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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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107.057
38
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23.09.2018 5.365
 
Hallo werte Leser,

zuerst einmal möchte ich mich entschuldigen, dass es dieses Mal so lange mit der Fortsetzung gedauert hat. Das, was man das “wahre Leben” nennt, lässt mir leider nicht so viel Zeit zum Schreiben, wie ich mir das wünschen würde. Deshalb kann ich meinen Anspruch an mich selbst, alle 7 bis 14 Tage ein neues Kapitel hochzuladen, leider wohl nicht mehr erfüllen.
Dafür ist dieses Kapitel aber wieder einmal sehr lang geraten. Mich kurzzufassen oder Texte zu kürzen gehört leider nicht zu meinen großen Stärken. Ich hoffe, es wird trotzdem nicht langweilig …

Beim letzten Mal hatte ich ja eine kleine Überraschung versprochen: Ich habe das erste Kapitel einer neuen Geschichte hochgeladen. Dabei handelt es sich um ein kleines Lambert-Spin-off, das insgesamt drei Kapitel umfassen wird. Es setzt zeitlich nach Kapitel 20 meiner Hauptgeschichte an (also nach diesem Kapitel hier) und zeigt, wie Lambert in den Schlamassel hineingerät, in dem er bald schon stecken wird. Danach setzt sich die Handlung im “Herzen” (voraussichtlich ab Kapitel 22) fort.
Man muss das Lambert-Spin-off nicht lesen, um den weiteren Geschehnissen folgen zu können. Aber vielleicht interessiert es den ein oder anderen ja, was unser stets gutgelaunter Sonnenschein in der Zwischenzeit so getrieben hat.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. Wie immer sind mir Reviews oder auch persönliche Nachrichten höchst willkommen, damit ich weiß, was euch besonders gefällt (oder vielleicht auch, was ihr nicht gut findet).

Viele Grüße
die Lady

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Kapitel 20 - Zerbrochen

Träge floss die rote, zähflüssige Substanz an den Wänden des Glasstabes hinunter, löste sich in der klaren, hellblauen Flüssigkeit, die sich bereits in dem Glaskolben befand. Die Chemikalien vermischten sich, reagierten miteinander. Die Farbe änderte sich von einem zunächst blassen Lila zu einem dunklen Smaragdgrün. Ein leichter, fast pfefferminzähnlicher Geruch breitete sich aus. Thalia tauchte eine Pipette in die Flüssigkeit, entnahm ein paar Tropfen und gab diese in eine flache Schale, die sie auf einem Tisch platzierte. Dann nahm sie den Anzünder zur Hand, ein langer, metallener Stab, an dessen Ende sich ein entflammbares Stück Leinen befand. Mit Hilfe einer Kerzenflamme setzte sie den Stoff in Brand, trat zur Seite und entzündete die Flüssigkeit in der Schale.
Eine Stichflamme bildete sich augenblicklich, die den gesamten Vorlesungssaal bis in die letzte Reihe in helles Licht tauchte. Ein erschrockenes Raunen ging durch den Raum, gefolgt von aufgeregtem Gemurmel. Thalia blickte in die überraschten Gesichter ihrer Studenten und lächelte zufrieden. Die Erstsemester ließen sich immer mit einfachen pyrochemischen Experimenten begeistern. Manches änderte sich eben nie.
Vieles andere hingegen schon. So hatte Thalia beispielsweise ihre blaue Magisterrobe, die sie bisher bei Vorlesungen getragen hatte, gegen einen Talar in ehrwürdigem Schwarz getauscht - der Farbe, die an der Akademie den Professoren vorbehalten war.
Sie löschte die Flamme, die nur noch klein in der Schale tanzte, mit einem Deckel und wandte sich an ihre Studenten.
“Was wir hier sehen konnten verdeutlicht, dass bereits eine geringe Beimischung von Rubedo ausreicht, um mit Vitriol eine hochentzündliche Verbindung einzugehen. Beide Substanzen für sich allein sind nicht entflammbar, zusammen bilden sie jedoch die Grundlage für viele Brandbeschleuniger oder Sprengstoffe. Wir machen nächste Woche weiter mit den nitrogenen Verbindungen. Lesen Sie dazu bitte zur Vorbereitung die Abhandlung von Aberloft und Gabor, deren Bibliothekssignatur hinter mir an der Tafel steht. Ich wünsche Ihnen allen eine lehrreiche Woche.”
Die Studenten klopften mit ihren Fingerknöcheln auf die Tischplatten vor ihnen, applaudierten auf diese Weise ihrer Dozentin für die gelungene Demonstration. Der Vorlesungssaal leerte sich schnell, die letzten Zuhörer packten ihre Schreibutensilien zusammen und eilten zur nächsten Vorlesung.
Thalia räumte die benutzten Gläser und Schalen in das Reinigungsbecken. Natürlich hätte sie diese Aufräumarbeiten auch studentischen Helfern überlassen können - ein Privileg, das ihr als Professorin nun zustand. Doch sie bevorzugte es immer noch, diese Arbeiten selbst zu erledigen.
