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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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18.05.2018 3.458
 
„Verdammt, das muss doch passen …“ Thalia versuchte, noch ein weiteres Buch in die Satteltasche zu stecken. Erst, nachdem sie alles darin bereits Verstaute noch einmal ausgepackt und dann neu arrangierte hatte, schaffte sie es, alles unterzubringen. Sie wollte nur wenige persönliche Dinge mitnehmen, auch ihre Reisegarderobe hielt sich in Grenzen. Es fiel ihr aber schwer, sich für die richtigen Bücher zu entscheiden, die sie für ihre Arbeit benötigen würde. In die Taschen, die das Packpferd tragen sollte, hatte sie bereits einige Instrumente und alchemistische Substanzen gepackt, die sie in Aedd Gynvael wahrscheinlich nicht finden würde.
Ganz unten in ihrer Satteltasche lag auch der Prototyp der “Feuerarmbrust”, wie einer ihrer Kollegen die Metallkonstruktion getauft hatte, an der Thalia seit einiger Zeit im Auftrag der Akademie arbeitete. Falls sie schneller als erwartet mit ihrer Forschung fertig werden sollte, konnte sie die Zeit, die sie bis zur Rückreise im Norden warten musste, sinnvoll nutzen und das Gerät weiterentwickeln.
Es war schon spät und Thalia wusste, dass sie nun eigentlich schlafen sollte, um für den morgigen Tag ausgeruht zu sein. Doch sie war zu aufgeregt, um auch nur an Schlaf zu denken. Auch ein Lavendelsud, den sie gern vor dem Schlafengehen trank, hatte daran nichts geändert.
In wenigen Stunden würde sie zu einer wochenlangen Reise aufbrechen, zwei Wächter und ein Hexer als einzige Gesellschaft. Als der Mutant ihr plötzlich in ihrem Labor gegenübergestanden hatte, hatte sie sich sehr beherrschen müssen, um sich ihren Schrecken nicht anmerken zu lassen. Die grauenhaften Gesichtsverletzungen des hünenhaft großen Mannes zogen sofort jeden Blick auf sich. Seine kräftige Statur sorgte zusätzlich dafür, dass er beängstigend und einschüchternd wirkte. Das Gespräch mit ihm hatte sie ihren ersten Eindruck jedoch revidieren lassen.  
Immer wieder schweiften ihre Gedanken zu dem Moment ab, in dem sie die Hand des Hexers berührt hatte. Seine Haut schien eine Art Vibration auszustrahlen, die bei ihrem Händedruck ein sanftes, angenehmes Prickeln hinterließ. Von solch einem Phänomen hatte sie noch nie gehört. Vielleicht handelte es sich dabei um eine Eigenart der Hexer? Sie sollte Shani danach fragen …
„Klopf, Klopf.“
Thalia drehte sich um. Shani stand vor der offenen Tür zu Thalias Kammer. „Das ist ja ein Zufall. Ich habe gerade an dich gedacht.“
„Sag, packst du etwa? Was hast du vor?“
„Ich gehe doch auf die Expedition, von der wir letztens gesprochen haben.“
„Bitte? Du willst selbst reisen? Ich dachte, du suchst nur einen Hexer, der dir die Organe besorgt und bereitest hier alles für die Experimente vor.“
„Ja, das hatte ich eigentlich auch so geplant, aber … Ich muss sichergehen, dass das Gift in hoher Konzentration gewonnen werden kann und das kann ich nur, wenn ich die Drüsen so frisch wie möglich verarbeite und die Leberenzyme extrahiere, bevor sich die Bestandteile zersetzen. In Aedd Gynvael kann ich in Ruhe in Miros Labor arbeiten. Er hat mir schon auf meine Nachricht geantwortet. Und mit etwas Glück kehre ich dann mit brauchbaren Ergebnissen zurück, sobald die Gebirgspässe nach dem Winter wieder passierbar sind.“
Shani sah sie fragend an. “Miro? Meinst du Miroslav Kajczak? Der lebt jetzt in Aedd Gynvael? Ich wusste gar nicht, dass es diesen komischen Kauz so weit in den Norden verschlagen hat. Widmet er sich immer noch der… wie nannte er das damals noch gleich? ´Herstellung von Substanzen, die das Bewusstsein in höhere Ebenen der Wahrnehmung versetzen´?”
