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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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06.05.2019 4.657
 
Mit einem weichen Tuch wischte Eskel ein letztes Mal über die Klinge seines Silberschwerts, bis sich die Nachmittagssonne darin spiegelte. Die verschmorten Reste der Archesporen verströmten einen süßlichen und zugleich beißenden Geruch, doch Eskel hatte schon weitaus Schlimmeres gerochen. Nachdem er sein Schwert zurück in die Halterung geschoben hatte, ging er zurück zur Anhöhe, auf der Skorpion friedlich graste. Auch er war offenbar an Schlimmeres gewöhnt - die monströsen Pflanzen, denen sein Herr noch kurz zuvor den Garaus gemacht hatte, konnten ihn wohl nicht all zu sehr beeindrucken.
“Wir sollten uns ein wenig beeilen, mein Großer”, raunte Eskel dem schwarzen Hengst zu, als er sich auf dessen Rücken schwang. “Sonst kommen wir noch zu spät, um uns in diesen Affenfrack zu zwängen.”

Die Belohnung für die Säuberung des Weinbergs würde er sich wohl erst morgen abholen. Sonst käme er wirklich noch zu spät, um sich auf den abendlichen Empfang in Beauclair vorzubereiten. Gern gesehene Gäste bei Hof wie Geralt und Yennefer hatten selbstverständlich eine Einladung erhalten. Als Gründerin der neuen Universität hatte die Herzogin auch die zukünftigen Professoren der Hochschule eingeladen, was Thalia mit einschloss. Und ihn als ihren Begleiter somit auch.

Seit einer Woche nun wohnten sie im Gästebereich von Corvo Bianco. Bis sie ein eigenes Zuhause im Herzogtum gefunden hatten, würden sie Geralts Gastfreundschaft annehmen. Er betonte immer wieder, dass das Weingut Platz genug biete und er und Yennefer würden sich über ihre Anwesenheit freuen.
Eskel bezweifelte nicht, dass Geralt sich wirklich freute - ob das gleiche jedoch auch für Yennefer galt stand auf einem anderen Blatt …
Als gestern dann auch noch Keira per Portal angereist war - samt umfangreichen Reisegepäcks - schien die schwarzhaarige Zauberin ihre Zustimmung zu ihrer aller Beherbergung schon zu bereuen. Doch bisher war es bei ein paar recht harmlosen Seitenhieben in Geralts Richtung geblieben.

Eskels letzter Besuch im Herzogtum lag bereits ein paar Jahre zurück, aber Toussaint war noch immer genau so, wie er es in Erinnerung hatte. Bereits jetzt, im Frühling, war das Klima angenehm warm. Die Obstplantagen standen in voller Blüte und die Siedlungen und Städte mit ihren bunten Fassaden und belebten Märkten zeugten vom Wohlstand des nilfgaarder Vasallenstaates. Auch die Menschen hier waren bedeutend freundlicher als in den nördlichen Königreichen - sogar einem Hexer gegenüber. Hier spuckte niemand vor ihm aus oder maß ihn mit Abscheu im Blick. Im Gegenteil: Die Weinbauern und Kaufleute wussten die Dienste eines Hexers durchaus zu schätzen. Die Säuberung des Weinbergs von den Archesporen war bereits Eskels zweiter Auftrag in dieser Woche gewesen. So langsam fragte er sich, warum er in all den Jahren zuvor nicht ebenfalls hier sein Glück versucht hatte. Doch besser spät als nie …

Als er in den Hof von Corvo Bianco einritt und Skorpion zum Stall brachte, lief ihm bereits einer der Knechte entgegen, um ihm die Zügel des Hengstes abzunehmen und sich um das Tier zu kümmern. Eskel hatte sich noch nicht an die große Zahl der Bediensteten gewöhnt, die Geralt auf seinem Gut beschäftigte. Ständig wollte jemand zu Diensten sein, fragte nach Wünschen oder erklärte, bereits dies oder jenes zur hoffentlichen Zufriedenheit erledigt zu haben.
Auf dem Weg in den Gästetrakt begegnete ihm der Haushofmeister Barnabas Basilius - wie immer freundlich, aber förmlich grüßend. Bei der Nennung seines Nachnamens bei ihrer Ankunft war Thalia kurz erstarrt - doch zum Glück stellte sich heraus, dass Geralts “bester Mann”, wie sein Bruder den Verwalter zu nennen pflegte, in keinerlei verwandschaftlichen Verhältnissen zu Thalias ehemaligem Vorgesetzten stand.

