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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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11.05.2019 4.120
 
Drei Monate später …

Thalia entzündete den Brenner mit einer präzise ausgeführten Geste. Seit der Katalyst-Stein in ihrer Schulter steckte fiel es ihr weitaus leichter, Zeichen zu wirken, als zuvor. Inzwischen bemerkte sie das Gefühl, das der Fremdkörper erzeugte, kaum noch.
An einem der anderen Labortische träufelte Keira eine Nährlösung in eine flache Schale, in der sich Pilzsporen befanden. Vor ein paar Wochen waren Thalia und sie bei ihrer Forschung darauf gestoßen und die bisherigen Versuche hatten sich als vielversprechend erwiesen. Ob nur die Variante der Catriona-Krankheit, die lediglich Anderlinge befiel, oder auch die menschliche Version des Erregers auf die Sporenbehandlung ansprach, würde sich in den nächsten Tagen zeigen.
Thalia trat zu Keira an den Tisch. “Das Destillat sollte in einer Stunde fertig sein.”
Keira blickte zu ihr auf. “Geh du nur schon, ich muss ohnehin noch meine Aufzeichnungen ergänzen. Ich komme später nach.”
“In Ordnung, aber bleib nicht zu lange im Labor. Ich bekomme sonst noch ein schlechtes Gewissen.” Thalia lächelte Keira entschuldigend an.
Sie entledigte sich des Laborkittels und nahm ihre Tasche.

Draußen empfing sie strahlender Sonnenschein, der sie nach der schwächeren Beleuchtung im Labor kurz die Augen zukneifen ließ. Dann machte sie sich auf den Weg zur Garnison der Garde.
Der Wächter am Tor kannte sie bereits und grüßte sie, als sie in den Hof trat.
Ein vertrautes Geräusch wies ihr schnell den Weg. Das Klirren des Aufeinandertreffens zweier Schwerter drang vom Übungsplatz zu ihr herüber.
“Achte auf deine Deckung!” Eskel führte einen Ausfall aus. Der Rekrut, der ihm als Trainingspartner diente, parierte im letzten Moment. Eine Gruppe von zwölf Mann stand in sicherem Abstand um die Kämpfenden herum und beobachtete jede ihrer Bewegungen.
Offenbar dauerte der Trainingskampf schon eine Weile, denn der junge Gardist war sichtlich außer Atem.
Eskel führte eine geschmeidige Drehung aus und attackierte den Jüngeren von der linken Flanke. Beim Ausweichen geriet der Rekrut aus dem Tritt, kämpfte einen Moment um sein Gleichgewicht und bot Eskel damit die Gelegenheit, den Kampf zu beenden. Eskel deutete den Schlag, der den Tod seines Gegners bedeutet hätte, nur an. Dann reichte er dem jungen Mann die Hand. “Gut gekämpft. Achte bei den Paraden mehr auf deinen Stand, der muss noch stabiler werden.”
Er wandte sich an die Umstehenden. “Das Training ist für heute beendet. Morgen werden wir uns in der Bestienkunde mit Krabbspinnen befassen. Beim Training danach werden wir Riposten üben, also macht euch auf einen anstrengenden Tag gefasst. Bis morgen.”
Die Rekruten nickten ihm zu, der Kreis der Umstehenden löste sich auf.
Thalia trat lächelnd auf Eskel zu. Die dunkle Uniform in braun und grau stand ihm ausgezeichnet, wie sie wieder einmal feststellen musste.
“Guten Abend, Frau Professorin”, begrüßte er sie scherzhaft. “Begleitet Ihr mich auf dem Heimweg?”
“Um für eure Sicherheit zu sorgen? Mit dem größten Vergnügen, Meister Eskel.”
Nachdem er sich umgezogen hatte, gingen sie gemeinsam zum Stall der Garnison, in dem nicht nur Skorpion, sondern auch Arenaria auf sie warteten.

