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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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10.03.2019 6.436
 
Der Alkohol brannte in der Kehle und vermochte doch nicht das Aroma von Schöllkraut und Ranogrin zu überdecken, das sich in Eskels Rachen ausbreitete. Sekunden später spürte er, wie die Wirkstoffe des Hexertranks durch seinen Körper strömten. Minuten zuvor hatte er bereits den Trank Schwalbe eingenommen, um sich auf den bevorstehenden Kampf vorzubereiten. Nun, da sein Körper gleich zwei Tränke verarbeiten musste, waren die Nebenwirkungen der alchemistischen Zutaten um so stärker.
Seine Adern traten deutlich unter der Haut hervor, als sein Blut sich mit den Wirkstoffen anreicherte. Er spürte, wie sich seine Sinne schärften, seine Muskeln spannten sich kurz.
Er blickte zu Geralt herüber, der ein paar Meter entfernt im Gebüsch hockte und gerade dabei war, die entsprechenden Trankflaschen aus seiner Tasche herauszusuchen. Eskel streckte ihm die Flasche Pirol entgegen. “Sicher, dass du nicht lieber ein paar Schlucke von meinem nehmen möchtest? Alchemie war noch nie deine Stärke, Geralt …”
Der weißhaarige Hexer warf seinem Bruder einen spöttischen Blick zu. “Die Tatsache, dass du Meister Yaris´ Musterschüler im Tränkebrauen warst, bedeutet nicht, dass ich nicht im Laufe der Jahrzehnte dazugelernt hätte, mein Freund. Danke, aber ich vertraue auf meine eigenen Tränke.”
“Wie du meinst.” Eskel verkorkte die Flasche wieder. Sein Blick wanderte zur Gefängnisinsel, die im Nebel, der vom Pontar aufzog, nur schwer auszumachen war. Geralt beobachtete, wie Eskel den Korken im Flaschenhals zwischen seinen Fingern drehte - erst in die eine, dann in die andere Richtung. Ein Zeichen dafür, dass er innerlich ganz und gar nicht die Ruhe empfand, die er versuchte, nach außen zu zeigen.
Geralt zog die Trankflaschen aus seiner Tasche, nahm von der Schwalbe, dann vom Pirol mehrere Schlucke und wartete, wie zuvor Eskel, die einsetzende Reaktion seines Körpers ab. Als sein Metabolismus die Substanzen verarbeitet hatte, erhob er sich und ging zu Yennefer, die zusammen mit Shani inmitten der Baumgruppe am Ufer stand.
“Eskel und ich machen uns dann jetzt auf den Weg. Der Nebel, den du geschaffen hast, sollte uns lange genug Deckung geben. Verwahrst du das bitte kurz für mich?” Er reichte Yennefer sein Silberschwert. Kurz blickte sie verwirrt, dann bemerkte sie, dass eine ihr fremde Klinge in der zweiten Halterung auf Geralts Rücken befestigt war. “Ich habe für Lambert ein Schwert besorgt”, erklärte er. “Bestimmt nicht so gut, wie sein altes, aber besser als nichts.”
“Wie nobel von dir. Es ist hoffentlich stabiler, als diese verschnörkelte Parierstange vermuten lässt.” Yennefer bedachte die Verzierung des Schwertes mit einer hochgezogenen Braue.
“War das beste, das der Schmied hier zu bieten hatte. Lambert wird so oder so daran herummäkeln, egal, welche Klinge ich ihm mitbringe.” Geralt blickte Yennefer an, fast so, als wolle er sich ihren Anblick noch einmal einprägen. Dann beugte er sich zu ihr herüber, legte eine Hand in ihren Nacken und küsste sie. Yennefer schmiegte sich an ihn, erwiderte seinen Kuss. Geralt sog ihren Duft nach Flieder und Stachelbeere noch einmal tief ein, öffnete dann wieder die Augen.
“Komm gesund zu mir zurück.” Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
“Nichts anderes habe ich vor.” Er löste sich von ihr, nickte Shani kurz zu. “Shani. Wir danken dir für deine Hilfe. Für alles. Bring dich jetzt besser in Sicherheit, bevor es hier gleich ungemütlich wird.”  
“Glaubst du wirklich, ich würde gehen, ohne zu wissen, ob ihr alle wohlbehalten wieder aus dem Gefängnis herausgekommen seid? Ich bleibe, Geralt. Falls etwas schief gehen sollte, könntet ihr meine Hilfe vielleicht brauchen.”
Geralt nickte langsam. “In Ordnung, Shani. Hoffen wir, dass es nicht dazu kommen wird.” Er wandte sich zu Eskel um. “Bereit?”
Eskel löste seinen Blick vom Gefängnis und sah Geralt an, wirkte wieder gelassen wie immer. “Lass uns aufbrechen. Ich bin froh, wenn diese Warterei ein Ende hat.” Eskel ging noch einmal zu Skorpion, der neben Arenaria zwischen den Bäumen graste, und verabschiedete sich kurz von seinem Schlachtross. Das Tier begann unruhig zu tänzeln, bemerkte anscheinend die Anspannung seines Herrn. Eskel klopfte ihm auf die Flanke und murmelte ein paar beruhigende Worte.
Die beiden Frauen ließen sie im Schutz der Ufervegetation zurück. Yennefer würde darauf achten, außerhalb des Einflussbereichs des Dimeritiums zu bleiben, das nicht nur im Gefängnis selbst verteilt war. Als sie sich dem Vorplatz der Brücke näherten, der nun ebenfalls im Nebel lag, spürte Eskel die Ausstrahlung des Metalls, das jegliche Magie unmöglich machte. Auf Zeichen würden er und Geralt also ab hier nicht mehr zurückgreifen können. Lediglich einen gut bestückten Satz Granaten hatte jeder von ihnen dabei, um sich einen Vorteil zu verschaffen.
Eskel fühlte sich nicht gerade wohl dabei, ausgerechnet auf seine eigene Paradedisziplin während des bevorstehenden Kampfes verzichten zu müssen. Aber auch ohne Zeichen würden Geralt und er erfolgreich sein. Thalias Sprengsätze sollten ihnen einen Teil der Gegner vom Leibe halten.  Mit dem Rest würden sie schon fertig werden. Eine andere Option gab es nicht.