Eskel öffnete die Tür zum Schlafzimmer, das er mit Thalia bewohnte - und sog scharf die Luft ein, beim Anblick der sich ihm bot. Thalia stand in einem ihrer neuen Kleider - offenbar dem prachtvollsten, aus schimmernder, grüner Seide - vor dem großen Spiegel und prüfte den Sitz der Corsage. Die Mode im Herzogtum war wie geschaffen dazu, die Vorzüge der weiblichen Rundungen hervorzuheben. Eskel brauchte einen Moment, um sich vom Blick auf Thalias Rückseite loszureißen. Sie lächelte, als sie sich zu ihm umdrehte. Den hiesigen Gepflogenheiten und Yennefers Rat entsprechend hatte sie ihre Augen leicht mit Kajal und Tusche betont, wirkte dadurch aber nicht ordinär, sondern regelrecht strahlend. Ihr Haar fiel ihr in Locken um die Schultern und fing die Strahlen der Nachmittagssonne, die durch das Fenster schien, in rötlichen Reflexen ein.
“Gut, dass du zurück bist. Ich dachte schon, dein Auftrag würde dich die Zeit vergessen lassen.”
“Ich weiß doch, wie wichtig der Empfang heute Abend für dich ist. Schließlich bekommt man nicht jeden Tag die Gelegenheit, die Herzogin persönlich kennenzulernen.”
Lächelnd kam sie auf ihn zu und streckte die Arme nach ihm aus, um ihn zu umarmen - verzog dann aber das Gesicht, als sie den Geruch der Archesporen wohl überdeutlich wahrnahm. Statt ihn in die Arme zu schließen schob sie ihn sanft aber bestimmt in Richtung Badezimmer. “Als wenn ich´s gewusst hätte …”
Eskel lächelte über ihre gespielte Empörung.
“Ich habe dir bereits ein Bad bereiten lassen. Das Wasser sollte noch warm genug sein. Deine Sachen liegen auf dem Bett. Ich hoffe, es passt alles.”
Ihre Nervosität in Erwartung des herzoglichen Empfangs war ihr deutlich anzumerken. “Yennefer erwartet mich in ihren Gemächern. Sie hat eigens eine sogenannte “Coiffeuse” aus Beauclair kommen lassen, die ihr, Keira und mir die Haare richten soll. Unglaublich …”
“Dann lass sie besser nicht warten. Ich komme zurecht, Thalia.” Er begann, sich seines Hemdes und der Hose zu entledigen.
“Ja, natürlich. Ich bin ziemlich aufgeregt, Eskel …”
“Du wirst einen guten Eindruck machen, mein Herz. Und ich werde mich bemühen, diesen nicht zu ruinieren.”
Er wurde mit einem Lächeln und einem flüchtigen Kuss belohnt, bevor sie ihn mit dem dampfenden Bad allein ließ.

Auch wenn die Bemerkung scherzhaft gemeint gewesen war - Eskel hoffte innständig, dass er wirklich keinen schlechten Eindruck machen würde, der auf Thalia abfärben könnte. Für ihre Arbeit an der neuen Universität in Beauclair war es wichtig, dass sie seriös und kultiviert wirkte. Die Herzogin hatte als Gründerin der Hochschule erheblichen Einfluss auf die Vergabe der Lehrstühle und der Forschungsaufträge. Dass Thalia die Anstellung als Professorin mehr als verdient hatte, stand außer Zweifel. Doch sollte er als ihr Begleiter wie ein furchterregender Monsterschlächter wirken, könnte sich dies negativ für sie auswirken.
Er hatte sie gefragt, ob sie nicht lieber ohne ihn zum Empfang gehen wolle. In Toussaint gab es zwar weitaus weniger moralische Ressentiments was das Zusammenleben von Mann und Frau außerhalb des Stands der Ehe anging, doch auch hier waren unverheiratete Frauen, die mit Männern von zweifelhaftem Ruf zusammenlebten, nicht hoch angesehen. Thalia hatte davon nichts hören wollen und darauf bestanden, dass er sie begleitete.

