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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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16.02.2019 4.041
 
“Ihr geht auf keinen Fall noch einmal allein dort hinein. Ich werde Euch begleiten”, erklärte Vincent Laikos bestimmt und in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Thalia kannte diesen Tonfall. Schon oft hatte sie ihn auf diese Weise im Hörsaal mit all zu widerspenstigen Studenten sprechen gehört. Doch Thalia war keine Studentin mehr. Und Laikos nicht mehr ihr Mentor.
“Vincent. Ich habe es Ihnen doch bereits erklärt. Eskel und ein befreundeter Hexerkollege von ihm werden dort sein, ebenso eine Zauberin. Ich bin nicht allein. Und meine Aufgabe besteht lediglich darin, die Sprengsätze unauffällig im Gebäude zu platzieren. Ich verlasse das Gefängnis, bevor einer davon detoniert. Den Rest überlasse ich den Hexern.”
Thalia bemerkte seinen besorgten Blick und ihr Ton wurde etwas sanfter. “Ich bekomme das hin, Vincent. Es gibt keinen Grund, warum Ihr Euch in Gefahr begeben solltet. Verlasst die Stadt in den nächsten Stunden - so, wie es geplant war.”
Um keinen unnötigen Verdacht zu erregen, hatte Thalia Shani gestern gebeten, Laikos über ihre geplante Flucht zu informieren. Und bis eben war sie davon ausgegangen, dass er ebenfalls alle Vorbereitungen traf, um Oxenfurt noch heute zu verlassen.
Als sie und Shani vor einer Stunde nach dem Treffen mit Eskel, Geralt und Yennefer zu ihrem Haus zurückgekehrt waren, hatte Laikos bereits in einer Seitengasse auf sie gewartet. Nun saßen sie zu dritt an ihrem Esstisch und besprachen die für die kommende Nacht geplante Befreiungsaktion.
“Oh, keine Sorge, ich habe gepackt, alle verbliebenen Proben unschädlich gemacht und gedenke, morgen früh bereits auf dem Weg in den Norden zu sein.” Laikos strich sich mit einer nervösen Geste die etwas zu langen, blonden Haare aus der Stirn. “Aber ich werde mich nicht einfach aus dem Staub machen, ohne Euch zu helfen. Heute morgen hat jemand einen Zettel unter meiner Haustür hindurchgeschoben.  Marik lebt! Er wird offenbar im Gefängnis festgehalten und befragt - genau, wie euer Hexerfreund und die Zauberin. Ich werde ihn nicht seinem Schicksal überlassen. Und ich kann auch nicht zulassen, dass Ihr Euch in noch größere Gefahr begebt, um auch ihn zu befreien - während ich bereits auf dem Weg nach Kovir bin. Ich werde Euch heute Nacht ins Gefängnis begleiten und Marik da herausholen.”
Shani runzelte die Stirn. “Wir wissen nicht, von wem diese Nachricht an Euch stammt. Es könnte genau so gut eine Falle sein …”
Laikos schnaubte. “Ja, natürlich könnte es das. Aber wenn diese Ordensritter, Hexenjäger oder unsere Kollegen einen Verdacht gegen mich hegen sollten, wäre es ihnen ein Leichtes, mich ebenso aus dem Verkehr zu ziehen wie Marik. Wieso eine List anwenden, wenn sie mich einfach festnehmen und zum Verhör ins Gefängnis bringen könnten? Ich gehe davon aus, dass einer der Wärter die Nachricht geschrieben hat. Jemand, dessen Unrechtsgefühl oder Gewissen noch nicht komplett abgestumpft ist. Jedenfalls ist heute Nacht zusammen mit Euch die ideale Gelegenheit, um auch Marik zu befreien.”
Thalia blickte gedankenverloren auf die Tischplatte. “Es wäre auch die ideale Gelegenheit, um uns alle gleichzeitig in die Hände zu bekommen. Derjenige, der Euch die Nachricht zukommen ließ, rechnet damit, dass Ihr das Gefängnis aufsuchen werdet, um Marik zu finden. Sobald Ihr dort auftaucht, wird ihm - oder ihnen - klar sein, dass wir einen Befreiungsversuch unternehmen. Dadurch könnte die ganze Aktion vereitelt werden.”
