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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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15.08.2018 3.604
 
Thalia eilte die Treppe hinunter. Der Klang ihrer Schritte auf den steinernen Stufen wurde von den Wänden des Turms zurückgeworfen. Zum Glück schien Eskel ihr nicht zu folgen. Sie hätte sich in diesem Moment dem Gespräch, um das er sie gebeten hatte, nicht gewachsen gefühlt. Heute Morgen, im Labor, als er ihr plötzlich so nahe gekommen war, als er sie berührt hatte und seine Hand dieses wundervolle, prickelnde Gefühl auf ihrer Haut hinterlassen hatte - da war sie sich sicher gewesen, dass er ebenso für sie empfand, wie sie für ihn. Dass sie sich ihrer Gefühle nicht zu schämen brauchte, sie nicht länger für sich behalten musste. Es hatte sich so richtig angefühlt.
Doch dann, als Triss aufgetaucht war, hatte er sich von ihr zurückgezogen, so schnell, als habe er sich an ihrer Haut verbrannt. Als fühle er sich ertappt bei etwas Verbotenem. Also war es so, wie sie bereits vermutet hatte: Eskel und Triss waren mehr als nur Freunde. Und falls sie daran noch den Hauch eines Zweifels gehabt haben sollte, so war dieser eben Gewissheit gewichen.
Sie hatte nur ein Buch aus ihrem Zimmer holen wollen, um etwas nachzuschlagen, als sie auf der Treppe fast mit Eskel zusammengestoßen war. Als er gerade mit offenem Hemd Triss´ Kammer verließ. Sollte Thalia davor noch gehofft haben, dass er sich doch noch für sie entscheiden würde, so war diese Hoffnung nun zerschlagen. Zersprungen in tausend kleine Splitter, die sich nun in ihre Eingeweide zu bohren schienen.
Er wollte mit ihr reden. Natürlich. Ihre Reaktion auf seine Berührung heute Morgen war ihm nicht entgangen und nun wollte er bestimmt für klare Verhältnisse sorgen. Ihr sagen, dass er und Triss ein Paar waren. Dass es ihm leid täte. Er sich geschmeichelt fühle und sie auch sehr mögen und als Freundin schätzen würde. Aber dass sie zu viel in seine Geste hineininterpretiert und sein Verhalten falsch verstanden habe. Dass sie Freundlichkeit mit … etwas anderem verwechselt habe.
Thalia kam sich unglaublich dumm vor. Ihr schnürte sich der Magen zu. Sie wusste, dass sie das Gespräch nur hinauszögerte, indem sie ihm nun aus dem Weg ging. Aber sie brauchte etwas Zeit. Zeit, um sich zu fangen. Zeit, um sich innerlich zu wappnen, damit sie ihm gefasst entgegentreten konnte. Sie würde nicht würdelos in Tränen ausbrechen oder ihm vorwerfen, widersprüchliche Signale ausgesendet zu haben. Einen Rest von Stolz wollte sie sich bewahren.
Doch dazu musste sie nun erst einmal einen klaren Kopf bekommen. Wenn sie ins Labor zurückginge, würde sie riskieren, dass Eskel sie dort aufsuchte, bevor sie dazu bereit war, mit ihm zu sprechen. Sie wollte die Festung verlassen, weg von alledem hier. Irgendwo draußen in der Natur durchatmen und sich sammeln.
Entgegen ihrer Behauptung Eskel gegenüber, hatte sie sich natürlich bereits um das Liquor gekümmert, so dass es nicht verderben würde. Ihre Arbeit konnte - musste - warten. So unkonzentriert, wie sie gerade war, würde sie schlimmstenfalls noch eine der gewonnenen Essenzen ruinieren.
Am Fuß der Treppe angekommen, eilte sie schnellen Schrittes auf das Hauptportal zu, zog im Laufen ihren Umhang vom Haken an der Wand und warf ihn über.
