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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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28.05.2018 4.259
 
Am nächsten Morgen ritten sie weiter auf dem Weg nach Ard Carraigh. Die Straße war über Nacht ein wenig getrocknet, sodass sie nun nicht mehr ständig Schlammpfützen ausweichen mussten, sondern recht gut voran kamen.
Eskel, der nur einen leichten Schlaf hatte, hatte in der Nacht bemerkt, dass Thalia sich oft unruhig regte. Sicherlich machten ihr noch die Erlebnisse des letzten Abends zu schaffen. Eskel hatte überlegt, sie zu wecken, damit sie nicht länger in ihren schlechten Träumen gefangen war, doch sie hatte sich schnell wieder beruhigt und dann tief und friedlich weitergeschlafen.
Nun schien sie wieder recht guter Dinge zu sein, ritt auf Arenaria, wie sie ihre zuvor namenlose Stute mittlerweile genannt hatte, neben Eskel und plauderte munter mit ihm. Wobei dieser sich nicht sicher war, ob sie sich wirklich schon wieder unbeschwert fühlte oder das Erlebte einfach nur verdrängte.
“… Die ersten Nächte unter freiem Himmel haben mir schon etwas zu schaffen gemacht. Jeden Morgen fühlte ich mich wie gerädert. Aber mittlerweile hat sich mein Rücken wohl an den Boden gewöhnt. Als Hexer seid Ihr ja bestimmt ständig auf Reisen und es gewohnt, auf Komfort zu verzichten. Aber für eine Laborhexe wie mich ist das schon eine ganz schöne Umstellung…”
“Laborhexe?”
“So nennt man uns Alchemistinnen hinter vorgehaltener Hand an der Akademie.” Sie warf ihm ein Lächeln zu. “Und in den letzten Jahren traf das auf mich wohl ganz besonders zu. Ich habe die meiste Zeit im Labor oder in der Bibliothek zugebracht. Wurde höchste Zeit, einmal wieder raus zu kommen und die echte Welt zu sehen. Wenn man immer nur in der Stadt lebt verliert man schnell den Blick für die Sorgen und Nöte der Menschen außerhalb. Und auch für die Schönheit der Natur. Und gerade Alchemisten sollten die Natur zu schätzen wissen.”
“Das ist wohl wahr. Aber wie eine Hexe wirkt ihr trotzdem nicht.”
“Wie meint Ihr das?”
“Naja, Hexen oder besser gesagt Zauberinnen sind eine Klasse für sich. Und das ist nicht immer positiv gemeint.”
“Kennt Ihr viele Zauberinnen?”
“Ein paar. Die meisten, denen ich bisher begegnet bin, tun ihr bestes, ihrem Ruf gerecht zu werden: Sie sind eigennützig, launisch und arrogant. Aber vielleicht wird man auch einfach so, wenn man mit einer Geste und einem Spruch ein ganzes Haus zum Einsturz bringen kann… Eine Zauberin, die von der Norm abweicht, ist Triss Merigold. Sie ist die einzig freundliche Vertreterin ihres Berufsstands, die ich kenne.”
“Triss Merigold… Ich glaube, ich habe sie einmal in Oxenfurt gesehen… Sie hatte langes, rotes Haar und war atemberaubend schön…”
Eskel lächelte. “Ja, das ist Triss. Sie besucht uns Hexer manchmal in Kaer Morhen.”
“Kaer Morhen?”
Eskel zögerte. Dann entschied er, dass es nicht schaden würde, Thalia von der Festung zu erzählen. Hexergeheimnisse hin oder her, aber er hatte das Gefühl, dass schon so viele Menschen von der Existenz der Festung wussten - eine Person mehr oder weniger machte da keinen Unterschied mehr...
“Das ist sozusagen die Heimstatt der Hexer der Wolfsschule. Wenn im Winter die Aufträge rar werden, verbringen wir meistens ein paar Monate dort. Es ist schön, dann bekannte Gesichter wiederzusehen, wenn man das ganze Jahr über ständig unterwegs ist. Die meisten Menschen würden es vielleicht nicht für möglich halten, aber auch Hexer mögen es, Zeit mit Freunden zu verbringen. Und Triss´ Anwesenheit ist eine willkommene Abwechslung, wenn man wochenlang nur zwei andere Hexer als Gesellschaft hatte..."