“Thalia. Wenn Marik uns beide verraten hätte, dann wären wir doch schon längst in Gewahrsam genommen worden. Diese Leute brauchen keine offizielle Anklage, sie hätten uns einfach in der Universität oder zu Hause aufgegriffen und abgeführt.
Der Plan ist riskant. Aber das ist er nicht minder, wenn ich Euch nicht begleiten sollte. Thalia - lasst mich Euch helfen!”
Laikos eindringlicher Blick machte Thalia unmissverständlich klar, dass es nicht leicht sein würde, ihn umzustimmen. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, war die Aussicht darauf, heute Nacht nicht allein das Gefängnis betreten zu müssen, sogar ein wenig beruhigend.
Thalia erwiderte seinen Blick, seufzte leicht und nickte schließlich. “Also gut, Vincent. Wenn Ihr unbedingt möchtet, dann begleitet mich.”


Nachdem sie den Rest des Tages genutzt hatten, um die bereits vorbereiteten Sprengsätze mit Zeitzündern auszustatten und diese mit der jeweiligen Verzögerungszeit zu kennzeichnen, machten sich Thalia und Vincent Laikos auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Shani hatte in der Zwischenzeit Arenaria aus dem Mietstall geholt und mit Thalias Reisetaschen beladen. Da das weiße Fell Aranarias das Tier bereits von Weitem sichtbar werden ließ, hatte Shani sie im Schutz einer etwas entfernten Baumgruppe festgebunden und traf zu Fuß am Treffpunkt am Pontarufer ein.
Eskel, Geralt und Yennefer warteten bereits im Schatten einer Baumgruppe und beobachteten das Gefängnis aus sicherer Entfernung.
“Das Mondlicht ist alles andere als ideal”, bemerkte Shani.
Geralt nickte und presste die Lippen zusammen. “Leider haben wir keine Wahl. Wir können nicht länger warten.”
“Ich weiß. Thalia bringt die Sprengsätze mit - und nicht nur die. Vincent Laikos hat sie heute Mittag aufgesucht und möchte sie begleiten.”
Eskel runzelte die Stirn. “Wieso das? Schon wieder eine Planänderung? Wir …” Er brach ab, als sein empfindliches Gehör ihm die Ankunft der beiden verriet.
Eskel ging Thalia entgegen und schloss sie in die Arme. Dabei wanderte sein Blick zu Vincent Laikos, der den Hexer mit einem leicht erschrockenen Ausdruck in den Augen musterte. Laikos überwand seine eigene spontane Reaktion auf Eskels Anblick jedoch schnell und nickte dem Hexer grüßend zu.
Thalia beeilte sich, ihren Begleiter vorzustellen. “Das ist Vincent Laikos. Er hat mich zusammen mit Marik Yonka dabei unterstützt, die Forschungen am Erreger zu vereiteln. Er hat eine Nachricht erhalten, dass Marik noch lebt und ebenfalls im Gefängnis festgehalten wird.”
“Ich werde mit Thalia zusammen hineingehen und Marik suchen. Wenn dann das Chaos losbricht, werde ich versuchen, mit ihm zu fliehen.”
Geralt schien alles andere als begeistert. “Wie stellt Ihr euch das vor? Wollt Ihr einfach an den Kämpfen vorbei mit ihm hinausspazieren?”
“Ich habe einen weiteren Laborkittel für ihn dabei, außerdem zwei Atemmasken, die auch bei Autopsien verwendet werden. Mit etwas Glück wird es so aussehen, als ob lediglich ein weiterer Wissenschaftler versucht, sich in Sicherheit zu bringen. In der allgemeinen Verwirrung werden die Wächter sicherlich anderweitig beschäftigt sein.”
“Euch ist hoffentlich klar, das das enorm riskant ist. Wir können nicht für Eure Sicherheit garantieren.”