“Grüß dich, Thalia.” Die Angesprochene zuckte zusammen. Geralt saß auf einer Bank und polierte offensichtlich alte Waffen. Sie hatte ihn zuvor gar nicht bemerkt.
“Oh. Grüß dich, Geralt.”
“Willst du frische Luft schnappen?”
“Ich, äh … ja. Ich brauche noch ein paar Kräuter, die ich sicherlich in der Nähe des Sees finden sollte.”
“Was brauchst du denn? Vielleicht haben wir noch etwas in unseren Vorräten.”
“Nein, ich … habe schon nachgesehen. Ich nehme mein Pferd und bin schnell wieder zurück.”
“Sei bitte vorsichtig, Thalia. Die Gegend um den See herum habe ich zwar Vorgestern kontrolliert und keine Spur von Ertrunkenen oder anderen Kreaturen gefunden - aber man kann nie wissen. Außerdem wird das Wetter heute Nachmittag umschlagen.”
“Bis dahin bin ich längst zurück. Bis später, Geralt.” Mit diesen Worten verschwand sie in den Hof und ließ Geralt allein in der Halle zurück. Kurz dachte er noch darüber nach, weshalb sie wohl so durcheinander gewirkt hatte. Dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Fünf antike Hexerschwerter warteten darauf, von Staub und Schmutz befreit zu werden.

Zwei Stunden später saß Thalia auf einem großen Stein an einem Hang, von dem aus sie fast den gesamten See überblicken konnte. Zumindest den Teil bis zur Biegung des Gewässers hinter die nächste Hügelkette. Sie holte tief Atem, ließ die kühle Luft in ihren Körper strömen. Genau das hatte sie gebraucht. Sie fühlte sich schon bedeutend besser. Fast gut genug, um das klärende Gespräch mit Eskel nun schnell hinter sich bringen zu wollen.
Thalia war zunächst den Pfad entlanggeritten, der von der Festung in Richtung Osten führte. Als sie an dem See angekommen war, hatte sie Arenaria neben der Hütte, die leicht windschief am Ufer stand, festgebunden und war zu Fuß dem Weg gefolgt, der in die Hügel hinauf führte. Nach einiger Zeit hatte sie innegehalten und sich auf dem Stein niedergelassen. Der Blick auf die raue Schönheit der Gegend half ihr nur langsam, zur Ruhe zu kommen. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um das Chaos in ihrer Gefühlswelt.
Damals, bei Gregor, war alles so klar gewesen. Direkt nach ihrer ersten Begegnung, als Shani sie einander in lockerer Runde vorgestellt hatte, hatte ihr späterer Verlobter sie um ein erneutes Treffen gebeten. Bereits kurz danach wusste Thalia, dass sie mit diesem Mann den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Doch dann war alles anders gekommen.
Sie hatte immer gedacht, dass ihr irgendwann einmal jemand an der Akademie über den Weg laufen würde, der ähnliche Gefühle wie die, die sie für Gregor empfunden hatte, in ihr auslöste. Doch dass gerade ein Hexer dieser Mann sein würde, hatte sie lange nicht glauben wollen. Und jetzt, wo sie sich endlich eingestanden hatte, dass sie ihn wollte - ihn und keinen Gelehrten von der Akademie, keinen vermögenden Händler oder Reeder - da war es nun zu spät.
Was hatte sie denn auch erwartet? Dass Eskel sie der Zauberin vorziehen würde, die ihm so offensichtlich Gefühle entgegen brachte? Wie hatte sie sich das überhaupt vorgestellt? Sie musste bald wieder zurück nach Oxenfurt, würde dort wieder komplett von ihrer Forschung eingenommen werden. Er würde im Frühling wieder seine Arbeit aufnehmen und von Auftrag zu Auftrag ziehend gegen Ungeheuer kämpfen. Wie hätte das jemals funktionieren sollen?
