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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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01.06.2018 3.036
 
Drei Tage später erreichten sie Ard Carraigh, die geschäftige Hauptstadt von Kaedwen.
Nachdem sie die Nacht in einer Herberge verbracht und am Morgen neuen Proviant auf dem Markt erstanden hatten, hatte Thalia einen Apotheker aufgesucht und bei ihm Dosen zur Aufbewahrung der Spinnenorgane gekauft. Ihre eigenen hatten sich in den Taschen des verschwundenen Packpferdes befunden.
Dann waren sie nach Norden aufgebrochen. Den Angaben der Archäologen aus Oxenfurt nach sollte sich die Krabbspinnenkolonie in einem Waldgebiet nahe des Dorfes Loina befinden. Thalia hatte den Ort, an dem die Expedition vor wenigen Monaten von den Arachniden überrascht worden war, auf einer Karte markiert. Als sie von der besagten Stelle nicht mehr weit entfernt waren, stieg Eskel von Skorpion und hielt in der Umgebung nach Zeichen Ausschau, die auf Krabbspinnen hinwiesen.
“Die Arachniden leben meistens in unterirdischen Höhlen und Tunneln”, erklärte er Thalia. “Bewegt sich etwas oder jemand in ihrem Jagdrevier, spüren sie die Erschütterungen des Bodens und greifen dann blitzschnell aus dem Verborgenen heraus an. Anders als gewöhnliche Spinnen arbeiten sie jedoch kooperativ im Rudel zusammen. Meistens jagen drei bis vier Krabbspinnen gemeinsam.”
Thalia war sichtlich unwohl bei dem Gedanken, dass sich die riesigen Spinnen nicht weit unter ihren Füßen in der Erde bewegten. Aber Eskel hatte darauf geachtet, dass sie sich auf festem Gesteinsboden befanden. Hier drohte also keine unmittelbare Gefahr.
“Und? Kannst du Hinweise auf die Spinnen entdecken?”
“Und ob. Dort hinten, wo der Wald beginnt, glitzert ein wenig gesponnenes Gewebe in der Sonne. Damit verschließen sie ihre Tunneleingänge. Wir sind also an der richtigen Stelle.”
Thalia atmete tief durch. “Wie gehen wir jetzt vor? Legen wir uns irgendwo auf die Lauer und warten, ob wir von Weitem welche entdecken?”
Wir tun gar nichts. Ich werde mich auf den Kampf mit den Krabbspinnen vorbereiten und dann dort, wo der Wald dichter wird, auf die Suche gehen. Du wirst mit den Pferden dort oben auf der Anhöhe in sicherer Entfernung warten.”
“Keine Sorge, ich habe nicht das geringste Verlangen, mich so einer Kreatur gegenüber zu sehen. Das überlasse ich ganz dir. Du bist ja schließlich der Fachmann für Monster und Bestien.”
“Gut, dass wir da einer Meinung sind…” Eskel öffnete seine Satteltasche und holte seine Trankflaschen hervor, die in einer Stofftasche eingerollt waren.
“Sind das deine Hexertränke? Du verrätst mir wohl nicht, was die Flaschen im Einzelnen enthalten, oder?” Thalia konnte ihr Interesse kaum zügeln. Was gäbe sie nicht alles für die Rezepturen der Tränke.
“Tut mir leid, aber dieses Geheimnis der Hexerschulen wirst du mir nicht entlocken”, erwiderte Eskel, der sich wohl bewusst war, dass er der Alchemistin schon viel zu viele der Mysterien der Hexer verraten hatte. “Da die meisten unserer Tränke für alle normalen Menschen hochgiftig sind und nur bei Hexern wirken, würde dir das Wissen um die Zusammensetzung ohnehin nicht viel nutzen. Aber wie du dir denken kannst, muss ich mich vor dem Kampf gegen Krabbspinnen vor ihrem Gift schützen. Hexer sind zwar nicht so anfällig dafür wie Nicht-Mutanten und gegen die meisten Gifte immun. Aber auch uns kann das Gift dieser Kreaturen in hoher Dosis Schaden zufügen.”
