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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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23.05.2018 3.366
 
Die Straße war vom Regen aufgeweicht und mit Pfützen übersät. Sie kamen nicht mehr so schnell voran, wie noch am Vortag.
Vor zwei Tagen hatten sie das dicht besiedelte Gebiet entlang des Pontar hinter sich gelassen und waren nun auf der Straße zum Pass im Kestrel-Gebirge unterwegs, das Redanien und Kaedwen voneinander trennte. Vereinzelt kamen sie an Höfen oder Jagdhütten vorbei, aber manches Mal begegnete ihnen stundenlang keine andere Seele auf der Straße.
Wobei der Begriff “Straße” für den breiten, ausgetretenen aber ansonsten unbefestigten Weg eher als Euphemismus durchging. In den letzten Tagen hatten sich Nieselregen und stärkere Regenfälle abgewechselt.
Nun klarte der Himmel langsam auf und versprach zumindest ein paar trockene Stunden.
Die noch vom Regen schlammige Straße zu verlassen, war keine Option, da das umgebende Gelände bereits felsig wurde und überall Geröll lag, sodass die Pferde dort keinen sicheren Tritt fanden.
Mit Eintreten der Dämmerung wurde es für Thalia und die beiden Wächter zunehmend schwieriger, den tieferen Schlammpfützen auszuweichen. Also schlugen sie ihr Nachtlager in der Nähe eines Bachlaufs auf, der unweit der Straße verlief. Als die Pferde abgesattelt und versorgt waren, nahm Thalia ihre Satteltasche mit zum Bach, um dort ein paar Teile ihrer Wäsche zu waschen. Auf ihre Bitte hin hatte Jonas aus ein paar herumliegenden Ästen ein provisorisches Gestell gebaut, auf dem sie die nasse Kleidung in der Nähe des eben entzündeten Lagerfeuers trocknen konnte.
“Hier, bitte, Frau Magister.” Jonas lächelte sie schüchtern an, als er die etwas wacklige Konstruktion aufstellte. “Kann ich… kann ich noch irgend etwas für Euch tun?” “Nein, danke, Jonas. Vielen Dank für eure Hilfe.” Jonas Blick war für Thalia nicht zu deuten. Was hatte der junge Wächter denn auf einmal? Ehe Thalia ihn fragen konnte, ob etwas nicht stimme, wandte Jonas sich um und zog sich zu Olbertz zum Kartenspielen an den Rand des Lagers zurück.
Thalia ging zum Bach und begann, ihre Wäsche zu waschen. Sie hörte die leisen Stimmen der beiden Wächter, die sich über irgendetwas stritten - wahrscheinlich ging es wieder um diese verworrenen Gwintregeln... Der Hexer hatte angekündigt, in der näheren Umgebung auf die Jagd gehen zu wollen, um ihnen ein Abendessen zu sichern und war seit einer halben Stunde verschwunden.
Die Aussicht auf eine warme Mahlzeit hatte erheblich dazu beigetragen, Thalias Stimmung zu heben. Auch nach dem heftigen Regen heute Mittag hatte es immer wieder genieselt, sodass sie trotz ihres Reisemantels durchgefroren war. Zum Glück war es nun endlich trocken.
Die Satteltasche neben sich am Ufer liegend, rieb Thalia mit einem Stück Seife die ersten Wäschestücke ein und wusch den Staub und Schweiß der letzten Tage aus dem Stoff. In Gedanken kehrte sie dabei zu dem Gespräch zurück, das sie gestern mit dem Hexer geführt hatte.
Er hatte sein Pferd ohne für sie erkennbaren Grund angehalten und seinen Begleitern per Handzeichen zu verstehen gegeben, dass sie ebenfalls stehen bleiben sollten. Dann hatte er hochkonzentriert gelauscht, schien nach ein paar Minuten beruhigt zu sein und bedeutete ihnen weiterzureiten. Auf ihre Nachfrage hin hatte er ihr erklärt, dass er in etwa einer Meile Entfernung eine Gruppe Nekker gehört habe, diese sich aber in die andere Richtung von ihnen entfernt hätte und keine Gefahr drohe.
Thalia hatte nicht das geringste verdächtige Geräusch gehört. Eskel hatte ihr erklärt, dass die Mutationen, denen Hexer in früher Jugend unterzogen wurden, zu einer extrem sensiblen sensorischen Wahrnehmung führten. Weiter war er leider nicht darauf eingegangen.