Und so stand er nun da, frisch gebadet und gekleidet in schwarze Hosen, ein weißes Hemd und ein Wams - hier nannte man es “Doublet” - aus schwarzem Samt und schwarzem Leder.
Thalia hatte die Kleidung bei dem Schneider, den Yennefer ihr empfohlen hatte, für ihn ausgesucht. Er hatte den Mann lediglich seine Maße nehmen lassen und hatte alles weitere Thalia überlassen. Eskel war erstaunt darüber, wie gut die Kleidungsstücke passten und vor allem, wie sie an ihm aussahen. Zeit seines Lebens hatte er sich nie etwas aus Mode oder feinen Stoffen gemacht - das überließ er Gecken wie dem Barden Rittersporn. Doch Eskel musste zugeben, dass er - trotz seiner Narben und seiner Statur - in dieser Garderobe keineswegs lächerlich aussah, wie er befürchtet hatte, sondern einen kultivierteren Eindruck machte, als er es je zuvor getan hatte. Vielleicht würde er Thalia heute Abend ja doch keinen Bärendienst erweisen …

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Nach seiner Aufforderung betrat Geralt das Zimmer - auch er bereits für den Empfang ausstaffiert. Doch im Gegensatz zu Eskels Garderobe war Geralts deutlich … auffälliger. Um es neutral zu formulieren. Das Wams des weißhaarigen Hexers war aus feinstem, dunkelrotem Samt gefertigt - jedoch bauschten sich seine Ärmel um die Schultern voluminös auf und gaben durch Schlitze im Stoff den Blick auf ein weißes Hemd aus schimmernder Seide frei. Um seine Hüften lag ein breiter Gürtel mit verzierter, goldener Schnalle und im Gegensatz zu Eskel, der enge, glatte Stiefel trug, zierten seine Schuhe große, schwarze Schleifen.
Das weiße Haar wurde im Nacken von einer ebensolchen Schleife zusammengehalten. Zweifellos alles entsprechend der neuesten Mode im Herzogtum.

Eskel bemühte sich, ein Grinsen zu unterdrücken beim Anblick seines Bruders. Und er dankte den Göttern dafür, dass Thalia offenbar einen wesentlich minimalistischeren Geschmack bei der Auswahl seiner eigenen Garderobe an den Tag gelegt hatte, als Yennefer.
Geralts Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als er Eskel in seiner schlichten aber eleganten Garderobe musterte. Dann seufzte er. “Vielleicht sollte ich zukünftig doch lieber selbst zum Schneider gehen, anstelle das Yennefer zu überlassen …”
“Ich gebe zu, ich hatte mir meine Garderobe schlimmer vorgestellt”, gestand Eskel. “Aber mir ist trotzdem bei diesem Empfang nicht wohl zumute. Ich habe mich immer von Königshöfen ferngehalten - aus gutem Grund. Ich passe einfach nicht in diese vornehme Gesellschaft, in der jeder etwas anderes sagt, als er eigentlich meint. Wieso konnte Thalia mich nicht einfach bitten, einen Königsgreifen für sie zu erlegen oder so etwas. Darin bin ich gut. Nicht in dem hier.” Er deutete auf sein adrett gekleidetes Spiegelbild.

Geralt lachte. “Ich habe mich daran gewöhnt, also wirst du es auch tun. Außerdem wird es so schlimm nicht werden. Ich kenne die Herzogin und bin öfters Gast bei ihren Empfängen. Sie und ihr Hof legen zwar Wert auf Etikette, aber sie schätzen das Ungewöhnliche und schmücken sich gern mit illustren Gästen. Gib ein paar interessante Geschichten von der Jagd zum Besten, damit wirst du sie faszinieren. Niemand erwartet von dir eine pointierte Konversation über Politik. Wer weiß, vielleicht gefällt es dir ja sogar.”

* * *

Als der Zweispänner, der sie nach Beauclair gebracht hatte, den Palastberg hinauffuhr, war sich Eskel immer noch sicher, dass es ihm ganz und gar nicht gefallen würde.
Auf dem Weg zum Tor herrschte bereits reges Treiben. Eskel musterte die Fahrgäste der anderen Wagen - ausnahmslos herausgeputzte Gecken in Begleitung von Damen, die ihren Reichtum mit teuren Gewändern und Juwelen zur Schau stellten. Yennefer hatte auf die Fahrt mit Kutsche bestanden, da bereits das Vorfahren der geladenen Gäste von der adligen und hochgestellten Gesellschaft kritisch beäugt wurde. Eine Anreise per Teleport hätte zwar alle Augen auf sie gezogen, jedoch wäre diese Zurschaustellung ihrer Andersartigkeit nicht bei allen auf Wohlwollen gestoßen. Und Geralt hasst Portale ohnehin.

So reihte sich ihr Kutscher in die Kolonne der Gespanne ein, die nach und nach die Gäste zum Eingangstor beförderten.
Als sie an der Reihe waren, stiegen Geralt und Eskel zuerst aus und reichten dann den Frauen eine stützende Hand, um ihnen das Herausklettern aus dem Wagen zu erleichtern. Aufgrund der langen, weit schwingenden Röcke hatten die Damen es ungleich schwerer, auszusteigen ohne zu stolpern.
Eskel bot Thalia seinen Arm und gemeinsam gingen sie hinter Geralt, Yennefer und Keira den roten Teppich entlang, der sie zum Eingang der herzoglichen Gärten führte.
Bedienstete empfingen die Gäste und glichen die vorgezeigten Einladungen mit der Gästeliste ab, ein Laudator verkündete sodann lautstark die Namen der Eingetroffenen. Eine nicht geringe Schar an Gästen verweilte im Empfangsbereich, um die Neuankömmlinge zu mustern und zu begutachten.

Eskel reichte dem Empfangmeister ihre Einladung. Der Mann zuckte nur kurz erschrocken zusammen, als sein Blick auf Eskels Narben fiel, ging dann aber sofort zum normalen Prozedere über. Er wünschte ihnen einen vergnüglichen Abend und leitete sie weiter in die Reihe derjenigen, die auf ihre Ankündigung warteten.
Eskel fühlte die Blicke der Anwesenden auf sich - kein Wunder, stachen Geralt und er trotz ihrer Garderobe doch deutlich unter den anderen Männern heraus. Thalia neben ihm versuchte, sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen.
Endlich hatten sie den Laudator erreicht, der vor jeder Ankündigung seinen Stab einmal laut auf den marmornen Boden aufschlug. “Geralt von Riva in Begleitung der Zauberinnen Yennefer von Vengerberg und Keira Metz von Wyzima.”
Eskel bemerkte die anerkennenden Blicke, die die beiden Damen auf sich zogen. Sicheren Schrittes führte Geralt die beiden Zauberinnen weiter, begleitet von nur all zu laut geflüsterten Bemerkungen der umstehenden Gäste.
Der Laudator runzelte ohne aufzublicken kurz die Stirn, als er die ihm angereichte Einladungskarte studierte. “Hier fehlt der Nachname, Herr Eskel …” Als er den Blick hob und Eskel sah, weiteten sich seine Augen, aber auch er überwand seinen Schrecken schnell.
“Nur Eskel”, beeilte Eskel sich zu sagen. “Hexer aus Kaedwen.”
Der Laudator schluckte kurz, stieß dann seinen Stab auf den Boden. “Der Hexer Eskel von Kaedwen in Begleitung von Professorin Thalia van de Wintervoord.”
Auch ihr Eintreten wurde von kaum verhohlenem Getuschel begleitet.

Die Pracht der Palastgärten entfaltete sich vor ihnen in der Abendsonne, als sie den Weg entlangschritten. Keira genoss ihren Auftritt offensichtlich. Provokant erwiderte sie die Blicke, die die Höflinge ihr zuwarfen. Auch sie trug ein Kleid, das der beauclairer Mode entsprach - jedoch deutlich freizügiger geschnitten war als Thalias Robe. Eskel musste zugeben, dass ihr die dunkelblaue Seide ausgezeichnet stand. Schade, dass Lambert sie so nicht sehen konnte. Obwohl es vielleicht auch besser so war. Sein Bruder hätte bestimmt jeden lüsternen Blick, der über Keiras Körper wanderte - und das waren nicht wenige - als Affront angesehen. Mehr Blicke als Keira zog wohl nur Yennefer auf sich, die schön und unnahbar an Geralts Seite den Weg entlang schritt.
Thalia an seiner Seite zog wesentlich weniger Aufmerksamkeit auf sich, auch wenn sie in seinen Augen bezaubernder aussah als die Zauberinnen - einfach, weil sie trotz des Kleides und der kunstvollen Frisur trotzdem echt war. Sie blickte etwas schüchtern durch die Reihen der Gäste, die in kleinen Gruppen beisammenstanden, von den Häppchen kosteten, die Bedienstete ihnen anboten und kostbaren Wein tranken. Hier und da war Gelächter zu hören. In einem Pavillon spielten Musiker und untermalten die Gespräche der Gäste mit sanften Klängen.

“Dort drüben ist Karel, mein Bekannter”, machte Thalia ihn aufmerksam. Sie deutete unauffällig auf einen schlanken Mann mit markanten Gesichtszügen, der sich mit drei anderen Gästen unterhielt.
Sie entschuldigten sich bei Geralt und den Zauberinnen und gingen zu dem Mann, den Eskel auf höchstens Ende dreißig schätzte. Er hatte sich den zukünftigen Leiter der Universität von Beauclair wesentlich älter vorgestellt.
Bevor sie ihn erreichten, bemerkte Karel sie bereits. “Thalia! Du siehst fabelhaft aus! Und nun lerne ich endlich auch deinen Begleiter kennen. Karel Oldan. Professor für Medizin.” Er reichte Eskel die Hand, die dieser kräftig drückte - vielleicht etwas zu kräftig. “Eskel. Hexer.”
“Thalia hat mir bereits viel von Euch erzählt. Ich muss sagen, ich bin froh, dass Ihr an ihrer Seite wart, um sie sicher aus Oxenfurt herauszubringen. Unfassbar, was an dieser Universität vor sich geht. Thalia, darf ich dir drei unserer zukünftigen Kollegen vorstellen?”

Während Thalia sich angeregt über die bevorstehenden Aufgaben an der Hochschule unterhielt, hörte Eskel nur mit halber Aufmerksamheit zu. Erst als einer der Männer einen Namen aussprach, der Thalia zusammenzucken ließ, wandte er sich dem Gespräch zu.
“Er ist wohl schrecklich entstellt seit diesem Unfall. Eine Seite seines Gesichts wurde fast vollständig verätzt. Unfassbar, dass er das überlebt hat. Aber soweit ich hörte, befindet er sich auf dem Weg der Genesung.”
Einer der anderen Professoren wirkte bestürzt. “Ich bin sicher, die Efferens werden alles daran setzen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen …”

Eskel sah, dass Thalia erbleicht war. Offenbar wussten die Wissenschaftler nicht, welche Rolle sie bei Alric Efferens “Unfall” gespielt hatte. “Möchtest du etwas trinken, mein Herz?”, fragte er sie leise.
“Sehr gern.” Thalia schien dankbar für die Möglichkeit, sich unauffällig aus dem Gespräch zurückziehen zu können.

Nachdem Eskel sie entschuldigt hatte und sie ein gutes Stück gegangen waren schien Thalia ihre Fassung wiederzugewinnen. “Ich habe mich in den letzten zwei Wochen oft gefragt, was aus ihm geworden ist … einerseits bin ich irgendwie erleichtert, dass er überlebt hat. Andererseits … Seine Familie hat viel Einfluss, auch über die Grenzen Redaniens hinaus. Da einige meiner Kollegen hier in Kontakt zur Universität von Oxenfurt stehen ist es nur eine Frage der Zeit, bis er erfährt, wo ich bin.”
“Vielleicht solltest du mit deinen Kollegen sprechen. Ihnen erklären, dass es Notwehr war. Aber früher oder später wird in Oxenfurt bekannt werden, dass du in Beauclair bist.”
“Ich weiß. Offiziell können sie mir hier nichts anhaben. Aber wer weiß, was sie inoffiziell tun werden.”
Eskel legte seinen Arm um Thalias Schultern. “Mach dir darüber jetzt keine Sorgen. Wir werden uns etwas überlegen, sollte es nötig sein …”

“Hier steckt ihr beide!” Geralt trat von hinten an sie heran. “Die Herzogin hat mich gebeten, Thalia zu ihr zu bringen. Und dich übrigens auch, mein Freund. Wie ich schon sagte, sie hat eine Schwäche für außergewöhnliche Gäste.”

* * *

Herzogin Anna Henrietta, umgeben von einer Schar Hofdamen, unterhielt sich angeregt mit Yennefer und Keira. Letztere hatte bereits die Gunst der Stunde genutzt und ließ ihren Charme bei Karel Oldan spielen, der sich ebenfalls zu den Damen gesellt hatte.
“Ich freue mich bereits darauf, meine Forschungen an eurer Universität fortführen zu können, Professor. Thalia hat mir gestern bereits die Labore gezeigt - Ihr habt wirklich Unglaubliches geleistet in so kurzer Zeit.”
Oldan lächelte sichtlich geschmeichelt. Ihn hatte die blonde Schönheit offenbar mühelos um den Finger gewickelt. “Ich bin mir sicher, dass eure Forschungen ein großer Gewinn für meine Universität sein werden.” Keira gönnte ihm dafür ein strahlendes Lächeln.
Eskel musste bei so viel Süßholzraspelei ein missbilligendes Stöhnen unterdrücken - aber so waren Zauberinnen nun einmal. Er war einmal mehr froh, dass Lambert nicht anwesend war. Und dass Thalia auf andere Qualitäten setzte als Keira.

Geralt stellte sie der Herzogin vor. Anna Henrietta begrüßte Thalia freundlich, dann musterte sie Eskel unverhohlen. “Ich freue mich sehr, einen weiteren Hexer in Beauclair zu wissen. Auch, wenn diese Schreckensnacht nun schon mehrere Jahre zurückliegt, ist es doch beruhigend zu wissen, dass außer Geralt von Riva noch jemand in der Lage ist, gegen diese Kreaturen vorzugehen. Nichts gegen euch, mein lieber Damien.” Sie schenkte dem kahlköpfigen Mann, der hinter ihr stand, ein entschuldigendes Lächeln.
Dieser nickte kurz und trat dann auf Eskel zu. “Damien de la Tour, Hauptmann der herzoglichen Garde”, stellte der Mann sich ihm vor. “Meister Hexer, auf ein Wort, wenn es Euch recht ist.”
Eskel war mehr als überrascht, wollte dem Hauptmann die Bitte jedoch nicht abschlagen.

Die Herzogin hatte inzwischen Thalia angesprochen, die ihr von ihrer Entwicklung des Krabbspinnen-Gegengifts erzählte. Jetzt, wo sie in ihrem Element war, schien die Anspannung von Thalia abgefallen zu sein. Die Herzogin hörte ihr interessiert zu, ebenso Karel Oldan.
Seinen Rückhalt schien sie nicht mehr zu brauchen, also ging Eskel zusammen mit de la Tour ein paar Schritte zur Seite.
“Wie ich hörte, wollt Ihr euch in Toussaint niederlassen. Plant Ihr ebenfalls, wie Geralt, euren Hexerberuf an den Nagel zu hängen oder wollt Ihr weiter in eurer Profession arbeiten?”
“Nun, im Gegensatz zu Geralt nenne ich kein Weingut mein eigen und ich habe auch kein Vermögen angehäuft, um mich damit zur Ruhe zu setzen. Also werde ich wohl auch in Zukunft als Hexer arbeiten. Ein paar Aufträge konnte ich diese Woche bereits erledigen, die Nachfrage nach meinen Diensten scheint also durchaus vorhanden zu sein.”
“Ohne Zweifel.” Damien de la Tour schürzte die Lippen unter seinem Schnurrbart. “Ich werde direkt zum Punkt kommen, Meister Eskel. Wir bilden zur Zeit eine Einheit der herzoglichen Garde aus, die auch über Beauclair hinaus für die Sicherheit der Untertanen unserer Herzogin sorgen soll. Viele Bauern und Händler versuchen, ihre Probleme mit unliebsamen Kreaturen selbst in die Hand zu nehmen. Dabei kommt es immer wieder zu tragischen Unglücken. Unsere Männer sind gut ausgebildete Kämpfer, aber niemand von ihnen hat die speziellen Kenntnisse, die Ihr als Hexer besitzt. Falls Ihr interessiert sein solltet, würde ich mich freuen, wenn Ihr euer Wissen und euer Können an unsere Rekruten weitergeben würdet. Als Ausbilder. Was sagt Ihr, Meister Hexer?”

Eskel atmete tief durch, um das Gehörte einzuordnen. Bisher hatte er nie darüber nachgedacht, eine feste Anstellung anzunehmen. Sein Leben war immer der Pfad gewesen. Nun, da er mit Thalia einen ständigen Wohnsitz haben würde, sprach eigentlich nichts dagegen. Außer der Tatsache, dass er es gewohnt war, sein eigener Herr zu sein.
“Ich … würde gern in Ruhe über euer Angebot nachdenken, Hauptmann.”
De la Tour nickte. “Das verstehe ich. Was haltet Ihr davon, unserem Trainingsplatz in den nächsten Tagen einen Besuch abzustatten? Dann könnten wir alles weitere besprechen. Auch die Herzogin wäre mehr als erfreut, solltet Ihr euch dazu entschließen, mein Angebot anzunehmen. Aber es obliegt natürlich Euch, das zu entscheiden. Genießt den Abend, Meister Eskel.”
“Vielen Dank.”
Eskel nickte dem Hauptmann zu, darauf bedacht, seine Überraschung zu verbergen. Nie und nimmer hätte er damit gerechnet, dass ihm jemals eine Anstellung bei Hofe angeboten werden würde. Er würde mit Geralt darüber sprechen. Immerhin kannte dieser den Hauptmann und konnte den Mann einschätzen. Und auch mit Thalia sollte er reden. Eskel musste sich immer noch daran gewöhnen, dass er nun auch sie in seine Pläne mit einbeziehen musste.

Sie drehte sich gerade zu ihm um und winkte ihn zu sich. Offenbar waren die Damen und Herren, mit denen sie sich unterhielt, auf ihn zu sprechen gekommen. Als er zu ihnen herantrat, lächelte die Herzogin ihn interessiert an, auch die anderen Gesprächsteilnehmer bedachten ihn mit anerkennenden Blicken.
“Sagt, Meister Eskel”, forderte die Herzogin ihn auf. “Wie ist es euch gelungen, allein diesen Königsgreifen zu erlegen?”
Eskel war kurz verlegen. Er war es nicht gewohnt, mit seinen Kämpfen zu prahlen. Allerdings blickten alle Umstehenden ihn erwartungsvoll an.
“Also, einen Greifen zu erlegen bedarf einer guten Vorbereitung …”


* * *

Als sie nach Corvo Bianco zurückkehrten, war es bereits Nacht geworden. Auch nachdem sie sich in ihr Gästequartier zurückgezogen hatten, war Thalia immer noch ganz angetan von ihrem Gespräch mit Anna Henrietta. “Die Herzogin ist wirklich eine begeisterte Förderin der Wissenschaften. Sie möchte die Universität im Laufe der Jahre zu einer der führenden Hochschulen des Kontinents ausbauen. Ein hochgestecktes Ziel, aber mit den finanziellen Mitteln, die sie zur Verfügung stellt, sollten wir eine erstklassige Ausstattung anschaffen können. Und die zieht wiederrum fähige Wissenschaftler an.”

Eskel amüsierte sich über den Enthusiasmus, mit dem sie erzählte. “Dafür, dass du vorher noch so nervös warst, ist es doch hervorragend gelaufen.”
“Und ob. Ich bin so froh, dass ich mich nicht blamiert habe. Ich bin den Umgang mit so hochgestellten Persönlichkeiten einfach nicht gewöhnt.”
Er beobachtete sie dabei, wie sie die Schnürung ihrer Korsage öffnete und sich des Oberkleids entledigte.

“Vielleicht gewöhnen wir uns beide zukünftig besser daran.” Eskel setzte sich auf das Bett und zog seine Stiefel aus. “Der Hauptmann der herzoglichen Garde hat mir ein Angebot gemacht.”
Thalia hielt beim Öffnen des Untergewands inne und warf Eskel einen überraschten Blick zu. “Ein Angebot?”
“Er fragte mich, ob ich Ausbilder einer Spezialeinheit der Garde werden möchte, die mehr oder weniger Hexerarbeit übernehmen soll.”
Thalia war näher ans Bett herangetreten und setzte sich nun neben ihn. “Und … was hast du geantwortet?”
Eskel seufzte. “Ich habe gesagt, dass ich darüber nachdenken werde.” Er blickte Thalia an. “Was meinst du dazu?”

Thalia schürzte die Lippen. “Du weißt, dass ich dich nie dazu drängen würde, deine Profession aufzugeben. Ich habe mich in einen Hexer verliebt und dass du dich ständig in Gefahr begibst, gehört nun einmal dazu. Aber … ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir nichts ausmacht, ständig um dein Leben zu bangen. Immer, wenn du einen Auftrag annimmst, habe ich Angst, dass du nicht wieder gesund nach Hause kommen könntest. Die Vorstellung, dass du wieder auf den Pfad gehen wirst und ich wochenlang nicht wissen werde, ob es dir gut geht oder …” Sie schluckte und blickte ihn entschuldigend an. “Tut mir leid, ich fange wohl doch schon damit an, dich überreden zu wollen.”

Eskel lächelte sie schräg an. “Vielleicht ist es gar nicht nötig, mich zu überreden. Ich war lange genug auf dem Pfad. Vielleicht ist es an der Zeit, mein Leben zu ändern. Immerhin bin ich jetzt schon hier, mit dir … Ich habe früher die jungen Hexer auf Kaer Morhen ausgebildet. Und ich war recht gut darin. Die Zeit der Hexer ist vorbei, auch wenn ich das lange nicht wahrhaben wollte. Wenn ich mein Wissen - ausgenommen der Zeichen und Tränke natürlich - an die Gardisten weitergeben kann, würde immerhin etwas von der Wolfsschule überdauern.”

Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf Thalias Gesicht aus. Sie legte ihre Hand an seine unversehrte Wange. “Dann könnte die Garde sich glücklich schätzen. Mit dir bekämen sie einen besseren Ausbilder, als sie jemals zu hoffen gewagt hätten.” Sie schwang ihr Bein über seine und kletterte auf seinen Schoß. Als ihr Gesicht dicht an seinem war, sah sie ihn aus verschleierten Augen an. “Und ich habe einen besseren Mann, als ich jemals zu hoffen gewagt hätte.”

* * *

Später, als ihr Kopf auf seiner Schulter lag und ihre Hand auf seiner Brust, die Finger in seinem Brusthaar vergraben, bemerkte er, dass sie noch wach war.
“Kannst du nicht schlafen, mein Herz?” Der Duft nach Lavendel, der von ihrem Haar ausging, vermischte sich mit dem Duft ihres Körpers, der sich eben noch hungrig an den seinen geschmiegt hatte. Ihre Leidenschaft stand der seinen in nichts nach und er genoss das Gefühl, von ihr begehrt zu werden. Mit ihr zusammen zu sein ließ sich mit dem bedeutungslosen Sex, den er vor ihr hin und wieder erlebt hatte, nicht vergleichen.

Sie seufzte leise. “Mir geht zu viel im Kopf herum …”
“Willst du drüber reden?” Er strich ihr sanft durchs Haar.
“Ach … es ist nur … ich mache mir zwar Sorgen, ob und wie Alric Efferen sich an mir rächen könnte, aber eigentlich … bin ich froh, dass er überlebt hat. Ich bin froh, dass ich kein Leben auf dem Gewissen habe. Ich weiß nicht, ob ich damit fertig geworden wäre - auch wenn er ein schrecklicher Mensch ist.”
“Du wärst damit fertig geworden. Irgendwann.” Das letzte Wort hatte er fast geflüstert, was Thalia zu ihm aufblicken ließ.
“Irgendwann?”

“Thalia … ich bin kein edler Ritter, der immer nur Gutes tut. Weißt du noch … weißt du noch was ich dir damals über Deidre Ademeyn erzählt habe. Über mein Überraschungskind?”
“Sie hat dich verletzt, als du ihr zur Flucht verhelfen wolltest.”
“Sie hat sich von mir verraten gefühlt. Sie hatte gehofft, dass ich zu ihr stehen und für sie kämpfen würde. Für sie war es so, als ob ich sie im Stich ließe. Und vielleicht habe ich ja auch genau das getan. Aber … ich musste später erkennen, dass es ein Fehler gewesen war, ihr die Flucht zu ermöglichen. Sie zog daraufhin mordend und brandschatzend durchs Land und tötete viele Unschuldige. Zu viele. All diese Leben …. Und dann nahm ich ihr ihres … um zu verhindern, dass sie noch mehr Unheil anrichtet. Ich habe mein eigenes Kind der Vorsehung getötet, Thalia. Den Menschen, der mir am nächsten hätte stehen sollen. Wenn ich damals zu ihr gestanden und sie verteidigt hätte - wäre sie dann vielleicht gar nicht zu dem Monster geworden, dass sie zuletzt war? Das frage ich mich seit Jahrzehnten.”

Thalia zögerte kurz, strich dann sanft mit einem Finger über die lange, gefurchte Narbe, die seine rechte Gesichtshälfte durchzog.
“Du hast das Richtige tun wollen. Egal, wie du dich entschieden hättest, es wäre nie alles gut geworden.”
Er küsste die Innenfläche ihrer Hand, die sich direkt vor seinen Lippen befand. “Weißt du … genau jetzt habe ich das Gefühl, dass alles gut werden wird. Wir können uns hier zusammen ein gutes Leben aufbauen.”

Ein beinahe trauriges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie fuhr mit ihrer Hand durch das Haar an seiner Schläfe. “Ich werde wohl nie erleben, wie dein Haar grau wird.”
“Was meinst du, Thalia?”
Sie sah ihm sanft lächelnd in die Augen, beugte sich zu ihm hoch und küsste ihn. “Ach, nichts. Sag, ist dir das wirklich ernst mit der Garde?”
Eskel nickte langsam. “Ich werde de la Tour morgen aufsuchen und die Details mit ihm besprechen.”

Je mehr er darüber nachdachte, um so mehr konnte er sich mit dem Gedanken anfreunden. Die jungen Hexer auszubilden hatte ihm während all der Jahrzehnte in Kaer Morhen immer am meisten Freude bereitet. Die Gardisten würden zwar nie wahre Hexer werden, doch die Kampftechniken und das Wissen über Bestien und ihre Bekämpfung konnte er an sie weitergeben. Und wenigstens ein Teil dessen, was die Wolfsschule ausgemacht hatte, würde so überdauern.
Oh ja, je mehr er darüber nachdachte, um so mehr war er sich sicher, eine neue Aufgabe gefunden zu haben.
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