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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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08.06.2018 3.995
 
Als Thalia am nächsten Morgen erwachte, schlief Eskel noch. Wie von ihm vorhergesagt, war die Nacht unruhig gewesen. Thalia war durch seine Bewegungen immer wieder aufgewacht. Mehrere Male hatte sie sich über ihn gebeugt, um sich zu vergewissern, dass er keine Anzeichen einer Vergiftung zeigte. Auch, wenn er ihr versichert hatte, dass alles in Ordnung sei, war er mit Sicherheit zumindest in geringen Mengen dem Gift der Krabbspinnen ausgesetzt gewesen. Einen normalen Menschen konnten bereits wenige Tropfen des Toxins in kurzer Zeit töten. Der Hexer war natürlich wesentlich widerstandsfähiger und hatte zusätzlich seine Tränke eingenommen. Aber waren Hexer tatsächlich immun gegen Gifte oder lag ihre Toleranzschwelle nur höher?
Da auch die Tränke Nebenwirkungen zeigten, war es Thalia nicht möglich, diese von einer möglichen Vergiftung zu unterscheiden.
Nun, im Licht der Sonnenstrahlen, die in die Scheune fielen, konnte sie erkennen, dass Eskels Haut deutlich blasser war als gestern noch. Besorgt berührte sie seine Stirn. Fieber schien er nicht zu haben, die Wunde schien also soweit sie dies ohne Untersuchung feststellen konnte, nicht infiziert zu sein. Da sie Eskel nicht wecken wollte, konnte sie den Verband nicht abnehmen, um nachzusehen.
Als sie das Scheunentor öffnete, schlug ihr die kühle Morgenluft entgegen. Eine Ziege fraß an einem Grasbüschel und schaute kurz auf, als Thalia an ihr vorbei ging. Am Brunnen füllte sie ihre und Eskels Feldflaschen auf.
Natürlich beruhte ihre Sorge und ihr Interesse an Eskels Giftresistenz auf beruflicher Neugier - zumindest gelang es ihr beinahe, sich das einzureden. Alles andere wäre vollkommen irrational und unangebracht. Von allen Männern, die ihr seit Gregors Tod begegnet waren, war der Hexer wohl mit Abstand der am wenigsten geeignete für eine romantische Beziehung. Nicht, dass sie davon ausging, dass er daran interessiert sei…
Er war bestimmt einfach nur freundlich zu ihr, so wie er es jeder Person gegenüber sein würde, die mit ihm auf Reisen war. Sie hütete sich davor, zu viel in einen Blick oder eine Geste hineinzuinterpretieren. Und doch beschleunigte sich jedes Mal ihr Herzschlag, wenn er sie anlächelte oder etwas Nettes zu ihr sagte.
Er war so vollkommen anders als alle Männer, die sie bisher gekannt hatte...
Seine ruhige Art, sein scharfer Verstand und sein freundliches Wesen standen in starkem Gegensatz zu seinem äußeren Erscheinungsbild und seinem Beruf. Es machte sie unendlich wütend, wie schlecht er von den meisten Menschen behandelt wurde. Die, die ihm mit Abscheu und Hass begegneten, hatten nicht einmal halb soviel Mut und nicht einen Deut soviel Verstand wie er. Und doch riskierte er ständig sein Leben, um dieses Kroppzeug vor Bestien zu schützen.
Hoffentlich ging es ihm wirklich gut, so wie er gestern behauptet hatte…
Sie ging zurück zur Scheune. Eskel war inzwischen aufgewacht und saß auf einem Heuballen, den Kopf in die Hände gestützt. Als Thalia eintrat, schaute er auf und versuchte ein Lächeln zustande zu bringen.
“Guten Morgen. Wie geht es dir?” Thalia musterte ihn besorgt.
“Ich habe einen fürchterlichen Kater - noch eine Nebenwirkung der Tränke. Aber der vergeht in ein paar Stunden.”