Der Weg nach Corvo Bianco führte sie an malerischen Weinbergen vorbei. Der Sommer in Toussaint machte seinem Ruf alle Ehre. Thalia bemerkte, dass sie trotz ihres leichten Kleides bereits schwitzte, als sie an dem kleinen Anwesen am Stadtrand von Beauclair vorbei kamen, dem sie seit ein paar Wochen täglich einen kurzen Besuch abstatteten. Die Handwerker hatten heute offenbar mit dem Anstrich der Fassade begonnen. Der Garten vor dem Haus würde noch etwas Pflege benötigen, aber Thalia freute sich bereits darauf, dort Beete mit Heilkräutern anzulegen.
Ihre Erfindung der Feuerarmbrust und des Zeitzünders hatte sie vor ein paar Wochen in Beauclair zum Patent angemeldet. Für die Nutzungsrechte hatte sie von der herzoglichen Garde eine nicht geringe Summe erhalten - genug, um das Anwesen zu kaufen und das Haus renovieren zu lassen. In ein paar Wochen würden Eskel und sie dort einziehen können. Thalia war froh, dass sie die Gastfreundschaft von Geralt und Yennefer dann nicht länger würden in Anspruch nehmen müssen.
Einer ihrer Kollegen hatte sie geradeheraus gefragt, ob sie wirklich beabsichtige, als unverheiratete Frau mit einem Mann zusammenzuleben. Auch wenn die gesellschaftlichen Gepflogenheiten in Toussaint durchaus toleranter waren, als im Rest der Welt, so hatten doch einige Leute trotzdem Vorbehalte, wenn es um Beziehungen außerhalb des Standes der Ehe ging - vor allem dann, wenn diese offen gelebt wurden. Sobald sie ihr gemeinsames Haus bezögen, würde sie sich wahrscheinlich öfters abfälligen Kommentaren oder spitzen Bemerkungen ausgesetzt sehen. Aber es störte sie nicht weiter - solange sie wertvolle Arbeit an der Universität leistete, würde ihr Ruf nicht bedeutend leiden. Und dass sie mit Eskel zusammenleben wollte, stand für sie außer Frage.
“Willst du heute Abend noch mit Geralt auf die Jagd gehen?” Sie blickte zu Eskel herüber, der auf Skorpion neben ihr ritt, als sie die Stadtgrenze passierten.
“Nein, ich glaube nicht. Bei der Hitze müssten wir bis zu den späten Abendstunden warten und morgen wird nicht nur für die Kadetten ein anstrengender Tag werden. Außerdem wollte Geralt heute seinen angeblich besten Jahrgang aus dem Keller holen.”
Thalia lächelte ihn schelmisch an. “Du weißt schon, dass du als Ausbilder mit gutem Beispiel vorangehen solltest? Nicht, dass deine Schützlinge einen schlechten Eindruck von dir bekommen.”
Eskel lachte. “Wohl kaum. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, dass manche von ihnen vor Ehrfurcht erstarren, wenn ich ihnen die Kampftechniken der Wolfsschule zeige. Sie haben natürlich nicht die Reflexe von Hexern, aber sie machen gute Fortschritte, schon in der kurzen Zeit, in der ich sie unterrichte. Und einige sind auch ganz eifrig, wenn es um Bestienkunde geht. Sie können es nicht abwarten, bis wir unsere erste Expedition unternehmen und sie das neu Gelernte in der Praxis testen können.”
“Aber ihr geht nicht direkt auf Krabbspinnensuche, oder? Ich habe gehört, dass die Biester mitunter auch für erfahrene Hexer gefährlich werden können …” Sie zwinkerte ihm herausfordernd zu.
Eskel schnaubte. “Und ich habe gehört, dass es mittlerweile ein Gegengift geben soll. Was ohne den furchtlosen Einsatz eines erfahrenen Hexers wohl nicht der Fall wäre.”
Thalia schenkte ihm ein breites Grinsen.

