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Das Herz der Alchemie

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16
Eskel Geralt von Riva Lambert OC (Own Character) Triss Merigold Yennefer von Vengerberg
11.05.2018
11.05.2019
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08.08.2018 3.350
 
Das Kreischen der Harpyien wurde von den Felswänden zurückgeworfen. Die Gruppe hatte anfänglich aus vier Exemplaren bestanden, von denen Eskel bereits zwei mit der Armbrust erlegt hatte, nachdem diese sich aus der Luft auf ihn gestürzt hatten. Die restlichen zwei kreisten nun in sicherere Höhe über dem Hexer und schienen auf einen günstigen Moment für den Angriff zu warten.
Harpyien waren nicht intelligent genug, um wirklich kooperativ zu arbeiten - ansonsten wäre ein Kampf gegen eine größere Gruppe bedeutend schwieriger und riskanter gewesen. Anstelle den Feind gemeinsam von zwei Seiten aus anzugreifen, stürzte sich nun eine der beiden Harpyien allein auf Eskel, während die letzte in ihrer abwartenden Position verharrte. Als die Bestie nah genug war, schickte Eskel ihr einen gezielten Aard-Stoß entgegen, der sie aus ihrer Flugbahn warf und gegen eine Felswand prallen ließ. Sein Silberschwert bereitete der Harpyie ein schnelles Ende.
Anstelle aus dem Schicksal ihrer Gefährten zu lernen, schickte sich die verbliebene Hybride nun ebenfalls zum Sturzflug auf den Hexer an.
Als Eskel ihr den tödlichen Schlag versetzte, hallte ihr Schrei als Echo wider, zögerte den Moment des Todes akkustisch hinaus und verklang erst, als die Harpyie schon längst ihren letzten Atemzug ausgestoßen hatte.
Der Hexer inspizierte die Kadaver. Für die Entnahme der Spinalflüssigkeit würde Thalia Exemplare benötigen, deren Rückgrat unverletzt geblieben war. Die, die er mit Aard erfasst hatte, lag mit gebrochenem Genick am Fuß der Felswand. Unbrauchbar, zumindest für die Zwecke der Alchemistin.
Das gleiche traf auf eine der von Armbrustbolzen getroffenen Harpyien zu. Bei der anderen abgestürzten Bestie war das Rückgrat jedoch intakt geblieben. Ebenso bei der, die durch einen Schwertstich ins Herz gestorben war. Ausgezeichnet. Zwei Exemplare sollten wohl ausreichend für die Experimente sein.
Eskel verschnürte beide Kadaver und hob die Beute auf Skorpions Rücken - Harpyien verfügten zum Glück über einen sehr leichten Körperbau, sodass der Kaedweni keine Probleme hatte, die zusätzliche Last zu tragen.
Ein stechender Schmerz durchfuhr Eskels linke Schulter. Vorsichtig bewegte er den Arm im Gelenk und fluchte dann leise. Die Zerrung, die er sich offenbar gestern beim Training mit Geralt zugezogen hatte, machte sich wieder bemerkbar. Auch wenn er sich eigentlich schon wieder gut in Form fühlte, brauchten seine Muskeln anscheinend noch ein wenig mehr Zeit, um ihre alte Geschmeidigkeit wiederzuerlangen. Er würde in den nächsten Tagen darauf achten müssen, die Schulter nicht zu sehr zu belasten.
Eskel schwang sich in Skorpions Sattel. Da er bereits vor der Dämmerung aufgebrochen war, würde er noch in den Morgenstunden nach Kaer Morhen zurückkehren. Aber bestimmt hatte Thalia im Labor schon alles für die Sektion der Harpyien vorbereitet, so enthusiastisch, wie sie gestern Abend gewesen war. Der Gedanke an die Alchemistin, die sich über seine schnelle Rückkehr freuen würde, ließ ihn die schmerzende Schulter schnell vergessen.

Als er in den Hof der Festung ritt, stieg Eskel ab und legte das Harpyienbündel auf das steinerne Pflaster. Dann erst führte er Skorpion zum Stall, in dem Arenaria neben Lamberts namenlosem Hengst stand. Die Stute hätte sich möglicherweise geängstigt, wenn sie die Kadaver gewittert hätte. Nachdem er sein Schlachtross versorgt hatte, ging Eskel zurück und schulterte seine Beute, um sie ins Labor zu bringen. Verdammt, seine Muskeln meldeten sich wieder schmerzhaft…
“Na, schon wieder verwundet worden? Wenn du nicht mal mehr mit Harpyien fertig wirst, ist Hexer vielleicht doch nicht der richtige Beruf für dich.”