“Das ist mir bewusst. Ich bin bereit, das Risiko einzugehen. Marik ist ein Freund, den ich nicht einfach im Stich lassen kann.”
Eskel löste sich nur halb aus der Umarmung Thalias und suchte ihren Blick. “Kann ich dich immer noch nicht umstimmen? Wir können es auch schaffen, ohne dass du da reingehst …”
Thalia schüttelte leicht den Kopf. “Könnt ihr nicht. Jedenfalls wäre das Risiko viel zu groß. Ich schaffe das schon, Eskel. Oder traust du mir so eine Heldentat nicht zu?” Sie zwinkerte ihm schelmisch zu - um ihn zu beruhigen, aber auch, um sich selbst von ihrer Angst abzulenken.
“Ich traue dir mittlerweile fast alles zu. Aber mir wäre trotzdem wohler, wenn ich dich in Sicherheit wüsste.”
“Mir geht es ebenso, Eskel. Wenn wir in ein paar Stunden alle unbeschadet in Toussaint sind, fällt mir ein Stein vom Herzen. Aber bis dahin …” Sie küsste ihn leidenschaftlich, versuchte sich selbst zu versichern, dass es nicht zum letzten Mal sein würde. An Eskels etwas zu fester Umarmung spürte sie, dass auch er gegen ähnliche Gedanken ankämpfte.  Aus Angst, dass ihr Mut sie verlassen könnte, löste sie sich von ihm und drehte sich zu Laikos um. “Sollen wir?”
Vincent nickte. Thalia wandte sich an Eskel. “Hast du diesen Hexertrank für Lambert vorbereitet?”
Eskel reichte ihr eine kleine, undurchsichtige Feldflasche. “Eine Mischung, die ihn kurzzeitig stärken wird und dazu verhindert, dass das Betäubungsgas seine Wirkung bei ihm zeigt.”
“Danke.” Thalia nahm die Flasche entgegen und verstaute sie in ihrer Tasche. “Für Keira Metz habe ich einen Atemfilter vorbereitet, den sie in ihrem Mund verbergen kann. Nicht so gut, wie eine Atemmaske, aber die kann ich ihr wohl kaum unauffällig aufsetzen. Der Filter wird reichen müssen. Einen der Gasbehälter platziere ich so, dass das Gas die Wärter vor ihrem Verlies ausschalten sollte. Jeder der beiden trägt einen Schlüssel für das Gittertor an seinem Gürtel, ebenso Schlüssel für die Fesseln. So verliert ihr keine Zeit beim Aufbrechen der Schlösser.”
Thalia blickte Eskel, dann Geralt an. “Sobald ich wieder herauskomme, bleiben wahrscheinlich noch ein paar Minuten, bis die ersten Sprengsätze und Gasbomben im hinteren Teil des Gebäudes detonieren. Drei Minuten später sollten dann die beiden Ladungen am Tor hochgehen. Dann seid ihr am Zug.”


Als sie kurze Zeit später neben Laikos über die Brücke auf das Eingangstor des Gefängnisses zuging, spürte Thalia, wie ihr der Mut immer mehr abhanden kam. Der Trageriemen der mit Sprengsätzen gefüllten Tasche wog schwer auf ihrer Schulter. Einen Teil der Bomben trug Laikos in seiner Tasche mit sich. Gemeinsam waren sie den Plan noch einmal durchgegangen, hatten anhand der Grundrisszeichnung bestimmt, wer welchen Sprengsatz an welcher Position platzieren sollte. Voraussetzung für das Gelingen ihres Planes war es, dass sich beide unbeobachtet von den Wachen in den Gängen bewegen konnten. Bei ihren letzten Besuchen im Gefängnis war das zwar immer der Fall gewesen, aber man konnte nie wissen …
Thalia schluckte, fühlte, wie ihr Mund und ihre Kehle immer trockener wurden. Ein Frösteln durchfuhr sie.