Als der Arbeitsbereich wieder in seinem ursprünglichen Zustand war, nahm auch Thalia ihre Tasche und trat auf den Flur. Wie so oft herrschte hier zwischen den Vorlesungsstunden ein reges Gedränge der Studenten. Früher hatte sie sich mühsam ihren Weg durch die Menge bahnen müssen, um zu ihrem Labor zu gelangen - heute machten die jungen Menschen ihr bereitwillig Platz. Zumindest unter der Studentenschaft genoss Thalia großen Respekt, seitdem sie zur Professorin für Alchemie ernannt worden war.
Seit neun Wochen war sie nun wieder in Oxenfurt. Neun Wochen, in denen ihr ihre Reise mit Eskel und die Zeit in Kaer Morhen immer mehr wie ein Traum aus einer anderen Welt vorkamen.
Als sie auf den Campus zurückgekehrt war, die Formel für ein wirksames Gegengift im Gepäck, waren nicht wenige der Professoren an der Akademie höchst überrascht gewesen. Offenbar hatten nur wenige daran geglaubt, dass sie diese Aufgabe erfolgreich würde lösen können. Einige schienen sogar verwundert zu sein, dass sie überhaupt von ihrer Expedition wiederkehrte.
Thalia hatte natürlich von den Vorkommnissen auf der Reise berichtet - zumindest von denen, die in diesem Zusammenhang relevant waren. Von dem Verrat und der mutwilligen Gefährdung durch die beiden Wächter Jonas und Olbertz, von der erfolgreichen Beschaffung der Krabbspinnenorgane, dem Forschungsprozess und seinen Ergebnissen. Was die Professoren nicht erfahren sollten - beispielsweise, dass sie ihre Forschung in der Hexerfestung Kaer Morhen durchgeführt hatte - ließ sie aus.
Ihr Dekan Professor Bloomfeld hatte sich empört über das Verhalten der Expeditionsbegleiter gezeigt. Da jedoch weder Jonas noch Olbertz wieder aufgetaucht waren, schien eine Aufklärung der Hintergründe unmöglich. Thalias Andeutungen, dass möglicherweise jemand an der Universität etwas damit zu tun haben könnte und ihre Arbeit sabotieren wollte, wurden von den Professoren empört zurückgewiesen. Thalia hatte erkannt, dass es eher ihr selbst negativ ausgelegt werden könnte, sollte sie auf ihrer Vermutung, dass ihr Konkurrent Alric Efferen dahinter steckte, beharren. Beweise hatte sie keine. Einzig Jonas und Olbertz hätten zur Aufklärung beitragen können - jedoch blieben beide verschwunden.
Thalia erklomm die Treppe in das zweite Stockwerk der Fakultät, in dem sich neuerdings ihr eigenes Büro befand. Vor ihrer Tür wartete bereits eine Besucherin auf sie.
“Shani! Schön, dich zu sehen!” Thalia ging lächelnd auf ihre Freundin zu. “Ich dachte, du wärst noch immer in Novigrad. Warte kurz, ich schließe auf, dann können wir uns drinnen unterhalten.”
“Gern. Das Schwarz steht dir übrigens gut.”
Thalia grinste, während sie die Tür aufschloss. In ihrem Büro herrschte eine gepflegte Unordnung. Stapel von Büchern türmten sich in einer Ecke. Auf dem Schreibtisch lagen allerlei Schreibblätter verstreut, ein aufgeschlagener Foliant nahm einen Großteil des Platzes auf der Tischplatte ein.
“Setz dich doch bitte.” Thalia nahm ein Buch von der Sitzfläche des Besucherstuhls und bot den Platz Shani an, die sich auch sogleich grazil auf dem Polster niederließ.
Thalia nahm auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch Platz. “Seit wann bist du wieder zurück?”
“Ich bin gestern Abend erst zurückgekehrt. Und ehrlich gesagt bin ich froh, wieder hier zu sein.”
“Hat sich die Lage in Novigrad so sehr verschlechtert? Ich habe gehört, dass dieser Orden des Ewigen Feuers wieder an Einfluss gewonnen hat, nachdem Radovids Nachfolger nun sicher auf dem Thron sitzt. Aber dass es so schnell schlimmer wird, hätte ich nicht gedacht.”
Shani schnaubte. “Ich auch nicht. Ich hatte wirklich gehofft, dass dieses Kapitel mit Radovids Tod ein Ende gefunden hätte. Aber die Lage für Anderlinge wird immer gefährlicher. Ich bin mir nicht sicher, aber … irgendetwas stimmte nicht bei dieser ganzen Sache. Du weißt ja, ich sollte mich im Hospital mit einem Mediziner über Krankheitserreger austauschen, die in einem Novigrader Stadtteil gehäuft aufgetreten sind. Aber … es war irgendwie merkwürdig. Die Fragen meines Kollegen dort zielten einzig und allein auf Erreger ab, die lediglich Anderlinge befallen. Informationen zu dem dortigen Ausbruch konnte oder wollte er mir nur spärlich geben. Und als ich fragte, ob ich mir eine der Leichen ansehen könne, schien er irgendwie unruhig zu werden. Angeblich seien bereits alle Opfer verbrannt worden, um einen größeren Ausbruch zu vermeiden. Aber mein Gefühl sagt mir, dass irgendetwas an der ganzen Sache nicht stimmt. Ich kann nur nicht sagen, was es genau ist … Dieser Orden ist wieder erstarkt, Hexenjäger patroullieren durch Novigrads Straßen - und gerade jetzt bricht eine tödliche Seuche unter Anderlingen aus.”