Zu gerne hätte Thalia ihn über die Art und Weise befragt, wie diese Mutationen herbeigeführt wurden, welche Mutationen es im einzelnen gab und welche Nebeneffekte diese mit sich brachten. Sie platzte fast vor Neugier beim Gedanken an die Elixiere, die dazu eingesetzt wurden. Aber Eskel wechselte zu ihrer Enttäuschung sofort das Thema. So schnell würde sie aber nicht aufgeben. Vielleicht ergab sich an einem der kommenden Tage noch einmal die Gelegenheit, mehr darüber zu erfahren…
Ein leises Geräusch ganz in der Nähe ließ sie aufhorchen. Die Stimmen von Jonas und Olbertz waren verstummt, wie sie nun bemerkte. War einer der beiden vielleicht ins Gebüsch gegangen, um sich zu erleichtern?
Da war das Geräusch wieder. Und es klang eher nach einem leisen, aber tiefen Schnattern - solch ein Geräusch hatte Thalia noch nie zuvor gehört, da war sie sich sicher. Und es reichte aus, um ihr eine Gänsehaut zu verursachen. Vor Angst erstarrt hielt sie den Atem an und spähte aus dem Augenwinkel in das Gebüsch zu ihrer Linken. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, als zwischen den Blättern ein mit grauer Haut überzogener Arm sichtbar wurde.

Eskel verschnürte die Hinterläufe des Kaninchens und band es zusammen mit den drei anderen, die er schon erlegt hatte, an seinen Gürtel. Auch wenn die Nager eher mager waren, würden vier wohl reichen, um ihnen allen die Mägen zu füllen.
Er wischte sein Jagdmesser am Moos sauber, das den Boden bedeckte, und steckte es zurück in seinen Stiefelschaft. Als er sich gerade auf den Rückweg machen wollte, hörte er in einiger Entfernung einen Schrei. Er hatte keinen Zweifel, wer diesen Schrei ausgestoßen hatte.
Ein Adrenalinstoß durchfuhr seinen Körper. Er sprang auf und lief so schnell er konnte zurück zum Lager. Bereits nach der Hälfte der Strecke hörte er es: Schnattergeräusche, zwar noch leise ob der Entfernung, aber unzweifelhaft einzuordnen für einen erfahrenen Hexer. Hoffentlich kam er nicht zu spät. Hoffentlich wären Jonas und Olbertz in der Lage, die Alchemistin zu schützen und die Nekker so lange in Schach zu halten, bis er das Lager erreichte.
Wieso war er nur so unvorsichtig gewesen, sich so weit vom Lager zu entfernen? Gestern schon hatte er doch eine Nekkergruppe gehört - zwar in sicherer Entfernung, aber das hätte ihm Warnung genug sein sollen. Wenn ihr nun etwas zugestoßen war, dann war es sein Fehler, seine Nachlässigkeit… Ein lauter Knall riss ihn aus seinen Gedanken.

Mit zitternden Fingern versuchte Thalia, das Pulver in die schmale Öffnung des Rohrs zu streuen - fast die Hälfte der schwarzen Körnchen fiel daneben und verteilten sich auf ihrem Bein.
Sie kauerte auf einem Ast, drei Meter über dem Boden und versuchte, die um den Baum herumstehenden, schnatternden Wesen zu ignorieren, die immer wieder mit ihren klauenbesetzten Händen nach ihren Füßen schlugen.
Panik hatte von ihr Besitz ergriffen. Ihr Herz raste, ihr Atem drang stoßweise, teils schluchzend, teils wimmernd aus ihrem Mund. Eines der Wesen lag am Bachufer auf dem Boden, seine Brust zerfetzt von der Bleikugel, die sie mit der “Feuerarmbrust” auf es abgeschossen hatte.
Wenige Sekunden, nachdem sie das erste Ungeheuer in dem Busch entdeckt hatte, war ihre Schockstarre schlagartig von ihr abgefallen. Geistesgegenwärtig hatte sie in die Satteltasche gegriffen, hatte das Gerät, das unter ihrer Schmutzwäsche gelegen hatte, hervorgezogen und den Feuermechanismus betätigt. Zum Glück hatte sie den Prototyp schussbereit in ihrer Tasche verstaut - im Fall eines Überfalls durch Banditen wollte sie zumindest eine Chance haben, sich zu verteidigen.