Im Gebüsch am Rand des Vorplatzes gingen sie in Deckung. Die Brücke lag zum Teil im Nebel verborgen, der vom Mondlicht erhellt wurde. Geralt bemerkte, dass sein Bruder sich nun kaum mehr Mühe gab, seine Anspannung zu verbergen. Eskel hockte neben ihm, seine Wangenmuskeln spannten sich unter der Haut an. Er blickte starr Richtung Brücke, seine Finger trommelten ruhelos auf seinem Bein. Von seiner normalerweise auch vor einem Kampf eher gelassenen Haltung war keine Spur zu erkennen.
“Bleib ruhig, Eskel. Bisher läuft alles nach Plan.”
“Sobald Thalia wieder draußen ist, werde ich die Ruhe selbst sein, Geralt. Bis dahin …”
Wie auf Kommando hörten sie das Knarzen des Eingangstors, das sich anscheinend öffnete, gefolgt vom Geräusch leichter Schritte auf der Brücke. Thalia. Eskel nahm einen tiefen Atemzug.
Plötzlich erschallte die laute Stimme eines Mannes auf der Brücke. “Thalia! Erklärt mir das hier bitte! Sofort!”
Eskels Muskeln spannten sich an, angestrengt versuchte er auszumachen, was auf der Brücke vor sich ging.
Sekunden verstrichen, dann hörten sie, wie Thalias Schritte sich wieder von ihnen entfernten und zurück zum Gefängnis führten.
Eskel sprang aus seiner geduckten Haltung auf und schickte sich an, zur Brücke zu laufen. Geralt hielt ihn am Arm zurück.
“Eskel”, zischte er. “Es ist noch zu früh.”
“Sie geht zurück zum Gefängnis, Geralt!” Eskel sprach gedämpft, aber die Mischung aus Sorge, Wut und Anspannung in seiner Stimme war unverkennbar. “Irgendetwas ist schief gelaufen.”
Sie hörten Thalia leise mit dem Mann sprechen, konnten die Worte aufgrund der Entfernung jedoch nicht verstehen. Dann hörten sie wieder das Knarzen des Tors. Und dann - Stille. Offenbar waren Thalia und der Mann wieder hinter den Mauern der Festung.
“Gleich gehen die ersten Sprengsätze hoch und sie ist noch drin! Du hättest mich nicht aufhalten sollen, Geralt!”
“Beruhige dich!” Geralt zog Eskel zurück in die Deckung des Buschwerks. “Die Wächter stehen bestimmt immer noch am Tor und könnten dich sehen. Das wird Thalias Situation nicht verbessern.”
Eskel schnaubte. “Hoffen wir, dass Thalia Gelegenheit hatte, auch den Sprengsatz am Tor anzubringen.” Er wandte sich kurz Geralt zu. “Wer war der Kerl? Er schien sie zu kennen. Wenn er ihr auch nur ein Haar krümmt … Sobald wir drin sind, werde ich Thalia suchen. Du machst dich auf den Weg zum Verlies und befreist Lambert, aber für mich hat erst einmal Thalia Priorität.” Eskels Blick war wieder starr in den Nebel gerichtet. “Ich werde sie da heraus zu holen, Geralt. Und falls ihr etwas zustoßen sollte, dann kann diesen Bastarden auch ihr Ewiges Feuer nicht mehr helfen …”


*********

Alric Efferen hielt ihren Arm schmerzhaft fest umklammert und Thalia stolperte beinahe, als sie mit seinem schnellen Schritttempo mithalten musste. Er zerrte sie mit sich, durch den Korridor, den sie vor wenigen Minuten noch in entgegengesetzter Richtung entlanggegangen war.
“Alric, was soll das? Lassen Sie uns doch vernünftig darüber reden. Ich sagte doch, dass es mir lediglich darum ging, euren Erfolg bei der Befragung zu vereiteln.” Sie geriet etwas außer Atem - teilweise, weil sie für jeden seiner Schritte aufgrund ihrer kürzeren Beine fast zwei machen musste, teilweise auch, weil die Angst ihr die Luft abschnürte. Lange würde es nicht mehr dauern und die ersten Sprengsätze würden detonieren. Alles war im Begriff, schief zu laufen.
“Wundert es Euch denn, dass ich Euch den Erfolg missgönne, Alric? Ständig versucht Ihr, mich vor den anderen schlecht zu machen. Ich weiß noch nicht einmal, aus welchem Grund. Aber wenn Ihr nun schafft, was ich nicht vermochte …”
Alric blieb abrupt stehen, der Griff an ihrem Oberarm verstärkte sich noch einmal. Seine verengten Augen blickten hasserfüllt in ihre. “Für wie dumm haltet Ihr mich eigentlich, Thalia? Ihr steckt mit Yonka unter einer Decke. Glaubt Ihr, ich habe nicht gesehen, dass Ihr euch immer wieder miteinander unterhalten habt? Ihr seid genau wie er: Verblendet von eurer edlen Gesinnung. Ihr haltet die Alchemie für eine Kunstform, ein Werkzeug, um zu heilen. Ich sehe darin Macht. Ich sehe die Waffe, die es uns ermöglicht, den entscheidenden Schlag gegen diese Brut zu führen. Den Schlag, der hunderten, vielleicht tausenden von Menschen das Leben retten kann, die diesen spitzohrigen Missgeburten sonst zum Opfer fallen. Aber Ihr auf eurem hohen, noblen Ross seid natürlich zu zimperlich, um das wahrhaben zu wollen. Es würde mich nicht wundern, wenn Laikos auch an dieser Verschwörung beteiligt wäre. Aber das werde ich schon noch herausfinden, jetzt, wo ich Euch das Handwerk gelegt habe.”