Lamberts schnarrende Stimme troff vor Spott. Natürlich war der jüngere Hexer gerade in dem Moment aufgetaucht, als Eskel schmerzhaft das Gesicht verzogen hatte. “Hast du nichts zu tun, Lambert? Wenn du dich langweilst: Das Dach des Nordturms wartet immer noch darauf, repariert zu werden.”
“Das wird wohl noch etwas länger warten müssen. Auch wenn es dich überraschen mag, aber ich bin gerade dabei, den äußeren Wehrgang zu erneuern. Oder hast du schon vergessen, was du alles auf meine endlos lange Aufgabenliste geschrieben hast?”
“Kann mich schwach daran erinnern. Brauchst du Hilfe?”
“Jetzt noch nicht, ich säge erst einmal die Bohlen zurecht. Aber später könnte ich dich brauchen, wenn der Hauptbalken befestigt werden muss. Es sei denn, du bist zu sehr angeschlagen nach deiner Jagd …”
“Ich komme nachher zu dir. Zuerst bringe ich Thalia ihre Harpyien.”
“Lass dir Zeit.” Lambert grinste anzüglich.

Eskel trug die Beute zur Haupthalle und ging dann die Treppe zum Labor hinunter. Als er den Raum betrat sah er, dass Thalia offenbar bereits alles vorbereitet hatte. Einer der Arbeitstische stand freigeräumt in der Mitte des Labors, daneben ein Ablagetisch, auf dem eine große Anzahl chirurgischer Instrumente lagen. Skalpelle in unterschiedlichen Größen, Zangen, Pinzetten und andere Werkzeuge lagen säuberlich aufgereiht auf einem Tuch. Thalia trug eine Schürze über ihrem Kleid, ihr Haar hatte sie locker zusammengesteckt. Als sie seine Ankunft bemerkte, drehte sie sich lächelnd zu ihm um. Freudig überrascht hob sie die Brauen.
“Eskel! Du hast gleich zwei Harpyien erlegt!”
“Eigentlich waren es vier. Sie greifen meistens im Rudel an. Aber zwei erlitten einen Genickbruch, sodass ich dir nur diese hier bringen kann.”
“Zwei reichen vollkommen. Legst du eine bitte direkt auf den Tisch?”
Eskel löste das Seil, mit dem die beiden Kadaver verschnürt waren und platzierte eine der toten Harpyien wie geheißen. Neben dem Tisch hatte Thalia bereits drei Laternen positioniert, um ihr Arbeitsfeld zu erhellen.
Thalia drehte die Hybride auf die Seite, um besseren Zugang zum Spinalkanal zu bekommen. Sie tastete vorsichtig mit den Fingern am Rückgrat entlang und prüfte die Unversehrtheit. Dann sah sie zu Eskel auf.
“Vielen Dank, Eskel. Diese hier scheint perfekt zu sein.”
“Kennst du dich mit der Anatomie von Harpyien aus?”
“Ich habe bisher noch keine seziert, falls du das meinst, aber in euren Büchern habe ich zahlreiche Abbildungen gefunden. Damit sollte ich zurechtkommen. Aber … wenn du möchtest … und wenn du Zeit hast …”
“Habe ich.”
“Also dann … lass uns anfangen.”
Sie beugte sich über den Kadaver und fuhr mit den Fingern Wirbel für Wirbel nach. “Laut den Aufzeichnungen in diesem Buch sollte die beste Stelle zur Entnahme der Zerebrospinalflüssigkeit zwischen dem dritten und vierten Wirbel liegen. Das müsste hier sein, oder?”
“Ja, das ist die Stelle”, bestätigte Eskel.
Thalia nahm ein Skalpell zur Hand und setzte es zwischen den Wirbeln an. Vorsichtig schnitt sie durch die grau-braune Haut der Harpyie in das darunterliegende Gewebe. Dabei war sie so konzentriert, dass sie sich unbewusst auf die Lippe biss. Sie hätte grotesk ausgesehen, wenn sie nicht gleichzeitig so hinreißend gewesen wäre. Eskel spürte, wie sich ein Lächeln auf seine Lippen stahl. Er drehte sich kurz weg, damit sie nichts davon gewahr wurde. Als er seine Züge wieder unter Kontrolle hatte, beobachtete er wieder ihre Arbeit.