Als sie in den Hof des Weinguts einritten, herrschte dort wie fast immer geschäftiges Treiben. Geralts Angestellte erledigten die letzten Verrichtungen des Tages. Die Köchin Marlene war gerade auf dem Weg zur Küche des Herrenhauses, einen Korb voller frischer Kräuter im Arm. Thalia freute sich bereits auf das Abendessen. Marlenes Kochkünste hatten sie in den letzten Wochen mehr als zu schätzen gelernt. In ihrem eigenen Heim würden Eskel und sie wohl selbst kochen müssen. Thalia nahm sich vor, Marlene vor ihrem Auszug noch nach dem ein oder anderen Rezept zu fragen.
In der Eingangshalle angekommen, verharrte Thalia kurz. Hatte sie eben richtig gehört? Eskel, mit seinem weitaus feineren Gehör hatte natürlich sofort die schnarrende Stimme erkannt, die sich aus dem Hauptwohnraum vernehmen ließ. Erstaunt blickte Eskel kurz Thalia an und ging dann schnellen Schrittes in den Salon.
Als Thalia ihm eilig folgte sah sie, dass ihr Gehör sie nicht getrogen hatte.
Lambert saß mit Geralt am Tisch und unterhielt sich mit ihm über seine Erlebnisse auf dem Pfad. Auf dem Sofa saß Triss, die mit Yennefer in ein Gespräch vertieft schien. Als Eskel und Thalia den Raum betraten, schauten alle Anwesenden auf.
“Lambert!” Eskel umarmte den jüngeren Hexer, der sich von seinem Stuhl erhoben hatte. “Was machst du denn schon hier? Wir hatten nicht vor dem Herbst mit dir gerechnet.”
“Ach …” Lambert winkte etwas verlegen ab. “Die Auftragslage in Kovir und Poviss wird immer mieser. Außerdem fängt es dort jetzt schon an, arschkalt zu werden, mitten im sogenannten Sommer. Ich dachte mir, ich könnte den Rest der Saison genau so gut hier in Toussaint bestreiten. Immerhin friert mir hier nicht der Schwanz ab.”
“Eine heißblütige Zauberin wird das wohl zu verhindern wissen.”
“Geralt!” Yennefer funkelte den weißhaarigen Hexer missbilligend an. Der zuckte entschuldigend lächelnd kurz die Schultern. “Du bist unmöglich”, sagte Yennefer kopfschüttelnd.
Lambert quittierte Geralts Kommentar lediglich mit einem schiefen Grinsen. “Da Triss euch ohnehin einen Besuch abstatten wollte, habe ich mir gedacht, ich nutze die Gelegenheit und spar mir den weiten Weg in den Süden. Mein neuer Gaul ist nicht der Schnellste, auf dem Klepper hätte ich wahrscheinlich bis zum Winter gebraucht, um hier anzukommen.”
“Du hast schon wieder dein Pferd gewechselt?” Eskel, der seit vielen Jahren mit Skorpion eine feste Einheit bildete, konnte Lamberts Gewohnheit, sein Reittier häufig zu wechseln, nicht nachvollziehen. Thalia machte sich hin und wieder schon Sorgen, wie Eskel wohl den Verlust seines Schlachtrosses verkraften würde, wenn das mittlerweile schon recht betagte Tier starb.
“Durch unsere Gefangennahme damals hab ich meinen Gaul nicht rechtzeitig aus dem Mietstall in Pont Vanis abholen können. Als der Vorschuss, den ich bezahlt hatte, aufgebraucht war, haben diese Penner das Tier verkauft. Zumindest mein Sattel war noch da. Und ich hab dem Stallmeister eine deftige Entschädigung abgerungen. Der Hundsfott hat sich zuerst geweigert, aber nach ein paar gut platzierten Argumenten hat er dann doch eingelenkt.”
