Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
31
107.057
38
Alle Kapitel
82 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
30.08.2018 3.776
 
Ein Funke entzündete den Zunder im Ofen der Küche. Thalia lächelte zufrieden. Dieses Mal hatte sie es schon beim dritten Versuch geschafft, mit Igni ein Feuer zu entfachen. Mehr als einzelne Funken brachte sie zwar immer noch nicht zustande, aber diese gelangen ihr mittlerweile zumindest schon recht zuverlässig.  
Lambert, der nur wenige Meter entfernt von ihr stand und ein Stück Schinken für das Frühstück zerteilte, runzelte die Stirn und warf Thalia einen kritischen Blick zu.
“Du kannst Zeichen wirken?”
Thalia schloss die Ofentür und stellte eine gusseiserne Pfanne auf den Herd. “Ja, zumindest ein wenig. Eskel hat mir Aard und Igni beigebracht. Zum Glück, denn sonst hätte ich dieses Leuchtfeuer im Wald nicht entzünden können.” Sie schlug ein paar Eier am Rand der Pfanne auf. “Ich hatte meinen Feuerstein verloren. Es hat ewig gedauert, bis ich einen Funken erzeugt hatte - ich wäre fast daran verzweifelt. Aber dann hat es doch noch funktioniert. Seit dem versuche ich, regelmäßig zu üben.”
“Hm…”, brummte Lambert, eine Augenbraue hochgezogen. “Da hat der alte Kerl sich wohl zum richtigen Zeitpunkt entschieden, auf die Regeln zu pfeifen.” Thalia wendete die Eier in der Pfanne und drehte sich halb zu Lambert um. “Was meinst du? Welche Regeln?”
“Ach, nicht so wichtig.”
“Ich will Eskel noch fragen, ob er mir das Zeichen beibringen kann, das diesen Schutzschild erzeugt. Als er mit Geralt trainiert hat, hat er das angewendet. Das könnte im Labor nützlich sein, wenn ich mal wieder mit explosiven Mischungen experimentiere.” Sie gab die gebratenen Eier auf einen großen Teller und reichte diesen Lambert, der sie leicht verwundert ansah. Dann schnaubte er, schüttelte den Kopf und brachte den geschnittenen Schinken und die Eier zum großen Tisch in der Halle, an dem bereits Eskel und Geralt saßen und mit dem Frühstück begonnen hatten.
Thalia goss heißes Wasser in einen Becher, in den sie eine Kräutermischung gegeben hatte. Seit ihrem “Ausflug” zum See waren nunmehr sechs Tage vergangen. Nass und durchgefroren, wie sie gewesen war, hatte sie sich eine leichte Erkältung eingefangen. Obwohl sie sich danach hatte aufwärmen können. Thalia lächelte bei der Erinnerung an die Stunden in der alten Hütte und blickte aus der Küche zu Eskel hinüber, der sich gerade mit Geralt unterhielt. Die letzten Tage waren wie im Fluge vergangen. Eskel und sie hatten so viel Zeit wie möglich miteinander verbracht. Thalia hatte sich schon lange nicht mehr so glücklich und wohl gefühlt.
Sie nahm ihren Tee mit in die Halle, stellte den Becher auf dem Tisch ab und setzte sich auf die Bank neben Eskel. Dieser legte in einer beiläufigen Geste seinen Arm um sie und drückte sie kurz an sich. Thalia lächelte ihn an und küsste ihn auf die Wange.
“Ach, kommt, muss das jetzt schon beim Frühstück sein?” Lambert verzog genervt das Gesicht.
Geralt lachte kehlig. “Gönn es den beiden doch, Lambert. Oder liegt dein Unmut vielleicht daran, dass du Keira vermisst?”
“Im Leben nicht! Ich bin froh, dass ich dieses treulose, herrische, überhebliche Weib los bin.” Er presste die Lippen zusammen und stieß die Gabel etwas zu heftig in die gebratenen Eier auf seinem Teller.
Eskel zog eine Braue hoch, sagte jedoch nichts dazu. Thalia hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wer diese Keira war, aber da Lambert das Thema offensichtlich unangenehm war, fragte sie nicht nach. Doch Geralt wollte es noch nicht gut sein lassen. “Ich dachte, genau das sei der Typ Frau, der dein zynisches Blut in Wallung bringt.”