Thalia seufzte. „Vermutlich. Aber so genau will ich das eigentlich gar nicht wissen. Vielleicht will ich durch die Reise auch beweisen, dass ich nicht die weltfremde Laborhexe geworden bin, für die mich viele hier an der Akademie halten. Eigentlich will ich es vor allem mir selbst beweisen … Aber mittlerweile, wo es morgen schon losgeht, habe ich Angst vor der eigenen Courage.“
„Ach Thalia … In dir steckt so viel mehr, als du dir selbst zutraust. Das musst du aber niemandem beweisen.“
„Ich weiß, aber seit Gregors Tod habe ich mich doch im Labor verkrochen, habe von der Welt um mich herum kaum noch etwas mitbekommen und mich nur noch in die Arbeit gestürzt. Weißt du, wie lange es her ist, dass ich das letzte mal eine Expedition begleitet habe? Drei Jahre! Und selbst die hat damals nur vier Tage gedauert.
Shani, falls ich wirklich die Professur erhalten sollte – und ich sage falls, weil ich ehrlich gesagt nicht wirklich damit rechne, dass mir dieses Gegengift gelingen wird – dann bedeutet das, dass ich in den nächsten Jahren außer dieser Akademie wahrscheinlich nicht viel zu sehen bekomme. Aber vorher möchte ich noch einmal Luft holen und die Welt sehen. Auch wenn es nur nach Kaedwen geht.“  Thalia lächelte ein wenig traurig. „Vielleicht helfen mir ein paar Wochen im Sattel und in der Natur, mit der Vergangenheit abzuschließen und den Kopf wieder frei zu bekommen. Und meinem Körper wird die Reise auch gut tun. Außerdem ist diese Sache zu wichtig, als dass ich sie allein einem Hexer überlassen könnte.“
„Es hat sich also jemand für den Auftrag gefunden. Welchen Eindruck hast du?“
„Merkwürdigerweise einen guten. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass so ein Mutant abstoßend wäre, aber auf den zweiten Blick war er eigentlich sogar recht nett. Ein Meister Eskel von der Wolfsschule.“
„Eskel? Von dem hat Geralt mir einmal erzählt. Soweit ich mich erinnere, ist er ein alter Freund von ihm. Gut, dass du an jemand Vertrauenswürdigen geraten bist.“
„Ja, es hätte schlimmer kommen können …
Sag mal, Shani, wenn du Geralt berührt hast – hattest du dann auch so ein merkwürdiges Kribbeln auf der Haut? Ich kann es nur schwer beschreiben …“
„Kribbeln? Nein. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch, falls du das meinst …“ Shani grinste verschmitzt.
„Ach, hör auf. So meinte ich das nicht.“
Aber Shani hatte schon recht, es war ein großes Glück, dass sich ein Hexer für den Auftrag gefunden hatte, der einen guten Ruf zu haben schien, Erfahrung mitbrachte, dazu noch in der Lage war, vollständige Sätze zu formulieren und recht gute Umgangsformen zu haben schien. In der Begleitung eines tumben Schlagetots zu reisen, wäre mit Sicherheit alles andere als ein Vergnügen. Und sie hatte ja auch immer noch die zwei Wachmänner der Akademie zu ihrem Schutz dabei.
In ein paar Wochen würde sie in Kaedwen wieder in einem Labor arbeiten - nicht ganz so komfortabel wie ihres an der Akademie, aber immerhin ein Labor. Ein kleines Abenteuer auf dem Weg dorthin war eine willkommene Abwechslung.

Am nächsten Morgen führte Eskel Skorpion in den Innenhof des Campus, wo bereits vier Pferde gezäumt und gesattelt auf den Aufbruch warteten. Die Satteltaschen waren prall gefüllt, auf dem Rücken des Packpferdes waren zusätzlich eine Reihe von Laborgeräten und Instrumenten festgezurrt. Die drei Reitpferde, zwei Braune und ein Schimmel, waren nicht ganz so schwer beladen, jedoch konnte man hin und wieder das Klirren von Flaschen hören, die sich wohl in den Satteltaschen befanden. Die Alchemistin hatte anscheinend ein halbes Labor ausgeräumt und in den Taschen verstaut.