Thalia runzelte die Stirn. “Das klingt wirklich alles etwas merkwürdig. Ich hoffe nur, dass diese Fanatiker hier in Oxenfurt nicht auch wieder an Einfluss gewinnen. Es reicht mir schon, dass die Redanische Armee einige Entwicklungen in Auftrag gegeben hat. Zum Beispiel diese Feuerarmbrust, an der ich noch immer arbeite. Mir ist nicht ganz wohl dabei, wie ich dir ja schon erzählt habe. Vielleicht zögere ich die Fertigstellung deshalb etwas hinaus. Mir ist auch aufgefallen, dass die Lehrpläne verändert wurden: Pyrochemie hat einen deutlich höheren Stellenwert bekommen, als noch im letzten Jahr. Fast so, als wenn sie Wissenschaftler ausbilden wollten, die auf Sprengstoffe und Waffenforschung spezialisiert sind.”
“Das sind alles keine guten Entwicklungen.” Shani seufzte. Dann lächelte sie. “Aber lass uns doch auch über etwas Positives sprechen. Wie kommst du denn als frisch ernannte Professorin zurecht? Wir haben uns ja seit deiner Rückkehr kaum gesehen.”
“Nun … bei den meisten Professoren muss ich mich wohl erst noch beweisen. Einige waren nicht begeistert, dass sie mir die Professur zusprechen mussten. Aber da ich meinen Auftrag erfolgreich erfüllt habe, gab es keinen objektiven Grund, mir die Ernennung nicht zu gewähren. Sie haben ja dann trotzdem noch eine Möglichkeit gefunden, auch den guten Alric Efferen ebenfalls in den Professorenstand zu erheben. Wahrscheinlich mussten sie - sonst hätte seine Familie der Akademie bestimmt ein kleines Vermögen an Fördergeldern entzogen.” Thalia schüttelte den Kopf. “Jetzt stolziert dieser aufgeblasene Gockel umher, schart eine Horde Speichellecker um sich und tut gerade so, als würde die Abhandlung, die er geschrieben hat, die Erkenntnisse über ionische Verbindungen revolutionieren.”
“Gräm dich nicht deshalb, Thalia. Mit solchen ´Wissenschaftlern´ werden wir es immer wieder zu tun bekommen. Die Hauptsache ist doch, dass du dein Ziel erreicht hast.” Ein verschmitztes Lächeln schlich sich auf Shanis Lippen. “Aber erzähl mir doch einmal etwas mehr über deine Expedition. Als wir uns nach deiner Rückkehr kurz gesehen haben, hast du angedeutet, dass dieser Hexer eine recht angenehme Gesellschaft war …”
Thalia schmunzelte. “Ja, so könnte man es ausdrücken… “
Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Der Besucher wartete nicht darauf, hereingebeten zu werden. Professor Basilius stieß schwungvoll die Tür auf und betrat das Büro. Seine massige Statur wurde durch die schwarze Robe verdeckt. Eine goldgerahmte Brille saß etwas schief auf seiner Nase, die gekrümmten Gläser ließen seine Augen kleiner erscheinen. Als sein Blick auf Shani fiel, grinste er anzüglich.
“Ah, die Damen unter sich. Sicherlich gibt es wichtige Themen zu erörtern, die keinem Mann zu Ohren kommen sollen…” Er zwinkerte Shani wissend zu und wandte sich dann an Thalia. “Wenn Ihr euren Plausch beendet habt, Frau Kollegin, so findet euch bitte zur nächsten Stunde in meinem Büro ein. Ein weiterer Forschungsauftrag der Regierung hat die Fakultät soeben erreicht. Ich muss wohl nicht betonen, dass dies höchste Priorität hat. Ihr und einige eurer Kollegen werdet euch dieses Auftrags annehmen. Die Einzelheiten teile ich euch nachher mit. Seid also pünktlich.” Er nickte den beiden Wissenschaftlerinnen zu und verließ das Büro.
Shani schüttelte den Kopf. “Was sollte das denn?”
Thalia schnaubte. “Tja, daran muss ich mich wohl gewöhnen. Einige der Senior-Professoren der Fakultät haben noch immer große Probleme damit, nun eine Frau in ihren Reihen zu haben. Manche äußern ihre Bedenken offen, andere etwas subtiler - aber Bedenken, ob eine Frau denn auch wirklich den Anforderungen an diesen ehrwürdigen Stand gerecht werden kann, haben fast alle.”
“Ich bin froh, dass wir in der Medizinischen schon etwas fortschrittlicher sind.”
“Ja, da kannst du dich glücklich schätzen. Ich werde mich besonders anstrengen müssen, um die Zweifler zum Schweigen zu bringen. Sei mir bitte nicht böse, aber ich würde dann jetzt lieber sofort zu dieser Besprechung gehen. Ich möchte auf keinen Fall als Letzte eintreffen.”