Lambert schnaubte. “Für Zauberinnen, die andere gern herumkommandieren, kannst wohl eher du dich begeistern. Genau, wie Eskel offenbar für Alchemistinnen eine Schwäche hat. Wie war das noch mit der Dame auf dem Maskenball in Aldersberg, mit deren Hilfe du den Vampir zur Strecke gebracht hast?” Lambert grinste Eskel herausfordernd an.
Diesem war das Thema sichtlich unangenehm. “Was soll das, Lambert? Das ist Jahre her und nicht der Rede wert gewesen.”
“Das klang damals noch ganz anders.” Lambert wandte sich an Thalia. “Der gute Eskel hat bei dir nicht zum ersten Mal versucht, durch einen Kampf gegen Ungeheuer einen guten Eindruck zu machen. War bestimmt beeindruckend zu sehen, wie er es mit einer Gruppe Krabbspinnen aufnimmt.”
“Oh, es war nicht nötig, mich mit so etwas zu beeindrucken.” Dass Lambert Eskel vor ihr in Verlegenheit bringen wollte, ärgerte Thalia. Auch wenn sie durchaus gern mehr über die Alchemistin in Aldersberg erfahren hätte … Aber sie würde Lambert nicht den Gefallen tun und Eskel fragen, was sich damals zugetragen hatte. “Eskel hat mich durch seine Freundlichkeit und sein gutes Benehmen für sich gewonnen. Diese Eigenschaften sind anscheinend nicht allen Hexern zu eigen.”
Lambert lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, quittierte die Bemerkung mit einem säuerlichen Grinsen.
“Außerdem habe ich Eskels Kampf gegen die Spinnen gar nicht beobachten können”, ergänzte Thalia.
Lambert seufzte mit gespieltem Bedauern. “Oh, nein. Da stellt sich unser Vorzeige-Hexer heldenhaft und furchtlos einer ganzen Horde Ungeheuer - und die Dame seines Herzens kann ihn noch nicht einmal dabei bewundern.”
“Lambert”, mahnte Geralt.
Thalia gefiel nicht, welche Richtung das Gespräch genommen hatte. Offenbar war Lambert über den Verlust dieser Keira noch nicht hinweg - wer auch immer die Frau gewesen sein mochte. Zeit, das Thema zu wechseln. “Geralt, mir fällt ein, dass ich dir noch gar nicht erzählt habe, dass wir eine gemeinsame Freundin haben. Medizinerin in Oxenfurt, kurzes rotes Haar, gewinnendes Lächeln … erinnerst du dich?” Sie lächelte schelmisch.
Geralt senkte den Blick, grinste bei der Erinnerung an Shani. “Oh, ja, so jemanden vergisst man so schnell nicht.”
Wen vergisst man so schnell nicht?” Yennefer hatte zusammen mit Triss die Halle betreten und ließ sich graziös auf die Bank neben Geralt gleiten. Triss setzte sich zu Eskels Rechter.
“Nur eine Kollegin von mir in Oxenfurt”, beeilte sich Thalia zu erklären. Es war nicht ihre Absicht gewesen, Geralt durch ihre Äußerung in Schwierigkeiten zu bringen. “Sie hat einen sehr speziellen Humor.”
“Und ist bestimmt vollkommen unansehnlich. Oder, Geralt?” Yennefer bedachte den Hexer mit einem wissenden Lächeln, das jedoch nicht ihre Augen erreichte.
Geralt überging die Frage und wandte sich an Thalia. “Übrigens Oxenfurt: Die Gebirgsstraßen sind seit ein paar Tagen nicht mehr passierbar. Beabsichtigst du, den Winter über in Kaer Morhen zu bleiben oder willst du Triss´ Angebot, dich per Portal nach Hause zu bringen, immer noch annehmen?”