Was dann geschah, war nicht nur für das Ungeheuer eine Überraschung. Beim Test vor drei Wochen war ihr das Geräusch, dass die Feuerwaffe beim Schuss verursachte, wesentlich leiser vorgekommen. Aber das Gerät erfüllte seinen Zweck. Das Monster in ihrer Nähe ging zu Boden, die anderen, die sie im Gebüsch im Hintergrund ausmachen konnte, wichen erschrocken zurück.
Das gab ihr genug Zeit, um nach ihrer Tasche zu greifen, sie sich über die Schulter zu werfen und einen der Bäume zu erklimmen, die in wenigen Metern Entfernung standen. Nie hätte sie es für möglich gehalten, so schnell auf einen Baum zu klettern. Zuerst rutschte sie ein paar Mal an der feuchten Rinde ab, fand nicht den richtigen Tritt, bekam dann aber einen starken Ast zu fassen und zog sich hoch. Leider hatte sie keine Ahnung, ob diese Ungeheuer klettern konnten oder nicht.
Während sie nun versuchte, die Waffe für einen zweiten Schuss bereit zu machen, rief sie so laut sie konnte um Hilfe. Wo war nur dieser Prahlhans Olbertz? Und wo Jonas? Waren sie von den Biestern überrascht und vielleicht sogar überwältigt worden? Hoffentlich, oh hoffentlich hörte der Hexer ihre Rufe, auch wenn er von allen am weitesten entfernt sein musste. Wieso kam ihr denn niemand zu Hilfe?
Sie versuchte, noch lauter zu schreien…

Als Eskel das Lager erreichte, sah er sie sofort auf einem windschiefen Baum sitzend, umringt von acht Nekkern und verzweifelt um Hilfe rufend. Einer der Nekker versuchte, am Baum hochzuspringen und schlug mit seiner Klaue nach ihrem Bein. Thalia schickte ihn aber mit einem heftigen Tritt auf den Schädel wieder zurück auf den Boden.
Im Laufen zog Eskel das Silberschwert aus der Scheide auf seinem Rücken und schickte die Nekker, die ihm am nächsten standen, mit dem Zeichen Aard zu Boden. Die Ogroiden hatten seinem Schwert nichts entgegenzusetzen. Einer versuchte, ihn von der Seite anzuspringen und ihm seine Klauen in die Schulter zu schlagen, doch Eskel vollführte eine Pirouette und trennte dem Nekker im Sprung den Kopf von den Schultern. Den Schwung der Drehung ausnutzend, schlitzte er einem anderen Angreifer den Brustkorb auf und hieb mit einem Schlag dem nächsten den Arm ab.
Die zuvor betäubt am Boden liegenden Nekker richteten sich schleppend auf und verschwanden, halb kriechend, halb laufend, im Gebüsch. Einem weiteren stach Eskel das Schwert in die Eingeweide. Der Anblick sorgte dafür, dass auch die letzten beiden Angreifer der Mut verließ und sie so schnell sie konnten ihren bereits geflohenen Kameraden hinterherhechteten.
Eskel lauschte - die Nekker legten eine immer größer werdende Entfernung zurück, lauerten also nicht im Gebüsch auf die nächste Gelegenheit zum Gegenangriff. Unter anderen Umständen hätte Eskel ihnen nachgesetzt, hätte alle Mitglieder der Gruppe ausgeschaltet. Aber ein Blick auf Thalia reichte, um zu erkennen, dass er sie nicht allein lassen konnte.
War sie auch eben noch so besonnen gewesen, sich in die relative Sicherheit des Baumes zu retten, so brach sich die Panik der letzten Minuten nun Bahn. Tränen liefen ihr über die Wangen, sie schluchzte laut und sah ihn verwirrt an.
“Ihr könnt jetzt herunterklettern, sie sind weg.” Sie brauchte ein paar Sekunden, um zu reagieren, versuchte ungeschickt und zittrig, vom Baum herunterzusteigen. Eskel half ihr auf dem letzten Stück und reichte ihr die Hand, als sie vom untersten Ast heruntersprang. Zu seiner Verwunderung warf sie die Arme um ihn und drückte sich dicht an ihn, umklammerte ihn wie eben zuvor den rettenden Baumstamm. Sie zitterte. Eskel zögerte kurz, legte dann jedoch seine Arme um sie und hielt sie, bis sie sich beruhigt hatte.