“Was macht deine Verletzung? Hat sie sich entzündet?”
“Nein, ich habe eben schon nachgesehen.”
“Vom Gift hast du auch nichts abbekommen?”
“Ich sagte doch schon, dass wir Hexer auf Gift sehr viel schwächer reagieren als normale Menschen.”
“In Ordnung. Also auf nach Aedd Gynvael?”
“Auf nach Aedd Gynvael.”

Die Straße, die Ard Carraigh und Aedd Gynvael miteinander verband, war stark frequentiert. Die meisten Reisenden und Händler kamen ihnen entgegen, wollten von der kleinen Stadt im hohen Norden nach Ard Carraigh und von dort aus weiter gen Süden. Viele nutzten die letzten Wochen des Jahres, in denen die Pässe des Kestrel-Gebirges noch problemlos passierbar waren.
Am späten Nachmittag erreichten sie den Buina, den großen Strom, der in den Blauen Bergen entsprang und in Blaviken mündete. Auf der schmalen Brücke über den Fluss herrschte reger Betrieb. Sie mussten sich ihren Weg zwischen den Wagen, Reitern und Fußgängern, die ihnen entgegen kamen, suchen. Als sie das andere Ufer endlich erreicht hatten, dämmerte es bereits.
Sie lagerten am Wegesrand, unweit einer Gruppe von Händlern und Kaufleuten. Nachdem sie Skorpion und Arenaria versorgt hatten, entschuldigte sich Thalia, um sich in dem etwas abseits aus einer Felsspalte plätschernden Bach zu waschen.
Wie sehr freute sie sich auf ein richtiges Bad, anstelle dieser ständigen “Katzenwäschen”. In Aedd Gynvael würde sie endlich wieder den Komfort der Zivilisation genießen können.
Sie löste ihren Zopf, wusch sich das Haar und kämmte danach sorgfältig die feuchten Strähnen aus. Damit sie besser trocknen konnten, ließ sie die Haare offen über ihre Schultern fallen. Sie überlegte kurz, ob sie sich dem Hexer so zeigen könne - immerhin trugen für gewöhnlich nur Dirnen und Zauberinnen das Haar offen. Aber da er ja häufiger mit Zauberinnen zu verkehren schien, würde er sich vermutlich nicht daran stören. Nicht, dass sie sich mit solch einer Frau würde messen können…
Sie richtete ihre Kleidung. Überraschenderweise zeigten die langen Stunden zu Pferd und der rationierte Proviant schon ihre Wirkung: Ihre Kleider saßen deutlich lockerer als noch bei ihrem Aufbruch. Zu Hause in Oxenfurt würde sie sich wohl neu einkleiden müssen oder ihre Garderobe enger nähen lassen…

Derweil entzündete Eskel ein Feuer und bereitete ihr Lager vor.
Während des Tages hatte er versucht, die Symptome zu verdrängen, aber als er sich nun endlich auf dem Boden niederlassen und etwas entspannen konnte, war er sich der fortschreitenden Vergiftung unzweifelhaft bewusst geworden.
Eskel spürte deutlich die Wirkung des Toxins in seinem Körper. Wie er bereits gestern befürchtet hatte, war eine größere Menge des Giftnebels, der ihn beim letzten Angriff der Krabbspinne umhüllt hatte, in die offene Wunde eingedrungen, als er zunächst angenommen hatte. Der Pirol hatte anscheinend nicht alles davon neutralisiert. Um Thalia nicht zu beunruhigen - und ja, auch um vor ihr sein Missgeschick nicht eingestehen zu müssen - hatte er ihr nichts davon erzählt. Sie könnte ohnehin nichts tun, um ihm zu helfen. Kein Heiler vermochte das. Gegen eine Vergiftung mit Krabbspinnengift existierte keine Therapie.