“Ganz ruhig, Thalia. Wir schaffen das schon.” Vincents Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Seine Zuversicht - ob echt oder ihr zuliebe gespielt - beruhigte Thalia ein wenig. Im Gegensatz zum Kampf, der Eskel und Geralt noch bevorstand, war ihre Aufgabe schließlich vergleichsweise einfach. Dieser Gedanke bewirkte allerdings, dass ihre Angst um Eskels Wohl ihre Kehle zuschnürte.
Reiß dich zusammen, Thalia. Du schaffst das. Und Eskel schafft das auch. Jeder Gegner, den ich ihm und Geralt durch die Sprengsätze vom Leib halten kann, ist eine Bedrohung weniger. Also los …
“Seid gegrüßt”, sprach Vincent gerade einen der beiden Wächter am Tor an. “Entschuldigt bitte den nächtlichen Besuch. Aber wir haben eben eine Entdeckung gemacht, die den Durchbruch in unserer Forschung ausmachen könnte. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren und müssen deshalb sofort zu der Zauberin und sie noch einmal befragen.”
Der Wächter zur Linken schürzte die Lippen. “Schon wieder? Keine Ahnung, was Ihr Wissenschaftler so treibt, aber dieser Piekfeine von Euch, dieser Efferen, der ist auch gerade bei dieser Schlampe.” Der Mann spuckte aus, kratzte sich danach im Nacken und wandte sich an Thalia. “Vielleicht war sie bei ihm ja schon gesprächiger als bei Euch - hab von einem der Schließer gehört, dass er nicht gerade zimperlich sein soll. Geschieht der Hexe recht. Abartiges Pack.” Er öffnete eine Seite des großen Eingangstores.  Dass Thalia bei seinen Worten blass geworden war, hatte er nicht bemerkt. Der Wächter zur Rechten unterdrückte ein Gähnen und winkte Vincent und Thalia durch das Tor. “Ihr kennt ja den Weg …”
Gemeinsam traten die beiden in den Korridor. Als sie sich unbeobachtet fühlte, warf Thalia Vincent einen entsetzten Blick zu. “Was machen wir jetzt?”, flüsterte sie ihm zu.
“Zuerst einmal: Ruhig bleiben. Wir gehen weiterhin nach Plan vor. Wir trennen uns, ich suche im Gefangenentrakt nach Marik und platziere dabei meine Sprengsätze am Kreuzkorridor zu den Wächterquartieren. Sobald das Gas dort freigesetzt wird, sollte ein größerer Teil der Männer, die sich dort befinden, vorerst ausgeschaltet sein. Ihr geht wie vorgesehen zur Zauberin. Verwickelt Alric in ein Gespräch, lenkt ihn ab, was auch immer. Stellt sicher, dass die Zauberin und der Hexer noch immer an Ort und Stelle sind. Dann geht und verteilt Eure Sprengsätze und verschwindet aus dem Gefängnis. Mit etwas Glück habe ich Marik gefunden, bevor die ersten Bomben detonieren. Was dann mit Alric passiert, soll uns egal sein.”
“Hoffentlich kommt er nicht auf die Idee, mich nach draußen zu begleiten …”
“Dann wimmelt ihn ab. Egal wie Ihr es anstellt, Ihr müsst die Sprengsätze platzieren. Euch wird schon etwas einfallen, Thalia. Habt mehr Vertrauen in Euch selbst. Sage ich Euch nicht bereits seit Jahren, dass Ihr Euch mehr zutrauen solltet?”
“Ja, das sagt Ihr. Ich arbeite daran, Vincent.”
Eine Fackel beleuchtete die Kreuzung, ab der sie nun getrennter Wege gehen mussten. Thalia würde den rechten Abzweig einschlagen, um zum Verlies von Keira Metz und Lambert zu gelangen. Vincents Weg würde ihn weiter geradeaus zu den Zellen führen.
