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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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10.10.2018 3.649
 
Das Gefängnis von Oxenfurt befand sich ein Stückweit außerhalb der Stadt, auf einer Insel, umflossen von den Strömungen des Pontar.
Thalia war bereits zeitig aufgebrochen, um sich dort mit den anderen Professoren wie vereinbart zur Mittagsstunde zu treffen. Sie hatte sich ohnehin nicht auf etwas anderes konzentrieren können, so sehr nagte das Bevorstehende an ihr.
Auf ihrem Weg war sie an den ihr so wohl bekannten Häusern, Läden und Gaststuben vorbei gekommen, hatte unter den Menschen, die ihr unterwegs begegneten, vertraute Gesichter ausgemacht -  Studenden von der Universität, Händler, bei denen sie regelmäßig einkaufte. Sie alle gingen ganz normal wie immer ihrem Tagewerk nach. Ihre Welt war nach wie vor die gleiche wie am Tag zuvor.
Doch für Thalia hatte sich seit gestern alles geändert. Ihr Verständnis ihrer Profession, der Universität, ihrer Integrität - alles war gestern mit der Ankündigung von Professor Basilius in Frage gestellt worden.
Je mehr sie sich dem Gefängnis näherte, um so schwerer wurden ihre Schritte. Alles in ihr sträubte sich dagegen, in diese Machenschaften involviert zu sein. Und dennoch blieb ihr vorerst keine andere Wahl, als zumindest den Anschein zu erwecken, das selbe Ziel zu verfolgen wie ihre Kollegen.
Ein Wagen überholte sie auf der gepflasterten Straße, die zur Brücke über den Pontar führte. Ein Gefangenentransport, der weitere arme Seelen zu ihrer womöglich letzten Wohnstatt beförderte. Die steinerne Brücke bildete den einzigen Zugangsweg zum Gefängnis, das auf der Insel in der Mitte des Flusses thronte. Ein einschüchterndes, freudloses Bauwerk aus grauem Stein.
Thalia überquerte die Brücke. Vor dem Eingangstor hatten sich bereits zwei der anderen Professoren eingefunden. Marik Yonka und Vincent Laikos hatten gestern auch nicht glücklich bei der Ankündigung des neuen Forschungsauftrages gewirkt. Doch ob die beiden auch willens waren, sich den Wünschen der Akademie - und denen des Königs - entgegenzustellen, stand auf einem ganz anderen Blatt. Sicherlich würden sie keinen offenen Protest riskieren. Aber vielleicht waren sie trotzdem bereit, im Verborgenen Widerstand zu leisten?
Thalia überlegte, wie sie dies in Erfahrung bringen könnte, ohne zu viel von ihrer eigenen Haltung zu dem Auftrag preiszugeben.
“Seid gegrüßt, werte Kollegen.” Sie trat zu den beiden Professoren, die sich leise miteinander unterhalten hatten. “Kein angenehmer Ort für eine Zusammenkunft, wie mir scheint…”
“Sicherlich nicht.” Marik Yonka, ein hagerer Mann in mittleren Jahren, presste die Lippen aufeinander und atmete tief durch. “Professor van de Wintervoord, uns ist gestern nicht entgangen, dass Ihr diesem Auftrag gegenüber ähnliche Bedenken hegt wie wir…”
Thalias Augen weiteten sich. Offenbar hatten die beiden ihre Reaktion auf die Ausführungen von Professor Basilius bemerkt. Ähnlich, wie sie auch deren Betroffenheit registriert hatte. Bevor Thalia jedoch damit beginnen konnte, ihre Bedenken in Worte zu fassen, setzte Professor Laikos an.
“Professor… Thalia. Wir kennen uns schon recht lange.” Der jüngere der beiden Männer blickte sie eindrücklich an. “Während eures Studiums habe ich Euch als ambitionierte Wissenschaftlerin kennengelernt. Mit hohen Prinzipien. Deshalb warne ich Euch: Tut nichts, was die Aufmerksamkeit der Akademie oder unserer Auftraggeber auf Euch lenken könnte. Im negativen Sinne. Habt ihr verstanden, was ich Euch damit sagen will?”
