Rivils Weg

von Racussa
GeschichteSci-Fi / P12
11.05.2018
28.06.2018
2
1981
 
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Es war der 21. Marscer 12375, als ich, nach kaum vier Stunden Schlaf, die Augen öffnete, um ein neuer Romulaner zu werden.
Marcus hatte gestern davon gesprochen, dass er mit uns, allen die mit ihm das Sextivium abgeschlossen hatten, heute ein großes Freudenfest feiern wollte. Er hatte dafür von seinem Vater, dem strahlenden Senator Vulpius Tranius Leocaedor, sogar eine abgelegene Villa im Park des Tranischen Anwesens bekommen.

Aufgeregt schaute ich mich um: Mein Schwester Rivela lag in ihrem Bett und träumte vor sich hin, mein Bruder Rivul hatte seine Decke wieder einmal hinaus gestrampelt. Ich versuchte, möglichst leise aufzustehen und zum Bad zu gehen. Es war die letzte Nacht im gemeinsamen Schlafzimmer. Durch die bestandene Sextantenprüfung würde ich heute zum ersten Mal eine eigene Wohnung zugewiesen bekommen. Das war irgendwie höchst aufregend – und zugleich auch erschreckend.

Als ich ins Bad kam, ließ ich zuerst einmal ein Schaumbad ein und nahm zwei Handvoll von dem pfirsichduftenden Badesalz. Der Raum füllte sich schon mit dem Dampf, als ich mit der Rasur fertig war und ins Becken stieg. Das warme Wasser war immer neu ein Genuss. Die Salzkristalle, die noch auf dem Boden des Beckens lagen, kratzten ein wenig auf der Haut, aber der Duft ließ mich träumen…von den letzten Wochen, wo wir gemeinsam unter den Pfirsichbäumen im Hain gelernt hatten, zu den Göttern gebetet um guten Abschluss – und etwas Pfirsichlaub geraucht hatten, wenn wir vom vielen Lernen schon ganz schlaffe Ohrenspitzen bekommen hatten.

„Musst du auch am letzten Tag so einen Lärm machen, schon um diese Uhrzeit?“, maulte mein Bruder, als er durch das Bad zur Küche ging, um sich etwas Wasser einzuschenken. „Ich hätte gedacht, du würdest Rivela und mir heute ein Festtagsfrühstück kochen, bevor du deine Sachen packst. Stattdessen liegst du hier in der Pfirsichsuppe und döst vor dich hin.“

Lässig lehnte er an der Tür und trank sein Wasser. Die korrekt geschnittenen Haare sahen bei ihm immer etwas zerstrubbelt aus. Doch er hatte immer gesagt, das würde bei einem Gärtner ja nichts machen, der trage doch im Freien immer Strohhüte.

„Ich mache euch gleich ein Frühstück. Aber du könntest mir durchaus helfen.“, meinte ich und stieg aus der Wanne.

„Rivela ist älter als ich, sie wird in Zukunft das Frühstück machen.“, meinte er und stellte das Glas ab. „Außer du kommst ab und zu zu Besuch zu uns, um es wie immer zu machen?“, fügte er mit einem ungewohnten Unterton hinzu.

„Ich ziehe doch nicht in eine andere Region. Ich bleibe ja hier im Tranischen Wirtschaftshof, nur zwei Stockwerke entfernt. Es sollte also kein Problem sein. Wenn alles gut geht, wird nächste Woche verkündet, dass ich unter die Gärtnerlehrlinge des Tranischen Haushalts aufgenommen bin, dann zwölf Monate lernen; und dann gibt’s die erste Wohnungserweiterung, wenn ich offiziell zum Subgärtner befördert werde.“

Rivul lachte laut auf: „Du magst das wirklich? Dir gefällt es, dieses Anwesen ein Leben lang nicht zu verlassen? Du bist doch ein Freund von Marcus. Er könnte dich, wenn er erst Senator ist, selbst zum Regionalgärtner der Tranischen Region machen. Dann hättest du ein ganzes Stockwerk auf der Trania-Zentralstation! Das wäre doch etwas!“

Ich begann, Pfirsichomlette vorzubereiten, während ich tadelnd auf Rivul einredete: „Erstens sollst du den Leuchtenden nicht ‚Marcus‘ nennen. Und zweitens ist die Trania-Zentralstation hundertfünfzig Lichtjahre entfernt von hier. Willst du mich so weit weg haben? Fünfunddreißig Flugtage bei Warp 9 oder 262 Tage bei Warp 5, womit unsere Transporter normalerweise fliegen?“

Rivul rechnet nach. Dann schüttelte er den Kopf. „Trotzdem ist das Weltall spannender als derselbe Palast, in dem wir schon unser ganzes Leben waren. Ich würde die Chance nicht ausschlagen, wenn mich in vier Jahren jemand fragte.“

Das Omelette wuchs über dem Plasmaflämmchen auf das doppelte Volumen an und duftete nach frisch püriertem Pfirsich. „Wenn Rivela nicht bald kommt, bekommt sie nur mehr die Reste!“, grinste ich und stellte drei Teller und einen Korkuntersetzer auf den Bambusholztisch.