Als er seinen Weg wieder aufnahm, riss es sie beinahe von den Füßen, so sehr zerrte er an ihrem Arm. Thalia versucht, die Zeit abzuschätzen, die seit dem Schärfen der ersten Sprengsätze vergangen war. Es konnte nicht mehr lange dauern … Vielleicht konnte sie die dann einsetzende Verwirrung nutzen, um sich loszureißen und zu flüchten. Eskel und Geralt würden in wenigen Minuten genau diesen Weg nehmen, um zum Verlies von Lambert und Keira zu gelangen. Wenn sie sich bis dahin irgendwo verstecken könnte …
Er zog sie weiter mit sich, die Treppe hinunter, die zum Verlies führte. Die beiden Wächter vor dem vergitterten Tor runzelten die Stirn ob ihrer Rückkehr. Doch Alrics zornige Miene verhinderte, dass sie nachfragten. “Schließt das Tor auf! Diese Frau ist eine Verräterin und ich beabsichtige, Professor Basilius morgen früh ausführlich über ihre Vergehen zu unterrichten.” Während einer der Wächter das Schloss öffnete, wandte sich Alric Thalia zu. “Und ich hoffe für sie, dass sie gesprächig sein wird. Genau so, wie die Zauberin.” Er hatte seine Stimme drohend gesenkt. Während er sie durchs Tor ins Verlies zog, raunte er einem der Wächter zu: “Was Ihr auch hören mögt … bleibt einfach auf eurem Posten.”
Als er sie in den Teil des Raums gezerrt hatte, in dem Lambert und Keira immer noch gefesselt ausharrten, stieß er sie grob zu Boden.
“Was habt Ihr alles manipuliert? Lag es die ganze Zeit an Euch, dass wir keine brauchbaren Ergebnisse erzielt haben? Redet, Thalia!”
Die Wut, die er eben noch mühsam beherrscht hatte, brach sich nun Bahn. “All die Zeit, die wir vergeudet haben. Der Verlust unseres Ansehens beim König. All das habt Ihr zu verantworten!”
Thalia richtete sich wieder auf, versuchte auf die Beine zu kommen. Alric holte mit dem Bein aus und trat sie mit Wucht in den Bauch. Schmerz, heiß wie Feuer, explodierte in ihrem Leib. Keuchend brach sie zusammen, rang um Luft und krümmte sich. Thalia spürte, wie ihr vor Schmerz schwindlig wurde. Sie spürte den kalten, feuchten Stein des Bodens auf ihrer Wange.
“Du mieser Bastard!” Lambert, der immer noch mit Handschellen an die Wand gekettet war, stemmte sich kraftvoll gegen die Fesseln. Trotz ihrer Pein registrierte Thalia, dass die Hexertränke bei ihm anscheinend bereits ihre Wirkung zeigten. Lambert wirkte viel lebendiger und wacher als noch vor Minuten. Doch gegen die Fesseln kam er trotzdem nicht an.
Keira taxierte Efferen mit Blicken, die ihm wahrscheinlich das Blut in den Adern hätten gefrieren lassen - wenn die Zauberin nicht ihrer Macht beraubt und hilflos gewesen wäre.
Bis eben hatte Thalia noch gehofft, Alric mit Worten beschwichtigen zu können. Doch nun schien er blind vor Wut zu sein. Er beugte sich zu ihr hinab, griff ihre Tunika und zerrte sie auf die Beine. Grob stieß er sie gegen die Wand. “Du verlogenes, hinterhältiges Weib! Ich werde die Wahrheit schon aus dir herausbekommen.”
In diesem Moment detonierte im hinteren Teil des Gebäudes die erste Bombe - eine von denen, die Laikos vorhin platziert haben musste. Die Explosion ließ die Mauern um sie herum erzittern, Staub rieselte aus der hölzernen Decke.
Efferen war vor Schreck kurz wie erstarrt. Er blickte zur Decke hoch, dann in Richtung des Tors. Dann wandte er sich Thalia zu. Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut zu einer Grimasse. “Das wart Ihr! Ihr steckt hinter dieser ganzen Scharade! Was habt Ihr vor? Wollt Ihr euren Komplizen befreien?” Er griff wieder nach ihr, presste sie gegen die Wand und legte seine Hände um ihren Hals. Thalia versuchte, ihn fortzustoßen, aber er war einfach zu stark. Ihre Fingernägel bohrten sich in seine Wangen, es gelang ihr, ihm einen langen Kratzer vom linken Ohr bis zum Mundwinkel beizubringen. Alric schrie ob des Schmerzes kurz auf, ließ ihren Hals los - jedoch nur, um ihr eine schallende Ohrfeige zu versetzen. Ihr Kopf schleuderte schmerzhaft gegen die Wand. Schon legten sich seine Hände erneut um ihren Hals, er begann sie zu würgen. “Du wirst hier verrotten, du Hure - genau wie Yonka! Die Wärter werden bestimmt ihren Spaß mit dir haben. Wer weiß, vielleicht wirst du´s ja sogar genießen? Wie lange ist dein Verlobter schon tot? Fünf Jahre? Du bist bestimmt schon ganz vertrocknet. Aber keine Sorge, die Wärter hier stört das bestimmt nicht. “
Thalia bekam keine Luft mehr. Panik erfasste sie. Ihr Blickfeld verdunkelte sich, Ohnmacht drohte sie zu überwältigen.
Wie in weiter Ferne hörte sie Lambert etwas rufen, die Worte drangen jedoch nicht zu ihr durch.
Immer kraftloser versuchte sie, Efferens Hände von ihrem Hals zu lösen, ihn von sich zu stoßen. Ihre Finger krallten sich in seine Schulter, wanderten an seiner Weste nach unten, versuchten verzweifelt, ihn irgendwie abzuwehren. Sie spürte etwas Hartes, Kühles, als ihre Hand an seiner Weste hinunterglitt. Ihre Finger schlossen sich um ein Fläschchen, das er in seiner Tasche verstaut hatte.
Mit all ihrer verbliebenen Kraft hieb sie ihm das gläserne Gefäß gegen den rechten Wangenknochen. Das Glas splitterte. Doch die Splitter, die sich in Efferens Haut bohrten, waren nicht der Grund für den spitzen Schrei, den er ausstieß. Blitzartig ließ er von Thalia ab, seine Hände versuchten, sein Gesicht zu schützen, doch es war zu spät. Die Säure, mit der er eben noch Keira und Lambert traktiert hatte, verätzte seine rechte Gesichtshälfte. Thalia hörte ein leises Zischen, als die Substanz sich in seine Haut fraß. Das Geräusch wurde jedoch übertönt durch Alrics Schreie, die von den Wänden widerhallten.