Thalia sah, wie Eskel missbilligend den Mund verzog. Sein Bruder hatte eine andere Art, mit Menschen umzugehen, als er. Thalia war froh darum, dass Eskel ein friedlicheres Gemüt besaß.
“Hallo, Thalia.” Triss war auf sie zugetreten und Thalia umarmte die Zauberin.
“Es ist schön, euch zu sehen, Triss.” Seit ihrem notgedrungenen Aufenthalt in Kovir war das Verhältnis zwischen Thalia und Triss deutlich besser geworden. Thalia freute sich wirklich, die Zauberin so bald schon wiederzusehen.
“Wie ich sehe, habt ihr euch bereits sehr gut eingelebt.” Triss lächelte sie an. “Ich hörte, du und Keira arbeitet bereits in der Universität und Eskel hat auch eine neue Aufgabe gefunden. Ich freue mich für euch, dass ihr es hier so gut angetroffen habt.”
Ihr Blick fiel auf Thalias Hand, so als suche sie dort etwas. Sie bemerkte Thalias fragenden Blick. “Die Säurenarbe an deiner Hand ist ja kaum noch zu sehen. Ich hatte schon befürchtet, sie würde dich jeden Tag an die schrecklichen Erlebnisse im Gefängnis erinnern. Gut, dass zumindest dich nicht der Mut verlassen hat, als es darauf ankam, Thalia.” Triss wandte sich halb zu Eskel um und zwinkerte ihm kurz zu. Er presste kurz die Lippen zusammen und blickte zu Boden. Thalia konnte sich keinen rechten Reim darauf machen, auf was die Zauberin anspielte - vermutlich eine alte Geschichte, von der sie nichts wusste.
Bevor sie sich darüber jedoch weiter Gedanken machen konnte, holte Triss aus ihrer Tasche etwas hervor. Ein Amulett mit violettem Stein schimmerte in der Hand der Zauberin. “Ich dachte mir, dass du das Heilamulett jetzt wohl nicht mehr brauchst, Thalia. Also habe ich dir das hier mitgebracht.”
Thalia nahm das Amulett mit fragendem Blick entgegen. “Äh … vielen Dank …”
Triss lächelte sie an. In ihrem Blick blitzte Vorfreude auf - offenbar konnte sie es kaum abwarten, sich zu erklären.
“Weißt du noch, was du mir kurz vor eurem Abschied erzählt hast, Thalia? Worüber du dir Sorgen machst? Nun … dieses Amulett sollte diese Sorgen um mindestens dreißig bis vierzig Jahre hinauszögern.”
Thalia schluckte, konnte kaum begreifen, was Triss ihr soeben mitgeteilt hatte. Sollte das tatsächlich möglich sein?
“Wir Zauberinnen nutzen Magie, um unser Altern zu verlangsamen. Da du nur ein wenig magisch begabt bist, wirkt der Zauber nicht für mehrere Jahrhunderte, aber der Katalyst-Stein in deinem Körper verstärkt die Wirkung des Amuletts so sehr, dass du noch ein langes Leben vor dir haben solltest. Und zusammen mit Eskel alt werden kannst.”
Thalia spürte, wie ihr Tränen der Erleichterung und der Dankbarkeit in die Augen stiegen. Mit einem kaum unterdrückten Schluchzen umarmte sie die Zauberin.
“Danke, Triss. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich dir danke …”
Eskel trat zu ihnen. Thalia löste sich von Triss und umarmte ihn und er drückte sie fest an sich. Thalia lächelte, den Kopf an seiner Schulter geborgen, während ihr Tränen die Wangen hinunter liefen. “Jetzt werde ich vielleicht doch noch erleben, wie du mit grauen Haaren aussehen wirst.”
Eskel sah über Thalias Kopf hinweg Triss an. “Danke, Triss.”
Sie lächelte ihm wissend zu. “Ich bin froh, dass du dein Glück gefunden hast, Eskel. Und ich wünsche dir, dass es von langer Dauer ist.”