Thalia schluckte. Offenbar hatte sie von den beiden keine Hilfe zu erwarten, auch wenn sie ähnliche Ansichten vertraten wie sie selbst.
“Ja, Professor Laikos. Ich verstehe…”
“Ihr seid Euch hoffentlich im Klaren darüber, was für Euch auf dem Spiel steht. Es geht nicht nur um eure akademische Laufbahn. Also stellt eure Bedenken hintan und gebt euer Bestes. In eurem eigenen Interesse.”
“Die anderen kommen”, warnte Professor Yonka.
Professor Basilius, Alric Efferen und die weiteren Mitglieder der Forschungsgruppe kamen über die Brücke auf die Drei zu.
“Ich bin erfreut, Sie bereits hier anzutreffen”, eröffnete Professor Basilius. “Nun denn, lasst uns keine Zeit verlieren und bei den Wachen vorstellig werden. Soweit ich gehört habe, befindet sich einer der Infizierten in einem kritischen Zustand. Nicht, dass wir bereits zu spät kommen…”


Der Oberste Gefängniswärter persönlich geleitete die Gruppe durch die engen Gänge. In regelmäßigen Abständen warfen Fackeln ein spärliches Licht auf die Besucher, die zum Teil fasziniert, zum Teil abgestoßen in die Zellen blickten. Zuerst hatten sie den Trakt durchschritten, in dem die Bürger von Oxenfurt “residierten”, sollten sie sich etwas zu Schulden kommen lassen. Hier waren die Gefangenen verhältnismäßig gut untergebracht.
Doch je tiefer sie in das Gebäude vordrangen, um so dunkler und kälter wurde es. Der Geruch von Schimmel, Exkrementen und ungewaschenen Leibern raubte Thalia den Atem. Hier vegetierten die von der Gesellschaft Ausgestoßenen vor sich hin.
Wenn Thalia es wagte, einen Blick hinter die Gitterstäbe zu werfen, die die Seite des Ganges säumten, fiel ihr Blick all zu oft auf Anderlinge. Der Zustand der Gefangenen war zum Teil besorgniserregend.
Der Wärter führte sie zu einem separierten Bereich, der hinter einem schweren, eisernen Tor lag.
“Hier haben wir die Infizierten untergebracht. Nehmt eine der Masken und setzt sie bitte auf. Die Seuche befällt zwar nur Anderlinge, aber man weiß ja nie. Die Mediziner aus Novigrad haben uns befohlen, nur mit Schutzkleidung zu den Kranken zu gehen.”
Die Wissenschaftler zogen die Kittel und Handschuhe über, die auf einem Tisch bereitlagen und setzten die Schutzmasken auf. Nicht zum ersten Mal trug Thalia eine der schnabelförmig zulaufenden Gesichtsmasken, die vor einer Infektion schützen sollten. Die mit Glas abgedichteten Augenöffnungen schränkten das Sichtfeld stark ein.
Der Wärter, ebenso ausgestattet wie die Wissenschaftler, schloss die Tür auf und führte die Gruppe in einen etwas heller erleuchteten Trakt.
“Hier drüben …”, er deutete auf eine der Zellen an der linken Seite. “… ist der Gefangene, dem es am schlechtesten geht.” Er öffnete das Gittertor, um die Wissenschaftler einzulassen. Professor Basilius betrat als erster die kleine, schmutzige Zelle und ging neben dem Elf, der auf einer harten Pritsche lag, in die Hocke. Die Haut des Mannes war überzogen mit entzündeten Pusteln - zum Teil so großflächig, dass nur noch wenige unversehrte Stellen zu sehen waren. Mit behandschuhten Fingern zog Basilius ein Augenlied des vermeintlich Bewusstlosen hoch und warf einen Blick auf die Iris und die Pupille. Dann fühlte der den Puls des Kranken.
“Tja, meine Herren … es sieht so aus, als ob wir zu spät kämen. Dieser hier ist bereits auf dem Weg zu seinen spitzohrigen Vorfahren.”