Ein Spritzer der Säure war auch auf Thalias Handfläche geraten. Es brannte wie Feuer, Thalia konnte nur mühsam einen Aufschrei unterdrücken. Sie stürzte zu dem Eimer, der in der Ecke des Verlieses stand und tauchte ihre Linke in das Wasser. Der Schmerz ließ augenblicklich nach, betäubt von der Kühle.
Einer der beiden Wächter betrat nun - entgegen Efferens vorheriger Anweisung - das Verlies, versuchte, die Lage zu erfassen und ging dann neben dem sich am Boden windenden und immer noch erbärmlich schreienden Alric in die Knie.
Es konnte nun nicht mehr lange dauern, bis der Gasbehälter im Gang explodieren würde. Thalia war die Zeit, in der Efferen sie angegriffen und gewürgt hatte, wie Minuten vorgekommen - tatsächlich waren aber vielleicht nur Sekunden vergangen. Lambert würde durch den Hexertrank vor der betäubenden Wirkung des Gases geschützt sein, doch sie selbst und Keira würden binnen Sekunden das Bewusstsein verlieren. Wieso nur hatte sie nicht daran gedacht, Atemfilter aus dem Labor mitzunehmen? Weil der Plan vorgesehen hatte, dass sie zu diesem Zeitpunkt schon längst das Gefängnis verlassen haben sollte …
Also musste sie improvisieren. Sie zog die Hand aus dem Wasser, den Schmerz, der augenblicklich wieder einsetzte, ignorierend und zog sich die Weste aus, die sie über ihrer Tunika trug. Beim zweiten Versuch, sie entlang der Rückennaht in zwei Teile zu zerreißen, hatte sie Erfolg. Sie tauchte die beiden Stoffbahnen ins Wasser und tränkte sie vollständig.
Alrics Schreie waren mittlerweile in ein Wimmern übergegangen. So groß ihre Angst vor ihm eben auch gewesen war - nun spürte sie doch Mitleid. Der Wächter beugte sich noch immer über ihn und versuchte, Alrics Hände von seinem Gesicht zu lösen, um die Verletzung zu begutachten. Von Thalia nahm er keine Notiz.
Sie eilte zu Keira und band ihr den Stoffstreifen vor das Gesicht. Lange würde das Tuch das Gas nicht abhalten, aber es würde vielleicht reichen, um Zeit zu gewinnen.
Noch während sie ihr eigenes Tuch hinter ihrem Kopf verknotete, detonierte im Gang der Gassprengsatz. Der Wächter fuhr hoch und eilte zu seinem Kameraden, der immer noch auf seinem Posten ausgeharrt hatte. Doch bevor er das Gitter erreichte, strömte bereits Gas in das Verlies. Thalia versuchte, flach zu atmen und duckte sich auf den Boden. Der Wächter hustete, fasste sich an die Kehle und begann zu taumeln.
Aus der Ferne hörte Thalia laute Rufe. Die nächste Detonation folgte, dieses Mal war die Erschütterung sogar noch deutlicher zu spüren.
“Hol die Schlüssel, Thalia!” Lambert schien keine Probleme mit der Atmung zu haben - wohingegen sie selbst das Kratzen des Gases in ihrer Kehle deutlich spürte, trotz des improvisierten Filters.
Der Wächter war inzwischen hustend in die Knie gegangen und brach wenige Meter von Thalia entfernt zusammen. Sie kroch zu ihm herüber und tastete nach dem Schlüssel. Das Gas brannte in ihren Augen, die zu tränen begannen. Da, dort war der Schlüsselbund, befestigt am Gürtel des Wächters. Thalia riss ihn ab und kroch damit zu Lambert. Mit zitternden Fingern probierte sie einen Schlüssel nach dem anderen aus, bis endlich der Passende gefunden war und die rechte der beiden Handschellen aufsprang. Lambert nahm ihr sofort den Schlüssel aus der Hand und schloss die verbliebene Fessel selbst auf.
Alric, der zusammengekrümmt auf dem Boden lag, hatte inzwischen das Bewusstsein verloren - ob vor Schmerz oder durch das Gas, konnte Thalia nicht sagen. Jedenfalls war es wohl ein Segen für ihn. Die Säure hatte sich bereits so weit in seine Haut gefressen, dass Thalia das weiße Schimmern seines Wangenknochens erkennen konnte. Und die Substanz verursachte immer noch weiteren Schaden. Thalia war dankbar dafür, dass das Gas mittlerweile den Gestank des sich zersetzenden Gewebes überdeckte. Doch der Anblick ließ eine Welle der Übelkeit in ihr aufsteigen. Sie kroch hinüber zum Wassereimer und goss dessen Inhalt langsam über Alrics Kopf, um den Rest der Säure abzuspülen.  
Lambert war bereits dabei, Keira zu befreien. Die Zauberin warf einen abgestoßenen Blick auf ihre zerschundenen Handgelenke, an denen die Dimeritiumfesseln ihre Haut abgescheuert hatten.
Thalia spürte, wie das Gas ihre Sinne immer mehr vernebelte. Sie registrierte kaum, dass Lambert seinen Arm um ihren Oberkörper schlang und sie und Keira gleichzeitig stützte. Auch der Zauberin gaben die Knie nach - zusätzlich zum Gas machte ihr natürlich noch der tagelange Einfluss des Dimeritiums zu schaffen.
Auf dem Gang bemerkte Thalia den reglosen Körper des zweiten Wächters, der gegen die Wand lehnte. Lambert setzte Thalia und Keira auf dem Boden ab und durchsuchte den Mann nach Waffen. An dessen Gürtel wurde er fündig - ein kleiner Dolch war jedoch alles, was der Wächter bei sich trug. Offenbar hatte hier unten im Verlies niemand mit größeren Problemen gerechnet. Lambert fluchte leise, steckte den Dolch jedoch in seinen Gürtel und zog die beiden Frauen wieder auf die Füße.
“Hey, schlaf nicht ein, Frau Professor! Wo müssen wir lang?”
Thalia versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Eine neue Welle der Übelkeit stieg in ihr auf. “Gerade… geradeaus, die Treppe rauf. Dann nach links. Eskel und Geralt … sie kommen.”