“Sie sind weg. Es ist vorbei.” Langsam wurde ihr Atem wieder ruhiger, sie löste sich aus der Umarmung, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und atmete tief durch. “Tut mir leid. Ich habe wohl die Nerven verloren. Es ging alles so schnell…”
“Wo sind Jonas und Olbertz?”, fragte Eskel.
“Ich habe keine Ahnung. Eben saßen sie noch am Feuer, ich habe im Bach Wäsche gewaschen und auf einmal tauchte dieses Vieh neben mir auf. Was sind das für Kreaturen? Sind das Nekker?” Sie ging neben einem der Kadaver in die Hocke, um das Ungeheuer genauer zu betrachten.
“Ja, sogar ziemlich große Exemplare. Sie jagen immer in Gruppen. Normalerweise halten sie sich eigentlich von Feuern fern und sind eher scheu, wenn sie mehr als einen Menschen wittern…”
“Ich habe solche Wesen bisher nur in Büchern gesehen. Diese Klauen… Wir müssen Jonas und Olbertz suchen. Die beiden hatten vielleicht weniger Glück als ich.”
Trotz seines sensiblen Gehörs konnte Eskel keinen Laut von den beiden Wächtern hören. Er ging ein Stück weiter am Bachufer entlang. Hinter einer Baumgruppe hatten sie die Pferde für die Nacht festgebunden. Doch anstelle der erwarteten fünf Tiere fand er nur noch Skorpion und die Stute der Alchemistin dort vor. Von den Reittieren der beiden Männer und dem Packpferd fehlte jede Spur. Ein Verdacht kam in Eskel auf…
Er ging zurück zum Lager und untersuchte das umliegende Gebüsch. Da war er - ein feiner, aber für ihn gut wahrnehmbarer Geruch. Leicht süßlich, wie verwesendes Fleisch, gemischt mit Pheromonen. Ein Nekker-Köder.
“Sieht so aus, als ob unsere Wächter mit drei der Pferde auf und davon wären. Sie haben die Nekker angelockt.”
“Was?” Thalia sah ihn ungläubig an. “Das kann ich nicht glauben. Wieso sollten sie so etwas tun? Ich meine… Ich hätte von diesen Viechern getötet werden können!”
“Hier - Nekker-Köder. So etwas liegt nicht zufällig im Gebüsch. Ich wette, in der Nähe liegen noch weitere davon. Sie haben einen günstigen Moment abgepasst, in dem ich weit genug entfernt und ihr abgelenkt wart.”
Thalia war immer noch fassungslos. “Wieso? Warum verschwinden sie einfach so mit den Pferden? Oh nein - meine Instrumente! Meine Zutaten!” Die Erkenntnis traf sie wie der Schlag. “Bei allen Göttern. Ich hätte nie gedacht, dass sie so weit gehen würden…”
“Wer würde nicht so weit gehen?”
“Die Efferens. Die Familie meines Konkurrenten an der Akademie. Alric Efferen hat sich ebenfalls um die Professur beworben. Er spielt schon sein ganzes Studium über mit unfairen Mitteln, setzt ständig seine Beziehungen und das Geld seiner Familie ein, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Aber dass er soweit gehen würde, Angestellte der Akademie zu bestechen, um mich zu sabotieren - oder vielleicht sogar umzubringen… Diese Hundsfötter!”
“Tja, treffender hätte ich es auch nicht formulieren können. Wir sollten von hier verschwinden. Die Köder werden noch mehr Nekker anlocken, das ist kein sicherer Ort mehr. Packen wir alles zusammen. Ich schlage vor, wir reiten ein Stück weiter und schlagen unser Lager auf einem der kleinen Plateaus dort hinten auf. Dort sollten wir vor weiteren Überraschungen sicher sein.”

Als sie den neuen Lagerplatz unweit der Straße erreicht hatten, war es bereits dunkel geworden. Thalia hatte auf dem Weg dorthin geschwiegen, der Schock über den Angriff stand ihr noch immer ins Gesicht geschrieben. Eskel suchte schnell ein paar Äste zusammen, schichtete sie auf und entzündete mit Igni ein Feuer. Aus seiner Satteltasche holte er eine Decke, legte sie Thalia ungefragt über die Schultern, als diese in der Nähe des Feuers Platz nahm. Ihr zuvor locker zusammengestecktes Haar hatte sich gelöst, einzelne Strähnen fielen ihr unordentlich ins Gesicht.