Er wandte sich an den Gefängniswärter. “Sorgt dafür, dass der Leichnam kühl aufbewahrt wird. Einer meiner Kollegen wird sich mit der Sektion befassen. Und nun bringt uns zu den anderen Infizierten.”
Der Wächter führte die Gruppe zu weiteren Zellen, zu weiteren Kranken. Thalia zählte neun infizierte Elfen, sechs Männer und drei Frauen, die in unterschiedlichen Phasen der Erkrankung zu sein schienen. Zwei der Infizierten wiesen erst einen leichten Ausschlag auf, ein anderer schien jedoch dem Tode näher zu sein als dem Leben.
Thalia hielt sich während der Untersuchungen so weit es möglich war im Hintergrund. Die Art und Weise, wie ihre Kollegen (mit Ausnahme von Yonka und Laikos) die Kranken behandelten, widerte sie an. Die Wissenschaftler teilten ihre Befunde mit, als ob es sich bei den Infizierten um Objekte handele. Und ihr wurde klar, dass sie diese auch als genau das betrachteten: Die Anderlinge waren für sie lediglich interessante Forschungsobjekte, die es zu studieren galt. Sie nahmen Blut- und Speichelproben und unterhielten sich über ihre Beobachtungen, als würde es für die Betroffenen nicht um ihren unweigerlich bevorstehenden Tod gehen.
Thalia war froh, dass die Schutzmaske ihre Gesichtszüge verdeckte. Ihr Entsetzen und ihren Ekel ob ihrer Kollegen hätte sie nur schwer verbergen können. Außerdem half ihr die Maske dabei, eine gewisse Distanz zu ihrer Umgebung zu wahren - zumindest soviel, um zu verhindern, dass sie bei dem Anblick der leidenden Gefangenen und dem Gedanken an die Auswirkungen dieser Seuche in Panik geriet. Sie zwang sich zur Ruhe. Wenn sie die Fassung verlöre, würde sie sich damit nur selbst in ein schlechtes Licht rücken und hätte vielleicht keine Gelegenheit mehr, den Plan, den sie letzte Nacht geschmiedet hatte, in die Tat umzusetzen.


Nach der Untersuchung versammelten sich die Wissenschaftler im Innenhof des Gefängnisses und Thalia füllte ihre Lungen tief mit der kühlen, frischen Luft.
Alric Efferen trat zu ihr, ein Lächeln auf den Lippen, das man für charmant hätte halten können, wenn man ihn nicht kannte.
“Ihr habt Euch dort drinnen gut gehalten für eine Frau, Thalia. Aber Ihr scheint ja immer für eine Überraschung gut zu sein …”
“Ja, ich bin zäher als ich aussehe, Alric. Wer hätte gedacht, dass ich überhaupt von meiner Expedition zurückkehren werde …”
“Oh, meine Liebe. Fangt Ihr schon wieder damit an? Ich habe Euch doch bereits versichert, dass ich nichts mit dem zu tun hatte, was Euch widerfuhr. Eure haltlosen Anschuldigungen waren ja anfänglich noch amüsant, aber so langsam geht Ihr mir damit auf die Nerven.
Aber so ist das Weibervolk wohl nun einmal. Wenn Ihr nichts zu zetern habt, seid Ihr nicht glücklich. Vielleicht fehlt es Euch an einem Ehemann, den ihr zum Ziel eures Gekeifes machen könnt?”
Thalia spürte Wut in sich aufsteigen, doch sie bemühte sich, äußerlich gelassen zu wirken. Auf keinen Fall wollte sie diesem Hundsfott zeigen, wie sehr sie seine Bemerkung aufregte. Deshalb würdigte sie ihn keines Kommentars und wandte sich ab.  Nicht zum ersten Mal ärgerte sie sich darüber, nicht schlagfertiger zu sein. Stunden später würden ihr zahlreiche geistreiche Erwiderungen einfallen, die sie ihm hätte entgegenschleudern können. Zumindest hatte die Wut auf Alric dafür gesorgt, dass sich der Knoten in ihrem Magen gelöst hatte, den sie mit sich herumtrug, seit dem sie das Gefängnis betreten hatte.