Sie führte das Skalpell mit absoluter Präzision, nahm dann eine Zange zu Hilfe, um die entstandene Öffnung zu spreizen. Dabei ging sie mit viel Gefühl vor, um das umliegende Gewebe nicht unnötig in Mitleidenschaft zu ziehen. Eine Einblutung in den geschaffenen Zugang hätte die gewonnene Flüssigkeit unbrauchbar machen können. Eskel konnte nicht umhin, ihren geschickten Umgang mit den chirurgischen Instrumenten zu bewundern.
Da sie den Kopf gesenkt hielt, hatte Eskel, der seitlich hinter ihr stand, einen ausgezeichneten Blick auf ihren entblößten Nacken. Ein paar kurze Strähnen hatten sich widerspenstig aus ihrem Dutt gelöst. Wie gern hätte er jetzt ihre warme, weiche Haut berührt, ihr einen Kuss auf die zarte Stelle an ihrer Halsbeuge gehaucht. Er verdrängte den Gedanken schnell.
“Ich hoffe wirklich, dass das funktioniert”, sagte Thalia leise. “Nicht nur, weil ich die Professur erlangen will. Wenn ich daran denke, wie viele Leben zukünftig durch ein Gegengift gerettet werden könnten … Mein Professor erzählte mir, dass diese Biester sogar häufig die Kinder von Waldarbeitern mit ihrem Gift bespritzen, was den sicheren Tod bedeutet. Mit einem Gegengift hätten diese Familien zumindest eine Chance.”
Eskel blickte Thalia von der Seite an.
“Du magst Kinder?”
“Sicher.”
“Und … möchtest du selbst einmal welche haben?”
Thalia runzelte kurz die Stirn. “Ich weiß nicht … Als ich mit Gregor zusammen war, vielleicht. Er wünschte sich eine Familie. Aber ob ich wirklich zur Mutter tauge … meinem Beruf könnte ich dann erst einmal nicht mehr nachgehen. An der Akademie hat man es ohnehin schon nicht leicht, sich als Frau zu beweisen.”
Bei der Erwähnung Gregors presste Eskel kurz die Lippen zusammen.
Thalia platzierte das bereitliegende, metallene Röhrchen an dem Einschnitt, schob es vorsichtig und mit gleichmäßigem Druck in die Öffnung.
Eine nahezu klare, durchsichtige Flüssigkeit tropfte langsam in ein bereitstehendes Auffangglas am anderen Ende des Röhrchens.
Thalia blickte kurz auf. “Was ist mit dir? Lambert erwähnte, dass du über 90 Jahre alt bist? Da gibt es doch bestimmt den ein oder anderen Eskel Junior, oder?” Sie zwinkerte ihm schelmisch zu.
“Äh… nein. Hexer sind unfruchtbar. Eine Nebenwirkung der Mutationen.”
Thalia wirkte leicht verlegen. “Oh. Tja …” Sie blickte auf die klare Flüssigkeit, die sich im Auffangglas gesammelt hatte.
“Das sieht gut aus. Wenn ich ein Blutgefäß verletzt hätte und das Liquor verunreinigt worden wäre, sollte die Flüssigkeit eigentlich getrübt sein. Sehr gut.”
Thalia legte die benutzten Instrumente auf ein ausgebreitetes Tuch, um sie später zu säubern und strich sich mit einer Hand eine Strähne ihres Haars hinter das Ohr.
Als er die ihm schon vertraute, unbewusste Geste beobachtete, fiel Eskel etwas auf.
“Du trägst deinen Ring nicht mehr?”
Thalia blickte auf und sah Eskel an. Ein trauriger Ausdruck schlich sich in ihren Blick, dann sah sie auf ihre Hand hinunter. Auf die nunmehr leere Stelle an ihrem Finger.
“Ich habe ihn nicht mehr.”
Eskel runzelte verwirrt die Stirn. “Hast du ihn verloren?”
“Ja. Nein. Nicht direkt. Ich habe ihn eingetauscht.”
“Wogegen?”
“Ich brauchte etwas, um den Händler zu bezahlen, der uns nach Aedd Gynvael mitgenommen hat. Der Ring war das einzige, was ich ihm anbieten konnte.”
Eskel schluckte.
“Aber… er schien dir doch immer noch sehr viel zu bedeuten?”