Es kam Thalia so vor, als würde Eskel der Zauberin Merigold gegenüber mehr als nur Freundschaft und Respekt empfinden, so, wie er über sie sprach und wie sich sein Gesichtsausdruck dabei veränderte. Aber wieso auch nicht? Welcher Mann würde sich nicht für diese wunderschöne, außergewöhnliche Frau begeistern? Und außerdem ging sie dies natürlich nichts an. Wieso verschwendete sie überhaupt einen Gedanken daran…?
“Übrigens “Freunde”… Verzeiht bitte, aber es kommt mir ein wenig gestelzt vor, den Mann, der mir das Leben gerettet hat und jetzt mit mir durch die Wildnis reist, weiterhin mit “Meister Hexer” anzusprechen. Könnten wir vielleicht… also, nur, wenn es euch Recht ist…”
“Wechseln wir doch der Einfachheit halber zum “Du””, entschied Eskel und warf ihr sein ihm eigenes Lächeln zu.
Thalia war erleichtert, dass ihm die vertrauliche Anrede auch lieber zu sein schien.
“Wo liegt denn dieses Kaer Morhen, zu dem du reisen willst?”
“Im Norden, in den Blauen Bergen. Wenn wir in Aedd Gynvael angekommen sind, werde ich vielleicht dort noch einen Auftrag annehmen und mich dann auf den Weg machen. Die alte Festung ist in keinem guten Zustand und vor dem Winter stehen noch einige Instandsetzungen aus, damit uns in den Schlafräumen nicht der Wind um die Ohren pfeift.”
“Klingt ja nach einem gemütlichen Plätzchen…”
“Man gewöhnt sich daran.”

Am frühen Nachmittag zogen dunkle Wolken über den Himmel. Eskel schätzte, dass ihnen vielleicht noch eine halbe Stunde blieb, bis sie das Unwetter erreichen würde. Als er in der Ferne einen Hof ausmachte, schlug er deshalb vor, dort eine Rast einzulegen.
Als sie auf den Vorhof ritten, kamen ihnen fünf Kinder entgegengelaufen, alle mehr oder weniger in Lumpen gekleidet und von schmächtiger, magerer Statur. “Seid gegrüßt, Kinder”, rief ihnen Eskel zu. “Ist euer Vater oder eure Mutter in der Nähe? Wir würden uns gern in eurer Scheune unterstellen, um den Regen abzuwarten. Und falls ihr habt auch gern etwas Proviant von euch kaufen.”
Die Kinder starrten ihn ängstlich an. Der offenbar älteste Junge machte kehrt und lief Richtung Scheune. “Vater! Vater! Reiter sind im Hof!”
Aus dem offenen Scheunentor trat ein hagerer Mann mit schütterem Haar und ausgezehrtem Gesicht. Seine Kleidung war genau wie die seiner Kinder in schlechtem Zustand, an vielen Stellen geflickt und fleckig. Er ging den Ankömmlingen langsam entgegen, den Blick misstrauisch auf den Hexer gerichtet, der gerade von seinem schwarzen Hengst stieg. Auch Thalia war abgestiegen und trat nun mit einem freundlichen Lächeln auf den Mann zu.
“Seid gegrüßt. Sagt, könnt Ihr uns etwas Proviant verkaufen? Wir haben noch eine lange Strecke vor uns und unsere Vorräte gehen zur Neige.”
Der Mann warf ihr nur einen flüchtigen Blick zu und reagierte ansonsten nicht auf ihre Frage. Stattdessen trat er vor Eskel, musterte ihn von Kopf bis Fuß und schätzte ihn mit Blicken ab.
“Wir haben nichts. Zieht weiter”, sagte er mit überraschend fester Stimme und blickte dabei den Hexer an.
“Wir wollten nur den Regen abwarten, der gleich herunterkommen wird. Könnten wir uns vielleicht in eurer Scheune solange unterstellen?”