Als sie merkte, wie eine Träne ihre Wange hinunterlief, wischte sie diese schnell mit dem Handrücken ab. Was würden wohl ihre Kollegen und Studenten von ihr denken, wenn sie sie nun so sehen könnten - flennend auf einem Hügel in der Wildnis sitzend.
Sie musste ihre Gefühle verdrängen, bis sie Kaer Morhen verlassen konnte. Da ihre Aufzeichnungen fast komplett waren und sie alle notwendigen Substanzen hergestellt hatte, würde sie in ein paar Tagen schon per Portal wieder nach Hause zurückkehren. In Oxenfurt würde die Arbeit sie wieder komplett in Beschlag nehmen, sodass die Erinnerung an die Zeit mit Eskel immer weiter verblassen würde. So hoffte sie zumindest.
Sie versuchte, ihren Frieden mit der Situation zu machen. Es so zu akzeptieren, wie es nun einmal war. Natürlich war es besser so. Er hatte nun die Frau für sich gewonnen, die er schon seit langem bewunderte und begehrte.
Eigentlich sollte sie sich für Eskel und Triss freuen.
So weit ging ihr innerer Frieden dann aber doch nicht.
Sie war nur froh, dass sie sich nicht dadurch lächerlich gemacht hatte, indem sie ihm ihre Gefühle gestand. Ihr Verhalten von heute Morgen konnte sie mit einem Moment der Schwäche erklären, einer sentimentalen Stimmung, als das Gespräch auf ihren Ring zu sprechen kam.
Ein kühler Windstoß ließ sie frösteln. So langsam war es wohl doch an der Zeit, zur Festung zurückzukehren und dieses Gespräch hinter sich zu bringen. Die Sonne hatte sich seit einiger Zeit hinter die Wolken zurückgezogen, die von Osten über den Himmel zogen. Seit dem war es merklich abgekühlt.
Als sie heute Mittag überstürzt aufgebrochen war, hatte sie gar nicht über wetterfeste Kleidung nachgedacht, sondern einfach nur ihren Umhang gegriffen und das Pferd aus dem Stall geholt. Der Wunsch, die Festung zu verlassen war so übermächtig gewesen, dass ihr rationales Denken ausgesetzt hatte. Der Wetterumschwung, den Geralt angekündigt hatte, würde nun nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es war Zeit aufzubrechen.
Um ihren Vorwand, Kräuter zu sammeln, nicht selbst zu entkräften, kletterte sie ein Stückweit den Hang hinab, um das weiter unten wachsende Schöllkraut zu pflücken. Doch in den letzten Tagen hatte es oft geregnet, der Boden war aufgeweicht und gab nach. Kurz vor ihrem Ziel verlor Thalia den Halt und stolperte, rutschte ein paar Meter und verdrehte sich den linken Fußknöchel.
“Dyvelsscheiß!” Sie biss die Zähne zusammen und betastete die schmerzende Stelle. Ein wenig bewegen konnte sie den Fuß, gebrochen war also offenbar nichts. Aber der Knöchel begann bereits anzuschwellen. Auf einem Bein, halb kriechend, halb hüpfend schaffte sie es zurück auf den Pfad, der den Hügel hinunterführte. Verdammt, wie soll ich denn jetzt den Weg zur Festung zurücklegen?, dachte sie. Quälend langsam näherte sie sich einer Baumgruppe am Wegesrand und brach mit etwas Mühe einen dünnen Ast ab. Als behelfsmäßige Krücke taugte er nicht viel, aber er war besser als nichts.
Der Pfad war an dieser Stelle recht steil, wodurch sie immer wieder ins Straucheln geriet. Thalia stieß eine Salve von Flüchen aus, für die sich auch ein Zwergenschmied nicht hätte schämen müssen.