Eine weitere Detonation war zu hören. Dieses Mal aus der Richtung, in die sie sich nun langsam schleppten. Das Haupttor war soeben aus seinen Angeln gesprengt worden.


*******


Als das schwere Tor auf dem steinernen Boden aufschlug, waren Eskel und Geralt bereits mit gezückten Schwertern aus der Deckung des Nebels gesprungen und rannten über die Brücke auf das nun offene Eingangsportal zu. Die Torwächter, die zuvor durch die Explosionen, die aus dem Inneren des Gebäudes zu vernehmen gewesen waren, in Alarmbereitschaft versetzt worden waren, hatten sich von der Brücke abgewandt und standen mit erhobenen Waffen im Torbogen. Offenbar rechneten sie damit, sich ausbrechenden Gefangenen in den Weg stellen zu müssen. Zu spät realisierten sie, dass ihre Gegner sich ihnen von der Brücke aus näherten. Schreie und Rufe aus dem Gefängnisinneren hatten ihre Aufmerksamkeit gefesselt. Als sie die sich nähernden Hexer bemerkten, war es bereits zu spät für sie.
Seit dem die ersten Sprengsätze im Gefängnis detoniert waren, hatte sich Eskels innere Unruhe noch weiter gesteigert. Zu wissen, dass Thalia sich in unmittelbarer Gefahr befand und nichts tun zu können außer zu warten … Jetzt, als er endlich in die Geschehnisse eingreifen konnte, löste sich der Knoten in Eskels Brust.
Bereits im Korridor, der sie vom Eingangsbereich zu den Gefangenenquartieren führte, trafen sie auf weitere Wärter.
Mit jedem Gegner, der sich seinem Schwert in den Weg stellte, spürte Eskel, wie die Anspannung immer mehr von ihm abfiel. Seine Sinne waren aufs Äußerste geschärft, seine Muskeln führten die Streiche kraftvoll und präzise aus.
Bisher waren ihnen noch keine Ordensbrüder oder Hexenjäger begegnet. Doch beiden Hexern war klar, dass dies nicht mehr lange so bleiben würde. Auch wenn die Sprengsätze einen Teil der Zugangskorridore unpassierbar gemacht haben sollten, so würden ihre Gegner sicherlich über andere Wege ihre Quartiere, die vermutlich im hinteren Bereich der Festung lagen, verlassen.
Da Eskel nicht die Spur einer Ahnung hatte, wo er nach Thalia suchen sollte, schlug er zusammen mit Geralt den Weg in Richtung Verlies ein, den Thalia ihnen zuvor beschrieben und aufgezeichnet hatte.
Der Korridor, der vor ihnen lag, war von Rauch und Gas geflutet. Den Hexern konnte weder das eine noch das andere viel anhaben, Eskel verspürte lediglich ein belegtes Gefühl im Rachen. Hier stießen sie auch auf die ersten Ordensritter - jedoch lagen diese bewusstlos am Boden. Eskel und Geralt stiegen über die reglosen Körper.
Aus einem Kreuzgang zu ihrer Rechten traten plötzlich zwei Personen, die Gesichter hinter schnabelförmigen Atemmasken verborgen. Die beiden Hexer holten bereits zum Schlag aus, als einer der beiden Männer die Arme hob. “Wartet, halt! Wir sind es!” Der Mann zog kurz die Maske hoch, sodass die Hexer einen Blick auf sein Gesicht werfen konnten, bevor er den Atemschutz wieder in Position schob.
“Laikos!” Geralt hatte wie Eskel sein Schwert gesenkt, als er den Wissenschaftler erkannte. Er wandte sich dem zweiten Mann zu. “Dann seid Ihr …” “Marik Yonka”, stellte sich der Angesprochene selbst vor, die Stimme durch die Maske gedämpft. Er stand in leicht gebeugter Haltung da, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. Offenbar war er nicht in bester gesundheitlicher Verfassung.
“Gut, dass Ihr lebt”, begrüßte Eskel die beiden. “Laikos, Thalia ist noch immer hier. Sie war bereits auf dem Weg nach draußen, als sie jemand zurückgehalten hat …”
“Efferen!” Trotz der Maske konnte man Laikos´Wut aus seiner Stimme heraushören. “Verdammt! Er war bereits hier, als wir das Gefängnis betraten und soll den Hexer und die Zauberin befragt haben. Thalia wollte zu ihnen gehen und ihn beschwichtigen, bevor sie die Sprengsätze platziert.”
“Also ist es wahrscheinlich, dass er mit ihr zum Verlies zurückgegangen sein könnte?”
“Das wäre meine Vermutung.”
Eskel nickte Geralt zu. “Dann auf zum Verlies. Mit etwas Glück solltet Ihr es allein raus schaffen, Laikos. Wir haben auf dem Weg hierher etwas aufgeräumt.”
Der Angesprochene blickte kurz Yonka an, wandte sich dann den Hexern zu, die bereits an der nächsten Abzweigung in den linken Korridor abbogen. “Wir begleiten Euch!”
“Keine gute Idee!”, rief Geralt den beiden Professoren über die Schulter zu. “Bestimmt wird es gleich ungemütlich.”
“Entweder schaffen wir es alle zusammen …”, erwiderte Laikos, der mit Yonka bereits zu den Hexern aufgeschlossen hatte. “… oder keiner von uns.”


Das erste Zusammentreffen mit Ordensrittern, die nicht dem Betäubungsgas erlegen waren, fand bereits hinter der nächsten Biegung des Flurs statt. Vier Männer in voller Rüstung traten ihnen in den Weg. Da der Korridor zu eng zum Ausschwärmen war, konnten Geralt und Eskel die Gegner nacheinander niederstrecken. Keiner der Männer konnte es an Geschick, Kraft und Reaktionsschnelle mit den Hexern aufnehmen. Laikos und Yonka hielten sich vernünftigerweise im Hintergrund, wahrten genug Abstand zu den Kämpfen und warfen ab und zu einen Blick in den Korridor hinter sich. Doch bisher waren keine weiteren Ritter vom Orden des Ewigen Feuers durch die Kampfgeräusche angelockt worden. Aber auch das konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Die Hexer gönnten sich keine Verschnaufpause, sondern stiegen über die Leichen der Gefallenen und setzten ihren Weg fort, die beiden Professoren stolperten unsicher hinterdrein.