Nur seinen Mutationen und den Tränken verdankte Eskel, dass er bisher erst leichte Vergiftungserscheinungen spürte. Er fühlte sich deutlich schwächer als gewöhnlich, seine Sinne waren weniger sensibel und ihm war ein wenig schwindlig. Aber was einen Menschen schon längst getötet hätte, benötigte im Körper eines Hexers deutlich mehr Zeit, um zu wirken. Letztendlich würde das Toxin jedoch auch ihn umbringen - wenn er nicht rechtzeitig die Hilfe bekam, die er nur in Kaer Morhen finden konnte. Geralt und Lambert würden ihn noch in ein paar Jahren damit aufziehen, dass er so einen dummen Fehler gemacht und sich von einer Krabbspinne hatte vergiften lassen… Aber das sollte jetzt seine geringste Sorge sein.
Da Aedd Gynvael praktisch auf dem Weg lag, würde er Thalia zuerst dorthin bringen und dann auf dem schnellsten Weg dem Gwenllech in die Blauen Berge folgen. Bis Kaer Morhen war es dann nicht mehr weit.
Während Thalia außer Sicht war, hatte er den Rest der Schwalbe zu sich genommen. In der Stadt würde er auf die Schnelle ein paar Flaschen davon brauen müssen, bevor er nach Kaer Morhen aufbrach. Normalerweise nahm er sich für die Herstellung seiner Tränke ausgiebig Zeit, aber in der Not musste er dieses Mal nach Lamberts Art verfahren und die Prozedur verkürzen.
Heftige Kopfschmerzen ließen ihn das Gesicht verziehen. Als sich die Alchemistin ihrem Lager näherte, trug er jedoch sofort wieder die Maske der Gelassenheit zur Schau.
Thalia setzte sich ihm gegenüber, nahm sich einen der Äpfel aus ihrer Satteltasche und biss hinein. Nach den ersten Bissen wandte sie sich Eskel zu.
“Ich habe dir noch gar nicht richtig für deinen Einsatz gestern gedankt. Du hast dein Leben riskiert, um die Krabbspinnenorgane für mich zu besorgen…”
“Bestien zu bekämpfen ist meine Arbeit, deshalb hast du mich beauftragt. Dafür brauchst du mir nicht zu danken.”
“Ich kann mir gar nicht vorstellen wie das sein muss ... Ständig solchen schrecklichen Wesen gegenüberzustehen, ständig kämpfen zu müssen. Bist du gern Hexer oder wünschst du dir manchmal, das alles hinter dir zu lassen?”
Eskel zögerte kurz, bevor er antwortete. “Niemand sucht es sich aus, Hexer zu werden. Das tun entweder unsere Eltern für uns oder, wie manche glauben, die Vorsehung. Aber auch wenn die meisten Menschen uns mit Feindseligkeit begegnen und uns unsere Arbeit nicht danken, ist das was wir tun doch nötig. Wir schützen Menschen vor Bestien. Wir töten keine harmlosen Kreaturen und sind keine gedungenen Auftragsmörder. Auch wenn es ein paar Abtrünnige leider damit nicht so genau genommen und damit den Ruf aller Hexer in den Schmutz gezogen haben.
Ohne uns Hexer gibt es niemanden, der sich zwischen die Menschen und die Bestien stellt. Es ist das, wofür ich ausgebildet wurde. Der Sinn meines Daseins. Wenn ich nicht von den Hexern aufgenommen worden wäre, wäre ich wahrscheinlich schon als Kind verhungert. Und man hört nicht einfach auf, Hexer zu sein - man ist es auf Lebenszeit. Es gibt nur noch wenige von uns. Mit unserem Tod endet die jahrhundertealte Tradition. Bis dahin versuche ich, meinen Beruf so gut ich es vermag auszuüben…”
“Und du machst deinem Berufsstand alle Ehre”, sagte Thalia leise. “Ich habe mich gefragt … Diese … diese Zeichen, die du gegen die Nekker eingesetzt hast … und auch, wenn du ein Feuer entzündest … Sind Hexer magisch begabt?”