Bis zur Hütte am See würde sie noch ein gutes Stück zurücklegen müssen, aber vielleicht schaffte sie es noch, vor dem nahenden Unwetter dort anzukommen. Dann konnte sie dort abwarten, bis sich das Wetter beruhigt hatte. Vielleicht war ihr Knöchel danach auch so weit wieder belastbar, dass sie auf das Pferd steigen konnte. Auf dem Hinweg hatte sie leider nicht auf die umstehend wachsenden Kräuter geachtet - dass sie zufällig ein Kraut finden würde, das die Schwellung milderte, war wohl recht unwahrscheinlich.
Der Wind frischte auf und Thalia spürte die ersten Regentropfen auf ihrer Haut. Die schnell heranziehenden dunklen Wolken versprachen nichts Gutes. Die Aussicht darauf, in dieser Kälte in einen Wolkenbruch zu geraten, reichte aus, um sie schneller den Pfad bergab Richtung Hütte humpeln zu lassen.

Das Geräusch der Säge, mit der Lambert Bretter für den Wehrgang bearbeitete, erfüllte den Hof der Festung, als Geralt sich zu seinen Brüdern gesellte, um sich nützlich zu machen. Eskel und Lambert hatten eben die Hauptstützpfeiler ausgetauscht. Die alten, maroden Balken lagen auf dem Pflaster, bereit, zu Brennholz verarbeitet zu werden.
“Könnt ihr noch ein drittes Paar Hände gebrauchen?”
“Aber immer doch.” Eskel stieg gerade die Treppe hinauf und legte einen Stapel bereits zugesägter Bretter auf dem Wehrgang ab. “Du kannst mir helfen, das morsche Holz auszutauschen. Zumindest, bis der Wolkenbruch einsetzt.”
Geralt suchte sich eine Zange und einen Hammer und gesellte sich zu Eskel. Er blickte hinauf zur Wolkendecke, die sich langsam am Himmel zuzog.
“Ist Thalia noch nicht wieder zurück? Sie sollte sich besser beeilen.”
Eskel stutze und runzelte die Stirn. “Ich dachte, sie wäre im Labor? Wann hat sie die Festung denn verlassen?”
“Das war heute Mittag. Sie wollte am See ein paar Kräuter sammeln, die sie für irgendetwas benötigt. Wirkte etwas durcheinander.”
“Und du hast sie einfach so allein gehen lassen?” Eskel spürte, wie Sorge und Wut in ihm aufstiegen.
“Beruhige dich. Ich habe die Gegend um den See herum vor ein paar Tagen auf Spuren untersucht. Weder Ertrunkene, noch Wasserweiber oder sonstige Kreaturen treiben sich dort herum. Wölfe ebensowenig. Thalia kann schon auf sich aufpassen.” Geralt blickte Eskel leicht belustigt an. “Aber wenn es dich so beunruhigt, dass sie noch nicht wieder zurück ist, solltest du vielleicht nach ihr sehen.”
Eskel schnaubte. “Und ob ich das tun werde. In einer Stunde erreicht uns dieses Unwetter. Ich hoffe für dich, dass ich sie davor wohlbehalten finde.”
Er stieg die Treppe hinunter und lief zum Stall.
Lambert, der das Gespräch nicht verfolgt hatte, blickte ihm verwundert nach. “Was soll das denn jetzt?”
Geralt schmunzelte. “Er muss etwas klären. Etwas, das wohl schon allen außer ihm selbst längst klar ist.”

Eskel brauchte nicht lange, um den See zu erreichen. Am Fuß des abschüssigen Weges konnte er die Hütte am Ufer ausmachen.
Schon von Weitem sah er, dass sich Arenaria im Unterstand neben der Hütte befand. Erleichterung erfasste ihn. Wahrscheinlich hatte Thalia hier vor dem heraufziehenden Unwetter Schutz gesucht.
An der Hütte angekommen, stieg Eskel von Skorpion und eilte zur Tür. Kurz klopfte er an und trat dann ein - doch von Thalia fehlte jede Spur.