Eskels geschärftes Gehör registrierte ein Geräusch hinter der nächsten Abbiegung. Er bedeutete den anderen innezuhalten. Doch nun war auch das Geräusch verstummt. Eskel trat leise an den Kreuzweg heran, hielt sich dicht an der Wand. Dann wagte er einen Blick in den angrenzenden Korridor - und konnte im letzten Moment einem Dolch ausweichen, der mit einem präzisen Schwung gegen seine Kehle geführt wurde.
“Eskel, du Idiot!” Lambert ließ den Dolch augenblicklich sinken. “Ich hätte dich beinahe erledigt!”
Eskel stieß einen erleichterten Seufzer aus. “Viel hätte nicht gefehlt. Trotzdem schön, dich zu sehen, Lambert.”
Dann fiel sein Blick auf die beiden Frauen, die sich ein gutes Stück hinter Lambert im Korridor aufhielten. Eine der beiden stieß bei seinem Anblick einen erleichterten Aufschrei aus und bemühte sich, mehr taumelnd als gehend, zu ihm zu gelangen. Mit drei langen Schritten war er bei ihr und schloss Thalia in die Arme. “Ich bin so froh, dass es dir gut geht”, murmelte er in ihr Haar. Dann hielt er inne, löste sich von ihr, um sie kurz zu mustern. “Es geht dir doch gut, oder?” Sein besorgter Blick wanderte über ihren Körper auf der Suche nach Verletzungen.
“Alles gut. Ich habe nur etwas von dem Gas abbekommen, aber das wird wieder.” Sie blickte zu den beiden Professoren herüber. “Seid Ihr …?” Yonka nahm die Maske herunter, lächelte Thalia zu. Der ohnehin schon hagere Mann wirkte ausgezehrt, dunkle Schatten unter seinen Augen und ein Bluterguss an der Wange zeugten von dem Martyrium, dem er in den letzten Tagen ausgesetzt gewesen sein musste. Thalia schien trotzdem mehr als erleichtert zu sein, ihn lebend wiederzusehen. “Vincent hat Euch also gefunden. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass Ihr lebt. Wir hatten schon das Schlimmste befürchtet.”
“Ich bin auch froh, nicht mehr in dieser Zelle zu sitzen. Ich hätte nicht gedacht, Vincent und Euch wiederzusehen, um ehrlich zu sein.”
Auch Laikos hatte seine Atemmaske abgesetzt, da sich das Gas bereits aus den Korridoren verflüchtigt hatte. Er legte Yonka eine Hand auf die Schulter. “Gleich hast du´s geschafft, Marik.”
Geralt nickte der Zauberin kurz zu, die nun ebenfalls gemessenen Schrittes und mit einer stützenden Hand an der Wand auf sie zu kam.
“Keira. Gut, dich wiederzusehen. Dann lasst uns mal von hier verschwinden.” Er zog das zweite Schwert aus der Halterung auf seinem Rücken und reichte es Lambert. “Hier. Bestimmt nicht so gut, wie dein eigenes, aber ich konnte auf die Schnelle nichts Besseres auftreiben.”
Lambert nahm das Schwert stirnrunzelnd entgegen. “Für wen wurde das denn angefertigt? Einen Gecken mit Pluderhosen und Federhut?” Der verzierte Griff und die verschnörkelte Parierstange entsprachen offenbar nicht dem Geschmack des Hexers. Er wog das Schwert prüfend in der Hand, führte einen Probestreich damit aus. “Wird reichen müssen. Besser als dieser Zahnstocher hier allemal.” Er warf den Dolch, den er dem Wärter entwendet hatte, achtlos auf den Boden.
Sie liefen den Weg, den die Hexer vorhin genommen hatten, zurück - Eskel stützte Thalia, Lambert hatte seinen Arm um Keira geschlungen. Geralt bildete die Vorhut, die beiden Professoren die Nachhut.
“Da vorne bekommen wir es gleich mit einigen Gegnern zu tun …”, warnte Geralt. Schon strömten sechs, dann sieben Ordensritter in den Korridor. Die Frauen und die Wissenschaftler blieben im Hintergrund, während die drei Hexer Seite an Seite einen nach dem anderen Gegner niederstreckten. Doch immer mehr Männer drängten in den Gang, trieben die Hexer nach und nach zurück. Weiter hinten sahen sie auch einige Hexenjäger, die ihren Kameraden im Geiste beistehen wollten.
Eskel war klar, dass ihr Standort nun ohnehin kein Geheimnis mehr war - offenbar waren nun alle Ordensritter und Gefängniswärter, die sich in der Nähe aufgehalten hatten, durch den Kampflärm auf sie aufmerksam geworden. Er zog eine der Granaten aus seiner Tasche, schärfte sie und warf sie über die Köpfe der Ordensbrüder. Der Sprengsatz landete zwischen den Männern, denen nicht genug Zeit blieb, zu reagieren. Die Hexer duckten sich und Sekundenbruchteile später riss die Detonation einen Großteil ihrer Gegner ins Reich des Ewigen Feuers.
Die Verbliebenen, die sich noch auf den Beinen hielten, waren schnell ausgeschaltet.
Doch schon hörten sie weitere Verstärkung, die laut rufend auf dem Weg zum Ort des Geschehens war. Weiter in diese Richtung zu laufen, gerade mit den zwei angeschlagenen Frauen und den Professoren im Schlepptau, wäre Selbstmord gewesen.
“Scheiße, es sind zu viele!” Lambert blickte finster in die Richtung, aus der sie die Geräusche vernahmen.
“Es gab bestimmt einen Seitengang, den ich nicht kannte … Verdammt.” Thalia gab offenbar sich selbst die Schuld an ihrer momentanen Lage.
“Wir müssen einen anderen Fluchtweg finden.” Geralt suchte, pragmatisch wie immer, nach einer Alternative. “Selbst wenn wir es über die nächste Kreuzung hinweg schaffen würden - das Risiko ist zu groß, dass sie uns danach aus beiden Richtungen in die Zange nehmen.” Er wandte sich an Thalia und die beiden Professoren. “Es gibt wirklich nur den einen Ausgang?”