Sie trat zu Yonka und Laikos, die sich leise über die Infektion und deren Symptome unterhielten. Hinter sich hörte sie, wie Efferens Speichellecker über seinen Affront gegen sie feixten.  
“Also, werte Kollegen.” Professor Basilius war in die Mitte der Alchemisten getreten. “Wie wir sehen konnten, durchläuft diese Krankheit mehrere Stadien, an deren Ende ohne Ausnahmen das Ableben des Infizierten steht. Ich schlage vor, Sie werden nun zunächst die Proben analysieren und den Erreger isolieren. Danach befassen wir uns mit der Vermehrung und den Möglichkeiten der gezielten Infektion von Probanden.
Damit die Forschungen schnell vorangehen, habe ich die Gefängniswärter angewiesen, jeden von Ihnen zu jeder Tages- und Nachtzeit einzulassen. Ich setze also auf Ihre vollste Einsatzbereitschaft. Der König erwartet erste Ergebnisse bereits in drei Wochen. Wir sollten deshalb alle zügig arbeiten. Also …” Er wies auf das Eingangstor, das sich bereits für sie öffnete. “Machen Sie sich an die Arbeit.”


Stunden später klopfte es sachte an Thalias Tür. Nachdenklich hatte sie am Esstisch gesessen, war aber nicht in der Lage gewesen, irgendetwas zu sich zu nehmen. Die Eindrücke des Tages drückten ihr schwer aufs Gemüt.
Seit sie Professorin war, hatte sie ihre Kammer auf dem Campus geräumt und bewohnte nun ein kleines Haus in Oxenfurt, das ihr die Akademie zur Verfügung gestellt hatte.
Sie ging zur Tür und warf einen Blick durch das Fenster daneben, um einen Blick auf den abendlichen Besucher zu erhaschen. Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihr und sie öffnete schnell die Tür, um ihren Gast einzulassen.
“Shani! Ich bin so froh, dass du gekommen bist.” Die Freundinnen umarmten sich. Shani drückte Thalia fest an sich, als diese leicht zu zittern begann.
“Thalia, was ist denn los? Ich habe deine Nachricht erhalten und bin sofort hergekommen. Ist etwas passiert?”
“Shani, du hattest so Recht, als du vermutet hast, dass irgendetwas bei dieser Sache in Novigrad nicht stimmt …”


Als Thalia ihrer Freundin alles berichtet hatte, was seit gestern passiert war, nahm diese einen großen Schluck von dem Wein, den sie sich und Thalia verordnet hatte. Zuerst war es ihr schwergefallen, das alles zu glauben, aber es stand außer Frage, dass Thalia die Wahrheit sprach.
“Ich frage mich, ob früher oder später auch wir von der Medizinischen in diese Sache eingeweiht werden. Oder ob meine hochrangigen Kollegen es vielleicht sogar schon sind …”
“Davon müssen wir wohl besser ausgehen, Shani. Ich weiß nicht mehr, wem ich hier noch vertrauen kann. Theoretisch kann fast jeder Wissenschaftler in der Alchemie und Medizin daran beteiligt sein oder zumindest Kenntnis von diesem Auftrag haben. Waren wir zu naiv?”
“Ich weiß es nicht, Thalia. Aber es ehrt mich, dass du mir vertraust. Die Frage ist jetzt allerdings, was wir nun tun sollen.”
“Oh, du sollst gar nichts tun. Ich will dich da nicht mit hineinziehen, Shani. Vielleicht hätte ich dich auch gar nicht damit belasten sollen … Aber ich konnte es einfach nicht mehr aushalten. Dieses Gefühl, vollkommen allein zu sein …
Ich habe letzte Nacht wachgelegen und mir überlegt, wie ich die Forschungen sabotieren könnte, ohne dass ein Verdacht auf mich fällt.”
Shani blickte sie besorgt an, den Kopf leicht schräg gelegt. “Sei bitte vorsichtig, Thalia! Was willst du allein denn ausrichten? Wenn deine Kollegen mitbekommen, dass du gegen sie arbeitest, könnte das schlimm für dich enden. Ich glaube nicht, dass man davor zurückschrecken würde, dich aus dem Weg zu räumen …”
“Das ist mir durchaus bewusst, Shani. Und ich habe nicht vor, als Leiche im Pontar zu enden. Aber ich kann auch nicht einfach nichts tun oder sogar noch dabei helfen, eine Massenvernichtungswaffe zu entwickeln.