“Danke.” Sie brachte ein kleines Lächeln zustande, schien aber immer noch in Gedanken beim eben Erlebten zu sein. Eskel holte eine Flasche aus seinem Gepäck, öffnete sie und reichte sie Thalia. Das Aroma eines hochprozentigen Schnapses drang in ihre Nase. “Hier, Magistra, trinkt einen Schluck davon. Wie geht es Euch?”
“Ich… ich habe noch nie zuvor so große Angst gehabt. Ohne Euch hätten mich diese Kreaturen in Stücke gerissen…”
Sie nahm einen Schluck aus der Flasche. “Oh! Was ist das? Schmeckt eigenartig.”
“Weiße Möwe. Ein Hexertrank, aber harmlos. Beruhigt die Nerven.”
“Das kann ich gebrauchen, danke.” Sie trank noch einen Schluck und atmete tief durch. “Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Olbertz und Jonas das getan haben. Ich meine… Hatten sie geplant, dass ich den Nekkern zum Opfer falle oder dachten sie, dass Ihr in jedem Fall rechtzeitig zurück wärt, um das Schlimmste zu verhindern? Wollten sie nur, dass ich ohne Ausrüstung aufgebe und umkehre?”
Sie sah Eskel an. “Ich glaube, ich fühle mich wohler dabei, wenn ich mir einrede, dass es nicht mein Tod war, den sie wollten. Wo sie jetzt wohl hin sind? Wenn wirklich die Efferens dahinter stecken, dann haben sie den beiden bestimmt genug gezahlt, um sich abzusetzen und ein neues Leben zu beginnen. Oder ob sie sich ihrer Sache so sicher sind, dass sie zurück nach Oxenfurt gehen…?”
“Das werdet Ihr herausfinden, wenn Ihr selbst zur Akademie zurückkehrt. Mit dem Gegengift.” Sie sah so niedergeschlagen aus, dass Eskel das Bedürfnis verspürte, ihr Mut zuzusprechen. Zu seiner Erleichterung lächelte sie ob seiner zuversichtlichen Worte.
Eskel bereitete die vier Kaninchen vor, die er vor dem Nekker-Zwischenfall erlegt und an seinem Gürtel befestigt hatte und wenig später brieten sie, gehäutet und ausgenommen, an Stöcken über dem Feuer. Thalia blickte starr in die Flammen.
Um die Alchemistin von ihren eigenen Gedanken abzulenken, fragte Eskel sie nach der Feuerwaffe, mit der sie den Nekker ausgeschaltet hatte. “Oh, das ist ein Prototyp, den ich konstruiert habe. Eigentlich noch nicht ganz fertig. Die Redanische Armee hat die Entwicklung einer Waffe in Auftrag gegeben, die eine größere Reichweite als eine Armbrust haben soll. Ich habe noch nicht die richtige Mischung des Zündpulvers gefunden. Deshalb habe ich den Prototypen mitgenommen, um während meiner Zeit in Aedd Gynveal daran arbeiten zu können.
Ich habe eigentlich kein gutes Gefühl dabei, Waffen für das Militär zu entwickeln. Aber wenn ich den Auftrag nicht angenommen hätte, dann hätte es einer meiner Kollegen getan. Und ich kann es mir zur Zeit nicht erlauben, einen schlechten Eindruck bei meinen Professoren zu erwecken, indem ich eine Aufgabe ablehne.
Neben der Heilmittelforschung ist meine zweite Leidenschaft die Pyrochemie - wie man sehen kann…” Thalia hielt ironisch lächelnd ihre rechte Hand hoch, an der der kleine Finger oberhalb des ersten Gliedes fehlte.
“Ein Unfall?”, fragte Eskel.