Der Bauer verzog den Mund, spuckte aus und raunte “Wenn´s denn sein muss.”
Er ging zurück zur Scheune. Eskel und Thalia führten die Pferde hinter ihm her. Die ersten Tropfen fielen bereits vom Himmel. In der Scheune waren Heubündel gestapelt und ein Haufen Getreide lag in einer Ecke, um gedroschen zu werden. “Was zum Essen kann ich euch aber nicht verkaufen. Wir haben selbst kaum was. Die Ernte war mager dieses Jahr. Bin froh, wenn ich alle Kinder über den Winter bringe…”, murmelte der Bauer.
Eben diesen Kindern, die nun auch in die Scheune gekommen waren und die Pferde und die verzierten Sättel bewunderten, wandte er sich jetzt zu. “Und ihr! Macht dass ihr die Kühe gemolken kriegt, faules Pack! Sonst setzt es was!” Anhand der Geschwindigkeit, mit der die Kinder der Aufforderung nachkamen, schloss Eskel, dass es wohl schon öfters was gesetzt hatte… Der Bauer machte sich wieder ans Aufstapeln der Heubündel.
“Tja, mit neuem Proviant wird das wohl heute nichts”, wandte Eskel sich an Thalia. “Morgen sollten wir eigentlich Galinor erreichen, dort werden wir mehr Glück haben.”
“So dünn wie die Kinder sind, glaube ich unserem Gastgeber sofort, dass sie kaum genug für sich selbst haben. Hast du gesehen, wie mager das kleinste der Mädchen ist? Und wie ausgemergelt ihre Gesichter sind?”
“Hm. Aber das ist in dieser Gegend nichts Seltenes. Vom Wohlstand des Pontarufers haben die Leute hier nichts. Der Boden ist zu schlecht für den Anbau, aber sie versuchen es trotzdem. Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig.”
“Und meine Kronen wird er wohl nicht nehmen wollen, oder? Ich würde der Familie gern ein paar Münzen geben, wenn ich wüsste, dass davon die nächsten Mahlzeiten der Kinder gesichert sind.”
Eskel schüttelte den Kopf. “Auch wenn sie arm sind, sind die Menschen hier meistens zu stolz, um Almosen zu nehmen. Erst recht von einer Frau. Oder einem Hexer. Dein Angebot würde ihn eher beleidigen.”
Der Regen war zu einem richtigen Wolkenbruch geworden, zog aber schnell weiter. Als das Schlimmste vorüber war, bedankten sie sich bei dem Bauern und verabschiedeten sich. Zwei der Mädchen standen an der Ecke zum Stall und betrachteten, ohne dass ihr Vater es merkte, Thalia. Wobei ihre offensichtliche Bewunderung eigentlich nicht der Frau, sondern ihrer Garderobe galt. Diese war zwar für städtische Verhältnisse nichts Besonderes, für diese in Lumpen gekleideten Kinder glichen Thalias Kleid und ihr Reisemantel aber wahrscheinlich königlichen Gewändern. Sicherlich kamen nicht oft Reisende hierher, und die wenigsten von ihnen waren wohl Frauen. Thalia winkte ihnen zum Abschied zu. Ein Leben, wie sie es führte, war für diese Kinder undenkbar.
Der Bauer hatte inzwischen bemerkt, dass seine zwei Töchter nicht wie befohlen ihre Arbeit erledigten. Mit langen Schritten war er bei den Mädchen, packte sie bei den Zöpfen und zog sie daran in Richtung Scheune. “Ich hab euch gewarnt, ihr nichtsnutzigen Bälger.” Immer noch an ihren Zöpfen gepackt, stolperten die beiden Kinder hilflos neben ihm her und verschwanden mit ihm in der Scheune. Thalia und Eskel hörten, dass der Bauer sie schlug. Die Mädchen weinten und bettelten, er möge aufhören, aber er schlug noch einmal zu. “Eskel, wir müssen ihnen helfen!” Thalia war schockiert, mit welcher Selbstverständlichkeit der Vater seine Töchter prügelte, sogar im Beisein Fremder.