Thalia atmete tief durch, blickte sich noch einmal kurz um und wandte sich dann ihrem Begleiter zu. Der großgewachsene, blonde Mann, den sie in all den Jahren als ihren Mentor zu schätzen gelernt hatte, lächelte ihr aufmunternd zu. Thalia seufzte. “Viel Glück. Ich hoffe, dass Ihr Marik findet und heil wieder hier herauskommt …”
“Das wünsche ich mir auch.” Vincent Laikos lächelte verschmitzt. Hätte sie ihn weniger gut gekannt, wäre ihr das unsichere Zucken seines Mundwinkels vielleicht gar nicht aufgefallen. “Euch auch viel Glück, Thalia. Wir sehen uns … und für den Fall, dass es anders kommen sollte … alles Gute.” Kurz zögerte er, dann umarmte er Thalia, wandte sich ab und ging bestimmten Schrittes weiter in Richtung der Zellen.
Thalia blickte ihm nach, versuchte, ihre Furcht und Sorge zu unterdrücken und bog in den rechten Korridor ab.
Den Weg zum Verlies, in dem die Zauberin und Lambert gefangen gehalten wurden, kannte sie mittlerweile nur zu gut. Sie erreichte die Treppe, die sie zwei Stockwerke tiefer zu den dunklen, feuchten Räumen führte, die als “Befragungszimmer” dienten. Ein Euphemismus, der die wahre Natur der Folterkeller nicht verschleiern konnte. Zur Zeit befanden sich nur zwei Gefangene im Verlies: Die Zauberin Metz und Lambert, gewöhnlich bewacht von zwei Wärtern - so auch in dieser Nacht. Die beiden waren Thalia bereits bekannt, üble Gesellen, die gegenüber des Leids ihrer Gefangenen gänzlich abgestumpft schienen. Missmutig standen die Männer links und rechts des vergitterten Tores, das den Zugang zum Befragungsraum sicherte. Als Thalia sich dem schweren Eisengitter näherte, hörte sie bereits die unangenehme Stimme Alric Efferens, der drohend auf die Zauberin einredete.
Thalia nickte den beiden Wächtern zu. “Seid gegrüßt. Wie ich sehe, bin ich nicht die einzige, die der Zauberin zu später Stunde einen Besuch abstattet.”
Einer der Männer schnaubte, murmelte “Die Hure ist bestimmt an nächtliche Besucher gewöhnt …” und grinste anzüglich.
“Karel! Verkneif dir deine Sprüche gegenüber einer Dame!” Der zweite Wächter warf seinem Kameraden einen missbilligenden Blick zu und wandte sich an Thalia. “Verzeiht seine Ausdrucksweise. Ich lasse Euch ein, dann könnt Ihr Euch eurem Kollegen bei der Befragung anschließen.” Der schwere Schlüssel drehte sich geräuschvoll im Schloss und der Wächter zog das Gitter für Thalia auf. Der große, L-förmige Raum dahinter war nur spärlich beleuchtet. Thalia wusste, dass die beiden Gefangenen hinter der Biegung des Raumes angekettet ausharren mussten.
Als das Tor geöffnet wurde, war Alrics Stimme verstummt. Offenbar hatte er nicht mit einer Störung gerechnet. Als sein Blick auf Thalia fiel, die in den schwach vom Fackelschein erhellten Bereich des Verhörraums trat, verfinsterte sich seine Miene.
“Ihr!”
“Ja, ich!” Thalia hatte beschlossen, offensiv vorzugehen, um Efferen aus der Fassung zu bringen und ihn von ihrem eigentlichen Vorhaben abzulenken. “Die Befragung der Gefangenen wurde mir übertragen, Efferen! Könnt Ihr mir bitte verraten, was Ihr hier treibt?”
“Im Gegensatz zu Euch sorge ich dafür, dass die Schlampe endlich brauchbare Informationen liefert! Professor Basilius braucht dringend Ergebnisse und da eure Erfolge bei der Befragung bisher überschaubar waren, hat er beschlossen, diese Aufgabe mir zu übertragen. Schaut nicht so überrascht! Hat er Euch noch nicht darüber informiert? Nun, da meine Methoden offenbar effektiver sind als eure, wird er sicherlich zufrieden mit seiner Entscheidung sein …” Efferen hielt ein Fläschchen mit einer grünlichen, klaren Flüssigkeit hoch, ein süffisantes Grinsen im Gesicht.