Als Thalia das geräumige Büro betrat, waren bereits drei ihrer Kollegen anwesend. Einer davon war Alric Efferen, der mit den beiden anderen Professoren in eine angeregte Unterhaltung vertieft zu sein schien. Thalia grüßte die Anwesenden, doch von ihrem Eintreten nahm offenbar niemand Notiz. Thalia ging zu einem der Regale an der rückwärtigen Wand und studierte die Titel der darin stehenden Bücher. Alric Efferen gab eine Anekdote aus einer seiner Vorlesungen zum Besten, der jegliche Pointe fehlte. Was die beiden Zuhörer jedoch nicht davon abhielt, am Ende der Erzählung in Gelächter auszubrechen. Der Einfluss der Familie Efferen und ihre großzügige Vergabe von Forschungsgeldern vermochte offenbar die drögeste Geschichte in eine geistreiche Erzählung zu verwandeln, wie Thalia bei sich dachte.
Professor Basilius betrat den Raum, gefolgt von zwei weiteren jungen Professoren, Yonka und Laikos. Der Ältere begrüßte Efferen und seine beiden Zuhörer mit Handschlag, nickte Thalia kurz zu und ergriff dann das Wort.
“Verehrte Kollegen, wie ich bereits angedeutet habe, hat unsere Fakultät einen wichtigen Auftrag von der Redanischen Regierung erhalten. Unnötig zu sagen, dass Sie alle ihre momentanen Forschungsarbeiten ruhen lassen werden, bis dieser Auftrag erfolgreich zum Abschluss gebracht wurde. Wie Sie sicherlich wissen, finden besonders an der Grenze zu Temerien immer wieder Überfälle dieser vermaledeiten Scoia`tael statt. Bisher ist es nicht gelungen, diesen mordenden Banden Einhalt zu gebieten. Doch vielleicht wird sich das Blatt nun wenden. In einem Elendsviertel der Anderlinge in Novigrad ist eine Seuche ausgebrochen - eine Erkrankung, die ähnliche Symptome wie die Catriona-Krankheit aufweist. Menschen sind offenbar immun gegen den Erreger. Der Ausbruch konnte durch das radikale Durchgreifen der dortigen Mediziner eingedämmt werden.”
Der Professor schürzte die Lippen, sprach dann nach kurzem Nachdenken weiter. “Ich kann mir denken, dass das, was ich Ihnen nun sage, bei dem ein oder anderen von Ihnen Bedenken aufkommen lassen wird.” Bei diesen Worten warf er Thalia einen Blick zu. Ihre Verwirrung nahm immer weiter zu. Ihr Verstand stellte bereits logische Schlussfolgerungen aus dem bisher Gehörten an, doch sie weigerte sich, diese Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehen. Alle Spekulationen erübrigten sich jedoch, als der Professor weitersprach.
“Aber bedenken Sie bitte, wie viele Menschen diesen sogenannten “Eichhörnchen” bereits zum Opfer gefallen sind. Wie brutal und grausam diese Anderlinge gegen Dorfbewohner und Soldaten vorgehen. Dieser Erreger bietet uns die Möglichkeit, diese Bedrohung ein für alle mal auszuschalten. Unser König Radovid, der Sechste, hat höchstpersönlich den Auftrag an unsere alchemistische Fakultät unterzeichnet. Dieser besagt, dass wir diesen Erreger erforschen und eine Methode der gezielten Verbreitung entwickeln sollen.”
Thalia fühlte sich, als habe sie einen Schlag in die Magengrube erhalten. Sie brauchte mehrere Sekunden, um ihre Fassung zurückzugewinnen. Zwei der anderen Wissenschaftler schien es ähnlich zu gehen. Marik Yonka, ein junger Kaedweni, war sichtlich erblasst und blinzelte nervös. Ähnlich erging es Vincent Laikos, der einer ihrer Mentoren während ihres Studiums gewesen war. Alric Efferen und seine zwei Schmeichler schienen jedoch eher interessiert als abgestoßen bei dem Gedanken, an der Entwicklung einer biologischen Waffe beteiligt zu werden.
“Sie werden bereits morgen mit ihrer Forschung beginnen, verehrte Kollegen”, fuhr Professor Basilius fort. “Wir werden zunächst gemeinsam ein paar der Infizierten begutachten, damit Sie sich selbst ein Bild des Krankheitsverlaufs machen können. Danach werden drei von Ihnen daran arbeiten, den Erreger zu isolieren, während sich die Verbliebenen mit der Frage der Verbreitbarkeit befassen werden. Informationen zum bisherigen Kenntnisstand entnehmen Sie bitte dieser Abschrift des Behandlungs- und Autopsieberichts eines Kollegen aus Novigrad. Alles weitere besprechen wir morgen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag, verehrte Kollegen.”
Jedem von ihnen wurde ein mehrseitiges Schriftstück ausgehändigt. Thalia überflog die erste Seite und runzelte die Stirn. Sie schluckte, atmete tief durch. Die anderen Professoren verließen den Raum, Yonka und Laikos sprachen leise miteinander.
“Professor Basilius?” Der Angesprochene drehte sich zu Thalia um, offenbar erstaunt, dass sie keine Anstalten machte, es ihren Kollegen gleich zu tun und das Büro zu verlassen. “Auf ein Wort, bitte.” Er hob die Brauen, bedeutete ihr jedoch, auf einem der Stühle Platz zu nehmen. “Habt Ihr noch Fragen, Professor van de Wintervoord?”
Thalia zögerte kurz. “Professor … ich … ich möchte Euch bitten, mich aus dieser … dieser ´Forschungsgruppe´ zu entlassen. Ich sehe mich außer Stande, an diesem Auftrag mitzuarbeiten.”