“Die meisten von uns sind lediglich schwach begabt. Für die Zeichen reicht es aus, die Gesten sorgfältig auszuführen und sich zu konzentrieren.”
Er erinnerte sich zurück an die Zeit in Kaer Morhen, als die Festung voller Leben gewesen war. Das Wirken von Zeichen war auch schon während seiner Ausbildung seine Stärke gewesen. Im Schwertkampf hatten ihn manche der anderen Schüler - zumindest am Anfang -  übertroffen, allen voran Geralt, aber bei den Zeichen konnte es kaum jemand mit ihm aufnehmen - und das war bis heute so geblieben. Auch jetzt noch konnte er Geralt herrlich damit hochnehmen, dass dieser nicht in der Lage war, Quen länger als 20 Sekunden aufrecht zu erhalten.
Thalia riss ihn aus seinen Gedanken. “Darf ich dich etwas fragen?”
“Bitte.”
“Als … als du mir nach dem Angriff der Nekker vom Baum herunter geholfen hast und ich deine Hand berührt habe - da habe ich wieder dieses leichte Prickeln auf der Haut gespürt… Auch als wir uns zum ersten Mal begegnet sind und uns die Hände gereicht haben, habe ich es gespürt. Strahlst du irgendeine Art … Aura oder so etwas aus?”
Die Frage überraschte Eskel.  Soweit er wusste, waren nur magisch Begabte in der Lage, die Emanationen zu spüren, die Hexer ausstrahlten. Er selbst emanierte stärker als die meisten anderen Hexer, jedoch sollte dies für eine Nichtmagierin nicht spürbar sein.
“Ähm… also, Hexer strahlen ein schwaches magisches Feld aus. Das können aber nur wenige Menschen wahrnehmen. Genauer gesagt, nur Menschen, die magisches Talent besitzen …”
“Oh. Ja, das erklärt es dann. Ich bin als Kind einmal getestet worden, habe dabei aber mit viel Mühe lediglich Grad eins erreicht. Eine glorreiche Karriere als Zauberin hätte mir somit nicht offen gestanden, deshalb haben meine Eltern damals entschieden, mich nicht auf die Zauberinnenschule nach Aretusa zu schicken. Ich hatte es fast schon vergessen …” Sie schien zu überlegen und zögerte kurz, bevor sie weitersprach.
“Eskel … diese Zeichen, könnte ich das auch? Würdest du mir zeigen, wie das geht?”
Eskel zögerte. Der Kodex der Hexer gab eindeutige Regeln vor - ihre Geheimnisse durften unter keinen Umständen an Außenstehende weitergegeben werden. Allerdings … Das Zeitalter der Hexer war vorbei, das Wissen geriet immer mehr in Vergessenheit. Und was konnte es schaden, Thalia ein paar einfache Zeichen beizubringen? Zauberer beherrschten diese schließlich auch und noch weitaus mehr. Und Thalia würde sicher nicht mit ihrem Wissen hausieren gehen ...
Es war schon so viele Jahrzehnte her, dass Eskel jemandem das Wirken von Zeichen vermittelt hatte - damals den Novizen der Wolfsschule…
Vesemirs Stimme erschien in seinen Gedanken, mahnte ihn und die anderen jungen Hexer, die Geheimnisse der Wolfsschule zu bewahren... Aber Vesemir war nicht mehr, genau, wie auch die Wolfsschule bald nicht mehr sein würde...
“Also … um eine Druckwelle zu erzeugen, musst du deine Finger so krümmen … nein, den Zeigefinger etwas mehr heben. Ja, genau so.”