“Ja, leider”, erwiderte Thalia verzagend.
“Nein, es gibt noch einen anderen Weg hier raus”, warf Yonka ein. Vincent blickte ihn fragend an. “Was meinst du? Welchen Weg?”
“Ihr wart nie in der Leichenkammer, oder? Ich habe dort viel Zeit bei den Obduktionen zugebracht. Es gibt eine Art Rutsche, über die die Leichen entsorgt werden. Die Körper fallen von der Rutsche auf einen Kahn, der sie den Pontar hinunter befördert. Das Boot wird jetzt natürlich nicht da sein, aber wir könnten schwimmen …”
“Wo ist die Leichenkammer?” Geralt hatte sich mit der Idee anscheinend bereits angefreundet.
“Nicht weit von hier. Wir müssten nur wieder einen Gang zurück und dann links abbiegen.”
Eskel war bereits wieder zu Thalia getreten, um sie zu stützen. “Also los.”
Auf dem Weg dorthin hörten sie hinter sich die Ordensritter aufschließen - der Abstand zwischen ihnen wurde immer geringer. Die Frauen erholten sich zwar langsam und sie kamen nun schneller voran, doch nicht schnell genug. Bald würden ihre Verfolger sie einholen.
Yonka behielt Recht: Sie erreichten die Leichenkammer bereits nach wenigen Minuten.
Der Raum war klein und erfüllt vom süßlichen Gestank der Verwesung. An den Wänden lagen mit Tüchern verdeckte Körper, die offenbar auf ihre Entsorgung warteten.
Eskel und Geralt steckten ihre Schwerter weg und verbarrikadierten die Tür von innen mit Hilfe des Obduktionstisches. Mit etwas Glück hatten ihre Verfolger nicht bemerkt, dass sie hier Zuflucht gesucht hatten und würden diesem Raum keine Beachtung schenken.
Yonka ging zur hinteren Wand und schob eine Holzverkleidung zur Seite. Dahinter kam eine hölzerne Schräge zum Vorschein, die wie ein Tunnel ins Dunkel führte. Eskel streckte den Kopf in die Öffnung, versuchte abzuschätzen, wie lang die Rutsche war. Doch es fiel kein Licht von unten in den Schacht - sie würden ins Ungewisse springen müssen. Leise konnte er ein Plätschern hören.
Er wandte sich an Yonka. “Seid Ihr sicher, dass dieser Schacht direkt in den Fluss führt? Nicht, dass wir auf Felsen landen …”
“Ich war einmal dabei, als sie Leichen dort hinunterbefördert haben. Sie sind direkt von der Rutsche auf den Kahn gefallen - zumindest wurde mir das so gesagt. Sehen konnte ich es natürlich nicht …”
Eskel seufzte und wandte sich an Thalia. “Sieht aus, als ob das unsere beste Chance wäre. Bist du bereit?”
“Ich muss ja wohl”, antwortete sie zaghaft. “Eskel, es ist mir ein bisschen peinlich, aber … ich kann nicht all zu gut schwimmen …”
Eskel hob überrascht die Brauen. “Du stammst doch aus Kovir, von der Küste. Bist du nie im Meer geschwommen?”
Thalia wirkte verlegen. “Also … das ist eine längere Geschichte. Ich erzähle sie dir später. Ich versuche mein Bestes, nur wenn die Strömung zu stark ist …”
“Ich passe auf dich auf, mach dir keine Sorgen.”
Geralt trat an die Öffnung heran. “Ich gehe als erster. Eskel, du bist um einiges breiter gebaut als ich - nichts für ungut, aber wenn der Schacht zu eng sein sollte und du feststeckst, dann haben wir verloren. Und außerdem … wenn der Schacht nicht im Pontar endet und ich auf Felsen aufschlage, dann seid ihr wenigstens gewarnt.”
Er schwang sich durch die Öffnung, die Beine bereits auf der Rutsche. “Wir sehen uns dann unten. Hoffentlich.” Er stieß sich ab und war im Schacht verschwunden.
Eskel streckte wieder den Kopf in die Öffnung, versuchte am Geräusch, Länge und Winkel der Rutschpartie auszumachen. Sekunden später hörte er von unten ein gut vernehmliches Platschen. Offenbar war Geralt wirklich im Wasser gelandet.
Schon tönte Geralts Ruf von unten zu ihnen hoch. “Alles gut. Folgt mir. Der Schacht ist breit genug.”
“Ihr habt ihn gehört. Also los.” Eskel griff nach Thalias Hand. Als sie zusammenzuckte, blickte er kurz verunsichert, bis sie ihm die Verätzung an ihrer Hand zeigte. Er runzelte besorgt die Stirn. “Was …”
“Auch eine lange Geschichte”, unterbrach ihn Thalia. “Hab ich dir übrigens schon erzählt, dass ich auch Höhenangst habe?” Er sah deutlich ihre vor Furcht geweiteten Pupillen, ihr Atem hatte sich beschleunigt.
Eskel half ihr beim Klettern in die Öffnung, gab ihr noch einen flüchtigen Kuss. “Keine Angst, mein Herz. Wir schaffen das.”
Laute Rufe aus dem Korridor vor der Leichenkammer schallten zu ihnen herein. Jemand versuchte, die Tür zu öffnen. Nicht mehr lange, und ihre Verfolger würden in die Kammer eindringen. Höchste Zeit, die Flucht anzutreten.
“Los, Thalia. Ich komme gleich nach.”
“Eskel …”
Sanft gab er ihr einen kleinen Stoß und sie verschwand, einen Aufschrei unterdrückend, im Schacht. Als er hörte, dass sie unten angekommen war, schickte er zunächst Laikos und Yonka auf die Rutsche, dann folgte Keira. Während sie einer nach dem anderen die Flucht antraten, wurde das Pochen gegen die Tür zur Leichenkammer immer heftiger. Offenbar rammten die Ordensritter mit den Schultern dagegen, um die Tür aufzusprengen. Als nur noch er selbst und Lambert in der Kammer waren, schob Eskel seinen Bruder zur Öffnung. “Zuerst du, Lambert.”