“Nun, ich bin mit meinen Aufzeichnungen fast fertig. Konkrete Tests kann ich erst in Oxenfurt durchführen. Erst dann wird sich herausstellen, ob das Gegengift auch bei gewöhnlichen Menschen zuverlässig wirkt. Deshalb wäre es besser, wenn ich vor dem Ende des Winters zurück zur Universität käme. Außerdem könnte das Antidot dann vielleicht schon nächstes Jahr zum Einsatz kommen, bevor die Krabbspinnen im Sommer wieder aktiver werden und weitere Todesopfer fordern. Also … ja, ich denke, ich sollte das Angebot annehmen. Sofern es noch besteht.” Thalia warf Triss einen fragenden Blick zu.
Diese lächelte der Alchemistin zu. “Selbstverständlich besteht es noch. Ich plane allerdings, in ein paar Tagen schon nach Kovir zurückzukehren. Eine Freundin hat sich bei mir gemeldet, die mich um meine Hilfe bei einem magischen Problem gebeten hat. Deshalb muss ich schon früher als ursprünglich geplant zurück. Das heißt also, dass ich dich schon sehr bald nach Hause schicken muss. Ich hoffe, das ist in Ordnung für euch.”
Thalias zuvor noch gute Stimmung verkehrte sich augenblicklich ins Gegenteil. Sie schluckte und presste die Lippen zusammen. “Vielleicht … vielleicht könntest du mich per Portal zurückbringen, Yennefer? Ihr bleibt doch sicher noch eine Weile, oder?”
“Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. Geralt und ich werden bereits morgen nach Toussaint zurückkehren. So sehr wir auch eure Gesellschaft genießen, aber ich habe nicht vor, noch mehr Zeit in dieser zugigen Ruine zu verbringen.”
“Oh…” Thalia spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. “Ja, dann … werde ich wohl bald schon packen müssen.”
Eskel griff nach Thalias Hand. Auch er hatte nicht damit gerechnet, schon so bald Abschied nehmen zu müssen. In den letzten Tagen hatten sie es vermieden, über die Zukunft zu sprechen. Für Thalia war klar, dass sie ihn wiedersehen wollte. Aber sie lebten quasi in zwei verschiedenen Welten.
“Na, wunderbar”, unterbrach Lambert ihre Gedankengänge. “Dann sind Eskel und ich wieder die beiden einzigen Trottel, die in dieser Bruchbude hausen.”
Thalia trank einen Schluck von ihrem Tee. Der Appetit auf das Frühstück war ihr vergangen.  

Die Feder kratzte leise über das Papier, als Thalia wenig später in der Bibliothek eine Abhandlung aus einem alten Folianten abschrieb. Sie war allein in dem großen Raum - allein mit so vielen Büchern, die sie in Oxenfurt nicht finden würde. Sie wusste jetzt schon, dass sie diese Bibliothek vermissen würde. Jedoch nicht annähernd so sehr, wie sie Eskel vermissen würde.
Thalia blickte auf, als jemand den Lesesaal betrat. “Oh, du bist hier. Ich hoffe, ich störe dich nicht.” Triss sah wie immer umwerfend aus. Heute trug sie ein dunkelblaues, fließendes Kleid, am Dekolleté hochgeschlossen, jedoch mit tiefem Rückenausschnitt. Ihre offenen, kastanienroten Locken umspielten ihre Schultern. Thalia fragte sich einmal mehr, wie umfangreich die Reisegarderobe der Zauberin wohl sein mochte.
“Nein, komm nur herein.”
Triss trat an eines der großen Regale heran und las die Titel der Bücher. Sie runzelte die Stirn. “Merkwürdig, eigentlich sollte hier irgendwo Corvans Enzyklopädie der epidemiologischen Erkrankungen stehen …”
“Oh, die habe ich hier”, beeilte sich Thalia zu sagen. “Ich bin auch fast fertig damit. Ich habe nur die Abhandlung über Cordoxie kopiert.”
“Cordoxie. Eine mehr als unangenehme Sache.” Triss setzte sich zu Thalia an den Tisch. Die Alchemistin hatte den Arbeitsplatz gewählt, der dem brennenden Kamin am nächsten war. Kein Wunder, reichte das Feuer doch kaum aus, um auch nur die Hälfte des großen Raums zu erwärmen.