Professor Basilius blickte Thalia mehrere Sekunden lang an, sein Ausdruck undeutbar. Als er schließlich sprach, war seine Stimme schneidend. “Meine verehrte Dame. Ihre Aufnahme in diese Forschungsgruppe ist keine Bitte. Dieser Auftrag stammt direkt von unserem König - ich muss Euch wohl nicht erklären, was das für unsere Akademie bedeutet.” Thalia wollte ihn mit einem Einwand unterbrechen, er hielt sie jedoch mit einer scharfen Geste davon ab. “Dieser Auftrag hat höchste Priorität. Und unsere fähigsten Wissenschaftler werden alles daran setzen, ihn so schnell wie möglich zu erfüllen. Ob es mir gefällt oder nicht, aber Ihr seid einer unserer fähigsten Wissenschaftler. Und Ihr werdet Euer Bestes geben, um unsere Regierung zufriedenzustellen.”
“Bei allem Respekt: Ich bin nicht Alchemistin geworden, um Waffen zu entwickeln. Mein Ziel ist es, den Menschen durch meine Forschung zu helfen …”
“Ihr sagt es! Den Menschen wollen wir helfen! Beenden wir diese ständige Bedrohung der Menschen durch diese unsäglichen Scoia´tael. Dieser Erreger bietet uns die Möglichkeit, dem ein für alle mal ein Ende zu setzen!” Der Professor hatte die Stimme erhoben, doch Thalia weigerte sich, sich davon beeindrucken zu lassen.
“Durch Völkermord? Ihr zieht es ernsthaft in Betracht, eine tödliche Seuche über die Elfen zu bringen, um den Kampf gegen die Rebellen zu gewinnen? Hunderte oder Tausende Unschuldiger können dadurch umkommen. Wie rechtfertigt Ihr das vor eurem Gewissen?”
“Ich brauche gar nichts zu rechtfertigen, Frau Kollegin. Ich erfülle Aufträge. Und das solltet Ihr auch tun. Ihr seid nun Professorin dieser Akademie. Dachtet Ihr, dass Ihr euch eure Forschungsprojekte selbst aussuchen könnt? Dass Ihr nur die Aufträge erfüllen müsst, die euren persönlichen Moralvorstellungen entsprechen? Willkommen in der Wirklichkeit, Frau Kollegin! Das Gespräch ist hiermit beendet.”
“Professor Basilius … ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich es mir zum Ziel gesetzt habe, die Cordoxie zu erforschen und dieser Krankheit ein Ende zu setzen. Ich kann und werde nicht dazu beitragen, einen anderen Krankheitserreger gezielt zu verbreiten!”
“Frau van de Wintervoord. Ich habe mich anscheinend immer noch nicht klar genug ausgedrückt.” Die Stimme von Professor Basilius war gefährlich leise geworden. “Ich stelle Euch nicht vor die Wahl, eure Expertise in den Dienst dieser Aufgabe zu stellen. Solltet Ihr eure Mitarbeit verweigern, so wird es nicht nur ein Leichtes sein, Euch eure Professur wieder zu entziehen, sondern auch euren Ruf in der Wissenschaft so weit zu schädigen, dass Ihr an keiner Hochschule in Redanien, Kaedwen oder Temerien mehr werdet arbeiten können. Alles, was Ihr euch in den letzten Jahren aufgebaut habt - alle Ziele, die Ihr verfolgt habt - das alles können wir sehr schnell wieder zunichte machen, Frau Kollegin. Denkt doch einmal daran, wie viel Ihr in eurer Laufbahn noch werdet bewirken können. Wollt Ihr das alles einfach so wegwerfen wegen moralischer Bedenken?”
Thalia schluckte. Ihr Gegenüber bemerkte, welche Wirkung seine Worte auf die junge Professorin hatten. Er setzte ein gewinnendes Lächeln auf. “Professor van de Wintervoord. Ich verstehe, dass Ihr Bedenken habt. Ja, ich kann eure Argumente durchaus nachvollziehen. Jedoch kann ich Euch versichern, dass es außer Frage steht, dass dieser Krankheitserreger von uns erforscht, reproduziert und verbreitet werden wird. Solltet Ihr eure Mitarbeit verweigern, so wird die einzige Konsequenz daraus die sein, dass Ihr alles verlieren werdet. Kein einziges Elfenleben wird dadurch verschont werden.” Professor Basilius lehnte sich in seinem Stuhl zurück. “Nutzt den Rest des Tages, um eure Haltung noch einmal zu überdenken. Ich erwarte Euch morgen zur Mittagsstunde am Tor des Gefängnisses, wo wir uns zusammen mit den anderen die infizierten Anderlinge ansehen werden. Guten Tag, Frau Professorin.”
Thalia erhob sich von ihrem Stuhl. Der Professor würde sich nicht umstimmen lassen, das war ihr nun klar. Thalia verließ wortlos den Raum.


Eine Stunde später saß sie am Ufer des Pontar - an der Stelle, wo sie sich vor neun Wochen von Eskel verabschiedet hatte. Seit dem war sie öfters hierher gekommen, um nachzudenken und auch, um dem geschäftigen Treiben in Oxenfurt für kurze Zeit zu entfliehen. Früher hätte sie es nie für möglich gehalten, aber nach ihrer Zeit in der Wildnis und in Kaer Morhen kam ihr die Stadt nun oft erdrückend vor.