“Wir können nichts tun.”
“Natürlich können wir. Du bist doppelt so kräftig wie dieser Kerl. Hilf den Mädchen doch endlich!”
“Und was passiert danach? Solche Männer betrachten es als ihr gutes Recht, ihre Frauen und Kinder zu prügeln. Soll ich ihm einen Arm brechen, damit er nicht mehr zuschlagen kann? Und wer holt dann die Ernte ein und bewirtschaftet den Hof? Die Familie kann sich ohne ihn nicht ernähren. Und wenn ich ihn verprügle, ohne dass er dabei groß zu Schaden kommt, wird er jeden Schlag, den er einstecken musste, an seinen Kindern auslassen, wenn wir weg sind.” Eskel sprach aus eigener Erfahrung, aber das wollte er jetzt nicht zur Sprache bringen.
“Aber…”
“Thalia. Mir fällt es auch schwer, den Mädchen nicht zu helfen. Aber Hexer mischen sich nicht in die Angelegenheiten anderer ein - nicht im Kleinen, nicht im Großen. Wir halten uns heraus. Zum Wohle aller Beteiligten.” Eskel bestieg Skorpion und schickte sich an, auf ihm vom Hof zu traben.
“Das ist alles? Ihr Hexer haltet euch heraus? Mehr fällt dir nicht dazu ein?” Thalia war zu Skorpion gelaufen und hielt ihn am Zügel fest.
Eskel spürte, wie Wut ihn ergriff. Was glaubte sie eigentlich, wer sie sei, dass sie entscheiden könne, was er zu tun habe? Würde sie die Folgen für ihr Handeln tragen? Natürlich nicht. Aus der Scheune drangen nun keine Geräusche mehr, der Bauer hatte offenbar von seinen Töchtern abgelassen. Der Mann trat vor die Scheune und griff nach einer Heugabel, bedachte die beiden Reisenden dabei mit einem feindseligen Blick, der ihnen klar machen sollte, dass sie sich schleunigst von seinem Hof scheren sollten.
“Thalia, ich sage es nun zum letzten Mal. Wir verschwinden jetzt von hier und lassen es gut sein. Jede Einmischung würde alles nur noch schlimmer machen. Aber das versteht ihr weltfremden Gelehrten leider oftmals nicht.”
“Oh, wir “weltfremden Gelehrten”. Ich verstehe zumindest, dass dort drüben zwei hilflose Mädchen verprügelt worden sind und du keinen Finger für sie gerührt hast. Und ich verstehe auch so langsam, wie es kommt, dass alle glauben, dass ihr Hexer keine Gefühle habt und einfach nur dumme, gewissenlose Monsterschlächter seid!”
“Wenn mir der Zugang zu einer Hütte von deren Bewohnern verwehrt wird, bin ich zumindest klug genug, mir nicht mit Gewalt Einlass zu verschaffen und mich dabei mit einer tödlichen Krankheit zu infizieren!”
Thalia riss geschockt die Augen auf und wurde blass. Eigentlich war sie eben schon kurz davor gewesen, sich bei ihm zu entschuldigen. Sie bereute ihre harten Worte sofort, nachdem sie sie ausgesprochen hatte.  Er hatte ja nicht Unrecht - seine Argumente konnte sie durchaus nachvollziehen. Aber seine Erwiderung hatte sie wie ein Tiefschlag getroffen. Ihre Hand fiel von Skorpions Zügel ab. Sie starrte Eskel noch ein paar Atemzüge lang an, drehte sich dann wortlos um und stieg auf Arenaria. Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, ritt sie vom Hof und weiter auf die Straße.
Eskel seufzte . Verdammt, er war zu weit gegangen. Er war wütend geworden und hatte die Kontrolle verloren. Aus Gründen, die er sich selbst nur zögernd eingestehen konnte. Er hatte sie von ihrem Vorhaben abbringen, aber nicht verletzen wollen. Das war gründlich schief gegangen… Eskel verfluchte sich selbst und ritt ihr hinterher.