Er entkorkte eine Flasche und trank mehrere Schlucke daraus. Die Flüssigkeit glänzte golden in der Sonne. Eskel verstaute die Flasche wieder und schloss kurz die Augen. Der starke Alkohol kratzte in der Kehle. Wenige Sekunden später begann der Trank bereits, seine Wirkung zu entfalten. Er spürte eine innerlich aufsteigende Wärme und ein Kribbeln in der Magengegend, das sich jedoch schnell abschwächte, als sein Körper die Wirkstoffe aufgenommen hatte. Nach wenigen Sekunden griff er zu einer weiteren Flasche und trank auch aus dieser. Thalia beobachtete ihn genau dabei und betrachtete fasziniert, wie für wenige Sekunden die Adern unter Eskels Haut hervorzutreten schienen. Er atmete mehrere Male tief ein und aus, danach hatte sich der Eindruck der Transparenz seiner Haut wieder verflüchtigt.
Thalia schwankte zwischen beruflicher Faszination und Besorgnis. “Geht es dir gut? Welche Wirkung hat der zweite Trank?”
“Er schärft die Sinne und beschleunigt meine Reflexe. Da Krabbspinnen immer im Rudel auftauchen, muss ich mich auf mehrere Gegner gleichzeitig einstellen. Eine gute Vorbereitung ist unverzichtbar, bevor man sich wissentlich in so einen Kampf begibt.”
“Hast… Hast du schon oft gegen Krabbspinnen gekämpft?”
“Einige Male. Aber da sie immer aus ihrem Versteck heraus angreifen, weiß man nie im Voraus, um wie viele Tiere es sich handelt und wie groß die Exemplare sind.” Er bemerkte, dass Thalia blass geworden war. Sie blickte ihn beunruhigt an.
“Keine Sorge”, beeilte er sich zu sagen. “Ich mache das schon eine ganze Weile. Ich bin schon mit Greifen, Tschorts und Basilisken fertig geworden. Ein paar Krabbspinnen stellen kein großes Problem dar.”
“Dein Wort in den Ohren der Götter… Eskel, bitte sei trotzdem vorsichtig. Bring dich nicht unnötig in Gefahr. Wenn die Gruppe zu groß ist und es Probleme gibt, dann…”
“Es wird alles gut gehen, vertrau mir. Halte schon mal die Behälter bereit, gleich hast du deine Zutaten…”

Eskel bewegte sich leise durch das Unterholz. So leicht, wie er Thalia glauben machen wollte, würde der Kampf nicht werden. Unerfahrene Hexer neigten manches Mal dazu, Ungeheuer zu unterschätzen. Ein Fehler, der Eskel nach über 70 Jahren in diesem Beruf nicht widerfuhr. Immer konnte etwas Unvorhergesehenes passieren und gerade Krabbspinnen waren ob ihrer Schnelligkeit, ihres Giftes und ihrer Angewohnheit, in Gruppen anzugreifen, keine leichten Gegner. Aber er hatte Thalias Sorge gespürt und wollte sie beruhigen. Sicherlich würde sie sich große Vorwürfe machen, wenn in ihrem Auftrag jemand zu Schaden käme und sei es auch ein Hexer, der in der Lage sein sollte, auf sich selbst aufzupassen.
Bevor er Thalia bei den Pferden auf der Anhöhe zurückließ, hatte er sein Silberschwert noch sorgfältig mit Insektoidenöl eingestrichen, die Armbrust in seinen Schwertgurt gehakt und eine Samum- sowie eine Kartätschebombe an seinem Gürtel befestigt. Da letztere aber bei gutem Zielen nicht mehr viel Verwertbares von den Krabbspinnen übrig lassen würde, wollte er die Bomben nur im Notfall einsetzen. Er ärgerte sich im Nachhinein, dass er sich nicht die Zeit genommen hatte, eine Nordwindbombe zu bauen. Sein Vorrat war im Laufe der Saison zur Neige gegangen.