Arenaria graste wenige Meter neben ihr.  Nach allem, was sie zusammen durchgestanden hatten, fühlte sie sich dem Pferd in gewisser Weise verbunden und hatte nicht gewollt, dass es auf weiteren Expeditionen zu Schanden geritten wurde. Thalia hatte die nicht mehr ganz junge Stute der Universität abgekauft und seit dem lebte das Tier in einem Stall am Stadtrand. Thalia führte es regelmäßig zu Ausritten in der näheren Umgebung aus, die nicht nur dem Tier guttaten.
Oh, wie sehr sie Eskel vermisste. Ganz besonders jetzt in diesem Moment.
Ihre ganze Welt war eben aus den Fugen gerissen worden. Welche unmoralischen Erfindungen und Entwicklungen hatten bereits die Mauern der Akademie verlassen? Wurden solche Dinge vor den jungen Wissenschaftlern verborgen oder hatte sie bisher einfach die Augen davor verschlossen? Hätte ihr nicht klar sein müssen, dass ihre Vorstellung, die Alchemie zum medizinischen Fortschritt und zum Wohle aller nutzen zu wollen, längst nicht von allen Professoren geteilt wurde?
Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter, als sie daran dachte, wie die Wirksamkeit ihres Gegengiftes möglicherweise getestet worden war. Man hatte ihr erzählt, dass ein Assistent eine Probe per Portal nach Toussaint gebracht habe, wo auch zu dieser Jahreszeit Krabbspinnenangriffe keine Seltenheit waren. Besonders gefährdet waren die Arbeiter in den Weinbergen. Aber war das Antitoxin tatsächlich an einem zufällig Vergifteten getestet worden? Nach dem, was sie heute gehört hatte, hätte es Thalia ohne Weiteres für möglich gehalten, wenn jemand absichtlich dem Gift ausgesetzt worden wäre, um die Wirksamkeit zu bestätigen.
Eine Träne lief ihre Wange hinunter. Wie hatte sie nur so naiv sein können? Alles, wofür sie gearbeitet hatte, alles, was sie erreicht hatte … es kam ihr mit einem Mal alles wertlos vor. Ihr hehres Ziel, die Cordoxie besiegen zu wollen - welchen Preis würde sie an dieser Akademie dafür zahlen müssen?
Nie im Leben würde sie dabei behilflich sein, diesen Erreger als Waffe gegen die Elfen zu entwickeln. Aber konnte sie noch mehr tun, als ihre Mitarbeit zu verweigern? Konnte sie ihre Kollegen davon abhalten, ihre Forschungen zu betreiben? Möglicherweise Verbündete finden, die ähnlich wie sie selbst abgestoßen von der Vorstellung waren, indirekt zu Massenmördern zu werden? Vielleicht Yonka und Laikos? Konnte sie ihnen vertrauen? Wem in Oxenfurt konnte sie überhaupt vertrauen? Shani, mit Sicherheit. Aber sonst? Ihr wurde wieder einmal klar, dass sie nur wenige wirkliche Freunde hatte. Zu sehr hatte sie sich immer auf ihre Arbeit konzentriert.
In jedem Fall würde sie vorsichtig vorgehen müssen, um keinen Verdacht zu erregen. Entzug der Profession und Auschluss aus der Akademie waren die offiziellen Druckmittel, die gegen sie eingesetzt wurden, um sie zur Mitarbeit zu zwingen. Doch würden Menschen, die beabsichtigten, einen Völkermord zu begehen, davor zurückschrecken, eine Wissenschaftlerin, die ihre Pläne gefährden konnte, aus dem Weg zu räumen?
Sie würde morgen mit zum Gefängnis gehen, sich ein Bild von der Erkrankung machen und dann weitere Schritte planen. Vielleicht würde es ihr gelingen, die Forschungsarbeiten zu sabotieren, ohne selbst in Verdacht zu geraten?
Thalia zog die Beine enger an ihren Körper. So einsam wie in diesem Moment hatte sie sich in ihrem gesamten Leben noch nie gefühlt.
Wenn nur Eskel schon hier wäre …


Der Hexer kniete vor Vesemirs Grab. An dieser Stelle hatten er, Geralt und Lambert damals die Gebeine ihres Mentors der Erde übergeben. Es war später Nachmittag, die Sonne stand bereits tief und würde bald hinter den Bergen verschwinden, die Kaer Morhen umgaben. Dann würden die Temperaturen wieder weit unter den Gefrierpunkt sinken.
In den letzten Wochen war Eskel oft hierher gekommen. Um zu meditieren. Und auch um nachzudenken. Über die Vergangenheit und über die Zukunft - sowohl seine eigene, als auch die der Hexerfestung.