Die nächste Stunde verbrachten sie schweigend im Sattel. Thalia hatte ihn nicht mehr angesehen, war, den Blick geradeaus gerichtet, einfach immer weiter geritten. Eskel hätte es viel leichter ertragen, wenn sie ihm ihre Wut entgegengeschrien und ihn beschimpft hätte. Aber sie schwieg einfach nur. So tief hatte er sie mit seinen Worten also verletzt… Er konnte sich selbst nicht erklären, warum er so taktlos gewesen war. Sie hatte ihm vertraut und ihm von ihrem Verlobten erzählt und er hatte dieses Wissen missbraucht, um eines kurzen Triumphes willen. Er schämte sich in Grund und Boden.
Als die drückende Stille immer schwerer zu ertragen wurde, brach Eskel das Schweigen.
“Thalia… es tut mir leid, was ich gesagt habe. Bitte verzeih mir.”
Thalia blickte immer noch mit undeutbarem Gesichtsausdruck geradeaus.
“Bitte sag etwas.”
Sie zügelte Arenaria und brachte sie zum Stehen. Eskel tat es ihr nach. Thalia blickte ihn nun endlich an, Vorwurf und Schmerz in ihren Augen.
“Ich habe dir etwas Privates - etwas sehr Privates anvertraut und du… du hast dies schamlos ausgenutzt.” Sie schluckte. Er war sich nicht sicher, glaubte aber, Tränen in ihren Augen schimmern zu sehen.
“Ich schäme mich dafür…”
“Zurecht.”
“Ich weiß. Ich war wütend und habe mich vergessen. Das hätte nicht passieren dürfen. Kannst du mir bitte verzeihen?”
Thalia zögerte. “Wieso? Wieso warst du so wütend? Du sagtest selbst, dass es dir schwer fiele, nicht einzugreifen. Warum warst du also so wütend auf mich, als ich darauf bestand, zu helfen?”
“Ich war nicht wütend auf dich… Ich war wütend auf mich selbst. Wir Hexer haben den Grundsatz, dass wir immer neutral bleiben, uns aus allen Angelegenheiten heraushalten, die uns nichts angehen - was natürlich nicht immer möglich ist. Wenn man klar Unrecht von Recht unterscheiden kann, fällt es all zu leicht, diesen Grundsatz zu brechen. Aber oftmals gibt es kein eindeutiges Richtig oder Falsch.
Einmal war ich jedoch gezwungen, mich zu entscheiden. Und das tat ich - mit… mit furchtbaren Folgen.” Eskel starrte nun auch gedankenverloren auf den Weg vor ihnen, in Erinnerungen versunken. Er atmete tief durch, verdrängte die Bilder der Vergangenheit. “Aber das ist eine alte Geschichte. Und keine gute Entschuldigung für mein Verhalten heute.”
“Vielleicht keine Entschuldigung, aber eine Erklärung. Erzählst du mir davon?”
Eskel sah Thalia an. Ihr Blick war nun wieder klar, interessiert und offen. Sie schien ihm tatsächlich verziehen zu haben.
Er strich sich über die Narbe, die seine rechte Gesichtshälfte durchzog. Die Erinnerung daran, wie die Klingen in sein Fleisch drangen, waren noch so frisch wie am ersten Tag. Noch nie in den vergangenen 32 Jahren hatte er mit jemandem über das, was damals passiert war, gesprochen - nicht mit seinen Brüdern, die dabei gewesen waren, noch mit jemand anderem. Er hatte die Ereignisse, die Schuld von damals tief in seinem Inneren begraben - ohne die Hoffnung, sich jemals davon befreien zu können. Dennoch fühlte sich der Gedanke, Thalia davon zu erzählen, irgendwie… richtig an. Er konnte - oder wollte - sich selbst nicht erklären warum, aber mit einem Mal verspürte er den Drang, sich den Schmerz von der Seele zu reden.
Würde sie ihn mit anderen Augen sehen, wenn sie es wüsste?
Eskel seufzte, zögerte kurz…
“Bist du mit dem Gesetz der Vorsehung vertraut, aufgrund derer wir Hexer unseren Nachwuchs auswählen?”
“Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass Hexer als Belohnung für erbrachte Dienste die Kinder der Auftraggeber eingefordert hätten - das habe ich aber für ein Gerücht von fragwürdiger Zuverlässigkeit gehalten.”
Eskel musste lächeln ob ihrer Ausdrucksweise. “Nun ja, ein Körnchen Wahrheit ist schon daran. Wenn ein Hexer das Leben eines Menschen rettet, hat er laut des Gesetzes der Vorsehung das Recht dazu, von dem Geretteten das zu verlangen, was dieser als erstes zu Hause vorfindet, ohne damit gerechnet zu haben. Das kann alles Mögliche sein, eine neue Katze im Haushalt, ein frisch geborenes Kalb oder eben auch ein Kind. Ich war so leichtsinnig, diesen Satz auszusprechen, als ich das Leben eines Mannes rettete, der von einer Horde Bobolaks bedroht wurde. Wie sich herausstellte, war er der Kronprinz von Caingorn - und was er zu Hause vorfand war sein Kind.
Nach sechs Jahren sollen wir unser sogenanntes “Kind der Vorsehung” in Empfang nehmen - das heißt, es aus seiner Familie reißen und mit zu unserer Hexerschule nehmen. Aber das konnte ich nicht tun. Ich habe euch ja schon von der “Kräuterprobe” erzählt, die aus normalen Kindern Mutanten macht - sofern sie es überleben. Und das tun längst nicht alle. Und selbst wenn man die Mutationen übersteht, sieht man nach einer harten Ausbildung einem harten Leben entgegen. Um den Rest seiner Tage Bestien zu bekämpfen und zum Dank dafür verachtet und verhasst zu sein. Nicht unbedingt ein Schicksal, dass man einem kleinen Kind wünschen würde. Noch dazu einem Kind, das ein wohlbehütetes Leben führen würde, ohne Not zu leiden.
Also habe ich sechzehn Jahre lang einen großen Bogen um Caingorn gemacht und die Vorsehung in den Wind geschlagen. Da das Kind ein Mädchen war, wie ich später erfuhr, wäre es für die Hexerausbildung ohnehin nicht in Frage gekommen. Mädchen haben keine Chance, die Mutationen zu überleben.
Dieses Mädchen jedoch hatte das Pech, unter dem “Fluch der Schwarzen Sonne” geboren worden zu sein. Du weißt, was das bedeutet?”
“Die Prophezeihung des Zauberers Eltibald? War das nicht eigentlich bloß eine Intrige der Zauberer, die völlig normale Mädchen ins Verderben stürzte?”
“Das wurde nie wirklich geklärt. Manche sagen, die Mädchen seien von Geburt an besonders grausam gewesen, hätten zu Gewalt geneigt und über unnatürliche Kräfte verfügt. Aber das können auch alles nur Gerüchte gewesen sein oder einfach die Folgen der Behandlung, die man den Mädchen zuteil werden ließ. Wer sein Leben lang wie ein Monster behandelt wird, wird vielleicht selbst schließlich zum Monster.
Wie dem auch sei - Deidre floh aus Caingorn, als sie 19 Jahre alt war. Ihr Bruder und die Zauberin Sabrina Glevissig waren ihr auf den Fersen. Und zu wem floh sie, um Schutz zu suchen? Zu mir. Sie fühlte wohl eine besondere Verbindung zwischen uns und erhoffte sich von mir, dass ich mich ihrer Familie und der Zauberin entgegenstellen würde, um sie zu schützen.
Aber ihr Bruder, Prinz Mervin, führte einen Geleitbrief von König Henselt bei sich, aus dem klar hervorging, dass jeder, der sich Mervin und Sabrina Glevissig in den Weg stellt und Deidre nicht ausliefert, die Konsequenzen dafür tragen muss. Vesemir, der älteste Hexer unserer Schule und unser Mentor, bestand darauf, die Neutralität der Hexer zu wahren. Wenn wir Henselt verärgerten, konnte dies schlimme Folgen haben - nicht nur für uns Hexer der Wolfsschule sondern für alle Hexer. Aber da Deidre mein Überraschungskind sei, läge die Entscheidung, ob wir sie vor ihrem Bruder und der Zauberin beschützen oder sie ausliefern sollten, bei mir.