Thalia versuchte, die Haltung der Finger, die Eskel ihr demonstrierte, mit der rechten Hand zu imitieren. Da ihr kleiner Finger knapp unterhalb des ersten Gelenks endete, konnte sie die Geste nicht vollständig ausführen. “Soll ich es mit der linken Hand versuchen?”, fragte sie Eskel. “Hm, einen Versuch ist es wert. Dann muss die Haltung … so sein. Und jetzt …” Eskel legte einen Zweig vor Thalia auf den Boden. “Konzentrier dich. Stell dir eine Sturmböe vor, die den Zweig von dir fortstößt. Versuche, deine Energie zu fokussieren und dann spontan freizulassen ...”
Wie erwartet passierte zunächst gar nichts. Der Zweig blieb ruhig liegen, er wackelte nicht einmal.
Trotzdem war Thalia mit Eifer dabei und probierte es wieder und wieder. Da Aard ihr nicht gelang, zeigte Eskel ihr Igni.
Als es ihr beim zwölften Versuch gelang, einen kleinen Funken zu erzeugen, jauchzte sie vor Freude. Der Zweig, der wieder einmal das Ziel darstellte, geriet zwar nicht in Brand, aber bei genauerem Hinsehen konnte man eine kleine verbrannte Stelle entdecken. Winzig, aber vorhanden.
Eskel lächelte zufrieden. “Du lernst schnell.”
“Du bist ein guter Lehrer.” Thalia strahlte. Ihr Blick verweilte auf Eskel und wandelte sich zu einem für ihn nicht sicher deutbaren Ausdruck.
Der Feuerschein spiegelte sich in ihren großen, dunklen Augen. Ihr Haar war inzwischen getrocknet und fiel in einer Kaskade wilder Locken um ihre Schultern, die im Schein der Flammen rot zu leuchten schienen. Rot wie Feuer. Ein ausgesprochen hübscher Anblick, wie Eskel fand …
Er spürte, wie sich sein normalerweise ruhiger Herzschlag beschleunigte. Und dieses Mal lag es nicht an einem Hexertrank oder der Vergiftung.
Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung - gut zwei Wochen war das erst her. Wie hatte er sie nur jemals für unscheinbar halten können? Vielleicht sollte er ihr einfach sagen, was für eine außergewöhnliche Frau sie für ihn war … Aber würde er sich damit nicht nur lächerlich machen?
Ein Hexer war wohl kaum ein passender Umgang für eine Frau wie sie. Sie verdiente einen kultivierten Gelehrten an ihrer Seite. Jemanden, wie ihr verstorbener Verlobter es gewesen war …
Plötzlich wurde er sich bewusst, dass der starke Alkohol der Schwalbe seine Sinne schon vernebelte. Und er wollte jetzt, in seinem Zustand, nichts sagen oder tun, was er danach bereuen würde. Wenn er die Situation falsch interpretierte, ihr zu nahe träte oder sie sich bedrängt fühlte …
“Ähm, wenn wir Aedd Gynvael morgen gegen Mittag erreichen wollen, müssen wir früh aufbrechen”, unterbrach er die Stille. “Wir sollten jetzt besser schlafen gehen.”
Der Ausdruck in Thalias Augen verschwand, sie schien wieder ganz im Hier und Jetzt. “Ja. Ja, das sollten wir wohl …”

Am nächsten Morgen merkte Thalia sofort, dass etwas nicht stimmte. Eskels Haut war blass, er atmete flach und zitterte leicht im Schlaf. Thalia war sofort hellwach und berührte seine Stirn. Sie war kühl - vielleicht etwas zu kühl ... Verdammt, dann hatte ihr Eindruck sie doch nicht getrogen. Wieso hatte er die ganze Zeit so getan, als ob nichts wäre?
Eskel erwachte durch die leichte Berührung.
“Eskel, was ist mit dir? Bitte sag mir endlich die Wahrheit. Hat eine Krabbspinne dich vergiftet?”
Eskel schluckte und setzte sich vorsichtig auf. “Ich hatte gehofft, dass meine Tränke damit fertig würden. Aber durch die Armwunde ist anscheinend doch mehr Gift in meinen Körper gelangt, als ich angenommen hatte. Ich dachte aber, dass ich es noch ein paar Tage schaffe, bevor die Symptome zu stark werden.”