Ich habe vor, die Forschungen zu sabotieren. Die Erreger unbrauchbar zu machen, ohne das es auffällt. Die Ergebnisse zu verfälschen. Für die armen Seelen, die schon infiziert sind, kann ich nichts tun, das ist mir klar. Aber ich will verhindern, dass noch mehr Anderlinge an dieser Seuche sterben. Wenn alle Versuche, eine Infektion künstlich herbeizuführen, scheitern, werden sie die Pläne irgendwann aufgeben.”
Shani dachte darüber nach, die Stirn gerunzelt. “Ich weiß nicht, Thalia. Sicher, der Ausbruch in Novigrad ist bereits vorbei. Alle Infizierten sind entweder bereits gestorben oder warten auf ihr Ende in der Quarantäne. So heißt es zumindest. Aber wenn du auch nur einen kleinen Fehler machst, werden sie dir auf die Spur kommen. Du gehst ein unglaublich großes Risiko ein …”
Thalia blickte auf die Tischplatte, malte kleine Weinkreise mit dem Fuß ihres Glases auf das Leinentuch.
“Ich habe nicht vor, noch lange hier zu bleiben, Shani.”
Die Freundin blickte sie neugierig an. “Du hast gerade erst deine Professur erhalten, Thalia. Alles, wofür du in den letzten Jahren gearbeitet hast. Wo willst du denn hingehen?”
“Das alles hier ist doch überhaupt nichts wert!” Thalia war den Tränen nahe, als sie aussprach, was ihr gestern klargeworden war. “Ich wollte immer Krankheiten heilen, Shani. Das war überhaupt der Grund, warum ich Professorin werden wollte! Und jetzt? Jetzt soll ich dabei helfen, eine Seuche zu verbreiten. Angeblich zum Wohle der Menschen. Nein, Shani. Ich will nicht länger Professorin an dieser Akademie sein. Ich will auch nicht länger in einem Reich leben, in dem die Regierung den Massenmord an Anderlingen für eine gute Idee hält. In dem bald wieder die Scheiterhaufen brennen werden.” Sie schniefte, schluckte, atmete tief durch. “Ich werde warten, bis Eskel hier ist und dann werde ich von hier verschwinden. Wohin weiß ich noch nicht genau, aber irgendwo werde ich neu anfangen. Irgendwo, wo man meine Fähigkeiten zu schätzen weiß und ich das tun kann, was mir am Herzen liegt, nämlich Heilen.”
“Es ist dir also wirklich ernst mit deinem Hexer, oder?” Ein sanfter Ausdruck war in Shanis Augen getreten.
Thalia lächelte verlegen. “Ja. Ja, das ist es. Aber … ich weiß nicht, ob er dazu bereit wäre, irgendwo mit mir gemeinsam zu leben. Ich meine … Hexer sind ständig unterwegs, auf dem ‘Pfad’. Sie werden normalerweise nicht sesshaft. Wir … wir haben noch nicht darüber gesprochen, wie eine Zukunft für uns aussehen könnte.
Doch, egal wie er sich entscheidet, mein Entschluss steht fest. Ich werde nicht hierbleiben. Aber ich habe keine Möglichkeit, Eskel zu erreichen, also muss ich abwarten, bis er hierher kommt, wie wir es geplant hatten. Ich weiß nur nicht, wann das sein wird.”
“Hoffentlich bald. Ich mache mir Sorgen um dich, Thalia. Lange werden deine Manipulationen nicht unbemerkt bleiben.”
“Er kommt bestimmt, sobald es ihm möglich ist.” Thalia blickte wieder nachdenklich auf den Tisch. “Ganz bestimmt kommt er bald …”



Ein paar Tage waren vergangen, in denen die Wissenschaftler die entnommenen Proben analysiert und für die weitere Forschung vorbereitet hatten. Bisher hatte sich für Thalia noch keine Gelegenheit ergeben, allein mit den Proben zu arbeiten. Immer war mindestens einer ihrer Kollegen zugegen gewesen.