Ich konnte Vesemirs Haltung natürlich verstehen - wir Hexer beschützen die Menschen vor Bestien, halten uns aber aus der Politik und den Angelegenheiten anderer heraus. Aber Deidre vertraute mir. Obwohl sie mir noch nie zuvor begegnet war, fühlte sie sich mir verbunden. Ich konnte dieses Vertrauen nicht enttäuschen. Ich konnte aber auch meine Brüder nicht der Gefahr aussetzen, sich gegen den Befehl des Königs zu stellen.
Also entschied ich mich dazu, ihr zur Flucht zu verhelfen. Aber Deidre fühlte sich von mir im Stich gelassen und verraten. Sie griff mich an und zerschnitt mir das Gesicht…” Eskel berührte in Gedanken die tiefe Narbe, die von seiner Schläfe bis zu seinen Lippen reichte. “Ich war darauf nicht vorbereitet, habe nicht einmal versucht, ihren Angriff abzuwehren. Danach ergriff sie die Flucht.
Sabrina Glevissig war natürlich außer sich. Sie prophezeihte uns, dass wir die Schuld an allen Opfern tragen würden, die Deidre noch auf dem Gewissen haben würde. Und sie sollte Recht behalten. Deidre schloss sich einer Bande Banditen an und wurde schnell zu deren Anführerin. Sie terrorisierte Kaedwen grausam und unbarmherzig. Zwei Jahre später wurde sie getötet.
Bis dahin hatte sie jedoch Dutzende Unschuldige ermordet. Und deren Blut klebt seit dem an meinen Händen.
Ich weiß bis heute nicht, wie ich mich damals hätte entscheiden sollen.
Hätte ich Deidre doch zu mir holen sollen, als sie sechs Jahre alt war? Wäre sie dann vielleicht nie zu dem Monster geworden, dass mordend durch die Dörfer zog und wahllos Menschen tötete? Oder gab es tatsächlich einen Fluch, der auf ihr lastete und früher oder später ausgebrochen wäre? Hätte ich sie vor ihrem Bruder und der Zauberin beschützen sollen? Was wäre passiert, wenn ich die Hexer in die Ungnade des Königs getrieben hätte?
Hätte es einen richtigen Weg gegeben?
Es vergeht kein Tag, an dem ich mich das nicht frage. Oft sehe ich ihr Gesicht vor mir, die Enttäuschung und Verzweiflung, mit der sie mich ansah, als ich ihr erklärte, dass ich sie nicht beschützen könne…
Ich habe mich damals für das Übel entschieden, dass mir als das kleinste vorkam. Aber - wie mein Bruder Geralt immer sagt - Übel ist Übel, lediglich die Perspektive darauf ist für jeden Beteiligten eine andere. Wir Hexer sind keine edlen Ritter, die für Gerechtigkeit eintreten. Wir töten Ungeheuer, das ist unser Weg, unsere Bestimmung. Jedes Mal, wenn wir von diesem Pfad abgewichen sind, folgte nichts Gutes daraus.
Heute, auf dem Hof, habe ich mich ebenfalls für das kleinere Übel entschieden. Oder dem, was ich dafür hielt. Aber war es das Richtige? Ich weiß es nicht…” Eskel blickte in Gedanken versunken zu Boden. Er hatte Thalia nicht die ganze Geschichte erzählt. Doch der Rest war zu schmerzlich, als dass er darüber hätte sprechen können.
Als er aufsah und Thalia in die Augen blickte, sah er darin keine Wut und keinen Vorwurf mehr, sondern Verständnis und Mitgefühl.
“Manchmal…”, sagte sie mit leiser Stimme. “Manchmal gibt es kein Richtig oder Falsch, kein Schwarz oder Weiß. Wir können uns nur für eine Nuance von Grau entscheiden, mit der wir am ehesten leben können.