Thalias Blick fiel auf Keira, die nur mühsam ein Schluchzen unterdrückte. Die Haut an ihrem rechten Arm wies merkwürdige Verätzungen auf. Ein widerlicher Geruch stieg Thalia in die Nase. Wutentbrand drehte sie sich zu Efferen um. “Das ist eure Vorstellung von einer effektiven Befragung? Ihr foltert die Gefangene?”
“Aber, aber, Thalia! Folter ist so ein aggressives Wort … sagen wir, ich habe meinen Argumenten Nachdruck verliehen.”
Thalia hockte sich neben Keira hin, offenbar um ihre Verletzungen zu untersuchen. Dicht beugte sie sich über die Zauberin. “Wir holen Euch gleich hier heraus”, flüsterte sie Keira zu. Keiras Augen weiteten sich überrascht. Als Thalia einen Schnitt an Keiras Wange begutachtete, schob sie ihr den Atemfilter in den Mund, achtete dabei darauf, Efferens Sicht auf Keira mit ihrem Körper zu verdecken. “Legt Euch dies unter die Zunge. Sobald das Gas ausströmt, lasst das Vlies euren Mundraum ausfüllen und atmet durch den Filter.”
Mit entrüstetem Gesichtsausdruck, den sie nicht spielen musste, wandte sich Thalia wieder Efferen zu. “Alric, Ihr habt ihr schlimme Verletzungen zugefügt. Wieso? Sie war doch bereits kooperativ! Die Informationen, die ich Professor Basilius liefern konnte …”
“… waren nichts weiter als unbrauchbare Theorien! Ihr hattet mittlerweile vier Tage Zeit, diese Hure zu befragen und dabei herausgekommen ist nichts, was auch nur ansatzweise zur Lösung unseres Problems beigetragen hätte!”
Thalia wandte sich Lambert zu, der Efferen hasserfüllt anstarrte. Sein Zustand hatte sich noch einmal verschlechtert. Offenbar hatte Alric auch bei ihm seine “effektiven Methoden” angewandt: Lamberts Hemd war aufgerissen, die Haut unterhalb des Schlüsselbeins wies ähnliche Verätzungen auf, wie bei Keira. Eine Schnittverletzung unterhalb des Rippenbogens, die ihm vermutlich schon vor mehreren Tagen beigebracht worden war, hatte sich dazu noch entzündet, wie Thalia schon von weitem sehen konnte. Lamberts glasiger Blick war wahrscheinlich auf hohes Fieber zurückzuführen. Sie hockte sich neben den Hexer, der sie merkwürdig teilnahmslos beobachtete und fühlte die Temperatur seiner Stirn. Er glühte förmlich.
“Alric! Dieser Hexer hat hohes Fieber und ist stark dehydriert! Was nützt er uns, wenn er stirbt?” Sie öffnete ihre Tasche, jedoch nur soweit, dass Efferen keinen Blick auf deren Inhalt erhaschen konnte, und holte die Feldflasche heraus. “Zum Glück habe ich etwas Wasser dabei.” Schnell öffnete sie die Flasche und flößte Lambert die Flüssigkeit ein. Nach dem ersten Schluck weiteten sich seine Augen ein wenig, als er den ihm wahrscheinlich vertrauten Geschmack des Hexertranks registrierte. Thalia hoffte, dass Alric, der ein paar Meter entfernt stand, den starken Alkohol nicht riechen würde. Und auch nicht sah, wie der Trank die Haut des Hexers mit einem Mal durchscheinend wirken ließ, als die Adern sich unter der Oberfläche deutlich abzeichneten. Lambert trank schnell, schluckte den gesamten Inhalt der Flasche innerhalb weniger Sekunden. Während Thalia die Flasche wieder verschloss und verstaute, raunte er ihr ein heiseres “Danke” zu. Ihre Blicke trafen sich kurz, Thalia nickte kaum merklich. Wenn sie den beiden nur genauer mitteilen könnte, was gleich passieren würde. Aber dazu hatte sie dank Efferen keine Möglichkeit.