Zusammen mit den beiden Begleitern stand sie etwas abseits und unterhielt sich mit einem älteren Mann, der offenbar ebenfalls Wissenschaftler der Akademie war. Er wünschte ihr alles Gute und warf dabei Eskel einen leicht abschätzigen Blick zu. Die beiden Wächter taxierten ihn ebenfalls mit Blicken, wobei der größere der beiden Männer sich nicht die Mühe machte zu verbergen, was er von dem Hexer hielt. Sein Begleiter, ein schlanker, drahtiger Mann von mittlerer Größe schien hingegen eher interessiert als abgestoßen und musterte im Vorbeigehen Eskels Schwerter auf dessen Rücken und die Armbrust, die an Skorpions Sattel befestigt war. Thalia verabschiedete sich von dem Mann im Talar und ging mit einem Lächeln auf Eskel zu.
„Guten Morgen, Meister Hexer. Das sind Olbertz“ – sie deutete auf den größeren der Wächter , der bereits dabei war, sein Pferd zu besteigen – „und Jonas.“ Der Mann nickte Eskel kurz zu.
„Wir wären dann jetzt soweit“, fuhr sie fort. „Meint Ihr, wir schaffen es heute bis nach Rawia?“
„Das sollten wir schaffen, wenn wir heute Mittag nur eine kurze Rast einlegen. Wir müssten aber ein straffes Tempo halten – ich hoffe, Ihr seid längere Ritte gewohnt?“
„Das schaffe ich schon, keine Sorge.“ Thalia lächelte und wandte sich ihrem Pferd zu, einer gepflegten Schimmelstute, die an ihrem Sattel das Wappen der alchemistischen Fakultät - ein Hermelinkreuz auf rotem Schild - trug. Eskel beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sie leicht umständlich in den Sattel stieg. Offenbar war sie keine sehr geübte Reiterin. Das konnte ja noch interessant werden …

Thalia ritt hinter Eskel über die Brücke, Richtung Novigrader Tor, gefolgt von den beiden Begleitern. Heute, im Tageslicht, wirkte der Hexer noch deutlich … andersartiger, als gestern im sanften Licht des Labors. Bei der Begrüßung konnte Thalia deutlich seine gelben Katzenaugen sehen, die Pupillen im Sonnenlicht zu dünnen Schlitzen zusammengezogen. Die Narbe, die fast seine gesamte rechte Gesichtshälfte durchzog, verstärkte den gefährlichen Eindruck – wie ein Raubtier, das jederzeit bereit zum Angriff war … Aber was ganz und gar nicht zu diesem Eindruck passte, waren die Freundlichkeit des Hexers und seine dunkle, aber sanfte Stimme. Als sie nun hinter ihm ritt, konnte sie die beiden Schwerter auf seinem Rücken betrachten – wieso zwei Schwerter? Kämpften Hexer mit einem Schwert in jeder Hand? Das Heft des rechten Schwertes sah merkwürdig aus, anders als bei allen Schwertern, die sie bis jetzt gesehen hatte. Aber Thalia hatte sich eigentlich nie wirklich für Stich- und Fechtwaffen interessiert, höchstens für die Materialien, die man für besonders haltbare Legierungen benutzen konnte.
Der Hexer ritt schweigend vor ihr her, bis sie das Novigrader Tor passiert hatten. Dann zog er das Tempo merklich an – offenbar erwartete er, dass seine Begleiter sich ihm anpassten. Thalia spornte ihre Stute zu einem leichten Kanter an. Auch wenn sie dem Hexer gegenüber selbstsicher ihre Reittauglichkeit verkündet hatte – sie hatte große Bedenken, ob sie den ganzen Tag über mit den drei Männern würde mithalten können. Dass der Hexer den größten Teil seiner Zeit im Sattel verbrachte, stand außer Frage und auch ihre beiden Begleiter waren erfahrene Expeditionswächter, die schon seit vielen Jahren im Dienst der Akademie Forscher zu entlegenen Stätten begleiteten. Für alle Fälle hatte Thalia die eine oder andere Salbe für wunde Stellen eingepackt. Sie wollte sich auf keinen Fall vor den Männern blamieren, indem sie zu langsam ritt und die gesamte Gruppe aufhielt.