Das Geräusch eines sich öffnenden Portals im Hof, gefolgt von eiligen Schritten, ließ sie zur Tür blicken, durch die Keira gerade wütend ins Zimmer stürzte.
“Thalia, kannst du dir vorstellen, welche Unverschämtheit sich dieser Laurence wieder herausgenommen hat? Ich …” Mitten im Satz hielt sie inne, als ihr Blick auf die Neuankömmlinge fiel. Kurz erstarrte sie, als sie Lambert erblickte.
“Hallo, Keira.” Lambert schien etwas verlegen, unsicher, wie sie auf seine unerwartete Ankunft reagieren würde. Doch die Zweifel in seinem Blick verflüchtigten sich, als sie auf ihn zueilte und ihn in die Arme schloss.
Geralt erhob sich von seinem Stuhl. “Ich glaube, ich hole dann mal ein paar Flaschen aus dem Keller. Der Abend scheint perfekt für einen guten Jahrgang.”


* * *

Sechs Flaschen “Weißer Wolf” später saßen sie immer noch beisammen. Thalia erzählte von den Renovierungsarbeiten an ihrem Haus, die fast fertiggestellt waren.
“Endlich ein eigenes Zuhause. Ich kann es kaum abwarten. Auch wenn wir euch natürlich sehr dankbar dafür sind, dass wir so lange bei euch haben wohnen dürfen”, wandte sie sich an Geralt und Yennefer.
“Und ihr könntet auch gern noch länger bleiben, wenn ihr möchtet.” Geralt schenkte sich Wein nach.
“Ein eigener Haushalt ist doch etwas anderes als unser Gästetrakt, Geralt.” Yennefer lächelte kühl. “Es freut mich, dass ihr ein so hübsches Anwesen gefunden habt, Thalia. Der Weg zur Universität und zur Garnison ist von dort aus auch viel kürzer.”
“Erregt es hier keinen Anstoß, wenn eine unverheiratete Frau mit einem Mann zusammenlebt?” Triss warf Eskel einen fragenden Blick zu. “In den meisten Gegenden trägt das nicht gerade zum guten Ruf einer Dame bei.”

Eskel verspürte das Bedürfnis nach frischer Luft. Er entschuldigte sich bei den anderen und ging hinaus auf die Veranda. Er setzte sich auf eine der Bänke und inhalierte tief die kühle Abendluft. Es war bereits dunkel geworden und die Sterne funkelten am wolkenlosen Himmel.
Eskel seufzte. Er hatte sehr wohl die Anspielungen von Triss verstanden. Sie war anscheinend überrascht, dass er sein Vorhaben immer noch nicht in die Tat umgesetzt hatte. Genau wie er selbst.
Er hatte immer auf den perfekten Moment gewartet, war ein paar Mal bereits kurz davor gewesen, Thalia das zu sagen, was er in Gedanken bereits zigmal formuliert hatte. Doch jedes Mal hatte er gezögert, war sich lächerlich vorgekommen und hatte die Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, auf einen besseren Moment verschoben.
Er hörte, wie sich die Tür öffnete und wie schwere Schritte sich ihm näherten. Geralt.
“Darf ich mich setzen?”
“Bitte. Es ist deine Veranda.”
“Stimmt.” Geralt ließ sich schwer neben Eskel auf die Bank fallen. Der Wein zeigte anscheinend trotz seiner Hexerkonstitution bereits Wirkung.
“Also, Eskel. Was ist los?”
Eskel zögerte. “Ach … es ist nur … es hat sich so viel verändert in letzter Zeit. Alles zum Guten und ich bin froh damit, wie sich alles entwickelt hat, aber … Weißt du, manchmal denke ich an Vesemirs Worte zurück. Kein Hexer ist je in seinem Bett gestorben. Werden du und ich die ersten sein, Geralt?” Eskel schüttelte bitter lächelnd den Kopf. “Was Vesemir wohl dazu sagen würde, wenn er uns jetzt hier sähe.”
Geralt atmete tief durch. “Ich glaube, er würde sich für uns freuen. Ich glaube, er würde nicht wollen, dass wir als letzte einer aussterbenden Art verzweifelt an unserer alten Lebensweise festhalten, wenn uns ein anderer Weg offen steht. Jedenfalls rede ich mir das ein.” Er seufzte. “Hättest du das vor zehn, fünfzehn Jahren für möglich gehalten? Wir beide, sesshaft in Toussaint, eine Frau an unserer Seite?”
Eskel schnaubte lächelnd. “Ich kann es mir ja jetzt kaum vorstellen.” Dann wurde er ernster. “Ich habe Angst, dass ich es vermasseln werde, Geralt. Dass ich ihr auf die Dauer nicht das werde bieten können, was sie sich wünscht. Ich war mein Leben lang allein, musste immer nur für mich selbst sorgen, musste nie auf jemanden Rücksicht nehmen. Was, wenn ich dem nicht gewachsen bin, Geralt?”
“Tja, das weiß man vorher nie, Eskel. Aber wenn du es nicht versuchst, wirst du es nie erfahren. Sie liebt dich, das weißt du.”
“Natürlich. Und ich liebe sie. Aber was, wenn das nicht genug ist?”
“Es ist auf jeden Fall mehr als nur der Pfad, mein Freund. Aber Thalia und du, ihr werdet das schon hinbekommen. Also tu endlich das, was du schon seit Monaten vorhast.”

