegt hatten, doch ich hätte ihm nicht länger schweigend gegenüberstehen können. Die Spannung zerriss mich, die Angst ihn vollkommen an die Schatten zu verlieren wurde immer lebendiger.
Ganz leise hallte eine wohlbekannte Stimme durch die riesigen Hallen. Ein einziges Wort, nein ein Name, der durch die Luft getragen wurde und so viele Emotionen mit sich trug. Zerbrechlichkeit. Scham. Liebe.

„Válan…?“
Viel zu spät hatte der König seine Stimme wiedergefunden, ich war längst fort.




Hallöchen, diesmal  kam das nächste Kapitel etwas schneller als normalerweise :D
Ich hoffe, es hat euch gefallen und ihr habt kurz Zeit für euch selbst gefunden mal vom stressigen Alltag abzuschalten. Habt ein schönes Wochenende und bis bald!
Eure Enelya
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