Während mein Bruder durchs Bad ins Schlafzimmer zurück ging, stellte ich noch drei Tassen mit gewürzter Mandelmilch zu den Tellern und schob stolz das fünfzig Zentimeter im Durchmesser und fünfundzwanzig Zentimeter in der Höhe messende Omelette auf einen großen Teller. Die Keramikmesser und die zweizinkigen Frühstücksgabeln hatte Rivul schon aus der Lade genommen und aufgedeckt.

Rivela kam in die Küche und wirkte verschlafener als sonst. Hatte sie geweint? Ohne Worte rannte sie auf mich zu, schlang ihre Arme um mich und wiederholte andauernd meinen Namen.

Rivul setzte sich und schnitt das Omelette an. „Sie hat wohl schlecht geträumt!“

„Ach Rivil, warum hast du die Prüfung geschafft? Du hättest noch ein Jahr bei uns wohnen können, wenn du dich auf die Wiederholung vorbereitet hättest! Jetzt gehst du. Und zum Abschied gibt es nur Pfirsichomlette. Es ist zum Heulen.“

Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres Bademantels die Tränen aus dem Gesicht, setzte sich an den Tisch und trank mit einem Schluck das halbe Glas leer, dann wartete sie, bis ich ihr ein Stück Omelette abschnitt und auf den Teller legte.

„Ich bin vierundzwanzig. Und es ist doch das Beste, wenn man die Abschlussprüfung beim ersten Mal schafft. Und Dulcedina war keineswegs großzügig zu uns. Ich mußte zum Beispiel sämtliche Regionaloffizialen der Auribischen Region aufzählen. Als ob ich jemals etwas mit diesen Apfelhainis zu tun haben wollte!“

Rivela grinste: „Ich hab schon mal einen Apfel gegessen. Er ist nicht so gut wie Pfirsich, aber er schmeckt auch nicht wie gepresstes Laub. So wie Gretel immer sagt.“

„Gretel ist eine Tratschtante. Und was weiß sie schon über Äpfel? Wer ist Gärtner?“, fragte ich nach unserem Schlachtruf. Und während wir gleichzeitig die Gabeln hochrissen und in den Kuchen stachen, schrieen wir aus voller Kehle „Wir sind Gärtner!“

Selbst unsere Eltern in der Nachbarwohnung mussten das gehört haben, aber sie waren unseren Enthusiasmus ja gewohnt. Nach dem Frühstück zogen wir uns an, ich zum ersten Mal die pfirsichfarbene Anzugjacke zur schwarzen Hose, während Rivul und Rivela ihre grauen Anzüge mit den pfirsichfarbenen Ärmeln anzogen.

„Na, wie sehe ich aus?“, fragte ich meine Geschwister?

„Wie ein echter Tranier!“, eiferte Rivela, während Rivul spöttisch grinste.

„Wie jemand, der ein bißchen zu viel Omelette gegessen hat und dessen Schnüre fast nicht ausreichen, um die Jacke zu schließen.“

Ich warf ein Geschirrtuch nach dem Frechdachs, welches er geschickt auffing und sorgsam faltete: „Der Herr Sextant ist ein guter Schütze.“, meinte er mit Lehrerstimme.

Darauf verabschiedete ich mich mit einem Stirnklopfer von beiden, weil sie zur Schule gingen, Rivul in die Sextantenklasse, Rivela zu den Trivianern. Und dann stand ich allein in unserer Wohnung: Die Küche, das Bad, das Schlafzimmer: Ich versuchte daran zurück zu denken wie es war, als ich in diese Wohnung kam, beaufsichtigt von einem Kindermann namens Aglaius. Wie stolz ich war, als nach vier Jahren Rivul auf die Welt kam und zu mir zog. Ich lernte rasch, auf was es bei der Kinderbetreuung zu achten galt. Und dann, wir beide waren schon richtige Rabauken, kam auch noch Rivela dazu: Unsere kleine Königin. Vierundzwanzig Jahre lebte ich in dieser Wohnung, zwanzig davon mit Rivul, sechs mit Rivela. Und heute würde das enden. Ich würde eine Sextantenwohnung für mich allein bekommen, ich würde mich als Gärtnerlehrling einschreiben lassen, eine Ehefrau beantragen und ein richtiges Erwachsenenleben beginnen.

Aber zuerst stand noch die Feier mit dem leuchtenden Marcus Tranius Madescator auf dem Plan, dem Sohn unseres strahlenden Senators.
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