Der Jüngere zögerte kurz, als ob er sich überwinden müsste, sich in den dunklen, engen Schacht zu stürzen. Dann gab Lambert sich einen Ruck und verschwand aus Eskels Blickfeld. Eskel wartete kurz ab, bis er das Geräusch von Lamberts Aufschlag im Wasser hörte, dann sprang er ebenfalls in die Öffnung. Die Rutsche war steiler als vermutet - aber warum auch nicht? Leichen würden sich nicht über eine rasante Abfahrt beschweren und da die Körper ohnehin entsorgt werden sollten, spielte deren Unversehrtheit keine Rolle.
Als er die Wasseroberfläche durchbrach und ihn die Kühle plötzlich umfing, spürte er, wie der Kälteschock seinen Körper kurz lähmte. Doch als Hexer konnte er diese Reaktion deutlich schneller überwinden, als ein normaler Mensch. Er tauchte mehrere Meter tief in die Fluten ein, schwamm zügig nach oben und holte tief Luft, als sein Kopf wieder über Wasser war. Dann hielt er Ausschau nach Thalia. Diese hielt sich bereits an Geralt fest, der scheinbar mühelos gegen die Strömung anschwamm. Alle anderen schienen ebenfalls wohlbehalten im Wasser angekommen zu sein.
Eskel schwamm zu ihnen herüber, reichte Thalia seinen Arm. Der Nebel, den Yennefer erschaffen hatte, wogte nun sogar noch dichter über der Wasseroberfläche und machte eine Orientierung unmöglich. Von weitem sah er ein kleines, gelbliches Licht auf sie zu schweben - einem Glühwürmchen nicht unähnlich. Doch Eskel erkannte das magische Leuchten - offenbar war die Ausstrahlung des Dimeritiums hier nicht mehr stark genug, sodass Yennefer ihnen ein Suchlicht schicken konnte.  
Nun wussten sie, in welche Richtung zu schwimmen mussten, um ans Ufer zu gelangen.
Thalia hatte nicht untertrieben, als sie vorhin gestanden hatte, nicht die beste Schwimmerin zu sein. Ohne Eskels Hilfe wäre sie gnadenlos von der Strömung fortgetrieben worden. Yonka hatte offenbar ähnliche Probleme, wurde jedoch von Laikos unterstützt, der augenscheinlich ein ausgezeichneter Schwimmer war, seinen Kollegen sicher im Griff hatte und ihn mit sich zog.
Als die ersten Armbrustbolzen im Wasser um sie herum aufschlugen war klar, dass ihr Fluchtweg nicht unbemerkt geblieben war. Doch der dichte Nebel verhinderte nicht nur, dass sie selbst ihre Gegner sehen konnten - er sorgte auch dafür, dass die Schützen ohne konkrete Ziele aufs Geratewohl feuern mussten. Nichtsdestotrotz kamen ihnen einige der Geschosse besorgniserregend nahe. Offenbar befanden sie sich gerade auf Höhe der Brücke, von der aus die Armbrustschützen versuchten, sie ins Visier zu nehmen.
Aus dem Augenwinkel registrierte Eskel ein helles Strahlen, dass sich in rasender Geschwindigkeit von der rechten Seite durch den Nebel näherte, begleitet von einem pfeifenden Geräusch. Wie ein Meteor schlug das magische Geschoss in die Brücke ein, fegte diese in die ihrer Fluchtbahn entgegengesetzte Richtung. Die Trümmer stürzten in sicherer Entfernung in den Pontar.
Damit war ausgeschlossen, dass die Wärter, Ordensritter oder Hexenjäger sie würden verfolgen können, sobald sie das Ufer erreicht hatten. Eskel nahm sich vor, Yennefer für ihre Unterstützung zu danken, sobald sie in Sicherheit waren.
Nach wie vor gingen einzelne Bolzen ins Wasser nieder - auf dem verbliebenen Stück der Brücke befanden sich offenbar noch immer einige Armbrustschützen. Doch je näher sie dem Ufer kamen, das Eskel mittlerweile schon schemenhaft erkennen konnte, um so seltener kamen die Geschosse auch nur in ihre Nähe.
Eskel konnte sehen, wie Geralt und Lambert Keira an Land halfen, die offenbar am Ende ihrer Kräfte war. Der Nebel war hier nun nurmehr ein Dunst. Er sah, wie Yennefer und Shani den Ankommenden entgegenliefen. Laikos reichte Yonka die Hand, als dieser sich aus dem Wasser stemmte.
Vereinzelt war nach wie vor das Zischen der auf sie abgeschossenen Bolzen zu hören, doch die Sicht der Schützen war immer noch durch den Nebel behindert.
Nur noch ein paar Züge, dann wären auch er und Thalia endlich am Ufer angekommen. Eskel spürte, wie Thalia an seiner Seite kurz zusammenzuckte - vielleicht hatte sie einen Krampf im Bein bekommen. Er verstärkte seinen Griff um ihren Leib und zog sie mit sich. Ihre Kräfte hatten sie anscheinend verlassen. Schwer lag sie in seinem Arm, ihre Schwimmbewegungen waren beinahe kraftlos.
“Komm schon, Thalia. Gleich haben wir´s geschafft!”
Mit einem letzten, kräftigen Schwimmzug brachte Eskel sie beide ans Ufer, griff nach einer der Pflanzen der Uferböschung und zog sich und Thalia daran aus dem Wasser.
Sie stolperte neben ihm. Nur sein Arm um ihren Körper verhinderte, dass sie auf den Boden sank.
“Thalia?” Eskel begann zu ahnen, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Sanft ließ er Thalia zu Boden gleiten, legte eine Hand stützend an ihren Rücken. Ihr Gesicht war blass, ihre Augen halb geschlossen, blickten in die Ferne. Sie hustete, ihr ganzer Körper erzitterte dabei.
“Thalia!” Die Erkenntnis traf Eskel wie ein Schlag, doch sein Verstand weigerte sich, das was er sah zu akzeptieren. Erst als er seine Hand unter ihrem Körper hervorzog, begriff er, was geschehen war.
Seine Handfläche war rot von Thalias Blut.
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