“Bitte lass mich deine Wunde ansehen.” Resignierend hielt Eskel ihr den verletzten Arm hin. Als sie den Verband abwickelte und der Wunde gewahr wurde, sog sie scharf die Luft ein. “Eskel …” Sie hatte schon viele Verletzungen in ihrem Leben gesehen, infizierte, brandige, mit nekrotischem Gewebe. Diese gehörte eindeutig zu der schlimmen Sorte. Die Haut um die Wunde herum war bläulich, an manchen Stellen fast grau. Die umliegenden Blutgefäße zeichneten sich dunkel ab. Von hier hatte die Vergiftung ihren Ausgang genommen.
“Wieso hast du mir denn nicht gesagt, wie schlimm es ist? Ich hätte doch …”
“Du hättest nichts tun können. Nur in Kaer Morhen kann mir geholfen werden. In unserem Labor haben wir einige Tränke, die vielleicht helfen könnten. Mein Bruder Lambert wollte eigentlich um diese Zeit des Jahres schon zurück sein. Er kann meinen Zustand überwachen, sobald ich die Substanzen zu mir genommen habe. Sobald ich dich nach Aedd Gynvael gebracht habe, mache ich mich auf den Weg nach Kaer Morhen.”
Thalia schaute ihn entgeistert an. Das konnte doch nicht sein Ernst sein?
“Eskel, ich lasse dich auf keinen Fall in deinem Zustand allein durch die Wildnis reiten. Wenn wir von hier aus direkt nach Kaer Morhen aufbrechen, wie lange brauchen wir dann?”
“Von hier aus? Vielleicht drei Tage …”
“Das dauert zu lange.” Thalia dachte nach, suchte nach einer Lösung. “Eskel, glaubst du, dass ein Zauberer dir vielleicht helfen könnte?”
“Ich weiß es nicht. Vielleicht könnte mein Stoffwechsel durch Magie verlangsamt werden, sodass ich Zeit gewinne …”
“Dann müssen wir das versuchen. Bis Aedd Gynvael benötigen wir nur noch ein paar Stunden. Solange musst du noch durchhalten, bitte versprich mir das. Dann suchen wir diesen Istredd auf - du sagtest doch, er soll recht fähig sein. Das ist unsere beste Chance.”
Eskel dachte kurz nach, nickte dann. “Du hast Recht. Die Vergiftung ist schneller vorangeschritten, als ich erwartet hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch drei Tage lang durchhalte. Lass uns am besten gleich aufbrechen …”
Er versuchte aufzustehen, verlor dabei fast das Gleichgewicht. Thalia stützte ihn sofort. Vorsichtig kam er auf die Füße, wankte jedoch beunruhigend. Er versuchte, zu Skorpion zu gehen, musste sich dabei aber von Thalia helfen lassen. Bevor er sein Pferd erreicht hatte, sank er auf ein Knie.
“Eskel, du kannst unmöglich mehrere Stunden reiten. Leg dich hin und ruh dich kurz aus. Ich versuche, einen Platz auf einem der Wagen für dich zu bekommen. Die Händler machen sich gerade zum Aufbruch bereit.”
Sie half Eskel, sich hinzulegen und lief dann zum Lager der Händler hinüber. Einer davon war gerade dabei, sein Gespann anzuschirren.
Obwohl sie innerlich aufgewühlt und voller Sorge war, versuchte sie, ruhig zu bleiben und ein freundliches Lächeln aufzusetzen.
“Seid gegrüßt. Seid Ihr auf dem Weg nach Aedd Gynvael?”
Der Mann blickte sie stirnrunzelnd an. “Das bin ich wohl.”