“Tödlich sozusagen. Falls ich meine Professur erhalten sollte, werde ich diese Krankheit weiter erforschen und versuchen, ein Heilmittel zu finden.”
“Eine befreundete Zauberin arbeitet daran, die Catriona-Krankheit auszumerzen. Ihr zwei hättet euch bestimmt einiges zu erzählen. Sie bat mich übrigens, sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Zur Zeit lebt sie in Kovir und hat wohl auch schon große Fortschritte erzielt, obwohl viele das für unmöglich hielten. Wenn Keira sich etwas in den Kopf setzt, dann gibt sie nicht so schnell auf.”
“Keira? Die Keira, der Lambert anscheinend noch immer nachtrauert, obwohl er es nicht zugibt?” Thalia unterdrückte ein Niesen. Diese verfluchte Erkältung ging ihr langsam auf die Nerven.
Triss kicherte. “Genau die Keira.” Dann wurde sie wieder ernst. “Es tut mir wirklich leid, dass ich nun schon so kurzfristig aufbrechen muss. Und du damit auch.”
Thalia blickte die Zauberin forschend an. “Triss … Ich wollte eigentlich schon länger einmal mit dir unter vier Augen sprechen. Ich hatte nie vor, mich zwischen dich und Eskel zu stellen oder mit dir zu konkurrieren …” “Ist schon gut, Thalia. Eskel hat ja schließlich einen freien Willen. Er hat sich für dich entschieden und das muss ich akzeptieren.” Triss seufzte. “Ich wünsche euch wirklich alles Gute, Thalia. Ich hatte meine Chance letztes Jahr und habe sie verspielt. Das ist mir aber leider zu spät klar geworden. Eskel wirkt glücklich, wenn er mit dir zusammen ist und das gönne ich ihm von Herzen. Ich hoffe nur, dass ihr es schafft, euch dieses Glück zu bewahren. Hexer sind nicht gerade die einfachsten Partner. Habt ihr euch schon überlegt, wie es weitergehen soll?”
“Ehrlich gesagt, haben wir dieses Thema bisher umgangen … Oh, da kommt Eskel gerade.”
Triss lächelte Eskel an, der die Bibliothek betrat. Dieser erwiderte das Lächeln kurz, blickte dann jedoch sofort Thalia an. Sein Blick wurde wärmer, als er sie ansah. “Hier bist du also. Du warst eben nach dem Frühstück so schnell verschwunden.”
“Ja, ich … wollte noch ein paar Texte kopieren, bevor ich abreise.”
Eskel presste die Lippen aufeinander, legte der sitzenden Thalia eine Hand auf die Schulter und wandte sich an die Zauberin. “Wann planst du, nach Kovir zurückzukehren?”
“Ich würde gern spätestens Übermorgen abreisen.”
“So bald schon.” Eskel seufzte. “Könntest du nicht noch ein paar Tage länger bleiben? Um der alten Zeiten willen?”
Triss lächelte wissend. “Eskel, sag doch einfach, was du wirklich meinst. Ich verstehe doch, dass ihr gern noch etwas mehr Zeit miteinander verbringen möchtet. Aber ich muss wirklich zurück. Keira braucht dringend Unterstützung, nachdem sie ein Freund, der ihr seine Hilfe zugesichert hatte, im Stich gelassen hat. Ich will sie nicht länger warten lassen.”
Eskel nickte. “Also gut, dann muss es wohl so sein.” Er wandte sich Thalia zu. “Lust auf einen Spaziergang?”
“Gern.” Thalia erhob sich und ergriff Eskels Hand, die er ihr reichte. “Bis später, Triss. Lässt du das Buch bitte auf dem Tisch liegen, wenn du hier fertig bist? Dann mache ich später weiter.”
“Natürlich. Halt sie gut warm, Eskel. Nicht, dass sie sich noch mehr verkühlt.”
“Das schaffe ich schon, Triss.”
Als sie aus der großen Halle ins Freie traten, Thalia in ihren grünen Mantel gehüllt, schlug ihnen die kalte Winterluft entgegen.