“Ja, vor ein paar Jahren. Wenn man Glycerin zu Salpetersäure und Schwefelsäure in ein Gefäß gibt, erhält man ein hochexplosives Gemisch, das auf die geringsten Erschütterungen reagiert. Deshalb sollte man das Glycerin auch nur in kleinen Tropfen über einen Stab in das Gefäß laufen lassen, ganz langsam… Naja, ich habe den Stab wohl etwas zu senkrecht gehalten. Der Tropfen rollte zu schnell daran herab und traf auf die Oberfläche des Gemisches. Die Explosion hat mich den Finger gekostet und mir einige Glassplitter in die Haut getrieben. Bis auf ein paar Narben ist zum Glück nichts zurückgeblieben. Außer einer Erfahrung, die mich gelehrt hat, nie mehr zu ungeduldig im Umgang mit explosiven Substanzen zu sein…” Thalia lächelte Eskel schelmisch an.
Dann blickte sie wieder betrübt ins Feuer. “Tja, vielleicht habe ich ja jetzt sehr viel mehr Zeit für die Verbesserung des Prototypen, als ich dachte. Meine Ausrüstung ist weg. Ich habe keine Idee, wie ich nun an dem Gegengift forschen soll, wenn ich in Aedd Gynvael bin. Ohne meine Geräte wird es schwierig, die Wirkstoffe zu extrahieren und weiterzuverarbeiten. Miroslavs Labor ist bestimmt nicht gut genug ausgestattet dafür. Er beschränkt sich so weit ich weiß eher auf die Herstellung von… nennen wir es mal… Kräuterextrakten. Dafür braucht man nicht viel… Meint Ihr, es gibt in der Stadt einen Magier, der mich gegen Bezahlung nach Oxenfurt zurück teleportieren könnte?”
“Hm… Portale sind so eine Sache. Nur wirklich gute Zauberer sind in der Lage, stabile und sichere Portale zu erzeugen. In Ban Ard könntet Ihr Glück haben. Aber die Zauberer dort sollen nicht sehr zugänglich sein, wie ich gehört habe. In Aedd Gynvael soll sich aber ein recht talentierter Zauberer niedergelassen haben, der Euch vielleicht helfen könnte. Ein gewisser Istredd. Auf Hexer ist er allerdings nicht gut zu sprechen…” Thalia blickte ihn fragend an. “Ist eine alte Geschichte”, erklärte Eskel. “Mein Bruder Geralt hatte mit ihm eine Meinungsverschiedenheit. Wegen einer Frau.”
"Oh..." Sie nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Der Trank schien sie sichtlich zu entspannen. Sie blickte ihn lange und intensiv an. “Ich bin froh, dass Ihr es wart, der den Auftrag angenommen hat.”
Eskel hob überrascht ob dieser Wendung des Gesprächs die Brauen. Sprach da die Weiße Möwe aus ihr? “Ähm, ja…” Eskel war es nicht gewohnt, dass jemand etwas Nettes zu ihm sagte. Schon gar nicht eine Frau. Thalias Worte machten ihn verlegen. “Ich glaube, unser Essen ist soweit.”
Er beeilte sich, die Kaninchen von den Stöcken zu ziehen und legte jeweils einen Leib für sich und Thalia auf ein Tuch, das er zwischen ihnen auf dem Boden ausgebreitet hatte. Die restlichen zwei Kaninchen legte er zur Seite - sie würden morgen noch eine schmackhafte Mittagsmahlzeit abgeben.
Thalia hatte unterdessen ein paar getrocknete Kräuter aus ihrer Tasche geholt und bestreute nun das braun und knusprig geröstete Fleisch damit. Nachdem sie in den letzten Tagen mehr oder weniger von den Resten ihres Proviants gelebt hatten, schmeckten die frisch zubereiteten Kaninchen wie die köstlichste Delikatesse. Sie aßen schweigend.
Thalia rieb sich die Augen und unterdrückte ein Gähnen. “Ich glaube, ich lege mich schlafen. Der Alkohol hat mich müde gemacht.” Sie gab ihm seine Decke zurück, holte ihre eigene aus ihrer Satteltasche und bereitete ihr Nachtlager in der Nähe des Feuers vor. Dann rollte sie sich auf ihrer Schlafmatte zusammen und deckte sich so gut es ging zu. “Gute Nacht, Eskel.”
“Gute Nacht, Thalia. Schlaft gut.” Eskel legte sich ebenfalls hin, lauschte dem Prasseln des Feuers und Thalias Atem.
Auch als sie schon lange tief und friedlich schlief, lag Eskel noch wach und blickte hinauf zu den Sternen.
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