“Er soll endlich mal sein altes, löchriges Wams wegwerfen?” Lambert war ihnen auf die Veranda gefolgt und setzte sich nun ungefragt zu Eskel und Geralt auf die Bank.
Eskel seufzte. “Danke, Lambert, aber ich habe bereits eine neue Garderobe, falls du es noch nicht bemerkt haben solltest.”
“Hab ich. Und wenn du Thalia endlich zu einer ehrbaren Frau machst, dann vergiss nicht, dass ich dir damals mit gutem Rat unter die Arme gegriffen habe. Sonst wäre aus euch beiden vielleicht nie was geworden.”
“Ich werde an dich denken, wenn ich sie frage. Woher weißt du eigentlich davon?”
“Triss hat´s mir verraten. Sie war der Meinung, dass ihr wahrscheinlich schon mitten in den Vorbereitungen für den großen Tag wärt. Aber da hat sie dich wohl überschätzt. Sie ist übrigens über dich hinweg, falls es dich interessiert. Sie trifft sich seit einiger Zeit mit einem schnöseligen Zauberer, der sich in Kovir niedergelassen hat.”
“Das freut mich für sie. Wie sieht es denn bei dir und Keira aus?”
“Du kannst jederzeit hier bei uns wohnen, mein Freund”, warf Geralt ein.
Lambert schnaubte grinsend. “Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht, um ehrlich zu sein. Erstmal bleibe ich in Toussaint, tue das, wozu ihr offenbar keine Lust mehr habt und alles andere lasse ich auf mich zukommen. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich nicht nach Kaer Morhen zurückkehren werde. Ich setz mich nicht allein im Winter in diese beschissene Ruine.”
Geralt nickte langsam. “Ich habe mir schon öfters Gedanken darüber gemacht, was wir mit Kaer Morhen machen sollen. Yennefer meint, dass sie mit Keira und vielleicht auch Triss zusammen einen magischen Schleier um die Festung ziehen könnte. Dann bleibt es vor den Augen aller verborgen und auch die Witterung frisst nicht länger an den Mauern.”
Eskel schaute nachdenklich in den Himmel, seufzte dann. “Wir sollten vorher die Bücher aus der Bibliothek hier her holen. Die Bestiarien könnte ich gut für den Unterricht der Kadetten nutzen. Und ein paar der Waffen würde ich gern aus der Halle mitnehmen. Aus nostalgischen Gründen.”
Lambert nickte. “Dann ist es wohl beschlossen. Wir verlassen Kaer Morhen. Endgültig.”