“Ja. Ja, das tat er. Aber hätte ich ihn behalten, hätte ich womöglich etwas verloren, das mir noch mehr bedeutet …”
Thalia hob den Blick. Eskel sah in ihre großen Augen, die ihn unsicher anblickten. Diese wunderschönen, braunen Augen. Sein Herz schlug schneller. Er hatte das Gefühl, als würde sich etwas in seiner Brust zusammenziehen. Auch, wenn er vielleicht zu weit ginge, auch wenn sie sich vielleicht von ihm zurückziehen würde - er war bereit, das Risiko einzugehen.
“Thalia …” Eskel hob zögernd die Hand, legte sie zaghaft an Thalias Wange, wagte es kaum, ihre Haut zu berühren. Doch sie lehnte sich gegen seine Berührung, schmiegte sich an seine Handfläche und schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, lag so viel Wärme und Zuneigung in ihrem Blick, dass Eskel den Atem anhielt.
Wie sehr hatte er sich danach gesehnt, ihr so nahe zu kommen. Sie zu berühren.
Ihre Wange immer noch liebkosend trat er näher an sie heran, stand nun so dicht vor ihr, dass er sich nur ein wenig zu ihr hinunterzubeugen bräuchte, um …
“Eskel? Eskel, bist du hier?” Triss´ Stimme drang von der Treppe her ins Labor. Wie ertappt zog Eskel seine Hand zurück und trat einen Schritt von Thalia fort. Ihr Blick veränderte sich, zeigte nun Enttäuschung und Bedauern.
Im nächsten Augenblick trat die Zauberin auch schon in den Raum. Als sie Thalia und Eskel erblickte, die sich gegenüberstanden, hob sie die Brauen. “Oh … störe ich gerade?”
Thalia wandte sich Triss zu, das Gesicht ausdruckslos. “Nein. Nein, du störst überhaupt nicht. Wir sind fertig.”
“Sehr gut. Ich hoffe, ihr wart erfolgreich? Eskel, Lambert könnte deine Hilfe beim Wehrgang brauchen.”
“Äh, ja, stimmt. Ich hatte ihm eben versprochen, zu ihm zu kommen.” Eskel drehte sich zu Thalia um. “Das heißt …” Er schluckte, zögerte. Verdammt, wieso hatte er eben nur so überstürzt reagiert? Was wäre denn so schlimm daran gewesen, wenn Triss sie zusammen gesehen hätte?
Es war der perfekte Moment gewesen …
Thalia lächelte bemüht. “Geh nur. Den Rest schaffe ich schon allein.”

Als Eskel mit Triss in den Innenhof trat, blendete ihn die Mittagssonne. Nach der gedämpften Beleuchtung im Labor mussten sich seine Augen erst an die Helligkeit gewöhnen.
Triss atmete tief die reine, kühle Luft ein. “Das Wetter ist herrlich heute, findest du nicht?”
“Ja. Das sollten wir nutzen, um die Reparaturen im Außenbereich weiterzuführen. Spätestens in ein paar Stunden schlägt das Wetter um.” Eskel blickte nach Norden, wo sich in noch weiter Ferne dunkle Wolken im Gebirge zeigten. “Wir sehen uns, Triss.”
Die Zauberin fasst ihn am Arm, um in aufzuhalten. “Eskel. Also … eigentlich hatte ich gehofft, wir könnten etwas Zeit miteinander verbringen. Seit ein paar Tagen bekomme ich dich ja kaum noch zu Gesicht.”
Eskel drehte sich verwirrt zu ihr um. “Naja, wir sehen uns ja spätestens heute beim Abendessen. Also … ich sollte Lambert nicht warten lassen. Wenn er schon einmal freiwillig arbeiten will …”
“Um ehrlich zu sein, hat er gar nicht nach deiner Hilfe gefragt. Ich … wollte dich nur aus diesem düsteren Labor befreien.” Triss lächelte ihn hinreißend an. Das Lächeln verfehlte jedoch die intendierte Wirkung. Eskel spürte, wie Ärger in ihm hoch kam.
“Triss. Was soll das? Seit wann lügen wir uns an?”
“Also, um genau zu sein, habe ich nicht gelogen. Ich sagte, er könnte deine Hilfe gebrauchen. Und das mag ja durchaus stimmen … Es tut mir leid, ich habe heute Morgen euer Gespräch versehentlich belauscht.” Sie blickte ihn um Verzeihung heischend von unten herauf an und legte eine Hand auf seine Schulter.