Eskel, ich muss mich auch bei dir entschuldigen. Dafür, dass ich euch Hexer gefühllose Monsterschlächter genannt habe. Bitte verzeih mir.”
“Habe ich doch schon längst.”

In der Nacht kühlte es merklich ab. Als das Feuer größtenteils heruntergebrannt war und nur noch die Reste der Glut die Dunkelheit beleuchteten, erwachte Eskel aus unruhigem Schlaf. Er schaute zu Thalia herüber, die auf der anderen Seite des Lagerfeuers zusammengerollt auf ihrer Schlafmatte lag und sich mit ihrer Decke und ihrem Reisemantel zugedeckt hatte, das Gesicht von ihm abgewandt. Sie zitterte im Schlaf. Eskel glaubte sogar, das leise Klappern ihrer Zähne zu hören.
Er stand auf und fachte das Feuer neu an, indem er trockene Aststücke, die er zuvor zur Seite gelegt hatte, in die Glut legte. Als die Flammen höher loderten, legte er sich wieder auf seine Matte.
Thalia hatte anscheinend auch nur einen leichten Schlaf und war durch die leisen Geräusche, die er verursacht hatte, erwacht. “Eskel?”, fragte sie leise.
“Ja?”
Sie wandte sich zu ihm um. “Ich bin ganz durchgefroren. Wäre es… für dich in Ordnung, wenn ich zu dir herüberkomme und mich neben dich lege?”
“Natürlich.” Er rückte ein Stück weiter vom Feuer ab, damit sie sich vor ihn legen konnte. Sie breitete ihre Schlafmatte neben ihm aus, legte sich dem Feuer zugewandt darauf und deckte sich zu. Eskel legte auch einen Teil seiner Decke über sie, um sie zusätzlich von der Kühle der Nacht abzuschirmen. Zuerst wahrte sie einen leichten Abstand zu ihm. Als ihr Atem wieder ruhig und gleichmäßig ging, rückte sie im Schlaf jedoch näher an ihn heran, schmiegte sich mit ihrem Rücken an seine Brust. Eskel spürte ihre Wärme. Er roch den leichten Duft ihres Haars, ihrer Haut. Er wagte es nicht, einen Arm um sie zu legen, um sie noch mehr zu wärmen. Nicht, dass sie aufwachte, und seine Geste als zudringlich empfand.
So nah war er lange keiner Frau mehr gekommen. Erst recht keiner Frau, die nicht der Münzen wegen seine Nähe suchte. Thalias Körper, der sich eng an den seinen schmiegte, weckte eine Sehnsucht in ihm, die er lange nicht mehr gespürt hatte. Gleichzeitig empfand er großen Respekt für die kluge, freundliche Alchemistin, deren Gesellschaft er in den letzten Tagen immer mehr zu schätzen gelernt hatte.
Thalia vertraute ihm. Er würde sie nicht enttäuschen. Sie nicht. Er würde ihr die Krabbspinnenorgane beschaffen, sie sicher nach Aedd Gynvael bringen und dafür sorgen, das sie per Portal zurück nach Oxenfurt kam, zurück in ihre kleine, heile akademische Welt. Frauen wie sie gehörten nicht in seine Welt der Monster, der ständigen Gefahren und Entbehrungen. An der Akademie würde ihr eine sichere Zukunft bevorstehen, sie würde ein hohes Ansehen als Professorin genießen und ihr Leben der Erforschung und Heilung von Krankheiten widmen. Für einen Hexer war darin kein Platz, da machte er sich keine Illusionen.
Aber vielleicht würde er ihr nächstes Jahr einen Besuch abstatten, wenn er in der Gegend um Oxenfurt nach Aufträgen suchte. Vielleicht würde sie sich ja sogar freuen, ihn wiederzusehen.
Plötzlich wurde ihm bewusst, wie lächerlich seine Gedankengänge waren. Albern. Eskel schalt sich einen Narren, dass er sich solch sinnloser Träumereien hingab.
Es wurde Zeit, diesen Auftrag hinter sich zu bringen.
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