Das Labor im zweiten Stockwerk des Fakultätsgebäudes war zu ihrer Forschungsbasis umfunktioniert worden. Andere Alchemisten und Studenten hatten keinen Zugang mehr, lediglich die Mitglieder der Forschungsgruppe durften den Raum betreten.
Thalia hatte gerade den Erreger unter einem Mikroskop untersucht. Es handelte sich definitiv um ein Bakterium, dem Auslöser der Catriona-Krankheit täuschend ähnlich. Die Zellteilungsrate lag jedoch bei weitem unter der des Erregers, der für Menschen gefährlich war.
An einem Tisch neben Thalia stellte Vincent Laikos gerade Berechnungen zum Bakterienwachstum an. Eric Sardo, einer der Kollegen, die sich gern bei Alric Efferen anbiederten, unterstützte ihn dabei.
“Also, die Mitoserate liegt deutlich unter einem Wert, der eine schnelle Ausbreitung der Krankheit ermöglicht”, erläuterte Laikos seine Ergebnisse. “Wir sollten testen, ob moderate Wärmezufuhr die Rate erhöht. Eric, könntet Ihr bitte den Ofen vorbereiten?”
“Sicher.” Der Angesprochene setzte den Ofen in Gang, der hauptsächlich zur Dekontaminierung von Laborgeräten genutzt wurde - jedoch hin und wieder auch als Inkubator für Bakterienkulturen.
Laikos wandte sich an Thalia. “Könntet Ihr bitte den Probenbehältern noch mehr Nährlösung zugeben? Die Zeit läuft uns davon und mir wäre wohler dabei, wenn wir morgen etwas Positives zu berichten hätten.”
“Ich bin schon dabei.” Thalia gab mit einer Pipette jeweils fünf Tropfen einer klaren Flüssigkeit in die Probenbehälter, die sie dann in einem Gestell platzierte.
Sardo setzte das Gestell ganz im unteren Bereich des Ofens ein, wo die Proben dank mehrerer Zwischenbarrieren nur einer geringen Wärme ausgesetzt wurden. Dort herrschten optimale Bedingungen, um das Wachstum von Bakterien anzuregen.
Sardo prüfte noch einmal die Temperatur und zog dann seine Handschuhe aus. “Es ist spät geworden. Ich mache dann Schluss für heute. Wie sieht es mit Ihnen aus?”
Thalia legte ebenfalls ihre Handschuhe ab. “Hier können wir im Moment nicht mehr viel tun. Lassen wir es für heute gut sein.”
Auch Laikos schloss sich ihnen an. Gemeinsam verließen sie den Raum und verabschiedeten sich auf dem Flur voneinander. Thalia ging ein Stückweit den Flur hinunter und bog in einen abzweigenden Gang ein, der zu ihrem Büro führte. Dort wartete sie kurz. Laikos und Sardo waren in die andere Richtung gegangen, wahrscheinlich zum Treppenhaus.
Ein paar Minuten später ging sie zurück zum Labor. Niemand begegnete ihr auf dem Weg. Um diese Zeit waren die Flure der Fakultät für gewöhnlich verwaist - ein Umstand, der Thalia gerade sehr recht kam. Sie schloss die Tür zum Labor auf und schlüpfte in den Raum, verzichtete darauf, die Laternen zu entzünden, sondern begnügte sich mit dem schwachen Licht einer Kerze.
Mit behandschuhten Fingern öffnete sie die Tür des Ofens und platzierte das Gestell mit den Probenbehältern oberhalb der ersten Hitzebarriere. Dort herrschten die höchsten Temperaturen - kein Bakterium konnte dies länger als wenige Minuten überstehen.