Verdammt ... Sie musste zu Fuß weitergegangen sein. Aber warum? Um den See herum führte ein Pfad, den sie mit Arenaria hätte entlangreiten können. Wenn sie ihr Pferd hiergelassen hatte, musste das bedeuten, dass sie zu Fuß den kleinen, steilen Pfad bergauf genommen hatte.
Eskel führte Skorpion in den Unterstand neben Arenaria. “Ich bin bald zurück, Großer. Hoffentlich mit Thalia.”
Der Hexer lief schnellen Schrittes den Pfad entlang, der immer steiler den Hang hinauf führte. Dabei achtete er auf Spuren, die darauf hindeuteten, dass hier vor kurzem jemand entlang gekommen sein musste. An einer stark ansteigenden Stelle konnte er geknickte Zweige an einem Gebüsch ausmachen - so, als ob jemand danach gegriffen hätte, um einen sicheren Halt zu finden. Er war anscheinend auf dem richtigen Weg.
Mittlerweile hatte leichter Regen eingesetzt. Noch nichts Dramatisches, aber die dunklen Wolken kündigten an, dass sich das bald ändern würde.
Eskel verharrte, als er etwas hörte - in einiger Entfernung zwar, doch für sein Hexergehör ohne Zweifel verständlich. Jemand stieß eine wahre Schimpfkanonade aus. Und die Stimme war ihm wohlvertraut. Eskel lächelte erleichtert und beschleunigte seinen Schritt.
Als er um die nächste Biegung des Pfades lief, sah er sie: Gestützt auf einen Ast versuchte sie, eine besonders steile Stelle zu überwinden, ohne zu stürzen. Was ihr anscheinend mehr schlecht als recht gelang.
“Thalia!”
Sie sah auf. Als sie ihn auf sich zueilen sah, zeigte sich in ihrem Blick gleichzeitig Erleichterung als auch leichter Unmut.
“Ich bin froh, dich gefunden zu haben.” Eskel griff nach ihrem Arm, um sie zu stützen. “Was ist passiert? Und wieso bist du überhaupt hier oben?”
Thalia ließ sich von ihm helfen, bis sie ein ebeneres Stück des Pfads erreicht hatten. “Ich wollte Kräuter suchen”, erwiderte sie missmutig.
“Hier? Bei diesem Wetter? Was benötigst du denn so dringend?”
Thalia blieb die Antwort schuldig. Überhaupt schien sie etwas vor ihm zu verbergen. Wahrscheinlich war ihr ihr Missgeschick peinlich.
“Lass mich das bitte mal ansehen”, bat Eskel.
“Ist nur verstaucht. Ich bin eine Böschung hinuntergestolpert.” Trotzdem setzte sie sich wie geheißen auf einen Stein am Wegesrand.
Eskel ging vor ihr in die Hocke und tastete ihren geschwollenen Knöchel ab, bewegte das Gelenk vorsichtig - kein Wunder, dass sie damit nicht hatte laufen können. Thalia sog scharf die Luft ein, als der Schmerz in ihr Bein zog.
“Tut mir leid. Wieso bist du ohne Begleitung allein hierher gekommen? Das hätte gefährlich werden können. Außerdem zieht ein Unwetter auf.”
“Ja, ich weiß. Das war keine meiner besten Ideen. Ich wollte nur … ich wollte nachdenken”, gestand Thalia zögerlich.
Eskel seufzte. Bereute sie, was heute Morgen im Labor passiert war? Oder besser gesagt beinahe passiert wäre?
“Thalia, ich …”, setzte Eskel an, doch sie unterbrach ihn. “Ist schon gut, Eskel. Ich … ich habe es jetzt verstanden.”
“Was meinst du?”
“Triss und du. Ich werde mich nicht mehr zwischen euch drängen.” Sie schaute zu Boden. “Das war peinlich genug heute Morgen. Also …”
Eskel dämmerte, dass er so manches falsch verstanden hatte. Und sie anscheinend auch.
“Thalia, da ist nichts zwischen Triss und mir”, beeilte er sich, die Situation klarzustellen. “Ich meine, sie … sie wollte, aber ich …” Er schluckte. “Sie ist nicht die Frau, die ich will …” Sie schaute ihn an, einen verletzlichen Ausdruck in den Augen. Er hoffte, keinen Fehler zu begehen, ihren Blick nicht zu missdeuten. Sanft legte er eine Hand an ihre Wange und brachte sein Gesicht näher an das ihre, spürte ihren Atem an seinen Lippen. Er zögerte, wie um Erlaubnis bittend. Bevor er seinen Mut zusammengenommen hatte, schloss sie die Augen und küsste ihn. Sanft und zärtlich. Eskel brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass dies gerade tatsächlich passierte. Der Moment, den er schon so lange herbeigesehnt hatte, den er in seiner Vorstellung immer und immer wieder erlebt hatte …
Er erwiderte ihren Kuss, zögernd zunächst, dann hingebungsvoll und hungrig. Sie legte ihre Hand in seinen Nacken, fuhr mit den Fingern durch sein Haar, während sie ihn mit einer Leidenschaft küsste, die seiner in nichts nachstand.
Der Regen wurde stärker, doch keiner von beiden schien es zu bemerken.
Als sie sich schließlich von seinen Lippen löste und ihre Stirn gegen seine legte, war er sich nicht sicher, ob es ein Regentropfen war, der ihre Wange hinunterlief - oder eine der Tränen, die er in ihren Augen sah.
“Alles in Ordnung?”, flüsterte er.
Sie lächelte ihn glücklich an. “Ja. Jetzt schon.” Sie blickte hinauf zu den grauen Wolken, als ob sie sich jetzt erst wieder der Umgebung um sie herum bewusst würde. “Es regnet.”
“Ja.” Eskel lächelte ob dieser mehr als zutreffenden Feststellung. Genauer gesagt regnete es mittlerweile in Strömen. Sein Wams würde ihn noch eine Zeitlang trocken halten, doch Thalias dünner Umhang war schon beinahe vollständig durchnässt.
“Wir sollten uns beeilen, schnell zur Hütte zu kommen, bevor es richtig ungemütlich wird.”
Eskel erhob sich, griff nach Thalias Hand und zog sie mit sich. Dann hob er sie in seine Arme. Als sie ihren Kopf an seine Schulter legte, spürte er, wie sie sich an ihn schmiegte. Er trug sie den Weg zur Hütte hinunter.

Als sie das Seeufer erreichten, zitterte Thalia vor Kälte.
“Wir sollten den Sturm hier abwarten”, meinte Eskel. “Bis Kaer Morhen ist es noch ein gutes Stück, das könnte unangenehm werden.”
Er drückte sie an sich, vielleicht etwas fester als nötig, und stieß die Tür der Hütte auf. Drinnen war es zwar kühl, aber trocken. In dem kleinen Raum befanden sich nur ein paar Strohsäcke und Decken, auf denen es sich die Hexer oft bequem gemacht hatten, wenn sie zusammen nach dem Fischen am See dort gegessen und getrunken hatten. Vorsichtig setzte er Thalia auf einem der Strohsäcke ab.
Der Wind peitschte inzwischen heftig gegen die Bretter der Hütte. Diese hatte jedoch schon so manchem Sturm im rauen Klima Kaer Morhens standgehalten. Auch dieser würde daran nichts ändern.
Thalia blickte Eskel an. “Danke”, sagte sie mit leiser Stimme. “Danke, dass du mich gesucht hast. Ohne dich hätte ich es vielleicht nicht bis hierher geschafft.”
“Doch, das hättest du. Du hättest nur länger gebraucht und wärst noch etwas nasser auf dem Weg geworden”, sagte Eskel lächelnd. Thalia erwiderte das Lächeln. “Übrigens nass: Es ist erbärmlich kalt hier drin.” Sie öffnete den Verschluss ihres durchnässten Umhangs und legte das nutzlos gewordene Kleidungsstück auf den Boden neben sich.
“Ich werde mal sehen, ob das Holz trocken genug für ein Feuer ist”, meinte Eskel und ging die paar Schritte zum kleinen Kamin der Hütte, neben dem ein Stapel Brennholz lag. Sie hatten Glück. Eskel schichtete ein paar Scheite in der Feuerstelle auf, legte etwas Stroh dazu, das aus einem der Säcke gequollen war und entzündete das Bündel mit Igni. Kurz darauf brannte ein kleines Feuer in der Hütte, während draußen der Sturm an Stärke gewann. Der Kamin war zum Glück durch Bäume geschützt, sodass der Rauch gut abzog. Der Wind zog jedoch durch die Spalten der Holzbretter, sodass es nur langsam wärmer in der Hütte wurde.
Eskel legte sein durchnässtes Wams ab und setzte sich im Hemd neben Thalia. “Sieht so aus, als würden wir in den nächsten Stunden hier festsitzen.” Er lächelte unsicher.
Thalia griff nach seiner Hand. “Ehrlich gesagt, gibt es keinen Ort, an dem ich gerade lieber wäre …”
Sie blickte ihn mit einem Ausdruck an, in dem so viel Sehnsucht lag, dass ihm der Atem stockte. Eskel beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie langsam und zärtlich.
Als sie sich voneinander lösten, sah sie ihm in die Augen und er erblickte darin seine eigene Unsicherheit. Dann schien der Bann zu brechen. Er zog sie zu sich heran und küsste sie, diesmal leidenschaftlich und mit einem Hunger, der schon viel zu lange ungestillt geblieben war.
Eng umschlungen, die Stirnen aneinandergelegt, versuchten sie schließlich wieder zu Atem zu kommen. Eskel musste lachen. All die Zweifel der letzten Wochen wichen einem tiefen Glücksgefühl. Eskel konnte sich nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal so empfunden hatte. Thalia lächelte ihn an, aus ihren Augen sprach so viel Wärme und Zuneigung, dass er die Kälte in der Hütte nicht mehr spürte.
Sie legte ihre Hände an sein Gesicht und küsste ihn wieder leidenschaftlich. Dann wanderten ihre Lippen weiter, seinen Hals hinunter. Sie begann, sein Hemd aufzuknöpfen. Er tat es ihr gleich und löste die Verschlüsse ihres Kleides, streifte es von ihren Schultern. Sein Verlangen, sie zu berühren, war alles, woran er denken konnte. Er küsste die Seite ihres Halses, als sie sich auf das Stroh legte und ihn mit sich zog.
Nachdem er sich seines Hemdes entledigt hatte, hielt er inne, sah ihr in die vor Leidenschaft halb geschlossenen Augen.
“Thalia … Wenn ich zu weit gehe, dann sag es mir bitte …”
“Es gibt kein ´zu weit´, Eskel.”

Geralt atmete erleichtert auf, als er die beiden Pferde im Unterstand neben der Hütte sah. Nachdem sich der Sturm gelegt hatte, war er aufgebrochen, um Eskel und Thalia zu suchen. Auch wenn er sicher war, bei der Inspektion der Gegend nichts übersehen zu haben, so war er doch leicht beunruhigt. Eskel würde es ihm nie verzeihen, sollte Thalia doch etwas zugestoßen sein.
Aus dem Schornstein stieg Rauch auf - wahrscheinlich hatten sie in der Hütte Schutz gesucht.
Er ließ Plötze anhalten, stieg ab, klopfte kurz an und öffnete im gleichen Zug die Tür. Dann grinste er und schloss sie wieder. Er stieg in den Sattel und machte sich auf den Rückweg.
“Na, endlich…”
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