Nach wenigen Sekunden ließ die sichtbare Wirkung des Trankes nach und Thalia stand auf. Wenn Efferen nun einen Blick auf den Hexer warf, würde er nichts Ungewöhnliches mehr feststellen.
Es war an der Zeit, den Inhalt ihrer Tasche in den Gängen zu verteilen. Danach gäbe es dann kein Zurück mehr …
“Was habt Ihr nun vor, Alric? Wollt Ihr die beiden foltern, bis Euch die Antworten der Zauberin besser gefallen? Glaubt Ihr wirklich, Ihr bewegt sie zur Mithilfe, indem Ihr ihren Geliebten sterben lasst?” Thalia wandte sich Efferen zu, zeigte ihm offen ihre Feindseligkeit. “Ich werde es mir nicht gefallen lassen, dass Ihr mich einfach ausbootet und die Erfolge, die ich bereits erzielt habe, für Euch verbucht. Morgen früh werde ich mit Professor Basilius sprechen. Und dann werden wir sehen, wer von uns die Befragungen weiterführt.”
Sie griff nach ihrer Tasche. “Tut mir bitte den Gefallen und lasst die beiden Gefangenen bis dahin am Leben. Tot nützen sie uns nichts mehr. Das solltet hoffentlich sogar Ihr verstehen.”
Efferen schnaubte abfällig, als Thalia den Raum verließ. “Sprecht nur mit Basilius. Und tut mir bitte den Gefallen und reißt Euch zusammen, wenn er Euch die Flügel stutzt.”
Thalia nickte den Wärtern kurz zu und bog zügig um die nächste Abzweigung des Korridors. Als sie außer Sicht war, öffnete sie ihre Tasche und holte den ersten Gasbehälter hervor. Zum Glück hatte sie alle Sprengsätze im Voraus nummeriert, damit die Abfolge der Detonationen verlief wie geplant. Im schwachen Licht der Fackel war die eingeritzte Zahl kaum zu erkennen. Thalia schärfte den Sprengsatz und platzierte ihn in der dunklen Ecke neben der Mauer, direkt an der Abzweigung. Das Gas, das hier ausströmte, würde binnen kürzester Zeit auch die Wärter vor dem Verlies ausschalten.
Von nun an lief die Zeit.
Zügig ging Thalia den geplanten Weg zurück, platzierte fünf Sprengsätze, die meisten davon mit Betäubungsgas. An einer Abzweigung zu den Quartieren der Wärter deponierte sie eine Bombe mit größerer Sprengkraft. Mit etwas Glück würde die Detonation dafür sorgen, dass der Zugang zum Gefangenentrakt blockiert würde.
Hoffentlich war Vincent ebenfalls erfolgreich bei der Platzierung der Sprengsätze. Seine Bomben sollten als erste zünden, um die Ordensritter, Hexenjäger und Wärter in den hinteren Teil des Gefängnisses zu locken, bevor Eskel und Geralt zum Haupttor eindringen würden.
Thalia blieben nur noch die letzten Sprengsätze - die, die für eben jenes Tor bestimmt waren. Sie näherte sich ihm, fixierte die zwei kleinen Sprengsätze mit Hilfe von Lederriemen an den Scharnieren der rechten Torseite und klopfte dann von innen an die linke Seite, um dem davor wartenden Wächter zu signalisieren, dass er öffnen solle.
Sekunden später zog dieser auch schon den Torflügel für sie auf, nachdem er das Schloss geöffnet hatte. “Schon fertig?” Der Wächter bedachte sie mit einem Stirnrunzeln.
Thalia setzte eine genervte Miene auf. “Mein Kollege nimmt sich bereits der Zauberin an, wie ich soeben erfahren habe.”