An einem Busch hatte er Spinnfäden entdeckt - ein sicheres Zeichen dafür, dass er sich an der richtigen Stelle befand.
Er trat leise und vorsichtig auf, um nicht zu früh die Aufmerksamkeit seiner Beute zu wecken. Zuerst wollte er eine Stelle suchen, an der er sich den Rücken freihalten konnte. Am Rand des Waldes ragte auf einer Seite eine Felswand auf. Hierhin würde er sich nach dem ersten Angriff der Krabbspinnen zurückziehen, um einer Attacke der Arachniden von hinten vorzubeugen. Dann trat er wieder einige Meter in den Wald hinein und stapfte mehrere Male heftig mit dem Fuß auf. “Kommt schon, ihr achtbeinigen Biester. Hier wartet ein großer, schwerer Leckerbissen auf euch…”
Er musste nicht lange warten. Seine durch den Trank bis aufs Äußerste geschärften Sinne wurden einer Bewegung zu seiner Rechten gewahr. Er spannte die Armbrust und zielte auf den gepanzerten Leib, den er zwischen den Bäumen im Unterholz ausmachen konnte. Bei allen Krabbspinnen, ganz besonders aber bei den hochgiftigen Exemplaren, war es wichtig, so lange es ging auf Abstand zu bleiben, um dem Giftnebel zu entgehen, den diese beim Angriff versprühten. Sobald er den ersten Schuss abfeuerte, würden die Arachniden mit der Attacke beginnen. Eine zweite und dritte Spinne hatte er zu seiner Linken erspäht, jedoch weiter entfernt als ihr Gefährte. Eine leichte Bewegung im Gebüsch zu seiner Rechten in fast einhundert Metern Entfernung ließ ihn dort eine vierte Spinne vermuten.
Eskel machte sich bereit. Er atmete langsam aus und zielte.
Der Bolzen drang tief in den Panzer der Arachnide ein, das Tier stieß einen bestialischen Schrei aus. Sofort hakte der Hexer die Armbrust in seinen Gurt - zum Nachladen blieb nun keine Zeit mehr. Mit einer fließenden Bewegung zog er sein Silberschwert aus der Scheide. Das verletzte Tier ging zum Angriff über und überwand die Distanz zu Eskel mit großer Geschwindigkeit. Auch die drei anderen Krabbspinnen hatten ihre Position verändert.
Mit schnellen Schritten wich der Hexer rückwärts zur Felswand zurück, bevor seine Gegner ihn einkreisen konnten. Er stellte sich in Position, das Gewicht auf dem linken Fuß, bereit, zuzuschlagen. Die Bestien tauchten nun zu viert aus dem Wald auf - alles stattliche Exemplare ihrer Gattung, keins davon ein Jungtier, das einen leichteren Gegner abgegeben hätte. Eskel fluchte leise. Die verletzte Spinne zählte zur hochtoxischen Variante - weniger stark gepanzert als ihre Kollegen, dafür aber noch gefährlicher. Der Giftsack auf dem Rücken des Ungeheuers war prall gefüllt. Bei der ersten Gelegenheit würde die Spinne ihm das Gift entgegenspritzen.
Das verletzte Tier, gereizt bis zum Äußersten, griff dann auch als erstes an und sprang auf Eskel zu. Dieser wich mit einer schnellen Drehung den Klauen aus und schlug sein Schwert kräftig auf die Seite des Panzers, der durch den Armbrustbolzen bereits eine Bruchstelle aufwies. Das weiche Abdomen an der Unterseite der Spinne kam zum Vorschein, als der Panzer nun vollends aufbrach. Bevor Eskel jedoch dem ersten Gegner ein Ende bereiten konnte, griff die zweite Spinne von der Seite an. Die verletzte Bestie wich rückwärts laufend zurück und blieb in einigen Metern Entfernung stehen.