“Uh, es ist wirklich kalt geworden.” Thalia zog den Mantel enger um sich. Eskel legte einen Arm um ihre Schultern und sie lehnte sich an ihn. “Lass uns zum Nordturm gehen, dort ist die Aussicht am besten.” “Wird uns der Wind da nicht zu Eis erstarren lassen?” “Keine Sorge, ich kenne einen Trick, um das zu verhindern.”
Er behielt Recht. Die Aussicht auf dem Turm war atemberaubend. Die Berggipfel waren von Schnee überzogen und das winterliche Bergpanorama war unbeschreiblich schön. Wenn es nur nicht so kalt gewesen wäre. Der Wind trieb einzelne Schneeflocken vor sich her.
Eskel führte sie zu einer Bank, auf der er neben Thalia Platz nahm. Dann wirkte er ein Zeichen und sofort bildete sich um sie herum ein Kraftfeld, das die kalte Luft abhielt und eine wohlige Wärme ausstrahlte. Die Schneeflocken, die mit der Barriere in Berührung kamen, verdampften augenblicklich.
Thalia lachte. “Also, du bist immer für eine Überraschung gut.”
“Ist dir jetzt wärmer?” Eskel blickte sie lächelnd von der Seite an.
“So ist es perfekt. Wie lange kannst du diesen Schild aufrecht erhalten?”
“Es kommt immer darauf an, wogegen er standhalten muss. Wenn er lediglich wie jetzt als Windschutz dient, dann ein paar Minuten.”
“Beeindruckend. Eigentlich wollte ich dich ohnehin gefragt haben, ob du mir dieses Zeichen beibringen kannst. Das könnte nützlich bei der Laborarbeit sein, wenn ich mit explosiven Stoffen arbeite.”
Eskel zog eine Braue hoch. “Dafür müsstest du Quen aber schon gut beherrschen.”
“Ich muss natürlich viel üben, aber bei Igni funktioniert es schon ganz gut. Naja, also … zumindest schaffe ich es immer, Funken zu erzeugen.”
Eskel lachte. “Na, dann …” Er löste den Schutzschild auf und zeigte ihr die korrekte Fingerhaltung. “Nimm den Zeigefinger etwas höher. Ja, genau so. Und jetzt konzentrier dich, lass die Energie fließen.”
Ein schwaches Flirren erschien in der Luft um sie herum. Der Wind drang jedoch nach wie vor zu ihnen durch und Thalia unterdrückte ein Frösteln. Das Flirren verschwand. “Das werde ich wohl noch üben müssen.”
“Es war schon ein guter Anfang.” Eskel erzeugte ein neues Kraftfeld und augenblicklich wurde es wieder angenehm warm. “Hat doch besser funktioniert, als Igni und Aard, als du sie erlernt hast.”
Thalia gab ihm einen wohlwollenden Stoß gegen die Schulter. “So schlecht war ich gar nicht für den Anfang.”
Eskel lachte. “Sag ich doch. Aber verlass dich bitte nicht auf Quen, wenn du mit irgendwelchen Sprengstoffen hantierst. Nicht, dass du noch mehr als einen Finger verlierst.”
“Dabei habe ich nur an dich gedacht. Ich würde dir gern ein paar richtig gute Sprengsätze bauen. Nicht solche Kinderspielzeuge, mit denen du arbeitest. Ich habe auch eine Idee, wie man die Detonation ein paar Minuten hinauszögern könnte. Wäre das hilfreich?”
“Das wäre sogar sehr hilfreich. Aber sei bitte vorsichtig.” Er griff mit der Linken nach ihrer Hand und drückte sie leicht. “Ich würde dich gern in einem Stück in die Arme schließen können, wenn wir uns in ein paar Wochen wiedersehen.”
Thalia lächelte ihn an. “Du kommst mich also in Oxenfurt besuchen?”
“Das hatte ich vor. Wenn dir das recht ist.”
“Natürlich, du dummer Kerl.” Sie schloss ihre Arme um ihn und küsste ihn, langsam und gefühlvoll. Er erwiderte ihren Kuss, drückte sie danach fest an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem offenen Haar. “Ich will nicht, dass du gehst.” Seine Stimme war kaum mehr als ein raues Flüstern.