Danach würde sie die Behälter wieder in den unteren Bereich des Ofens zurückstellen. Wenn alles so verlief wie geplant würden sie und ihre Kollegen morgen feststellen, dass die Bakterien eine Wärmebehandlung offenbar nicht überlebten - oder dass Eric Sardo die Temperatur zu hoch eingestellt hätte. Niemand hatte beobachtet, wie viel Brennmasse er tatsächlich eingefüllt hatte. Möglicherweise hatte er sich bei der Dosierung verrechnet. Ein dummer Fehler, aber Fehler passierten nun einmal …
Kurz ereilte Thalia ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, dass Sardo die Schuld an diesem Zwischenfall gegeben werden könnte. Dann erinnerte sie sich daran, wie dieser Hundsfott im Gefängnis sich feixend mit Alric Efferen über sie lustig gemacht hatte und ihre Bedenken zerstreuten sich.
Jetzt hieß es abwarten.
Thalia blickte versonnen zur Tür des Labors. Durch eben diese Tür war damals Eskel in ihr Leben getreten. Sie erinnerte sich daran, wie sie kurz erschrocken war, als sie ihn das erste Mal angeblickt hatte. Wie sich ihre anfänglichen Bedenken zuerst in Sympathie und dann nach und nach in … etwas anderes verwandelt hatten.
Sie vermisste ihn so sehr … Wenn sie doch nur wüsste, wann er in Oxenfurt eintreffen würde. Ob er überhaupt kommen würde … Er hatte so große Bedenken gehabt, ihrem Ruf zu schaden. Wenn er nun in der Zeit ihrer Trennung zu dem Schluss gekommen war, dass es besser für sie wäre, wenn er nicht nach Oxenfurt käme? Aber er würde doch zumindest Kontakt zu ihr aufnehmen? Oder war es nicht eher seine Art, still und ohne etwas zu sagen aus ihrem Leben zu verschwinden?
Thalia verscheuchte diese Gedanken. Nein, er würde ganz bestimmt kommen. Bis dahin hatte sie hier hoffentlich genug bewirken können, um die Forschungen an dem Erreger nachhaltig zu sabotieren. Und dann würde sie von hier verschwinden, ehe ein Verdacht auf sie fiele. Und vielleicht würde Eskel sie sogar begleiten. Bestimmt würde er das …
Als sich ein Schlüssel im Türschloss drehte, fuhr Thalia vor Schreck zusammen. Schnell blies sie die Kerzenflamme aus und ging hinter einem der Labortische in Deckung. Wer, verdammt nochmal, schlich denn um diese Zeit noch hier herum?
Aus ihrem Versteck heraus sah sie, wie Vincent Laikos mit einer kleinen, abgedeckten Laterne in der Hand zum Ofen ging. Er blickte kurz durch die Sichtscheibe - bei allen Göttern, jetzt würde er bemerken, dass die Bakterien im falschen Abschnitt des Ofens schmorten. Doch anstelle die Ofentür aufzureißen und zu versuchen, die Behälter zu retten, wandte Laikos sich langsam um und ließ seinen Blick im Labor umherwandern.
“Thalia? Seid Ihr hier?”
Sie überlegte kurz, weiterhin in ihrem Versteck zu bleiben, doch dann wurde ihr klar, dass er nur ein paar Schritte in ihre Richtung gehen müsste, bis das Licht seiner Laterne sie verraten würde. Sie erhob sich hinter dem Tisch.
“Vincent. Ich bin … überrascht Euch hier anzutreffen.”
“Das selbe könnte ich über Euch sagen. Wobei … nein, eigentlich überrascht es mich nicht. Mir war klar, dass Ihr auf den gleichen Gedanken kommen würdet wie ich. Hat Euch jemand beim Betreten des Labors bemerkt?” Den gleichen Gedanken … Thalia spürte eine Woge der Erleichterung, als ihr klar wurde, was dies bedeutete.
“Nein, es war niemand mehr auf den Fluren.”
“Sehr gut.” Laikos presste kurz die Lippen zusammen. “Wie lange sind die Behälter bereits der Hitze ausgesetzt?”
“Vier Minuten, würde ich schätzen.”
“In Ordnung. Dann warten wir sicherheitshalber noch weitere drei Minuten, setzen die Behälter wieder an ihre ursprüngliche Stelle und verschwinden dann von hier.”
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