“Eskel. Ich habe dich vermisst in den letzten Tagen. Wir haben davor so viel Zeit miteinander verbracht und ich habe das wirklich genossen. Ich hoffe, dir ist es ähnlich ergangen …”
Eskel atmete tief durch. Er wollte das hier nicht. So etwas lag ihm überhaupt nicht. Aber er wusste, dass dieses Gespräch längst überfällig gewesen war. Und dass er es nicht länger hinauszögern konnte, sich einzugestehen, was er wirklich wollte.
“Triss …” Eskel blickte zur Seite, suchte nach den richtigen Worten. “Wir wissen doch beide, dass es dir nicht um mich geht. Ich weiß nicht, ob du schon wieder versuchst, Geralts Eifersucht zu wecken oder ob du dieses Mal wirklich glaubst, etwas für mich zu empfinden - aber mir ist klar, dass du für mich nie das fühlen wirst, was du für ihn fühlst. Also …”
“So denkst du also von mir? Eskel. Ich weiß, dass ich mich im letzten Jahr falsch verhalten habe. Dass ich dich damit verletzt habe. Aber bitte glaub mir, das lag nie in meiner Absicht. Seit dem ist mir einiges klar geworden. Ja, ich habe Geralt geliebt. Doch er gehört zu Yennefer. Das weiß ich jetzt. Und ich habe es akzeptiert. Ich bin über ihn hinweg, Eskel.
Die Wahrheit ist, dass ich inzwischen mehr für dich als bloße Freundschaft empfinde. Das habe ich leider erst jetzt erkannt. Bitte, gib mir eine zweite Chance.”
Eskel seufzte. “Triss, ich … vor ein paar Wochen noch wäre ich mehr als glücklich gewesen, dich diese Worte sagen zu hören. Aber … seit dem hat sich etwas verändert.”
Triss´ Gesichtsausdruck verhärtete sich, sie presste kurz die Lippen zusammen. “Es ist wegen Thalia, oder?”
Eskel nickte langsam. “Ja. Bitte nimm es nicht persönlich, Triss. Ich … habe eine Zeitlang gebraucht, um es zu verstehen. Um mir sicher zu sein.”
Triss schnaubte kurz, Enttäuschung und Unglaube in ihren Augen. “Du hast dir jahrelang gewünscht, mit mir zusammen zu sein - leugne es bitte nicht. Und jetzt, wo ich mich dir anbiete … wo ich fast um deine Zuneigung bettle - da stößt du mich einfach so fort? Wegen ihr?”
Ihre Stimme wurde leise. “So viel bedeutet sie dir also?”
“Ja, so viel.” Eskel spürte fast so etwas wie Erleichterung, es endlich auszusprechen. “Es tut mir leid, Triss.”
Triss nickte, blickte zu Boden. “Dann muss ich das wohl akzeptieren.” Sie atmete tief durch und blickte ihn an. “Könnten wir … könnten wir das hier einfach vergessen? So tun, als ob dieses Gespräch nie stattgefunden hätte?”
“Ja, das können wir.”
“Gut. Also sind wir weiterhin Freunde?”
“Natürlich.”
Triss lächelte ihn an. Wenn er sie nicht besser gekannt hätte, hätte er fast glauben können, dass es ein ehrliches Lächeln sei.
“Das ist gut. Ich könnte es nicht ertragen, dich als Freund zu verlieren.”
“Mir liegt auch viel an unserer Freundschaft, Triss. Sehr viel.”
“Lässt du mich noch etwas für dich tun? Quasi als Entschuldigung?”
“Was meinst du?”
“Deine Schulter. Du bewegst sie immer wieder vorsichtig und das scheint dir Schmerzen zu bereiten. Darf ich mir das einmal ansehen? Wenn es nur die Muskeln sind, könnte ich das ganz schnell mit einem Amulett heilen. Dann kannst du auch Lambert helfen, ohne dass er sich über dich lustig macht …” Sie zwinkerte ihm zu, schien wieder fast die Alte zu sein.
Eskel zögerte, seufzte dann. “Du bist eine gute Beobachterin. Ich habe mir die Schulter beim Training gezerrt. Aber du musst dich nicht darum kümmern, in ein paar Tagen hat sich das Problem von allein erledigt.”