Thalia unterdrückte die Tränen, die ihr in die Augen stiegen, als sie an die bevorstehende Trennung dachte. “Ich möchte auch nicht gehen. Aber es muss sein. Sonst war vielleicht alles, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe, umsonst.” Sie blickte Eskel in die Augen. “Ich weiß, dass du diese Festung hier so gut es geht instandhalten willst, aber … könntest du nicht mitkommen? Nach Oxenfurt? Ob du den Winter hier oder dort mit mir verbringst …”
Eskel schüttelte den Kopf, unterbrach sie. “Thalia. Du weißt doch genau so gut wie ich, dass das keine gute Idee wäre. Du sagtest, es gäbe genug Entscheidungsträger an der Akademie, die deine Professur nicht befürworten - allein deshalb, weil du eine Frau bist. Was passiert wohl, wenn du auch noch mit einem Hexer zusammenlebst? Einem widernatürlichen Mutanten und Monsterschlächter? Du würdest dich selbst damit sabotieren. Und das möchte ich am allerwenigsten.”
Sie schluckte. “Selbst wenn ich die Professur erhalte - was ist dann nächstes Jahr? Sehen wir uns dann nur für ein paar Tage, geben vor, dass ich einen Auftrag für dich hätte und dann steht die nächste Trennung an, wenn du weiterziehst? Eskel, ich will mit dir zusammen sein …”
Er blickte ihr in die Augen, sein Blick voller Wärme. “Und ich will mit dir zusammensein. Wir finden schon eine Lösung.”
Thalia nickte. “Ja. Ja, das werden wir. Ich hatte nur gehofft, dass wir noch etwas mehr Zeit zusammen hätten.”
“Ich auch. Aber es wird mir wohl nicht gelingen, Triss umzustimmen. Sie verliert nun einmal nicht gern.”
“Ich kann schon verstehen, dass sie nicht mehr viel länger hier bleiben möchte. Sie ist sicherlich immer noch verletzt, weil du sie abgewiesen hast.“
Eskel zuckte mit den Schultern. “Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch nur ihr Stolz, der verletzt ist. Das Ergebnis ist jedenfalls das gleiche. Uns bleiben nur noch zwei Tage.”
“Dann lass uns diese zwei Tage so gut es geht nutzen.” Sie küsste ihn wieder. Der Quen-Schild löste sich auf, die kühle Luft umfing sie, doch sie bemerkte kaum etwas davon.

“Auf Toussaint. Auf Wein, Wärme und Corvo Bianco!” Geralt stürzte den Alraunenschnaps hinunter, den Thalia im Labor gebrannt hatte. Er floss wie flüssiges Feuer seine Kehle hinunter. Wundervoll. Vielleicht nicht ganz so gut, wie der von Regis Gebrannte, aber dicht dran.
Lambert hustete, nachdem er es Geralt gleichgetan hatte. “Alle Achtung, Frau Alchemistin! Wenn du keine Lust mehr auf deine Akademie hast, kannst du dich auch als Schnapsbrennerin selbstständig machen.”
Thalia lächelte, nippte selbst aber nur an ihrem Glas. Auch wenn sie eben gut gegessen hatten, so wusste sie doch, dass sie nicht viel ihres eigenen Gebräus trinken sollte. Schließlich wollte sie den letzten gemeinsamen Abend mit Geralt und Yennefer nicht sturzbetrunken beenden.
Eskel schenkte die nächste Runde ein. Dann zögerte er kurz.
“Auf Vesemir. Möge er in Frieden ruhen.”
Die Hexer tranken schweigend. Geralt sprach danach als erster. “Irgendwie hat man hier in diesen alten Mauern das Gefühl, dass er noch immer da wäre. Ich habe hier tausend Erinnerungen an ihn.” Er atmete tief durch. “Was habt ihr mit Kaer Morhen vor?”, wandte er sich an Eskel und Lambert. “Wollt ihr Winter für Winter wiederkommen? Ihr könnt den Verfall hier nicht aufhalten. Selbst wenn ich mit anpacken würde, könnten wir das nicht schaffen. Was also soll mit diesem Gemäuer passieren?”