Dekan Bloomfeld hatte es sich nicht nehmen lassen, sie vor ihrem Aufbruch zu verabschieden und ihr gutes Gelingen zu wünschen. Thalia schätzte sich glücklich, ihn als Fürsprecher an der Fakultät zu haben. Ohne seine Unterstützung hätte sie es vermutlich nie so weit in der Hierarchie der Wissenschaftler in Oxenfurt gebracht. Von ihren Kollegen und Freunden an der Akademie hatte sie sich schon gestern Abend verabschiedet. Die meisten waren überrascht, dass sie selbst eine Expedition begleitete – noch dazu eine, die nur aus einer Handvoll Personen bestand und somit ein größeres Risiko barg, von Banditen überfallen zu werden. Oder sogar von noch Schlimmerem… Tja, das hättet ihr der langweiligen Thalia wohl nicht zugetraut, dachte sie. Wobei sie ihren Freunden auch nicht unrecht tun wollte, die meisten hatten sich ehrlich anerkennend ob ihres Mutes geäußert. Jetzt musste sie es nur noch schaffen, heil wieder zurückzukommen, am besten mit einem wirksamen Gegengift, das ihr die Promotion sichern würde.

Als die Sonne im Zenit stand, legten sie etwas abseits des Weges eine Rast ein. Bisher waren sie gut vorangekommen, waren an zahlreichen kleinen Dörfern und Bauernhöfen vorbei gekommen. An einem kleinen Bach füllten sie ihre Feldflaschen wieder auf. Thalia trank einen großen Schluck des kühlen Wassers. Auch wenn das Wetter zum Reiten durchaus angenehm war, so hatten die Stunden in der prallen Sonne sie doch zum Schwitzen gebracht. Sie war froh, dass sie sich für leichte Reitkleidung entschieden hatte. Ihre Kehrseite hatte schon vor zwei Stunden begonnen, gegen den Sattel zu protestieren, aber da musste sie nun durch. Nach ein paar Tagen würde sie sich hoffentlich wieder ans Reiten gewöhnt haben.
Olbertz und Jonas saßen beisammen auf einem umgestürzten Baumstamm und aßen etwas von ihrem Proviant. Die Pferde tranken aus dem Bach und fraßen vom Gras, das in üppigem Grün den Bachlauf säumte. Der Hexer hatte sich auf einem großen Stein niedergelassen und biss herzhaft in einen Apfel. Sein Hemd hatte er ein Stückweit geöffnet und Thalia erhaschte einen Blick auf ein silbernes Medaillon in Form eines Wolfskopfes, das auf seiner Brust lag. Als er ihren Blick bemerkte, zog er den linken Mundwinkel leicht nach oben. Anscheinend das Äquivalent eines Lächelns, das ihm aufgrund seines versehrten Gesichts möglich war.  
Thalia fühlte sich ertappt und schaute schnell zur Seite. Sie nahm sich selbst ein Brötchen und einen Pfirsich aus ihrer Provianttasche und setzte sich auf einen Stein in der Nähe des Hexers. Er blickte sie an, zog den Anhänger seiner Halskette hervor und hielt ihr das Medaillon hin, sodass sie es betrachten konnte. „Das Zeichen der Wolfsschule“, erklärte er.
„Entschuldigung, ich wollte Euch eben nicht anstarren“, erklärte Thalia schnell.
„Ist schon in Ordnung. Ich bin daran gewöhnt.“
Thalia lächelte. Es war ihr zwar peinlich, dass ihm ihre Blicke aufgefallen waren, aber wie so oft bei ihr siegte die Neugier. „Ich muss zugeben, dass ich vor Euch noch nie einem Hexer begegnet bin. Ich weiß nur vom Hörensagen, dass es wohl verschiedene Hexerschulen gibt. Und natürlich…dass Hexer physisch verändert werden …“ All die Fragen, die schon seit gestern in ihrem Kopf herumschwirrten, brannten ihr auf der Zunge. „Entschuldigt bitte mein berufliches Interesse, aber wie wurden diese … Mutationen hervorgerufen?“
Der Hexer schaute sie an, ohne direkt auf ihre Frage zu reagieren. Thalia wurde verlegen – sie hatte ihre Manieren vergessen und war zu weit gegangen. „Verzeiht bitte, ich bin zu neugierig. Es tut mir leid.“