“Mein Begleiter und ich befinden uns in einer Notlage. Er wurde verwundet und kann nicht reiten, muss aber dringend zu einem Heiler. Ist auf eurem Wagen vielleicht noch etwas Platz, sodass er bei Euch mitfahren könnte? Ich bezahle Euch selbstverständlich dafür.”
Der Mann schaute zu Eskel herüber, seine Miene verfinsterte sich. “Das ist ein Hexer”, stellte er missmutig fest.
“Ja, das ist richtig. Er wurde bei der Ausführung eines Auftrags verwundet.”
“Für einen Hexer habe ich keinen Platz auf meinem Wagen. Sucht Euch jemand anderen.”
“Bitte… ich bitte Euch inständig. Er ist ein ehrbarer Mann, ich bin Wissenschaftlerin aus Oxenfurt. Wir brauchen dringend Hilfe.”
“Euch würde ich ja auch helfen, aber nicht ihm. Woher weiß ich denn, ob mir dieser Mutant nicht irgendeine Seuche auf meinen Wagen schleppt. Für kein Geld der Welt lasse ich diese Abartigkeit in die Nähe meiner Waren.”
Thalia erkannte, dass sie hier nicht weiterkommen würde. Sie murmelte eine Verwünschung - sollte diesen Hundsfott doch die Schwanzfäule holen - und eilte zum nächsten Händler, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Und erhielt dort ebenfalls eine Abfuhr. Sie wurde immer verzweifelter. Und wütender.
Erst der Sechste, den sie ansprach, wies sie nicht sofort ab. Thalia schöpfte Hoffnung. “Tja, das sollte schon gehen, meine Dame. Was wäre Euch die Mitfahrgelegenheit denn wert?”
“Ich habe noch …” Thalia rechnete kurz nach. “30 Kronen und 20 Lintar.“ Die Miene des Händlers verdüsterte sich. Was wollte er denn noch? Das war doch ein fürstlicher Preis für wenige Stunden auf seinem Wagen. “So kommen wir wohl nicht ins Geschäft, tut mir leid. Habt Ihr vielleicht noch etwas anderes, das Ihr mir anbieten könntet?”
Thalia dachte nach. Ihre alchemistischen Instrumente aus Kupfer wären recht wertvoll gewesen - wenn sie sie noch gehabt hätte.
Die meisten der anderen Händler waren inzwischen schon aufgebrochen. Wenn sie es nicht schaffte, sich mit ihrem Gegenüber zu einigen, sähe es schlecht aus mit einer Mitfahrgelegenheit.
Sie hatte nichts mehr, das irgendwie von Wert hätte sein können. Bis auf …
Zögernd nahm sie ihren Ring vom Finger. Den Ring, den ihr Gregor damals an diesem wunderbaren Abend gegeben hatte.
War es das wirklich wert? Gäbe es noch eine andere Möglichkeit? Anderseits … es war nur ein Ring. Nur ein Gegenstand.
Die Erinnerung an Gregor würde sie bis ans Ende ihrer Tage in Ehren halten. Aber wenn sie nun an ihn dachte, war ihr Herz nicht mehr ganz so schwer wie noch vor ein paar Monaten. Es war Zeit, die Vergangenheit loszulassen …
Und wenn es in ihrer Macht stand, Eskel zu retten, durfte sie keine Möglichkeit ungenutzt lassen … Wenn er sterben würde, bloß weil sie sich nicht von ihrem Ring trennen konnte, würde sie sich das nie verzeihen.
Thalia atmete tief durch.
“Den hier überlasse ich Euch. Weißgold und Rotgold, geschmiedet von einem der besten Goldschmiede in Pont Vanis. Er ist mindestens dreihundert Kronen wert. Das sollte eure Unannehmlichkeiten wohl mehr als aufwiegen …”
Der Händler betrachtete den Ring kritisch, nickte dann und streckte Thalia die Hand hin. “Wir sind im Geschäft, meine Dame.”