Eskels Blick wanderte gedankenversunken über die Tischplatte. “Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Einerseits ist mir klar, dass das hier alles nicht zu retten ist. Unsere Schule ist längst keine mehr, es gibt nur noch uns drei. Zwei, wenn man bedenkt, dass du im Ruhestand bist, Geralt. Aber andererseits … hier ist unser Zuhause. Was hätte Vesemir gewollt, das wir tun?”
Lambert schnaubte. “Vesemir ist tot. Ich vermisse den alten Knaben genau so sehr wie ihr, aber dadurch, dass wir hier eine verfallene Mauer wieder aufbauen, während eine andere in sich zusammenfällt, wird er auch nicht wieder lebendig.”
Thalia legte eine Hand auf Eskels Bein. Er hatte ihr erzählt, dass Vesemir für sie alle wie ein Vater gewesen war. Und was vor drei Jahren passiert war, als die Wilde Jagd die Festung angegriffen hatte.  
Eskel räusperte sich. “Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, Kaer Morhen aufzugeben.” Er sprach leise. Es fiel ihm sichtlich schwer, sich mit dem Gedanken anzufreunden.
Geralt legte einen Arm um Yennefer, die keinen Hehl daraus machte, was sie von dem alten Gemäuer hielt. “Ihr seid jederzeit auf Corvo Bianco willkommen! `Ma maison est ta maison` - oder so ähnlich.”
“Geralt! Hast du vor, unser kleines Weingut in eine Hexerfestung zu verwandeln?”
“Wir haben doch genug Platz.”
“Wir reden noch darüber. Wenn du nüchtern bist.”
“Wenn er nüchtern ist, traut er sich doch sowieso nicht, dir zu widersprechen.” Lambert starrte missmutig in sein leeres Glas, griff dann nach der Flasche und schenkte sich nach.
“Lambert! Bitte kein Streit an unserem letzten Abend.” Von den drei Hexern war Eskel derjenige, der am wenigsten getrunken hatte.
“Du hast gut reden. Da du jetzt auch jemanden hast, der dir das Bett wärmt, bin ich doch der einzige, der nirgendwo hingehört. Alles, was ich habe, ist diese verdammte Ruine hier. Das ganze Jahr über riskiert man sein Leben für dieses Kroppzeug von Menschen, wird zum Dank auch noch angespuckt und wofür? Um dann den Winter alleine hier in dieser Bruchbude  zu sitzen?” Er stürzte den Schnaps hinunter, verzog das Gesicht, als der Alkohol ihm im Rachen brannte.
“So sentimental kenne ich dich ja gar nicht, Lambert.” Triss hatte sich bisher aus den Gesprächen herausgehalten und für sie untypisch nachdenklich gewirkt. “Hat die Zeit mit Keira dich womöglich doch verändert?”
“Lass diese untreue Schlampe aus dem Spiel, Merigold.”
“Sie lebt jetzt übrigens in Kovir. Wusstest du das? Und anscheinend ist sie nicht mehr mit Albert von Ehrenfels zusammen. Nur für den Fall, dass dich das interessieren sollte.” Triss nahm einen kleinen Schluck ihres Rotweins.
Lambert starrte in sein leeres Glas. “Interessiert mich nicht”, murmelte er.
Thalia lehnte sich an Eskel. Er legte einen Arm um sie. “Wenn Lambert in dieser Stimmung ist, ist er noch schlimmer als sonst”, flüsterte er ihr zu. “Hättest du etwas dagegen, wenn wir uns verabschieden?” Thalia lächelte. “Nicht im Geringsten …”
“Ich kann euch hören, auch wenn ihr flüstert”, beschwerte sich Lambert.
Eskel erhob sich. “Gute Nacht, alle miteinander. Geralt, Yennefer - wisst ihr schon, wann ihr morgen aufbrechen wollt?”
“Yen und ich werden nach dem Frühstück abreisen. Keine Sorge, wir verschwinden nicht, ohne uns zu verabschieden.”
Eskel nickte seinem Freund zu und wandte sich mit Thalia im Arm der Treppe zu den Wohnquartieren zu.
“Und seid gefälligst leise heute Nacht”, rief ihnen Lambert hinterher. “Ich kann euch nämlich auch im Zimmer nebenan hören.”
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast