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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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107.057
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14.05.2018 1.915
 
Oxenfurt – die kleine, noch nicht ganz so verkommene Schwester von Novigrad. Nachdem er am vergangenen Abend durch das Westtor in die Stadt geritten war, hatte Eskel sich eine Unterkunft gesucht und eine warme Mahlzeit in der „Alchemie“ genossen. Stjepan, der Wirt von den Skellige-Inseln, hatte ihm einen überraschend guten Eintopf und Schinken serviert.
Doch auch das durchaus genießbare Essen und das halbwegs bequeme Bett hatten Eskels Abneigung gegen größere Städte nicht aufwiegen können. Heute Morgen fühlte er sich schon nach ein paar Stunden inmitten des pulsierenden Lebens Oxenfurts unwohl. Sein feines Hexergehör hatte Mühe, die unzähligen Gespräche der Menschen herauszufiltern, alles vermischte sich zu einem stetigen Klangbrei, der über kurz oder lang an den Nerven zehrte. Aber er hatte ja nicht vor, lange zu bleiben.
Auf dem Marktplatz suchte er einen Kräuterhändler auf und stockte seinen Vorrat an Heller Essenz und weißer Myrte auf. Die Preise hätten jedem Zwergenhändler alle Ehre gemacht, aber wenn es um seine Tränke ging, so wollte Eskel lieber kein Risiko eingehen und hochwertige Zutaten einkaufen, um die Qualität zu sichern. Vom Wirt der „Alchemie“ hatte er ein paar Flaschen Hochprozentigen erstanden, den er zur Herstellung seiner Tränke brauchen konnte. Auch, wenn sich die Saison dem Ende zuneigte, wollte er nicht in die Verlegenheit kommen, einen Auftrag ablehnen zu müssen, weil seine Trankvorräte zur Neige gingen.
Die Kräuterdüfte am Stand des Händlers hatten es kurzzeitig geschafft, den Gestank, der in Städten allgegenwärtig war, zu überdecken. Sobald Eskel sich jedoch zum Anschlagbrett aufmachte, umwehte ihn wieder die betörende Mischung aus Abwässern, Schweiß und Fäkalien. Wobei die Gerüche in Oxenfurt noch weitaus weniger abstoßend waren, als beispielsweise die Ausdünstungen der Novigrader Unterstadt.
Das Anschlagbrett gab nicht viel her. Ein paar Bekanntmachungen, Veranstaltungshinweise der Studentenschaft und ein Kaufangebot für gebrauchte medizinische Bücher. Nichts Interessantes … Das letzte angeheftete Blatt weckte dann jedoch seine Aufmerksamkeit. Ein Auftrag von der alchemistischen Fakultät der Akademie. Es wurde explizit nach einem Hexer gesucht, da es wohl um die Beschaffung von Zutaten ging, die sich zur Zeit noch in lebendigen Kreaturen befanden ... Eskel nahm den Zettel an sich und machte sich auf den kurzen Weg zur Akademie.
Er überquerte die Brücke, die die Universitätsinsel mit dem Rest der Stadt verband und stellte sich den Wachen am Tor vor. Zum Glück wurde er ohne Probleme auf den Campus gelassen – entweder waren die Wachleute über die mögliche Ankunft eines Hexers informiert worden oder sie nahmen ihre Aufgabe nicht sonderlich ernst. Mit Hilfe eines Wegweisers fand er schnell die alchemistische Fakultät, wusste nun aber nicht recht, wohin er sich wenden sollte. Eine Gruppe von Studenten verließ gerade das Gebäude. Die jungen Männer und Frauen waren in ein Gespräch vertieft und nahmen zunächst keine Notiz von ihm.
„Entschuldigung.“
Einer der Studenten blickte auf und blieb wie erstarrt stehen, die Augen vor Schreck geweitet. Die Reaktion seiner Kommilitonen fiel ähnlich aus, sobald diese den Hexer bemerkten. Eskel versuchte, einen möglichst freundlichen Gesichtsausdruck zu zeigen – wobei die lange, tiefe Narbe natürlich alle Blicke auf sich zog. Kein Lächeln der Welt - erst recht nicht seines - konnte den abschreckenden Eindruck seines Gesichts aufwiegen. Deshalb war Eskel daran gewöhnt, dass sich Menschen vor seinem Anblick erschreckten.
„Könntet Ihr mir bitte sagen, wo ich …“ Er las auf dem Aushangblatt nach. „Magister van de Wintervoord finden kann?“
„A-Am besten geht Ihr zum Labor im ersten Stock, die … die Treppe hinauf und dann die dritte Tür auf der linken Seite“, stotterte der Student, der Eskel am nächsten stand.
„Vielen Dank.“ Eskel nickte zum Gruß und betrat das Gebäude. Er konnte hören, dass die Studenten draußen über ihn sprachen. Aus ihren Worten sprach Angst, Abscheu und Verwunderung, was denn ein Mutant an der Akademie zu suchen habe. Früher waren viele Hexer regelmäßig nach Oxenfurt gekommen, um die Wissenschaftler mit seltenen Zutaten zu versorgen – aber diese Zeiten waren schon länger vorbei. Die jetzigen Studenten hatten wahrscheinlich noch nie zuvor einen Hexer aus der Nähe gesehen.
Eskel folgte dem beschriebenen Weg und klopfte an die dritte Tür. „Herein“, antwortete eine Frauenstimme aus dem Labor. Er trat ein. In dem Raum, der offenbar gerade Schauplatz eines Extraktionsvorgangs war, befanden sich alle erdenklichen alchemistischen Gerätschaften – Alembicus, Serpentinen und Retorten standen auf den Tischen. In den Vitrinen an den Wänden fanden sich unzählige Flaschen, Dosen und Tiegel. Eine bernsteinfarbene Flüssigkeit verdampfte in einem gläsernen Gefäß, das auf einem Brenner stand, und kondensierte im Kühlaufsatz. Das Fenster stand weit offen und der Luftzug trug die charakteristischen Gerüche von Schöllkraut und Nieswurz hinaus.
An einem der Tische stand eine recht kleine Frau im Laborkittel, die gerade dabei war, etwas in einem Mörser zu zerkleinern. Das rotbraune Haar trug sie unordentlich hochgesteckt, wodurch sich ein paar Strähnen gelöst hatten. Als sie nun aufblickte, steckte sie sich in einer unbewussten Geste eine davon hinter das Ohr. Sie schien Anfang dreißig zu sein und hatte ein recht hübsches Gesicht mit großen, dunklen Augen, war aber alles in allem eher unscheinbar.
Eskel fiel auf, dass der kleine Finger ihrer rechten Hand fehlte – vielleicht das Ergebnis eines fehlgeschlagenen Experiments… Ähnlich wie bei den Studenten vorhin weiteten sich auch ihre Augen bei seinem Anblick, sie fing sich jedoch augenblicklich wieder und lächelte ihn freundlich an. „Oh, Ihr seid sicherlich der Hexer …“
„Äh, ja, … ich suche einen Magister van de Wintervoord…“
„Das bin ich. Thalia van de Wintervoord.“
„Oh“, sagte Eskel und schämte sich sofort für diese wenig geistreiche Erwiderung. Weibliche Wissenschaftler waren zwar in Oxenfurt nichts Ungewöhnliches mehr, jedoch erlangten diese immer noch nur selten einen höheren akademischen Grad. Auch im 13. Jahrhundert waren die alten Strukturen der Machtverteilung noch zu spüren.
Um durch zu langes Schweigen keinen schlechten Eindruck zu machen, sprach Eskel schnell weiter.
„Mein Name ist Eskel, Hexer der Wolfsschule. Euer Auftrag klingt interessant, ich bräuchte aber noch weitere Informationen. Um welche Monsterzutaten geht es genau?“
„“Monsterzutaten“ – so nennt Ihr das also. Aber das trifft es wohl so ziemlich am besten. Also… Es geht um Folgendes: Im Auftrag der Akademie soll ich nach einem universell einsetzbaren Gegengift gegen Vergiftungen auf Basis von Krabbspinnengift forschen. Meinen Recherchen zufolge wäre ein Wirkstoff am erfolgversprechendsten, der aus der Leber der Giftigen Krabbspinne gewonnen werden kann. Und da kämt Ihr dann ins Spiel …“
„Es geht also um Krabbspinnen. Die sind nicht leicht zu finden und noch schwieriger zu bekämpfen. Der Aufwand ist groß, ebenso das Risiko. Wieviel gedenkt denn die Akademie, als Belohnung für die Beschaffung der Organe zu bezahlen?“
„300 Kronen. Das sollte Euer Risiko hoffentlich aufwiegen.“
Eskel dachte kurz darüber nach. Mit 300 Kronen könnte er die Saison sogar schon vorzeitig beenden und früher als geplant nach Kaer Morhen zurückkehren. Wenn er die letzten Herbstwochen für Reparaturen an der Festung nutzen konnte, würde der Winter hoffentlich deutlich angenehmer verlaufen. Die Dachbalken im Nordturm mussten dringend erneuert werden – keine Arbeit, die man gern bei winterlichen Temperaturen erledigte.
Krabbspinnen waren hingegen wirklich keine angenehme Beute. Der Kampf mit ihnen war tückisch, besonders gegen die hochgiftigen Exemplare. Hexer waren zwar gegen viele Gifte immun und konnten ohne weiteres auch eine Attacke mit Spinnengift überstehen – eine zu große Dosis des Giftes fügte jedoch auch Hexern erheblichen Schaden zu und konnte sogar zum Tod führen, wenn nicht schnell genug Gegenmaßnahmen ergriffen wurden. Aber für einen erfahrenen Hexer war das Risiko vertretbar. Und die ausgeschriebene Prämie durchaus angemessen – sogar etwas höher, als Eskel gefordert hätte.
„Also gut. Bis wann benötigt Ihr die Organe?“
„Da ich die Ergebnisse meiner Forschung in fünf Monaten vorlegen muss, sollten wir uns so bald wie möglich auf den Weg machen.“
Eskel hob erstaunt die Brauen. „Wir?“
Thalia nickte mit einem Lächeln. „Dass ich mitkomme ist Bestandteil des Auftrags. Keine Sorge, ich werde Euch bei der Jagd nicht in die Quere kommen, mir geht es ausschließlich um die Unversehrtheit der Leber und der Drüsen.“
„Ich versichere Euch, dass ich durchaus in der Lage bin, die Organe herauszuschneiden, ohne sie zu verletzen.“
„Das glaube ich Euch unbesehen, aber darum allein geht es nicht. Sie müssen so frisch wie nur möglich verarbeitet werden. Wenn Ihr sie wochenlang mit euch herumtragt, werden die daraus gewonnenen Extrakte zu schwach sein, um für mich von Nutzen zu sein. Deshalb habe ich alles genau geplant. Ich weiß wohl, dass Krabbspinnen am häufigsten in warmen Gebieten anzutreffen sind, aber: Meine Kollegen von der Archäologie haben mir erzählt, dass sie bei einer Ausgrabung nördlich von Ard Carraigh viele Exemplare gesehen haben. Natürlich nur von Weitem, aus sicherer Entfernung. Sonst hätten sie wohl nicht mehr davon berichten können.
Da die Drüsen nach der Extraktion in warmem Klima innerhalb weniger Tage unbrauchbar wären, schlage ich also vor, dass wir uns auf die Suche nach dieser Kolonie in Kaedwen machen. Sollten wir wirklich dort fündig werden, müssen wir nur bis nach Aedd Gynvael reisen und dort verarbeite ich die Organe an Ort und Stelle. Ein alter Bekannter von mir unterhält in der Stadt ein kleines Labor, das zwar nicht gerade perfekt ausgestattet sein wird, aber es sollte reichen. Die Akademie stellt mir zum Schutz vor Banditen zwei Wachen zur Verfügung, die uns begleiten werden. In Aedd Gynvael befindet sich eine Filiale der Vivaldi-Bank, das heißt ich kann Euch direkt nach unserer Ankunft dort eure Prämie auszahlen und Euch aus eurem Dienst entlassen. Dadurch erspart Ihr euch die Rückreise nach Oxenfurt und könnt schneller dem nachgehen, was immer ein Hexer im Herbst so tun mag. Was sagt Ihr zu meinem Vorschlag?“
Eskel war zunächst sprachlos ob der Länge und Ausführlichkeit des Vortrags. Die Wissenschaftlerin hatte offenbar alles bis ins Detail durchgeplant. Zumindest in der Theorie schien sie gut vorbereitet zu sein. Aber die Vorstellung, während einer wochenlangen Reise auf ein Weibsbild aufpassen zu müssen und womöglich ständig in geistreiche Konversation verwickelt zu werden, sagte Eskel überhaupt nicht zu. Wobei die Frau ihm durchaus sympathisch zu sein schien. Intelligent genug, sich selbst von den Krabbspinnen fernzuhalten war sie wohl allemal. Dennoch würde ihre Gesellschaft bedeuten, dass er langsamer vorankommen würde als allein.
Der Zeitverlust würde jedoch dadurch wieder wettgemacht, dass er seinen Auftrag direkt im Norden Kaedwens beenden würde und nicht wieder von Oxenfurt aus den Weg nach Kaer Morhen antreten müsste. Sollten sie wirklich eine Krabbspinnenkolonie in der Nähe von Ard Carraigh finden (und Eskel hatte wenig Zweifel, dass dem so war, immerhin hatten sich die Biester im Laufe der letzten Jahrzehnte immer mehr dem nördlichen Klima angepasst), würde die Reise zur Hexerfestung nur noch wenige Tage in Anspruch nehmen. Eine willkommene Abkürzung seiner Heimreise …
Eskel atmete tief durch. „Also gut. Ich muss Euch aber warnen: Wir werden ungefähr drei Wochen unterwegs sein, je nach Witterung vielleicht auch länger. Und es wird keine bequeme Reise werden, Gasthöfe zur Übernachtung sind auf dem Weg kaum zu finden, sobald wir das Pontargebiet verlassen. Wir werden also hauptsächlich unter freiem Himmel übernachten und von früh bis spät im Sattel sitzen. Meint Ihr, dass Ihr das schaffen werdet?“
„Ich bin mir bewusst, dass es kein angenehmer Ausflug wird. Aber dies ist nicht die erste Expedition, an der ich teilnehme. Ich habe schon Erfahrung damit. Macht Euch um mich bitte keine Sorgen.“
Die letzte Expedition, an der sie teilgenommen hatte, lag aber wahrscheinlich schon einige Zeit zurück. Ihrer hellen Haut nach zu schließen, verbrachte die Alchemistin nicht gerade viel Zeit in der freien Natur. Und als durchtrainiert war ihre Statur auch nicht zu bezeichnen. Nicht korpulent, jedoch auch nicht wirklich schlank oder muskulös. Aber das sollte nicht Eskels Problem sein, mit schmerzenden Muskeln und den Entbehrungen einer Reise zu Pferd müsste sie dann schon allein fertig werden.
Eskel reichte ihr die Hand, um den Vertrag abzuschließen. „Wann brechen wir auf?“
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