Um den neuen Angreifer zu verlangsamen und auf Abstand zu halten, schleuderte Eskel der Spinne das Zeichen Yrden entgegen. Das Tier verharrte gelähmt innerhalb des leuchtenden Kreises. Die dritte Bestie nutzte jedoch die Gelegenheit und drang von rechts auf ihn ein. Das Tier stellte sich auf die hinteren Beine und spuckte ihm einen hochgiftigen Sprühnebel entgegen. Eskel duckte sich zur Seite weg und entging so dem Toxin - nicht jedoch einer der Klauen. Die messerscharfe Kralle glitt zunächst am verstärkten Leder und am Beschlag seines Wamses ab, drang dann aber zwischen Ärmel und Handschuh tief in seine Haut ein.
Eskel verzog schmerzhaft das Gesicht und stieß eine Verwünschung aus, ging jedoch trotzdem blitzschnell in eine entgegengesetzte Drehung über und schlitzte der Arachniden den entblößten Bauch auf. Das Tier stieß ein Kreischen aus und brach in sich zusammen. Einer erledigt, drei noch übrig.
Die verletzte Spinne blieb auf Abstand, der Giftsack vibrierte vor Erregung. Das Tier schien jedoch schwer verwundet zu sein, es stieß röchelnde Geräusche aus. Offenbar waren die Tracheen, durch die die Spinne atmete, durch den Bolzen oder das Schwert verletzt worden.
Eine der anderen Bestien setzte zum Sprung an und versuchte, Eskel niederzureißen. Dieser hieb ihr mit einer flüssigen Bewegung zwei Klauen im Sprung ab und schickte das Tier mit Hilfe des Zeichens Aard in mehreren Metern Entfernung auf den Waldboden. Die Arachnide kam jedoch sofort wieder auf die verbliebenen Beine, legte die Distanz zum Gegner zurück und spieh Gift aus. Eskel warf sich seitlich zu Boden und sprang aus der Rolle heraus direkt wieder in Kampfposition, hieb noch in der Bewegung mit dem Schwert auf den Panzer ein und fügte diesem im hinteren Bereich eine Bruchstelle zu. Mit einer Pirouette brachte er sich hinter die Bestie und drang erneut auf sie ein. Es gelang ihm, die selbe Stelle wieder zu treffen. Das Schwert drang tief in den Leib der Spinne ein und bereitete dieser ein jähes Ende.
Die vierte, noch unverletzte Spinne hatte die Zeit genutzt, um sich in Position zu bringen und schleuderte nun ein klebriges Netz aus Spinnfäden auf ihn. Eskel wich dem Geschoss mit einer schnellen Drehung aus und wirkte Igni. Die mächtige Feuersalve setzte die Arachnide in Brand, der ein gequältes Kreischen von sich gab. Seines Endes gewiss, sprang das Tier auf Eskel zu - ein tödlicher Feuerball, der seinen Peiniger mit in den Tod reißen wollte. Eskel duckte sich und schlitzte die brennende Spinne im Sprung von unten her auf. Stinkende, klebrige Flüssigkeit ergoss sich auf den Waldboden, der Eskel gerade noch rechtzeitig ausweichen konnte.
Der Hexer versuchte, zu Atem zu kommen. Das war knapp gewesen. Für ein weiteres Zeichen hätte er keine Kraft mehr gehabt.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine blitzschnelle Bewegung. Die letzte verbliebene, verletzte Spinne, die sich in den letzten Minuten im Hintergrund gehalten hatte, hatte offenbar alle Kraftreserven mobilisiert und sprang ihn von der Seite an, versprühte dabei eine Giftwolke. Obwohl Eskels schnelle Reaktion ihn davor bewahrte, von der vollen Ladung getroffen zu werden, spürte er den feinen Nebel auf der Haut. Geistesgegenwärtig atmete er mit einem Stoß aus, um ein Eindringen des Giftes in seine Atemwege zu verhindern. Mit einem schnellen, kraftvollen Schlag durchdrang sein Schwert den bereits beschädigten Panzer und stieß ins freigelegte Abdomen. Die Spinne stieß rasselnd ihren letzten Atemzug aus und verendete, mit den Gliedmaßen zuckend.