* * *

“Müssen wir wirklich hier heraufkraxeln? Es ist so heiß, Eskel. Was gibt es denn so besonderes dort oben zu sehen?”
“Warte ab. Es ist nicht mehr weit.”
“Das hoffe ich. Egal, was dort oben ist, ich will erst einmal in den Schatten und etwas trinken.”
“Das lässt sich einrichten.”
Obwohl sie durch den Aufstieg leicht außer Atem war, plauderte Thalia weiter. “Hast du hier etwas Interessantes entdeckt? Irgendwelche Kreaturen, die hier brüten? Oder Pilze? Keira und ich arbeiten gerade mit Pilzsporen, weißt du? Ich hatte mich nie viel mit Pilzen beschäftigt, aber sie sind interessanter als man denkt.”
“Bestimmt.”
Eskel schob mit seinem Arm einen Ast zur Seite und gab den Blick auf das Ziel ihrer kleinen Kletterpartie frei.
Er hatte Thalia von der Universität abgeholt und sie zu einem Ausflug in die Berge um Beauclair eingeladen. Dass sich ihre Begeisterung in Grenzen hielt - es war wirklich sehr warm heute - hatte er bemerkt, aber mit der Andeutung, dass er ihr etwas zeigen wolle, hatte er ihre Neugier geweckt.
Seit dem versuchte sie herauszufinden, was das Ziel ihrer kleinen Wanderung war. Als ihr Blick nun auf seine Überraschung fiel, endete ihr Redefluss abrupt.

Auf dem Plateau am Hang des Berges lag eine Decke ausgebreitet, im Schatten eines Baumes standen auf einem Tablett eine Weinkaraffe, Becher und eine Schale mit Früchten. Von hier oben aus reichte der Blick über ganz Beauclair, das in der Nachmittagssonne seine ganze Pracht zur Schau stellte - und man sah sogar ihr Haus am Stadtrand.
“Oh, Eskel!” Thalia war ganz gefesselt vom Ausblick, der sich ihr bot. “Wie hast du denn dieses wunderschöne Fleckchen hier entdeckt?”
“Bei einem Jagdausflug vor ein paar Tagen bin ich zufällig hier vorbeigekommen.”
“Und zufällig steht sogar schon Wein für uns bereit.” Sie lächelte ihn strahlend an. Eskel beschlich der Verdacht, dass sie etwas ahnen könnte.
Als sie sich auf der Decke niedergelassen hatten, er den Wein eingeschenkt und ihr ihren Becher gereicht hatte, sah sie ihn beinahe erwartungsvoll an.
Dann gab es jetzt wohl kein Zurück mehr. Er hatte ohnehin bereits zu lange gewartet. Auf den richtigen Moment, die richtige Stimmung, den Mut, der ihn schon mehrere Male verlassen hatte, als er kurz davor gewesen war, den Ring aus seiner Tasche zu holen und ihr die Frage zu stellen.
Immer wieder kamen ihm Zweifel, ob er wirklich der Richtige für sie war. Ob sie nicht doch glücklicher werden würde mit einem kultivierten, gut gestellten Akademiker an ihrer Seite. Jemand, der ihr vielleicht Kinder schenken könnte - auch wenn sie schon öfters angedeutet hatte, dass sie keine Familie brauchte, um ein erfülltes Leben zu führen. Er hoffte, dass dies auch wirklich zutraf. Denn diesen einen Wunsch würde er ihr nicht erfüllen können.
Er holte tief Luft.
“Thalia …” Die Worte, die er sich zurecht gelegt hatte, lösten sich auf. Er wusste genau, was er zu tun hatte, wenn er sich einem Bies gegenübersah. Aber das hier …
Er sah Thalia in die Augen. “Du weißt, ich war mein Leben lang immer allein. Also … nicht immer, aber … nach dem Fall von Kaer Morhen bin ich allein dem Pfad gefolgt. Ich dachte, dass dies nun mal meine Bestimmung sei, als Hexer. Aber …” Warum fiel es ihm nur so schwer, klar zu denken? Er kam sich lächerlich vor, albern mit seiner Stammelei.
Thalia sah ihn immer noch leicht lächelnd an. Sie musste mittlerweile doch wissen, was er sagen wollte. Doch Hilfe von ihrer Seite hatte er wohl nicht zu erwarten. Er atmete tief durch und setzte erneut an.
“Ich … ich wusste all die Jahre nicht, dass mir etwas fehlte. Bis ich dich traf. Also … nicht sofort, als ich dich traf, aber … seit dem ich dich kenne, wünsche ich mir, mit dir zusammenzusein. Ich liebe dich, mein Herz. Und … wenn du dir auch vorstellen kannst, dein Leben mit mir zu verbringen …”
Sein Mund wurde immer trockener. Mit Worten war er noch nie gut gewesen, nur mit Taten. Er zog ein kleines, samtenes Bündel aus seiner Tasche und schlug den Stoff auseinander. Auf seiner Handfläche lag der Ring, den er bereits in Kovir von einem Juwelier erstanden hatte.
Zwei ineinander verschlungene Stränge, einer aus Rotgold, der andere aus Weißgold - dem Ring ähnlich, den Thalia für seine Rettung hatte eintauschen müssen. Ein klassischer Kovirischer Verlobungsring.
Beim Anblick des Schmuckstücks sog Thalia die Luft ein. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihr einen Ring wie den anzubieten, den sie von Gregor erhalten hatte? Er hatte dies für eine gute Idee gehalten, doch vielleicht überschattete nun die Erinnerung an den Mann, der vor ihm diese Frage gestellt hatte, den Moment. Oder lag es doch an ihm selbst?
“Wenn du … also ich verstehe es, wenn du …”
Thalias Augen schimmerten feucht, dann lächelte sie ihn strahlend an. “Ja, Eskel. Ja, ich will.”
Als er sie küsste, fiel die Anspannung und die Unsicherheit von ihm ab. Es fühlte sich richtig an. Richtig, hier mit ihr zu sein. Richtig, sich von seinem alten Leben zu verabschieden.
Denn auch in einem Hexerleben brauchte es etwas mehr als den Pfad. Und Eskel war froh, es gefunden zu haben.