Fünf Stunden später kamen sie in Aedd Gynvael an. Thalia ritt neben dem Wagen auf Arenaria und führte Skorpion dabei am Zügel. Wobei dies eigentlich unnötig war, der Hengst wich seinem Herrn nicht von der Seite und trabte ruhig neben dem Wagen her. Wie vereinbart brachte sie der Händler bis zu der Adresse, die sie ihm genannt hatte - dem Wohnsitz ihres ehemaligen Kommilitonen Miroslav Kajczak. Das dreistöckige Stadthaus zeugte von einem gewissen Wohlstand, den sich Thalias alter Bekannter erwirtschaftet haben musste. Sie band die Pferde am Geländer der Veranda fest. Eskel kletterte vorsichtig vom Wagen. Thalia stützte ihn dabei. Ohne ein Wort der Verabschiedung fuhr der Händler davon.
Thalia betätigte den Türklopfer und wartete. Wenige Augenblicke später öffnete ihr ein kleiner, schmächtiger, aber gut gekleideter Mann mit auffallend großen, hervortretenden Augen die Tür. Miro war zwar sichtlich gealtert, hatte sich ansonsten aber kaum verändert, seit Thalia ihn vor vier Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Bei ihrem Anblick hellte sich seine Mine auf.
“Thalia! Da bist du ja endlich!” Er ging auf sie zu, um sie zu umarmen - was sich als schwierig herausstellte, da Eskels Arm immer noch über ihren Schultern lag, damit er nicht das Gleichgewicht verlor. “Hallo, Miro. Schön, dich wiederzusehen.” Thalia freute sich wirklich, nach all den Strapazen und Ängsten der letzten Tage ein bekanntes Gesicht zu sehen. “Entschuldige bitte, aber könnten wir vielleicht direkt hineingehen? Das hier ist Eskel und es geht ihm alles andere als gut…”
Miroslav, der dem Mann neben Thalia zuvor nur wenig Beachtung geschenkt hatte, wandte seine Aufmerksamkeit Eskel zu. Als er ihn als Hexer erkannte, weiteten sich seine Augen noch ein wenig mehr. “Äh, natürlich, natürlich. Was ... was fehlt ihm denn? Sieht aus, als hätte er eine etwas zu hohe Dosis gehabt. Aber ich hab da was gegen. Kommt rein, kommt rein.”
Thalia stützte Eskel weiterhin, als dieser auf wackligen Beinen das Haus betrat, das außerordentlich modern und luxuriös eingerichtet war. Möbel aus dunklem Edelholz und Vorhänge aus feinster serrikanischer Seide harmonierten perfekt mit kunstvoll gewebten Wandbehängen. Die Einrichtung musste ein Vermögen gekostet haben. Anscheinend hatte Miro seine Geschäftsidee, die damals dafür gesorgt hatte, dass er die Akademie verlassen musste, weiter verfolgt und professionalisiert…
Thalia führte Eskel zu einem mit Samt bespannten, breiten Diwan im Salon. “Darf er sich hier hinlegen?”, fragte Thalia. “Sicher, sicher. Was hat er denn genommen?” “Er hat nichts genommen. Er wurde von einer Krabbspinne vergiftet. Ich muss dringend zu diesem Zauberer, der hier irgendwo in der Stadt lebt. Vielleicht kann der Eskel helfen.”
Miroslav hob erstaunt die Brauen. “Einer Krabbspinne? O weh, das klingt übel. Tja, bei Hexern wahrscheinlich Berufsrisiko… Zu diesem Zauberer willst du, ja? Also, der wohnt in der Nähe des Marktplatzes. Ist nicht weit. Aber ob der dir helfen wird …”
“Ich muss es versuchen. Er ist vielleicht unsere einzige Chance …”
Thalia hoffte nur, dass des Zauberers Abneigung gegenüber Hexern - durch dessen Zusammentreffen vor vielen Jahren mit Eskels Kollegen Geralt - dem nicht im Wege stehen würde …
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