Eskel ließ das Schwert sinken. Er brauchte eine Zeitlang, um seinen Atem zu beruhigen. Verdammt, das war ein härterer Kampf als erwartet. Er ärgerte sich darüber, das verletzte Tier unterschätzt zu haben. Solch ein Fehler hätte ihm nicht unterlaufen dürfen. Er fluchte derb. Nur Anfänger und Stümper ließen eine verletzte Bestie aus den Augen. Lediglich seine schnelle Reaktion hatte ihn vor größeren Verletzungen bewahrt.
Er betrachtete die Kadaver der Krabbspinnen. Mit etwas Glück sollten die meisten der Organe, die Thalia benötigte, erhalten geblieben sein. Eskel zog sein Stilett aus dem Stiefelschaft und begann damit, die Lebern und Giftdrüsen auszulösen.

Thalia spähte angestrengt zu dem Waldstück, in dem Eskel wahrscheinlich gerade mit den Arachniden kämpfte. Es war zu dicht bewachsen, als dass sie irgendetwas hätte sehen können. Dafür hörte sie ab und an ein tierisches Kreischen, das ihr durch Mark und Bein fuhr. Allein die Vorstellung, einer mannsgroßen Spinne gegenüberzustehen, verursachte ihr eine Gänsehaut. Sie würde wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens Alpträume haben, wenn eines dieser Ungeheuer ihr  begegnen würde. Und Eskel stand diesen Kreaturen jetzt, in diesem Moment, gegenüber.
War das eine Rauchsäule, die dort hinten aufstieg?
Die Ungewissheit über das, was gerade vor sich ging, setzte ihrem Nervenkostüm arg zu. Sicher - Eskel hatte ihr versichert, dass er problemlos mit den Krabbspinnen fertig werden würde. Aber so, wie er sich vorbereitet hatte, schien auch er mit einem längeren Kampf zu rechnen. Wenn ihm etwas zustieße, nur weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, die Professur zu erlangen…
Ihre kleine, akademische Welt schien ihr gerade so weit weg zu sein, dass ihr der Sinn ihrer Reise immer unwichtiger vorkam. Wenn er nur endlich aus dem Wald zurückkäme…
Skorpion schnaubte und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Thalia ging zu dem schwarzen Hengst hinüber, streichelte seinen Hals. Der Hexer hatte ihr erzählt, dass der Kaedweni nur wenige Menschen an sich heranließe - offenbar gehörte Thalia mittlerweile dazu.
“Du machst dir auch Sorgen, oder, mein Großer? Ihm wird schon nichts passieren. Er passt gut auf sich auf…” Sie wünschte sich, selbst zuversichtlich daran zu glauben. In Wirklichkeit sorgte sie sich mehr, als sie sich eingestehen wollte.
Als sie wieder zum Wald blickte und eine Gestalt ausmachte, die sich in ihre Richtung bewegte, atmete sie erleichtert auf.

Als Eskel die Anhöhe erreichte, lief Thalia ihm schon entgegen. “Ist alles gut gegangen?”
“Alles Bestens. Ich habe vier Lebern und sechs Giftdrüsen. Und dazu noch etwas von dem flüssigen Gift, falls du das auch gebrauchen kannst.” Er hielt eine kleine Flasche hoch, in die er einen Rest des Toxins aus der Giftblase der Krabbspinne abgefüllt hatte. Die Organe hatte er sorgfältig in zwei Lederbeuteln untergebracht und legte sie nun auf dem Boden ab.
“Und du? Was ist mit dir? Bist du verletzt?”
“Nur ein Kratzer, weiter nichts.”