„Nein, nein, schon gut. Früher gab es auf der Welt viele Hexerschulen. Die meisten davon gehören aber der Vergangenheit an und bilden keinen Nachwuchs mehr aus. Es gibt nur noch ein paar Dutzend Hexer, die übrig geblieben sind. Und die Mutationen … Einzelheiten dazu kann und darf ich Euch nicht nennen, nur dass wir als Kinder einer Reihe von Substanzen ausgesetzt wurden, die unsere Körper verändert haben. Wir nennen das die „Kräuterprobe“. Aber das Wissen darum ist in Vergessenheit geraten – und dort soll es auch bleiben. Kein Kind soll das mehr durchmachen müssen.“
Eskels Stimme war leise geworden. Er wirkte kurz gedanklich abwesend, dann fing er sich jedoch schnell wieder. „Für eine Alchemistin wäre ein Hexer bestimmt ein interessantes Forschungsobjekt.“ „Oh, ich …“ Thalia wollte sich gerade rechtfertigen, bis sie sein schräges Lächeln bemerkte und realisierte, dass er sie nur ein wenig aufzog. Er wollte sie necken? In Ordnung, das konnte er haben. „Also, einen Hexer würde ich nicht von meinem Labortisch stoßen …“ Bei allen Göttern, hatte sie das gerade wirklich gesagt? Was war nur in sie gefahren? Die Röte schoss ihr ins Gesicht.  Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Da dies jedoch keine Option war, murmelte sie nur etwas von „noch kurz etwas erledigen, bevor wir weiterreiten“ und ergriff die Flucht. Eilig ging sie zu ihrem Pferd und gab vor, den Sitz der Satteltaschen zu kontrollieren. Ihre forsche Antwort hatte den Hexer sichtlich überrascht. Hoffentlich dachte er jetzt nicht zu schlecht von ihr. Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, ihn und sich selbst mit Zweideutigkeiten in Verlegenheit zu bringen. Sie atmete tief durch und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Alles halb so schlimm. Ein missglückter Scherz, weiter nichts…
Sie verstaute den Proviant wieder in der Satteltasche. Dabei bemerkte sie ein Kribbeln an ihrem Handgelenk und drehte den Arm, um nachzusehen. Auf ihrem Ärmel saß eine Spinne – fingerlang und schwarz. Thalia stieß einen spitzen Schrei aus und wedelte mit ihrem Arm schnell hin und her, um das Tier abzuschütteln. Das gelang ihr auch, die Spinne verschwand im Gras. Von ihrem Schrei alarmiert war der Hexer sofort an ihrer Seite. „Was ist passiert? Habt Ihr etwas gesehen?“ Konzentriert blickte er sich um, schien die Umgebung mit allen Sinnen zu erfassen. Thalia seufzte. Konnte es noch peinlicher werden? Sollte sie vielleicht erzählen, dass sie eine beängstigende Kreatur im Gebüsch gesehen hätte? Aber nein, sie würde ihn nicht auch noch anlügen, nachdem sie eben schon so schlechte Manieren gezeigt hatte. „Es ist nichts. Ich habe mich nur erschrocken.“
„Wovor denn?“
Thalia seufzte. „Also, da war… da war eine Spinne auf meinem Arm und ich… also ich bin ein wenig arachnophob“, erklärte sie leicht verlegen. Der Hexer hob die Augenbrauen. „Und … ist das Untier weg oder soll ich mich darum kümmern?“
„Alles gut, ich habe sie schon verscheucht. Keine Arbeit für einen Hexer in Sicht …“ Sie lächelte verlegen.
Der Gesichtsausdruck des Hexers änderte sich plötzlich - von leicht belustigt wirkte er schlagartig ernst und hochkonzentriert. Thalia runzelte verwirrt die Stirn.
“Tretet bitte ganz langsam auf mich zu, Magister. Nicht umdrehen und keine hastigen Bewegungen.” Eskel trat einen Schritt zurück, dann noch einen.
“Was? Ist da etwas hinter mir?” Ein Anflug von Panik erfasste sie, aber Thalia tat wie ihr geheißen und trat mit klopfendem Herzen einen Schritt nach dem anderen vor.
“Olbertz und Jonas, bitte tretet ebenfalls zurück. Bis zur Baumgruppe dort drüben.” Aus dem Augenwinkel sah Thalia, wie die beiden Wächter ihren Platz auf dem Baumstamm fluchtartig verließen und sich in Sicherheit brachten. Bei allen Göttern, was war denn dort hinter ihr? Eine Bestie, die nur darauf lauerte, sie von hinten anzuspringen? Wieso hatte sie nur nichts bemerkt?
Inzwischen hatte sie sich zusammen mit dem Hexer mehrere Meter von der Gefahrenquelle entfernt. Eskel schien sich etwas zu entspannen, als sie ebenfalls den Rand der Baumgruppe erreichten.