Triss zog eine Braue hoch. “Warum müsst ihr Männer immer die Helden spielen? Ich könnte dich in ein paar Minuten von den Schmerzen befreien. Oder fürchtest du, ich hätte dabei Hintergedanken und würde versuchen, dich doch noch zu verführen? Dann lass dir gesagt sein, dass so etwas unter meiner Würde wäre. Und ich hoffe, das weißt du auch.”
Kurz zögerte Eskel. Ganz wohl war ihm nicht dabei, ihr Angebot anzunehmen, so unmittelbar nach ihrer Aussprache. Andererseits wollte er ihr auch zeigen, dass nichts mehr zwischen ihnen stand. “Also gut. Danke, Triss.”

Die Zauberin bewahrte ihre Amulette in ihrem Zimmer auf, weshalb sie und Eskel den Wohnbereich der Festung aufsuchten. Triss behielt Recht: Die Heilung der Muskelverletzung nahm nur wenige Minuten in Anspruch. Eskel bewegte seinen Arm probeweise in alle Richtungen, aber der Schmerz war verschwunden.
“Vielen Dank, Triss.” Eskel nahm sein Hemd, das er über die Lehne des Stuhls gelegt hatte.
“Du musst mir nicht danken. Dafür sind Freunde doch da.”
Eskel blickte sie kurz forschend an, um ihre Gemütslage zu ergründen. “Ist wirklich alles gut zwischen uns?”
“Aber ja doch”, lächelte Triss. “Ich brauche vielleicht ein paar Tage, aber ich komme schon darüber hinweg. Mach dir keine Sorgen.”
“In Ordnung. Dann werde ich jetzt wirklich zu Lamberts Baustelle gehen, ehe er sich noch beschwert, dass ich mich nicht habe blicken lassen. Bis später.”
Eskel verließ das Zimmer. Im Gehen zog er sich das Hemd über und begann, es zuzuknöpfen. Als er sich auf dem Treppenabsatz vor Triss´ Zimmer umdrehte, wäre er beinahe mit Thalia zusammengestoßen. “Oh”, entfuhr es ihm wenig geistreich. Sie schien ebenso erschrocken wie er und ließ versehentlich das Buch fallen, das sie in den Händen gehalten hatte. Offenbar kam sie gerade aus ihrer Schlafkammer. Sie machte jedoch keine Anstalten, das Buch aufzuheben, sondern starrte ihn mit großen Augen an.
Eskel überwand seine Starre, hob das Buch auf und reichte es ihr.
“Thalia, es … was eben im Labor passiert ist …”
“Es ist ja nichts passiert”, schnitt sie ihm das Wort ab. “Zumindest nicht im Labor.”
Eskel wurde bewusst, wie missverständlich die Situation auf sie wirken musste. “Das ist nicht so, wie es aussieht. Triss hat nur meine Verletzung geheilt”, beeilte er sich zu erklären.
Thalia presste die Lippen aufeinander, blickte dann verlegen zur Seite, als wollte sie ihm ausweichen. Sie machte Anstalten, die Treppe hinunterzugehen. “Wenn du das sagst. Es geht mich ja auch überhaupt nichts an. Ich muss jetzt zurück ins Labor.”
“Thalia, ich würde gern mit dir reden …”
Sie hielt kurz inne, sah ihn aber nicht an. “Ich muss mich um das Liqour kümmern, sonst verdirbt es.”
“Dann heute Abend?”
“Sicher. Bis dann.”
Eskel sah ihr nach, als sie die Treppe hinunterging.
“Bis dann, Thalia”, sagte er leise.
Verdammt, das war ganz und gar nicht gut gelaufen. Er musste so schnell wie möglich mit ihr reden, um die Situation klarzustellen. Nachlaufen wollte er ihr aber dennoch nicht …
Eskel seufzte. Heute Abend. Heute Abend würde er sich ihr erklären. Auch wenn er nicht auf lange Sicht in ihr Leben passen würde, wenn es keine Zukunft für sie geben sollte - wenn er sie einfach so gehen ließe, würde er sich für den Rest seines Lebens fragen, was hätte sein können. Heute Abend würde er dann endlich Klarheit erlangen, wissen, ob sie ebenso empfand wie er.
Bis dahin würde er Lambert bei den Reparaturen helfen. Die körperliche Arbeit sollte helfen, seine Gedanken zu ordnen. Er würde sich die richtigen Worte für ihre Aussprache zurechtlegen, um dieses Mal besser vorbereitet zu sein. Leider gab es für diese Art der Konfrontation keine Tränke oder Öle, die er hätte nutzen können …
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