Thalia lächelte ihn erleichtert an. “Es lohnt sich eben doch, einen Fachmann zu engagieren”, sagte sie schelmisch. “Soll ich mir die Verletzung ansehen?”
“Lass nur, ich mache das schon. Ich habe auch ein bisschen Erfahrung damit."
“Wie du meinst.” Sie wandte sich der eingewickelten Beute zu. “Dann will ich das mal verpacken…”
Nachdem sie die Lebern und Drüsen vorsichtig mit einer Zange in den Behältern verstaut hatte, steckte sie diese zusammen mit dem Fläschchen voll Gift (das sie zur Sicherheit noch in ein sauberes Tuch gehüllt hatte, um einen zufälligen Kontakt mit dem Toxin zu vermeiden) in ihre Satteltasche.
Eskel trank einen Schluck Wasser aus seiner Feldflasche. Dann schüttete er sich den Rest über seinen Kopf und die Arme, um das Gift von seiner Haut waschen. Er musste verhindern, dass eine größere Menge des Toxins in seinen Körper gelangte.
Anschließend reinigte er die kleine Wunde an seinem Arm, beträufelte sie mit Pirol und legte einen Verband an.
Es war an der Zeit, diese Gegend zu verlassen. Die Nebenwirkungen der Tränke würden spätestens in ein paar Stunden eintreten und ihn außer Gefecht setzen. Bis dahin wollte er mit Thalia an einem sicheren Ort sein. Er wandte sich an die Alchemistin, die inzwischen alle Behälter verstaut hatte.
“Wenn wir uns gleich auf den Weg machen, sollten wir das nächste Dorf noch vor Einbruch der Dämmerung erreichen. Ein Bett oder zumindest ein Strohsack in einer Scheune täten mir heute Nacht gut.”

Bereits zwei Stunden später ritten sie durch das Tor in der Pallisade, die das Dorf Loina umgab. Einen Gasthof suchten sie in dem Ort zwar vergebens, aber der hiesige Bauer ließ sie in seiner Scheune übernachten. Mittlerweile spürte Eskel ein deutliches Kribbeln unter seiner Haut, dort wo die Arachnidenklaue seine Haut durchstoßen hatte. Möglicherweise hatte das Biest vor dem Angriff seine Krallen mit Gift benetzt. Das wäre zumindest die harmlosere Option…
Sie machten es sich im Heu bequem und aßen und tranken etwas. Eskel holte seine Trankflaschen hervor. Groß war die Auswahl nicht mehr. Er wählte den Trank Schwalbe aus, der seine Kräfte regenerieren würde. Auch vom Weißen Honig nahm er noch ein paar Schlucke, um die giftneutralisierende Wirkung zu verstärken.
Thalia beobachtete ihn aufmerksam. “Ist wirklich alles in Ordnung? Du wirkst etwas erschöpft.”
“Naja, wenn man gegen vier mannsgroße Krabbspinnen kämpft, ist das schon etwas anstrengend.”
Thalia lächelte. “Tut mir leid…”
“Schon gut. Ich muss mich jetzt nur etwas ausruhen. Von den Tränken wird mir gleich ein wenig übel werden. Wenn ich unruhig schlafen sollte und mich oft herumwälze, ist das normal. Die Tränke haben leider auch unerwünschte Nebenwirkungen. Lass mich einfach nur ausschlafen.”
“In Ordnung. Erhol dich gut, Eskel…”
“Mache ich. Gute Nacht.”
Als er schon eingeschlafen war, beobachtete Thalia, die unweit neben ihm lag, ihn noch immer. Er schien an die Nachwirkungen der Tränke gewohnt zu sein, benutzte sie anscheinend häufig. Auf die Dauer konnte das jedoch auch für einen Hexer nicht gesund sein. Von Zeit zu Zeit wirkte Eskels Gesicht angespannt, fast schmerzverzerrt. Nach etwa einer Stunde wurde er jedoch ruhiger.
Als das Tageslicht schwand, fand endlich auch Thalia in den Schlaf.
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