“In Ordnung, hier seid Ihr in Sicherheit. Haltet Euch etwas hinter den Bäumen auf, ich muss mich kurz um etwas kümmern …”
Thalia blickte sich um und spähte angestrengt zu der Stelle, an der sie eben noch gestanden hatte. Sie konnte einfach nichts erkennen, außer ein paar Büschen. Einer davon sah seltsam stachelig aus, aber sie hatte das Gewächs für einen Nadelborlix gehalten. Moment! Der “Busch” hatte sich bewegt - aber es regte sich kein Windhauch. Die Stacheln schienen zu wogen! Das Ding lebte!

Eskel war inzwischen wieder zu dem Echinops zurückgegangen. Das Tier wurde immer nervöser, die Stacheln begannen, sich wellenförmig zu bewegen. Eskel formte das Zeichen Axii, um das igelähnliche, aber fast einen Meter große Geschöpf daran zu hindern, seine Stacheln zu verschießen. Wenn Thalia eben noch einen Schritt nach hinten getreten wäre, hätte es sehr übel enden können.
Der Echinops hörte auf, sich zu bewegen. Eskel zog sein Silberschwert. Echinops waren nicht wirklich aggressiv, jedoch ging von einem aufgebrachten Tier eine große Gefahr aus. Und gerade hier ließen sich sicherlich häufig Reisende zur Rast nieder - das Risiko, dass jemand tödlich verletzt würde, war einfach zu groß. Eskel holte zum Streich aus und schlug den Echinops mit einem mächtigen Hieb entzwei, genau dort, wo gut verborgen im Stachelkleid der Kopf in den Rumpf überging. Das Tier starb ohne Schmerzen.
Hinter sich hörte Eskel, wie Thalia scharf die Luft einsog - offenbar war sie nicht an solche Anblicke gewöhnt. Er reinigte das Schwert mit einem Tuch und steckte es zurück in die Scheide. Thalia war inzwischen auf ihn zugetreten, den Blick auf den Kadaver gerichtet.
“Was war das, Meister Hexer?”
“Ein Echinops. Er kann seine Stacheln bis zu 10 Fuß weit verschießen, wenn er sich bedroht fühlt. Diese brechen ab, wenn sie in einen Körper eindringen. Die Spitzen wandern dann langsam weiter, bis sie auf ein empfindliches Organ treffen.”
Thalia starrte den toten Körper an, als ihr bewusst wurde, in welcher Gefahr sie sich befunden hatte.
Und das schon wenige Meilen von Oxenfurt entfernt. So langsam begann sie zu glauben, dass diese Expedition keine ihrer besten Ideen gewesen sein könnte …

Wie vor der Rast auch ritt Eskel voraus, die Alchemistin folgte ihm mit etwas Abstand. Die Nachhut bildeten die beiden Wächter, die gern für sich zu bleiben schienen. Eskel konnte hören, dass sie sich während des Ritts miteinander unterhielten. Es ging zum Teil um vergangene Expeditionen, die die beiden für die Akademie begleitet hatten. Olbertz schien der Erfahrenere der beiden zu sein und gab einige Geschichten zum Besten, die seinen Kollegen Jonas anscheinend beeindruckten. Eskel hörte nach einer Weile nicht mehr zu…
Was ihm Rätsel aufgab, war die Frau, die nur wenige Schritte hinter ihm ritt. Ihre Unterhaltung bei der Rast hatte Eskel überrascht – in mehrerlei Hinsicht. Zum einen wunderte er sich über sich selbst, dass er ihr so bereitwillig von der Hexerschule erzählt hatte. Er hatte wieder Vesemirs Stimme im Ohr, die ihm und seinen Brüdern immer wieder predigte, das Wissen der Hexer für sich zu behalten und niemanden in die Praktiken der Schule einzuweihen. Und dann erzählte er einer neugierigen Alchemistin einfach unbefangen von der Kräuterprobe …
Zugegeben, sie war recht charmant und schien ob ihrer eigenen Neugier verlegen zu sein. Deshalb hatte er versucht, ihre Verlegenheit für einen kleinen Scherz zu nutzen. Ihre schlagfertige Erwiderung wusste er jedoch immer noch nicht sicher zu deuten. Zum Glück hatte sie bei der Bedrohung durch den Echinops die Nerven bewahrt.
Aber diese Geschichte mit der Spinne ... Eine arachnophobe Alchemistin auf einer Expedition zur Suche nach Krabbspinnen. Eskel musste schmunzeln. Wahrlich, das konnte noch interessant werden …
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