ENDE

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Liebe Leser,

das Ende dieser Geschichte ist nun (zumindest vorerst) erreicht. Ich hoffe, euch damit gut unterhalten zu haben.
Heute vor einem Jahr habe ich das erste Kapitel online gestellt und ich fand es passend, die Geschichte nun zum ersten Geburtstag enden zu lassen.

Eigentlich hatte ich lediglich geplant, eine kurze Geschichte als Schreibübung zu verfassen. Weil ich fand, dass Eskel im Witcher-Universum bisher immer zu kurz gekommen ist und es ja nicht immer ein Bad Guy sein muss, der im Fokus steht, hatte ich mich für ihn als Protagonisten entschieden.
Im Laufe des Schreibprozesses ist die Geschichte dann immer weiter gewachsen und hat mittlerweile Romanlänge angenommen.
Ich hatte sehr viel Freude beim Schreiben und die Charaktere - allen voran auch meine OC Thalia - sind für mich lebendig geworden.
Und ich habe im Verlauf der Geschichte viel über das Schreiben gelernt - ich hoffe, man kann das auch anhand meines Schreibstils merken.
Wenn ich etwas Abstand zu der Geschichte habe, werde ich vielleicht noch ein oder zwei kurze (!) Sequels schreiben, denn so ganz mag ich mich noch nicht von Eskel und Thalia verabschieden.

Wenn euch meine Geschichte gefallen hat, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir ein paar Zeilen zukommen lassen (als Review oder Nachricht) oder eine Empfehlung dalassen würdet. Mir schwebt nämlich momentan ein größeres Schreibprojekt (außerhalb der Witcher-Welt) vor und nichts motiviert mich mehr als euer Feedback.

Es grüßt euch herzlichst
die Lady
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