Seit neun Wochen war Thalia nun fort. Neun Wochen, in denen er zum ersten Mal in seinem Leben spürte, was es hieß, jemanden wirklich zu vermissen. Sicherlich, er hatte sich auch früher schon darauf gefreut, seine Brüder zum Ende der Saison wiederzusehen. Oder auch Triss. Aber dieses Gefühl, jemanden so zu vermissen, dass es fast schmerzte, hatte er zuvor nicht gekannt. Seine Gedanken wanderten sehr oft zu Thalia, zu Momenten während der kurzen Zeit, die sie nur miteinander gehabt hatten. Ob sie ihn ebenfalls vermisste? Oder ging sie inzwischen wieder so sehr in ihrer Arbeit auf, dass sie kaum einen Gedanken an ihn verschwendete? Nein, damit tat er ihr Unrecht. Eskel schalt sich einen Narren, dass es ihm immer noch schwerfiel zu glauben, dass sie ebenso für ihn empfand, wie er für sie.
Er war sich sicher, dass Vesemir Thalia gemocht hätte. Der ältere Hexer hatte immer schon etwas für eigenständige Frauen übrig gehabt, die ihren Weg gingen und sich selbst behaupten konnten. Deshalb hatte Ciri ihn auch immer so leicht um den Finger wickeln können. Eskel lächelte bei der Erinnerung an alte Zeiten, als der kleine Wirbelwind wieder Leben in die Hexerfestung gebracht hatte. Vor dem Überfall auf Kaer Morhen, bei dem fast alle Hexer der Schule ihr Leben verloren, hatte die Festung vor Leben nur so pulsiert. Auch heute noch hatte Eskel oft noch das Lachen, das Weinen, das Klirren der Übungsschwerter im Ohr. Und auch die Schreie. Er sah immer noch einzelne Gesichter seiner Schützlinge vor Augen - von denen, die überlebt, aber auch von denen, die die Kräuterprobe nicht überstanden hatten. Eskel dachte zurück an ein Gespräch, das er nach einem besonders schlimmen Tag mit Vesemir geführt hatte. Gleich drei der Novizen waren an diesem Tag unter Höllenqualen ihren Mutationen erlegen. Eskel erinnerte sich noch an den Sturm der Wut und der Trauer, der ihn an diesem Tag überrollt hatte. Als sich die meisten Hexer bereits zur Nachtruhe begeben hatten, hatte Eskel noch am Feuer in der großen Halle gesessen und gedankenverloren in die Flammen gestarrt. Dass Vesemir sich zu ihm gesetzt hatte, hatte er erst registriert, als der Ältere das Wort an ihn gerichtet hatte.
“Ein schlimmer Tag für uns alle, Eskel. Aber für dich offenbar ganz besonders.”
“Wieso ist das so, Vesemir? Wieso könnt ihr alle scherzen und essen und lachen, als ob nichts passiert wäre? Als ob sie nie hiergewesen wären? Dort.” Eskel zeigte auf eine der Sitzbänke. “Dort hat Arec immer gesessen. Und dort drüben saß vor zwei Tagen noch Maron und hat vor seinen Kameraden damit geprahlt, dass er gegen einen Wolf gekämpft hat. Sie werden nie wieder dort sitzen und mit uns essen und lachen. Und doch könnt ihr alle einfach so weitermachen wie immer. Wieso nur fällt es mir so schwer, Vesemir? Was stimmt mit mir nicht?”
“Du stellt die Frage falsch herum, Eskel. Nicht mit dir stimmt etwas nicht, sondern mit uns anderen. Schon als du als Kind zu uns kamst, warst du ein sensibler, empfindsamer Junge, der sich alles sehr zu Herzen nahm. Und die Mutationen haben deine Emotionen nicht in dem Maße gedämpft, wie sie das bei den meisten anderen von uns tun. Aber das ist kein Makel - auch wenn es dir jetzt im Moment so vorkommen mag.”
“Verzeih mir, Vesemir, wenn ich deine Ansicht gerade nicht teilen kann.”
Vesemir hatte gelächelt. “Eskel, du hast diesen Jungen Halt gegeben. Die meisten von ihnen haben nie in ihrem Leben Zuwendung erfahren und die wenigen, die eine Familie hatten, vermissen ihre Eltern. Du bist für diese Jungen zur wichtigsten Bezugsperson geworden. Dein Mitgefühl und deine Fürsorge haben dafür gesorgt, dass diese Jungen die Hexerschule als ihr Zuhause gesehen haben. Und uns als ihre Familie.”
Eskel hatte geschnaubt. “Tot sind sie jetzt trotzdem. Heute Morgen erst habe ich Arecs Hand gehalten, als er schreiend an seinen inneren Blutungen verreckt ist.”
“Ohne dich wäre er vielleicht allein gestorben.”
Der jüngere Hexer hatte resigniert den Kopf geschüttelt. “Ich will das nicht mehr, Vesemir. Ich will das alles nicht mehr so nah an mich heranlassen. Wie schaffe ich es, die Kinder zu unterrichten und zu unterstützen, ohne eine Bindung zu ihnen aufzubauen?”
“Das kannst du nicht, Eskel. Es gibt immer welche, die einem näher stehen als andere. Um die man sich mehr sorgt, um die man mehr trauert. Mit den Jahren wird es einfacher. Die Kinder spüren, dass sie dir nicht gleichgültig sind. Sie orientieren sich an dir. Sie vertrauen dir. So schwer es auch für dich sein mag - halte daran fest.”