Der Wächter lachte schnaubend. “Ist vielleicht auch eher eine Aufgabe für einen Mann. Bei allem Respekt, aber Frauen sind für sowas einfach zu weich.” Thalia warf dem Mann einen vernichtenden Blick zu und schickte sich an, die Brücke zu betreten, die das Gefängnis mit dem Pontarufer verband. Nur noch ein paar duzend Meter und sie hätte es geschafft. Dann waren Eskel und Geralt an der Reihe.
Erleichterung erfasst sie, der Druck der letzten Stunden fiel von ihren Schultern ab. Zugleich schlich sich jedoch die Sorge um Eskel tiefer in ihr Herz. Hoffentlich würde alles gut gehen. Aber mehr konnte sie nicht tun …
Als sie die Brücke zur Hälfte überquert hatte, riss sie ein drohender Ruf aus ihren Gedanken.
“Thalia! Erklärt mir das hier bitte! Sofort!”
Efferen war ihr nach draußen gefolgt! Thalia drehte sich langsam zu ihm um, versuchte, ihr hämmerndes Herz zu beruhigen.
Er stand vor dem Tor und hielt mit triumphierendem Gesichtsausdruck das Vlies in der Hand, das sie Keira vorhin in den Mund gelegt hatte. Das Vlies, dass der Zauberin als Atemfilter hätte dienen sollen.
Noch könnte sie weglaufen. Ein schneller Sprint über die Brücke und sie wäre in Sicherheit. Efferen würde sich vielleicht nicht die Blöße geben und ihr hinterherhechten.
Aber was, wenn er durch seinen Fund misstrauisch wurde? Was, wenn er die Wärter alarmierte und ihnen berichtete, dass Thalia möglicherweise eine Verräterin sei? Wenn einer von ihnen dadurch zufällig einen der Sprengsätze vor der Zeit entdeckte.
Thalia atmete tief durch. Und fasste einen Entschluss. Schnellen Schrittes ging sie auf Efferen zu. In wenigen Minuten würden die ersten Sprengsätze im hinteren Teil des Gebäudes explodieren - bis dahin musste sie Alric ablenken und verhindern, dass er die Wächter in Alarmbereitschaft versetzte.
“Also gut, Alric. Ihr habt mich ertappt. Dieses Tuch dient eigentlich dazu, Tiere vor einer Sektion zu sedieren. Ich habe es mit einem Extrakt aus Alraune und Bilsenkraut getränkt.”
Efferen runzelte die Stirn. “Was sollte das bitte? Habt Ihr vor, unsere Arbeit zu sabotieren?” Seine Augen weiteten sich, als die plötzliche Erkenntnis zu ihm durchdrang. “Ihr! Ihr steckt mit Yonka unter einer Decke! Ich hatte mir schon gedacht, dass er nicht den Schneid hat, seine Manipulationen allein durchzuziehen. Ich hatte Laikos im Verdacht, ihm zu helfen. Aber Ihr …”
“Alric! Lasst uns bitte darüber reden. Ich kann Euch versichern, dass ich damit nichts zu tun habe. Ich wollte lediglich dafür sorgen, dass die Zauberin Euch heute Nacht keine Informationen mehr liefern kann, mit denen Ihr morgen früh triumphierend zu Professor Basilius laufen könnt.” Sie seufzte. “Es ging mir einzig und allein darum, dass Ihr keinen Erfolg mit Eurer Befragung habt - und mich nicht schlecht dastehen lasst.” Sie versuchte, schuldbewusst zu schauen, blickte verlegen zu Boden.
“So billig kommt Ihr mir nicht davon, Thalia!” Efferen konnte seine Wut nur mühsam zügeln. Er packte Thalia am Arm und zerrte sie mit sich durch das Tor, wieder hinein in das Gefängnis.
Der Wärter, der Thalia zuvor geöffnet hatte, blickte seinen Kameraden an, die Stirn fragend gerunzelt. Der zuckte nur mit den Schultern. Der Wärter schüttelte kurz den Kopf. Diese feinen Akademiker benahmen sich eben auch nicht besser als das gewöhnliche Volk. Er verschloss das Tor wieder und ging zurück auf seinen Posten.
Drei Minuten später brach innerhalb der Gefängnismauern das Chaos aus.
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