Vesemir hatte Rechte behalten. Im Laufe der Zeit hatte Eskel gelernt, mit den Verlusten umzugehen. Auch von den Jungen, die die Kräuterprobe überstanden hatte, starben viele in ihren ersten Jahren auf dem Pfad. Aber in ihrer Zeit in Kaer Morhen konnte Eskel zumindest versuchen, ihnen nicht nur so viel wie möglich beizubringen, sondern ihnen auch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu geben.
Bei dem Überfall auf die Wolfsschule waren fast alle von ihnen dem wütenden Pöbel zum Opfer gefallen. Ihre Gebeine lagen immer noch im Graben der Festung, zu Staub zerfallen, nurmehr eine Erinnerung - genau so, wie es Kaer Morhen selbst schon bald sein würde. Zwei Hexer allein konnten kaum etwas gegen den Verfall ausrichten …
Triss hatte sich kurz nach Thalia verabschiedet und war per Portal nach Kovir gereist. Seit dem waren er selbst und Lambert die einzigen Bewohner der Festung. Und dies würde auch noch ein paar Wochen lang so bleiben. Solange, bis das Eis auf den Pässen in den Blauen Bergen und im Kestrel-Gebirge getaut war.
Sich nähernde Schritte holten Eskel aus seinen Gedanken.
“Hier steckst du also. Ein gemütlicheres Plätzchen hast du wohl nicht zum Meditieren gefunden, oder?” Lambert hatte sich einen dicken Umhang über seine Lederjacke geworfen, den er nun enger um sich zog. “Willst du so lange hier draußen bleiben, bis du zu Eis erstarrt bist?”
Eskel stand auf und streckte sich leicht, um seine Muskeln zu lockern. “Ich komme öfters hierher. Hier fühle ich mich Vesemir immer besonders nah …”
Lambert blickte auf das schlichte Grab, nickte leicht. “Manchmal fühlt es sich so an, als ob der alte Mann jederzeit im Hof hinter einer Mauer hervortreten könnte.” Er presste die Lippen aufeinander. “Weißt du schon, ob du im nächsten Winter zurückkehren wirst?”
Eskel schüttelte leicht den Kopf, blickte zu Boden. “Ich habe viel darüber nachgedacht. Und ehrlich gesagt, ich weiß es immer noch nicht. Kaer Morhen hat keine Zukunft. Wir haben keine Zukunft.”
Lambert schnaubte. “Ich glaube, deine Zukunft sieht gar nicht einmal so schlecht aus. Oder war das mit Thalia für dich nichts Ernstes? Willst du sie nicht wiedersehen?”
“Du weißt, dass ich das mehr als alles andere möchte. Und sobald die Pässe frei sind, werde ich auf dem schnellsten Weg nach Oxenfurt reiten. Aber ich weiß immer noch nicht, wie wir eine gemeinsame Zukunft haben könnten. Sie ist mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit bereits Professorin, wird an der Akademie respektiert und genießt ein hohes Ansehen in ihrer Stellung. Mit einem Hexer auch nur gesehen zu werden, könnte ihrem Ruf schaden. Und das möchte ich am allerwenigsten. Ihre Neider und Kontrahenten an der Akademie würden sich über einen Vorwand freuen, ihre Reputation in den Schmutz zu ziehen. Sie wäre wesentlich besser beraten, sich einen standesgemäßen Gefährten zu suchen.”
“Wird sie aber nicht. Und du solltest dich deswegen glücklich schätzen. Männern wie uns passiert nicht oft etwas Gutes. Und wenn es uns passiert, dann müssen wir es festhalten.”
Eskel hob eine Braue und blickte Lambert an, halb amüsiert, halb erstaunt. “So philosophisch kenne ich dich ja gar nicht. Wirst du mit den Jahren etwa doch noch klüger?”
Lambert verschränkte die Arme vor der Brust und verzog spöttisch den Mund. “Ich an deiner Stelle wäre jedenfalls klug genug, eine Frau wie Thalia nicht gehen zu lassen.”
“Was ist eigentlich mit dir und Keira? Du hast nie viele Worte darüber verloren, warum ihr euch getrennt habt.”
Lamberts Miene verdüsterte sich. “Da gibt es auch nicht viel zu erzählen. Sie ist eben eine typische Zauberin - eigennützig, herrisch und untreu. Hat eine Zeit lang gedauert, bis ich das gemerkt habe.”
“Ich hatte gedacht, dass dich der Pfad demnächst vielleicht nach Kovir führen könnte …”
“Um dieses Miststück wiederzusehen? Auf keinen Fall! Ich komme doch nicht zu ihr zurückgekrochen wie ein Schoßhund, bloß weil sie sich von diesem Schnösel getrennt hat. Was diese Schlampe so treibt, ist mir scheißegal.”
“Weißt du denn schon, wohin du in der nächsten Saison reisen wirst?”
“Mal sehen. Erst einmal Richtung Westen.” Lamberts Blick wanderte zu Vesemirs Grab. “Eskel … falls du im nächsten Winter nicht wiederkommen solltest … gib mir irgendwie Bescheid, in Ordnung? Ich will hier nicht alleine in der Kälte sitzen. Wenn du nicht kommst, komme ich auch nicht wieder. Wird vielleicht auch Zeit, mit all dem hier abzuschließen.”
Eskel blickte ihn nachdenklich an. Nach einer Weile nickte er. “Ja, vielleicht ist es an der Zeit …”
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